Lehrer sein – damals und heute oder: Die überfällige Reform.

Über Lehrer und Lehrerinnen gibt es viele Klischees. Dass einige davon nicht stimmen, scheint sich langsam herumzusprechen. Erstaunlich ist dabei aber, wie langsam diese Korrektur von Klischees in der Öffentlichkeit stattfindet. Hier ein Lehrerporträt aus den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts [Quelle]:

Na, die Stelle noch im Ohr, an der von 56 Wochenstunden gesprochen wird, die ein Lehrer arbeitet?

Nun hat die allgemeine Arbeitszeit in den vergangenen Jahrzehnten tendenziell eher abgenommen. Das scheint für Lehrerinnen und Lehrer nicht zu gelten, denn auch im folgenden Video kommt man nach wie vor auf diese 56 Stunden Arbeitszeit in der Woche, nunmehr aber im Jahre 2011! – und mit ein paar weiteren Klischees über Lehrer und Lehrerinnen wird auch gleich aufgeräumt [Quelle].

Man hat viel am System der Schule geändert, um auf PISA und sonstige Studien zu reagieren. Außerdem wurde und wird an der Lehreraus- und Weiterbildung geschraubt, um so Verbesserungen in Tests zu erzielen.

Dass eine Verbesserung des Unterrichts möglicherweise aber auch mit einer Veränderung der Bedingungen, unter denen Lehrerinnen und Lehrer arbeiten, zu erreichen sein könnte, scheint in den Diskussionen um bessere Bildung allerdings eher am Rande (wenn überhaupt) vorzukommen. – Die Tendenz geht eher in die Richtung, dass Lehrkräften mehr und mehr (administrative) Aufgaben abverlangt werden, ohne dass diese Zugaben irgendwo ausgeglichen würden. Dazu parallel sinken die Bezüge von Lehrern seit Jahren in Relation zur Inflation und zur allgemeinen Lohnentwicklung, das aber nur am Rande.

Mag sich die Arbeitszeit nicht verändert haben – wie auch, bei 56 Wochenarbeitsstunden bleibt da keine Luft nach oben –, so könnte es aber durchaus sein, dass Lehrkräfte v. a. angesichts von zusätzlichen (administrativen) Aufgaben an anderen Ecken Arbeitszeiten reduzieren, die möglicherweise letztlich auch Auswirkungen auf die Unterrichtsqualität haben könnten. – Und dann kommen neue Tests und neue Ergebnisse und wir reformieren die Schulen, die Ausbildung, die Fortbildung und geben den Lehrkräften vermutlich weitere (administrative) Pflichten und … 

Zum Bildungsbegriff der OECD und von PISA – Ein Kommentar

Prof. Dr. Andreas Schleicher,  der bei der OECD für Bildung zuständig ist und das mit den PISA-Tests… na, ihr wisst / Sie wissen schon, Andreas Schleicher empfiehlt1)Schleicher, Andreas: Lernen im 21. Jahrhundert – Teil 1: Neue Anforderungen an die Bildung. http://www.teachersnews.net/artikel/nachrichten/schulleitung/030623.php – Zugriff: 9.11.2014, 14:00, dass man die erfolgreichsten Bildungssysteme der Welt als Maßstab [für das eigene Bildungssystem] nehmen solle. Ich verstehe das als Aufforderung, sich diese Systeme anzuschauen und sie in die eigenen Schulsysteme zu übertragen.

Zitat: „Der Maßstab für Erfolg ist auch nicht mehr allein die Verbesserung der Bildungsergebnisse im nationalen Rahmen, sondern die Leistung der erfolgreichsten Bildungssysteme der Welt.“ (http://www.teachersnews.net/artikel/nachrichten/schulleitung/030623.php)

Schaut man nun einmal, wo diese aus OECD / PISA-Sicht sind, dann sind es auf den ersten vier Plätzen China, Singapur, Hong-Kong und Süd Korea.

Wer das Drillsystem in diesen „erfolgreichsten Bildungssysteme[n] der Welt“ kennt, wird sich wundern, was Herr Schleicher in seinem Beitrag schreibt: In diesen Bildungssystemen steht das kooperative Lernen nun wirklich nicht im Zentrum, da wird kaum eine Literalität gefördert, die die Relevanz von Suchmaschinen-Ergebnissen einzuschätzen vermag etc.

Ich finde, es ist höchste Zeit, der OECD in Bildungsfragen die Kompetenz zuzusprechen, die sie wirklich hat: Bildung heißt für die OECD, dass Menschen (vor allem) optimal ökonomisch genutzt werden können. Überspitzt ausgedrückt kommt es mir persönlich manchmal so vor, als würden Menschen in solchen Institutionen (unterbewusst?) als so etwas wie „Nutztiere“ für die Wirtschaft betrachtet.

Da ist mir der Bildungsbegriff von Peter Bieri2)Bieri, Peter: Wie wäre es, gebildet zu sein? Festrede an der PH Bern am 4.11.2005. Den verlinkten Beitrag Bieris empfehle ich dringend als vergleichende Lektüre zu dem Beitrag Schleichers, da erst so die Universen, die zwischen diesen beiden Betrachtungsweisen liegen, so richtig deutlich werden. dann doch näher: „Sich zu bilden, ist tatsächlich etwas ganz anderes, als ausgebildet zu werden. Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden, arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein.“

 

References   [ + ]

1. Schleicher, Andreas: Lernen im 21. Jahrhundert – Teil 1: Neue Anforderungen an die Bildung. http://www.teachersnews.net/artikel/nachrichten/schulleitung/030623.php – Zugriff: 9.11.2014, 14:00
2. Bieri, Peter: Wie wäre es, gebildet zu sein? Festrede an der PH Bern am 4.11.2005. Den verlinkten Beitrag Bieris empfehle ich dringend als vergleichende Lektüre zu dem Beitrag Schleichers, da erst so die Universen, die zwischen diesen beiden Betrachtungsweisen liegen, so richtig deutlich werden.

»Bring your own device« ist in Schulen solange selbstverständlich, wie das »own device« der Bleistift ist…

Vorbemerkung: In diesem Text wird von Schulen ausgegangen, wie sie in Deutschland weit verbreitet sind. Dabei wird hier nicht berücksichtigt, dass es durchaus Schulen gibt, die als Brennpunktschulen bezeichnet werden, an denen die Ausgangslagen und Probleme ganz andere sind, als in diesem Text beschrieben. Das hier beschriebene Szenario ist auf solche Schulen möglicherweise nicht unmittelbar anwendbar. Da ich selbst keine Erfahrung mit der Arbeit an sozialen Brennpunktschulen habe, möge man mir die Grenzen, an die eine Reflexion, wie die hier vorgenommene stößt, verzeihen. 

Es gibt keine Diskussionen mehr, ob man in der Schule auf Schiefertafeln oder in Hefte schreibt. Und dass das Erlernen so mancher Fertigkeiten nicht ohne Eigenbeteiligung der Eltern geht, ist an sich in vielen Bereichen unumstritten: Schultaschen, Hefte, Stifte, Zeichenblöcke, Sportkleidung, Turnschuhe werden nicht von den Schulen gestellt. Die Lernmittelfreiheit hat überall, wo es sie gibt, ihre Grenzen. An vielen Schulen gilt das auch für Literatur, die im Sprachenunterricht gelesen wird.

Das Lernen und Lehren ist immer abhängig von Materialien und Werkzeugen, die im Lern- und Lehrprozess eingesetzt werden, völlig unabhängig davon, ob es sich um instruktiven Unterricht oder um Phasen mehr oder weniger selbständigen Arbeitens handelt.

Will man das Schreiben lehren, braucht man Schreibwerkzeug; Lesen lernen geht nicht ohne Texte; jede Sportart und jedes Instrument fordert ab einem bestimmten Leistungsniveau Werkzeuge, die über jene von Anfängern hinaus gehen, die eine andere Qualität haben und entsprechend auch teurer sein können.

Viele Schulen können Schülerinnen und Schüler mit Leihinstrumenten unterstützen, für bestimmte Sportarten werden die Sportgeräte zur Verfügung gestellt. Doch gerade im musischen Sektor verfügen viele Kinder über eigene Instrumente – und wenn es nicht gerade ein Achter-Ruderboot ist, haben viele Schüler auch ihre Sportgeräte bzw. für die Ausübung des Sports notwendige Kleidungsstücke in ihrem Privatbesitz.

Solche Vorgehensweisen und Selbstverständlichkeiten der Unterstützung an Schulen haben sich vielerorts eingespielt; dass es Unterschiede bei den elterlichen Möglichkeiten der Unterstützung eines Kindes gibt, wird (häufig) berücksichtigt. Jeder Schüler weiß, dass die Sportschuhe seines Mitschülers teurer oder billiger als die eigenen sind; Musiker wissen durchaus um die Qualität und den Preis der Instrumente ihrer Mitmusiker und dass ein Kolbenfüller unabhängig von den Kosten etwas anderes ausstrahlt als ein Einwegwerbekugelschreiber ist auch klar.

Es ist also weit verbreitet, dass nicht alle Werkzeuge, die in der Schule benötigt werden, von den Schulen gestellt werden; es ist auch üblich, dass Schüler keine Einheitsprodukte in der Schule verwenden müssen, um soziale Unterschiede zu verdecken. Ebenso verbreitet sind in einigen Bereichen Unterstützungsmaßnahmen, um die Teilhabe von Kindern weniger finanzstarker Eltern zu zu ermöglichen.

Wenn es aber um das Erlernen von Fertigkeiten geht, die für das digital unterstützte Lernen und Arbeiten notwendig sind, sieht das alles ganz schnell ganz anders aus. – Wenn ich überlege, in meinem Unterricht mit unter den Schülern weit verbreiteten Smartphones zu arbeiten, höre ich immer wieder, dass man das nicht machen könne, weil es diejenigen Schüler diskriminiere, die kein Smartphone oder Tablet besitzen. – Muss ich noch viel schreiben, um die (oft ausgeblendeten) Analogien1 zu Musikinstrumenten und Sportgeräten bzw. -kleidungsstücken erkennbar zu machen?

Wenn ich Kindern den sinnvollen, für ihr Lernen hilfreichen Umgang mit digitalen Werkzeugen beibringen soll, unter anderem, weil der Umgang mit digitalen Werkzeugen im Arbeitsleben längst selbstverständlich ist, dann muss ich diese Werkzeuge mit den Kindern nutzen können. Das heißt, ich will auf schülereigene Geräte ebenso setzen können, wie ich Leihgeräte für Schüler brauche, bei denen eigene Geräte jenseits des finanziell Machbaren sind.

Was aber, wenn Eltern nicht wollen, dass ihr Kind digital unterwegs ist oder ein Schüler sich bewusst gegen ein Smartphone entscheidet?

Zum ersten kann ich nur sagen, dass es möglicherweise auch Eltern gibt, die Bücher für überflüssig halten, was die Schule nicht davon abhält, den Umgang mit ihnen zu lehren und den Umgang mit Büchern auch einzufordern. Und zu letzterem: Es kommt nicht auf Gerätekategorien an! Das bei Lösungen mit schülereigenen Geräten fast immer von Smartphones ausgegangen wird, liegt alleine daran, dass diese am verbreitetsten verfügbar sind. Tablets und v. a. Laptops sind natürlich an vielen Stellen komfortabler, aber eben in der Schule heute noch nicht selbstverständlich in den Schultaschen als Werkzeuge des Lernens vorhanden.

Es kommt nicht auf die Gerätekategorie und schon gar nicht auf das Betriebssystem an, weil es natürlich auch nicht auf bestimmte Apps ankommen kann. Ob Texte nun mit Word, LibreOffice, Pages oder unter Nutzung von LaTeX etc. erstellt werden, ist egal. Es muss nur die Möglichkeit geben, Formate zu nutzen, die austauschbar sind, wenn es nötig ist.

Der Staat muss für die Infrastruktur sorgen, so wie er heute für die Strom- und Wasserversorgung zu sorgen hat, was ja durchaus auch seinen Preis hat. Vor allem heißt das, dass WLan in jede Schule gehört und dieses – mit personalisierten Zugangsdaten? – von den Schülern genutzt werden kann. Darüber hinaus muss es Lösungen geben, die sicherstellen, dass jeder Schüler und jede Schülerin diese Infrastruktur dann auch (zum Lernen) nutzen kann, indem z. B. Leihgeräte zur Verfügung gestellt werden könne.

Die Lizenzen für Lehrmaterialien sind in Ländern, in denen es heute Schulbücher kostenfrei gibt, von den Ländern zu finanzieren und in den Ländern, in denen Eltern Schulbücher schon heute kaufen müssen, von den Eltern. In diesem Bereich würde sich wenig ändern, mal abgesehen von den Möglichkeiten, die sich eventuell durch OER noch ergeben werden.

Dass wir in Deutschland nicht so weit sind, mag an lange eingeübten Mentalitätsfragen liegen. Denn wenn man einmal zurückschaut: Auch der Übergang von der Schiefertafel zum Schulheft lief in Deutschland alles andere als zügig, wie in diesem Bericht recht anschaulich gezeigt wird.

Und an den Hochschulen setzt sich das Problem dann übrigens fort: Es gibt Professoren, die das Mitschreiben in Vorlesungen über Tablet, Laptop etc. zu untersagen versuchen. – Wenn solche dann Lehramtsstudierende begleiten, ist ungefähr absehbar, wie lange die selbstverständliche Integration digitaler Werkzeuge in den Lehr-Lern-Prozess noch auf sich warten lassen wird..

  1. Analogien sind Ähnlichkeiten, keine Gleichheiten []

Kleine Indizien des großen Strukturwandels

Am Mittwoch, dem 3. September 2014, ging durch die Medien, dass der Taxi-Konkurrent Uber vor dem Frankfurter Landgericht per einstweiliger Verfügung verboten bekommen hat, weiter private Fahrer an Fahrgäste zu vermitteln. Diese einstweilige Verfügung wurde von dem Zusammenschluss – gibt es triftige Gründe, nicht von einem Kartell zu sprechen? – der deutschen Taxizentralen „Taxi Deutschland“ erwirkt.

Wenn man diese Auseinandersetzung im Rahmen des digitalen Strukturwandels betrachtet, ist dieser Versuch der Interessenvertretung der Taxi-Zentralen nur einer mehr, der zeigt, dass längst nicht jeder verstanden hat, dass wir es mit einem grundlegenden digitalen Strukturwandel zu tun haben, dessen Auswirkungen sicherlich so gravierend sein werden, wie der Wandel des Ruhrgebietes in den vergangenen Jahrzehnten, aber nicht nur eine Region, sondern die gesamte Gesellschaft betreffen werden.

Besitzstandswahrer haben im Kontext dieses Strukturwandels keine Ideen. Sie sehen nur, dass da etwas Neues am Entstehen ist und reagieren reflexartig mit Versuchen, die als Indizien der Veränderung zu verstehenden Entwicklungen zu verbieten – und fallen absehbar auf die Nase.

Es ist in so vielen Branchen momentan genau das der Fall: Wir erleben einen Strukturwandel angesichts der zunehmenden Präsenz des Digitalen und des Internets und mit diesem verbunden das Aufbegehren der jeweiligen Gruppen bisheriger Nutznießer bestimmter Konstellationen.

Die Musikbranche ist von diesem schmerzhaften Prozess des Strukturwandels mit als erste getroffen worden und eine neue Studie zeigt, dass Musikstreaming an die Stelle bisheriger Musikkonsumenten-Gewohnheiten treten wird, sodass sowohl das Geschäft mit CDs und auch mit Musik-Downloads keine große Zukunft mehr haben dürfte.

Die Buchbranche wehrt sich mit Händen und Füßen gegen den Strukturwandel, glaubt anscheinend, wenn sie EBooks (nicht von jedem Buch allerdings) anböte, könne sie im Strukturwandel ihre Pfründe bewahren. Da wird das Erwachen ziemlich unvermittelt sein, wenn man plötzlich merkt, dass Autoren sich anderen Vermarktungswegen zuwenden, insbesondere jene, die ihre Geschichten crossmedial erzählen. Und nun also das Taxi-Gewerbe. Gunter Dueck weist schon seit längerer Zeit darauf hin, dass das autonom fahrende (fahrerlose!) Taxi kommen wird. Das werden die Taxibetriebe wahrscheinlich nicht verbieten wollen, aber der Beruf des Taxifahrers wird exotischer werden nahezu verschwinden. Im Augenblick wehrt sich die Taxibranche gegen Versuche, das Monopol deutscher Taxiunternehmen und derer -zetralen aufzubrechen. Wenn sie bis zur letzten Instanz Recht bekommen sollte, sollte sich die Branche dennoch nicht zu früh freuen. Der digitale Wandel wird sie noch wesentlich härter treffen, als Uber das je könnte. – Zumindest in Kalifornien sind die Autobahnen für Autos, die mit Autopilot fahren, gerade freigegeben worden.

Kleine Geschichten von großartigen Menschen, die mir beim Museumsuferfest zu Frankfurt am Main begegneten

Am Ende wurde das Museumsuferfest doch noch spannend, weil ich mich – vom Regen und dem eher mäßigen Musikprogramm etwas genervt – an den Rand des Festes begeben hatte, in den Bereich zwischen Städel Museum und Museum Giersch. Dort erlebte ich im Laufe von ca. zweieinhalb Stunden ein paar kleine Geschichten, die mich beeindruckt oder berührt haben, weil sie Menschen aus der Masse der Menschen bei diesem Fest für mich hervorgehoben haben.

Ein Kunsthandwerker, der aus Gusseisen, Messing, Zinn und Glassteinen oder Kristallen kleine Kerzenleuchter zum Aufhängen im Wohnraum schafft, erzählte mir total begeistert von den Lichteffekten, die diese Steine erzeugen, führte mir diese auch vor, was möglich war, weil es schon dunkel war. Ich merkte richtig, wie er für seine Lampen schwärmte, wie gern er sie baut und dass er völlig dahinter steht. Diese Leidenschaft fand ich toll und vielleicht kaufe ich ihm auch noch eine ab, nachdem ich ausgemessen habe, wie lang die Aufhängung der Lampe sein muss, weil ich seine Lampen nicht nur schön finde, sondern auch, weil mich seine Begeisterung glauben lässt, dass jede von ihnen mit höchstem handwerklichen Anspruch gebaut wurde.

Das war im Übrigen bei überraschend vielen dieser Handwerker mein Eindruck: Die machen etwas, von dem sie begeistert sind. Da ist der Hutmacher, der seinen Kunden alles über das Herstellen von Hüten erzählen kann; der Sattler aus Marokko, der aus kräftigem Vollleder in handwerklich bemerkenswerter Qualität Taschen im Angebot hat, aber als Verkäufer eher zurückhaltend ist und während dem Gespräch mit den Kunden ein Stück Leder bearbeitet. Ich weiß nicht, was er da getan hat, aber es kam mir so vor, als habe er das Leder flexibel machen wollen.

Und dann war da der Stand, an dem es Humus- und Falafelgrichte gab, an dem ich erfuhr, dass hier die ganze Familie am Arbeiten war, inklusive Onkels und Tanten. Ich hatte gesehen, dass der Stand tagsüber ständig eine kleine Schlange vor sich stehen hatte, sodass ich am Abend, als ich da ohne Schlange dran kam, weil er eben etwas abseits von den Hauptbesucherströmen steht, davon überzeugt war, dass es hier kein schlechtes Essen gibt. (Ich hatte mich nicht getäuscht.)

Und so kamen wir ins Plaudern. Es sei gar nicht schlecht, wurde mir erzählt, dass man nicht irgendwo einer zwischen anderen Ständen mit Essensangeboten sei, sondern hier seinen Standort habe. Da falle man mehr auf. Und tatsächlich: Auf dem Weg von der Antiquariatsmeile hin zur langen Strecke mit den Kunsthandwerkern war das der erste Stand, der etwas zu Essen anbot.

Und dann war da M.

M. war so besoffen, dass er von dem Sicherheitsmann, der schon seit drei Nächten das Ende der Straße sichert, in der ich wohne und den ich schon vom Sehen und vom kurzen „Hallo“-Sagen kannte, und einem anderen Festbesucher zu einer Bank getragen werden musste.

M. hatte nahe dem Main auf dem Boden gelegen, sodass man sich um ihn kümmern musste. Ich kam da eher zufällig vorbei und wurde gebeten den Rettungsdienst zu rufen. Der kam auch nach wenigen Minuten. M. wollte aber nicht ins Krankenhaus.

Da er aber weder stehen noch gehen konnte und es in Strömen regnete und der Main auch nicht weit war, war klar, dass man ihn nicht einfach zurücklassen konnte.

Also wurde die Polizei gerufen, denn dann blieb als einzige Möglichkeit eigentlich die Ausnüchterung. Gegen seinen Willen, selbst wenn er so betrunken ist, können die Sanitäter keinen Menschen mitnehmen. Das kann nur die Polizei, wenn sie den Eindruck hat, dass jemand sich selbst gefährdet.

Die Polizei hätte ihn, wie ich mitbekam, sogar nach Haus gebracht, wenn er aus Frankfurt gewesen wäre. Da M. aber aus dem weiteren Umland kam, war das auch keine Option. Was also tun?

Mittlerweile hatte man aus dem Wenigen was M. artikulieren konnte, heraus gehört, warum er so betrunken war. „Ich hab getrunken. Ja. Meine Mama ist gestorben.“

Am Ende waren sechs Polizisten vor Ort, nicht weil sie nötig gewesen wären, M. war die Friedfertigkeit in Person, sondern weil zunächst vier mit dem Boot über den Main zum Ort des Geschehens gekommen sind und dann noch zwei mit dem Wagen, um M. transportieren zu können.

Aber man wollte ihn auch nicht wirklich gerne in die Ausnüchterungszelle mitnehmen, was nebenbei, wie ich mitbekam, nicht billig sein soll. Lieber wäre es den Polizisten gewesen, wenn M. ins Krankenhaus gegangen wäre, weil man ihm das Aufwachen im Polizeigewahrsam ersparen wollte, nachdem man den Grund seines Besäufnisses erfahren hatte.

Außerdem waren die Video überwachten Zellen schon alle voll. Und da M. sich bereits übergeben hatte, kam nur eine solche in Frage, denn man muss ja Sorge dafür tragen, dass da nicht zuletzt jemand an seinem eigenen Erbrochenen erstickt.

Die Lösung: Es gab auf dem Fest selbst bei den Sanitätern ein Zelt mit Liegen. Ob man ihn dorthin bringen könnte, bis er sich ein wenig erholt hatte? Das war das Letzte, was ich mitbekam. M. hatte dieser Lösung zugestimmt. – Ob diese Lösung dann funktioniert hat, weiß ich nicht.

Natürlich denke ich an M., weil ich es so traurig fand, einen Menschen so verlassen zu erleben, so traurig, dass er sich dem Alkohol hingab, weil er nicht wusste, wie er sonst mit seiner Trauer umgehen sollte.

Ich fand es aber auch beeindruckend, wie sich ein Mann von der Security, zwei Festbesucher, zwei Sanitäter und zum Schluss sechs Polizisten um diesen offensichtlich in Not seienden Menschen kümmerten und einen Weg suchten, wie er so lange betreut werden konnte, bis er wieder eigenständig nach Hause kommen kann. Es wurde kein einziger Vorwurf erhoben; er wurde von niemanden belehrt, sondern so angenommen, wie er in diesem Augenblick war. Dass so etwas geschieht, hat mich beeindruckt.

In der Zeit, in der die Polizisten auf die Ankunft eines Wagens warteten, konnte ich beobachten, wie die Polizisten von Passanten angesprochen wurden. Das war zum Teil echt seltsam. Am seltsamsten aber war der Mann, der sie fragte, ob sie denn auch Gehirn zu verschenken hätten. Darauf der angesprochene Polizist in aller Seelenruhe: „Nein, brauchen Sie denn welches?“ und der (offensichtlich auch alkoholisierte) Passant erwiderte, dass er es für seine Begleitungen brauche. Strange People.

Zwischendurch war auch jemand von dem Humus- und Flafelstand, von dem ich oben erzählt habe und neben dem diese Geschichte stattgefunden hatte, dazu gekommen und fragte die Polizisten und die Sanitäter, die warten mussten, bis ein Polizeiwagen durch den Verkehr zu der Stelle vordringen konnte, ob sie etwas zu trinken wollten. Er wollte ihnen das nicht verkaufen, sondern hatte einfach gesehen, dass sich da ein paar Menschen seit ca. 45 Minuten um einen anderen Menschen kümmern und fand es da wohl selbstverständlich, dass man Menschen, die helfen und sich kümmern, zumindest etwas zu trinken anbietet. Diese Selbstverständlichkeit hat mich beeindruckt, hat man doch sonst manchmal den Eindruck, es gehe bei solchen Festen den Betreibern der Stände nur um den Umsatz.

Nachdem dann M. meiner Wahrnehmung nach gut betreut war – und ich bin mir sicher, dass diese Polizisten gut mit ihm umgegangen sind, auch wenn sie nicht verbergen konnten, dass sie solche Situationen im Verlauf des Tages schon häufiger hatten; sie ließen erkennen, wie sie die Trauer M.s um seine Mutter achteten – wollte ich dann doch nach Hause gehen. Es hatte sich ein wenig eingeregnet.

Aber an der Kreuzung zu meiner Straße saß dann der Security-Mitarbeiter, der M. zu der Bank hatte tragen helfen. Er wollte natürlich wissen, wie es weitergegangen sei, was ich ihm dann erzählte.

Darüber kamen wir ins Gespräch und er erzählte mir, dass er aus Eritrea käme, sein Bruder in Darmstadt studiert habe, worauf er sichtlich stolz war, er selbst meistens als Koch arbeite (in Lokalen, die ich sogar kenne und in denen ich gerne esse), nun aber während dem Fest nachts als Security arbeite. Er sei gerade in Eritrea gewesen, sei erst vor einer Woche zurück gekehrt und das kalte Wetter mache ihm noch zu schaffen.

Er erzählte von Eritrea, dass es auch für Ausländer ein sehr friedliches Land sei, man aber natürlich mit der Demokratie noch zu kämpfen habe, er diese aber für ganz wichtig halte, genau so wie die Tatsache, dass es in einem Land keine Rolle spielen dürfe, ob man Christ oder Muslim sei.

Ich konnte seinen Redefluss gar nicht stoppen. Aber irgendwann hatte ich ihn dann doch gefragt, ob er eigentlich schon mal erlebt habe, dass ihn jemand wegen seiner Hautfarbe angegriffen habe. Er verneinte das, sagte, dass er stets freundlich zu den Menschen sei und diese ihm auch freundlich begegneten. Und so, wie ich ihn erlebte, glaube ich ihm das sofort.