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	<title>herrlarbig.de &#187; Buchkritik</title>
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		<title>Wenn Pr&#228;vention Freiheit zerst&#246;rt: Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“</title>
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		<pubDate>Fri, 22 May 2009 00:12:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezensenten scheinen sich, glaube ich den Zusammenfassungen auf perlentaucher.de (und ich sehe keinen Grund, warum ich das nicht tun sollte), bei Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“1 nicht einig zu sein. Ich finde das gut, denn „Corpus Delicti“ ist einer &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2009/05/22/wenn-praevention-freiheit-zerstoert-juli-zehs-corpus-delicti-ein-prozess/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezensenten scheinen sich, glaube ich den <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/31534.html" target="_blank">Zusammenfassungen auf perlentaucher.de</a> (und ich sehe keinen Grund, warum ich das nicht tun sollte), bei <a href="http://julizeh.de/" target="_blank">Juli Zeh</a>s „Corpus Delicti. Ein Prozess“<sup><a href="http://herrlarbig.de/2009/05/22/wenn-praevention-freiheit-zerstoert-juli-zehs-corpus-delicti-ein-prozess/#footnote_0_1699" id="identifier_0_1699" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Juli Zeh, Corpus Delicti. Ein Prozess, Frankfurt am Main (Sch&amp;#246;ffling) 2009. 264 Seiten &ndash; 19,90 &euro;">1</a></sup> nicht einig zu sein. Ich finde das gut, denn „Corpus Delicti“ ist einer der politischsten Texte, die ich in den letzten Jahren gelesen habe und zwingt den Leser geradezu zu Assotiationen mit gegenw&#228;rtigen Entwicklungen. Der Roman verlangt eine eigene Positionierung, was m&#246;glicherweise auch die unterschiedlichen Besprechungen des Buches erkl&#228;rt.  Zun&#228;chst als Theaterst&#252;ck erschienen, liegt „Corpus Delicti” nun als Roman vor, dem das szenenhafte eines Theaterst&#252;cks aber nach wie vor geblieben ist.</p>

<blockquote>„Es geht […] um die Tatsache, dass die Datenspur eines Menschen Millionen von Einzelinformationen enth&#228;lt, aus denen sich jedes beliebiges Mosaik zusammensetzen l&#228;sst.” (S. 226)</blockquote>

<p>Mia Holl lebt im fiktiven Deutschland des Jahres 2057, das zu einem in Fragen der Gesundheit konsequenten Pr&#228;ventivstaat geworden ist.</p>

<p>Im Oberarm implantierte Chips<span id="more-1699"></span> liefern st&#228;ndig Daten an Scanner, in Wohnungen wird alles an Daten erhoben, was nur m&#246;glich, bis hin zum Gehalt an Magens&#228;ure im Abwasser, woraus man R&#252;ckschl&#252;sse ziehen kann, ob sich ein B&#252;rger &#252;bergeben hat. Es wird aber beispielsweise auch erhoben, ob man die verpflichtende Kilometerzahl auf dem Heimfahrrad zur&#252;ckgelegt hat.</p>

<p>Krankheit ist ausgerottet, jedes m&#246;glicherweise krankmachende Verhalten ist ein Straftatbestand.</p>

<p>Das Staatssystem nennt sich „Methode“ und h&#228;lt sich f&#252;r absolut rational.</p>

<p>Wer sich dem doch nur das Beste wollenden Staat und der Vorsorge entzieht, ist selber schuld. Wer ein „Recht auf Krankheit“ fordert, wird vom Staat als Terroist verfolgt und Mia Holl steht vor Gericht, weil sie nicht glauben will, dass ihr Bruder Moritz, trotz eines scheinbar eindeutigen DNA-Beweises, eine Frau vergewaltigt und umgebracht haben soll.</p>

<p>Moritz hat sich in der Haft umgebracht und Mia, einst vollkommen systemh&#246;rig, kommt ins Zweifeln, wird zum Star einer aufkeimenden Gegenbewegung – und muss am Ende erfahren: Ein System, dass die Datenspur eines Menschen m&#246;glichst umfassend erhebt, kann daraus alles ihm liebe konstruieren. – Wenn zun&#228;chst auch Assoziationen zu <a href="http://herrlarbig.de/2008/08/22/2008-big-brother-is-still-watching-you/" target="_blank">George Orwells Roman „1984“</a> aufkeimen, tauchen am Ende in meiner Erinnerung Bilder aus Heinrich B&#246;lls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf.</p>

<p>Aber Assoziationen zu anderen Autoren und deren Werke reichen nicht, um dem Anspruch des Buches gerecht zu werden. „Corpus Delicti“ ist vielmehr ein Buch, in dem die Tendenzen der Gegenwart mit gro&#223;er intellektueller Sch&#228;rfe aufgegriffen und weiter gedacht werden. Im Buch f&#252;hrt die F&#252;rsorglichkeit des Staates zur radikalen Entm&#252;ndigung der B&#252;rger – und entpuppt sich somit als ein antiaufkl&#228;rerisches Projekt, setzte die Aufkl&#228;rung doch „auf den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“. Diesem Anspruch tritt der Staat in „Corpus Delicti“, verk&#246;rpert durch Heinrich Kramer, einem fanatischen Gentlemen, der mit dem Buch „Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation“ das ideologische Grundwerk dieser Gesundheitsdikatur geschrieben hat, mit dem Anspruch entgegen, dass doch wohl keiner etwas dagegen haben k&#246;nne, wenn man Gesundheit ins Zentrum des Staatswesen stelle und sich somit von allen Ideologien entferne, die das 20. Jahrhundert gepr&#228;gt h&#228;tten:</p>

<blockquote>„Gesundheit ist das Ziel des nat&#252;rlichen Lebenswillens und deshalb nat&#252;rliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik.“ (S. 7)</blockquote>

<p>Und an anderer Stelle formuliert Kramer das antiaufkl&#228;rerische der „Methode“ selbst:</p>

<blockquote>„Ich verabscheue das R&#252;ckst&#228;ndige der Freigeisterei, dieses altmodische &#220;berbleibsel b&#252;rgerlicher Aufkl&#228;rung.“ (182)</blockquote>

<p>Wer wollt einer solchen Aussage auf dem ersten Blick widersprechen? – Und doch f&#252;hrt dieses Ziel zu einer Diktatur – und er&#246;ffnet von Anfang an Assoziationr&#228;ume. Das ist &#252;berhaupt eine der gro&#223;en St&#228;rken dieses Buches: Es erlaubt den Lesenden, die Gegenwart kritisch in den Blick zu nehmen, ohne dass sie von der Autorin bevormundet w&#252;rden – dazu sind die Darstellungen der Notwendigkeiten und Risiken eigenen Denkens viel zu differenziert ausgefallen.</p>

<p>Ersetzen wir „Gesundheit“ durch „Sicherheit“, so sind die Leser mitten in der Gegenwart, mit Vorratsdatenspeicherung, Er&#246;ffnung rechtlicher M&#246;glichkeiten der Internetzensur mithilfe eines moralisch hochstehenden Wertes, Einf&#252;hrung biometrischer Daten in Ausweisdokumenten etc. – Und somit &#252;berrascht es nicht, dass Juli Zeh als erste Autorin &#252;berhaupt eine Klage beim Bundesverfassungsgericht gegen eben diese Integration biometrischer Daten in Ausweisdokumenten eingereicht hat. – Das sei aber nur am Rande erw&#228;hnt.</p>

<p>Mia Holl kommt im Laufe ihres Kampfes f&#252;r die Rehabilitation ihres Bruders zu dem Schluss, dass sie ihrer Gesellschaft das Vertrauen entzieht. Und hier wird der Roman hoch aktuell. In einem von Mia Molls in Heinrich Kammers Feder diktierten Text hei&#223;t es unter anderem:</p>

<blockquote>„Ich entziehe einem Recht das Vertrauen, das seine Erfolge einer vollst&#228;ndigen Kontrolle des B&#252;rgers verdankt. Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat. […] Ich entziehe einer Politik das Vertrauen, die ihre Popularit&#228;t allein auf das Versprechen eines risikiofreien Lebens st&#252;tzt.“ (S. 186f.)</blockquote>

<p>Sicherheit als Argument f&#252;r die Reduktion b&#252;rgerlicher Freiheitsrechte, f&#252;r die Aush&#246;hlung des Brief- und Telekommunikationsgeheimnisses; abscheuliche Verbrechen einer Minderheit und die sich daraus ergebenden Schutznotwendigkeiten minderj&#228;hriger Opfer als Einstieg in rechtliche M&#246;glichkeit zur Sperrung bestimmter Websites und somit zumindest die Schaffung erster rechtlicher Grundlagen zu einer &#252;ber das moralisch hochstehende Anliegen hinaus gehenden Zensur im Internet – inklusive einer Diskreditierung der sachlich gegen diese Entwicklungen argumentierenden Fachleute als potentielle Unterst&#252;tzer jener abscheulichen Verbrechen, die man doch nur verhindern wolle… – Mir kommen Mia Molls Aussagen ebenso aktuell vor, wie die Aussage, dass doch nur derjenige gegen &#220;berwachung sein m&#252;sse, der etwas zu verbergen habe, da sie doch die allgemeine Sicherheit steigere.</p>

<p>Nein, ein absolutistischer Pr&#228;ventivstaat ist keine wilde Phantasie einer Schriftstellerin. Selbst im Forum der Seiten des Deutschen Bundestages wird auf das <a href="http://www.bundestag.de/blickpunkt/101_themen/0703/0703044.htm" target="_blank">Risiko der Freiheitseinschr&#228;nkung der B&#252;rger durch den Staat mit pr&#228;ventivem Ziel</a> hingewiesen, zu denen &#252;brigens auch Onlinedurchsuchungen von Rechnern geh&#246;ren. Die Unschuldsvermutung bis zum Vorliegen konkreter Belege, dass diese nicht mehr gelten kann, wird immer mehr ausgeh&#246;lt und die Freiheit dem scheinbar so rationalen Sicherheitsargument unterworfen. – Juli Zehs „Corpus Delicti“ greift indirekt tats&#228;chlich die zentralen Risiken der Unterminierung der freiheitlich demokratischen Grundordnung auf und steht somit, f&#252;r junge deutschsprachige Schriftstelle &#252;brigens v&#246;llig untypisch, in der Tradition politisch und gesellschaftlich aufkl&#228;rerisch wirken wollender Literatur eines Erich Frieds oder Heinrich B&#246;lls, dessen „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ nicht ohne Grund immer wieder als Vergleich zu Zehs Roman (Theaterst&#252;ck) heran gezogen wird.</p>

<p>Das besondere an Zehs Roman – und das verbindet sie mit Heinrich B&#246;ll – ist, dass der literarische Anspruch nicht von der politischen Interpretationsm&#246;glichkeit des Textes &#252;berlagert wird.</p>

<p>Einerseits wird hier ein Schl&#252;sselthema unserer Zeit aufgegriffen, m&#252;ssen wir uns doch zunemend der Frage stellen, wie weit wir im Kontext von Pr&#228;vention die schleichende Entm&#252;ndigung durch die Vorsorgeanspr&#252;che des Staates zu akzeptieren bereit sind. Andererseits wird dieses Thema in einer knappen, zahlreiche Leerstellen f&#252;r eigene Assoziationen der Lesenden lassenden Erz&#228;hlweise darsgestellt, ohne dass die Erz&#228;hlfigur des Romanes auf eigene Erz&#228;hlerkommentare verzichten w&#252;rde.</p>

<blockquote>„Gehen wir der Einfachheit halber davon aus, dass sie [Mia Holl] an Moritz denkt. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir richtig liegen, ist sehr hoch.“ (S. 79)</blockquote>

<p>Die Sprache wirkt teilweise, bei aller tiefgehenden Durchdringung der im Roman aufgegriffenen Themen, k&#252;hl und distanziert. Die Szenen (Kapitel) sind zahlreich (50 Kapitel) und knapp (auf 264 Seiten), wobei die Figuren teilweise den Eindruck erwecken, sie seien von der Autorin nicht dreidimensional genug dargestellt worden und blieben deshalb seltsam distanziert.</p>

<p>Diese Kritik muss sich der Roman gefallen lassen, wenn man von einem an einen Krimi erinnernden Roman eine Spannung erwartet, die den Leser mitrei&#223;t, eine Heldin erhofft, die als Identifikationsfigur gestaltet ist. Doch diesen Anspruch will der Roman gar nicht erf&#252;llen.</p>

<p>Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“ steht in meinen Augen eher in der Tradition des Anspruchs Brechts an ein Theater mit aufkl&#228;rerischem Anspruch (und „Corpus Deliciti war zun&#228;chst ein Theaterst&#252;ck, sodass diese Assoziation legitim ist), als in der Tradition von Thrillern und Kriminalromane, die zum Mitfiebern einladen, so sehr von der Autorin, vor allem gegen Ende des Romans, einiges an Spannungsaufbau erreicht wird.</p>

<p>Doch nicht nur an Bertolt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Episches_Theater" target="_blank">Brechts episches Theater</a>, auch durch die Umsetzung eines Theaterst&#252;cks als Roman, wie bei Brechts „Dreigroschenoper“ und dem „Dreigroschenroman“, erinnert „Corpus Deliciti. Die Grundhandlung ist vielmehr eher die einer <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Griechische_Trag%C3%B6die" target="_blank">griechischen Trag&#246;die</a>: Mia Moll muss im Rahmen ihrer Gesellschaft schuldig werden, egal, wie sie handeln wird:</p>

<blockquote>„‚Ich blicke auf eine Kreuzung zwischen zwei Wegen’, sagt Mia. ‚Der eine Weg hei&#223;t Ungl&#252;ck, der andere Verderben. Entweder ich verfluche ein System, zu dessen METHODE es keine vern&#252;nftige Alternative gibt. Oder ich verrate die Liebe zu meinem Bruder, an dessen Unschuld ich ebenso fest glaube wie an meine Existenz.’” (S. 39)</blockquote>

<p>Wohin das f&#252;hren wird, ob es Mia gelingt, am Ende doch als strahlende Siegerin darzustehen? Keine Frage, dieser Roman ist auch dann ein literarischer Genuss, wenn man das Ende kennt. Da ich ihm aber sehr viele Leser und Leserinnen w&#252;nsche, verzichte ich darauf, das Ende zu verraten. Nur so viel: Das Ende ist irritierend, wirft Fragen auf und fordert die reflexiven F&#228;higkeiten der Lesenden noch einmal massiv heraus. Juli Zeh macht es auch formal schwer, den Roman einfach abzuschlie&#223;en, zur Seite zu legen und zum n&#228;chsten Buch zu greifen. Nach der letzten Seite bleiben Fragen offen, denen sich Lesende stellen m&#252;ssen, wollen sie diesen gelungenen Roman wirklich auf sich wirken lassen.<strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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		<title>Du wirst st&#228;ndig &#252;berwacht – Morton Rhues »Boot Camp«</title>
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		<pubDate>Sat, 20 Sep 2008 12:52:14 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Irgendwann d&#252;rfte Todd Strasser, so hei&#223;t der Autor Morton Rhue mit b&#252;rgerlichem Namen, Decca Aitkenheads Reportage »The last resort« gelesen haben, die am 29. Juni 2003 in der englischen Zeitung »The Observer« erschienen ist und das in Jamaica angesiedelte »Verhaltens&#228;nderunszentrum« &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2008/09/20/du-wirst-staendig-ueberwacht-morton-rhues-boot-camp/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Irgendwann d&#252;rfte Todd Strasser, so hei&#223;t der Autor Morton Rhue mit b&#252;rgerlichem Namen, <a href="http://www.guardian.co.uk/profile/deccaaitkenhead" target="_blank">Decca Aitkenhead</a>s Reportage »<a href="http://www.guardian.co.uk/education/2003/jun/29/schools.uk1" target="_blank">The last resort</a>« gelesen haben, die am 29. Juni 2003 in der englischen Zeitung »<a href="http://observer.guardian.co.uk/" target="_blank">The Observer</a>« erschienen ist und das in Jamaica angesiedelte »Verhaltens&#228;nderunszentrum« »<a href="http://www.tranquilitybay.org/" target="_blank">Tranquility Bay</a>« ins Zentrum stellt. – Anschlie&#223;end d&#252;rfte er sich dann an die Arbeit an dem Roman »Boot Camp« gemacht haben. Zumindest entsteht dieser Eindruck, nach der Lekt&#252;re von »Boot Camp«, wenn ich die Details miteinander vergleiche; sicher ist es nicht, da Rhue in seinem Nachwort zwar einerseits auf den Realit&#228;tsgehalt seines Romans verweist, aber keinerlei Hinweise gibt, woher er sein Wissen hat. Die N&#228;he des Romans zu dieser Reportage ist allerdings sehr auff&#228;llig.</p>

<p>Die literarische Leistung des Autors besteht dann vor allem darin, Figuren zu schaffen, die er in das Umfeld eines solchen »Instituts f&#252;r Verhaltens&#228;nderung« steckt: Aus »Tranquility Bay« wird im Roman »Lake Harmony« und im Zentrum des Romans steht der Ich-Erz&#228;hler Connor, 16 Jahre alt und von den eigenen Eltern in die Hand der »Umerziehungs-Spezialisten« gegeben, weil sie mit seiner Beziehung zu einer zehn Jahre &#228;lteren Frau, dia auch noch einmal Connors Lehrerin gewesen ist, nicht einverstanden sind.</p>

<p>Connor wird als literarische Figur im Roman von Anfang an als seinen Aufsehern gegen&#252;ber intellektuell &#252;berlegen dargestellt. – In Rhues Konzept des Romans ist eine solche Figur notwendig, um Reflexionen &#252;ber das System solcher Lager an m&#246;glichst vielen Stellen im Roman unterzubringen – Reflexionen, die man durchaus als eine Bevormundung von Lesern und Leserinnen ansehen kann, da Rhue die Beurteilung des Systems im Roman einbaut, statt einfach zu erz&#228;hlen und darauf zu vertrauen, dass Leserinnen und Leser selbst in der Lage sind, die erz&#228;hlte Geschichte kritisch zu reflektieren.<span id="more-301"></span></p>

<p>In »Lake Harmony« stehen die Jugendlichen unter st&#228;ndiger &#220;berwachung. Die Aufseher betonen immer wieder, dass sie durchschauen, ob sich ein Jugendlicher wirklich ge&#228;ndert hat oder ob er nur so tut als ob. So hei&#223;t es auf dem Vorblatt zum Roman:</p>

<blockquote>»Du kommst hier nicht raus, wenn du ihnen vorspielst, was sie haben wollen. Du kommst hier erst raus, wenn du bist, was sie haben wollen.«</blockquote>

<p>Um diese Pers&#246;nlichkeitsver&#228;nderungen zu erreichen, wird ein brutales Netz der Manipulation und der Folter um die Jugendlichen gesponnen – Gehirnw&#228;sche, die sich psychologischer und k&#246;rperlicher Gewalt bedient. Aber Connor bleibt der »Der gute Mensch von Lake Harmony«, gewinnt zwei Au&#223;enseiter der Einrichtung als Freunde und flieht gemeinsam mit ihnen. Conner verr&#228;t seine Ideale auch nicht, als zwei seiner Verfolger in Lebensgefahr geraten: Er rettet ihnen das Leben, um anschlie&#223;end wieder nach »Lake Harmony« zur&#252;ck verfrachtet zu werden. Und dann wird es ganz schlimm: Sowohl f&#252;r Connor als auch f&#252;r den Leser: Als Connors Eltern von den durch Connor geretteten Menschen erfahren, was in »Lake Harmony« wirklich passiert, scheint es zu sp&#228;t, scheint das System Connor doch noch gebrochen zu haben.</p>

<p>Abgesehen von der k&#246;rperlichen Gewalt (und nat&#252;rlich der M&#246;glichkeit, das Buch einfach nicht zu lesen), macht das Buch mit seinen Lesern das Gleiche, wie die Aufseher mit den ihnen ausgelieferten Jugendlichen: Das Buch wei&#223;, welches Denken es von den Lesern haben will und tut alles, um darauf hin zu wirken, dass der Roman auch »richtig« verstanden wird. Das ist, wie auch in anderen B&#252;chern Rhues, kein p&#228;dagogischer Zeigefinger, der hier aus dem Buch »heraus schaut«, sondern ein »p&#228;dagogischer Baseball-Schl&#228;ger«, mit dem Rhue gnadenlos auf den Leser eindrischt.</p>

<p>»Boot Camp« lebt von detailarmen Schwarzwei&#223;zeichnungen und nicht davon, dass der Roman Lesende literarisch in eine schreckliche Welt mit hinein nimmt. Der Roman sorgt durch die Reflexionen des Ich-Erz&#228;hlers immer wieder daf&#252;r, dass eine gewisse Distanz zur Handlung hergestellt wird, in der gekl&#228;rt wird, wie man all das Erz&#228;hlte gef&#228;lligst zu verstehen habe. Dabei gibt es keine einzige literarische Figur, die an literarischer Tiefe gewinnen w&#252;rde. Das gilt auch f&#252;r Connor als die Hauptfigur, aus deren Perspektive das Ganze erz&#228;hlt wird. Die Aufseher und Mitgefangenen bekommen so gut wie keine eigene Lebensgeschichte, das System wird mit simplen Annahmen begr&#252;ndet, ohne nach deren Ursachen und Hintergr&#252;nde zu fragen. F&#252;r den Roman sind diese auch &#252;berfl&#252;ssig, da er nicht als literarisch spannender Text daher kommt, sondern als ein Buch, das klare Antworten und moralische Wertungen ausspricht und in die Gehirne der Leser, die meist Jugendliche sind, hinein bringen will.</p>

<p>Der Aufseher, der hier das Verstehen der Leser kontrollieren will, ist der Autor des Buches, das, zumindest in der von Werner Schmitz besorgten deutschen &#220;bersetzung, sprachlich wenig Herausforderungen bietet.</p>

<p>Das hei&#223;t nicht, dass das Buch nicht in der Lage w&#228;re, Lesende zu packen. Ganz im Gegenteil: Wie in schlechten Thrillern gelingt es dem Autor den Leser zum Voyeur zu machen, dem einfache Welterkl&#228;rungsmechanismen geboten werden, die aber gleichzeitig gar nichts erkl&#228;ren.</p>

<p>Wie andere B&#252;cher von Morton Rhue (z.B. »Die Welle«) greift »Boot Camp« die Frage der Erziehung Jugendlicher auf, die der Roman thematisiert, gleichzeitig aber bezweckt. Rhues B&#252;cher werden oft als »kritisch« angesehen und als solche auch als Schullekt&#252;re genutzt. Doch was auf den ersten Blick als kritisch erscheinen mag, ist auf den zweiten Blick eindimensional, oberfl&#228;chlich und literarisch misslungen.</p>

<blockquote>Morton Rhue, Boot Camp, Ravensburg 2007 (zuerst 2006), 283 Seiten f&#252;r 6,95 €</blockquote>

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		<title>Zu Michael Winterhoffs »Warum unsere Kinder Tyrannen werden«</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Sep 2008 22:44:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Schreibt ein Autor1: »Mein Ansatz […] ist die einzige M&#246;glichkeit…«, so ist es naheliegend, dass sich dieser Autor alleine auf seinen Erfahrungshorizont beschr&#228;nkt, keine Bez&#252;ge zur fachwissenschaftlichen Debatte herstellt oder gar Studien von Fachkollegen als Unterst&#252;tzung seiner Thesen heranzieht.2 Alleinvertretungsanspr&#252;che, &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2008/09/08/zu-michael-winterhoffs-warum-unsere-kinder-tyrannen-werden/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Schreibt ein Autor<sup><a href="http://herrlarbig.de/2008/09/08/zu-michael-winterhoffs-warum-unsere-kinder-tyrannen-werden/#footnote_0_225" id="identifier_0_225" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Michael Winterhoff, Warum unsere Kinder Tyrannen werden &ndash; Oder: Die Abschaffung der Kindheit, G&amp;#252;tersloh 2008, 13.">1</a></sup>:</p>

<blockquote>»Mein Ansatz […] ist die einzige M&#246;glichkeit…«,</blockquote>

<p>so ist es naheliegend, dass sich dieser Autor alleine auf seinen Erfahrungshorizont beschr&#228;nkt, keine Bez&#252;ge zur fachwissenschaftlichen Debatte herstellt oder gar Studien von Fachkollegen als Unterst&#252;tzung seiner Thesen heranzieht.<sup><a href="http://herrlarbig.de/2008/09/08/zu-michael-winterhoffs-warum-unsere-kinder-tyrannen-werden/#footnote_1_225" id="identifier_1_225" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Anders ausgedr&amp;#252;ckt: Es gibt keine Zitate, Fu&amp;#223;noten, Quellenangaben&hellip;">2</a></sup></p>

<p>Alleinvertretungsanspr&#252;che, Ans&#228;tze, die sich f&#252;r exklusiv und zuverl&#228;ssig halten, haben jedoch immer den Mangel, dass sie verd&#228;chtig und anma&#223;end erscheinen k&#246;nnen, so &#252;berzeugend eine auf Anekdoten aus der eigenen Arbeit aufgebaute Darstellung rhetorisch auch scheint.</p>

<p>Michael Winterhoff hat mit seinem auf der Sachbuch-Bestsellerliste des Spiegels erscheinendem »Warum unsere Kinder Tyrannen werden« genau ein solches Buch geschrieben.</p>

<p>Winterhoffs Grundthese ist die eines Kinder- und Jugendpsychiaters: Kindern werde nicht mehr die M&#246;glichkeit einer angemessenen Entwicklung ihrer Psyche gegeben, sie w&#252;rden zu fr&#252;h als »Partner« der Eltern betrachtet und Eltern gingen eine viel zu enge Symbiose mit ihren Kindern ein. Dies sei eine Folge der antiautorit&#228;ren Erziehung der vergangenen Jahrzehnte und dar&#252;ber hinaus der rasanten gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen in den vergangenen Jahren.</p>

<p>Ich will Winterhoffs Thesen nicht im Detail betrachten, da sie eben nichts anderes als spekulative Vermutungen sind, die die eigenen Erfahrungen im Beruf eines Psychiaters zur allgemeinen Geltung erheben. – Und das ist wirklich schlimm, da Winterhoff als Psychiater nun eben die nicht auff&#228;llig werdenden Kinder nicht zu Gesicht bekommt und, wenn er die eigenen, im Prinzip ausschlie&#223;lich auf Defiziterfahrungen beruhenden Einsichten verallgemeinert ohne auf die Begrenztheit seines Erfahrungshorizontes zu reflektieren, zu einer Pathologisierung einer ganzen Gesellschaft neigt.</p>

<p>Winterhoff reflektiert die M&#246;glichkeiten und Grenzen, der von ihm bei seiner Arbeit gewonnenen Erkenntnisse bez&#252;glich ihrer Verallgemeinerbarkeit nicht. Das Problem des Verh&#228;ltnisses von Genese und Geltung seiner Positionen spielt in Winterhoffs Buch keine Rolle. Statt dessen wird ein nahezu apokalyptisches Szenario aufgebaut, wenn Winterhoff davon spricht, dass die »psychische Unreife unserer Kiner und Jugendlichen« »zukunftsbedrohend« sei.</p>

<p>Im Prinzip greift Winterhoff in seinem Buch vor allem medial st&#228;ndig verbreitete Klischees &#252;ber das Verhalten von Kindern und deren Folgen auf, verbindet sie mit Erfahrungen aus seiner eigenen Arbeit und entwickelt aus Klischees und eigenen Erfahrungen einen Alleinvertretungsanspruch, wenn es um eine angemessene Ann&#228;herung an diese Problem geht.</p>

<p>Damit ist nicht gesagt, dass Winterhoffs Position per se als falsch zu betrachten w&#228;ren: Jeder, der im Erziehungsbereich arbeitet, kann durchaus beobachten, dass Kinder und Jugendliche selbst die Erziehungsvorstellungen von P&#228;dagogen und P&#228;dagoginnen eher berfremdet betrachten, klare Regeln fordern und &#252;berfordert sind, wenn Erwachsene den jeweiligen entwicklungspsychologischen Stand der Kinder und Jungendlichen missachten. – Das ist in der Lern- und Entwicklungspsychologie meiner Wahrnehmung nach eher Standardwissen als eine besonders hervorzuhebende neue Entdeckung.</p>

<p>Ist Winterhoffs Buch also &#252;berfl&#252;ssig? Seinen eigenen Anspruch formuliert Winterhoff im abschlie&#223;enden Kapitel des Buches:</p>

<blockquote>Es bleibe die Hoffung, so Winterhoff, »dass die Schaffung eines Bewusstseins f&#252;r die gegenw&#228;rtigen Abw&#228;rtstendenzen dazu f&#252;hrt, dass eine Umkehr stattfindet und Erwachsene zur&#252;ckfinden zu ihrer angemessenen Rolle…« (190)</blockquote>

<p>Neu mag sein, dass Winterhoff den Eltern, Erziehern und der Gesellschaft ganz allgemein die »Verantwortung« f&#252;r von ihm als solche interpretierte Fehlentwicklung von Jugendlichen zuschreibt – das mit diesen Zuschreibungen verbundene Bild der gegenw&#228;rtigen Jugendgeneration ist aber so neu nicht:</p>

<blockquote>Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute h&#246;ren nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe. (Keilschrifttext aus Ur um 2000 v. Chr.)

Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorit&#228;t. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine &#252;bereinander und tyrannisieren ihre Lehrer. (Sokrates, Philosoph, 470-399 v.Chr.)

Ich habe &#252;berhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die M&#228;nner von morgen stellt. Unsere Jugend ist unertr&#228;glich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen. (Aristoteles, Philosoph, 384-322 v. Chr.)

</blockquote>

<blockquote><em>Michael Winterhoff, Warum unsere Kinder Tyrannen werden – Oder: Die Abschaffung der Kindheit, G&#252;tersloh 2008.</em></blockquote>

<p><strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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		<title>2008 – Big Brother is still watching you</title>
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		<pubDate>Fri, 22 Aug 2008 04:44:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Mal ehrlich — was eigentlich hat man vor Augen, wenn die Rede auf George Orwells Roman »1984« kommt? Bei mir war es der Satz »Big Brother is watching you«, zu Deutsch: »Der Gro&#223;e Bruder sieht Dich«. So wird es zumindest &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2008/08/22/2008-big-brother-is-still-watching-you/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="first">Mal ehrlich — was eigentlich hat man vor Augen, wenn die Rede auf George Orwells Roman »1984« kommt? Bei mir war es der Satz »Big Brother is watching you«, zu Deutsch: »Der Gro&#223;e Bruder sieht Dich«. So wird es zumindest in der &#220;bersetzung von Michael Walter formuliert. Aber das Englische »to watch« meint mehr: aufpassen, bewachen, &#252;berwachen, zusehen, beobachten.</p>

<p class="first">Dachte ich an den zum Schlagwort gewordenen Titel, so dachte ich an den &#220;berwachungsstaat, Kameras &#252;berall, Kontrolle total. Ganz falsch ist das nicht. Das alles gibt es in der Welt, die Orwell vor den Lesern aufbaut – und auch in Deutschland wurden in den vergangenen Jahren immer neue Formen der &#220;berwachung eingef&#252;hrt. Aber ginge es nur um dieses eine Thema, w&#228;re das Buch wahrscheinlich kein solcher Klassiker geworden.<span id="more-122"></span></p>

<p class="follow">An der Oberfl&#228;che handelt es sich um eine Abrechnung mit dem stalinistischen System in der UdSSR. Bis in die Physiognomie &#228;hnelt der Gro&#223;e Bruder, der im Roman immer nur auf Plakaten auftaucht, dem Aussehen Stalins. Orwells Roman ist ein radikale Kritik am »real existierenden Sozialismus«. Und der Roman ist viel mehr.</p>

<p class="follow">Winston Smith arbeitet im Ministerium f&#252;r Wahrheit. Seine Aufgabe besteht darin, Quellen immer auf den jeweils aktuellen Stand zu bringen. Es darf historisch keine Widerspr&#252;che zum jeweils aktuellen Geschichtsbild geben. Aber Winston ist nicht zufrieden. Er beginnt ein Tagebuch zu schreiben, wei&#223; was er tut und hasst seine Arbeit. In dieser Zeit lernt er Julia kennen. Sie f&#252;hren ein Leben, das es so gar nicht mehr geben d&#252;rfte: Winston und Julia lieben einander. Eine Tods&#252;nde gegen&#252;ber der Ideologie der Partei. Sie wissen: Diese Liebe ist ihr Todesurteil. Und doch glauben sie sich lange Zeit unentdeckt.… Es kommt aber alles ganz anders. Am Ende sind beide tot. Und auch das ganz anders, als wir uns vorstellen. Die Partei produziert keine M&#228;rtyrer. Am Ende liebt Winston den Gro&#223;en Bruder.</p>

<p class="follow">Orwells Roman ist mehr als eine Kritik am Stalinimus. Ohne diesen Mehrwert h&#228;tte er nichts anderes geschrieben, als einen bald langweilig werdenden Roman. Vielleicht w&#252;rde man ihm noch ein wenig Wert f&#252;r die Aufarbeitung einer bestimmten Zeit in der Geschichte geben. Es ist dieser Mehrwert, der den Roman zu einem gro&#223;en Kunstwerk macht: Orwell schreibt einen Roman &#252;ber Macht, &#252;ber Kontrolle von Menschen und ihr ganzes Leben, bis hinein in die Gedanken und Tr&#228;ume. Dahinter steht ein System, dass sich nur f&#252;r sich selbst interessiert. Es geht um die Frage, was als Wahnsinn gilt, was als Normal. Konformismus im Dienst der Selbsterhaltung eines Systems — das will die Partei in der Welt des Romans:</p>

<blockquote>
<p class="cite">»Sie sind hier, weil es Ihnen an Demut, an Selbstdisziplin mangelte. Sie wollten den Akt der Unterwerfung nicht vollziehen, der der Preis f&#252;r geistige Gesundheit ist. Sie zogen es vor, ein Wahnsinniger, eine Einpersonenminderheit zu sein. Nur der disziplinierte Geist erkennt die Realit&#228;t, Winston. Sie halten die Realit&#228;t f&#252;r etwas Objektives, &#196;u&#223;eres, das seinen eigenen Bestand hat. […] Aber ich sage Ihnen, Winston, da&#223; Realit&#228;t nichts &#196;u&#223;eres ist. […] Die Realit&#228;t l&#228;&#223;t sich ausschlie&#223;lich durch die Augen der Partei erkennen. […] Es erfordert einen Akt der Selbstvernichtung, eine Willensanstrenung. Sie m&#252;ssen sich erst dem&#252;tigen, ehe Sie geistig wieder gesund werden k&#246;nnen.« (299f)</p>
</blockquote>

<p class="follow">Ein Schelm, der da nichts b&#246;ses denkt. Es gibt sicher viele Assoziationsm&#246;glichkeiten. Mir kam das Wort »Konformit&#228;tsdruck« in den Sinn. Macht hat der, der die Gegenwart bestimmt und die Vergangenheit ver&#228;ndern oder die Zukunft aus dem Blick bringen kann. Macht hat der, der den Menschen einzuh&#228;mmern vermag, was jetzt z&#228;hlt. Und so ist es sicherlich kein Zufall, dass fernsehschauende Kinder bis zu ihrem 15. Lebensjahr 600000 Werbespots gesehen haben. Hier wird heute unser Weltbild gepr&#228;gt. Hier wird uns in v&#246;lliger Geschichtslosigkeit eine ideale Gegenwart vorgegaukelt, die all unsere Bed&#252;rfnisse zu erf&#252;llen verspricht — wenn wir nur die richtigen Artikel kaufen. Nicht umsonst wissen Politiker die Macht der Medien zu nutzen. Und angeblich so neutrale Medien wissen ihre subtile Macht genauso geschickt einzusetzen. Man muss nur vor Wahlen die Zeitungen genau lesen, Fernsehsendungen aufmerksam verfolgen (so man denn einen Fernseher hat).</p>

<p class="follow">»1984« ist ein Roman &#252;ber die Gegenwart. Er zeigt uns eine Welt ohne Erinnerung, eine Welt, in der nur die Interessen einer Gruppe dienen, die an die Stelle eines Gottes getreten ist und sich selbst f&#252;r ewig h&#228;lt, wenn es nur gelingt, alle auf Linie zu halten. Die Partei in der Welt dieses Romans nutzt da andere Hilfsmittel, als die Interessengruppen unserer Gesellschaft. Und doch k&#246;nnte es einen gewissen Reiz haben, Orwells Roman zu lesen und dabei immer die eigenen Gegenwart im Blick zu haben: Wem k&#246;nnten da all die Rollen zugesprochen w&#228;re, die Orwell seinen Charakteren zuweist?</p>

<blockquote>
<p class="lit">Georg Orwell, 1984, &#252;bersetzt von Michael Walter, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Herbert W. Franke, 23. Aufl. 2002, englisches Original 1949, erste deutschsprachige Ausgabe 1984, 384 Seiten, 7,95 Euro.</p>
</blockquote>

<p align="right">© by Torsten Larbig, 07.2002/zuletzt bearbeitet: 08.2008</p>

<p><strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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