»Schlechte« Bilder – Holga und Lomo

Holga und Lomo – zwei Fotoapparate der besonderen Art. Die erste wird in Hong Kong gebaut und war als billige Massenkamera für den chinesischen Markt bestimmt. Die Lomo wird in St. Petersburg produziert. Beide Kameras verbindet, dass sie in jedem Test garantiert und hundertprozentig durchfallen würden. So liest sich das im Holga-Artikel auf Wikipedia:

»Mit der Holga gemachte Fotos weisen all die Fehler auf, die herkömmliche Kameras zu korrigieren versuchen: Unschärfen, Streulichter, Farbverfälschungen etc. Außerdem bietet sie sehr wenige Einstellmöglichkeiten. Auf der anderen Seite bietet sie wiederum Möglichkeiten, welche bei herkömmliche Kameras zwecks ›Fehlervermeidung‹ gesperrt sind. So lässt sich z.B. der Spulknopf beliebig weit drehen, womit sich partielle Doppelbelichtungen kreieren lassen. Die Philosophie der Holga-Fans besteht darin, die Fehler der Kamera zu zelebrieren, sie zu verstärken und sie bewusst und gekonnt einzusetzen. Die Meister der Holga-Szene greifen zu verschiedensten Mitteln beim Umbau der Kamera, wie z.B. zusätzlichen Belichtungen des Films durch bestehende oder gebohrte Löcher im Gehäuse. Da die Kamera sehr günstig ist, braucht man sich bei der Modifikation auch keine Gedanken wegen eventueller finanzieller Einbußen zu machen. Besonders beliebt ist die Holga in der Lomographie und bei Weblogs, die sich auf Fotografien spezialisiert haben.«

So weit so gut. Jetzt aber beginnt der Wahnsinn digitaler Bildbearbeitung: In den letzten Jahren wurde die Nutzung der Fehler dieser Kameras für künstlerische Zwecke entdeckt. Damit verbunden gingen Lomographen dazu über, Bilder vor allem aus der Hüfte zu schießen und den Sucher Sucher sein zu lassen. Und da dies nun einmal zum Kult wurde, wollen nun natürlich auch digitale Fotografen an diesem Trend teilhaben. Dabei gibt es nur ein kleines Problem: Wie umgehe ich nur all die Fehlervermeidungstechnologien digitaler Kameras? Die Antwort ist natürlich ganz einfach: Ich bearbeite die »perfekten« Bilder einfach nach und tue nur so, als ob es sich um eine Lomographie handeln würde.

Einerseits wird also immer wieder hervorgehoben, dass digitale Bildbearbeitung ideal sei, um Bilder zu verbessern – und nun soll sie also plötzlich dazu dienen, fehlerhaft wirkende Bilder zu imitieren. Ja, was denn nun?

Das Problem scheint mir nicht, dass digitale Bildbearbeitung eingesetzt wird, um bestimmte Bildeffekte zu erzeugen. Das Problem für mich ist eher, dass Bilder, die mit Lomos oder Holgas gemacht wurden, gezielt mit den Eigenarten der Kameras arbeiten und eben nicht nur so tun als ob.

Digital auf fehlerhaft getrimmte Bilder nutzen genau solche Eigenarten der benutzten Kamera nicht. Und damit geht für mich der künstlerische Reiz verloren; es entsteht nur die Illusion einer Lomographie. Und dabei könnten die Zehn Goldenen Regeln der Lomographie ganz locker auch im digitalen Bereich gelten:

  1. Nimm die Kamera mit, wohin du auch immer gehst!
  2. Benutze sie Tag und Nacht!
  3. Lomographie ist Teil deines Lebens!
  4. »Schieß« aus der Hüfte!
  5. Bring die gewünschten Objekte so nah wie möglich an die Linse!
  6. Denke nicht!
  7. Sei schnell!
  8. Es ist vorher nicht wichtig zu wissen, was du auf den Film gebannt hast!
  9. Erst recht nicht nachher!
  10. Denke nicht über Regeln nach!

Von gezielter »Fehlerhaftigkeit« der Bilder ist da an keiner Stelle die Rede. Allerdings wird da auch der Satz ein wenig relativiert, dass die Hauptaufgabe des Fotografen das Sehen sei. Lomographie stellt eine andere Form des Sehens in das Zentrum des Fotografierens. Hier geht es nicht um die bewusste Gestaltung von Motiven. Hier geht es um das Entdecken von sonst nicht Gesehenem – und das hat für mich durchaus einen ganz besonderen Reiz.

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