Diskussion über Lern-Management-Systeme (LMS)

Stephan Holze berichtete in der vergangenen Woche über eine Fortbildung zum »Lernen im virtuellen Klassenzimmer«. In der Diskussion um dieses Thema (ein längerer Kommentar von mir und ein weiterer Beitrag von Stephan Holze) tauchen meines Erachtens ein paar wirklich spannende Fragen auf. »Alle reden über Moodle – und keiner nutzt es«, titelte der »Lehrerfreund«. – Und schon bin ich mitten in einer Debatte, die ein wenig aus den bisherigen Beiträge auf dieser Website heraus fällt. Auf herrholze.de schrieb ich (hier zitiert in einer leicht überarbeiteten Form):

Auch ich habe mich mit Moodle eine Weile beschäftigt und auch andere E-Learning-Software kennengelernt. Nach anfänglicher Begeisterung kehrte Ernüchterung ein. Es scheint mir so, dass E-Learning-Programme dem lehrerzentrierten Unterricht – und ich bin mir gar nicht immer so sicher, ob dieser denn wirklich so schlecht ist, wenn er Teil eines größeren Ganzen und wirklich reflektiert und gezielt eingesetzt wird – ein neues Feigenblatt umhängen: Statt mehr Freiheit beim Lernen zu geben und, neben gesteuertem Input fundierter Sachkenntnisse, eigenständiges Lernen zu fördern, wird durch E-Learning die Kontrolle durch die Lehrkraft eher verstärkt (»dass man als Lehrer sehe, was der einzelne Schüler arbeitet« zitiert Herr Holze einen Referenten der von ihm besuchten Fortbildung). Zunehmend komme ich dazu, digitale Technologie und Vernetzungs-MÖGLICHKEITEN im Internet als solche für den Unterricht zu nutzen, indem ich Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit gebe, mich, wenn der Bedarf da ist, als »Coach« anfragen. Ich biete Unterstützung an, die über den Unterricht und die übliche Form des Lernens hinaus geht: Ich nehme Texte von Schülerinnen und Schülern, die sie freiwillig durchgesehen haben wollen, auch per E-Mail an (und kommentiere dann auch per Rechner) – Einsatz des Internets als Instrument zur Förderung kooperativer Lernformen, nicht, indem ich sich einfordere, sondern anbiete und dann darauf hinarbeite, dass Lernende auf diesem Wege sich auch gegenseitig unterstützen. Ich schreibe dieses Blog, das völlig frei von didaktischer Reduktion, methodisch aufgearbeitetem Material etc. ist; ein Blog, in dem Lernende sehen können, wie ein Lehrer an Themen arbeitet. Hier geht es also nicht um Anleitung, sondern um beispielhaftes Arbeiten, bei dem ich weder in der Sprache noch in der Form der Aufarbeitung didaktischen Modellen folge, sondern einzig meiner Leidenschaft für die Themen. Bis jetzt mache ich die Erfahrung, dass das bei einigen Lernenden dazu führt, dass sie – und sei es aus reiner Neugier, was der Lehrer da so schreibt – diese Texte lesen und ihre eigenen Texte noch einmal mit anderen Augen betrachten (Kompetenzförderung der Selbstreflexion eigener Arbeitsprodukte). Dabei entsteht eine neue Lernkultur: Lernende können plötzlich selbst beobachten, wie z.B. die Beschäftigung des Lehrers mit einem Thema für den Unterricht noch einmal völlig neu aufgearbeitet und mit didaktischen und methodischen Prinzipien verknüpft wird. Darüber hinaus tauche ich immer häufiger mit dem Laptop im Unterricht auf, nicht aber, um eine Präsentation abzuspulen, sondern weil es für mich ein Arbeitsinstrument ist (Schülerverwaltung; Notizen im Unterricht, ohne den Blickkontakt zu der Lerngruppe zu verlieren, weil ich auf dem Rechner »blind« schreiben kann…). Lernende werden so nicht »gezwungen«, sich in der geschlossenen Welt einer E-Learning-Plattform zu bewegen, sondern erfahren zunehmend, dass digitale ARBEITSformen ihren Lernprozess unterstützten können. Ich erschrak schon, als mich Schüler einmal fragten, sie waren dabei eine Präsentation vorzubereiten, ob sie zu einer Stunde, in der sie mit ihrer Arbeitsgruppe arbeiteten, denn ihren Laptop mitbringen dürften. Es war ihnen überhaupt nicht bewusst, dass sie über die pure Papierplanung ihrer Referate im Unterricht (wenn er nicht im Computerraum stattfindet, der mir ständige Dauereinsicht auf alle Schülerbildschirme erlaubt) hinaus, auch mit ihrem eigenen Laptop arbeiten dürfen. Eine neue Lernkultur bedeutet für mich, dass das Neue für das Lernen wirklich zugänglich gemacht wird, nicht durch lehrergesteuerte Lernmodule auf einer Lernplattform, sondern durch den Erwerb der Kompetenz, mit den immer weniger hierarchisch werdenden Wissensstrukturen im digitalen Kontext umgehen zu lernen. Dazu gehört für mich deutlich mehr, als eine E-Learning-Plattform einzusetzen. Diese kann sicherlich sinnvoll sein, wenn sie (und hier bietet Moodle zumindest die Möglichkeiten für) wirklich den individuellen Lernwegen der Schüler und Schülerinnen entgegenkommen und eben nicht zuerst darauf angelegt sind, »dass man als Lehrer sehe, was der einzelne Schüler arbeitet«. Das geht für mich allerdings alles nur, weil ich ein ebenso großer Fan des analogen Arbeitens bin und dies auch von den Schülerinnen und Schülern fordere, damit sie auf möglichst vielen Kanälen des Wissenserwerbs Kompetenzen erwerben können. Bücher, Handschriftlichkeit und digitales Handwerkszeug greifen für mich ineinander. Ziel ist es, dass möglichst viele Kanäle des Wissenserwerbs genutzt werden. E-Learning-Plattformen hingegen neigen dazu, ALLEN Schülerinnen und Schüler möglichst ähnliche (erwartete) Lernwege vorzugeben, womit binnendifferenzierten Formen des Unterrichtens eher ein Bärendienst erweisen wird.

Aus der Diskussion auf ihrem jetzigen Stand ergeben sich für mich weitere Fragen und Gedanken:

  • Lernzirkel und deren digitale Variante der Webquests erscheinen im Augenblick ein wenig, wie Teile eines Patentrezeptes, das den Lernerfolg von Schülern und Schülerinnen unterstützen soll. Das Problem dabei ist aber, Herr Holze weist deutlich darauf hin, dass Schülerinnen und Schüler hier vor allem Aufgaben abarbeiten, die Lernwege und Materialien aber vom Lehrer vorgegeben sind. Begründet werden diese Methoden mit der größeren Wahlfreiheit der Jugendlichen bei der Reihenfolge der Bearbeitung der Aufgaben und der größeren Variabilität der Zeitplanung, was eine Differenzierung nach Lerngeschwindigkeiten mit sich bringe. – Letztlich aber wird hier die Schlüsselkompetenz, zur Beantwortung einer Frage angemessenes Material zu finden gerade nicht gefördert, zumindest dann nicht, wenn die Suche nach dem Material nicht selbst Teil eines Lernzirkels oder Webquests ist.
  • Bereits oben gesagt und von Stephan Holze noch einmal deutlich unterstrichen: E-Learning-Umgebungen tragen nicht zwangsläufig zu einer größeren Differenzierung bei, erschweren diese teilweise sogar, da mit wesentlich größerem Aufwand als im direkten Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern verbunden.
  • Die Schülerinnen und Schüler nutzen bereits heute das Internet intensiv für schulische Zwecke. Dabei denkt Herr Holze im Kontext des »kooperativen Lernens« darüber nach, ob nicht auch Hausaufgaben in einer Gruppe von zuhause aus angefertigt werden könnten. Das Problem bei der von mir bisher beobachten Nutzung des Internets in Lernprozessen liegt darin, dass es in einigen Fällen vor allem zur Lernvermeidung eingesetzt wird. Es ist kein Zufall, dass ich alle größeren schriftlichen Arbeiten bei der Korrektur auch eine Internetrecherche einschließen, vor allem dann, wenn der Sprachstil deutlich vom bislang vertrauten abweicht. Das Internet kommt viel zu oft über »Drag and Drop« zum Einsatz und viel zu selten im Sinne eines kompetent genutzten Mediums im Kontext des eigenen Lernens.
  • Kollaborative Arbeitsweisen, wie sie in Wissenschaft und Wirtschaft längst üblich sind, kommen im schulischen Kontext auch deshalb viel zu wenig bei den Schülerinnen und Schülern zum Tragen, weil Lehrer und Lehrerinnen oft selbst nicht mit ihnen vertraut sind und sie selbst nicht nutzen. Da schließe ich mich selbst gar nicht aus, auch wenn ich zur Zeit nach Wegen suche, wie genau dies umgesetzt werden kann. Das erzeugt natürlich eine gewisse Skepsis gegenüber potentiellen kooperativen Arbeitsweisen von Schülerinnen und Schülern, die nicht in Gruppenarbeit im Unterricht stattfinden, wo ich sie als Lehrer beobachten kann – oder aber im Kontext eines LMS, wo ich sie ebenfalls genau beobachten kann. Nachvollziehbar ist diese Skepsis insofern, dass »kooperatives Arbeiten« oft missverstanden wird, besteht es doch eben gerade nicht darin, dass einge Schülerinnen und Schüler Texte in den üblichen Foren zur Verfügung stellen, die andere dann einfach übernehmen, ohne eine eigene Lernanstrengung zu vollziehen.

Die Diskussion hat gerade erst begonnen. Dennoch zeichnen sich für bereits jetzt ein paar Themen an, die für mich in der weiteren Diskussion von Bedeutung sein werden:

  1. Wenn ich will, dass Schülerinnen und Schüler, neben den klassischen analogen Lernwegen (ja, ich will, dass meine Schülerinnen und Schüler lernen, sich einer Bibliothek zu bedienen und auch handschriftliche Arbeiten nicht vernachlässigen), die Möglichkeiten des Internets produktiv nutzen: Wie kann ich (oder kann eine Schule) die hierfür notwendigen Kompetenzen so fördern, dass solche Lernwege über das Kopieren von unreflektiert übernommen Informationen aus dem Internet hinaus gehen?
  2. Wie kann es gelingen, Schülerinnen und Schülern das gezielte Arbeiten mit Computer und Internet als Kompetenz nahe zu bringen, ohne dass dies eine zusätzliche Belastung im sowieso schon sehr vollen Schulalltag wird, sondern als eine die Effizienz des Lernerfolges unterstützende und somit angsichts der massiven Belastung gerade in Sekundarstufe II entlastende Form des Arbeitens (zumindest wenn sie in die alltäglichen Arbeitsabläufe erst einmal integriert ist) genutzt werden kann?

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3 Gedanken zu „Diskussion über Lern-Management-Systeme (LMS)

  1. Marcus Birkenkrahe

    schöne übersicht einer kritischen haltung zu den monolithischen systemen (wie moodle)! an der FHW Berlin verwenden wir den “evil twin” von moodle, ILIAS (siehe ILIAS.de) – ist aber dieselbe Sosse in blau. die entscheidung für ein LMS hat hier vor allem historische gründe (dh war vor meiner zeit – ich verantworte eLearning an der hochschule erst seit SS 2008).

    “verwenden” heisst, dass in der tat viele eLearning aktivitäten in ILIAS eingeschlossen sind wie in einem “sesam öffne dich”, und wenn du das schlüsselwort nicht kennst, was dann? dass hier ausgrenzung statt einbeziehung geübt wird, ist wahr. trotzdem führt die konsequente verwendung eines LMS in vielen (nicht allen) bereichen vieler (nicht aller) hochschullehrer zu - größerer reflexion (auch didaktisch) - raschem anschluss an die (post)moderne (ein gewisser “cool” faktor) - erhöhter aufmerksamkeit für studentenbelange - vermehrten möglichkeiten, an material heranzukommen und es im unterricht anzubieten - stärkerem einblick in den unterricht (gestaltung, inhalt etc) anderer kollegen.

    ein “mixed environment” (viele verschiedene kleine tools), das wir langfristig anstreben (insellösungen, hurra!) bietet nicht alle diese vorteile.

    einige (sehr wenige) dozenten bei uns verwenden - wiki (das wird stark ansteigen – auch weil ILIAS das jetzt anbietet, mit einem bequemen wiki) - moodle (weil sie es so gewohnt sind) - wiziq (televorlesung – funktioniert prima) - blogs (wordpress für studenten)

    die tendenz zur konvergenz, die ich bei LMS beobachte (alle tools in einer umgebung) wird durch die schnelligkeit der entwicklung gerade bei opensource gebremst bzw aufgehoben. bürokratische strukturen, die eine festlegung erzwingen wollen, verhindern häufig fortschritte und experimente.

    am ende ist der einzelne lehrende (besser wäre: mehrere in einem kurs! das haben wir auch, und kriegen wir immer mehr) immer noch mit seinen studentInnen allein, und ob er bzw sie den studentInnen mit einem elektronischen und einem organischen auge begegnet, spielt eine geringere rolle als seine/ihre werte (respekt, demut, etc.) und sein/ihr wissen. aber sich web 2.0 und LMS auszusetzen bedeutet auch immer, andere werte und anderes wissen viel stärker wahrzunehmen – das erhöht die wahrscheinlichkeit des wandels und kommt dem unterricht zugute. selbst wenn der lehrende dann verwirrt ist (daraus erwächst dann immer interessanterer unterricht).

    /EOF ;-)

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  2. Pingback: Tschüss eLearning – was kommt nun? | eLearning und Wissensmanagement

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