Kategorie-Archiv: Deutsch Sek. II

Faust 1 – Hexenküche (Vers 2337–2604)

Klassische interpretationen zu dem in vielen Schulen in der Oberstufe gelesenen „Faust. Der Tragödie erster Teil” gibt es viele. Hier eine „Interpretation”, in der die Assoziationen des Lesers konsequent zum Verstehen ( = Interpretieren) heran gezogen werden. Das hier ist also nur eine und zudem höchst subjektive Interpretation der Hexenküchen-Szene. Dabei steht der Rezipient im Vordergrund. Diese Form des Lesens von Literatur ist in meinen Augen eine der für den Leser gewinnbringenden Heraungehensweisen an Literatur: An die Stelle der Frage, was möglicherweise ein Autor gewollt haben könnte, tritt die Frage, wie ich den Text verstehe, wobei das nicht heißt, dass es sich um eine Haltung des „Das kann jeder verstehen, wie er will” handeln würde. Leseerfahrungen bauen immer auf Leseerfahrungen auf, verbinden diese, bringen neue Leseerfahrungen hervor. Wenn diese anderen mitgeteilt werden sollen, müssen sie dies allerdings in einer Form tun, die intersubjektives Verstehen erlaubt. Und nun: „Der Worte sind genug gewechselt, / Laßt mich auch endlich Thaten sehn“ (V 215f). Weiterlesen

Vom Üben in der Schule (in Anlehnung an Gunter Dueck || @wilddueck)

Ich lese gerade Gunter DuecksDas Neue und seine Feinde: Wie Ideen verhindert werden und wie sie sich trotzdem durchsetzen“ und bin gerade in eine Gewohnheitsfalle getreten: Ich suchte in meinen digitalen Notizen nach dem Wort „wiederholen“, weil ich fester Überzeugung war, dass das von mir gesuchte Zitat dieses Wort enthält. Wie irritiert ich war, als mir null Suchergebnisse angezeigt wurden, kann man sich vielleicht vorstellen. Was war da los?

Ich suchte also manuell nach dem Zitat und siehe da: Das Verb „wiederholen“ taucht in den von mir angestrichenen Stellen und in den von mir dazu angefertigten Notizen gar nicht auf. Stattdessen lautet das Zitat, das ich gesucht habe:

„Das eigentliche Problem wird allerdings nie angefasst: das Üben und die Resistenz dagegen.“1

Da steht nicht „wiederholen“. Da steht „üben“.

Wenn ich Gunter Dueck richtig verstanden habe, ist das kein Zufall, denn in einigen von mir notierten Zitaten aus dem Buch taucht das Wort „üben“ auf,  nicht aber das Wort „wiederholen“. Und als ich dann in der Kindle-App auf meinem Rechner das ganze Buch noch einmal nach den genannten Wörtern durchsuchte, fand ich das Verb „wiederholen“ im ganzen Buch genau ein Mal, das Verb „üben“ hingegen vierundzwanzig Mal.2

Zwei Beispiele, die zu dem Gedankengang passen, den ich hier gleich weiter verfolgen will:

„…und dann gibt es auch für das Meisterwerden die 10 000-Stunden-Regel, die unter anderem von Malcolm Gladwell propagiert wird: Man muss 10 000 Stunden (zum Beispiel 10 Jahre lang 3 Stunden pro Tag) üben, um wirklich Weltniveau zu erreichen, sei es im Tennis, Opernsingen, Management, Kochen, Zahlentheorie, Computerbau oder in Innovation. Irre hohes Naturtalent kann das etwas abkürzen, ja! Und gute Lehrer auch, aber das Üben bleibt dann trotz des Talents irgendwie doch!3

„Im Ganzen gesehen ist in unserer heutigen Welt vom Üben kaum die Rede – wer würde auch nur 1000 Stunden üben wollen?“4

Und noch einmal, damit es wirklich wahrgenommen wird:

„Das eigentliche Problem wird allerdings nie angefasst: das Üben und die Resistenz dagegen.“5

Gunter Dueck schreibt dies in einem Buch, in dem es um Innovationen in der Wirtschaft geht. Im Zentrum der Überlegung steht der Entrepreneur. Das hindert mich aber nicht daran, das Buch mit den Augen eines Lehrers zu lesen. Überhaupt lese ich Bücher wie dieses von Dueck mittlerweile lieber als Bücher von deutschen Erziehungswissenschaftlern / Pädagogen, weil ich bei Dueck Antworten auf meine Fragen finde und von einigen (in vielen Studienseminaren gelesenen) Pädagogen – um es sehr überspitzt auszudrücken – erst einmal mitgeteilt bekomme, welche Fragen ich eigentlich haben sollte.

Auf Duecks Beharren auf der Notwendigkeit des Übens hat mich meine spontane Zustimmung aufmerksam werden lassen. Und zum Denken brachte mich, dass ich erst einmal felsenfest davon überzeugt war, dass da von der Notwendigkeit des Wiederholens die Rede gewesen sei.

Steht das Wiederholen im Vordergrund oder das Üben? Als reflektierender Praktiker stellte ich mir angesichts dieses Fehlers natürlich sofort diese Frage. Oder habe ich die Wörter einfach synonym verstanden, meinte mit Wiederholen aber eigentlich das Üben?

Meist bedeutet „wiederholen“ in der Schule oder an der Uni, dass ein Stoff vom Lehrer oder von Schülern in einem Referat für die Lerngruppe wiederholt wird. Da werden dann also z. B. die Erläuterungen für so wundersame sprachliche Stilmittel wie die Anadiplose der Brachylogie oder auch der Onomatopoesie als mündliche Erläuterung, vielleicht durch Folien unterstützt,  erneut und zum wiederholten Mal den Schülern und Schülerinnen vorgetragen.

Aber wenn ich etwas weiß und x Mal erläutert bekomme, bedeutet das noch nicht, dass ich das Erläuterte – z. B. ein sprachliches Stilmittel – auch erkennen, benennen und benutzen kann. Um hier voran zu kommen bedarf es der Übung.

Das Sprichwort sagt dann ja auch „Übung macht den Meister“. Das Sprichwort lautet nicht „Wiederholung“ macht den Meister.

Will ich also Schülerinnen und Schüler dahin bringen, dass sie etwas wissen und können, dann sorge ich klugerweise dafür, dass es Übungsmöglichkeiten gibt, in deren Rahmen die Lernenden wirklich Üben.

Als Deutschlehrer erinnerte mich Dueck an einige Binsenweisheiten, die oft in die Binsen gehen.

Natürlich wissen Lehrer, dass Schüler üben müssen. Viele Lehrer geben das Wiederholen dann auch als Hausaufgabe. Ja, oft heißt es tatsächlich: „Und das wiederholt jetzt bitte noch einmal bis zur nächsten Stunde.“ Es wird in vielen Fällen  Übungsmaterial verfügbar gemacht, sogar vorausgesetzt, dass Schülerinnen und Schüler eigenständig üben. Von daher denken Lehrende bei dem Wort „wiederholen“ meist bestimmt auch an das „Üben“, nur gibt es in dem angeführten Zitat von Gunter Dueck einen oft vernachlässigten zweiten Teil:

„Das eigentliche Problem wird allerdings nie angefasst: das Üben und die Resistenz dagegen.“6

Ja, in Schulen gibt es oft viel Übungsmaterial. Ja, Eltern ergänzen dieses Material durch Workbooks, selbst angeschaffte Übungsbücher, es werden von Lehrern Übungsblätter erstellt. Schülerinnen und Schüler gehen aber nicht unbedingt so mit den Materialien um, wie Lehrende sich das vorstellen. Werden Übungsblätter als Hausaufgabe aufgegeben, ist später dann oft unklar, wer wirklich nachdenkend geübt und wer die Ergebnisse nur abgeschrieben hat. Wird im Unterricht geübt, ist das mit der Kontrolle zwar leichter, aber so wirklich intrinsisch ist die Motivation dann auch nicht. Wird das Üben von Lehrenden regelmäßig überprüft, klagen sich Schüler und Schülerinnen möglicherweise über „zu hohe Anforderungen“.

Das Problem ist oft nicht die Ermöglichung des Übens. Das Problem ist „die Resistenz dagegen“. Und da haben wir nun den Salat. Es macht Schülerinnen und Schülern ebenso wie vielen Erwachsenen einfach keinen Spaß zu üben. Wenn jemand etwas macht, weil er oder sie es machen will, dann kann man vielleicht die 10000 Stunden Üben erreichen, die notwendig sind, um etwas bis zur Meisterschaft zu beherrschen. Aber solch eine Motivation hat man erstens nie in allen Unterrichtsfächern und zweitens kommt man häufig ja sowieso durch, auch wenn man nicht (so viel) übt.

Wie aber geht man an die Resistenzen gegen das Üben ran?

Der zaghafte Versuch einer Antwort lautet: Lasst Schüler Gelerntes praktisch anwenden. Aber das geht nicht in jedem Fall, zumindest wenn man noch nicht ganz davon weggekommen ist anzunehmen, dass Faktenwissen durchaus einen Wert hat. Geschichtliche Verläufe sind schwerer vom Wiederholen weg in Übungszusammenhänge zu bringen als z. B. sprachliche Stilmittel.

Eine Aufgabe mit nachhaltigem Lernerfolg: Schülerinnen und Schüler bekommen in einer Stunde mehrere sprachliche Stilmittel – unter anderem die Alliteration – vorstellt. Ihr Aufgabe ist es dann z. B. einen Text zu schreiben, in dem als Stilmittel von Wort zu Wort Alliterationen benutzt werden. Ziel: Der Text soll so lang wie möglich sein. Die Folgestunde ist in der Regel reichlich lustig. An diesen Sketch von Heinz Erhardt kommen die Texte zwar noch nicht ran, aber was eine Alliteration ist, wissen die Schüler anschließend nachhaltiger als zuvor – und das Beste ist: Sie können das Stilmittel sogar anwenden.

Aber was gibt es weiter an Wegen, um Resistenzen gegen das Üben aufzugreifen, abzumildern, zu vermeiden?

Was können wir in der Schule tun, damit Duecks Diktum (Alliteration), dass das eigentliche Problem nie angefasst werde, nämlich das Üben und die Resistenz dagegen, etwas weniger gilt?

Vorschläge sind gerne gesehen, sei es als Kommentar, in einem eigenen Blogartikel (bitte mit Pingback), als Videoantwort oder wie auch immer.

  1. Dueck, Gunter, Das Neue und seine Feinde (German Edition) [Kindle Edition]. loc. 2352-2353. []
  2. Wenn mich jemand fragt, welchen Vorteil das Lesen von E-Books hat, dann antworte ich unter anderem das: Man kann Bücher schnell durchsuchen und Wortstatistiken erstellen. Das ist ein echter Mehrwert des digitalen Buchs gegenüber dem gedruckten Buch. []
  3. Dueck, Gunter, Das Neue und seine Feinde (German Edition) [Kindle Edition]. loc. 2298-2302. Hervorhebungen TL. []
  4. Ebd., loc. 2304-2305. []
  5. Ebd., loc. 2352-2353. []
  6. Ebd., loc. 2352-2353. []

Die Leiden des jungen Werther 2 – Am 4. Mai 1771

Werthers erster Brief ist von Goethe nicht zufällig im Mai verortet. Es ist der Wonnemonat, der Monat der Liebe, der Monat, in dem das Wetter und die Natur ihre schönen Seiten zeigen. Und es ist auch kein Zufall, dass der Briefroman im Dezember endet. Die Handlung erstreckt sich über eineinhalb Jahre bis zum 24. Dezember 1772.

Werther ist glücklich. Er ist aufgebrochen, lässt die letzten Wochen noch einmal an sich vorbeiziehen und beginnt den Brief mit großer Erleichterung: „Wie froh bin ich, dass ich weg bin.“1

Doch anders als im Mai zu vermuten, ist Werther vor der Liebe geflohen! Er bedauert Leonore, die Schwester der Frau, in die er verliebt war: Sie hatte Gefühle für ihn entwickelt, die Werther zwar nicht beantworten konnte, mit denen er aber, so wirft er sich nun selbst vor, möglicherweise zu uneindeutig umgegangen ist, sodass sie sich Hoffnung auf Erfüllung ihrer Träume gemacht haben mag.

Doch wirklich nachhaltig ist diese Erinnerung nicht. Leonore wird im späteren Werk nicht mehr vorkommen. Er hat den alten Ort verlassen, ist aber Weiterlesen

  1. Ich zitiere nach der Hamburger Ausgabe: Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther. In: Trunz, Erich; von Wiese, Benno, Goethes Werke Band VI: Romane und Novellen I, München 1998 (zuerst 1981), S. 7–124, hier S. 7. []

Die Leiden des jungen Werther 1 – Der Herausgeber als Herausgeberfiktion

Wichtige Fachbegriffe sind kursiv hervorgehoben.

Bevor der BriefromanDie Leiden des jungen Werther“ zu beginnen scheint, meldet sich eine Stimme zu Wort, die sagt, dass in diesem Buch alles gesammelt vorliege, was dieser Herausgeber der Schriften „von der Geschichte des armen Werther nur habe auffinden können“1.

Dieser Abschnitt wird gerne einmal überlesen, als eine Anmerkung Goethes verstanden, die dem Werk vorausgeschickt ist. Später dann folgt im zweiten Buch eine längere Äußerung des Herausgebers, die etwas weniger als ein Drittel des Gesamtwerkes ausmacht und in der von mir zitierten Ausgabe von S.92–S.124 immerhin 32 Seiten umfasst.

Wer aber ist der Herausgeber? Sind die Briefe etwa authentische Zeugnisse einer realen Person? Ist Goethe der Herausgeber? Weiterlesen

  1. Ich zitiere nach der Hamburger Ausgabe: Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther. In: Trunz, Erich; von Wiese, Benno, Goethes Werke Band VI: Romane und Novellen I, München 1998 (zuerst 1981), S. 7–124, hier S. 7. []

Rettet die Lyrik. – Über Dichter, Gedichte und das Inter-Netz

Dichter, die keine Sänger sind und als solche etwas Erfolg haben, können von Gedichten – zumindest im deutschsprachigen Raum, aber ich glaube das gilt ziemlich global – in der Regel nicht leben.

Tragisch aber wird das erst, wenn die Lyrik verschwindet, weil sich Dichter nicht um deren Verbreitung kümmern. Es gibt sie zwar, die Enklaven der Lyrik im Netz, aber sind sie wirklich präsent? Selbst wenn sie den Grimme-Online-Award bekommen haben, wie http://lyrikline.org, oder einen guten Ruf genießen, wie http://poetenladen.de, hat es die Lyrik nach wie vor mit einer kleiner Nische zu tun. Weiterlesen

Goldrausch. Oder: Vielleicht ein Liwa-Moment.

Als ich noch an der Uni arbeitete, hatten wir einmal einen Studientag, an dem es um Religion in der Musik ging. – Damals unter anderem da: Tom Liwa. Abends gab er ein Konzert (vor kleinem Publikum), und blieb mir im Kopf.

Letztes Jahr hörte und sah ich Tom Liwa dann wieder im Frankfurter Club „Das Bett“.1 Das hat mir immer noch gut gefallen.

Am 24. Feburar 2012 ist nun sein Album „Goldrausch“ erschienen, noch im August wird es eine neue Single geben und voraussichtlich Mitte November erscheint ein neues Album der von Liwa 1985 gegründeten „Flowerpornoes“ (Bandwebsite).

Warum ich das alles erzähle? Nun: Liwa blieb mir Kopf (siehe oben) und Liwa schreibt in meinen Augen Ohren wunderbar poetische Texte. Das interessiert mich als deutscher Sprachkunst zugeneigten Menschen dann schon. Und zusammen mit seiner Musik gehört Liwa zu den für Insider eigentlich ziemlich prominenten Musikern, ist aber dennoch wohl einer der unbekanntesten bekannten Liedermacher deutscher Zunge mit Bekanntheitspotential.

Anlässlich der Platte „Goldrausch“ gibt es zum gleichnamigen Titel ein Video, das ich hier nun einbinde. Dieses Video ist dann auch der eigentliche Grund für diese Notiz. Vielleicht führt es den einen oder anderen ja auch noch seinem Liwa-Moment zu.

(Und am Rande: Nein, ich werde für solche Beiträge nicht bezahlt, bekomme keine Bitte, sie zu verfassen oder bin in sonstiger Weise extern motiviert. Solche Beträge kommen von Herzen. Von sonst nirgendwo.)

  1. Der Club feiert dieser Tage sein siebenjähriges Bestehen! []

Larbig liest: Heinrich von Kleist „Das Bettelweib von Locarno“

Nach wie vor lese ich gerne vor. Nun habe ich mich an einen Text Heinrich von Kleists gewagt und hoffe, der eine oder die andere möge auf diesem Wege vielleicht ein wenig Lust auf diesen Autor bekommen.

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Larbig liest: Heinrich von Kleist „Das Bettelweib von Locarno“ von Torsten Larbig steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.