Vom Interpretieren literarischer Texte

Beim Interpretieren literarischer Texte steht die Vermittlung des individuellen Leseeindrucks im Zentrum.

Das, was ich beim Lesen entdecke, soll anderen transparent werden.

Es geht nicht zuerst darum, was der Autor sagen wollte; das ist eine nachgelagerten Frage, die literaturwissenschaftlich interessant sein mag, aber beim literarischen Lesen den Fokus verschiebt.

Wenn ich lese, dann geht es um niemanden anderen als um mich als Leser.

Für nichts, was ich als Leser mit einem Text erlebe, muss ich mich irgendwo rechtfertigen. Sogar die Erfahrung, einem Text die Rezeption zu verweigern, muss ich als Leser nicht rechtfertigen. Ich darf natürlich auch nicht lesen. – Es ist allerdings ein Unterschied, ob ein Leser nicht liest oder jemand so grundsätzlich nicht liest, dass er oder sie nicht als Leser oder Leserin bezeichnet werden kann.

Zurück aber zu dem, was es mit der Interpretation eines Textes auf sich hat.

Natürlich bin ich diesem Thema auch in meiner Rolle als Lehrer begegnet: Immer dann, wenn ich Schülerinnen und Schülern nahezulegen versuche, die je eigenen Leseeindrücke als Zugang zu einem Text zu nutzen.

Es ist fast in jeder Klasse das gleiche Phänomen: Frage ich, was beim Lesen der erste Zugang zum Text sei, bekomme ich in unterschiedlicher Reihenfolge doch immer die gleichen Antworten.

  • Man müsse zunächst den Text verstehen.

Damit ist oft nicht gemeint, dass der Text in schwieriger Sprache verfasst ist, gemeint ist wirklich nur das rein inhaltliche Verstehen. Das ist zwar wichtig, aber einen Eindruck von einem Text kann ich schon haben, wenn ich den Text noch nicht »verstanden« habe.

  • Man müsse den Text vor einem Epochenhintergrund sehen und ihn vor diesem zu verstehen versuchen.

Dagegen habe ich, das gilt übrigens für jede hier genannte Antwort, gar nichts einzuwenden. Aber sorry, wenn ich lese, dann passiert etwas zwischen dem Text und mir. Hier. Heute. In der Gegenwart. Die Epoche, aus der ein literarischer Text stammt, ist mir als Leser beim Lesen bis auf Weiteres egal. – Ich halte es entsprechend für keinen Zufall, dass eines meiner Lieblingswerke, Goethes Faust, sich ebenso jeder klaren Epochenzuweisung entzieht, wie das auch bei Shakespeare, Dante, Kleist, Kafka und anderen Giganten der Literatur der Fall ist.

Die ganz große Literatur ist kein Epochenphänomen, sondern entfaltet sich in ihrem Reichtum erst in den Erfahrungen, die Leser unterschiedlichster Epochen mit diesen Werken machen. Entsprechend emanzipieren sich solche Werke auch von ihren Autoren, sodass die Frage, was die Autoren mit Ihnen wollten, wirklich nur noch literaturhistorischer Natur ist. – Mich als Leser interessiert sie nicht. (Als Literaturwissenschaftler hingegen finde ich die Frage durchaus interessant, aber hier geht es um den Leser, der Literatur als Gegenstand persönlicher Begegnung mit dem Werk betrachtet.)

  • Man müsse den Text analysieren, um einen Zugang zu bekommen.

Vor allem, wenn ich mit Schülern und Schülerinnen Gedichte lese, bekomme ich diese Antwort. Vielleicht fällt die Beschäftigung mit Gedichten vielen Schülerinnen und vor allem Schülern deshalb so schwer, weil man die Gedichte gleich verstehen will, statt sie erst einmal auf sich wirken zu lassen und darauf zu achten, was zwischen dem Gedicht und mir als Leser so passiert, zunächst völlig unabhängig von irgendeinem »Veratehen« des Gedichts. Erst, wenn ich mich auf die Suche nach den Gründen mache, was das, was ich mit einem Gedicht (nicht) erlebe, verursachen könnte, kann eine formale Analyse sinnvoll sein. Aber erst dann und wirklich in Bezug auf den Inhalt.

Formale Analysen mögen zeigen, dass jemand Stilmittel zu erkennen gelernt hat, aber zum Veratehen eines Texte tragen sie nur etwas bei, wenn sie auf den Inhalt bezogen werden und möglicherweise Schichten des Verstehens freilegen, die der erste Leseeindruck nicht wahrgenommen hat, die den Leseeindruck vertiefen oder völlig verändern. – So ernst ich den ersten Leseeindruck auch nehme, so bedeutet das nicht, dass dieser sich bei der Beschäftigung mit einem literarischen Text nicht noch verändern kann. Es ist sogar möglich, dass ein erster Leseeindruck bei genauerem Hinsehen an einem literarischen Text nicht belegt werden kann, entsprechend falsch war und korrigiert werden muss.

Es ist eine Herausforderung, Schülern, Schülerinnen und auch anderen Lesenden, die sich interpretierend mit Texten befassen, nahezubringen, dass sie nicht gleich mit den oben skizzierten Antworten an einen Text herangehen, sondern zunächst wirklich darauf zu achten, was zwischen ihnen als individuell Lesenden und einem literarischen Text passiert. Einen Text schriftlich zu interpretieren ist dann nichts anderes, als den eigenen Leseeindruck für andere zugänglich, verständlich, nachvollziehbar zu machen, indem ich ihn verschriftliche.

Dabei überprüfe ich meinen Leseeindruck auch, den ich zu diesem Zwecke in eine Interpretationshypothese gefasst habe, um am Ende mein Leseverständnis nachvollziehbar dargelegt zu haben, um es für mich selbst und gegebenenfalls andere vertieft oder vielleicht auch verworfen zu haben, um zu einem anderen Verstehen des Textes zu gelangen.

Aber auch hier gilt: Wenn nicht literaturwissenschftliche Perspektiven andere Zugangsweisen fordern, fahre ich in der interpretierenden (schriftlichen) Auseinandersetzung mit einem Text immer gut, wenn ich meinen individuellen Leseeindruck solange wie möglich ernst nehme und diesen transparent zu machen versuche. In den meisten Fällen führt dieser Zugang zum Text weiter, als nach Intentionen von Autoren oder epochetypischen Anliegen von Literatur zu fragen. Und für Leser solcher Interpretationen führt dieser Zugang oft auch zu interessanteren Texten.

Die Bedeutung von Literatur liegt unter anderem in den unterschiedlichen Formen ihrer Wahrnehmung durch einzelne Lesende in Epochen und über Epochen hinweg. Vor diesem Hintergrund ist dann meine schriftliche Auseinandersetzung mit einem literarischen Text, die von meinem Leseeindruck ausgeht, für die Bedeutung eines Textes relevant. So übersteigt die schriftliche Fassung meines Leseeindrucks dann mich als Individuum und geht in den Fluss des Verstehens eines Textes über Raum und Zeit hinweg mit ein. Und das ist ja auch keine schlechte Perspektive.

Bücher für Jugendliche 1 – Joss Stirling, Finding Sky. Die Macht der Seelen 1 – Roman.

Die Geschichte ist nicht sonderlich überraschend. Jede bedrohliche Situation für Sky Bright und Zed Benedict fühlt sich nur halb so bedrohlich an, wenn man weiß, dass Joss Stirlings Roman »Finding Sky: Die Macht der Seelen 1« noch zwei Folgebände hat, sodass der Geschichte um Sky Bright und die Familie Benedict eine ganze Trilogie gewidmet wird. Da ist ein Happy End vorprogrammiert, Teil des literarischen Programms.

Aber ganz so einfach macht es sich Joss Sterling nicht. Sie lässt genügend Fragen offen, die dem Leser Platz einräumen, eigene Phantasie spielen zu lassen. Mag das Happy End auch irgendwie in dieser Art von (Jugend)Romanen angelegt sein: Ein Happy Beginning gibt es in »Finding Sky« nicht. – Wie auch, wenn jemand – wie die sechzehnjährige Sky – keine Ahnung von ihrer Herkunft hat, mit ihren Künstleradopotiveltern Simon und Sally Bright von England für ein Jahr in die USA zieht und dort zwar von vielen gemocht, aber gleichzeitig vor eine zentrale Herausforderung ihres Lebens gestellt wird?

Sky ist anders als die anderen. Das hat zunächst einmal nichts damit zu tun, dass sie keine Ahnung hat, wer ihre Eltern sind. Aber sie wird damit konfrontiert, dass sie andere Fähigkeiten hat, als andere Menschen. Sie trifft auf Menschen, die ähnliche Fähigkeiten haben und – auch wenn Skys Eltern reichlich ahnungslos bleiben – bei Sky einen Prozess der Selbstfindung auslösen.

Ein typischer Adoleszenzroman, der das typische Thema der Selbstfindung in eine weitere Form packt, deren Zutaten allerdings vertraut sind: Eine Protagonistin fühlt sich sich selbst gegenüber fremd, man setzte ein paar Schmetterlinge in ihren Bauch, schaffe Hindernisse, die der jungen Liebe im Wege stehen, und dazu noch ein wenig Action, damit man behaupten kann, das Buch sei nicht nur für Mädchen geeignet, sondern auch für Jungs interessant, und schon hat man den richtigen Mix für schmerzfreie Literatur, für einen Unterhaltungsroman mit integriertem pädagogischen Mehrwert (Selbtsfindungsproblematik).

Diese literarische Mischung landete unter den Nominierungen der Jugendjury zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2013. Zwar hat er den Preis schließlich nicht bekomme, dieses Privileg wurde erwartungsgemäß John Greens »Das Schicksal ist ein mieser Verräter« zuteil, aber es muss Gründe geben, dass diese Geschichte von der Jugendjury für nominierenswert erachtet wurde.

So wenig der Roman an wirklichen Überraschungen zu bieten hat, so sehr kann ich nachvollziehen, warum diese Geschichte dort landete. Joss Stirling erzählt die Geschichte gut. Die Geschichte ist trotz ihrer Standardzutaten und phantastischen Anteile – zumindest in der ersten Hälfte des Romans – glaubwürdig. Man glaubt, dass es eine solche Welt gegeben kann, weil es unsere Welt ist.

Joss Stirling erzählt zunächst nichts anderes als die Geschichte eines Mädchens, das an einen neuen Ort auf einem anderen Kontinent kommt und sich dort zurecht finden muss. Die Hinweise, dass da etwas ist, das mit der Realität, wie wir sie kennen, nichts zu tun hat, werden unauffälllig eingestreut. Schritt für Schritt tritt das besondere an dieser Welt bzw. an bestimmten Menschen in ihr in den Vordergrund.

Klar, Stirling lässt gut und böse einmal mehr sehr eindeutig sein. Sie erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Sky, was an der einen oder anderen Stelle durchaus verwirrend ist, vor allem dort, wo sie das Gedächtnis verliert, der Leser sich aber sehr genau erinnert, was da passiert ist. Handwerklich ist die Geschichte aber auch an dieser zentralen Stelle so erzählt, dass der Leser sie sofort nachvollziehen und wahrscheinlich sogar glauben kann.

Aber die Jungendjury des Jugendbuchpreises mag noch so betonen, dass »der perfekte Mix aus Romantik und Action […] auch für Jungen interessant [ist]«, ich halte die Zahl der 13-14jährigen Jungen, die eine Selbstfindungsgeschichte durch die Augen einer 16jährigen lesen möchten, für eher gering.

Insgesamt ist der Roman gut lesebar. Er kommt mit eingängier Sprache leichtfüßig daher und verliert trotz der phantastischen Geschichte seine Glaubwürdigkeit nicht. Darüber hinaus aber bietet er auch nur wenig Reibungsfläche, es sei denn, Jugendliche im Selbstfindungsprozess identifizieren sich mit Sky. Diese Chance bietet der Roman durchaus, was ihm dann einen pädagogischen Touch gibt, der aber erträglich ist, weil er ohne pädagogischen Zeigefinger auskommt.

  • Lesealter: ab 13
  • E-Book Kindle: Stirling, Joss, Finding Sky Die Macht der Seelen 1: Roman. Aus dem Englischen von Michaela Kolodziejcok (German Edition), [Kindle Edition], 14,99€
  • E-Book EPub: Stirling, Joss, Finding Sky Die Macht der Seelen 1: Roman. Aus dem Englischen von Michaela Kolodziejcok (German Edition), EPub, 14,99€
  • Papierbuch: Stirling, Joss, Finding Sky Die Macht der Seelen 1: Roman. Aus dem Englischen von Michaela Kolodziejcok, München 2012, 16,95€

Vom Üben in der Schule (in Anlehnung an Gunter Dueck || @wilddueck)

Ich lese gerade Gunter DuecksDas Neue und seine Feinde: Wie Ideen verhindert werden und wie sie sich trotzdem durchsetzen“ und bin gerade in eine Gewohnheitsfalle getreten: Ich suchte in meinen digitalen Notizen nach dem Wort „wiederholen“, weil ich fester Überzeugung war, dass das von mir gesuchte Zitat dieses Wort enthält. Wie irritiert ich war, als mir null Suchergebnisse angezeigt wurden, kann man sich vielleicht vorstellen. Was war da los?

Ich suchte also manuell nach dem Zitat und siehe da: Das Verb „wiederholen“ taucht in den von mir angestrichenen Stellen und in den von mir dazu angefertigten Notizen gar nicht auf. Stattdessen lautet das Zitat, das ich gesucht habe:

„Das eigentliche Problem wird allerdings nie angefasst: das Üben und die Resistenz dagegen.“1

Da steht nicht „wiederholen“. Da steht „üben“.

Wenn ich Gunter Dueck richtig verstanden habe, ist das kein Zufall, denn in einigen von mir notierten Zitaten aus dem Buch taucht das Wort „üben“ auf,  nicht aber das Wort „wiederholen“. Und als ich dann in der Kindle-App auf meinem Rechner das ganze Buch noch einmal nach den genannten Wörtern durchsuchte, fand ich das Verb „wiederholen“ im ganzen Buch genau ein Mal, das Verb „üben“ hingegen vierundzwanzig Mal.2

Zwei Beispiele, die zu dem Gedankengang passen, den ich hier gleich weiter verfolgen will:

„…und dann gibt es auch für das Meisterwerden die 10 000-Stunden-Regel, die unter anderem von Malcolm Gladwell propagiert wird: Man muss 10 000 Stunden (zum Beispiel 10 Jahre lang 3 Stunden pro Tag) üben, um wirklich Weltniveau zu erreichen, sei es im Tennis, Opernsingen, Management, Kochen, Zahlentheorie, Computerbau oder in Innovation. Irre hohes Naturtalent kann das etwas abkürzen, ja! Und gute Lehrer auch, aber das Üben bleibt dann trotz des Talents irgendwie doch!3

„Im Ganzen gesehen ist in unserer heutigen Welt vom Üben kaum die Rede – wer würde auch nur 1000 Stunden üben wollen?“4

Und noch einmal, damit es wirklich wahrgenommen wird:

„Das eigentliche Problem wird allerdings nie angefasst: das Üben und die Resistenz dagegen.“5

Gunter Dueck schreibt dies in einem Buch, in dem es um Innovationen in der Wirtschaft geht. Im Zentrum der Überlegung steht der Entrepreneur. Das hindert mich aber nicht daran, das Buch mit den Augen eines Lehrers zu lesen. Überhaupt lese ich Bücher wie dieses von Dueck mittlerweile lieber als Bücher von deutschen Erziehungswissenschaftlern / Pädagogen, weil ich bei Dueck Antworten auf meine Fragen finde und von einigen (in vielen Studienseminaren gelesenen) Pädagogen – um es sehr überspitzt auszudrücken – erst einmal mitgeteilt bekomme, welche Fragen ich eigentlich haben sollte.

Auf Duecks Beharren auf der Notwendigkeit des Übens hat mich meine spontane Zustimmung aufmerksam werden lassen. Und zum Denken brachte mich, dass ich erst einmal felsenfest davon überzeugt war, dass da von der Notwendigkeit des Wiederholens die Rede gewesen sei.

Steht das Wiederholen im Vordergrund oder das Üben? Als reflektierender Praktiker stellte ich mir angesichts dieses Fehlers natürlich sofort diese Frage. Oder habe ich die Wörter einfach synonym verstanden, meinte mit Wiederholen aber eigentlich das Üben?

Meist bedeutet „wiederholen“ in der Schule oder an der Uni, dass ein Stoff vom Lehrer oder von Schülern in einem Referat für die Lerngruppe wiederholt wird. Da werden dann also z. B. die Erläuterungen für so wundersame sprachliche Stilmittel wie die Anadiplose der Brachylogie oder auch der Onomatopoesie als mündliche Erläuterung, vielleicht durch Folien unterstützt,  erneut und zum wiederholten Mal den Schülern und Schülerinnen vorgetragen.

Aber wenn ich etwas weiß und x Mal erläutert bekomme, bedeutet das noch nicht, dass ich das Erläuterte – z. B. ein sprachliches Stilmittel – auch erkennen, benennen und benutzen kann. Um hier voran zu kommen bedarf es der Übung.

Das Sprichwort sagt dann ja auch „Übung macht den Meister“. Das Sprichwort lautet nicht „Wiederholung“ macht den Meister.

Will ich also Schülerinnen und Schüler dahin bringen, dass sie etwas wissen und können, dann sorge ich klugerweise dafür, dass es Übungsmöglichkeiten gibt, in deren Rahmen die Lernenden wirklich Üben.

Als Deutschlehrer erinnerte mich Dueck an einige Binsenweisheiten, die oft in die Binsen gehen.

Natürlich wissen Lehrer, dass Schüler üben müssen. Viele Lehrer geben das Wiederholen dann auch als Hausaufgabe. Ja, oft heißt es tatsächlich: „Und das wiederholt jetzt bitte noch einmal bis zur nächsten Stunde.“ Es wird in vielen Fällen  Übungsmaterial verfügbar gemacht, sogar vorausgesetzt, dass Schülerinnen und Schüler eigenständig üben. Von daher denken Lehrende bei dem Wort „wiederholen“ meist bestimmt auch an das „Üben“, nur gibt es in dem angeführten Zitat von Gunter Dueck einen oft vernachlässigten zweiten Teil:

„Das eigentliche Problem wird allerdings nie angefasst: das Üben und die Resistenz dagegen.“6

Ja, in Schulen gibt es oft viel Übungsmaterial. Ja, Eltern ergänzen dieses Material durch Workbooks, selbst angeschaffte Übungsbücher, es werden von Lehrern Übungsblätter erstellt. Schülerinnen und Schüler gehen aber nicht unbedingt so mit den Materialien um, wie Lehrende sich das vorstellen. Werden Übungsblätter als Hausaufgabe aufgegeben, ist später dann oft unklar, wer wirklich nachdenkend geübt und wer die Ergebnisse nur abgeschrieben hat. Wird im Unterricht geübt, ist das mit der Kontrolle zwar leichter, aber so wirklich intrinsisch ist die Motivation dann auch nicht. Wird das Üben von Lehrenden regelmäßig überprüft, klagen sich Schüler und Schülerinnen möglicherweise über „zu hohe Anforderungen“.

Das Problem ist oft nicht die Ermöglichung des Übens. Das Problem ist „die Resistenz dagegen“. Und da haben wir nun den Salat. Es macht Schülerinnen und Schülern ebenso wie vielen Erwachsenen einfach keinen Spaß zu üben. Wenn jemand etwas macht, weil er oder sie es machen will, dann kann man vielleicht die 10000 Stunden Üben erreichen, die notwendig sind, um etwas bis zur Meisterschaft zu beherrschen. Aber solch eine Motivation hat man erstens nie in allen Unterrichtsfächern und zweitens kommt man häufig ja sowieso durch, auch wenn man nicht (so viel) übt.

Wie aber geht man an die Resistenzen gegen das Üben ran?

Der zaghafte Versuch einer Antwort lautet: Lasst Schüler Gelerntes praktisch anwenden. Aber das geht nicht in jedem Fall, zumindest wenn man noch nicht ganz davon weggekommen ist anzunehmen, dass Faktenwissen durchaus einen Wert hat. Geschichtliche Verläufe sind schwerer vom Wiederholen weg in Übungszusammenhänge zu bringen als z. B. sprachliche Stilmittel.

Eine Aufgabe mit nachhaltigem Lernerfolg: Schülerinnen und Schüler bekommen in einer Stunde mehrere sprachliche Stilmittel – unter anderem die Alliteration – vorstellt. Ihr Aufgabe ist es dann z. B. einen Text zu schreiben, in dem als Stilmittel von Wort zu Wort Alliterationen benutzt werden. Ziel: Der Text soll so lang wie möglich sein. Die Folgestunde ist in der Regel reichlich lustig. An diesen Sketch von Heinz Erhardt kommen die Texte zwar noch nicht ran, aber was eine Alliteration ist, wissen die Schüler anschließend nachhaltiger als zuvor – und das Beste ist: Sie können das Stilmittel sogar anwenden.

Aber was gibt es weiter an Wegen, um Resistenzen gegen das Üben aufzugreifen, abzumildern, zu vermeiden?

Was können wir in der Schule tun, damit Duecks Diktum (Alliteration), dass das eigentliche Problem nie angefasst werde, nämlich das Üben und die Resistenz dagegen, etwas weniger gilt?

Vorschläge sind gerne gesehen, sei es als Kommentar, in einem eigenen Blogartikel (bitte mit Pingback), als Videoantwort oder wie auch immer.

  1. Dueck, Gunter, Das Neue und seine Feinde (German Edition) [Kindle Edition]. loc. 2352-2353. []
  2. Wenn mich jemand fragt, welchen Vorteil das Lesen von E-Books hat, dann antworte ich unter anderem das: Man kann Bücher schnell durchsuchen und Wortstatistiken erstellen. Das ist ein echter Mehrwert des digitalen Buchs gegenüber dem gedruckten Buch. []
  3. Dueck, Gunter, Das Neue und seine Feinde (German Edition) [Kindle Edition]. loc. 2298-2302. Hervorhebungen TL. []
  4. Ebd., loc. 2304-2305. []
  5. Ebd., loc. 2352-2353. []
  6. Ebd., loc. 2352-2353. []

Fleisch am Spieß oder: Das s-Problem bei Fleisch und Co

Creative Commons Lizenzvertrag

Fleisch am Spieß oder: Das s-Problem bei Fleisch und Co von Torsten Larbig steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Eigentlich wollte ich jetzt in aller Gemütlichkeit und mit Genuss, ich habe nämlich gerade bei einem der – so schreiben es zumindest zwei Frankfurter Stadtmagazine – besten Chinesen Frankfurts gegessen, über eine Speisekarte herfallen, auf der Stahl zu Fleisch wird und das mit den 100 Prozent mathematisch nicht ganz aufgeht.

Leider ist das nicht so einfach. Deshalb jetzt zunächst der Bildbeweis, von dem ausgehend das Problem begann:

Natürlich ist der Drehspieß nicht aus 100% Fleisch, sondern aus Stahl. Aber gut, der Spießbraten ist in der deutschen Sprache existent und führt nicht zu einer Eisen-Überversorgung. Es kann also zumindest vermutet werden, dass die bezweckte Aussage erreicht wird. Damit hätte die Sprache ihr Ziel erreicht, nämlich eine zentrale Form der Kommunikation darzustellen.

Richtig glücklich bin ich mit diesem Zugeständnis dennoch nicht, ist es doch das Fleisch am Spieß, von dem behauptet wird, es handele sich um 100%iges Fleisch. Sei’s drum, freundlich gelächelt, über die in deutscher Sprache schnell fehlgehenden Bezüge zwischen Wörtern und darauf gewartet, dass endlich der Döner kommt.

Dieser Döner sollte laut Speisekarte, zumindest auf den ersten Blick und bezogen aus dem Fleischanteil; aus 100% Kalbsfleisch bestehen. Gänsehaut. Kalb_s_fleisch. Natürlich heißt das Kalb-Fleisch, nie und nimmer Klab-s-fleisch. Ist doch wohl klar.

Mit den Rechtschreibwörterbüchern deutscher Sprache bin ich mir da einig. Mit den Nutzern des Internets hingegen weniger, denn vor allem in Kochrezepten ist das „Kalb-s-fleisch” durchaus ein verbreitetes Phänomen.

Ein Satz, zwei Ansatzpunkte für den Sprachkritiker. Wunderbar.

Oder so ähnlich, denn in diesem Moment tauchte auf meiner Schulter ein kleines Kalb mit Hörner wie die eines kleinen Teufelchens auf, gab ein schwaches Muh-Geräusch von sich und raunte mir zu, dass es doch Kalb-s-lber heißen müsse und nicht etwa Kalb-leber, es außerdem Klab-s-schnitzel gäbe, aber eben keine Kalb-schnitzel, auch wenn Suchmaschinen wieder genügend überzeugte Nutzer des Wortes „Kalbschnitzel“ findet.

Was ist hier los?

Das Problem liegt (wieder einmal) beim Genitiv. Auf den ersten Blick mag es logisch scheinen, dass Fleisch, das vom Kalb genommen ist, des Kalbs Fleisch ist. Nur leider hilft diese Logik nicht weiter, denn spätestens beim Rindersteak sieht auch die Suchmaschine die Nutzer des Wortes „Rindssteak“ in signifikanter Unterzahl. Es ist auch kein Lamm-s-karree, welches das zartes Fleisch des Lamms bezeichnet, sondern eindeutig das Lammkarree.

Weitere Tiere und deren Namen auf dem Speiseplan: Ja, es heißt Hering-s-filet, aber es heißt ebenso Schollenfilet und nicht etwas Schollen-s-filet; im Herbst gibt es bei Wildbretfans Hirschbraten, aber nie und nimmer Hirschsbraten.

Wenn die deutsche Sprache hier mal konsequent wäre und das Genitiv-s dort einsetzen würde, wo es naheliegt. Aber dummerweise haben wir es bei den hier genannten Wörtern ja nicht einmal mit Genitiven im klassischen Sinne zu tun, sondern mit zusamengesetzten Wörtern, mit Komposita. Da sehen manche Vorderwörter tatsächlich so aus, als wären sie Genitive. In Wirklichkeit werden in zusammengesetzten Wörtern selbst aber in den seltensten Fällen Besitzverhältnisse geklärt.

Das „s“ ist in Komposita ein Fugenelement, trägt sozusagen zu einer haltbaren Verbindung der in das Wort eingebrachten Wörter bei. Diese Fugenlaute haben sich im Laufe der Sprachgeschichte heraus gebildet. Teilweise gibt es da sogar deutliche regionale Unterschiede – aber nicht beim Kalbfleisch, um wieder am Ausgangspunkt der Überlegungen anzukommen.

Der Verfasser der Speisekarte in diesem Dönerladen hat sich offensichtlich etwas dabei gedacht, als der fälschlicherweise „Kalbsfleisch“ schrieb. Und dass er den Spieß sprachlich fleischlich sein lässt, möge die Lust auf das Fleisch, nicht zu verwechseln mit der Fleischeslust ;-), nicht mindern.

Doch wenn dann 100% Kalbfleisch angepriesen werden, während keine 20 Zentimeter entfernt dann folgendes steht, dann kann einem schon mal Zweifel daran kommen, dass der Verfasser dieses Speisekartenhandzettels wirklich weiß, was 100% eigentlich bedeutet. Aber sehen sie selbst:

Da haben wir wieder den fleischlichen Drehspieß. Doch das Fleisch, dass auf den Drehspieß kommt, kann nicht 100% Kalbfleisch sein, wenn da noch andere Zutaten drinnen sind. – An dieser Stelle verging mir dann auch das Lachen und die Frage tauchte auf, ob hier dann vielleicht doch der Kunde ein wenig an der Nase herumgeführt wird. Aber das ist kein sprachliches Phänomen mehr, sondern ein Problem inhaltlicher Art, das eher in den Kompetenzbereich des Verbraucherschutzes als den Sprachbetrachteres gehört.

 

Gefunden – Vom Autor zum Buch. Früher.

Was es alles an kleinen Männchen in Computern und zugehörigen Druckern geben muss, um heute all diese Druckwerke zu erstellen. Ja, auch die Bücher in der Buchhandlung werden heute mit Computern erstellt. Das war nicht immer so. Hier ein Film auf Englisch, den ich bei YouTube entdeckt habe. Ich finde ihn spannend und in Kombination mit dem Sprecherkommentar aus dem Off sogar ein wenig lustig.

Zu Zeiten, in denen so viele Menschen an Büchern arbeiteten, hätte ich übrigens nachvollziehen können, wie der Preis von Büchern entsteht und warum ein Autor davon nur ein Bruchteil erhält. In digitalen Zeiten ist das Autorenhonorar nicht gestiegen, aber der Preis von Büchern mindestens gleich geblieben. Wenn aber weniger Menschen nötig sind, die Bücher zu erstellen, was passiert mit dem Geld?

Das nur als kurze Überlegung, jetzt aber: „Making Books is Fun! (to Watch):