Kategorie-Archiv: Kommunikation

Lehrerblogs sind tot.

Blogs sind schon seit drei Jahren tot. Möglicherweise sind Blogs aber auch erst seit Weihnachten 2013 tot. – Wer daran glauben mag, kann an dieser Stelle aufhören, diesen Artikel zu lesen.

Wer jetzt weiterliest, vertritt möglicherweise die Position, dass das mit dem Schwarz und Weiß bei Formen des Auftretens im Internet ganz so einfach dann doch nicht ist. Nach wie vor gibt es Leute, die Blogs schreiben, die mit ihren Inhalten nicht in geschlossene Biotope sozialer Netzwerke abwandern – und gelesen werden.

Sicher: Das mit dem Bloggen ist harte Arbeit. So etwas hält nicht jeder über einen längeren Zeitraum durch. Manch einer schätzt da die interaktivere Form sozialer Netzwerke, in die eher knappere Beiträge eingebracht werden.

Aber es gibt nach wie vor immer wieder neue Blogs und damit auch neue Blogger.

In den vergangenen Jahren sind pro Jahr ca. 15 bis 20 neue Blogs von Lehrern entstanden, glaubt man der Aufstellung der Lehrerblogs, die seit ein paar Tagen bei der „Zentrale für Unterrichtsmedien“ (ZUM) zu finden ist. Beginnend mit dem Jahre 2000 sind da zur Zeit etwa 170 Blogs verzeichnet, die als Lehrerblogs bezeichnet werden.

Es gibt in Deutschland ca. 800.000 Lehrer und Lehrerinnen an allgemeinbildenden Schulen.

Das Lehrerblog muss man also nicht für tot erklären.

Es hat nie gelebt.

Bei ca. 800.000 Lehrerinnen und Lehrern in Deutschland ist das sich explizit als Lehrerblog sehende Blog eine marginale Erscheinung, sodass man eigentlich nur dann glauben kann, es sei etwas lebendiges, wenn man sich innerhalb dieser kleinen Gruppe von (mehr oder weniger) aktiven Bloggern bewegt und dabei durchaus ein wenig Nabelschau und Selbstbespiegelung betreibt.

Es ist ein kleiner Haufen von Geeks, die als Lehrer bloggen und das dann auch noch Lehrerblog nennen. – Das mit den „Geeks“ ist gar nicht so despektierlich gemeint, wie es klingen mag, denn der Autor dieser Zeilen gehört ja irgendwie auch zu dieser Gruppe dazu.

Wenn es nie eine Kultur der Lehrerblogs gab, dann hat dies möglicherweise unter anderem mit dieser Geek-Kultur zu tun: Man schmort im eigenen Saft, wählt untereinander das Lehrerblog des Jahres, wobei nur die Stimmen von ausgewiesenen Lehrerbloggern zugelassen werden, als rechne man gar nicht mehr damit, dass es eine Außenwirkung über die Lehrerblogger-Mini-Welt hinaus geben könnte, die sich möglicherweise auch in einer solchen Abstimmung widerspiegeln würde.

Frage ich im Lehrerzimmer, welche Lehrerblogs Lehrerkollegen kennen, bestätigt sich dieser Eindruck übrigens: Es ist eine marginale Bekanntheit, die Lehrerblogs unter Lehrern haben.

Und welche Lehrerblogs werden über Lehrerbloggerkreise hinaus im Internet wahrgenommen? – Es sind Lehrerblogs, die sehr lange aktiv sind oder die irgendwann mal irgendwo in den größeren Tagesmedien auftauchten; und es sind Blogger, die sich aktiv vernetzen, die die engen Grenzen derjenigen, die sich mit Blogs im Hintergrund in sozialen Netzwerken herumtreiben, aufbrechen wollen, um für die Sache Öffentlichkeit zu schaffen.

Das bedeutet ja nicht, dass man das „Geekige“ aufgeben müsste. Ich bin gerne (in gewissem Maße) „Geek”.

Nach nunmehr fast sechs Jahren als Blogger merke ich, dass ich zunehmend von deutschsprachigen Lehrerblogs abwandere und mehr und mehr englische Blogs und Websites rund um Schule und Bildung lese. Ich merke, dass ich neue Formen der Vernetzung pflege, weil ich weiß, dass Form und Inhalt zusammenhängen und ich endlich auch neue Inhalte will.

In den alten Formen (der Blogs) weiß ich zu oft schon bei der Überschrift, was anschließend zu erwarten ist. Selten werde ich da überrascht, angeregt, auf neue Ideen gebracht.

Wenn ich sage, dass Lehrerblogs tot sind, dann schließe ich natürlich mein eigenes mit ein, sehe ich mir an, wie viele Kommentare nicht geschrieben werden. In den meisten Blogs schreibe ich auch kaum noch Kommentare. Warum auch, wenn ein großer Teil der kontinuierlichen Diskussion auf Twitter läuft? Diskussionen erlebe ich in Twitter-Chats.

Also doch in soziale Netzwerke abwandern, was ich oben noch zwischen den Zeilen kritisiert habe?

Mitnichten. Ganz im Gegenteil. Ein Hoch auf den hiermit verkündeten Tod der Lehrerblogs, denn dieser gibt die Freiheit zurück, ein Blogger sein zu dürfen, der Lehrer ist und in seiner „Freizeit“ bloggt, wobei eben auch Themen rund um den Beruf einfließen. Denn in Wirklichkeit lese ich keine Blogs, weil jemand einen spannenden Beruf hat und diesen in einem Blog (ausschließlich) reflektiert. Ich lese Blogs, weil ich auf den von mir gelesenen Blogs für mich spannende Inhalte finde, die in der Regel von für mich spannenden Persönlichkeiten stammen, von denen einige dann auch noch Lehrer oder Lehrerin sind.

Natürlich kann es in einem von einem Lehrer betriebenen Blog auch um den Beruf und um Schule gehen. Deshalb lasse ich im Untertitel dieses Blogs das mit dem „Lehrerblog“ auch zwischen „Bildungs-Neuron“ und „etc.” stehen. Aber ich habe mich nie auf den Beruf beschränkt und werde das auch in Zukunft nicht tun. Das gilt auch für meine Vernetzung, die nach wie vor vor allem über Twitter läuft. – Da geht es auch um Bildung, Schule, Unterricht, aber eben nicht nur.

Und nein: Wenn ich Lehrerblogs für tot erkläre, dann eben nicht, weil ich sie nicht zu schätzen wüsste, sondern als Aufruf, wieder mehr zu spielen, weniger mit den Blogs zu wollen. – Was das dann aber wieder für jeden Einzelnen heißt, der das Blog als eine Form seines Ausdrucks zu nutzen und zu schätzen weiß, muss jeder Einzelne selbst herausfinden. Denn das gehört auch zu lebendigen Blogs dazu: Jedes wird von der Person geprägt, die es schreibt, jedes besetzt eine eigene Nische, hat einen eigenen Stil und seinen eigenen Charakter.

Und damit ist es höchste Zeit, an die Regeln für Neuronen (nicht nur im Netz) zu erinnern, die Jean-Pol Martin formuliert hat und an die ich mich anlehne, wenn ich mich im Untertitel des Blogs als „Bildungs-Neuron“ bezeichne, das (auch) einen „Lehrerblog“ schreibt und sich die Freiheit für ein offenes „etc.“ nimmt.

Ich empfehle an dieser Stelle, die Lektüre im Netz bei Jean-Paul Martin fortzusetzen, neben den Regeln für Neuronen die „Basisregeln für Internet-Projekte“ zu verinnerlichen und mal wieder zur Kenntnis zu nehmen, was Jean-Paul Martin mit „Netzsensibiltät“ meint, über die auch in diesem Blog bereits nachgedacht wurde.

Lehrerblogs sind tot. Lassen wir sie als Knotenpunkte im neuronalen Netz des Internets wiedererstehen und zum Teil eines komplexen Ganzen werden, in dem „Lehrerblogs“ Teil eines Diskurses sind, der über „Lehrer“ und „Schule“ hinausgeht. In diesem Diskurs werden nicht nur die Stimmen von ausgewiesenen Lehrerbloggern zugelassen, sondern gerade das Übersteigen der Grenzen der „Lehrerblogs“ wird in ihm als notwendig angesehen. Neben die digitale Vernetzung in unterschiedlichste Richtungen tritt die breite Vernetzung in analogen Formen der Begegnung und des Diskurses.

Die Fortentwicklung des „Lehrerblogs“ ist der „vernetzte Lehrer“, in dessen Netzwerk das Blog ein Baustein unter vielen sein kann, der aber nicht unbedingt ein solches führen muss. Solche „vernetzten Lehrer“ sind regional, überregional und gegebenenfalls sogar überkontinental vernetzt. Man diskutiert miteinander, man arbeitet zusammen, man lernt andere Bildungssysteme und vieles darüber hinaus kennen.

Lehrerblogs sind tot.

Die Netzwerke vernetzter Lehrer (connected educators) aber sind quicklebendig.

 

EdChatDe – Ein Twitterchat für Lehrerinnen, Lehrer, Bildungsmenschen: Theorie und Praxis einer Idee

“Chats on Twitter have become a staple for information and contacts. They are great sources of relevant information that educators need to promote change and improve their own methodology. Chats are wonderful sources for connecting to educators with proven worth to add value to Professional Learning Networks. It adds to the many ways educators can now personalize their learning for professional development. In order to provide kids a relevant education, we need to provide relevant educators. A connected educator, engaging in education chats, is one method that enables this much-needed relevance.”

Tom Whitby (Founder EdChat)

Abstract: Seit dem 10. September 2013 chatten Lehrer, Lehrerinnen und andere an Bildungsfragen interessierte Menschen eine Stunde pro Woche auf Twitter gezielt über vorher abgestimmte Themen, zu denen von den Organisatoren des Chats, André Spang und Torsten Larbig, jeweils Fragehorizonte erarbeitet werden.

Was als ein einfaches Format von der in den USA entstandenen Idee des „Edchat“ (Education-Chat) abgeleitet wurde, das spiegelt sich im Namen „EdChatDE“ wider, baut auf einer Theorie auf, die die Frage nach dem didaktischen Mehrwert des Internets für Lehr-Lern-Zusammenhänge stellt und diese praktisch erforschen und erproben will. In diesem Beitrag stellt Torsten Larbig zunächst in groben Zügen den theoretischen Rahmen vor, in den der EdChatDe von ihm eingeordnet wird, bevor er dessen praktische Umsetzung auf der Basis dieses Theorierahmens darstellt und reflektiert. Weiterlesen

Du sollst mehr bloggen ;-)

Es kommt mir manches Mal so vor, als gehöre es fast schon zum „State of the Art“, über das Nischendasein deutschsprachiger Blogs in der deutschsprachigen Internetlandschaft ein wenig zu jammern. Zum Spiel gehört wohl auch, dass Vorschläge gemacht werden, wie sich das ändern könnte.

Die Überschrift dieses Artikels verweist weder darauf, dass ich hier einschätzen will, wie der gesamtgesellschaftliche Status von Blogs ist, noch enthält dieser Beitrag ein Patentrezept, wie ein Blog „erfolgreich“ werden kann. Das „Du“ in der Überschrift könnte auch „Ich“ heißen, wobei man die Überschrift dann auch noch grammatikalisch anpassen müsste ;-)

Anlass für diese Überlegungen ist eine ganz andere Beobachtung: Es kommt vor, dass das eine oder andere Thema, das für mich eigentlich ein klassischer Gegenstand des Bloggens ist, in sozialen Netzwerken untergebracht wird, auf denen es sich relativ schnell „versendet“. Die Wahrnehmungsspanne, die ein Standardtweet bekommt, scheint mir deutlich unter vierundzwanzig Stunden zu liegen. Wie stark Beiträge auf Google+ wahrgenommen werden, vermag ich nicht zusagen, aber überbevölkert scheint diese Plattform nicht zu sein, die Aktivitäten der Nutzer sind meiner Wahrnehmung nach nicht als hyperaktiv zu bezeichnen. – Wie das auf Facebook aussieht, kann ich aufgrund anhaltender Abstinenz nicht bewerten, aber so wahnsinnig viel bekomme ich von außerhalb über die dortigen Aktivitäten nicht mit.

Kein Zweifel, ich schätze die ganz eigene Dynamik, die Twitter entwickeln kann. Das gilt auch für Inhalte: Den einen sind hundertvierzig Zeichen zu wenig, um sich ausdrücken zu können; andere vermuten, Tiefgang sei in dieser Kürze kaum zu erreichen. Ich halte es eher mit der sprichwörtlichen Würze, die der Kürze eigen ist. Hundertvierzig Zeichen und dennoch – oder gerade aus diesem Grund – auf den Punkt zu kommen, ist durchaus eine intellektuelle Herausforderung, die ich mag.

Trotz dieser starken Sympathien für die Kürze und die dynamische Kompexität, die der Austausch auf Twitter bekommen kann, ist mir in den vergangenen Wochen ein paar Mal aufgefallen, dass ich Themen auf Twitter kurz anreiße, die ich eigentlich vertiefen will, was nicht immer einen ewig langen Artikel mit sich bringen muss. Obwohl ich ein Werkzeug benutze, das mir die Wiederverwertung und nachhaltige Speicherung einer Serie von Tweets zu einem Thema komfortabel ermöglicht, mache ich es mir teilweise leicht, indem ich manche Themen, die mich interessieren, kürzer kommen lasse, als ich das eigentlich will.

Darüber hinaus ist ein Blog von seiner Struktur her ein Tagebuch und keine Fachzeitschrift. ;-) In einem Blog dürfen – ja, sollen – Gedanken entwickelt werden können und nicht vor allem Ergebnisse von Prozessen präsentiert werden. Natürlich sollen die Gedanken und auch Geschichten, die einem Blog anvertraut werden, zumindest soweit es mich betrifft, nicht allzu platt sein.

In diesem Sinne ist es gemeint, wenn ich mir und vielleicht der einen oder dem anderen zuraune: „Du sollst mehr bloggen“.

Das ist ja gar nicht so viel Aufwand. Man kann, mit ein wenig Übung, in überschaubaren Zeiten solch einen Eintrag verfassen. So ist einer der am meisten gelesen Artikel der vergangenen Wochen in weniger als fünfundvierzig Minuten entstanden. Ursprünglich als Notiz beim Lesen eines Buchs geschrieben, habe ich den Text dann online gestellt.

Diesen Artikel hier schreibe ich auf dem iPad unterwegs. Da steckt auch nicht so viel Aufwand dahinter, vorausgesetzt, man verzichtet auf die original WordPress-App für iOS-Geräte.

Es war immer Konzept meines Blogs, dass ich mir keine festen Regeln bezüglich des Inhaltes und der Frequenz der Beiträge gebe. Also kann ich mich der von mir an mich gestellten Aufforderung entspannt stellen: „Du sollst mehr bloggen“. – Vielleicht geht meine Phantasie ja mit mir durch, aber ich kann mir vorstellen, dass diese Aufforderung vor dem hier dargestellten Hintergrund nicht nur für mich selbst von Interesse ist.

„Du sollst mehr bloggen“, ist durchaus ein Aufruf, der dem Nischendasein von Blogs im deutschsprachigen Raum entgegenwirken kann, wenn es das denn gibt und wenn die Inhalte zumindest den einen oder anderen Anknüpfungspunkt für Diskussionen enthalten.

Es gibt aber noch einen Grund, warum ich vor allem Lehrern und anderen Bildungsmenschen diese Satz „Du sollst mehr bloggen“ mitgeben möchte: Die Themen Schule, Hochschule und Bildung sind schon lange ein Kernbestand des Diskurses in Deutschland, an dem alle möglichen Leute beteiligt sind, in dem aber professionelle Expertise von Lehrenden für meinen Geschmack zu wenig vorkommt.

Das liegt nicht an mangelnder Expertise der Lehrenden. Das liegt nicht an mangelndem Interesse der Öffentlichkeit, die diese Äußerungen nicht wahrnehmen würde. Das liegt vor allem daran, dass sich nur wenige Lehrende da ran wagen.

Hochschullehrer scheinen oft in einer Umgebung zu arbeiten, in der eventuelles Bloggen kritisch bis abfälllig beäugt wird.

Lehrerinnen und Lehrer hingegen finden oft keine Zeit und kommen oft nicht auf die Idee, dass so manches, was man im stillen Kämmerlein an Sachanalysen erstellt, eine gute inhaltliche Basis für ein Blog sein könnte, das man explizit als private Gedankenspielwiese kennzeichnet. Da könnten dann auch andere Themen ihren Platz finden, die bearbeitet werden, wenn man Zeit und Lust hat. Es geht auch, wenn nur Lust oder nur Zeit da sind, dann ist es eben etwas stärker eine Frage der Selbstdisziplin ;-).

In anderen Ländern, ausdrücklich nenne ich hier die Länder Nordamerikas, ist das Angebot bildungsbezogener Websites und Blogs mit oft erstaunlicher hoher Qualität deutlich breiter und etablierter als in Deutschland. Das liegt auch an der deutlich größeren Zielgruppe als die auf Deutsch erreichbare, obwohl die Reichweite mit Deutsch gar nicht mal so schlecht ist.

Die bislang insgesamt eher geringe Wahrnehmbarkeit von Lehrenden im Netz dürfte aber auch daran liegen, dass es in anderen Ländern einen etwas entspannteren Umgang mit Netzaktivitäten Lehrender gibt als in Deutschland, wo Netzaktivitäten von Lehrenden von ministerialen Bedenkenträgern eher kritisch beäugt werden. Auch um hier Überzeugungsarbeit zu leisten und dabei gleichzeitig das Know-how im Umgang mit sozialen Netzwerken im Internet zu erwerben, zu erweitern bzw. zu vertiefen, das notwendig ist, um die Didaktik in diesen neuen Kontexten gewinnbringend weiterzuentwickeln, wiederhole ich den Imperativ dieses Blogeitrags am Ende noch einmal: „Du sollst mehr bloggen.“ – Es lohnt sich.

 

Vernetzung ist Arbeit – Über Blogs im Jahr 2013

Dieser Beitrag wurde von Johnny Häuslers Artikel „2013: Das Web zurückerobern“ angeregt und versteht sich als meine reflektierende Verarbeitung dieser Denkanregungen.

Es stimmt, dass geschlossene „soziale Plattformen“ eine ganze Menge an Diskussionen an sich ziehen. Immer mehr an thematischen und auch eher belanglosen Gesprächssträngen wird hinter Registrierungsschranken verborgen. Teilweise sind die Inhalte zwar frei zugänglich, aber um mitreden zu können, muss zunächst diese Registrierungsschranke überwunden werden. Da mit den Daten, die mit der Registrierung und der sich anschließenden Nutzung eines Dienstes anfallen, kommerzielle Interessen verbunden sind, sind „Bezahlschranken“ längst im Netz etabliert: Nutzer bezahlen mit ihren Daten und Aktivitäten.

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Unterricht geht durch den Magen oder: Mein Beitrag zur Blogparade „Reflektierende Praktiker (Lehrende und Co)“

Mein Beitrag zu der von mir selbst ausgerufenen Blogparade „Reflektierende Praktiker (Lehrende und Co)“!

Unterricht geht mir durch den Magen. Ob eine Stunde gut gelungen oder ein Stundenkonzept grandios gescheitert ist, merke ich tatsächlich sehr schnell als „Gefühl in der Magengegend“.

Von einer strukturierten oder gar in Routinen verpackten Reflexionspraxis ist zu diesem Zeitpunkt aber noch nichts auf weiter Flur zu sehen.

Bei diesen eindeutigen Fällen, die durch Gasteromantie ;-) angemessen in den Vordergrund drängen, scheint es auf den ersten Blick auch nicht unbedingt nötig, in Reflexionsprozessen zu versinken.

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Einladung zur Blogparade: Reflektierende Praktiker (Lehrende und Co)

Auf Twitter fragte ich heute:

Aus den ersten Antworten kristallisierte sich heraus, dass das keine Frage für 140 Zeichen auf Twitter ist. Deshalb lade ich zu einer Blogparade zu genau diesem Thema ein. Das mache ich in zwei Schritten:

  1. Ich erzähle kurz, was mich an der Frage interessiert und
  2. erläutere dann, was eine Blogparade ist und wie an ihr teilgenommen werden kann.

zu 1: Warum diese Frage nach der Praxisreflexion?

Mir wurde in meiner Ausbildung, sowohl im Studium als auch in der Zeit als – wie es in Hessen statt Referendar heute heißt – LiV (Lehrer im Vorbereitungsdienst) immer wieder nahegelegt, dass Lehrer reflektierende Praktiker sein sollten, sein müssten, um in dem Beruf professionell bestehen zu können. Damit war gemeint, dass Lehrer – und ich erlaube mir, das auf alle Lehrenden und auf mit Sicherheit viele andere Berufsgruppe auszudehnen – in der Lage sein sollen (müssen?), über ihre Berufspraxis eigenständig nachzudenken. Als LiV z. B. mussten wir nach jedem Unterrichtsbesuch darstellen können, wie die Stunde aus unserer Sicht warum gelaufen ist, was gut war, was nicht so gut war, wo es Überraschungen gab etc.

Routinen allerdings wurden uns für diesen Reflexionsprozess nicht beigebracht. Aber wenn diese Reflexion doch so wichtig ist, wo findet sie im Beruf ihren Platz?

Wie reflektieren unterschiedliche Praktiker (insbesondere Lehrende) ihr Praxis? Welche Instrumente setzen sie dazu ein? Wird – exemplarisch auf Lehrer bezogen, bitte auf den je eigenen Berufskontext hin anpassen – nur der Unterricht  reflektiert oder auch  die Lehrerrolle, Elterngespräche, Konferenzverhalten? FIndet Praxisreflexion im stillen Kämmerlein statt oder im Rahmen von Supervision?

Kommt der Reflexionsprozess nur zum Tragen, wenn etwas nicht so läuft, wie es soll oder ist er kontinuierlicher Bestandteil der Arbeit? Wie wird er in den Arbeitsalltag (und in die Arbeitszeit, die eh schon voll ist) integriert?

Nein, es ist gar nicht wichtig, wie ich diese Fragen alle jeweils meine! Auf Twitter gab es schon Nachfragen in diese Richtung. Das interessante an einer Blogparade ist doch gerade, dass das Thema so aufgenommen werden soll, wie der einzelne Blogger es versteht, angehen will, mit Inhalten bereichern möchte.

Und damit sind wir auch schon bei

2. Was ist eine Blogparade und wie kann an ihr teilgenommen werden?

Nicht umsonst wird alternativ zum Begriff „Blog-Parade“ auch der Begriff „Blog-Karneval“ genutzt.

Ein bunter Reigen eigenständiger Blogs, der in einem bestimmten Zeitraum zu einem bestimmten Thema schreibt: Das ist eine Blogparade.

Damit das aber zu einer Parade werden kann, braucht es einen Ort, an dem diese Blogs gesammelt werden, an dem sie zur Parade „auflaufen“. Dieser Platz ist in der Regel dort, wo zum Blog-Karneval, zur Blogparade aufgerufen wurde.

Am einfachsten verlinkst du in deinem Beitrag zum Thema diesen Beitrag hier und dann erscheint dein Artikel als PingBack im Kommentarteil. Du kannst mich aber auch über das Kontaktformular oder via Twitter kontaktieren und mir den Link deines Artikels mitteilen, sodass ich ihn hier dokumentieren kann.

Hier also noch einmal die Schritte zum Mitmachen:

  1. Schreibe einen Blogartikel zu der Frage, wie für dich als reflektierender Praktiker im Beruf die Reflexionsroutine aussieht. Schreibe zu dieser Frage als Lehrende oder Lehrender – egal ob Lehrer, Professorin, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Mitarbeiterin an einer päd. Hochschule, als Fortbildner etc. – Oder als reflektierender Praktiker aus einer anderen Branche.
  2. Verlinke diesen Blogartikel mit diesem Artikel hier (http://herrlarbig.de/?p=35154), sodass automatisch ein PingBack erfolgt, also dein Beitrag hier im Kommentarteil verlinkt wird. (Da ich Kommentare immer freischalte, kann es ein paar Minuten dauern, bis dein Beitrag hier sichtbar wird.)
  3. Alternativ kannst du deinen Beitrag als Kommentar mit Link unten eintragen oder mich über das Kontaktformular oder über Twitter von deinem Beitrag informieren. Ich verlinke ihn dann hier.
  4. Das war es schon. Damit es aber noch lebendiger wird: Lest die Beiträge schreibt eure Kommentare dazu, bloggt zu Beiträgen, die ihr via PingBack in euren Artikel einbindet.

Die Blogparade läuft angesichts der gerade erst begonnenen Sommerferien in Bayern bis

zum 15. September.

Bis dahin macht bitte Werbung (via Twitter, in eurem Facebook-Account, im Lehrerzimmer, bei Bloggern im In- und Ausland, die zur Zielgruppe gehören und zum Thema was zu sagen haben. Wie schon angedeutet: Von mir aus darf auch jemand, der seine Berufspraxis in einer Reflexionsroutine immer wieder in den Blick nimmt, davon berichten. Ja, von mir aus darf das auch ein Vorstandsvorsitzender eines DAX-Unternehmens sein ;-)

Leuten, Unternehmen, Marketingabteilungen, die meinen, sie könnten diese Blogparade offensichtlich für PR, Marketing, Werbung oder SPAM missbrauchen, sei gleich gesagt: Ich behalte mir vor, offensichtlich missbräuchlich gesetzte PingBacks nicht freizuschalten.

Wenn du kein Blog hast, aber zu dem Thema was sagen willst, kannst du deinen „Blogbeitrag“ als Kommentar hier hinterlassen – oder du nimmst diese Blogparade zum Anlass, selbst ein Blog zu beginnen… ;-)

Und was hast du davon?

  1. Du musst dir über das Thema eines Blogartikels keine Gedanken machen, weil es hier schon genannt ist.
  2. Du bekommst wahrscheinlich ein paar Leser für deinen Beitrag und vielleicht sogar Kommentare.
  3. Du bekommst vielleicht Leser, die noch gar nicht wissen, dass es dein Blog gibt!
  4. Du erfährst, wie andere mit dem Thema umgehen.
  5. Du stärkst dein soziales Netzwerk.
  6. Du trägst dazu bei, dass erfahrbar wird, wie Blogs miteinander vernetzt nachdenken können.
  7. Du befriedigst die Neugier anderer und deine eigene.
  8. Du lässt uns an deinen Ideen teilhaben und kannst mitbekommen, wie andere denken.
  9. Du machst dich um die deutsche Blogosphäre verdient.
  10. Du … (such dir aus, was hier stehen soll, um dich, falls du noch zweifeln solltest, zu motiveren, an dieser Blogparade mitzuwirken.)

Los geht’s!

Zur Erinnerung noch einmal der Tweet, mit dem die Idee zu dieser Blogparade kam:

(Und natürlich werde ich auch noch einen Artikel zum Thema schreiben. Klar. Ehrensache.)

Ende der Blogparade: Samstag, 15. September 2012.

 

Ach, diese Kostenloskultur (!). Reflexionen nach einem Bloggertreffen.

Das schlechte Gewissen dringt in alle Sphären meiner Präsenz im Internet. Überall an seinen Rändern sitzen jene „digitalen Bettler“ und winseln um kommerzielle Beachtung, reden von dem Geld, das sie so gerne im Netz verdienten. Und ich gehöre zu denen, die Schuld sein sollen, dass dieses Geld nicht verdient werden kann.

„Nein! Dein Blog ist viel zu klein und unbedeutend, als dass du jemanden in eine existentielle Krise materieller, ja vor allem finanzieller Art treiben könntest“, sagt da ein kleines, ganz in weiß gekleidetes Wesen neben meinem einen Ohr.

„Quatsch“, ruft es an meinem anderen Ohr – ich sehe erst gar nicht, wo die Stimme her kommt, bis ich ein chamäleonartiges Etwas auf meiner anderen Schulter sitzen sehe, von dem ich vermute, dass es in der Lage ist, sich erfolgreich an die Farbe meines Hemdes anzupassen, sodass ich es kaum einmal wirklich wahrnehme, wenn es mir etwas einflüstert. „Quatsch, das hier ist ein Blog, es hat Inhalte und ist Teil dieser verdammten Kostenloskultur im Netz.“

Wütend faucht dieses chamäleonhafte Etwas, jegliche Zurückhaltung verlierend, meinen netten, kleinen, weißen Begleiter an. „Die Menge macht es, mein kleiner Freund, die Menge. – Hier ein Blog, da ein Blöglein – und schon ist der ganze Markt kaputt. Jeder kann heute von jeder Veranstaltung twittern, bloggen; viele machen, ob erlaubt oder nicht, Fotos und Videos! Alle Informationen findet man im Netz, keiner will länger was für sie zahlen.“ – Sollen sich die beiden bitte woanders streiten, denke ich mir, gehe auf die Straße vor’s Haus, wische mit meinen Händen über meine Schultern und sehe noch, wie die beiden sich ineinander verkeilen und kollektiv in den Gulli-Deckel fallen.

So sehr ich mit dem Abschütteln dieser beiden auch mein schlechtes Gewissen abgeschüttelt haben mag – so sicher ist das nicht –, so wenig bleiben mir reale Begegnungen erspart, in denen dieser Konflikt zwischen Leuten, die im Netz mit Inhalten Geld verdienen wollen und denen mit anderen Ansprüchen aufflammt. Meist wird er dann schnell auf Sparflamme gedreht, aber vorhanden ist er.

Auf einem Bloggertreffen, zu dem die Frankfurter Kunsthalle Schirn geladen hatte (meine Zusammenfassung gibt es hier), begann ein Blogger von seinem Blog zu erzählen. Doch er kam nur soweit, dass er erwähnen konnte, dass er als Blogger mit seinem Blog ja kein Geld verdienen wolle, als eine Stimme durch den Raum drang, die masssiv darauf hinwies, dass es aber durchaus Blogger gebe, die mit Blogs Geld verdienen wollten und dass man doch nicht immer betonen solle, dass man mit Blogs ja kein Geld verdienen wolle, denn das stimme ja gar nicht für alle Blogger.

Es war ein leidenschaftlicher Ausbruch, was ich daraus ableite, dass da jemand einen anderen nicht ausreden ließ, ins Wort fiel, also alles tat, um einen vergnüglichen Nachmittag vermuten zu lassen. (Also, ich mag es, wenn es leidenschatlich authentisch wird, das ist nicht jedermenschs Sache, aber, solange es wirklich um eine Sache geht…)

Nach diesem kurzen Aufflammen ging es sachlicher weiter, aber subtil wurde das Thema schon noch aufgegriffen, wenn zum Beispiel recht offen gesagt wurde, dass es bei Blogs doch durchaus eine Rolle spiele, ob der Blogger oder die Bloggerin denn Kompetenz nachweisen könne. Damit war ein formaler Nachweis gemeint. So wurde gesagt, es mache einen Unterschied, ob ein Kunsthistoriker über Kunst blogge oder ein „einfacher Museumsbesucher“, ohne dass die Frage nach der Qualität der Inhalte gestellt wurde. Wie diese Qualität verteilt sei, wurde einfach (vermutlich nicht mal in allen Fällen zu unrecht) angenommen, vorausgesetzt, unterstellt.

Es wurde in diesem Zusammenhang von „Fallhöhe“ gesprochen. Was dieser Begriff aus dem Wasserbau bzw. der Dramentheorie auf einem Bloggertreffen zu suchen hat? Nunja, es haben anscheinend alle verstanden, was gemeint war. Dieses Thema taucht ja immer wieder auf. Es geht um „Qualitätssicherung“ (an der Oberfläche), um Standesbewusstsein geht es aber auch.

Und dieses „Standesbewusstsein“ mag auch bei (kommerziell interessierten) Bloggern eine Rolle spielen, die ihre Möglichkeiten dadurch eingeschränkt sehen, dass es andere gibt, die über ähnliche Themen bloggen und damit keine kommerziellen Interessen verfolgen, ja diese nicht einmal verfolgen wollen, ja sogar ausdrücklich betonen, dass das nicht ihr Ziel sei (ohne auszuschließen, dass sich Dinge, die nicht geplant sind, dennoch ergeben können).

Interessanterweise habe ich nie umgekehrte Vorwürfe von Bloggern, die „einfach so“ bloggen, gehört, wenn da Leute über ihre Themen Blogs betrieben und damit Geld verdienen wollten. Die Beschwerden kommen immer von denen, die gerne Geld im Netz verdienen würden, damit aber ein Problem haben. – Von dieser Erkenntnis ist es nicht weit zum Aufschrei, dass das Netz – mit seinen Kopiermöglichkeiten, seiner „grundsätzlich kriminellen“ Struktur und vor allem mit seiner von vielen Seiten für selbstverständlich erachteten, ja, sogar gepflegten Kostenloskultur – an den je eigenen Problemen schuld sei, aufgrund derer man kein Geld im Netz verdienen könne.

Aha.

Machen wir es „kurz“:

Ich gebe durchaus Geld im Netz aus. Aber nicht bei jedem. Und interessanterweise sind oft die am lautesten, wenn es um Forderungen nach Restriktionen in Bezug auf die Öffentlichkeit im Netz geht, die eher wenig Fantasie haben, wie man finanzielle Interessen im Netz trotz und sogar mit der „Kostenloskultur“ befriedigen kann. – Oft sind es Vertreter medialer Strukturen, die bereits seit langer Zeit existieren und dem Internet und den digitalen Medien eher fremdelnd gegenüber stehen oder aber Leute, die diese „alten“ Strukturen zum Vorbild ihres eigenen Bloggens nehmen wollen, ohne zu merken, dass ein Blog was anderes ist, als die Möglichkeit für jedermensch eine Zeitung oder ein Magazin kommerziell erfolgreich online zu stellen.

Wenn im Sinne kommerzieller Interessen nach Einschränkungen im Netz gerufen wird, dann ist das diese alte Wegezoll-Mentalität: Willst du den Weg zum Wissen gehen, dann zahle dafür. – Nun, Wikipedia hat gezeigt, dass es durchaus möglich ist, auf Spendenbasis Gemeinschaftsprojekte hoher Qualität zu erzeugen und über Jahre zu erhalten. Im Netz gibt es allenthalben Zeugnisse der „Kostenloskultur“, die wahrlich kulturelle Bereicherungen sind!

Mag mancher Vertreter aus Politik, Wirtschaft und der „Ich will mit dem Blog aber endlich Geld verdienen“-Fraktion den Begriff „Kostenloskultur“ auch noch so verächtlich betonen: Ich nehme diesen Begriff ernst: Es geht um eine Kultur des freien Wortes, des freien Denkens, der frei zugänglichen Inhalte.

Diese Kultur sieht sich nicht in Konkurrenz zu irgend einem wirtschaftlichen Ansinnen, fordert aber von kommerziellen Angeboten im Netz eine gewisse Fantasie, wie ein geldwerter Mehrwert entstehen kann, für den Menschen im Netz zu zahlen bereit sind.

Schade, wenn sich diese Fantasie nur in Bezahlschranken für Zeitungswebsites, massive Hürden für die Nutzung von Inhalten, die in Zeitungsapps gekauft werden, immer neuen DRM-Praktiken etc. auslebt und somit alte Formen der Zugangsbeschränkung, mit der man lange Geld verdienen konnte, auf das Netz zu übertragen versucht.

Keine Frage, für ein Blog wie dieses hier stellt sich die Frage der Kommerzialisierung nicht. Dafür ist es zu klein. Und Werbung, die ich über unterschiedliche Anbieter hier einbauen könnte, Partnerprogramme, die mich zahlen würden, wenn ich auf sie verlinkte und daraus ein Verkauf entspränge, nutze ich auch nicht.

Ich gönne mir den Luxus, mir ein (qualitativ hoffentlich häufig hochwertiges) Blog als Hobby, als Freizeittätigkeit leisten zu wollen und leisten zu können.

Ich sehe mich als Ehrenamtler, nicht als „Schmarotzer“, der verhindert, dass andere mit ihren Blogs Geld verdienen können.

Das heißt nicht, dass ich nicht auch die so oft bei Bloggertreffen angesprochene „Bloggerseele“ hätte, die ziemlich pienzig reagiert, wenn die eigenen (möglicherweise doch vorhandenen und bereichernden) Leistungen nicht anerkannt werden, wenn Beiträge, die nicht unter CC stehen, geklaut werden etc. Aber lustig finde ich andererseits, wie sich Leute darüber lauthals mockieren, wenn man nur mal im Nebensatz erwähnt (siehe oben), dass man mit der Bloggerei keine finanziellen Interessen verfolge.

Zunehmend bekomme ich den Verdacht, dass diese Blogger nicht bloggen, weil sie bloggen wollen (und vielleicht sogar was zu sagen haben, was auf diesem Wege einfach raus will), sondern verzweifelt nach einer Geschäftsidee suchen, die sie mit einem Blog verbinden könnten. Entsprechend viele „Berater“ tummeln sich dann auch im Netz, die versprechen, sie wüssten, wie ein Blog ein kommerzieller Erfolg werden könne. – Das geht durchaus, wenn die Leidenschaft für eine Sache da ist. Es gibt kommerziell erfolgreiche Blogs, betrieben von Bloggern, die sich kreativ ihren „Job“ selbst geschaffen haben, der in der Regel über das Bloggen eben weit hinaus geht.

Auf der anderen Seite stehen die PR-Abteilungen von Unternehmen und Institutionen, deren klügere längst dahinter gekommen sind, dass der „Ich blogge, weil ich Spaß dran habe“-Blogger Teil einer neuen Öffentlichkeit ist, die durchaus in ähnlichem Rahmen zu sehen ist, wie früher recht exklusiv die Presse – mit ähnlicher Bandbreite, die von Boulevard- bis Qualitätsbloggern reicht.

Entsprechend verändern einige Institutionen ihre Strategie und behandeln z. B. Blogger, die in ihrem Blog Themenbezüge zeigen, wie ehedem alleine Journalisten. Statt des exklusiven Presseausweises wird heute alternativ der Link zur Website / zum Blog als Nachweis verlangt und in einigen Fällen anerkannt. – Oder man lädt Blogger, die einem aufgefallen sind, einfach ein, wie es gerade die Frankfurter Schirn getan hat, die daneben aber auch die Möglichkeit der eigenständigen Anmeldung zum Bloggertreffen gegeben hatte.

Es gibt mittlerweile sogar schon ganze Strategien, wie mit der durch Blogger entstandenen Öffentlichkeit umzugehen sei (Blogger-Relations), wie Institutionen oder Unternehmen strategisch an Blogger heran kommen etc. – Diese Strategien sind allerdings heikel, weil es doch einige Blogger gibt, die auf Vereinnahmungsversuche höchst sensibel reagieren. – Und jedes Blog, egal ob kommerziell oder nicht kommerziell, kann heute potentiell eine PR-Krise auslösen, wenn es an entsprechende Informationen kommt oder über zu intensive Vereinnahmungs- und Anbiederungsversuche berichtet.

Umgekehrt kann ein selbstverständlicher Umgang mit Bloggern auch eine Erweiterung der Reichweite von Institutionen und Unternehmen zur Folge haben. Das passiert aber meist nur dann, wenn soziale Medien nicht primär der Verteilung (Distribution) von Links auf Pressemitteilungen oder ähnlichem dienen, sondern eine Institution mit möglichst konkret identifzierbaren Bloggern / Twitterern arbeitet, die dialogisch in sozialen Netzen präsent sind. – Kurz: Eine Institution, die bloggt, um Reichweite zu bekommen wird scheitern; eine die bloggt, weil sie im Blog und in anderen sozialen Netzwerken kommunikativ offen sein will, weil sie diese Offenheit als echten, zu praktizierenden Wert sieht, hat gute Chancen, positiv wahrgenommen zu werden.

Wer kommerziell ins Netz will, braucht Phantasie, Ideale, hohe Kompetenz im Bereich seines Angebotes.

Wer kommerziell ins Netz will, sollte sein finanzielles Streben nie mit Abwehrreaktionen gegen die vorhandene Netzrealität im Bereich nicht-kommerzieller Angebote zu ermöglichen versuchen.

„Hobby“-Blogger sind Ehrenamtler. Sie pflegen eine Kultur der nicht kommerziellen Öffentlichkeit (in all ihren Facetten), die eine offene, demokratische Gesellschaft braucht. Sie sind ein relevanter Teil der Öffentlichkeit und in diesem Rahmen, wie in analogen Kontexten Menschen bei der Freiwilligen Feuerwehr, der Bahnhofsmission oder wo sonst Freiwillige zum Einsatz kommen, gegebenenfalls relevanter, als es Menschen mit – und das ist nicht despektierlich herabsetzend, sondern wirklich nur beschreibend gemeint – weniger öffentlichen Hobbys sind.

Mit dem Internet im allgemeinen und mit Blogs im besonderen, hat sich die Öffentlichkeit verändert. Der Marktplatz, der Areopag, das Forum haben ihren Platz ins Netz verlegt und damit ihren Platz in einer Welt gefunden, die mittels moderner Technologien zum „Dorf“, zum „global village“ (McLuhan) geworden ist. – Und damit dürfen / sollen / müssen wir nun alle irgendwie umzugehen lernen.