Tag-Archiv für » Buchkritik «

Wenn Prävention Freiheit zerstört: Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“

Freitag, 22. Mai 2009 2:12

Rezensenten scheinen sich, glaube ich den Zusammenfassungen auf perlentaucher.de (und ich sehe keinen Grund, warum ich das nicht tun sollte), bei Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“ [1] nicht einig zu sein. Ich finde das gut, denn „Corpus Delicti“ ist einer der politischsten Texte, die ich in den letzten Jahren gelesen habe und zwingt den Leser geradezu zu Assotiationen mit gegenwärtigen Entwicklungen. Der Roman verlangt eine eigene Positionierung, was möglicherweise auch die unterschiedlichen Besprechungen des Buches erklärt.  Zunächst als Theaterstück erschienen, liegt „Corpus Delicti” nun als Roman vor, dem das szenenhafte eines Theaterstücks aber nach wie vor geblieben ist.

„Es geht […] um die Tatsache, dass die Datenspur eines Menschen Millionen von Einzelinformationen enthält, aus denen sich jedes beliebiges Mosaik zusammensetzen lässt.” (S. 226)

Mia Holl lebt im fiktiven Deutschland des Jahres 2057, das zu einem in Fragen der Gesundheit konsequenten Präventivstaat geworden ist.

Im Oberarm implantierte Chips [...]

  1. Juli Zeh, Corpus Delicti. Ein Prozess, Frankfurt am Main (Schöffling) 2009. 264 Seiten – 19,90 € []
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Thema: lesen | Kommentare (7) | Autor: Herr Larbig

Du wirst ständig überwacht – Morton Rhues »Boot Camp«

Samstag, 20. September 2008 14:52

Irgendwann dürfte Todd Strasser, so heißt der Autor Morton Rhue mit bürgerlichem Namen, Decca Aitkenheads Reportage »The last resort« gelesen haben, die am 29. Juni 2003 in der englischen Zeitung »The Observer« erschienen ist und das in Jamaica angesiedelte »Verhaltensänderunszentrum« »Tranquility Bay« ins Zentrum stellt. – Anschließend dürfte er sich dann an die Arbeit an dem Roman »Boot Camp« gemacht haben. Zumindest entsteht dieser Eindruck, nach der Lektüre von »Boot Camp«, wenn ich die Details miteinander vergleiche; sicher ist es nicht, da Rhue in seinem Nachwort zwar einerseits auf den Realitätsgehalt seines Romans verweist, aber keinerlei Hinweise gibt, woher er sein Wissen hat. Die Nähe des Romans zu dieser Reportage ist allerdings sehr auffällig.

Die literarische Leistung des Autors besteht dann vor allem darin, Figuren zu schaffen, die er in das Umfeld eines solchen »Instituts für Verhaltensänderung« steckt: Aus »Tranquility Bay« wird im Roman »Lake Harmony« und im Zentrum des Romans steht der Ich-Erzähler Connor, 16 Jahre alt und von den eigenen Eltern in die Hand der »Umerziehungs-Spezialisten« gegeben, weil sie mit seiner Beziehung zu einer zehn Jahre älteren Frau, dia auch noch einmal Connors Lehrerin gewesen ist, nicht einverstanden sind.

Connor wird als literarische Figur im Roman von Anfang an als seinen Aufsehern gegenüber intellektuell überlegen dargestellt. – In Rhues Konzept des Romans ist eine solche Figur notwendig, um Reflexionen über das System solcher Lager an möglichst vielen Stellen im Roman unterzubringen – Reflexionen, die man durchaus als eine Bevormundung von Lesern und Leserinnen ansehen kann, da Rhue die Beurteilung des Systems im Roman einbaut, statt einfach zu erzählen und darauf zu vertrauen, dass Leserinnen und Leser selbst in der Lage sind, die erzählte Geschichte kritisch zu reflektieren. [...]

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Thema: Deutsch Sek. I, Literatur, Morton Rhue: Boot Camp, lesen, »Schul«_Lektüren | Kommentare (0) | Autor: Herr Larbig

Zu Michael Winterhoffs »Warum unsere Kinder Tyrannen werden«

Montag, 8. September 2008 0:44

Schreibt ein Autor [1]:

»Mein Ansatz […] ist die einzige Möglichkeit…«,

so ist es naheliegend, dass sich dieser Autor alleine auf seinen Erfahrungshorizont beschränkt, keine Bezüge zur fachwissenschaftlichen Debatte herstellt oder gar Studien von Fachkollegen als Unterstützung seiner Thesen heranzieht. [2]

Alleinvertretungsansprüche, Ansätze, die sich für exklusiv und zuverlässig halten, haben jedoch immer den Mangel, dass sie verdächtig und anmaßend erscheinen können, so überzeugend eine auf Anekdoten aus der eigenen Arbeit aufgebaute Darstellung rhetorisch auch scheint.

Michael Winterhoff hat mit seinem auf der Sachbuch-Bestsellerliste des Spiegels erscheinendem »Warum unsere Kinder Tyrannen werden« genau ein solches Buch geschrieben.

Winterhoffs Grundthese ist die eines Kinder- und Jugendpsychiaters: Kindern werde nicht mehr die Möglichkeit einer angemessenen Entwicklung ihrer Psyche gegeben, sie würden zu früh als »Partner« der Eltern betrachtet und Eltern gingen eine viel zu enge Symbiose mit ihren Kindern ein. Dies sei eine Folge der antiautoritären Erziehung der vergangenen Jahrzehnte und darüber hinaus der rasanten gesellschaftlichen Veränderungen in den vergangenen Jahren.

Ich will Winterhoffs Thesen nicht im Detail betrachten, da sie eben nichts anderes als spekulative Vermutungen sind, die die eigenen Erfahrungen im Beruf eines Psychiaters zur allgemeinen Geltung erheben. – Und das ist wirklich schlimm, da Winterhoff als Psychiater nun eben die nicht auffällig werdenden Kinder nicht zu Gesicht bekommt und, wenn er die eigenen, im Prinzip ausschließlich auf Defiziterfahrungen beruhenden Einsichten verallgemeinert ohne auf die Begrenztheit seines Erfahrungshorizontes zu reflektieren, zu einer Pathologisierung einer ganzen Gesellschaft neigt.

Winterhoff reflektiert die Möglichkeiten und Grenzen, der von ihm bei seiner Arbeit gewonnenen Erkenntnisse bezüglich ihrer Verallgemeinerbarkeit nicht. Das Problem des Verhältnisses von Genese und Geltung seiner Positionen spielt in Winterhoffs Buch keine Rolle. Statt dessen wird ein nahezu apokalyptisches Szenario aufgebaut, wenn Winterhoff davon spricht, dass die »psychische Unreife unserer Kiner und Jugendlichen« »zukunftsbedrohend« sei.

Im Prinzip greift Winterhoff in seinem Buch vor allem medial ständig verbreitete Klischees über das Verhalten von Kindern und deren Folgen auf, verbindet sie mit Erfahrungen aus seiner eigenen Arbeit und entwickelt aus Klischees und eigenen Erfahrungen einen Alleinvertretungsanspruch, wenn es um eine angemessene Annäherung an diese Problem geht.

Damit ist nicht gesagt, dass Winterhoffs Position per se als falsch zu betrachten wären: Jeder, der im Erziehungsbereich arbeitet, kann durchaus beobachten, dass Kinder und Jugendliche selbst die Erziehungsvorstellungen von Pädagogen und Pädagoginnen eher berfremdet betrachten, klare Regeln fordern und überfordert sind, wenn Erwachsene den jeweiligen entwicklungspsychologischen Stand der Kinder und Jungendlichen missachten. – Das ist in der Lern- und Entwicklungspsychologie meiner Wahrnehmung nach eher Standardwissen als eine besonders hervorzuhebende neue Entdeckung.

Ist Winterhoffs Buch also überflüssig? Seinen eigenen Anspruch formuliert Winterhoff im abschließenden Kapitel des Buches:

Es bleibe die Hoffung, so Winterhoff, »dass die Schaffung eines Bewusstseins für die gegenwärtigen Abwärtstendenzen dazu führt, dass eine Umkehr stattfindet und Erwachsene zurückfinden zu ihrer angemessenen Rolle…« (190)

Neu mag sein, dass Winterhoff den Eltern, Erziehern und der Gesellschaft ganz allgemein die »Verantwortung« für von ihm als solche interpretierte Fehlentwicklung von Jugendlichen zuschreibt – das mit diesen Zuschreibungen verbundene Bild der gegenwärtigen Jugendgeneration ist aber so neu nicht:

Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe. (Keilschrifttext aus Ur um 2000 v. Chr.) Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer. (Sokrates, Philosoph, 470-399 v.Chr.) Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen. (Aristoteles, Philosoph, 384-322 v. Chr.)
Michael Winterhoff, Warum unsere Kinder Tyrannen werden – Oder: Die Abschaffung der Kindheit, Gütersloh 2008.
  1. Michael Winterhoff, Warum unsere Kinder Tyrannen werden – Oder: Die Abschaffung der Kindheit, Gütersloh 2008, 13. []
  2. Anders ausgedrückt: Es gibt keine Zitate, Fußnoten, Quellenangaben… []
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Thema: Positionen, Pädagogik | Kommentare (0) | Autor: Herr Larbig

2008 – Big Brother is still watching you

Freitag, 22. August 2008 6:44

Mal ehrlich — was eigentlich hat man vor Augen, wenn die Rede auf George Orwells Roman »1984« kommt? Bei mir war es der Satz »Big Brother is watching you«, zu Deutsch: »Der Große Bruder sieht Dich«. So wird es zumindest in der Übersetzung von Michael Walter formuliert. Aber das Englische »to watch« meint mehr: aufpassen, bewachen, überwachen, zusehen, beobachten.

Dachte ich an den zum Schlagwort gewordenen Titel, so dachte ich an den Überwachungsstaat, Kameras überall, Kontrolle total. Ganz falsch ist das nicht. Das alles gibt es in der Welt, die Orwell vor den Lesern aufbaut – und auch in Deutschland wurden in den vergangenen Jahren immer neue Formen der Überwachung eingeführt. Aber ginge es nur um dieses eine Thema, wäre das Buch wahrscheinlich kein solcher Klassiker geworden. [...]

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Thema: Deutsch Sek. II, Literatur | Kommentare (1) | Autor: Herr Larbig