Der Frankfurt-Marathon ging heute nur ein paar Meter von hier entfernt vorbei. Also bewaffnete ich mich mit dem Fotoapparat und ging auf Suche nach möglichen Motiven. Als ich diese durchsah, erinnerte ich mich an Gedicht von August von Platen, ein Sonett, um genau zu sein, in dessen letzter Zeile »der Läufer« ausdrücklich genannt wird. Was passiert, wenn ein paar der Bilder, die Läufer und auch Publikum zeigen, neben dieses Gedicht gestellt werden?
Monthly Archives: Oktober 2008
Terézia Mora, Alle Tage: 0. Jetzt – Wochenende – Vögel (S. 9f)
Nach dem »Vorspann« kann nun also der Roman beginnen. Irritierend: Er beginnt mit einem Abschnitt der »0. Jetzt Wochenende« betitelt ist. Und dann erste Kapitel dieses Abschnittes, kaum zwei Seiten lang, mit dem Titel »Vögel« obwohl kein Vogel in dem Kapitel auftaucht.
Die Zeit »Jetzt«, der Ort »Hier«. Na, toll. Welches »Jetzt« denn? Das »Jetzt« Lesers, der Autorin, des Erzählers/der Erzählerin des Romans? Und die gleiche Verwirrung beim Ort »Hier«. Ein Hinweis, das Ort und Zeit unwesentlich sind? Dem widerspricht die folgende Beschreibung des Ortes, die mit Adjektiven nur so gespickt ist. Eine Auswahl:
östlicherer, braune, leere, vollgestopft, winzig, wüst, spitz, zerklüftet, hölzern, alt, frei, nah, klappernd … Continue reading
Terézia Mora, Alle Tage: Der Vorspann des Romans (S. 5)
Im Anfang eines Romans soll alles enthalten sein, was sich im weiteren Verlauf des Buches entfaltet. Zumindest ist dies für mich ein Kriterium für gelungene Literatur und ich weiß aus Gesprächen mit Autoren, dass nicht nur den ersten Seiten eines Romans noch mehr Mühe gewidmet wird als dem Rest, sondern dass der erste Satz hier noch einmal eine herausragende Stellung hat.
Manchmal aber gibt es vor dem ersten Satz noch eine Seite mit einer Art Motto des Romans: Das können Zitate bekannterer, unbekannterer und sogar erfundener Leute sein. Bei Terézia Mora wirkt diese der eigentlichen Geschichte voran gestellte Seite ein wenig wie Vorwort, das auch »Bekenntnis« zu sein scheint zumindest auf den ersten Blick. Erst gegen Ende der Seite wird klar: Hier spricht bereits der Protagonist des Romans; hier spricht bereits Abel Nema von dem wir erst später erfahren, dass er der Protagonist ist, so wir nicht schon den Klappentext gelesen haben… Continue reading
Isabel Abedi, Isola – Mögliche Themen (Brainstorming)
Bevor ich mich mit Isabel Abedis Roman »Isola« näher befasse, will ich in einem ersten Schritt erst einmal überlegen, welche Themen ich mit dem Buch verbinde, die möglicherweise der Bearbeitung wert sein könnten. Dabe gehe ich bewusst über den reinen Inhalt des Romans hinaus. Die Überlegungen sind ungeordnet: Continue reading
Red-Lips-Window
Kirchtürme
Schmöker-Schnipsel: Die Dinge der Literatur
Immer wenn Buchmesse in Frankfurt ist, schwebt angesichts der Masse an literarischen Werken und Autorenauftritten, die in diesen fünf Oktobertagen die Stimmung in der Stadt prägen, für mich die Frage im Raum, was Literatur denn nun eigentlich sei. Eine Antwort fand ich beim Schmökern in Raymond Carvers Erhählungenband »Würdest du bitte endlich still sein, bitte« (Berlin 2001, amerikanische Originalausgabe 1976). Richard Ford schreibt dort im Vorwort (Der gute alte Raymond – S. 9–40):
»Auf die eine oder andere Art geht es in Literatur natürlich immer um diese einfachen Dinge: mit den Folgen zurechtkommen zu müssen, wenn die Vergangenheit sich in der Gegegenwart auswirkt und auf manchmal erstaunliche Weise die Zukunft in Gang setzt.« (S. 27)
Von dieser einfachen Definition dessen, um was es in Literatur geht, ausgehend, einfach mal das nächste Buch danach befragen: Was aus der Vergangenheit wirkt sich in dieser Geschichte auf die Gegenwart so aus, dass sich daraus eine Zukunft (also möglicherweise der Handlungsverlauf des Romans) entwickelt?
Raymond Carver: Würdest du bitte endlich still sein, bitte. Erzählungen. Berlin 2001 (Berliner Taschenbuch Verlag).
herbstlich(t)
Atmosphärische Störungen: »Krabat« – Der Film
Da reibt sich der verwunderte Kinogänger die Augen: Verschneite, hochgebirgsähnliche Berge in der Gegend um Hoyerswerda, der Heimat der Sagenfigur Krabat? Marco Kreuzpaintner trägt schon zu Beginn seiner Aufnahme des Krabatstoffes, die ausdrücklich dem gleichnamigen Buch von Otfried Preußler folgen will, ganz schön dick auf. Das ist erst einmal in Ordnung, da die Verfilmung eines Buches natürlich ein neues Werk schafft und nicht nur darstellen soll, was so im Buch steht. Jede Verfilmung eines Romans ist eine Interpretation des Romans, die so ziemlich alles leisten muss, was in Schule und Studium über den Umgang mit Büchern gelernt wurde:
- Es gilt den Inhalt des Romans zu erfassen und wiederzugeben (Inhaltsangabe, Nacherzählung).
- Die Figuren benötigen Darsteller, Kostüme, Masken und müssen von den Darstellern als Figuren begriffen werden. Bereits die Auswahl der Schauspielenden spiegelt Vorstellungen der Auswählenden wider, wie diese Figuren sind und wirken (Personenbeschreibung, Charakteristik).
- Die Darsteller selbst müssen sich in die Rollenbiographie ihrer Figuren einarbeiten, um den jeweiligen Charakter darstellen zu können (Charakteristik).
- Es gilt, entsprechende Kulissen zu bauen und Spielorte zu finden. Dazu muss man Entscheidungen treffen, in welcher Zeit ein Film spielt, welche Atmosphäre diese Zeit bestimmt (oder auch einzelne Spielorte des Films) etc. Es müssen also Entscheidungen zu eingesetzten Formen getroffen werden, welche Stilmittel genutzt werden – und damit steht im Hintergrund immer die Frage, wie die eine Romanverfilmung Produzierenden den Roman verstehen und deuten (Interpretation, Stilanalyse).
- Jede Verfilmung eines Romans ist nicht nur die Interpretation einer Geschichte mit Hilfe szenischer Mittel, sondern immer auch eine persönliche Stellungnahme der Filmschaffenden zu dem Roman.
- Möglicherweise wird in einem Film auch ein Thema, das in einer Romanvorlage angelegt ist, näher erörtert, während andere Themen möglicherweise außen vor gelassen werden.
Für Filmschaffende ist die Verfilmung eines literarischen Werkes dem entsprechend eine äußerst anspruchsvolle Tätigkeit, die aber gleichzeitig mit dem Problem verbunden ist, dass ein Film teuer ist und entsprechenden Erfolg beim Publikum braucht.
Wende ich all dies auf Kreuzpaintners Umgang mit Preußlers »Krabat« an, so fällt zunächst auf, dass Kreuzpaintner bestimmte Schwächen bei der Darstellung der Figuren im Roman bezüglich deren »Biographien« zumindest bei der Figur des Krabats aufgreift und sich dafür entscheidet, dass die Pest Krabat zum Waisen gemacht habe. Dabei taucht zwar nur Krabats Mutter auf, vom Vater erfahren wir auch im Film nichts, aber immerhin wird verständlich, warum Krabat möglicherweise an der Schwarzen Kunst interessiert ist: Die Hilflosigkeit im Umgang mit dem Tod seiner Mutter könnte Wünsche nach Macht losgetreten haben, die mit dem Tod kämpfen kann. Andererseits könnte auf diesem Wege verstanden werden, warum Krabat sich gegen den Müller zur Wehr setzt, als er erkennt, dass die Kunst des Müllers darauf beruht, mit dem Gevatter ein Bündnis eingegangen zu sein, das unweigerlich Jahr für Jahr zum Tode eines der Müllergesellen führen muss.
Doch diese in der Figur des Film-Krabats angelegten Charaktereigenschaften werden von David Kross in der Rolle des Krabats nicht überzeugend vermittelt. Continue reading
Danke Marcel Reich-Ranicki
»Retten, was noch zu retten ist« scheint die Devise nach Marcel Reich-Ranickis Auftritt im Rahmen des Deutschen Fernsehpreises zu sein. Und ein schlagfertiger Moderator riecht, wo es Einschaltquoten gibt und vereinnahmt MRR schnell für die Zwecke des Fernsehens: Ja, lass uns doch eine Stunde über das reden, über das man im Fernsehen nicht mehr spricht…
Und sogar die betroffenen Sender nehmen das Ereignis in ihre Nachrichtensendungen auf, verbreiten sie den ganzen Tag der Ausstrahlung über – die Einschaltquote wird es doch bestimmt danken! – Doch selbstkritische Worte der Fernsehschaffenden habe ich bislang noch nirgends gefunden, keine Hintergrundberichte, die aufklären, was Reich-Ranicki meint, wenn er die Qualität (vor allem der Veranstaltung zur Preisverleihung selbst) kritisiert.
Doch die Untertöne sind klar, teilweise sogar mehr als Untertöne: Alter Mann, 88 Jahre alt, sind wir mal ein wenig nachsichtig. Und außerdem weiß er sich nicht zu benehmen. Aber es wird auch kräftig auf den fahrenden Zug aufgesprungen: Man kann die Kritik eines Menschen, der gerade noch für sein Lebenswerk geehrt werden sollte, doch nicht einfach ignorieren… Also schreibt Elke-Heidenreich schnell einen sehr persönlichen Artikel, der auf der FAZ-Website erscheint.
Traurig, dass weitgehend vor allem MRRs Zurückweisung des Preises thematisiert wird, nicht aber der Anlass, der zu dieser Kritik führte. Das kommt vielleicht noch – hoffentlich, denn die Kritik der Dümmlichkeit weiter Teile des deutschen Fernsehens (zumindest zu Sendezeiten, die ein normal arbeitender Mensch nutzen kann) scheint mir mehr als berechtigt.
Jetzt aber wird erst einmal der Auftritt Reich-Ranickis verdaut. Man war in so schöner Feierlaune, dachte wohl erst MRR habe hier eine ganz eigenwillige Dankesrede vorbereitete und brauchte seine Zeit um zu realisieren: Der meint das ernst. Da will man sich selbst feiern, denn was anderes ist der Fernsehpreis nicht, sich und dem Publikum zeigen, wie toll man doch sei – und dann geht da einer auf die Metaebene und sagt ganz eindeutig: So nicht! Eine Ohrfeige für all die Stars und Sternchen, die da gerade noch über den roten Teppich defilierten, sich (oder ihre Kleider und Frisuren?) selbstverliebt den Kameras zeigten.
Was aber ist das Problem des Fernsehens? Darüber wird nun hoffentlich auch inhaltlich diskutiert werden, denn Argumente sind noch nicht so viele zu vernehmen gewesen. Da scheint eher ein undeutliches Gefühl endlich ausgesprochen worden zu sein: Das Massenmedium Fernsehen erliegt, selbst im gebührenfinanzierten öffentlichen-rechtlichen Programm, mehr und mehr einer Anpassung an einen angenommenen, von den Fernsehmachern vermuteten Massengeschmack, der Einschaltquote bringt, koste es was es wolle. – Als Ausgleich gibt es ja ARTE und den einen oder anderen hochwertigen Film nach 22 Uhr oder noch später, aber bitte nie auf Sendeplätzen um 20:15 Uhr, ganz zu Schweigen von einem an Qualität orientierten Gesamtkonzept des Fernsehprogramms.
Anders als bei MRR, der zumindest darauf hinweist, dass es ja manchmal bei ARTE gutes Fernsehen gäbe, ist meine Konsequenz schon seit langem eine andere: Ich liebe das Radio (zumindest bestimmte Sender, die sich konsequent der platten Mittelmäßigeit verweigern) und verzichte auf das Fernsehen, das mir bei weitem nicht das bieten kann, was ich bei einem Kinoabend, einer Theatervorstellung oder beim Lesen eines Buches erleben kann: Aufregende Stunden und großen Genuss. – Und bevor ich mich hier zu lange dem Fernsehen, das ich in seinem gegenwärtigen Zustand längst abgehakt habe, widme, danke ich noch einmal Marcel Reich-Ranicki für seine klaren Worte, höre noch ein wenig Radio und nehme mir einen spannenden Thriller vor, den (natürlich) ein Schwede geschrieben hat…
Nachtrag: Die von Thomas Gottschalk angeregte »eine Stunde« findet nun am 17. Oktober im ZDF statt: Natürlich nach 22:00 Uhr (genau um 22:30) und auch nur eine halbe Stunde. Titel: »Aus gegebenen Anlass. Marcel Reich-Ranicki im Gespräch mit Thomas Gottschalk«. Ob auch Programmdirektoren bei dem Gespräch dabei sein werden, geht aus der Ankündigung nicht hervor.