Der Fotograf ist mit im Bild

Auf einem Foto ist der Fotograf ebenso präsent wie das Motiv, das der Betrachter sieht. Auch wenn der Fotograf auf einem Bild (meist) nicht zu sehen ist: Sein Standpunkt zum Motiv spielt eine zentrale Rolle für das Bild.

Der Fotograf ist mit im Spiel, wenn auch (meist) nicht in der Szene. Er zeigt seinen Blick, der für mich mehr ist als mein Standort. Jedes Bild ist ein Akt der Kommunikation, spiegelt Nähe oder Distanz, ist engagiert, beobachtend neutral oder auch kritisch gegenüber der dargestellten Situation.

In meinem Verständnis von Fotografie spielt der Fotograf eine bedeutende Rolle. »Spielen«, »Rolle«? Das sind Wörter, die ich zunächst mit dem Schauspiel verbinde. Der Fotograf ist mit im »Spiel«, ist Teil der »Bühne«, auf der ein Bild entsteht.

Ein »gutes« Foto lebt davon, dass nicht nur etwas abgebildet wird, sondern davon, dass der Fotograf etwas darstellt, von dem er irgendwie immer auch ein Teil ist, das aber auch für andere Betrachter Bedeutung entwickeln kann.

Ein »gutes« Foto bleibt nicht bei der Bedeutung für den Fotografen stehen. Die meisten Urlaubsbilder sind zum Beispiel für die Fotografierenden sehr wohl mit Bedeutungen, Gefühlen und Erinnerungen verbunden. Da solche Urlaubsfotos aber in der Regel nicht darstellen sondern nur abbilden, finde ich die meisten Urlaubsfotos für mich unbedeutend. Erst wenn es gelingt, die Bedeutung, die eine Szene für den Fotografen hat, im Motiv zu gestalten, hat ein Foto die Chance auch für andere Betrachter interessant zu sein.

Dann aber bekommt ein Bild ein Eigenleben. Wie der Fotograf in der Situation des Fotografierens seinen Standort sucht, so nimmt nun jeder Betrachter seinen eigenen Standpunkt ein. Wie in jeder Kunst, so auch in der Fotografie: Das Bild muss die Möglichkeit in sich tragen, mit dem Bild ins »Gespräch« zu kommen – unabhängig vom Fotografen. Ein »gutes« Foto verführt zu einem solchen Gespräch. Ein »gutes« Foto ist ein Bild, das ich gerne länger betrachte und das mir auch bei wiederholter Betrachtung etwas »zu sagen« hat.

Dabei spielt neben dem Sehen auch die Technik eine Rolle. Ein »gutes« Bild ist nicht zuerst das Produkt eines Zufalls oder der Auswahl, die aus mehr oder weniger zufällig entstandenen Bildern getroffen und dann nachbearbeitet wird. Es geht nicht ohne die technischen Fertigkeiten des Fotografierens, will ich ein Motiv wirklich gestalten. Nicht die Löschtaste oder der Mülleimer sind die wichtigsten Hilfsmittel beim Umgang mit Fotos, sondern die möglichst optimale Gestaltung des Bildes – und damit auch das Sehen und eigene Standort – vor Ort. Um diese zu erreichen muss der Fotograf mit der Kamera und deren Eigenarten ebenso vertraut sein wie mit den Regeln der Bildgestaltung, des Lichts, der Blende, der Belichtungszeit, der Schärfeverteilung etc.

Diese technische Seite muss für den Betrachter meist unsichtbar bleiben. Klar, wer sich intensiver mit Fotografie befasst, wird diese Seite genau so in den Blick nehmen wie Literaturwissenschaftler die Struktur und formale Gestaltung eines Textes. Für den Fotografen sollte diese technische Seite »selbstverständlich« sein, so dass im Zentrum der Umgang mit der konkreten Situation stehen kann, in und von der er eine Form des Ausdrucks erstellt.

Ich bin in den meisten Fällen davon abgekommen, meine Bilder mit erklärenden Informationen zu versehen: Ich sage meist nicht, wo, wann, mit welcher Kamera und mit welchen Einstellungen ein Bild entstanden ist. Viel mehr will ich dazu einladen, einen eigenen Dialog mit den Bildern zu suchen, ins Gespräch mit einem Bild zu kommen. Wenn dies bei dem einen oder anderen Foto gelingt, dann habe ich erreicht, was ich als eine Eigenart der Fotografie als Kunstform ansehe: Ein Foto muss unabhängig von mir und meinem Standort, von dem benutzten Fotoapparat und den Einstellungen für ein Bild leben können.

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