Von der Digitalisierung, freien Bildungsmaterialien und dem Lernen im digitalen Leitmedienwandel

Das Co:llaboratory »Internet und Gesellschaft« befasste sich in einem seiner letzten Schwerpunkte mit dem »Lernen in der digitalen Gesellschaft«. In diesem Zusammenhang reflektierte Jöran Muuß-Merholz die Frage, was Open Educational Ressources (Freie Lern-/Bildungsmaterialien –> OER) mit digitaler Integration und Medienkompetenz zu tun haben.

Ein lesenswerter Beitrag, dem ich an dieser Stelle in einer Replik eigene Gedanken zur Seite stellen will. – Dabei lehne ich mich in der Struktur an die Vorgabe des Artikels an, wobei ich durchaus bewusst teilweise die Schwerpunkte anders setze.

Im Grunde nehme ich den letzten Satz des Beitrages ernst. Muuß-Merholz schreibt dort: »Diese Argumentsammlung ist einseitig.« – Ich versuche, ihr zumindest eine weitere Seite hinzuzufügen.

1 Technik verändert das Menschenbild

Inhalte des Internets können konsumiert werden, aber seit die technischen Möglichkeiten des Internets für Interaktionen nutzbar sind, in diesem Zusammenhang spricht man von Web 2.0, liegt es nahe, produktiv mit dem Netz umzugehen.

Die einen machen das im eher »kleinen« Rahmen, indem sie twittern, Statusmeldungen und sonstige Möglichkeiten von z. B. Facebook oder Google+ nutzen.

Die anderen weiten den Rahmen aus, pflegen Videokanäle auf Vimeo oder Youtube, erstellen Podcasts, führen – teilweise schon seit Jahren – ausführliche Blogs.

Neben die erweiterte Möglichkeit der eigenen Produktivität und deren Veröffentlichung tritt der drastisch erweiterte Zugang zu Expertenwissen. Dabei verändert sich die Rolle von Experten (vgl. Bunz, 2012) ebenso, wie die Rolle der die analoge Gesellschaft bestimmenden Filter (Redaktionen, Institutionen, Titel …).

Die technischen Möglichkeiten betonen damit heute ein Menschenbild, das dessen öffentliche Wirksamkeit als Individuum ernst nimmt und diese erleichtert, ohne dass damit automatisch eine gesellschaftliche Wirksamkeit verbunden wäre. Voraussetzung für eine solche Wirksamkeit sind allerdings genau die Fähigkeiten und Potentiale des Internets, die digitale Integration ermöglichen1.

Die Technik im Kontext des Web 2.0 ist Ausdruck eines demokratischen Menschenbildes, fördert dieses aber auch. Zwingende Voraussetzung dieses Menschenbildes ist die Befähigung des Einzelnen, die zur Verfügung stehenden digitalen Werkzeuge nutzen zu können. Neben die digitale Integration tritt als deren Voraussetzung die Frage nach der Medienkompetenz.

2 Partizipation und Integration setzen Offenheit voraus, die unabhängig von Lizenzen ist

In der Diskussion um „Open Educational Ressources“ (OER -> frei verfügbares Bildungs-/Lernmaterial) entsteht manchmal der Eindruck, diese seien Voraussetzung für gesellschaftliche Partizipation und Integration. Dabei werden immer wieder die Begriffe »passiver Konsum« und »aktive Gestaltung« als These und Antithese verwendet und somit in eine Opposition zueinander gebracht, indem der »passive Konsum« mit Medien verbunden wird, die »nur nach Vorgabe der Medienersteller passiv konsumiert werden können« (Muuß-Merholz o. J., Absatz 2). – Etwas verkürzt bedeutet das, dass Medien, die unter dem klassischen Copyright veröffentlicht werden, zum Konsum einladen und solche, die unter einer Creative Commons Lizenz die Rechte der Urheber berücksichtigen, zur aktiven Gestaltung hin führen.

Gesellschaftliche Partizipation und Integration ist aber zumindest im Kontext bundesrepublikanischer gesellschaftlicher Wirklichkeit nicht von Lizenzmodellen abhängig.

Das Problem gesellschaftlicher Partizipation und Integration ist nach wie vor mit dem sozialen Status der Herkunftsfamilie verknüpft. OER sind in Deutschland bislang kein Phänomen, das auf diesen Status Einfluss zu nehmen vermöchte, sondern vor allem ein Diskussionsthema in der bildungsbürgerlichen sozialen (Mittel)Schicht.

Es stimmt, was Muuß-Merholz schreibt: »OER bedeuten mediale Emanzipation« (ebd.), doch gilt diese vor allem für diejenigen, die auch bislang in Deutschland eher weniger Probleme damit hatten, an Bildungsmedien zu partizipieren, da OER bislang vor allem ein Thema von Lehrenden in den Bereichen Schule und Hochschule sowie von mit Bildung im weiteren Sinne befassten Einzelinstitutionen oder -personen sind.2 Es stimmt auch, dass gesellschaftliche Partizipation und Integration Offenheit benötigen, wie Muuß-Merholz ebenfalls schreibt. Doch dabei handelt es sich nicht um die Offenheit von Lizenzen, sondern um Offenheit gegenüber Problemen bei der sozialen Integration, um Offenheit gegenüber z. B. den Nöten, die mit sprachlichen Barrieren, Armut und Ausgrenzung verbunden sind.

Wenn gesellschaftliche Partizipation und Integration (nicht) gelingt, hat das sicherlich auch etwas mit der Frage von Offenheit zu tun, aber zumindest im bundesrepublikanischen Kontext3 weniger mit lizenzrechtlichen Modellen und der Frage, ob OER verfügbar sind oder nicht.

3 Medienkompetenz entsteht durch Wissen über Medien und deren Rahmenbedingungen sowie durch den praktischen, produktiven Umgang mit Medien

Wenn ich mich eines Werkzeugs bediene, benötige ich entsprechendes Wissen, wozu ein Werkzeug da ist, was es kann, was es nicht kann und wie es eingesetzt wird.

Darüber hinaus muss ich mich im Verwenden des Werkzeugs üben: Zu Wissen, was ein Hobel ist und wie er funktioniert bedeutet nicht, dass ich mit einem Hobel eine schöne Oberfläche hinbekomme, dazu braucht es Übung.

Das gilt so auch für digitale Werkzeuge.

Diese Fähigkeit im Umgang mit digitalen Werkzeugen ist unabhängig von Lizenzen. – Lizenzen bzw. das in dieser Hinsicht wirklich häufig vor Probleme stellende Urheberrecht, weil weitgehend noch aus analogen Zeiten stammend und an diese angepasst, werden dann zum Problem, wenn ich Materialien Dritter zum Erstellen von z. B. digitalem Bildungs-/Lernmaterial nutzen will. Das bedeutet, ich muss beim Erstellen von Material, das ich (digital) verteilen will, Strategien des Findens und Auswählens entwickeln; ich muss Kompetenzen in Bezug auf Rechtsfragen im Umfeld des Urheberrechts entwickeln. Insofern ist die Beschäftigung mit OER ein potentiell riesiges Programm zur Förderung des rechtssicheren Erstellens und Verwendens von Lern-/Bildungsmaterialien.

Ähnlich, wie sich die Rolle der Experten im Rahmen der Filterung von relevanten und irrelevanten Informationen in digitalen Kontexten verändert; ähnlich, wie die Notwendigkeit der Befähigung zur Einschätzung und Bewertung vor dem Hintergrund des persönlichen Kontextes wächst, wird in digitalen Kontexten die Frage nach angemessener Nutzung von Materialien relevant.

Offene Lizenzen sind dort eine Hilfe, wo es um kreative Gestaltung mit vorhandenem Material Dritter geht oder kollaborativ Medien erstellt, weiterentwickelt und ausgetauscht werden.

Bislang spielt diese Form der Kollaboration in der Praxis z. B. der meisten Lehrer allerdings kaum eine Rolle. Von daher ist es sicherlich ein Ideal anzunehmen, dass mittels Fragen nach Lizenzen die für die Erstellung von Materialien im Rahmen von Creative-Commons-Lizenzen notwendigen Medienkompetenzen erreicht werden können und sich die Basis der Personen erweitert, die auf diesem Wege ein größeres Verständnis von Medienkompetenz erlangt. In der Praxis hat sich bislang eher gezeigt, dass die rechtlichen Hürden so komplex sind, dass an vielen Stellen selbst an der Erstellung von OER interessierte Personen letztlich auf deren Produktion verzichtet haben. Das muss nicht das letzte Wort sein. Aber bislang ging es auf Konferenzen und bei Zusammentreffen, die OER ins Zentrum stellten, tatsächlich mehr um Lizenzierungsmodelle und Fragen der Qualitätssicherung, als um das konkrete Erstellen von Material, das man dann eher auf Plattformen wie der »Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet« (ZUM) oder mit Bezug zu vorwiegend religionspädagogischen Themen auf »RPI virtuell« findet. – Daneben gibt es andere Versuche Lern-/Bildungsmaterialien unter CC-Lizenz auffindbar zu machen, denen es allerdings bislang nicht gelungen ist, in die Breite z. B. der Lehrerschaft zu wirken.

4 Die Reduktion auf die Lehrenden – ist eine Reduktion auf die Lehrenden

Nach wie vor geht es Lehrenden auch in der digitalen Zeit um Unterrichtsmaterial. Dieses wird zunehmend digital erstellt.

In dem Augenblick, in dem eine Lehrperson den Ruf hat, in diesem Bereich (einigermaßen) kompetent zu sein, wird sie von anderen Kollegen und Kolleginnen angesprochen. Informelle Austauschprozesse beginnen und Fragen, die sich in diesen Zusammenhängen wiederholen, können dann z. B. systematisiert für interne Fortbildungsangebote berücksichtigt werden.

Dabei entsteht ein Austausch zwischen fortgeschrittenen Nutzern digitaler Technologien und interessierten »Anfängern«. – Trotzdem bleibt die Kollaboration hier auf Lehrende beschränkt.

Es findet eine Reduktion der Möglichkeiten statt, selbst wenn kollaborativ OER entwickelt werden. Häufig wird dabei übersehen, dass das, was aus OER-Kreisen oft kritisiert wird, hier reproduziert wird. So findet sich im Aufsatz von Jöran Muuß-Merholz die Anmerkung, dass in Lehr-Lernsituationen ständig ein »Subtext« mitgelernt werde, »ob Medien nur nach Vorgabe der Medienersteller passiv konsumiert oder aber aktiv gestaltet, verändert und geteilt werden können« (Muuß-Merholz, 2013, Absatz 2). – OER sind allzu oft Materialien, deren Gestaltung durch Lehrkräfte so ausgerichtet ist, dass diese nach den klaren Vorgaben der Medienersteller zu nutzen sind. Auch wenn das Reagieren auf Aufgaben eine Aktivität ist, verändert sich durch die Möglichkeit zur freieren Erstellung von Lern-/Bildungsmaterial eben nicht (automatisch) die Gestaltung des Unterrichts, sondern nur dessen Vorbereitung durch die Lehrkraft.

Digitalisierung aber verändert genau an diesem Punkt als Kulturtechnik Gesellschaft so gravierend, dass sich in dieser Art der Nutzung von erstelltem Lern-/Bildungsmaterial dieser Wandel nicht angemessen darstellt.

Wie tiefgreifend dieser Wandel ist, kann in dem im Literaturverzeichnis angeführten Werk von Mercedes Bunz ebenso nachgelesen werden, wie in den Publikationen z. B. eines Gunter Duecks.

Kurzgefasst: Wenn Lehrer nicht mehr Lehrmaterial erstellen und dies unter CC-Lizenz stellen, sondern Schüler und Schülerinnen mit Fragestellungen, Problemhorizonten, Forschungsvorhaben selbst in einen produktiven Dialog eintreten und somit selbst zu Produzenten von Materialien werden, wird Medienkompetenz entwickelt und darüber hinaus wird sehr bald aus der Praxis heraus die Frage nach dem Urheberrecht gestellt und dann thematisiert werden müssen. – Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass z. B. das Erstellen von Blogs mit Schülern und Schülerinnen inhaltliches Lernen und Medienkompetenzentwicklung fördert; auch Instrumente der Kollaboration (Etherpad, GoogleDocs) können in einem solchen Kontext eingeführt werden. – Häufig verwenden Schüler und Schülerinnen diese Instrumente der Kollaboration dann auch in anderen Fächern, bei anderen Arbeitsaufträgen, ohne dass sie erneut auf diese Möglichkeit hingewiesen werden müsste.

OER sind in der Gefahr, bisherige Schulbücher und Arbeitsmaterialien nur ergänzen oder ablösen zu wollen. – Wichtiger scheint mir heute allerdings, didaktisch verantwortet neue Formen des Lernens im Rahmen sich ergänzender und gegenseitig erweiternder digitaler und analoger Möglichkeiten zu entwickeln und zu fördern. Es könnte sein, dass wir dazu ganz anderes Lernmaterial brauchen, als es aus Schulbüchern und von Arbeitsblättern her vertraut ist, unabhängig von deren Lizenzierung.

Die Entwicklung didaktischer Modelle des Lernens angesichts von allgegenwärtigen Algorithmen steckt bislang noch in den Kinderschuhen bzw. wird selbst von Profis im Lehrbereich viel zu häufig unterschätzt und nur unzureichend überhaupt als Herausforderung erkannt.

5 Das Problem mit dem Urheberrecht und die Produktivität

Die Nutzung von Medien unterliegt rechtlichen Rahmenbedingungen. Das wird immer wieder betont. In diesem Zusammenhang wird immer wieder das Urheberrecht bemüht. Das Urheberrecht ist wichtig, wenn ich Material Dritter verwende und von daher ist es ein Teil der Medienkompetenz, rechtssicher mit Material umgehen zu können. Darüber hinaus ist es Teil der Medienpädagogik, Wissen zum Thema Respekt vor geistigen Leistungen zu vermitteln, wozu neben der Achtung des Urheberrechtes auch gehört, auf korrekte Angaben zur Nutzung von Material zu bestehen, das unter einer Creative-Commons-Lizenz steht. Vielen ist zum Beispiel nicht bewusst, dass auch bei Angaben aus Wikipedia lizenzrechtlich festgelegt ist, welche Quellenangaben wie gemacht werden müssen.

Die Betonung von Rechtsfragen im Kontext der Medienkompetenz, wie sie gerade im Kontext von OER immer wieder im Vordergrund zu stehen scheint, scheint manchmal so stark auf Rechtsfragen zu fokussieren, dass ein wenig aus dem Blick gerät, wie rechtliche Probleme umgangen werden können, wenn Produktivität mal als Eigenleistung verstanden wird!

Nehmen wir z. B. diesen Artikel, den ich hier vorlege. Dieser Artikel ist sicherlich eine Eigenleistung des Autors, der sich aber natürlich auch anderer Quellen bedient, sich stark vom Artikel eines anderen anregen lässt, und dies auch angibt. – Es wird bei der OER-Diskussion so selbstverständlich davon ausgegangen, dass man Material Dritter benutzen müsse, dass ich einfach mal auf die Möglichkeit hinweisen möchte, dass man auch eigenes Material erstellen und dieses im Netz verfügbar machen kann, ohne dass dieses unter einer freien Lizenz stehen müsste. – Dennoch ist solches Material nutzbar, wenn die Eigenleistung um die genutzten Teile herum groß und eigenständig genug ist.

Vielleicht wäre es ein Beitrag zur Verbreitung von OER, wenn man nicht mit Rechtsfragen begänne, sondern gemeinsam, kollaborativ eigenes Material erstellte und dieses dann verfügbar machte. – So könnte man zumindest schnell die Erfahrung machen, wie gut sich diese Form des Arbeitens anfühlt.

Wie der Umgang mit Material Dritter rechtlich abgesichert erfolgen kann, könnte man dann nachgelagert erforschen, herausfinden oder (sich) erläutern (lassen). Auf diesem Wege könnte es passieren, dass der Wert von kollaborativ erstelltem und frei verfügbar gemachtem Material, das übrigens auch von Lernenden entwickelt werden kann, als emotional so befriedigend erlebt wird, dass einen dann die Aneignung zusätzlicher rechtlicher Wissensbestände weniger abschreckt, als umgekehrt, wenn man von Anfang an mit all den rechtlichen Problemen konfrontiert wird, zu denen wohl eher selten eine emotional positive Einstellung entstehen wird, die dann die Erstellung von OER motiviert.

6 Weitere Thesen und Überlegungen

  1. Für Lehr-/Lernkontexte ist es wichtig, dass Lernprozesse auch von Lernmaterial unterstützt werden. Ob es sich dabei um OER handelt oder um Material, das dem Copyright unterliegt, ist dabei sekundär, wenn das Material nur vorliegt. Dass OER kostenlos seien, wird zwar implizit immer mit gedacht, aber das muss für die Erstellung durchaus nicht zutreffen. Material unter © kostet (nicht immer) Geld; viele OER werden zumindest erfordern, dass deren Ersteller bezahlt werden, sodass die Annahme, der Einsatz von OER sei grundsätzlich billiger als der Einsatz von Material, dass das Copyright schützt, tendenziell wahrscheinlich stimmt, aber vielleicht doch keine so große Diskrepanz bei den Kosten entstehen lässt, wie es teilweise direkt oder indirekt angenommen wird.
  2. Didaktische Fragen der Differenzierung und der Vielfalt entsprechender Lernmöglichkeiten können über OER vielleicht erweitert werden. Die bislang verfügbaren Materialien, die als OER gekennzeichnet sind, leisten diese Differenzierung aber nicht unbedingt besser oder schlechter, als viele »klassische« Lernmaterialien. Was der Differenzierung wirklich dienen kann, sind wiederum keine Lizenzfragen, sondern Fragen, die (gesellschaftliche) Veränderungen im Kontext der Digitalisierung betreffen. Algorithmen erlauben das leichtere Auffinden von Material zur Bearbeitung von Problemhorizonten, selbst gestellter Forschungsfragen etc. Algorithmen machen es möglich, dass »mit unterschiedlichen Lernstilen, Voraussetzungen und Zugängen« (Muuß-Merholz 2013, Absatz 7) in Lehr-Lernsituationen leichter umgegangen werden kann, als in Zeiten, in denen diese Algorithmen nicht verfügbar waren.
  3. OER sind in der Regel an eine Sprache gebunden und von daher nicht per se global verfügbar, anpassbar und weiter verwendbar, es sei denn, es handelt sich um Bilddateien oder Videos ohne Sprache; es sei denn, es werden Materialien in andere Sprachen übersetzt, was OER-Lizenzen zulassen sollten / müssen. Es gibt Beispiel, die das Übersetzungsproblem allerdings schon gelöst haben, wobei ich hier vor allem an die TED-Videos denke, die oft mit Untertiteln in verschiedenen Sprachen verfügbar sind.
  4. Wenn Jöran Muuß-Merholz davon ausgeht, dass die Debatte um OER die »Diskussion um die mediale Ausstattung an Schulen (z. B. Software, Hardware, Netz, Schulungen)« fördere (Muuß-Merholz 2013, Absatz 10), dann wird zumindest klar, dass hier OER ausschließlich digital gedacht werden. – Es ist richtig, dass die Digitalisierung die Welt verändert, dass sich mit der Digitalisierung, die ja vor allem eine Durch-Algorithmisierung der Welt ist, das Lernen verändert und in diesem Zusammenhang die Diskussion um die mediale Ausstattung von Schulen diskutiert werden muss. Es scheint mir dann doch ein Umweg zu sein, anzunehmen, dass OER diese Diskussion befördern würden. Im Augenblick wird diese Diskussion vor allem durch schülereigene Geräte angetrieben, verbunden mit der Frage nach deren Nutzung oder nach deren Verbot im Schulkontext. Zudem sei hier folgendes noch ergänzt: Neben die Diskussion um die mediale Ausstattung der Schulen muss die Diskussion um die mediale Ausstattung der Schüler und Schülerinnen treten, denn deren Ausstattung ist für die Schulen ja schon längst relevant. Digitale Integration könnte erleichtert werden, wenn Schüler und Schülerinnen mit den ihnen vertrauten Geräten arbeiten könnten und sich nicht gegebenenfalls in ganz andere Betriebssysteme an der Schule einfinden müssten. – Lehrer müssen in solchen Kontexten dann eben die Kompetenz erwerben, mit dieser Vielfalt umzugehen.

7 Schlussbemerkungen

Open Educational Ressources sind ein wichtiges und notwendiges Instrument der Lehre und des Lernens. Nicht ohne Grund werden OER von der UNESCO befürwortet und vorangetrieben. Vor allem für die armen Regionen dieser Welt bieten sie echte Chancen für eine Verbesserung der Bildungschancen. – Aber auch in Deutschland und anderen Industrienationen sind sie ein interessantes Instrument, um die Arbeit von Lehrenden zu erleichtern.

Entsprechend begann die Diskussion in Deutschland zu einem Zeitpunkt eine etwas breitere Basis zu bekommen, als die Rechtsunsicherheiten, die das Urheberrecht und die digitalen Möglichkeiten mit sich bringen, deutlich wurden. In der Diskussion um die Frage, ob Schulbuchverlage Schulrechner mithilfe der Schulträger und einer von den Bildungsmedien-Verlagen in Auftrag gegebenen Software nach Digitalisaten durchsuchen dürfen, wurde klar, dass die Praxis von Lehrern, die Material digital nutzen wollen, und die Vorgaben des Urheberrechts zu solchen Digitalisaten, nicht so recht zusammen passen. Mittlerweile haben die Kultusminister und die Schulbuchbranche sich auf neue Regeln geeinigt, die diese Digitalisate mit analogen Kopien gleichstellen und die gleichen Regeln auf sie anwenden.

Anders als es manchmal anklingt, ging es in der deutschen OER-Debatte als diese eine etwas breitere Basis erreichte, eben nicht um Fragen der quantitativen Verfügbarkeit von Lernmaterial; die Debatte wurde vielmehr von Rechtsfragen angeregt und dem Bedürfnis der Lehrenden, im Rahmen von OER vielen Problemen die mit dem klassischen analogen Urheberrecht und dem Copyright verbunden sind, zu entgehen. Vielleicht liegt darin der Grund, warum bei Diskussionen um OER so schnell und nachhaltig die rechtliche Seite dominiert und weniger das Gefühl betont wird, das entsteht, wenn man kollaborativ eigenständig(es) Material entwickelt, wenn man produktiv ist und dieses Material dann auch noch online stellt.

Darüber hinaus könnte in dieser Geschichte, die die Basis der aktuellen Debatte um OER in Deutschland darstellt, wenn die Debatte mittlerweile auch über diese konkrete Situation hinaus gewachsen ist, auch der Grund dafür sein, warum zumindest einzelne an der OER-Debatte beteiligten Stimmen teilweise in Unternehmen der Bildungsmedienbranche (Schulbuchverlage, Anbieter kommerzieller digitaler Lernangebote, Produzenten von Lehrfilmen, Hersteller digital interaktiver Tafeln…) keine Dienstleister sondern »Gegner« sehen. Aber es entwickeln sich längst Gesprächsfäden, die vielleicht dazu beitragen, dass die Debatte um Lernmaterial in Deutschland auf eine Ebene kommt, die von der Lernpsychologie als wichtige Voraussetzung für das Lernen gesehen wird: Produktives Arbeiten, in dem man Eigenmächtigkeit erlebt und mit dem man andere zur Eigenmächtigkeit anleiten bzw. mit dem man die Eigenmächtigkeit anderer aktivieren kann – was übrigens das Hauptanliegen der Aufklärung Kants und seiner Nachfolger war und ist – macht glücklich.

Solches Material setzt man wahrscheinlich auch gerne ein. Die Frage der Lizenz ist dann eine Frage unter anderen; die Frage der konstruktiven Gestaltung des digitalen Leitmedienwandels kann dann vielleicht auch noch unter anderen als rechtlichen Aspekten diskutiert werden, z. B. unter dem Aspekt einer Didaktik des digitalen Lernens oder auch der Problematik, die generell mit dem Begriff der Didaktik in der (digitalen) Welt der Gegenwart verbunden ist. Lisa Rosa spricht davon, dass es heute darum gehe, dass wir Lernen Lernen lernen (Rosa 2013). Und das ist dann eine Debatte, die letztlich weit über Fragen der Lizenzierung hinaus geht und die Frage nach persönlichen Lernnetzwerken (PLN) ins Zentrum rückt.

Literatur:

Bunz, Mercedes, Die stille Revolution: wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen, Edition Unseld, 43, 1. Aufl., Originalausg (Berlin: Suhrkamp, 2012), Kindle.

Muuß-Merholz, Jöran, Was haben OER mit digitaler Integration und Medienkompetenz zu tun?, Co:llaboratory Internet und Gesellschaft (2013), aufgerufen am 22. Juni 2013.

Rosa, Lisa, Lernen Lernen lernen mit dem persönlichen Lernnetzwerk. Wie im digitalen Zeitalter eigensinnig und gemeinsam gelernt wird (Verschriftlichung eines Vortrages auf der re:publica 13), shift. Weblog zu Schule und Gesellschaft (2013), aufgerufen am 20. Juni 2013.

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  1. Dieser Begriff »digitale Integration« ist hier bewusst doppeldeutig gemeint: Zum einen meint er die Integration des Einzelnen in digitale Kontexte; zum anderen meint er die Integration des Digitalen in den Alltag des Einzelnen. Schließlich ist mit dem Begriff der »digitalen Integration« auch noch die Bereitschaft verbunden, in digital gestützten Netzwerken mitzuarbeiten, was andererseits wiederum die Bereitschaft dieser Netzwerke zur Integration Dritter voraussetzt. []
  2. Jede kritische Reflexion zum Thema »OER« wird allzuoft als eine »ablehenende«, »negativ kritische« Reflexion gesehen bzw. als solche bezeichnet. Mir wurde sogar schon unterstellt, ich sei gegen OER. Mein Nachdenken über OER, die ich in der Tat für eine spannende und wichtige Ergänzung im Bildungssektor sehe, lässt sich davon leiten, dass mich immer überrascht, wenn formale Aspekte – in diesem Fall die Frage von Lizenzen – stark mit dem Versprechen verbunden werden, sie könnten viele Probleme mildern oder gar lösen. []
  3. Ich betone hier den deutschsprachigen bzw. bundesrepublikanischen Kontext, weil die OER-Debatte, die ich hier aufgreife, in diesem Rahmen stattfindet. In anderen Zusammenhängen, insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern, sehe ich die Bedeutung von OER angesichts mangelnder Ressourcen zur Anschaffung von Lern-/Bildungsmaterial als wesentlich größer an. []

6 Gedanken zu „Von der Digitalisierung, freien Bildungsmaterialien und dem Lernen im digitalen Leitmedienwandel

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  2. Jöran

    Ich habe viel Zustimmung, aber das ist ja langweilig. Deswegen Widerspruch zu dieser Stelle: “Aber bislang ging es auf Konferenzen und bei Zusammentreffen, die OER ins Zentrum stellten, tatsächlich mehr um Lizenzierungsmodelle und Fragen der Qualitätssicherung, als um das konkrete Erstellen von Material” Dieser Punkt wird – mit Betonung des ‘Aber’ am Anfang – von Torsten und Melanie Unbekannt immer wieder vorgebracht. Ich kann das nicht nachvollziehen. Aus meiner Sicht ist es selbstverständlich, das Konferenzen Orte von Debatten, von Zusammentragen, von Sortieren und nicht von Handeln und Produzieren sind. (Bei Konferenzen von Medizinern werden ja auch nicht Kranke behandelt, sondern Forscher, Praktiker, Entscheider und Betroffene im Feld der Medizin diskutieren, wie wir Kranke behandeln.)

    Konferenzen stehen imho nicht in Konkurrenz zu den Orten und Gelegenheiten des Handelns. Auch zu Bildungsmaterialien braucht es Orte für Debatten zum einen und Orte für das Handeln zum anderen. Es braucht OER-Konferenzen und OER-Workshops – und natürlich vor allem ganz viele Lehrende und Lernende, die handeln, was ja, wie Du so schön sagst, glücklich machen kann.

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  4. Maessjuh

    In meiner Begeisterung fiel mir doch dieser Satz auf: “OER sind in der Gefahr, bisherige Schulbücher und Arbeitsmaterialien nur ergänzen oder ablösen zu wollen. – Wichtiger scheint mir heute allerdings, didaktisch verantwortet neue Formen des Lernens im Rahmen sich ergänzender und gegenseitig erweiternder digitaler und analoger Möglichkeiten zu entwickeln und zu fördern.” Immer wenn man anfängt, Schule als Ort des Lernens ganz neu und zeitgerecht zu denken und entsprechend zu handeln, spürt man den Druck des Systems Schule. OER als Kernelement einer Bildungsrevolution zu funktionalisieren, halte ich deswegen in dieser allgemeinen Diktion für ausgesprochen schwierig; wenn OER als Ersatz von bisherigen Materialien verstanden und umgesetzt werden würde, wäre schon hinsichtlich Austausch, Effizienz und Evaluation so viel gewonnen. Wie viel die SuS in meinem Unterricht lernen, hängt ganz klar von dem Unterricht des/der “schlechtesten” Kollegen/Kollegin ab – man braucht sich also nur im Lehrerzimmer umzuschauen und sich zu fragen, wie man die alle mit ins Boot holen kann. Und dann muss man kleine Brötchen backen. Ganz kleine.

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  5. Markus Deimann

    Mir gefällt der Beitrag insgesamt sehr gut, da er ähnlich wie Timo van Treek (http://tvtsblog.blogspot.de/2013/06/6-thesen-zu-cmoocs-in-den-medien.html?showComment=1371677019321#c7064123438918773289) sehr viele wichtige Aspekte anspricht, die man für eine ausgewogene Diskussion braucht.

    Was sich mir jedoch nicht ganz erschließt, ist der zweite Aspekte (Offenheit mehr als Partizipation, denn als Lizenzmodell). Ich glaube, hier werden zwei Ebenen miteinander vermischt und dadurch gegeneinander aufgerechnet. Ist es denn nicht so, dass durch offene Lizenzen mehr (digitale) Partizipation entsteht? Und kommt es dann durch mehr Partizipation nicht zu einer größeren Verbreitung von OER? Ich finde es sehr wichtig, auf offenen Lizenzen zu achten und zu bestehen, da dies der Schlüssel zu mehr Partizipation ist. All die Anstrengung von Open Textbooks (David Wiley) sind doch darauf gerichtet. Bildung offener zu gestalten und dadurch individuellere Lernprozesse zu ermöglichen.

    Wenn wir es schaffen, mehr Inhalte als offenes Gemeingut anzubieten, besteht eine gute Chance für mehr Partizipation verschiedener gesellschaftlicher Gruppen.

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