Beitrags-Archiv für die Kategory 'Autoren'

100 Jahre Kafkas Tagebücher – Ein Autor in seiner Zeit

Dienstag, 13. Oktober 2009 0:06

Franz Kafka begann wohl im Sommer des Jahres 1909 mit den uns überlieferten Tagebuchaufzeichnungen, die bis in das Jahr 1923 reichen. Von kurzen Notizen bis zu größeren literarischen Entwürfen, von Zeugnissen der Qual des Schreibens bis zu denen seiner gescheiterten Beziehungsversuche, findet sich alles in Kafkas Tagebüchern. [...]

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Thema: Autoren, Deutsch Sek. II, Expressionismus, Kafka, Literatur, Literaturgeschichte, »Schul«-Lektüren, »Theorie« | Kommentare (0) | Autor: Herr Larbig

Goethes & unser Wortschatz

Freitag, 22. August 2008 0:09

»Goethes überlieferter Wortschatz umfasst bis zu 90.000 einzelne Wörter. Es handelt sich dabei um die größte bekanntgewordene Zahl eines einzelnen Autors.« (http://www.goethe-wortschatz.de/)

In Alltagsgesprächen benutzen wir zwischen vierhundert und achthundert Wörter; lesen wir Fachliteratur können es ein paar tausend Wörter sein, die zum Verstehen benötigt werden. Wie aber wollen wir mit einer so kleinen Auswahl an Wörtern auch nur annähernd etwas von den komplexen Erfahrungen und Wahrnehmungen authentisch ausdrücken, die wir Tag für Tag machen? Mir scheint hier eine Erklärung dafür zu liegen, dass wir oft das Gefühl haben, nicht wirklich ausdrücken zu können, was wir sagen wollen. Es klingt alles so vertraut.

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Thema: Autoren, Deutsch Sek. II, Sprache, »Schul«-Lektüren | Kommentare (0) | Autor: Herr Larbig

Beim Hören Autoren entdecken

Donnerstag, 21. August 2008 23:38

»Ich mache die Augen auf und sehe auf ein weißes Stück Papier«1

Es gibt Schriftsteller, die hartnäckig als »Geheimtipp« gehandelt werden oder nach kurzer Bekanntheit weiter nur noch vor allem von Liebhabern zur Hand genommen werden. Ich denke dabei an Oskar Pastior, Hans Henny Jahnn, Gertrud Kolmar und neben vielen anderen eben auch Rolf Dieter Brinkmann.

Sie haben alle auf weiße Stücke Papier geschaut. Sie haben alle ungewöhnliche Werke geschrieben. Viele von ihnen sind Dichter (Pastior, Kolmar, Brinkmann) oder waren als Künstler auf mehreren Gebieten unterwegs (Jahnn: Prosa und Orgelbau; Guibert: Prosa, Fotografie, Film; Brinkmann: Lyrik, Fotografie, Hörspiel).

Begegnet bin ich von diesen Schriftstellern alleine Oskar Pastior [...]

  1. Rolf Dieter Brinkmann, Westwärts 1&2 – Gedichte, Reinbek bei Hamburg 1990 [zuerst 1975], 7. []

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Thema: Autoren, Deutsch Sek. II, Literatur, Lyrik | Kommentare (0) | Autor: Herr Larbig

Lernen bei Goethe

Donnerstag, 21. August 2008 23:19

»Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln und nähert sich dem Meister.« – Johann Wolfgang von Goethe, Maximen und Reflexionen

Es tut mir echt leid. Aber die Entdeckungen der modernen Hirnforschung, die sich mit dem Lernen beschäftigt, sind so neu dann doch nicht.

Menschen lernen am besten, wenn es ihnen möglich ist, an bereits vorhandenes Vorwissen anknüpfen zu können und außerdem noch irgendwie persönlich in den Lernprozess involviert (eingebunden) sind. Dies war bereits Goethe bekannt. Und so sehr sich Goethe auch auf reine Beobachtung beschränkt haben mag, die Ursachen für diese Form des Lernens also nicht erklären konnte, er kam zum richtigen Ergebnis.

Die moderne Hirnforschung kann erklären, warum das so ist; erstaunlich ist aber, dass diese Einsicht in die großen Linien der Schulpädagogik und der Lehrerausbildung erst in den vergangenen Jahren eingezogen zu sein scheint. Zumindest mir wurden die Erkenntnisse Manfred Spitzers als nahezu revolutionäre Entdeckungen verkauft und tatsächlich war mir dieser Zugang zum Lernen vorher auch nicht begegnet. Ja, ich finde es gut, dass diese Erkenntnisse in der Pädagogik heute zum Tragen kommen.

Dennoch stolperte ich über diese Zitat von Goethe und frage mich nun: Lese ich vielleicht doch noch zu wenig (oder das Falsche?), um mir uralte Einsichten eben nicht als neue Erkenntnisse verkaufen zu lassen?

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Thema: Autoren, Deutsch Sek. II, lernen, »Schul«-Lektüren | Kommentare (0) | Autor: Herr Larbig

Doris Lessing: Nobelvorlesung

Dienstag, 19. August 2008 0:19

Da mir Doris Lessing aus dem Herzen spricht und gleichzeitig das Problem beim Umgang mit Büchern in unserer Gesellschaft die angemessene Schärfe verleiht, erlaube ich mir hier, Lessings Nobelvorlesung vollständig festzuhalten. Die schriftliche Genehmigung der Nobel-Foundation für diese Veröffentlichung liegt mir vor.

© DIE NOBELSTIFTUNG 2007 Nachdruck genehmigt für Zeitungen in allen Sprachen nach dem 7. Dezember 2007, 17 Uhr 30 (schwedische Zeit). Jede Veröffentlichung in Zeitschriften oder Büchern, die über eine inhaltliche Zusammenfassung hinausgeht, bedarf der Genehmigung der Stiftung. Alle Veröffentlichungen des gesamten Textes oder größerer Teile des Textes müssen die oben angegebene unterstrichene Copyright-Angabe enthalten.

Doris Lessing: Nobelvorlesung

  1. Dezember 2007

Den Nobelpreis nicht gewinnen

Ich stehe in einem Türrahmen und blicke durch wehende Staubwolken dorthin, wo es noch Wald gibt, der nicht abgeholzt worden ist, wie ich höre. Gestern bin ich meilenweit an Baumstümpfen und verkohlten Flächen vorbeigefahren, wo ’56 der wunderbarste Wald stand, den ich je gesehen habe; jetzt ist er vernichtet. Menschen müssen essen. Sie brauchen Brennstoff.

Es ist Anfang der achtziger Jahre, und ich bin im Nordwesten Simbabwes zu Besuch bei einem Freund, der an einer Schule in London Lehrer war. Er ist hier, „um Afrika zu helfen“, wie wir sagen. Er ist eine gute idealistische Seele, und als er diese Schule hier sah, verfiel er vor Schreck in eine Depression, von der er sich nur schwer erholte. Die Schule ist wie alle anderen, die nach der Unabhängigkeit gebaut worden sind. Sie besteht aus vier großen Räumen mit Ziegelwänden, die einfach nebeneinander in den Staub gesetzt worden sind, eins, zwei, drei, vier, mit einem kleineren Raum am Ende, das ist die Bibliothek. In den Klassenzimmern gibt es Tafeln, aber die Kreide hat mein Freund in der Hosentasche, damit sie nicht gestohlen wird. Es gibt in der Schule keinen Atlas und keinen Globus, keine Schulbücher oder Hefte oder Kugelschreiber. In der Bibliothek stehen nicht die Bücher, die die Schüler gerne lesen würden, nur dicke Wälzer aus amerikanischen Universitäten, die man kaum hochheben kann, Aussortiertes aus den Bibliotheken der Weißen, oder Bücher mit Titeln wie „Ein Wochenende in Paris“ oder „Felicity findet die Liebe“.

Eine Ziege sucht im dürren Gras nach Nahrung. Der Rektor hat Gelder der Schule veruntreut und ist suspendiert worden, was eine Frage aufwirft, die uns allen geläufig ist, wenn auch gewöhnlich in erhabeneren Zusammenhängen: Warum verhalten sich diese Leute so, obwohl sie doch wissen müssten, dass alles auf sie blickt?

Mein Freund hat kein Geld, denn alle, Schüler und Lehrer, leihen sich etwas bei ihm, wenn er sein Gehalt bekommen hat, und werden es wahrscheinlich nie zurückzahlen. Die Schüler sind zwischen sechs und sechsundzwanzig Jahre alt, denn manche konnten als Kinder nicht zur Schule gehen und holen das jetzt nach. Manche gehen jeden Morgen viele Meilen zu Fuß, bei jedem Wetter und über jeden Fluss. Sie können keine Hausaufgaben machen, denn in den Dörfern gibt es keinen Strom, und im Licht eines brennenden Holzscheits lernt es sich nicht besonders gut. Die Mädchen müssen Wasser holen und kochen, bevor sie zur Schule gehen und wenn sie aus der Schule kommen.

Wenn ich mit meinem Freund in seinem Zimmer sitze, kommen Leute schüchtern herein, und alle bitten sie um Bücher. „Bitte schicken Sie uns Bücher, wenn Sie wieder in London sind“, sagt ein Mann. „Lesen haben wir gelernt, aber Bücher haben wir nicht.“ Jeder, dem ich begegnet bin – alle haben sie um Bücher gebeten. [...]

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Thema: Autoren, Deutsch Sek. II, Literatur | Kommentare (0) | Autor: Herr Larbig

Happy Birthday to Franz!

Donnerstag, 3. Juli 2008 0:16

»Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.«

Kann ein Mensch solche Zeilen schreiben, ohne in den Verdacht zu geraten, psychedelische Substanzen eingesetzt zu haben?

Ganz klar, das ist eine rhetorische Frage ;-) – Ja, er kann, auch wenn in diesem Fall möglicherweise der Mangel an Schlaf des Mitarbeiters einer Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt bei seinen nächtlichen Schreiborgien zu dem einen oder anderen Trancezustand geführt haben mag, in deren Folge dann die »verrückten« Geschichten Franz Kafkas entstanden sind: Geschichten, die den Blick auf die Realität verrücken, um die Wirklichkeit zu erfassen, der sich Kafka ausgesetzt sah. Dass er dies mit großem künstlerischen Willen tat, mit stilistischem Ehrgeiz und sprachlichem Perfektionstrieb, hat aus dem schmächtigen Mann einen gewichtigen Schriftsteller gemacht.

Heute vor 125 Jahren, am 03. Juli 1883, wurde Franz Kafka in Prag geboren. Vierzig Jahre und elf Monate später starb er schon. Alt ist Kafka nicht geworden. Das hält seine Texte jung und ich wage die Prognose, dass Kafkas Texte immer noch gelesen werden, wenn die meisten Schriftsteller der Gegenwart längst in Vergessenheit geraten sein werden.

»Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.« – Aus einem Brief Kafkas vom 27. Januar 1904

Lasse ich also diese Axt zuschlagen, die Kafkas Texte selbst sind. Und so wie Kafkas Geist nachts über Texten brütete, so nutze ich diese Nacht, mich seines Geburtstages zu erinnern: Happy Birthday, Franz!

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