Schlagwort-Archiv: Buchhandlung

Amazon-Bashing allenthalben. Ein Kommentar.

Buchhandelsketten bekommen im Vergleich zur „kleinen Buchhandlung um die Ecke“ größere Rabatte und machen Bücher mit Top-Rabatten leichter verfügbar als andere Bücher,  z. B. durch die Positionierung im Laden.

Bei 3sat heißt es bereits 2010: „Thalia fordert für verkaufsfördernde Büchertische und Anzeigen oft Geld, manchmal zehntausende Euro.”

Das hörte man, nahm man zur Kenntnis und gut war’s.

Jetzt macht Amazon im digitalen Maßstab ähnliches. Bei Amazon aber schreien viel mehr Leute auf, als es angesichts der Marktmacht von Thalia, Hugendubel, Weltbild und Co je der Fall gewesen ist. Und zur großen Überraschung: Auch der „deutsche“ EBook-Reader Tolino hat nichts mit der „kleinen Buchhandlungen um die Ecke“ zu tun. Die gibt es ja auch gar nicht mehr so oft, was aber weniger von Amazon als viel mehr von Hugendubel, Thalia, Weltbild und „Der Club” (mit der Telekom zusammen die Tolino-Allianz) verschuldet wurde.

Den deutschen Buchmarkt hat nicht Amazon kaputt gemacht. Nun aber, da Amazon diejenigen in die Enge treibt, die den deutschen Buchmarkt „konsolidiert“ haben, koordinieren diese Handelsketten ihren ganzen Einfluss und behaupten, Amazon würde den Buchmarkt zerstören.

In Frankfurt verschwanden einige Buchhandlungen, nachdem Hugendubel eröffnet hatte. Damals gab es zwar Stimmen, die vor dem Buchkaufhaus warnten, aber heute gehen trotzdem die meisten Frankfurter bei Hugendubel Bücher kaufen, wenn sie nicht schon zu Amazon abgewandert sind.

Ja, Amazon ist mehr als ein Buchhändler. Das weiß ich. Amazon geht aggressiver vor. Amazon will die Wertschöpfungskette im Buchsegment möglichst vollständig abdecken. Amazon ist böse. Oder?

Vielleicht macht Amazon nur das, was jedes x-beliebige Unternehmen in der Situation Amazons auch tun würde: Den Regeln des Marktes folgen.

Über diese Entwicklung zu jammern, ist nichts, was in den Regeln des Marktes als erfolgsversprechende Strategie bekannt wäre. Aber möglicherweise geht es auch gar nicht um den Markt, sondern um Selbstmitleid, um das Bedauern, dass man nicht selbst mit seinem Unternehmen in der Situation ist, in der Amazon ist.

Oh ja, ich vergaß: Es geht nicht um den Markt, sondern um das Kulturgut „Buch“. Nun, wenn das so ist, dann könnten wir auch jammern, dass das Kulturgut „handgeschriebener Brief“ sehr weitgehend verschwunden ist und nur noch in ganz bestimmen Situationen als „notwendig“ angesehen wird. Informationen, die früher in handgeschriebenen Briefen ausgetauscht wurden, werden aber nach wie vor ausgetauscht. Man mag über den Stil jammern, der damit verbunden ist, aber sogar Liebesbekundungen können ohne Verlust an Glaubwürdigkeit in digitaler Form übermittelt werden.

Das „Kulturgut“ Buch ist in Deutschland durch die Preisbindung und  den ermäßigten Mehrwertsteuersatz für gedruckte Bücher durchaus als besonderes Gut vom Staat schon subventioniert. Für E-Books gilt übrigens der volle Mehrwertsteuersatz. – Dennoch unterliegt das Buch den Regeln des Marktes, auch wenn diese mit der Buchpreisbindungen schon in gewisse Grenzen gewiesen wurden.

Doch all diese Entwicklungen auf dem Buchmarkt werden Menschen, die wirklich was zu sagen haben, nicht davon abhalten, die Inhalte, um die es in Büchern ja vor allem geht und denen das Träger-Medium eigentlich egal sein kann, weiter zu erstellen. Und für diese Inhalte wird es auch weiter Verbreitungswege geben.

Es ist schick geworden, schnell Schuldige zu finden, wenn es in Wirklichkeit um komplexere Zusammenhänge geht. – Ja, Amazon ist ein Unternehmen, das in dieser Form nur im digitalen Kontext als globales Phänomen auftreten konnte. Das ist eine Entwicklung, die mit dem massiven Strukturwandel zu tun hat, der mit der Digitalisierung ebenso eingesetzt hat, wie er einst mit der Industrialisierung verbunden gewesen ist. In Deutschland hat man diesen Strukturwandel lange verschlafen und läuft nun eben hinterher. – Aber daran ist bestimmt nicht Amazon schuld, was natürlich nicht heißt, dass man ein solches Unternehmen nicht unsympathisch finden darf. Aber es für alles verantwortlich zu machen und für alles schuldig zu sprechen, was man selbst verpennt hat, das sollte man lieber bleiben lassen.

 

Kleine Diskussion zur Lage der Buchbranche: Sibylle Berg vs. Buchmarkt-Beckmann

Es gibt Kritiken, die, werden sie geäußert, absehbare Reaktionen hervorrufen.

Sibylle Berg beginnt am 12.7. mit einer Kritik an den Verlagen und dem deutschen Buchmarkt. Ihre Kernthese: „Die Zukunft, vor der wir gewarnt wurden, ist da, die Buchbranche woanders.“

Das kann der Buchmarkt so nicht auf sich sitzen lassen. Also kommentiert Beckmann 14.7. so brillant zum Fußball passend, dass Sibylle Berg mit ihren Thesen im Abseits sei. Sie habe die Entwicklungen nicht alle im Blick.Beckmann meint mit Entwicklungen den Tolino und Libreka. – Nun, der Tolino ist von ein paar wenigen Großbuchhandlungen und der Telekom entwickelt worden und hat Potential, wenn er sich aus der „nur in Deutschland verfügar”-Ecke heraus bewegt; aber wer kennt schon Libreka?

Es ist, wie es immer ist: Der dt. Buchmarkt jammert weiter, wirft seinen Kritikern vor, sie lägen mit ihrer Kritik falsch. Und dann soll alles so weiter gehen. Manchmal hat man den Eindruck, die Verlage und Buchhändler hoffen auf ein Rettungspaket, wie es die Banken ereilte, wenn die Krise erst einmal voll durchschlägt.

Sibylle Berg hat am 19.7. auf Beckmann geantwortet. Sie appelliert nochmals, dass die Verlage nicht den Fehler fortsetzen sollten, eher auf Masse der Neuerscheinungen, die dann kurz in den Buchhandlungen liegen, zu setzen, sondern sich darauf konzentrieren müssten, was sie wirklich können, nämlich Bücher in der Zusammenarbeit von Autoren und Lektoren mit einem hohen Qualitätsmaßstab zu produzieren.

Und da kann ich nicht anders als zustimmen. Die Qualität des Content (der Inhalte; der Literatur) ist auf Dauer wahrscheinlich ein nicht zu unterschätzendes Kriterium vor allem für Verlage, die sich gegen die Übernahme von Verlagskonzernen zur Wehr setzen, aber auch schon übernommenen Verlagen dürfte es nicht schaden, ihren Ruf und ihre Kernkompetenz selbstbewusst zu verteidigen, statt in ängstliches Erstarren vor Amazon zu geraten.

Über Bücher aus Papier und EBooks aus digitalen Zeichen – Vermarktung und Infrastruktur

Bücher aus Papier sind in sich geschlossene, analoge Einheiten. Der Datenträger Papier wird einmal bedruckt und dann kann, genügend Licht vorausgesetzt, der Text unbegrenzt häufig gelesen werden, es können Anstreichungen hinzugefügt, Anmerkungen notiert werden. Den Datenträger kann man als Ganzheit weitergeben, also auch verleihen oder verschenken. Die Lesespuren bleiben dabei erhalten. Die Haltbarkeit des Datenträgers – und somit der mit ihm fest verbundenen Information – beläuft sich auf einige Jahrzehnte bei schlechter Papierqualität bis hin zu mehreren Jahrhunderten bei guter Papierqualität, das Papier nicht zerstörender Tinte und trockener sowie lichtgeschützter Lagerung.

EBooks bestehen aus digitalen Zeichen in elektrischer Form, die als reine Datenpakete zunächst einmal nicht gelesen werden können. Anders als Bücher aus Papier werden EBooks ohne einen Datenträger ausgeliefert, an den das jeweilige „Exemplar“ gebunden wäre. Als Datenträger und Übersetzer in lesbare Schrift bedarf es entsprechender Programme, die entweder als Einzelprogramme vorliegen, die dann als App zum Beispiel auf einem Tablet oder dem Smartphone das Lesen erlauben, oder als eine Koppelung von Hard- und Software in Form eines speziell zum Lesen dieser Bücher gedachten EBook-Lesegerätes (EBook-Readers).

Weiterlesen

Herrn Larbigs Bibliothek 14 – Jean-Claude Carrière, Umberto Eco: Die große Zukunft des Buches

Wer sich wagt, fast zwei Jahre nach seinem Erscheinen noch etwas zu einem Buch zu sagen, ist unzeitgemäß: Am liebsten sollen Kritiken bereits erschienen sein, Wochen bevor ein neuer Band in die Buchhandlungen kommt.

Warum eigentlich, können Bücher doch über Jahrhunderte Bestand haben und zeigt sich zudem auch erst im Laufe der Zeit, welche Bücher „überleben“ und welche „vergessen“ werden.

Carrière und Eco sinnieren unter anderem über diese Frage. Was, wenn man ein Buch erst drei Jahre nach seinem Erscheinen lese, fragen sie sich. Dann könne man zumindest dem Drang danach, Bücher sofort zu lesen, nur weil sie gerade erschienen sind und man mitreden können müsse, etwas entgegen setzen: Den Prozess des Reifens, der von den beiden analog zur Reifung von Wein angeführt wird.

Es mag überraschen, aber am vergnüglichsten lesen sich für mich in dem Gesprächsband über Bücher, in dem zwei Bibliophile, zwei Liebhaber des (alten) Buches zu Wort kommen, all jene Passagen, in denen es um „vergessene“ Bücher geht. Wissen wir eigentlich, ob die bemerkenswertesten Bücher einer Zeit überliefert wurden?

Carrière und Eco bezweifeln das. Sie weisen darauf hin, dass von den in Aristoteles’ Poetik erwähnten Dramen kein einziges überliefert sei und ein Sophokles z. B. von Aristoteles kein einziges Mal genannt wird.

Die Geschichte des Buches ist tatsächlich eine Geschichte der verlorenen Bücher. Und doch schreiben die Gesprächspartner in diesem Band dem Buch aus der Vergangenheit eine große Zukunft über unsere Gegenwart hinaus zu.

Dabei gehen die Gesprächspartner nicht blauäugig mit der Wirklichkeit digitaler Entwicklungen um, bleiben bei dieser aber nicht hängen, sondern sprechen miteinander vor allem über den Gegenstand Buch, den sie als ebenbürtig mit dem Rad betrachten: Erst einmal erfunden, können keine Verbesserung mehr erreicht werden.

Ein Buch über Bücher für Leute, die Bücher mögen oder ein wenig nostalgische Erinnerungen an das Buch pflegen wollen.

JEAN-CLAUDE CARRIÈRE, UMBERTO ECO

Die große Zukunft des Buches

übersetzt von Barbara Kleiner Erscheinungsdatum: 16.08.2010 Fester Einband, 288 Seiten Preis: 19.90 € (D) / 27.90 sFR (CH) / 20.50 € (A) ISBN 978-3-446-23577-9 Hanser Verlag

Wie kommen Bücher zu mir / zu dir / zu Ihnen als Leser?

Ich stelle mir vor, über das ganze Land verteilt sitzen Literaturkritiker in ihren Kämmerlein und lesen Neuerscheinungen.

Ich stelle mir deren Arbeitsplatz als ein ganz besonders gemütliches Sitzmöbel vor.

Dort sitzen sie dann, neben sich auf einem Tisch oder auf dem Boden gestapelt die neuesten Rezensionsexemplare gerade erst gedruckter Bücher – der Geruch nach frischer Druckerschwärze ist noch stark ausgeprägt.

Sie lesen und lesen und lesen; zwischendurch aber stehen sie kurz auf, setzen sich an ihren Schreibtisch und verfassen ihre Rezensionen.

Wie kommen Bücher zu mir / zu dir / zu Ihnen als Leser (mp3)

Es ist die Zahl an Literaturbeiträgen, die ich in meinem Podcast-Abonnement des Büchermarktes auf dem Deutschlandfunk gefunden habe, die mich zu solchen Vorstellungen gebracht hat. – Ich habe angefangen, diese meistens aus Rezensionen bestehenden Beiträge zu hören – manchmal sind auch Lesungen dazwischen, in denen dann Autorenstimmen zu hören sind.

Die Bandbreite der vorgestellten Bücher reicht von medizinkritischen oder philosophischen Essays über anspruchsvolle Romane bis hin zu als lesenswert empfohlenen historischen Romanen, Liebesgeschichten und Reportagen.

Während ich diese Podcastfolgen hörte, kam mir die Frage in den Kopf, nach welchen Kriterien ich eigentlich auswähle, welche Bücher ich lesen will und welche Bücher ich mir kaufe, denn alle im Blick zu behalten ist nun einmal nicht möglich.

Diese Frage stelle ich auch den Leserinnen und Lesern meines Weblogs: Nach welchen Kriterien wählst du / wählen Sie eigentlich die Bücher aus, die du / Sie lesen und / oder anschaffen willst / wollen?

Ich könnte die Frage auch umgekehrt stellen: Welche Wege müssen Bücher eigentlich gehen, damit sie bei dir / Ihnen ankommen können?

Die Frage stelle ich, weil mir aufgefallen ist, dass es mir selbst gar nicht so leicht fällt, diese Frage zu beantworten. Ein paar Ideen sind mir gekommen, die ich hier nicht vorenthalten will.

Zunächst einmal gibt es Autoren und Autorinnen, die mir vertraut sind, deren Werk ich möglicherweise ansatzweise kenne und schätze. Wenn es sich um lebende Autoren handelt, so beobachte ich natürlich, was es da an Neuerscheinungen gibt. Wenn das Werk bereits abgeschlossen ist, dann lese ich durchaus auch einmal Texte über diese Texte (Sekundärliteratur), um mich zu orientieren.

Neben Autoren und Autorinnen, die mich interessieren, stehen die Klassiker der deutschen und der Weltliteratur. Diese nehme ich, meistens ein wenig von meiner Stimmung geleitet, immer wieder in die Hand: Ich schmökere in den Gedichten von Goethe, gönnen mir eine Stunde mit einer der wunderbaren Geschichten aus Boccaccios „Decameron“, wandere ein wenig durch die Geschichte der deutschen Lyrik et cetera.

Ein dritter Weg, auf dem neue Bücher zu mir finden, besteht darin, dass ich mich auf den Weg in eine Buchhandlung begebe und dort einen Blick in die Neuerscheinungen werfen. Fällt mir dann ein Werk auf, so beobachte ich, ob sich das Interesse eine Weile halten kann – manchmal lege ich es auch wieder zurück und denke bei mir, dass ich es beim nächsten Besuch in der Buchhandlung noch einmal anschauen werde – und überlege dann, ob ich denn in absehbarer Zeit Zeit zum Lesen habe, Zeit zur Beschäftigung mit einem bislang unbekannten literarischen Werk finden werde, einem Sach- oder Fachbuch oder zum Beispiel auch einmal einer Reisebeschreibung.

Die meisten mir bis dahin unbekannten Bücher kommen tatsächlich über Literatursendungen im Radio in den Horizont meiner Aufmerksamkeit. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass es im Radio so viele unterschiedliche Stimmen von Kritikern und Kritikerinnen gibt. Das ist anders als im Fernsehen, in dem es erstens weit weniger Literatursendungen gibt und zweitens entsprechend nur wenige Literatur kritisierende Gesichter. (Manchmal will es mir so scheinen, als habe das Fernsehen Angst, dass zu viele Literaturvorstellungen zu ihm als Unterhaltungsmedium eine Konkurrenz aufbauen könnten; wahrscheinlich ist das aber nur eine Verschwörungstheorie :-D)

Ich merke den Stimmen der Kritker und Kritikerinnen im Radio überraschend häufig überraschend schnell an, ob sie von einem literarischen Werk gepackt wurden oder ob es sie kalt gelassen hat. Außerdem mag ich es einfach, wenn in Kritikergesprächen die Rezensenten einfach so ins Erzählen kommen und eben keinen vollständig vorgeschriebenen Beitrag alleine im Studio vorproduzieren.

Ich hab vorhin ca. 45 Minuten lang Beiträge der Sendung „Büchermarkt“ des Deutschlandfunks gehört und habe jetzt schon wieder vier Bücher auf meiner inneren Liste stehen, die ich mir demnächst wohl einmal anschauen werde. – Von dem einem oder dem anderen werde ich dann wohl auch hier berichten.

Und jetzt bist du / sind Sie dran: Wie kommst du / kommen Sie zu Büchern, die gelesen werden? – Ich bin neugierig… :-)