Lernen im Museum mit iPad und Internet

Um zu erfahren, wie mit digitalen Medien Lernprozesse ablaufen können, unterziehe ich jede mir spannend erscheinende Möglichkeit einem Praxistest, bevor ich sie gegebenenfalls für schulische Belange in Betracht ziehe.

Mein letzter Test führte mich ins Museum, nicht in irgendein Museum, sondern in das Frankfurter Städel, wo zur Zeit die Ausstellung „Die Chronologie der Bilder. Städelwerke vom 14.–21. Jahrhundert“ läuft (noch bis 26. Juni 2011). Das Besondere an dieser Ausstellung ist, dass die Bilder streng nach ihrer Entstehungszeit geordnet sind, sodass ganz andere Bildzusammenhänge erkennbar werden können, als das in der sonst üblichen Hängung nach Regionen üblich ist.

Mich interessierte aber etwas anderes: Ist es möglich, mit einem mobilen, digitalen Endgerät (Smartphone oder Tablet-PC), den Bildern lernend zu begegnen? Kann ich auch diesem Wege meine eigene Führung zu Werken, die mir auffallen, gestalten? Wie fruchtbar sind die Informationen zu Kunstwerken und Künstlern, die ich auf diesem Wege, vor dem Original stehend oder sitzend, bekomme, für mein eigenes Lernen in Sachen Malerei?

Also nahm ich mein iPad mit in die Ausstellung. Dagegen hatte offensichtlich keine der Aufsichtspersonen etwas einzuwenden. Im Gegenteil: Als ich da saß, ein Bild anschaute und las, was ich zu dem Bild finden konnte, wurde ich neugierig befragt, was ich da mache. Meine Auskunft, dass ich mich über die Bilder kundig mache und dazu das Internet nutze, reduzierte die Neugier nicht, was mir ein Zeichen war, dass, selbst in einem so renomierten und gut besuchten Museum wie dem Städel, mein Vorgehen alles andere als alltägliches Besucherverhalten zu sein scheint.

Zunächst nahm ich mir eines der berühmtesten Bilder im Städel vor,  Jan van Eycks „Lucca-Madonna“. Es war überhaupt kein Problem, umfassende Informationen zu diesem Bild online zu finden. Der zugehörige Wikipedia-Artikel ist sogar richtig gut (auch wenn das beigefügte Bild in seiner Farbtreue gegenüber dem Original keinerlei realen Eindruck von der wirklichen Aura dieses Bildes vermitteln kann). Und so begann ich meine Reise durch das Bild, entdeckte Details, die mir beim bisherigen Betrachten des Bildes immer wieder gar nicht aufgefallen waren, erfuhr etwas über den Entstehungsprozess des Bildes, bekam Anregungen, wie das Bild gedeutet werden könnte, von denen ausgehend ich mir dann meine eigenen Gedanken machen konnte.

Wenn ich gewollt hätte, hätte ich mich nun auf die im Saal vorhandene Sitzbank setzen (leider sind nicht in allen Sälen Sitzbänke verfügbar) und meine eigenen Eindrücke aufschreiben können. Darauf habe ich bei diesem Test einmal verzichtet, weil ich das gleiche Vorgehen auch noch bei anderen Werken ausprobieren wollte.

Das zweite Bild, das ich mir auswählte, war Adam Elsheimers „Sintflut“. Eine Basisinformation zu dem Bild fand ich auf der Städel-Website.  Ähnlich ausführliche Darstellungen, wie ich sie bei van Eycks „Lucca-Madonna“ online gefunden hatte, konnte ich zu diesem Bild zwar nicht finden, stürzte mich dann aber auf die Wikipedia-Seite zu Adam Elsheimer. Und auf diesem Wege bekam ich zumindest Hilfestellung für den Zugang zu dem Werk, wenn auch keine umfassende Bilddeutung.

Meinen letzten Versuch startete ich beim neusten Bild, das in der Ausstellung zu sehen ist: Daniel Richters 2007 entstandenes Bild „Horde“. Dass es von der „Lucca-Madonna“ bis zu „Horde“ einiges an Umbrüchen in der Malerei gegeben haben muss, ist auf den ersten Blick zu erkennen, auch wenn Richters Bild selbst figürlich gehalten ist, nicht zur abstrakten Kunst gezählt werden kann. Aber was würde ich über ein so neues Bild mithilfe meines Online-Zugriffs herausfinden?

In diesem Falle waren ein Artikel über eine Ausstellung des Künstlers auf Englisch und ein Spiegel-Artikel, der Daniel Richter vorstellt. Wieder keine ausführliche Bildinterpretation, wie ich sie bei van Eyck gefunden hatte und bei sicherlich vielen Werken der Ausstellung finden könnte, aber doch Informationen zum Künstler und seiner Malerei, die es mir ermöglichten, einen Zugang zu diesem monumentalen Werk zu bekommen.

Zufrieden beendete ich diesen Besuch im Städel, packte das iPad wieder ein und hatte den Eindruck, in diesen knapp 90 Minuten wieder etwas mehr über Malerei und Kunst gelernt zu haben – obwohl und gerade weil nicht zu allen Bildern ausführliche Bildbeschreibungen zu finden waren.

Beim Lernen geht es ja gerade nicht darum, dass Informationen vorgekaut aufgenommen werden, sondern darum, eigene (auf Wissen basierende) Kompetenzen aufzubauen. In diesem Falle steht also die Frage im Raum, ob ein Betrachten von Bildern in einem Museum mit Hilfe von online vor Ort verfügbaren Informationen zu einem solchen Kompetenzaufbau beitragen kann.

  1. Bei van Eycks „Lucca-Madonna“ hatte ich eine exemplarische Bildanalyse verfügbar, die mir zeigte, worauf bei einer Bildanalyse alles geachtet werden kann und mich zusätzlich mit interessanten, aber für die Analyse nicht unbedingt notwendigen, Informationen versorgte. Auf dieser Basis sollte dann aber auch die Begegnung mit anderen Bildern möglich sein, an denen ich die durch die exemplarische Bildanalyse geschulte Aufmerksamkeit erproben könnte, auch wenn ich keine ausführliche Bildanalyse finden kann.
  2. Bei Adam Elsheimers „Sintflut“ fand ich mich dann (zum Glück) auch gleich in der Situation vor, dass ich keine ausführliche Bildanalyse im Netz ausfindig machen konnte, aber Basisinformationen, die als Grundlage für ein genaues Betrachten des Bildes ausreichen sollten, hatte ich doch an van Eycks Bild zuvor gelernt, worauf alles bei einer Bildanalyse geachtet werden kann. Hier konnte ich nun erproben, ob dieses Wissen reicht, um eine Kompetenzsteigerung im Umgang mit einem mir bis dahin unbekannten Bild festzustellen. Wenn ich den in meinem Kopf stattgefunden habenden Dialog mit dem Bild überdenke, gewinne ich den Eindruck, dass ich mehr von Elsheimers „Sintflut“ gesehen habe, als ich es ohne diesen ersten Schritt der exemplarisch durchgeführten Bildanalyse hätte sehen können.
  3. Bei Daniel Richters „Horde” erging es mir ähnlich, wie bei Elsheimers Sintflut. Ich fand Artikel zum Maler, ein paar Hintergründe zur grundsätzlichen Ausrichtung der Bilder und konnte dazu auch noch auf Vorwissen in Sachen „Moderne Malerei / Kunst“ zurückgreifen, weil ich mich mit diesem Bereich der Kunstgeschichte schon in anderen Zusammenhängen beschäftigt habe.

Der Zugang zum Internet, die Recherche nach Informationen zu Bildern, die ich während meines Besuches spontan auswählte, weil sie mich angesprochen haben, hat nicht dazu geführt, dass ich vorgekautes, enzyklopädisches Wissen zu den Bildern bekommen habe. Mir scheint das eine der Ängste zu sein, wenn man sich fragt, ob man mobile Computer mit Internetzugang in Bildungszusammenhängen einsetzen soll oder nicht. Die Angst ist nicht unbegründet, aber ich entdeckte, dass es eben nicht zu jedem Bild (und das gilt auch für Gedichte, Dramen und Romane im Deutschunterricht) ausführliche Einzelanalysen gibt, aber Informationen, die meinen eigenen Prozess der Beschäftigung mit Bildern, die mich angesprochen haben, fördern können.

Auch wenn ich es toll finde, wie das MoMa in New York mittlerweile Smartphones und das iPad nutzt, um Besucherinnen und Besuchern, aber auch Interessierten, die nicht die Möglichkeit haben, das Museum mal eben so zu besuchen, Unterstützung beim lernenden Zugang zur Kunst zu geben, so kann ich auch der von mir gemachten, nicht durch Museumskuratoren geprägten, Erfahrung etwas abgewinnen, externe Informationen zu Bildern und Künstlern im Internet während der direkten Begegnung mit Originalen zu nutzen.

Interessant fand ich dabei, dass ich wirklich meinen Sehinteressen gefolgt bin. Wenn mich ein Bild neugierig machte, ansprach, blieb ich stehen, betrachtete es, suchte nach zusätzlichen Informationen online, die meine Betrachtung vertieften. Diese Informationen waren didaktisch nicht aufbereitet, sondern „einfach so“ verfügbar, was dieses Form des Lernens natürlich nur dann sinnvoll sein lässt, wenn z. B. Schülerinnen und Schülern, mit denen ich mir einen solchen Museumsbesuch vorstellen könnte, mit solchen Texten sinnerfassend angemessen umgehen können. Oberstufenschüler und Oberstufenschülerinnen, vielleicht noch mit Kunst-LK, aber das wäre nicht unbedingt nötig, könnten dies sicherlich leisten.

Bleibt die Technikbarriere, denn nicht jeder Schüler hat ein Smartphone oder gar einen Tablet-PC, das oder der einen mobilen Internetzugang hat; noch weniger können Schulen solche Endgeräte in der Regel zur Verfügung stellen. Aber dieses Problem ist für meinen Test erst einmal zweitrangig.

Ich wollte wissen, ob ein Lernen im Museum mit digitalen Endgeräten, die den Zugriff auf Ressourcen im Internet erlauben, möglich ist und einen Lernfortschritt bringen kann. Die Antwort nach diesem Besuch im Städel lautet eindeutig „Ja“. Ich werde, zumindest im Geltungsbereich meines mobilen Datenvertrages, zukünftig wohl kaum noch ohne iPad im Museum anzutreffen sein, weil ich den Zugriff auf Informationen während des Museumsbesuchs als fruchtbar erlebt habe, die Bildschirmgröße dem Smartphone deutlich überlegen ist und ich gegebenenfalls meine eigenen Gedanken zu den Bilder direkt vor Ort lesbar und sogar im Stehen notieren kann.

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