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	<title>herrlarbig.de &#187; Sturm und Drang</title>
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		<title>Gedichtinterpretation: Joseph Mohr – Stille Nacht, heilige Nacht</title>
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		<pubDate>Sun, 12 Dec 2010 22:13:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Gedichtinterpretation: Joseph Mohr – Stille Nacht, heilige Nacht von Torsten Larbig steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz. Es ist das bekannteste Weihnachtslied der Welt, in &#252;ber 300 Sprachen &#252;bersetzt, gesungen mit der Melodie Franz &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2010/12/12/gedichtinterpretation-joseph-mohr-stille-nacht-heilige-nacht/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/" rel="license"><img style="border-width: 0;" src="http://i.creativecommons.org/l/by-nc-sa/3.0/de/88x31.png" alt="Creative Commons Lizenzvertrag" /></a></em></p>

<p><em><span>Gedichtinterpretation: Joseph Mohr – Stille Nacht, heilige Nacht</span> von <a href="http://herrlarbig.de/2010/12/12/gedichtinterpretation-joseph-mohr-stille-nacht-heilige-nacht/" rel="cc:attributionURL">Torsten Larbig</a> steht unter einer <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/" rel="license">Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz</a>.</em></p>

<p>Es ist das bekannteste Weihnachtslied der Welt, in &#252;ber 300 Sprachen &#252;bersetzt, gesungen mit der Melodie Franz Xaver Grubers.</p>

<p>Beginnt man, Suchmaschinen nach Interpretationen zu diesem ber&#252;hmten Text zu befragen, tauchen viele musikalische Interpretationen auf. Aber was ist mit dem Text?</p>

<p>Vorne weg: Ich werde hier keine Detailinterpretation der einzelnen Strophen schreiben, werde mich nicht dazu auslassen, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Stille_Nacht,_heilige_Nacht#Liedtext" target="_blank">dass das Originalgedicht (!) sechs Strophen hatte, die heute gesungene Version aber nur drei</a> hat etc. Hier versuche ich eine grunds&#228;tzliche Einordnung des Textes, mit dem Ziel, den Text zumindest ein wenig aus der Kitschecke heraus zu holen. Damit will ich nicht behaupten, dass der Text sich bei n&#228;herer Betrachtung pl&#246;tzlich in gro&#223;artige Literatur verwandeln w&#252;rde, das passiert selbst bei sehr genauer Analyse des Textes nicht. Im Zusammenhang seiner Entstehungszeit kann aber verst&#228;ndlich werden, warum der Text in seinen Grundz&#252;gen so ist, wie er ist.</p>

<p>1816 entstanden, wurde „Stille Nacht, heilige Nacht“ 1818 erstmals aufgef&#252;hrt.</p>

<p>Sprechen wir heute davon, dass Weihnachten ein romantisches Fest sei, so liegen wir mit dieser &#196;u&#223;erung goldrichtig.</p>

<p>Weihnachten, wie wir es heute kennen, fand in Grundz&#252;gen seine Pr&#228;gung<span id="more-5415"></span> in der Epoche der Romantik, die etwa in das erste Drittel des 19. Jahrhunderts einzuordnen ist. Sehr viele Weihnachtslieder unseres Weihnachtsfestes wurden in dieser Zeit geschrieben.</p>

<p>„Stille Nacht, heilige Nacht“ ist ein romantisches Gedicht; kein gro&#223;artiges Werk der Epoche, aber doch eines der ber&#252;hmtesten. Und es ist in meinen Augen kein Zufall, dass sich in ihm eine der zentralen Fragestellungen der Romantik wiederfindet.</p>

<p>Als Weihnachtslied geh&#246;rt „Stille Nacht, heilige Nacht“ zur <a href="http://docs.google.com/viewer?a=v&amp;q=cache:YGshWIyYt7YJ:hup.sub.uni-hamburg.de/opus/volltexte/2008/66/chapter/HamburgUP_Lyrik_Hillmann_01.pdf+religi&#246;se+lyrik&amp;hl=de&amp;gl=de&amp;pid=bl&amp;srcid=ADGEESg3uZdxiUCkq_n5d2wclumDDTUSl4rR04hgetrIzmz1F0zrEgN1U_iOF8OY0viCt7_QbKsA1TD5-mIxlsUw3jZiCt1gqdrR3RbKGvIgFdFQyr24lW41i9GCUB_aVw_4YQkdm0M4&amp;sig=AHIEtbRsQwdYqB01g7b-Y-02Ls922bYA9g" target="_blank">religi&#246;sen Lyrik</a>. Religion hat es aber seit der Aufkl&#228;rung genau so schwer, wie die &#220;berzeugung, dass es hinter der naturwissenschaftlich erforschbaren Wirklichkeit andere Wirklichkeiten gibt, die im grellen Licht des aufkl&#228;rerischen Denkens nicht nur nicht wahrgenommen sondern sogar ausgeblendet oder verneint werden.</p>

<p>Aufkl&#228;rung im philosophischen Sinn erhebt den Anspruch, Klarheit in den Nebel des Wissens zu bringen, Licht ins Dunkel.</p>

<p>Aufkl&#228;rung ist mit Lichtmetaphern verbunden, sodass es kein Zufall ist, dass der englische Terminus Technicus „enlightenment“ hei&#223;t. – Ein wichtiges Unternehmen, das die Welt ver&#228;ndert, Menschenrechte mit sich brachte usw. Und doch ist der Anspruch der Aufkl&#228;rung schnell in der Gefahr, von Menschen erfahrene, aber nicht beweisbare Wirklichkeiten, in Frage zu stellen, wenn nicht gar zu verneinen. Was bliebe von der Liebe, betrachteten wir sie nur unter naturwissenschaftlicher Perspektive?</p>

<p>Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts sahen die Dichter und Denker, die Dichterinnen und Denkerinnen der Romantik diese Gefahr der Einseitigkeit der Aufkl&#228;rung und stellten dieser – in gewisser Form begann das schon ca. f&#252;nfundzwanzig Jahre vor 1800, in der Epoche von Sturm und Drang und Empfindsamkeit – ihre Wirklichkeitswahrnehmung gegen&#252;ber.</p>

<p>Das Motiv der Sehnsucht, am ber&#252;hmtesten ist hier wohl die Suche nach der blauen Blume in Novalis&#8217; „<a href="http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/heinrichvonofterdingen-r.htm" target="_blank">Heinrich von Ofterdingen</a>“, trat gemeinsam mit den Motiven des Nebels, der Nacht, der (unerf&#252;llten, sehns&#252;chtigen) Liebe in den Blick der romantischen Autoren. Aber auch Gespenstergeschichten, die ja auch auf eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit verweisen, finden in der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Romantik" target="_blank">Schauerromatik</a> ihren Platz.</p>

<p>Religion und deren Symbolik geh&#246;rte f&#252;r Aufkl&#228;rer, auch angesichts der von ihnen vorgebrachten Kirchenkritik und des Kampfes gegen die (christliche) Religion im Nachklang der franz&#246;sischen Revolution, in das Reich der dunklen Zeit vor der Aufkl&#228;rung, in der Religion allzu oft zur Vernebelung der Gedanken der Menschen missbraucht worden war, auch um z. B. Machtinteressen zu verschleiern,</p>

<p>Vor diesem Hintergrund mag es kein Zufall sein, dass viele Vertreter und Vertreterinnen der Romantik selbst oft religi&#246;s und Katholiken waren, die gegen die Aufkl&#228;rung und gleichzeitig als deren Fortf&#252;hrung andere Motive suchten, die Nacht, den Nebel, das Unscharfe, Verschleierte in den Blick nahmen, und sich an den Grenzen des dem aufkl&#228;rerische Denkens Zug&#228;nglichem zu bewegen.</p>

<p>In diesem Kontext steht Josef Mohrs „Stille Nacht, heilige Nacht“. Hier trifft die Metaphorik des Weihnachtsfestes als ein Fest des Lichtes, in dem Sinne, dass in christlicher Perspektive das „Licht der Welt“ in das Dunkel der Zeit hinein tritt, auf die Zeit, in der das Gedicht / Lied entstanden ist.</p>

<p>Weihnachten ist ein Fest zur Zeit der Wintersonnenwende und schlie&#223;t so wohl an vorchristliche Lichtfestivit&#228;ten dieser Jahreszeit an, doch Mohr geht in seinem Gedicht so weit zu sagen, dass es eine Nacht ist, die heilig ist, eine Nacht, in der alles schl&#228;ft, w&#228;hrend das, was Christen als Teil des g&#246;ttlichen Heilshandelns sehen, geschieht.</p>

<p>Hier wird der Aufkl&#228;rungsmystik mit ihrer Lichtmetaphorik die Lichtmetaphorik des christlichen Glaubens gegen&#252;ber gestellt, dem Verstand Erwachsener wird die Bedeutung des kleinen Kindes vor Augen gef&#252;hrt.</p>

<p>In diesem Sinne ist Josef Mohrs Weihnachtstext romantisch durch und durch; gleichzeitig versucht der Text theologische Wahrheiten zu vermitteln, religi&#246;se Wahrheiten, in einer Zeit, in der es gerade dem Katholizismus schwerer und schwerer zu fallen begann, sich in ach so aufgekl&#228;rten Kontexten zu rechtfertigen.</p>

<p>Wenn es je zutraf, dass sich die Romantiker gegen die Aufkl&#228;rung wandten, in den meisten F&#228;llen scheint es eher der Versuch gewesen zu sein, der oft als intellektuell kalt empfundenen Entwicklung aufkl&#228;rerischen Denkens, die M&#246;glichkeit anderer Erkenntnisweisen im Sinne ganzheitlicher Erkenntnis <em>zur Seite</em> zu stellen, so trifft diese antiaufkl&#228;rerische Tendenz auf Mohrs Text in seiner Zeit wohl zu.</p>

<p>Verbunden mit Grubers Musik gelingt es diesem Gedicht aber bis heute, romantische Gef&#252;hle in Menschen zu aktivieren. Wir aufgekl&#228;rte Menschen, sind wir es wirklich?, lassen uns von einem der antiaufkl&#228;rerischsten Texte der m&#246;glicherweise in weiten Kreisen gar nicht so antiaufkl&#228;rerischen Romantik verzaubern, von einem Gedicht, das als Gedicht zudem h&#246;chst mittelm&#228;&#223;ig ist!?</p>

<p>Wie so oft bei Bestsellern, so auch hier: Es braucht nicht viel, um die Herzen der Menschen zu erreichen, unabh&#228;ngig vom Bildungsgrad. Und damit ist das Lied dann pl&#246;tzlich doch wieder ein authentischer Ausdruck dessen, was an Weihnachten gefeiert wird, trotz mancher Bedenken gegen&#252;ber der literarischen Qualit&#228;t von „Stille Nacht, heilige Nacht“: Christen feiern die Ankunft eines Gottes in menschlicher Gestalt, der kein exklusiver Bildungsb&#252;rgergott ist, kein Gott ausschlie&#223;lich derer, die reich an Bildung oder Geld sind, sondern einer, der sich gegen Rechtfertigungszw&#228;nge durch Bildung und Besitz stellt und statt dessen den Wert des Menschen an sich ins Zentrum stellt, diesseits aller Leistungen, mit deren Hilfe Menschen kategorisiert werden.</p>

<p>Und in diesem Sinne ist der literarisch erst einmal bescheidene Text Mohrs auf Weihnachten und die christliche Botschaft des Festes gewendet, in seiner fast schon naiven Machart, ein gro&#223;artiger Text, der letztlich nur dann zu Kitsch wird, wenn er von der in ihm vermittelten Botschaft und deren Bedeutung losgel&#246;st gesehen wird. – Angesichts heutiger Kommerzialisierungstendenzen in allen Gesellschaftsbereichen und des Weihnachtsfestes insbesondere, angesichts des Leistungsdrucks und der Tendenz zur Reduktion des Wertes von Individuen auf deren wirtschaftlichen und durch formale Zertifikate (Zeugnisse) belegbaren Wert, bekommt das vielleicht einst wirklich antiaufkl&#228;rerische Lied pl&#246;tzlich einen ganz eigenen aufkl&#228;rerischen Wert, so da nur Ohren sind, diese Seite des Liedes zu h&#246;ren, zu f&#252;hlen und zu leben.</p>

<p>&nbsp;<strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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		<title>Genie, „Sturm und Drang“ – Goethes Hymnen „Prometheus“ und „Ganymed“</title>
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		<pubDate>Thu, 14 May 2009 21:16:48 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Wissen]]></category>

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		<description><![CDATA[Vorbemerkung In diesem Beitrag finden sich zahlreiche Links auf Seiten, die hier verwendete Begriffe n&#228;her erkl&#228;ren oder erw&#228;hnte Schriften zug&#228;nglich machen, die gemeinfrei vorliegen. Damit versuche ich hier konsequent die Hyptertextstruktur des Internets zu nutzen: Begriffe, die erkl&#228;rt werden m&#252;ssen &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2009/05/14/genie-sturm-und-drang-und-goethes-hymnen-prometheus-und-ganymed/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Vorbemerkung</em></p>

<p><em>In diesem Beitrag finden sich zahlreiche Links auf Seiten, die hier verwendete Begriffe n&#228;her erkl&#228;ren oder erw&#228;hnte Schriften </em><em>zug&#228;nglich machen</em><em>, die <a title="Die Gemeinfreiheit bezeichnet alle Werke, welche keinem Urheberrecht mehr unterliegen oder ihm nie unterlegen haben. Das im angloamerikanischen Raum anzutreffende Public Domain ist &#228;hnlich, aber nicht identisch mit der europ&#228;ischen Gemeinfreiheit." href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinfreiheit" target="_blank">gemeinfrei</a> vorliegen. Damit versuche ich hier konsequent die Hyptertextstruktur des Internets zu nutzen: Begriffe, die erkl&#228;rt werden m&#252;ssen und bereits an anderer Stelle angemessen erl&#228;utert werden, werden hier nicht im Detail dargestellt: Einerseits soll so der Umfang des Artikels im ertr&#228;glichen Ma&#223;e gehalten werden und andererseits wird so der st&#228;ndige Bezug auch des Wissens, an dessen Konstruktion ich mich beteilige, auf bereits vorhandenes Wissen in der Form des Beitrags widergespiegelt. </em></p>

<hr />

<p>Der Mensch solle den Mut haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, <a title="Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufkl&#228;rung." href="http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&amp;xid=1366&amp;kapitel=1#gb_found" target="_blank">schrieb Imanuel Kant 1784</a>, zwei Jahre vor dem von vielen Forschern als Enddatum der Sturm-und-Drang-Epoche in der Literatur angenommenen <a title="Den 3. September fr&#252;h drei Uhr stahl ich mich aus dem Karlsbad weg, man h&#228;tte mich sonst nicht fortgelassen. Man merkte wohl, da&#223; ich fort wollte. Ich lie&#223; mich aber nicht hindern, denn es war Zeit. Goethes Tagebuch, 3.9.1786" href="http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=4096" target="_blank">Aufbruch Goethes zur Italienreise am 03. September 1786</a>.</p>

<p>Kant, der oft als Begr&#252;nder der Aufkl&#228;rung gesehen wird, fasst in seiner Schrift in Wirklichkeit die <a href="http://xlibris.de/Epochen/Aufklaerung" target="_blank">Ph&#228;nomene</a> zusammen, im 17. und 18. Jahrhundert die gesamte Gesellschaft ver&#228;nderten und das Ende des <a href="http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=JDW30I" target="_blank">Feudalismus</a> einleiteten.</p>

<p>Die <a href="http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=191O27" target="_blank">Ratio</a>, also die Vernunft, wird zum obersten Prinzip der Welterkenntnis und des Handelns in der Welt erhoben.</p>

<p>Der mit der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Renaissance" target="_blank">Renaissance</a> und dem <a href="http://www.philolex.de/humanism.htm" target="_blank">Humanismus</a> angesto&#223;ene Prozess der <a href="http://www.scienzz.de/magazin/art6439.html" target="_blank">Entdeckung des Individuums</a> wird hier konsequent weiter gedacht, was auch zur Folge hatte, dass die <a href="http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=A0W3AE" target="_blank">Empirie</a> und und ein <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Mechanistisches_Weltbild" target="_blank">mechanistisches Weltverst&#228;ndnis</a> die Oberhand gewannen. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9_Descartes" target="_blank"></a></p>

<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9_Descartes" target="_blank">Descartes</a> hatte die Grundlage dieses Weltbildes, das von st&#228;ndigem rationalen Zweifel gegen&#252;ber angenommenen Selbstverst&#228;ndlichkeiten des &#252;berlieferten Weltbildes gepr&#228;gt war, bereits 1641 in dem ber&#252;hmten Satz „<a href="http://www.descartes-cogito-ergo-sum.de/" target="_blank">Cogito, ergo sum</a>“ zusammengefasst.</p>

<p>Es entwickelte sich eine „vern&#252;nftelnde“ Geisteshaltung, die sich in der theoretischen Besch&#228;ftigung mit <a href="http://xlibris.de/Epochen/Aufklaerung" target="_blank">Literatur</a> vor allem in <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Christoph_Gottsched" target="_blank">Gottscheds</a> „<a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/Gottsched,+Johann+Christoph/Theoretische+Schriften/Versuch+einer+critischen+Dichtkunst" target="_blank">Versuch einer critischen Dichtkunst</a>“ ausdr&#252;ckte und aus heutiger Sicht zu seltsam leblos wirkenden Gedichten und Theaterst&#252;cken f&#252;hrte.</p>

<p>Als <a href="http://www.zeno.org/Eisler-1912/A/Kant,+Immanuel?hl=kant" target="_blank">Kant</a> 1784 seinen ber&#252;hmten Aufkl&#228;rungstext schreibt, haben einige damals zwanzig bis drei&#223;ig Jahre alte Intellektuelle l&#228;ngst begonnen, einer Rationalit&#228;t den Kampf anzusagen, die den Menschen nicht als ganzes Individuum wahrnimmt, das neben dem Verstand auch Gef&#252;hle und Leidenschaften als schaffende Kr&#228;fte in sich tr&#228;gt. – So sehr die <a href="http://www.xlibris.de/Epochen/Sturm%20und%20Drang" target="_blank">Epoche des Sturm-und-Drangs</a> oft als eine Gegenbewegung zur Aufkl&#228;rung gesehen wird: Im Grunde wird erst hier die gesamte Dimension der Schaffenskraft des <a href="http://www.fremdwort.de/suche.php?term=Individuum" target="_blank">Individuums</a> &#252;ber die Rationalit&#228;t hinaus aufgekl&#228;rt.</p>

<p>An die Stelle des rein rationalen Denkers wird das <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Genie" target="_blank">Genie</a> gesetzt, jenes Individuum, das aus sich selbst heraus m&#246;gliche Welten schafft.</p>

<p>Doch zun&#228;chst wurde das Genie nur beschrieben, wurden Autoren im R&#252;ckblick mit dem Attribut des Genies versehen, wie z.B. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/William_Shakespeare" target="_blank">Shakespeare</a>.</p>

<p>Der erste Autor, der den Geniegedanken f&#252;r sein Werk fruchtbar machte, war <a href="http://xlibris.de/Autoren/Goethe" target="_blank">Johann Wolfgang Goethe</a>. Erich Trunz schreibt<span id="more-1608"></span> in seinem nach wie vor hervorragendem Kommentar der Hamburger Ausgabe der Werke Goethes:</p>

<blockquote>„F&#252;r Goethe, den sch&#246;pferischen K&#252;nstler, verschmolz die Genielehre mit der Ich-Erfahrung. Er, als erster, stellt dar, wie dem Genie zumute ist. W&#228;hrend jene [Theoretiker] das Wesen des Genies beschreibend fa&#223;ten, fa&#223;te er es dichtend.“<sup><a href="http://herrlarbig.de/2009/05/14/genie-sturm-und-drang-und-goethes-hymnen-prometheus-und-ganymed/#footnote_0_1608" id="identifier_0_1608" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Gothes Werke, Band 1:&nbsp; Gedichte und Epen I &ndash; Textkritisch durchgesehen und kommentiert von Erich Trunz, M&amp;#252;nchen 1998, 465.">1</a></sup></blockquote>

<p>Ihren Niederschlag fand dieser Ausdruck des Genies bei Goethe in den gro&#223;en <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hymne" target="_blank">Hymnen</a>.</p>

<blockquote>„Sie waren selbst &#252;berst&#246;mend kraftvoll, waren neu, einmalig, eigenartig, innerlich notwendig. In ihnen gipfelt die Geniebewegung des 18. Jahrhundert.“<sup><a href="http://herrlarbig.de/2009/05/14/genie-sturm-und-drang-und-goethes-hymnen-prometheus-und-ganymed/#footnote_1_1608" id="identifier_1_1608" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Ebd.">2</a></sup></blockquote>

<p>Einer dieser Hymnen ist Goethes „Prometheus“.</p>

<p>Dieses Gedicht kann als eines gesehen werden, in dem das Programm des Sturm-und-Drangs zum Ausdruck kommt – ein Gedicht, das nicht nur das Lebensgef&#252;hl des Genies zeigt, sondern auch als Gedicht in einer solchen Form und mit einer solchen Aussage nie vorher dagewesen ist.</p>

<hr />

<p style="text-align: center;">Johann Wolfgang Goethe</p>

<p style="text-align: center;">Prometheus</p>

<p>&lt;</p>

<p>p style=&#8221;text-align: center;&#8221;>Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und &#252;be, Knaben gleich,
Der Disteln k&#246;pft,
An Eichen dich und Bergesh&#246;hn!
Mu&#223;t mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine H&#252;tte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.</p>

<p>&lt;</p>

<p>p style=&#8221;text-align: center;&#8221;>Ich kenne nichts &#196;rmeres
Unter der Sonn als euch G&#246;tter.
Ihr n&#228;hret k&#252;mmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majest&#228;t
Und darbtet, w&#228;ren
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.</p>

<p>&lt;</p>

<p>p style=&#8221;text-align: center;&#8221;>Da ich ein Kind war,
Nicht wu&#223;te, wo aus, wo ein,
Kehrte mein verirrtes Aug
Zur Sonne, als wenn dr&#252;ber w&#228;r
Ein Ohr zu h&#246;ren meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedr&#228;ngten zu erbarmen.</p>

<p>&lt;</p>

<p>p style=&#8221;text-align: center;&#8221;>Wer half mir wider
Der Titanen &#220;bermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du&#8217;s nicht alles selbst vollendet,
Heilig gl&#252;hend Herz?
Und gl&#252;htest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?</p>

<p>&lt;</p>

<p>p style=&#8221;text-align: center;&#8221;>Ich dich ehren? Wof&#252;r?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tr&#228;nen gestillet
Je des Ge&#228;ngsteten?</p>

<p>&lt;</p>

<p>p style=&#8221;text-align: center;&#8221;>Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allm&#228;chtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herren und deine?</p>

<p>&lt;</p>

<p>p style=&#8221;text-align: center;&#8221;>W&#228;hntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In W&#252;sten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Bl&#252;tentr&#228;ume reiften?</p>

<p>&lt;</p>

<p>p style=&#8221;text-align: center;&#8221;>Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genie&#223;en und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.</p>

<hr style="text-align: center;" />

<p>Sechsundf&#252;nfzig unregelm&#228;&#223;ige Verse, ohne Reime: Schon die &#228;u&#223;ere Form des von Johann Wolfgang Goethe 1773 verfassten Gedichts dr&#252;ckt die Unabh&#228;ngikeit eines leidenschaftlichen Ichs aus. In der &#220;berschrift bekommt dieses Ich einen Namen: Prometheus. Schon im Titel ist der Hinweis auf die sprechende Person gegeben, wie es in „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rollengedicht" target="_blank">Rollengedichten</a>“ oft der Fall ist.</p>

<p>Goethe greift in diesem Gedicht, so neu diese Art von Gedichten in seiner Zeit auch war, den <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Mythos" target="_blank">Mythos</a> eines griechischen Halbgottes auf. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Prometheus" target="_blank">Dieser Mythos</a>, der freilich in unterschiedlichen Formen vorliegt, erz&#228;hlt, wie Prometheus Menschen aus Ton formt und diesen das Feuer (=Kultur) bringt, obwohl Zeus damit &#252;berhaupt nicht einverstanden war.</p>

<p>Zur Strafe wird Prometheus an den Kaukasus geschmiedet. Er wird sp&#228;ter befreit und macht Karriere am g&#246;ttlichen Hofe, als Berater der G&#246;tter.  Doch von Strafe ist in dem Gedicht noch nichts zu sp&#252;ren. In dem Gedicht ist Prometheus auf dem Gipfel seines sch&#246;pferischen Erfolges und wendet sich direkt an Zeus (V 1), den er verh&#246;hnt und seine Selbstst&#228;ndigkeit hervorhebt (V  1–12). Prometheus sieht sich als Sch&#246;pfer, dem die G&#246;tter die Erde nicht streitig machen k&#246;nnen (V 6f) und der die Glut des Feuers besitzt, die er gegen den Willen der G&#246;tter den Menschen als wichtige Voraussetzung der Entwicklung der Kultur zu Verf&#252;gung stellen wird.  Diese Glut (V 11) bereits kann im Kontext des Geniegedankens als Teil des leidenschaftlichen Gl&#252;hens des Genies verstanden werden, dass eigenst&#228;ndig, aus sich selbst heraus schaffend ist (V 31f: „Hast du’s nicht alles selbst vollendet / Heilig gl&#252;hend Herz?“) , neues auf die Welt bringt, im Falle Prometheus’ Menschen (V 50). Jenes „Gl&#252;hen“ taucht im Gedicht auch an anderer Stelle zwei Mal auf (V 32; V 33) und beschreibt das Genie als Menschen, dessen Herz vor Leidenschaft und Schaffenskraft gl&#252;ht.</p>

<p>Die langsame und best&#228;ndig sich von der ihr zur Verf&#252;gung stehenden Energiequelle n&#228;hrende Glut wird hier dem Feuer vorgezogen. Das Genie ist kein brennender, er ist ein gl&#252;hender Mensch.  Und die Energiequelle ist in diesem Hymnus das Selbst (V 32), das Ich (auch in Formen von „mein“, die einen Besitzanspruch formulieren – V 6; 8; 10; 12; 13; 20; 21; 24; 25; 27; 29; 31; 36; 41; 46; 50; 51; 52; 56), das eigenst&#228;ndig, von g&#246;ttlichen Vorgaben unabh&#228;ngige Individuum.  Der Vorwurf Prometheus’ an die G&#246;tter ist schon ein Vorklang an die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Religionskritik" target="_blank">Religionskritik</a>, die im 19. Jahrhundert von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Feuerbach" target="_blank">Ludwig Feurbach</a> und <a href="http://www.zum.de/Faecher/kR/Saar/gym/projekt/rel_krit/marx/marx.htm" target="_blank">Karl Marx</a> ausformuliert wird, aber in der Aufkl&#228;rung und im Geniegedanken seine Vorl&#228;ufer hat.</p>

<p>Prometheus sagt, dass er nichts &#228;rmeres kenne als die G&#246;tter (V 13f), die von der Verehrung der Menschen lebten (V 15–17), die als Kinder, Bettler und „hoffnungsvolle Tohren“ (V 18f) bezeichnet werden.  Hier klingt auch an, dass Goethe und der Sturm und Drang eben keine Gegenbewegung zur Aufkl&#228;rung sind, sondern deren Erwachsene. Kinder und Bettler stehen hier f&#252;r unaufgekl&#228;rte Menschen f&#252;r „Tohren“, die in ihrer Unselbstst&#228;ndigkeit und Armut das eigene Heil auf die G&#246;tter projizieren (sp&#228;ter von Feuerbach in der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Projektionstheorie" target="_blank">Projektionstheorie</a> n&#228;her ausgearbeitet) und nicht einsehen, dass die Rettung vom Tod und aus der Sklaverei die Leistung des eigenst&#228;ndig denkenden und aktiven Menschen ist, der sich gegen das Unrecht im Namen der G&#246;tter erhebt (V 27–49 sp&#228;ter in der <a href="http://www.zum.de/Faecher/kR/Saar/gym/projekt/rel_krit/marx/marx2.htm" target="_blank">Marx’schen Religionskritik</a> mit revolution&#228;ren Zielen theoretisch ausgearbeitet).  Vom Umfang steht der Angriff an die G&#246;tter im Zentrum des Gedichtes, damit zuletzt das sch&#246;pferische Ich des Prometheus’ selbst ins Zentrum r&#252;cken kann, wie es sich in der letzten Strophe ausdr&#252;ckt (V 50–56), die ihren Gipfel im letzten, nur aus zwei Worten bestehenden Vers „Wie ich.“ (V 56) erreicht.  Das Genie ist ein Mensch, der aus sich selbst Welten und Weltbilder schafft, er pr&#228;gt das Denken und die Weltsicht von Menschen. – Und so lautet das letzte Wort des Gedichtes dann auch „Ich“.</p>

<p>Doch dieses „Ich“ ist kein auf sich selbst bezogenes, so wenig es sich noch von den vorgegebenen Gedanken seiner Gesellschaft, von Kreativit&#228;t und Sch&#246;pferkraft  verhindernden, nicht weiter hinterfragten „Selbstverst&#228;ndlichkeiten“, von seiner schaffenden T&#228;tigkeit abhalten l&#228;sst. Hier erscheint in der Literatur der Mensch, der sich von seinem &#252;berlieferten Gott abwendet, der die Theodizeefrage in eine Ablehung Gottes &#252;berf&#252;hrt: „Wer rettete vom Tode mich / Von Sklaveri?“ (V 29) und Hast du die Schmerzen gelindert / Je des Beladenen?/ Hast du die Tr&#228;nen gestillet / Je des Ge&#228;ngsteten?“ (V 37–40).</p>

<p>Das Werden des Genies wird hier in den thematisch gleichen Kontext gestellt, dem sich Menschen nach der gro&#223;en <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzer_Tod" target="_blank">Pest in den Jahren 1347 bis 1353</a> und auch nach dem gro&#223;en <a href="http://wiki.zum.de/Erdbeben_von_Lissabon" target="_blank">Erdbeben von Lissabon </a>und dem ihm folgenden Tsunami 1755 ausgeliefert waren. Es gibt Kulturhistoriker, die einen direkten Zusammenhang der hier genannten Katastrophen und der der Ver&#228;nderung des Selbstbildes der Menschen in Europa sehen. Mir scheint eine Annahme solcher Zusammenh&#228;nge sehr plausibel.</p>

<p>„Prometheus“ ist also mehr als nur eine Beschreibung des Empfindens und Selbstbildes eines Genies. Das Gedicht kann vielmehr als eine hochgradig verdichtete Darstellung mit der Entdeckung des Ich-Bewusstseins der Menschen in Europa einhergehender geistesgeschichtlicher Ver&#228;nderungen und deren Folgen gelesen werden. Und am Ende steht das selbstbewusste „Ich“ und formt Menschen nach seinem Bilde (V 50f).</p>

<p>Heute gelesen kommt das Gedicht fast wie ein prophetischer Text vor, in dem der Geniegedanke bis zum Ende durchdacht wurde. Ob Goethe es so gemeint hat, wie ich das Gedicht heute lese, halte ich f&#252;r unwahrscheinlich, aber als Leser erlaube ich mir die Assoziation, dass die Versuche der „Verbesserung des Menschen“ im 20. und 21. Jahrhunderts durchaus mit dieser letzten Strophe des „Prometheus“ im Sinne eines <a href="http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_int/herm/werktrans/rezept/herm_rezept0.htm" target="_blank">rezeptions&#228;sthtetischen Ansatzes</a> in Verbindung gebracht werden k&#246;nnen.</p>

<p>Und dann tauchen im Kontext der geschichtlichen Entwicklungen seit dem Entstehen des Gedichtes dunkle Schatten auf, die sich auf ein Genieverst&#228;ndnis legen, das alleine die Schaffenskraft des Individuums ins Zentrum stellt, sodass zuletzt dar&#252;ber diskutiert wird, ob es erlaubt sein k&#246;nne, Menschen nach dem Bilde der lebenden Menschen zu schaffen, zu designen und entsprechende Bem&#252;hungen in der Genforschung zu unternehmen.</p>

<p>Das bis zum Geniegedanken gesteigerte Selbstbewusstsein des Menschen f&#252;hrt zum „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Homo_faber_(Buch)" target="_blank">Homo Faber</a>“, dem haltlosen, nur noch machenden Menschen, mit wiederum verdr&#228;ngten Gef&#252;hlen und Leidenschaften, die der Sturm und Drang doch als Kr&#228;fte erwecken wollte, die den Menschen erst vollst&#228;ndig machen, da er eben nicht nur Vernunft ist.</p>

<p>Und hier kommt die andere, in „Prometheus“ nicht angesprochene Seite des Geniegedankens der St&#252;rmer und Dr&#228;nger ins Spiel, die von Goethe im Hymnus „Ganymed“ gestaltet wird.</p>

<hr />

<p style="text-align: center;">Johann Wolfgang Goethe</p>

<p style="text-align: center;">Ganymed</p>

<p>&lt;</p>

<p>p style=&#8221;text-align: center;&#8221;>Wie im Morgenglanze
Du rings mich angl&#252;hst,
Fr&#252;hling, Geliebter!
Mit tausendfacher Liebeswonne
Sich an mein Herz dr&#228;ngt
Deiner ewigen W&#228;rme
Heilig Gef&#252;hl,
Unendliche Sch&#246;ne!</p>

<p>&lt;</p>

<p>p style=&#8221;text-align: center;&#8221;>Da&#223; ich dich fassen m&#246;cht
In diesen Arm!</p>

<p>&lt;</p>

<p>p style=&#8221;text-align: center;&#8221;>Ach, an deinem Busen
Lieg ich, schmachte,
Und deine Blumen, dein Gras
Dr&#228;ngen sich an mein Herz.
Du k&#252;hlst den brennenden
Durst meines Busens,
Lieblicher Morgenwind!
Ruft drein die Nachtigall
Liebend nach mir aus dem Nebeltal.</p>

<p>&lt;</p>

<p>p style=&#8221;text-align: center;&#8221;>Ich komm, ich komme!
Wohin? Ach, wohin?</p>

<p>&lt;</p>

<p>p style=&#8221;text-align: center;&#8221;>Hinauf! Hinauf strebts.
Es schweben die Wolken
Abw&#228;rts, die Wolken
Neigen sich der sehnenden Liebe.
Mir! Mir!
In eurem Scho&#223;e
Aufw&#228;rts!
Umfangend umfangen!
Aufw&#228;rts an deinen Busen,
Alliebender Vater!</p>

<hr />

<p>Was f&#252;r anderer Ton, den Johann Wolfgang Goethe im Fr&#252;hjahr 1784 in dem Gedicht „Ganymed“ anschl&#228;gt. Lag es wom&#246;glich an der Jahreszeit. W&#228;hrend „Prometheus” im Herbst entstand – und herbstliche Gedanken widerspiegelt, Gedanken von Menschen, die sich den unfreundlichen Kr&#228;ften der Natur im Winter gegen&#252;ber sehen? – klingt hier nun die Faszination &#252;ber das hereinbrechende Fr&#252;hjahr an.<sup><a href="http://herrlarbig.de/2009/05/14/genie-sturm-und-drang-und-goethes-hymnen-prometheus-und-ganymed/#footnote_2_1608" id="identifier_2_1608" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Vgl. hierzu und zum folgenden: Ebd., 485&ndash;487.">3</a></sup></p>

<p>Wie auch im <a href="http://http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&amp;xid=3793&amp;kapitel=1#gb_found" target="_blank">Brief vom 10. Mai</a> im ersten Buch des Briefromans „Die Leiden des jungen Werther“, den Goethe ebenfalls im Jahre 1774 ver&#246;ffentlichte, steht im Ganymed die Gotteserfahrung in der Natur im Zentrum.</p>

<p>Im „Werther“ hei&#223;t es:</p>

<blockquote>„Ich k&#246;nnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein gr&#246;&#223;erer Maler gewesen als in diesen Augenblicken. Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfl&#228;che der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und n&#228;her an der Erde tausend mannigfaltige Gr&#228;schen mir merkw&#252;rdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unz&#228;hligen, unergr&#252;ndlichen Gestalten der W&#252;rmchen, der M&#252;ckchen n&#228;her an meinem Herzen f&#252;hle, und f&#252;hle die Gegenwart des Allm&#228;chtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Alliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend tr&#228;gt und erh&#228;lt…“</blockquote>

<p>Wie in „Ganymed“ (V 1–19) wird hier die Faszination an der Natur mit G&#246;ttlichem verbunden. Doch in „Ganymed“ geht Goethe noch weiter. In nur 32 Zeilen, wiederum reimlos und unregelm&#228;&#223;ig, kommt der ebenfalls der griechischen Mythologie entstammende Hirtenknabe <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ganymed_(Mythologie)" target="_blank">Ganymed</a> zu Wort. Als Hirte ist er der Natur verbunden, doch wurde er im Mythos von Zeus entf&#252;hrt, der ihn auf dem Olymp als Mundschenk haben wollte.</p>

<p>In Goethes Ganymed sind diese beiden Seiten, die Verbundenheit mit der Natur und das Streben nach oben: „Hinauf, hinauf strebt’s“ (V 22), anzutreffen.  Mag auch mit „Alliebender Vater!“ im letzten Vers (V 32) eine Gottheit stehen, so erreicht dieses Gedicht seinen H&#246;hepunkt schon in V 29, in jenem mit h&#246;chstem Sprachgef&#252;hl verfassten „Umfangend umfangen“.</p>

<p>In unnachahmlicher Pr&#228;szision beschreibt Erich Trunz diesen Vers:</p>

<blockquote>„Das <em>Fassen</em> und <em>Kommen </em>der vorhergehenden Verse m&#252;ndet in das <em>Umfangend</em>, das <em>Angl&#252;hen, Dr&#228;ngen, Rufen</em> Gottes kommt zur Ruhe in der zweiten H&#228;lfte des Verses, dem <em>Umfangen</em>, das freilich in seiner passivischen Form nicht mehr die handelnde Bewegung ausdr&#252;ckt, sondern ihr Ziel, ihren Ertrag; den Zustand des Ich, das von der nahenden Gottheit sich nun umschlossen und getragen f&#252;hlt. Der endg&#252;ltige Zustand, auf den das ganze Gedicht sich hinbewegt, die wahre N&#228;he zum G&#246;ttlichen, ist vom Menschen her ausgesprochen in einer Verkn&#252;pfung der aktivischen mit der passivischen Form.“<sup><a href="http://herrlarbig.de/2009/05/14/genie-sturm-und-drang-und-goethes-hymnen-prometheus-und-ganymed/#footnote_3_1608" id="identifier_3_1608" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Ebd., 486.">4</a></sup></blockquote>

<p>Ist der Mensch in „Prometheus“ der Gottheit gegen&#252;ber in einer anklagenden Position, die von erfahrenem Leid ausgehend der Gottheit seine eigene Sch&#246;pferkraft gegen&#252;berstellt und so aus der Passivit&#228;t des Leidens heraus tritt, zum aktiv gestaltenden Genie wird, so sieht es in „Ganymed“ ganz anders aus. Hier wird der Mensch von der Sch&#246;nheit der Natur ergriffen, die den Menschen schmachten (V 12) l&#228;sst, in ihm ein Dr&#228;ngen und Brennen ausl&#246;st (V 14f) und aktiv das Streben zur Gottheit mit sich bringt, bei dem sich Aktivit&#228;t und Passivit&#228;t („Umfangend umfangen!“ [V 29]) miteinander vereinen, in dem sich – und hier wird der Geniegedanke wieder unmittelbar greifbar – die Gottheit so sehr mit Menschen vereint, dass der Mensch in seinem Streben mit der Gottheit vereint wird.</p>

<p>Und genau diese Vorstellung wird, wenn auch nicht mehr dem Sturm und Drang zugeh&#246;rig, sp&#228;ter in „Faust” aufgenommen, wo es am im f&#252;nften Akt, in dem die Engel den unsterblich gewordenen Leib Faustens in den Himmel tragen, hei&#223;t: „Wer immer strebend sich bem&#252;ht, / Den k&#246;nnen wir erl&#246;sen.“ (V 11936f)</p>

<p>„Prometheus“ und „Ganymed“ spiegeln die zwei Seiten der „Ich-Erfahrung“ des Genies wider und bieten nur in der Zusammenschau einen Einblick in das ganze Genieverst&#228;ndnis Goethes, das die im Rahmen meiner Besch&#228;ftigung mit dem Hymnus aufgetauchten Gedanken an die Gefahren eines <em>solchen</em> prometheischen Genies dann doch deutlich relativiert, solange das Genie beide Seiten in sich hat, also auch die schaffende, strebende, die nicht nur umf&#228;ngt, sondern sich auch umfangen l&#228;sst – und so die gro&#223;artige Sch&#246;nheit ebensowenig aus den Augen und aus dem eigenen Gestaltungswillen verliert, wie den Schmerz und das Leid.</p>

<blockquote>Link: Eine <a href="http://logos.kulando.de/post/2009/07/18/goethe-ganymed-interpretation" target="_blank">eigenst&#228;ndige Interpretation des Ganymeds aus Lehrerhand</a> findet sich bei Norbert Tholen.</blockquote>

<p><strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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