Nicht, dass ein irischer Expolizist und der sich nunmehr als Privatdektiv versuchende Jack Taylor weniger melancholisch als ein schwedischer Wallander-Held wäre. Vielleicht ist das weiter nördlich einfach so. Wer sich da mit den Bösen befasst, wird von Melancholie getragen. Und Jack Taylor wird außerdem regemäßig von zu vielen Pints irischem Bier, Brandy in Kaffee, Gin, Whiskey etc. flach gelegt, auch wenn er zwischenzeitlich mal Continue reading
Category Archives: Herrn Larbigs Bibliothek
Herrn Larbigs Bibliothek 12 – James Wood: Die Kunst des Erzählens
Ich habe nun ja schon eine ganze Reihe an Büchern darüber gelesen, „wie Schriftsteller zu Werke gehen“ (Herlinde Kölbl), was einen guten Roman ausmacht, wodurch Gedichte geprägt sind.
Mir ist noch kein Buch über das Lesen und Schreiben von Literatur begegnet, nach dessen Lektüre mein Arbeitsplatz so hell von „Kronleuchtern“ bestrahlt wurde, die mir während der Lektüre aufgegangen sind.
Gleichzeitig weiß ich , dass dieses Buch noch mehrfach zu lesen sein wird, um seinen Tiefgang, seine Differenziertheit und all seine Anregungen wirklich für meinen Alltag fruchtbar zu machen.
Die Erstlektüre von James Woods „Die Kunst des Erzählens“ hat mich gefesselt. Continue reading
Herrn Larbigs Bibliothek 11 – Thorsten Havener: Ich weiß, was du denkst
Es ist ein leeres Versprechen, das der Untertitel zu Thorsten Haveners: „Ich weiß, was du denkst. Das Geheimnis Gedanken zu lesen“ suggeriert.
Havener mag die Aufmerksamkeit für nonverbale Elemente der Kommunikation schärfen, Continue reading
Herrn Larbigs Bibliothek 10 – Tino Hanekamp: So was von da
Am Ende wissen wir es dann: Eine Party besteht aus lauter Musik, einem gewissen Hang zum destruktiven Auseinandernehmen der Partylocation, Partybesuchern, die so bedröhnt sind, dass sie eine MDMA-Bowle ohne MDMA dennoch für eine solche halten und dem Placeboeffekt völlig erliegen.
Eine Party als Weltuntergang, nach dem das Leben weiter geht, dann aber eben als Erwachsener. Bis dahin aber ist der Ich-Erzähler Oskar Wrobel dauerbeschäfitigt und weder die Nachricht, dass eine gute Freundin nicht mehr lange zu leben hat noch die Wiederkehr seiner geliebten Mathilde vermögen ihn von dieser Dauerbeschäftigung mit eingeschobenen Selbstbetrachtungen – Oscar Wrobel zitiert immer wieder aus Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ – abzuhalten.
Oskar hat Schulden, ein Ex-Zuhälter will mal eben so zehntausend Euro von ihm, Hamburgs für das Bürgermeisteramt kandidierende Justizsenatorin verbringt einen Teil dieser Nacht vom 31.12. zum 1.01. irgendeines der Nullerjahre des 21. Jahrhunderts im Aufzug, der zum Club führt, in dem die Party stattfindet, zum Club, der in einem alten Krankenhaus angesiedelt ist, bis dieses dann eben abgerissen wird. – So was machen Clubbetreiber gerne mit abrissreifen Häusern, man „feiert“ Partys. Das war in Frankfurts altem Polizeipräsidium so, das ist in Tino Hanekamps Roman nicht anders.
Und dann ist die Party vorbei.
Man wird „erwachsen“, arbeitet vielleicht sogar in den modernen Büros, die an Stelle des Abrisshauses getreten sind, ist weiter auf Drogen, weil man es nicht mehr anders kann und ist „So was von da“, also genau im Hier & Jetzt, ahnend, dass es ein Morgen gibt, aber noch nicht bereit, sich diesem Morgen zu stellen.
Zum Glück erzählt Oskar Wrobel diese Geschichte, denn Tino Hanekamp hat ja auch schon einen Club betrieben, der abgerissen wurde, hat auch heute noch mit der Hamburger Clubszene zu tun, hat aber bestimmt keinen realistischen Club vorstellen wollen. Das wäre zu öde und kaum zu glauben, denn bei allem Tempo, den der Roman bekommt, so musste er doch geschrieben werden – und das wird wohl kaum während einer schuldenbelasteten, zugedröhnt vorbeiziehenden Dauerparty passiert sein.
Hanekamp war laut Autorenporträt im Buch auch schon Journalist. Na, da haben wir es doch schon. Dieser Roman ist bestimmt ein literarische Porträt der „Generation“ der Nullerjahre: Party, Dröhnung, Destruktivität und das dauernde Gefühl, „so was von da“ leben zu müssen, weil die Zukunft nicht absehbar ist, die Bildungs- und Berufsbiografien gebrochen sind etc. Vielleicht also ist das die Story, die Oskar Wrobel als Ich-Erzähler in die Welt setzen will.
Also ist das Pop-Literatur?! –
– Mir ist die Einordnung solcher Romane in irgendwelche Schemata eigentlich zu lästig, weil solche Einordnungen immer so viel zu erklären versuchen, was sie gar nicht erklären können.
Eines hat mich beim Lesen dieses Romans allerdings mehr und mehr überrascht: Beim Lesen kam nichts überraschendes, der Roman ist weit über die Hälfte absehbar – und doch habe ich weiter gelesen, habe zu Ende gelesen, bin in den Sog der literarischen Party geraten. Aber das macht die Party heute vielleicht aus: Jeder Partygänger weiß, wie sie sein soll, jeder weiß, wie sich eine schlechte Party anfühlt, jede Party gleicht der anderen. Doch die gute Party entwickelt in diesem Altvertrauten einen Sog. Und das passiert auch bei diesem Roman. Als Leser weiß ich, wie so ein Roman funktioniert, ich weiß, wie so ein Roman sein soll, wie sich ein schlechter Roman liest. Und ein guter Roman entwickelt einen eigenen Sog. Ich bin mir sicher, Hanekamps „So was von da“ kann diese Sog nicht auf jeden Leser und jede Leserin ausüben, es kann aber auch nicht ausgeschlossen werden, dass ihm das gelingt.
Ein gut lesbarer Roman, in dem die Schrecken des Lebens auftauchen wie in mancher Nachmittagssendung im Privatfernsehen: Sie gehen im Augenblick des Auftauchens im Rausch des „Da“ wieder unter. Und doch ist da eine zarte Ernsthaftigkeit, die in alle dem Lärm zu berühren vermag.
Tino Hanekamp: So was von da. Roman. Köln (Kiepenheuer und Witsch) 2011, 304 Seiten, Euro (D) 14,99 | sFr 21,90 | Euro (A) 15,50 ISBN: 978-3-462-04288-7
Und seit neuestem werden Bücher per Videotrailer beworben. Also dann… Will ich nicht vorenthalten:
Herrn Larbigs Bibliothek 9 – Jussi Adler-Olsen: Erlösung
Es geht nicht mehr darum, wer der Täter ist. Das wird in „Erlösung“ von Jussi Adler-Olsen sehr schnell erzählt.
Auch was die Opfer und die Beweggründe des Täters angeht, kann man schon nach der Hälfte des Krimis einiges sagen und wissen.
Das liegt daran, dass zwei Handlungsstränge parallel erzählt werden: Einerseits werden die Ermittlungen Carl Mörks, Assads und Rose bzw. deren „Schwester“ (?) Yrsa dargestellt, andererseits wird tiefer und tiefer in die Psyche und die Handlungsweisen Einblick gewährt, die den Täter bewegen.
Die Geschichte die Adler-Olsen erzählt, ist aber nicht nur interessant, weil da Ermittler und Täter parallel unterwegs sind. Vorrangig wird diese Geschichte erzählt, weil in ihr für den Täter alles, was in den vergangenen Jahren bei ähnlichen Taten so perfekt zu funktionieren schien, aus den Fugen gerät.
Es kommt zu sehr vielen ungeplanten Situation, rasanten Verfolgungsjagden, Menschen, die nicht so handeln wie es der kontrollsüchtige Täter erwartet… Kurz: Es gerät alles aus den Fugen und auch im Polizeipräsidium scheint es mehrere Fälle gleichzeitig zu geben, an denen die Ermittler dran sind, die ihnen aber durchaus noch Zeit für persönliche Sympathien und Aversionen lassen.
Irgendwann aber müssen sich die Wege von Carl Mörk, Assad und dem sich so selbstsicher fühlenden Täter kreuzen. Dies geschieht, nachdem wieder mal etwas nicht so geklappt hat, wie sich der Mörder sich das vorgestellt hatte und er fliehen muss. Kompositorisch ist dies Adler-Olsen richtig gut gelungen. Das meine ich vom ganzen Roman sagen zu können: Er ist gut komponiert und das Tempo nimmt zum Ende hin mehr und mehr zu.
Es bleibt zwar sehr viel Dunkelheit über der Vergangenheit des Täters, der sich so viele Identitäten zugelegt hat, dass er selbst nicht mehr zu wissen scheint, wer er eigentlich ist, aber die Figur ist ausreichend ausgearbeitet, sodass ihr Handeln in erschreckender Weise für diese Figur als nachvollziehbar gelesen werden kann.
Der dritte Mörk-Roman aus Adler-Olsens Thrillerwerkstatt. Wenn mich nicht alles täuscht, sind diese Romane von Band zu Band besser komponiert worden.
Adler-Olsen hat angekündigt, dass er zehn Bände um die „Sonderkomission Q – Abteilung für ungelöste Fälle“ schreiben wolle. Die Figuren um Carl Mörk herum, Assad, dessen Vorgeschichte nach wie vor im Dunkeln bleibt, und Rose, bei der noch zu klären ist, ob sie wirklich die in „Erlösung“ sich andeutende Persönlichkeitsspaltung hat, bieten zumindest genug Potential als Figuren, um sich in der Beschäftigung mit weiteren Fällen interessant weiter entwickeln zu können.
Jussi Adler-Olsen, Erlösung (aus dem Dänischen von Hannes Thiess, München (dtv) 2011, 592 Seiten (14,90 €)
Herrn Larbigs Bibliothek 8 – Peter Handke: Der große Fall
Müßiggang ist in diesem Falle ein literarischer Genuss und nicht des Lasters Anfang.
Das kann man anders sehen, ist man selbst der Überzeugung, dass es unproduktiv sei, einen ganzen Tag lang sich zu Fuß von den Randbezirken einer Metropole in deren Zentrum zu begeben.
Es spricht viel dafür, dass die namenlose Metropole Paris ist. Manches von dem Flair, die beschriebenen Kaffees, das Nennen der Metro und das Wissen darum, dass Peter Handke in Frankreich lebt, sprechen für diesen Ort. Aber das ist nur am Rande wichtig.
Im Zentrum der Erzählung Handkes steht ein Schauspieler. Ein Tag im Leben des Schauspielers wird vom Morgen bis in die Nacht hinein erzählt.
Er geht durch die sommerliche Großstadt, beobachtet, reflektiert, begegnet Joggern, Obdachlosen, Alten, Jungen, einem den Krieg erklärenden Politiker in Überlebensgröße auf einem Bildschirm am Rande des Weges.
Über der Stadtmitte steht ein Wetterleuchten.
Handke ist zum „schönen Erzählen“ zurück gekehrt, nachdem er durch teilweise seltsam anmutende politische Äußerungen zur serbischen Politik ein wenig an den Rand des Erzählens geraten war.
Nun erzählt er in klingender Prosa vom Weg eines Schauspielers in die Stadt. Dabei gibt es durchaus die eine oder andere Lebensweisheit zu entdecken.
Handke hat eine interessante, nicht für jeden leicht zu lesende Erzählung verfasst. Sprachlich kann Handke sehr überzeugen. Inhaltlich ist es ein langsam erzählter Text, der teilweise auch an die Grenze des Realismus geht. Ob man diese „Trockenheit“ eines Textes, der dennoch sprachlich schillert, mag, muss jeder für sich selbst entscheiden.
Dass die Wahrnehmung der eigenen Großstadterfahrung geschärft werden kann, dass man womöglich selbst beginnt, die eigenen Wege in der Großstadt in nahezu handkescher Sprache aich selbst zu erzählen, kann ich aus eigener Erfahrung als eine Nebenwirkung dieser Erzählung festhalten. Eine Nebenwirkung, die ich nicht als schädlich anseehe.
Handkes jüngstes Werk ist kein Muss für Leser und Leserinnen, aber durchaus eine Bereicherung für Flaneure.
Peter Handke, Der Große Fall. Erzählung, Berlin (Suhrkamp). 280 Seiten, 24,90.
Herrn Larbigs Bibliothek 7 – Robert Gernhardt: Texte zur Poetik
Manche Buchtitel sind für Überschriften einfach zu lang. Und so sei der ganze Titel hier gleich nachgereicht, womit auch die bibliographischen Angaben genannt sein sollen:
Robert Gernhardt, Was das Gedicht alles kann: Alles. Texte zur Poetik (hrsg. von Lutz Hagestolz und Johannes Möller), Frankfurt am Main 2010, 602 Seiten, 22,95€.
Robert Gernhardt ist der zweite einigermaßen bedeutende Dichter, der mit Frankfurt am Main verbunden ist und dessen Namen mit G beginnt, mit dem Buchstaben, der im Alphabet nur eine Position hinter dem Anfangsbuchstaben der Stadt steht, mit der diese beiden Gs verbunden sind. Ohne sie einen Topf werfen zu wollen oder den älteren zur Sakralisierung des jüngeren Dichters missbrauchen zu wollen: Goethe und Gernhardt und Frankfurt am Main – nicht etwa Berlin! Goethe wurde in Frankfurt geboren und zog von dannen, um in Weimar zum „Dichterfürst“ zu werden. Gernhardt wurde in Reval (Estland) geboren und zog von dannen, um dann in Frankfurt zumindest zum „Fürsten des komischen Gedichts“ zu werden.
Wie aber hat er das gemacht? Auf 602 Seiten gibt Gernhardt nun selbst Auskunft, 602 Seiten, in deren Zentrum Gernhardts Poetikvorlesungen stehen, die hier als eine zusammenhängende Vorstellung erscheinen, in Wirklichkeit aber aus drei Poetikvorlesungen zusammengesetzt wurden, nämlich denen in Frankfurt (2001), Essen (2002) und Düsseldorf (2006).
Neben diesem umfassenden Einblick in Gernhardts Poetik versammelt der Band laut Auskunft der Herausgeber alle Texte bei weitem nicht alle Texte zur Poetik, die Gernhardt verfasst habe. Dazu gehören Texte zu Dichtern, in denen Gernhardt sich mit Schiller ebenso befasst wie mit Brecht, Ringelnatz, Benn, Rühmkorf und noch ein paar anderen.
Gernhardt hat sich auch über Gedichte ausgelassen. Auch diese Texte finden sich in diesem Band. Alles aufzuzählen ist hier müßig.
Was aber kann der geneigte Leser aus Gernhardts Überlegungen lernen? Nun, das Wichtigste sei gleich am Anfang genannt: Dichter schreiben voneinander ab! – Was das Anfang des Jahres 2010 ein Aufschrei, als Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ erschien und man feststellt, dass da Zitate eines Bloggers übernommen worden waren. Das war nicht nett, ganz und gar nicht.
Wer aber wissen will, wie es unter Dichtern her geht, der lese Gerhardts Poetikvorlesung(en), die nun leicht zugänglich ist.
Gernhardt zitiert hier Goethe (wieder die zwei Gs), der in einem seiner Gespräche laut Gernhardt folgendes sagte:
„So singt mein Mephistopheles ein Lied von Shakespeare – und warum sollte er das nicht? Warum sollte ich mir die Mühe geben, ein eigenes zu erfinden, wenn das von Shakespeare eben recht war und eben das saget, was es sollte, Hat daher auch die Exposition meines ,Faust‘ mit der des ,Hiob‘ einige Ähnlichkeit, so ist das wiederum ganz recht, und ich bin deswegen eher zu loben als zu tadeln…“ (42f)
Die Zahl der Übernahmen, der Anregungen, der Provokationen, also die Zahl all der Situationen, in denen ein Dichter vom andern „abschreibt“ ist enorm. Gernhardt zeigt in seiner Poetik ein paar davon. Denn das Haus der Poesie, das Gernhardt in seinen Poetikvorlesungen vor dem Zuhörer und nun dem Leser aufbaut, hat auch einen Lesesaal, ganz zu schweigen vom Chatraum. Kurz: Dichtung ist schon immer eine Art von „Hypertext“, manchmal sogar in Kooperation entstanden. Da wird zitiert, Dichter fühlen sich von Zeilen anderer Dichter provoziert, stimuliert etc.
Natürlich: Der Titel der Frankfurter Poetikvorlesung (2001) „Was das Gedicht kann: Alles“ ist eine Provokation. Schon in der Überschrift der Vorlesung wird klar, dass hier ein Loblied dem Gedicht gesungen werden soll.
Aber die Überzeugung, dass Gedichte alles können, wird heute nur noch von wenigen geteilt, es sei denn, man nimmt all die Dichtung mit ins Boot, die heute unter dem Namen „Lyrics“ bekannt ist und die Texte von Liedern meint. Und dennoch gilt auch hier Gerhardts Beobachtung:
„Das Gedicht kann alles, behaupte ich, zugleich aber muß ich fortwährend verbuchen, daß der Dichter heutzutage wenig, wenn nicht gar nichts gilt.“ (17)
Gernhardt hat natürlich recht. Oder gibt es mehr als ein paar ausgewiesene Experten, die wissen, wer die Texte zu all den Liedern geschrieben hat, die heute in den Charts hoch und runter gespielt werden? Oft scheint es ja fast so, dass die, die ihre Texte selbst schreiben als „Singer-Songwriter“ oder gar als „Liedermacher“ in eine Ecke gestellt werden, von der aus das Treppenhaus zu den Charts unerreichbar scheint.
Dass gerade Gernhardt über das Ansehen der Dichter klagt, ist allerdings überraschend, ist er doch fast der einzige Dichter deutscher Sprache der vergangenen Jahrzehnte, der überhaupt noch ein nennenswertes Publikum zu erreichen vermochte. Sein Rezept findet sich auch in seiner Poetik wieder: Kenne dich sehr gut in der Dichtung aus und finde eine leichte Sprache, in der elegant der kürzeste Weg von A nach B genommen werden kann.
Es beeindruckt mich, wie leichtfüßig Gernhardt in der Geschichte des (modernen) Gedichtes unterwegs ist und in einfacher, lesbarer, an keiner Stelle akademisch müffelnder Sprache Zusammenhänge, Schönheiten und Plattheiten der Dichtung an den Mann, die Frau, den Leser, die Leserin und sogar den Nichtleser und die Nichtleserin bringt.
Da spielt es für mich nur am Rande eine Rolle, dass die mir vorliegende Ausgabe möglicherweise wissenschaftlichen Editionserwartungen nicht entsprechen kann, wie Lino Wirag anmerkte. Es entspricht zumindest Gernhardts eigener leichtfüßigen Art, ernsthaft mit Gedichten umzugehen, dass er nicht jeden Bezug, der in dem Band wiederum genommen wird, akribisch via Fußnote nachweißt. – Ein wenig Arbeit soll dann noch für die Literaturwissenschaftler bleiben.
Meine Bibliothek hat diesen Band freundlich aufgenommen. Er ist eine Fundgrube für jeden, der sich leichtfüßig und ernsthaft mit Gedichten befassen will. Und ganz nebenbei: Eine Fundgrube von Zitaten für den Deutschunterricht ist der Band dann auch noch, Zitaten, die den Umgang mit Gedichten vielleicht auch in der Schule bei aller Ernsthaftigkeit ein wenig leichtfüßiger machen können.
Herrn Larbigs Bibliothek 6 – Simon Beckett: Leichenblässe
Simon Becketts dritter Roman mit dem forensischen Anthropologen David Hunter spielt auf der sog. Body-Farm, einem Institut, das die Erforschung menschlicher Zerfallsprozesse nach dem Tod in unterschiedlichsten Situationen zum Ziel hat. Nach „Die Chemie des Todes“ und „Kalte Asche“ nun also „Leichenblässe“.
Der Titel beschreibt gut, was dem Leser bei diesem Buch passieren kann: Er kann leichenblass werden, angesichts der Ansammlung von Leichen und der mit sehr gewöhnlichen Methoden erzählten Geschichte, die einem geübten Krimileser schnell die Lust nehmen kann, das Buch überhaupt weiter zu lesen. Mir war spätestens nach der Hälfte des Buchs klar, wer der Täter ist. All die penetranten Ablenkungsversuche, die soweit gehen, dass dann plötzlich der Name des potentiellen Täters gefühlt auf jeder Seite bis zur Unerträglichkeit wiederholt wird, wurden für mich dann bald so nervig, dass ich dieses Buch schnell fertig las, hätte es doch sonst eher das Schicksal einer abgebrochenen Lektüre ereilt.
Zugegeben, die Idee, einen Roman um einen Forensiker zu schreiben ist durchaus interessant, auch wenn man sich in der Krimilandschaft vor Gerichtsmedizinern mittlerweile ja kaum noch zu retten vermag. Zudem scheinen Becketts Romane in Sachen Forensik richtig gut recheriert, soweit ich als Nichtforensiker zumindest meinem Eindruck folge. Und trotz der Durschaubarkeit vor allem dieses dritten Bandes der Reihe um dem „Jäger“ David Hunter – der Name als sprechender Name ist, naja, vielleicht ein wenig platt, aber was können Figuren in Romanen schon für ihre Namen – ist er dennoch vom Thema her durchaus „interessant“, so wenig ich die Umsetzung in literarischer Form gelungen finde.
Dennoch ist Simon Beckett unter die Bestseller-Autoren gekommen. Warum, weiß eigentlich niemand so genau, aber die Frage nach den Gründen, warum ein Autor in die Bestseller-Listen kommt, stelle ich mir spätestens seit Dan Browns fulminantem Erfolg kaum noch, schreibt doch auch er nicht gerade innovative Romane, sondern vor allem solche, denen ich anzumerken scheine, dass sich Brown intensiv mit den Regelwerken des Creative-Writings für Thriller befasst hat.
Warum aber lesen wir dann noch Krimis, wenn die meisten doch sowieso bieder, meist äußerst konservativ erzählt und platt sind? Statt eigener Vermutungen gebe ich diese Frage einfach mal in die Runde und freue mich auf Antworten als Kommentare zu diesem Beitrag.
Simon Beckett, Leichenblässe, Hamburg (Rowohlt / Wunderlich) 2009, 415 Seiten (19,90 €)
Herrn Larbigs Bibliothek 5 – Walt Whitman: Grasblätter
Ein Neuzugang, der keiner ist und doch einer ist. Walt Whitmans „Leaves of Grass“ stehen in der amerikanischen Ausgabe von Sculley Bradley und Harold W. Blodgett schon länger hier – auch, weil es bislang keine einzige vollständige Übersetzung dieses zentralen Werkes für die amerikanische Moderne ins Deutsche gab. Das hat den Zugang zu Whitman nicht gerade erleichtert, schon gar nicht, wenn man den Nuancen des Sprachgebrauchs in diesen Gedichten als Nicht-Amerikanist kaum auf die Schliche zu kommen in der Lage ist.
Seit September 2009 ist dieser Missstand vorbei. Endlich, nach über hundert Jahren, wurde Whitmans Hauptwerk nun ins Deutsche übersetzt, Jürgen Brôcan hat das längst Überfällige endlich getan – und er hat gute Arbeit geleistet, erlaubt es diese Übersetzung doch problemlos, den amerikanischen Text und die Übersetzung nebeneinander zu lesen.
Der Hanser-Verlag hat sich gegen eine zweisprachige Ausgabe entschieden. Gerade bei Gedichten finde ich das zwar äußerst problematisch, aber angesichts der über 860 Seiten, die Jürgen Brôcans Übersetzung bereits hat, erscheint mir diese Entscheidung zumindest nachvollziehbar. Und da mir die amerikanische Ausgabe auch vorliegt, ist das zumindest für mich kein Problem, sondern endlich die notwendige Ergänzung, um den Zugang zu einem Werk, das mich schon lange fasziniert, zu erleichtern.
Das Verdienst Brôcans geht aber weiter: Er legt eine gute Übersetzung vor, in der er die alles andere als einheitlichen Sprachstile Whitmans nachvollzieht. Was muss das für eine Arbeit gewesen sein!
Die 39,50 €, mit denen die Anschaffung dieses auf Dünndruckpapier publizierten Werkes zu Buche schlagen, spiegeln wohl auch die zu erwartenden Verkaufszahlen wider. Es ist kaum zu erwarten, dass Gedichte heute noch so gut verkauft werden, dass kurzfristig mit hohen Auflagen gerechnet werden könnte. Aber diese Übersetzung wird sich halten, wahrscheinlich wird sie in ein paar Jahre auch als Taschenbuch vorliegen, vielleicht wird sie auch noch um die Teile ergänzt, die dieser Ausgabe noch abgehen: Am wenigsten kann ich nachvollziehen, dass es kein alphabetisches Verzeichnis der Gedichtanfänge gibt, das die Navigation im Buch deutlich vereinfachen würden; die wichtigsten Wörter und Übersetzungsentscheidungen sind in einem Anmerkungsapparat erläutert und dokumentiert, aber auch hier könnten umfangreichere Anmerkungen den Wert dieses Buches noch einmal steigern und den Zugang zum Werk erleichtern.
Was aber ist so faszinierend an Whitmans Gedichten? Für mich ist es vor allem die Tatsache, dass zu der Zeit, in der Whitman ein Loblied der Demokratie schreibt, in Deutschland noch Kaiser herrschten und ein Werk wie Heinrichs Mann „Der Untertan“ erst noch erscheinen mussten. In diesem Werk Whitmans werden für mich die enormen gesellschaftlichen Unterschiede nachvollziehbar, auch wenn in den USA die Abschaffung der Sklaverei erst durch einen Krieg zu Whitmans Lebenszeit erfolgte. Whitman setzt sich in seiner Lyrik für die Sklaven ein, er fordert die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, greift die Indianerthematik aber eher romantisch verklärt denn als blutige Hypothek der US-amerikanischen Geschichte auf. Darüber hinaus gelingt es ihm, in wenigen Versen ganze Bildlandschaften bei Lesenden los zu treten, die einen Eindruck des Lebens aller Schichten in den USA der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermitteln und in diesem Sinne auch inhaltlich zutiefst demokratisch sind.
Vergleichen mit den Zuständen in Deutschland und weiten Teilen Europas zur gleichen Zeit, führt dieses Werk auch die massiven Differenzen zu den damaligen USA vor Augen, die, zumindest in diesen Gedichten, weit moderner als das Europa dieser Zeit auf mich wirken.
Dabei fällt der teils sehr pathetische Ton auf, den Whitman dennoch anschlägt, der in Deutschland so bis heute weder möglich noch wünschenswert erscheint, aber für ein vereinigtes Europa sprachlich wie inhaltlich Perspektiven auf den demokratischen Umgang mit Differenzen beinhaltet, auch heute noch, über hundert Jahre nach dem Erscheinen der „Grasblätter“.
Diese „Modernität“, in Wirklichkeit ist Whitman an vielen Stellen wohl konservativer als es hier nun den Eindruck erweckt, mag auch damit zu tun haben, dass Whitman seiner eigenen Zeit voraus war. Nicht umsonst wurde sein Werk in den USA seiner Zeit als „obszön“ empfunden. Whitman verlor seine Arbeit im Innenministerium aufgrund dieses als „unsittlich“ empfundenen Buchs, das neben der Schönheit von Land und Leuten aller sozialer Klassen in Hymnen auch Whitmans Blick auf das Erotische nicht verschweigt.
Whitman gehört mit zu den zentralen Figuren der Gründung einer amerikanischen Literatur und hat somit literaturhistorisch eine ähnliche Bedeutung wie Goethe und Schiller für die deutschsprachige Literatur. Höchste Zeit also, dass diese Übersetzung vorgelegt wurde, die in meinen Augen zu den wichtigsten Neuerscheinungen des Jahres 2009 gezählt werden kann.
Walt Whitman, Grasblätter, übersetzt von Jürgen Brôcan
Erscheinungsdatum: 07.09.2009 – Fester Einband, 880 Seiten Preis: 39.90 € (D) / 65.00 sFR (CH) / 41.10 € (A) ISBN 978-3-446-23410-9 – Hanser Verlag
Amerikanische Ausgabe:
Leaves of Grass Walt Whitman ISBN 10: 0393093883 / 0-393-09388-3 ISBN 13: 9780393093889 Publisher: W W Norton & Co Inc Publication Date: 1973
Herrn Larbigs Bibliothek 4: Rose Ausländer – Schweigen auf deinen Lippen
Ob man mit Sprache, mit Buchstaben, mit Versen ohne Punkt und Komma Bilder malen kann? Rose Ausländer konnte es. Und selbst dort, wo es in Gedichtform gebrachte kurze Notizen zu sein scheinen, kommt die Autorin auf den Punkt – auch wenn sie keinen setzt: „Die Nacht / ist mein Tag // an dem ich / meine Welt / erschaffe“
Auf den ersten Blick sind es „kleine Welten“, die aus den 214 Seiten sprechen wollen. Diese „kleine Welten“ aber führen in die Tiefen des Lebens einer Frau, die ihre letzten zehn Jahre bettlägrig im Düsseldorfer Nelly-Sachs-Haus verbrachte – und somit in die Tiefe überhaupt. Es öffnen sich Dimensionen, die alleine die Lyrik zu erfassen vermag. Manchmal reichen vier oder fünf Zeilen: „Die Rose / vertraut sich / ihren Dornen an / sie lassen sie nicht / im Stich“ (Vertrauen II, S. 53).
Sicher gehört der Name Rose Ausländer nicht in das Repertoire an Allgemeinwissen, das in die Breiten der Bevölkerung vorgedrungen ist. Paul Celan kennt man vielleicht noch (Todesfuge), aber schon Nelly Sachs, die immerhin den Literaturnobelpreis des Jahres 1966 bekam, ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Und dennoch: Rose Ausländers Werk liegt als Taschenbuch vor und lohnt, zumindest für alle, die Lyrik als etwas Wunderbares zu begreifen vermögen, der Lektüre. Bei dieser Lektüre ist „Kein Augenblick verloren“ (Nicht verloren, S. 210).
Rose Ausländer, Schweigen auf deinen Lippen. Gedichte aus dem Nachlaß, Frankfurt (Fischer), 2001 (3. Auflage – zuerst 1994).