Vom Interpretieren literarischer Texte

Beim Interpretieren literarischer Texte steht die Vermittlung des individuellen Leseeindrucks im Zentrum.

Das, was ich beim Lesen entdecke, soll anderen transparent werden.

Es geht nicht zuerst darum, was der Autor sagen wollte; das ist eine nachgelagerten Frage, die literaturwissenschaftlich interessant sein mag, aber beim literarischen Lesen den Fokus verschiebt.

Wenn ich lese, dann geht es um niemanden anderen als um mich als Leser.

Für nichts, was ich als Leser mit einem Text erlebe, muss ich mich irgendwo rechtfertigen. Sogar die Erfahrung, einem Text die Rezeption zu verweigern, muss ich als Leser nicht rechtfertigen. Ich darf natürlich auch nicht lesen. – Es ist allerdings ein Unterschied, ob ein Leser nicht liest oder jemand so grundsätzlich nicht liest, dass er oder sie nicht als Leser oder Leserin bezeichnet werden kann.

Zurück aber zu dem, was es mit der Interpretation eines Textes auf sich hat.

Natürlich bin ich diesem Thema auch in meiner Rolle als Lehrer begegnet: Immer dann, wenn ich Schülerinnen und Schülern nahezulegen versuche, die je eigenen Leseeindrücke als Zugang zu einem Text zu nutzen.

Es ist fast in jeder Klasse das gleiche Phänomen: Frage ich, was beim Lesen der erste Zugang zum Text sei, bekomme ich in unterschiedlicher Reihenfolge doch immer die gleichen Antworten.

  • Man müsse zunächst den Text verstehen.

Damit ist oft nicht gemeint, dass der Text in schwieriger Sprache verfasst ist, gemeint ist wirklich nur das rein inhaltliche Verstehen. Das ist zwar wichtig, aber einen Eindruck von einem Text kann ich schon haben, wenn ich den Text noch nicht »verstanden« habe.

  • Man müsse den Text vor einem Epochenhintergrund sehen und ihn vor diesem zu verstehen versuchen.

Dagegen habe ich, das gilt übrigens für jede hier genannte Antwort, gar nichts einzuwenden. Aber sorry, wenn ich lese, dann passiert etwas zwischen dem Text und mir. Hier. Heute. In der Gegenwart. Die Epoche, aus der ein literarischer Text stammt, ist mir als Leser beim Lesen bis auf Weiteres egal. – Ich halte es entsprechend für keinen Zufall, dass eines meiner Lieblingswerke, Goethes Faust, sich ebenso jeder klaren Epochenzuweisung entzieht, wie das auch bei Shakespeare, Dante, Kleist, Kafka und anderen Giganten der Literatur der Fall ist.

Die ganz große Literatur ist kein Epochenphänomen, sondern entfaltet sich in ihrem Reichtum erst in den Erfahrungen, die Leser unterschiedlichster Epochen mit diesen Werken machen. Entsprechend emanzipieren sich solche Werke auch von ihren Autoren, sodass die Frage, was die Autoren mit Ihnen wollten, wirklich nur noch literaturhistorischer Natur ist. – Mich als Leser interessiert sie nicht. (Als Literaturwissenschaftler hingegen finde ich die Frage durchaus interessant, aber hier geht es um den Leser, der Literatur als Gegenstand persönlicher Begegnung mit dem Werk betrachtet.)

  • Man müsse den Text analysieren, um einen Zugang zu bekommen.

Vor allem, wenn ich mit Schülern und Schülerinnen Gedichte lese, bekomme ich diese Antwort. Vielleicht fällt die Beschäftigung mit Gedichten vielen Schülerinnen und vor allem Schülern deshalb so schwer, weil man die Gedichte gleich verstehen will, statt sie erst einmal auf sich wirken zu lassen und darauf zu achten, was zwischen dem Gedicht und mir als Leser so passiert, zunächst völlig unabhängig von irgendeinem »Veratehen« des Gedichts. Erst, wenn ich mich auf die Suche nach den Gründen mache, was das, was ich mit einem Gedicht (nicht) erlebe, verursachen könnte, kann eine formale Analyse sinnvoll sein. Aber erst dann und wirklich in Bezug auf den Inhalt.

Formale Analysen mögen zeigen, dass jemand Stilmittel zu erkennen gelernt hat, aber zum Veratehen eines Texte tragen sie nur etwas bei, wenn sie auf den Inhalt bezogen werden und möglicherweise Schichten des Verstehens freilegen, die der erste Leseeindruck nicht wahrgenommen hat, die den Leseeindruck vertiefen oder völlig verändern. – So ernst ich den ersten Leseeindruck auch nehme, so bedeutet das nicht, dass dieser sich bei der Beschäftigung mit einem literarischen Text nicht noch verändern kann. Es ist sogar möglich, dass ein erster Leseeindruck bei genauerem Hinsehen an einem literarischen Text nicht belegt werden kann, entsprechend falsch war und korrigiert werden muss.

Es ist eine Herausforderung, Schülern, Schülerinnen und auch anderen Lesenden, die sich interpretierend mit Texten befassen, nahezubringen, dass sie nicht gleich mit den oben skizzierten Antworten an einen Text herangehen, sondern zunächst wirklich darauf zu achten, was zwischen ihnen als individuell Lesenden und einem literarischen Text passiert. Einen Text schriftlich zu interpretieren ist dann nichts anderes, als den eigenen Leseeindruck für andere zugänglich, verständlich, nachvollziehbar zu machen, indem ich ihn verschriftliche.

Dabei überprüfe ich meinen Leseeindruck auch, den ich zu diesem Zwecke in eine Interpretationshypothese gefasst habe, um am Ende mein Leseverständnis nachvollziehbar dargelegt zu haben, um es für mich selbst und gegebenenfalls andere vertieft oder vielleicht auch verworfen zu haben, um zu einem anderen Verstehen des Textes zu gelangen.

Aber auch hier gilt: Wenn nicht literaturwissenschftliche Perspektiven andere Zugangsweisen fordern, fahre ich in der interpretierenden (schriftlichen) Auseinandersetzung mit einem Text immer gut, wenn ich meinen individuellen Leseeindruck solange wie möglich ernst nehme und diesen transparent zu machen versuche. In den meisten Fällen führt dieser Zugang zum Text weiter, als nach Intentionen von Autoren oder epochetypischen Anliegen von Literatur zu fragen. Und für Leser solcher Interpretationen führt dieser Zugang oft auch zu interessanteren Texten.

Die Bedeutung von Literatur liegt unter anderem in den unterschiedlichen Formen ihrer Wahrnehmung durch einzelne Lesende in Epochen und über Epochen hinweg. Vor diesem Hintergrund ist dann meine schriftliche Auseinandersetzung mit einem literarischen Text, die von meinem Leseeindruck ausgeht, für die Bedeutung eines Textes relevant. So übersteigt die schriftliche Fassung meines Leseeindrucks dann mich als Individuum und geht in den Fluss des Verstehens eines Textes über Raum und Zeit hinweg mit ein. Und das ist ja auch keine schlechte Perspektive.

Faust 1 – Hexenküche (Vers 2337–2604)

Klassische interpretationen zu dem in vielen Schulen in der Oberstufe gelesenen „Faust. Der Tragödie erster Teil” gibt es viele. Hier eine „Interpretation”, in der die Assoziationen des Lesers konsequent zum Verstehen ( = Interpretieren) heran gezogen werden. Das hier ist also nur eine und zudem höchst subjektive Interpretation der Hexenküchen-Szene. Dabei steht der Rezipient im Vordergrund. Diese Form des Lesens von Literatur ist in meinen Augen eine der für den Leser gewinnbringenden Heraungehensweisen an Literatur: An die Stelle der Frage, was möglicherweise ein Autor gewollt haben könnte, tritt die Frage, wie ich den Text verstehe, wobei das nicht heißt, dass es sich um eine Haltung des „Das kann jeder verstehen, wie er will” handeln würde. Leseerfahrungen bauen immer auf Leseerfahrungen auf, verbinden diese, bringen neue Leseerfahrungen hervor. Wenn diese anderen mitgeteilt werden sollen, müssen sie dies allerdings in einer Form tun, die intersubjektives Verstehen erlaubt. Und nun: „Der Worte sind genug gewechselt, / Laßt mich auch endlich Thaten sehn“ (V 215f). Faust 1 – Hexenküche (Vers 2337–2604) weiterlesen

Vom Üben in der Schule (in Anlehnung an Gunter Dueck || @wilddueck)

Ich lese gerade Gunter DuecksDas Neue und seine Feinde: Wie Ideen verhindert werden und wie sie sich trotzdem durchsetzen“ und bin gerade in eine Gewohnheitsfalle getreten: Ich suchte in meinen digitalen Notizen nach dem Wort „wiederholen“, weil ich fester Überzeugung war, dass das von mir gesuchte Zitat dieses Wort enthält. Wie irritiert ich war, als mir null Suchergebnisse angezeigt wurden, kann man sich vielleicht vorstellen. Was war da los?

Ich suchte also manuell nach dem Zitat und siehe da: Das Verb „wiederholen“ taucht in den von mir angestrichenen Stellen und in den von mir dazu angefertigten Notizen gar nicht auf. Stattdessen lautet das Zitat, das ich gesucht habe:

„Das eigentliche Problem wird allerdings nie angefasst: das Üben und die Resistenz dagegen.“1

Da steht nicht „wiederholen“. Da steht „üben“.

Wenn ich Gunter Dueck richtig verstanden habe, ist das kein Zufall, denn in einigen von mir notierten Zitaten aus dem Buch taucht das Wort „üben“ auf,  nicht aber das Wort „wiederholen“. Und als ich dann in der Kindle-App auf meinem Rechner das ganze Buch noch einmal nach den genannten Wörtern durchsuchte, fand ich das Verb „wiederholen“ im ganzen Buch genau ein Mal, das Verb „üben“ hingegen vierundzwanzig Mal.2

Zwei Beispiele, die zu dem Gedankengang passen, den ich hier gleich weiter verfolgen will:

„…und dann gibt es auch für das Meisterwerden die 10 000-Stunden-Regel, die unter anderem von Malcolm Gladwell propagiert wird: Man muss 10 000 Stunden (zum Beispiel 10 Jahre lang 3 Stunden pro Tag) üben, um wirklich Weltniveau zu erreichen, sei es im Tennis, Opernsingen, Management, Kochen, Zahlentheorie, Computerbau oder in Innovation. Irre hohes Naturtalent kann das etwas abkürzen, ja! Und gute Lehrer auch, aber das Üben bleibt dann trotz des Talents irgendwie doch!3

„Im Ganzen gesehen ist in unserer heutigen Welt vom Üben kaum die Rede – wer würde auch nur 1000 Stunden üben wollen?“4

Und noch einmal, damit es wirklich wahrgenommen wird:

„Das eigentliche Problem wird allerdings nie angefasst: das Üben und die Resistenz dagegen.“5

Gunter Dueck schreibt dies in einem Buch, in dem es um Innovationen in der Wirtschaft geht. Im Zentrum der Überlegung steht der Entrepreneur. Das hindert mich aber nicht daran, das Buch mit den Augen eines Lehrers zu lesen. Überhaupt lese ich Bücher wie dieses von Dueck mittlerweile lieber als Bücher von deutschen Erziehungswissenschaftlern / Pädagogen, weil ich bei Dueck Antworten auf meine Fragen finde und von einigen (in vielen Studienseminaren gelesenen) Pädagogen – um es sehr überspitzt auszudrücken – erst einmal mitgeteilt bekomme, welche Fragen ich eigentlich haben sollte.

Auf Duecks Beharren auf der Notwendigkeit des Übens hat mich meine spontane Zustimmung aufmerksam werden lassen. Und zum Denken brachte mich, dass ich erst einmal felsenfest davon überzeugt war, dass da von der Notwendigkeit des Wiederholens die Rede gewesen sei.

Steht das Wiederholen im Vordergrund oder das Üben? Als reflektierender Praktiker stellte ich mir angesichts dieses Fehlers natürlich sofort diese Frage. Oder habe ich die Wörter einfach synonym verstanden, meinte mit Wiederholen aber eigentlich das Üben?

Meist bedeutet „wiederholen“ in der Schule oder an der Uni, dass ein Stoff vom Lehrer oder von Schülern in einem Referat für die Lerngruppe wiederholt wird. Da werden dann also z. B. die Erläuterungen für so wundersame sprachliche Stilmittel wie die Anadiplose der Brachylogie oder auch der Onomatopoesie als mündliche Erläuterung, vielleicht durch Folien unterstützt,  erneut und zum wiederholten Mal den Schülern und Schülerinnen vorgetragen.

Aber wenn ich etwas weiß und x Mal erläutert bekomme, bedeutet das noch nicht, dass ich das Erläuterte – z. B. ein sprachliches Stilmittel – auch erkennen, benennen und benutzen kann. Um hier voran zu kommen bedarf es der Übung.

Das Sprichwort sagt dann ja auch „Übung macht den Meister“. Das Sprichwort lautet nicht „Wiederholung“ macht den Meister.

Will ich also Schülerinnen und Schüler dahin bringen, dass sie etwas wissen und können, dann sorge ich klugerweise dafür, dass es Übungsmöglichkeiten gibt, in deren Rahmen die Lernenden wirklich Üben.

Als Deutschlehrer erinnerte mich Dueck an einige Binsenweisheiten, die oft in die Binsen gehen.

Natürlich wissen Lehrer, dass Schüler üben müssen. Viele Lehrer geben das Wiederholen dann auch als Hausaufgabe. Ja, oft heißt es tatsächlich: „Und das wiederholt jetzt bitte noch einmal bis zur nächsten Stunde.“ Es wird in vielen Fällen  Übungsmaterial verfügbar gemacht, sogar vorausgesetzt, dass Schülerinnen und Schüler eigenständig üben. Von daher denken Lehrende bei dem Wort „wiederholen“ meist bestimmt auch an das „Üben“, nur gibt es in dem angeführten Zitat von Gunter Dueck einen oft vernachlässigten zweiten Teil:

„Das eigentliche Problem wird allerdings nie angefasst: das Üben und die Resistenz dagegen.“6

Ja, in Schulen gibt es oft viel Übungsmaterial. Ja, Eltern ergänzen dieses Material durch Workbooks, selbst angeschaffte Übungsbücher, es werden von Lehrern Übungsblätter erstellt. Schülerinnen und Schüler gehen aber nicht unbedingt so mit den Materialien um, wie Lehrende sich das vorstellen. Werden Übungsblätter als Hausaufgabe aufgegeben, ist später dann oft unklar, wer wirklich nachdenkend geübt und wer die Ergebnisse nur abgeschrieben hat. Wird im Unterricht geübt, ist das mit der Kontrolle zwar leichter, aber so wirklich intrinsisch ist die Motivation dann auch nicht. Wird das Üben von Lehrenden regelmäßig überprüft, klagen sich Schüler und Schülerinnen möglicherweise über „zu hohe Anforderungen“.

Das Problem ist oft nicht die Ermöglichung des Übens. Das Problem ist „die Resistenz dagegen“. Und da haben wir nun den Salat. Es macht Schülerinnen und Schülern ebenso wie vielen Erwachsenen einfach keinen Spaß zu üben. Wenn jemand etwas macht, weil er oder sie es machen will, dann kann man vielleicht die 10000 Stunden Üben erreichen, die notwendig sind, um etwas bis zur Meisterschaft zu beherrschen. Aber solch eine Motivation hat man erstens nie in allen Unterrichtsfächern und zweitens kommt man häufig ja sowieso durch, auch wenn man nicht (so viel) übt.

Wie aber geht man an die Resistenzen gegen das Üben ran?

Der zaghafte Versuch einer Antwort lautet: Lasst Schüler Gelerntes praktisch anwenden. Aber das geht nicht in jedem Fall, zumindest wenn man noch nicht ganz davon weggekommen ist anzunehmen, dass Faktenwissen durchaus einen Wert hat. Geschichtliche Verläufe sind schwerer vom Wiederholen weg in Übungszusammenhänge zu bringen als z. B. sprachliche Stilmittel.

Eine Aufgabe mit nachhaltigem Lernerfolg: Schülerinnen und Schüler bekommen in einer Stunde mehrere sprachliche Stilmittel – unter anderem die Alliteration – vorstellt. Ihr Aufgabe ist es dann z. B. einen Text zu schreiben, in dem als Stilmittel von Wort zu Wort Alliterationen benutzt werden. Ziel: Der Text soll so lang wie möglich sein. Die Folgestunde ist in der Regel reichlich lustig. An diesen Sketch von Heinz Erhardt kommen die Texte zwar noch nicht ran, aber was eine Alliteration ist, wissen die Schüler anschließend nachhaltiger als zuvor – und das Beste ist: Sie können das Stilmittel sogar anwenden.

Aber was gibt es weiter an Wegen, um Resistenzen gegen das Üben aufzugreifen, abzumildern, zu vermeiden?

Was können wir in der Schule tun, damit Duecks Diktum (Alliteration), dass das eigentliche Problem nie angefasst werde, nämlich das Üben und die Resistenz dagegen, etwas weniger gilt?

Vorschläge sind gerne gesehen, sei es als Kommentar, in einem eigenen Blogartikel (bitte mit Pingback), als Videoantwort oder wie auch immer.

  1. Dueck, Gunter, Das Neue und seine Feinde (German Edition) [Kindle Edition]. loc. 2352-2353. []
  2. Wenn mich jemand fragt, welchen Vorteil das Lesen von E-Books hat, dann antworte ich unter anderem das: Man kann Bücher schnell durchsuchen und Wortstatistiken erstellen. Das ist ein echter Mehrwert des digitalen Buchs gegenüber dem gedruckten Buch. []
  3. Dueck, Gunter, Das Neue und seine Feinde (German Edition) [Kindle Edition]. loc. 2298-2302. Hervorhebungen TL. []
  4. Ebd., loc. 2304-2305. []
  5. Ebd., loc. 2352-2353. []
  6. Ebd., loc. 2352-2353. []

Die Leiden des jungen Werther 2 – Am 4. Mai 1771

Werthers erster Brief ist von Goethe nicht zufällig im Mai verortet. Es ist der Wonnemonat, der Monat der Liebe, der Monat, in dem das Wetter und die Natur ihre schönen Seiten zeigen. Und es ist auch kein Zufall, dass der Briefroman im Dezember endet. Die Handlung erstreckt sich über eineinhalb Jahre bis zum 24. Dezember 1772.

Werther ist glücklich. Er ist aufgebrochen, lässt die letzten Wochen noch einmal an sich vorbeiziehen und beginnt den Brief mit großer Erleichterung: „Wie froh bin ich, dass ich weg bin.“1

Doch anders als im Mai zu vermuten, ist Werther vor der Liebe geflohen! Er bedauert Leonore, die Schwester der Frau, in die er verliebt war: Sie hatte Gefühle für ihn entwickelt, die Werther zwar nicht beantworten konnte, mit denen er aber, so wirft er sich nun selbst vor, möglicherweise zu uneindeutig umgegangen ist, sodass sie sich Hoffnung auf Erfüllung ihrer Träume gemacht haben mag.

Doch wirklich nachhaltig ist diese Erinnerung nicht. Leonore wird im späteren Werk nicht mehr vorkommen. Er hat den alten Ort verlassen, ist aber Die Leiden des jungen Werther 2 – Am 4. Mai 1771 weiterlesen

  1. Ich zitiere nach der Hamburger Ausgabe: Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther. In: Trunz, Erich; von Wiese, Benno, Goethes Werke Band VI: Romane und Novellen I, München 1998 (zuerst 1981), S. 7–124, hier S. 7. []

Die Leiden des jungen Werther 1 – Der Herausgeber als Herausgeberfiktion

Wichtige Fachbegriffe sind kursiv hervorgehoben.

Bevor der BriefromanDie Leiden des jungen Werther“ zu beginnen scheint, meldet sich eine Stimme zu Wort, die sagt, dass in diesem Buch alles gesammelt vorliege, was dieser Herausgeber der Schriften „von der Geschichte des armen Werther nur habe auffinden können“1.

Dieser Abschnitt wird gerne einmal überlesen, als eine Anmerkung Goethes verstanden, die dem Werk vorausgeschickt ist. Später dann folgt im zweiten Buch eine längere Äußerung des Herausgebers, die etwas weniger als ein Drittel des Gesamtwerkes ausmacht und in der von mir zitierten Ausgabe von S.92–S.124 immerhin 32 Seiten umfasst.

Wer aber ist der Herausgeber? Sind die Briefe etwa authentische Zeugnisse einer realen Person? Ist Goethe der Herausgeber? Die Leiden des jungen Werther 1 – Der Herausgeber als Herausgeberfiktion weiterlesen

  1. Ich zitiere nach der Hamburger Ausgabe: Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther. In: Trunz, Erich; von Wiese, Benno, Goethes Werke Band VI: Romane und Novellen I, München 1998 (zuerst 1981), S. 7–124, hier S. 7. []