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	<title>herrlarbig.de &#187; Datenspeicherung</title>
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	<description>Bildungs-Neuron &#124; Lehrerblog &#124; Etc.</description>
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		<title>Betreff: „#Schultrojaner“ &#124;&#124; Liebe Schulbuchverlage!</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Nov 2011 00:46:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Liebe Schulbuchverlage, w&#228;hrend der Staat nach wie vor die Idee verfolgt, Privatunternehmen mit der Vorratsdatenspeicherung von Telekommunikationverbindungsdaten zu befassen, w&#228;hlen Sie den umgekehrten Weg. Sie haben mit den Kultusministern der L&#228;nder einen Gesamtvertrag zur Einr&#228;umung und Verg&#252;tung von Anspr&#252;chen nach § &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2011/11/01/betreff-schultrojaner-liebe-schulbuchverlage/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Schulbuchverlage,</p>

<p>w&#228;hrend der Staat nach wie vor die Idee verfolgt, Privatunternehmen mit der Vorratsdatenspeicherung von Telekommunikationverbindungsdaten zu befassen, w&#228;hlen Sie <a href="http://www.heise.de/tp/blogs/8/150735" target="_blank">den umgekehrten Weg</a>.</p>

<p>Sie haben mit den Kultusministern der L&#228;nder einen <a href="http://netzpolitik.org/wp-upload/20110615gesamtvertragtext.pdf" target="_blank">Gesamtvertrag zur Einr&#228;umung und Verg&#252;tung von Anspr&#252;chen nach § 53 Urheberrechtsgesetz (UrhG)</a> abgeschlossen, in dem Sie die Schultr&#228;ger beauftragen, f&#252;r Sie zu kontrollieren, ob das Urheberrecht im Intranet der Schulen eingehalten wird oder nicht.</p>

<p>Zu diesem Zwecke soll eine von Ihnen verf&#252;gbar gemachte Software die Rechner im schulischen Intranet durchsuchen.</p>

<p>Wenn ich das richtig sehe, geht das nur, wenn Inhalte des Rechners mit einer Datenbank abgeglichen werden, da die Software ja sonst viel zu gro&#223; w&#252;rde. Es ist also davon auszugehen, dass die Software den Schulrechner nach au&#223;en hin zumindest ein St&#252;ck weit &#246;ffnet. Dabei wird mindestens<span id="more-26883"></span> die IP-Adresse mit zu den Datenbanken &#252;bertragen. Es mag ja sein, was der VdS <a href="https://twitter.com/bildungsmedien/status/131068409017409536" target="_blank">twittert</a>, dass 0,0 Daten an Verlage &#252;bertragen werden, aber irgendwohin werden Daten &#252;bertragen, irgendwo werden die abgeglichen.</p>

<p>Mit ist es reichlich egal, wohin die Daten &#252;bertragen werden. Das ist gar nicht das Problem. Das Problem ist, dass Sie Vereinbarungen treffen, die Lehrern und Schulen mindestens generell unterstellen, diese br&#228;uchten die Pr&#228;senz einer solcher Kontrollsoftware, um davon abgehalten zu werden, wom&#246;glich rechtswidrige digitale Kopien anzufertigen. Weniger nett gedacht, stellen Sie die gesamte Lehrerschaft und alle Schulen unter Generalverdacht – und das v&#246;llig verdachtsunabh&#228;ngig.</p>

<p>In der Regel gehe ich davon aus, dass man bei solch heiklen Dingen wie dem Zugriff auf einen Rechner, auf der niedrigsten Schwelle beginnt. Eine Beschr&#228;nkung auf diese Ebene – die Schulrechner – passt jedoch nicht zur Logik Ihres Ansinnens. Es k&#246;nnten ja auf Lehrerrechnern, also auf privaten Rechnern, digitale Kopien urheberrechtlich gesch&#252;tzter Bildungsmedien liegen, vielleicht auch auf dem Tablet-Computer eines Lehrers, auf dem Smartphone! Eltern k&#246;nnten digitale Kopien angefertigt haben. – Und dann liegt es nahe, dass Verlage fordern werden, die verdachtsunabh&#228;nige Kontrolle auszuweiten. Das entspr&#228;che der Logik des von Ihnen und den Bundesl&#228;ndern vereinbarten Vertrages, so sehr Sie dieses Ansinnen zur Zeit auch abstreiten, so wenig Sie dieses Ansinnen zur Zeit vielleicht wirklich haben oder es f&#252;r durchsetzbar halten, so liegt es meines Erachtens in der Logik des &#220;berwachungsdenkens, dass Sie im Einvernehmen mit den Kultusministern verfolgen, insofern die Kultusminister die Tragweite der entsprechenden Regelungen im Vertrag bei dessen Unterzeichnung einzusch&#228;tzen vermochten.</p>

<p>Wenn mir jemand misstraut, dann begegne ich ihm mit Misstrauen.</p>

<p>Fr&#252;her habe ich vielleicht die Preise von Schulb&#252;chern als teuer empfunden, &#228;rgerte ich mich &#252;ber schlechte Unterrichtseinheiten in Schulb&#252;chern, nervten mich veraltete Unterrichtsmedien. Ich hoffte darauf, dass Schulbuchverlage endlich st&#228;rker im digitalen Informationszeitalter ankommen w&#252;rden,  h&#228;tte aber nicht damit gerechnet, dass einer der fr&#252;hen Schritte der Bildungsmedienanbieter der Generalverdacht in Sachen Urheberrechtsverletzungen digitaler Art gegen&#252;ber Lehrern und Schulen w&#228;re.</p>

<p>Ich h&#228;tte eher gedacht, dass Schulbuchverlage auftreten und uns vorf&#252;hren, wie toll das Arbeiten mit Computern ist, wie wunderbar digitale Unterrichtsmedien genutzt werden k&#246;nnen, wie innovativ die damit m&#246;glich werdenden Unterrichtskonzepte sein k&#246;nnen. Aber nein, sie scheinen digitalen Welten nicht viel zuzutrauen, au&#223;er dass sie zur Anfertigung von digitalen Kopien Ihrer analogen Medien genutzt werden k&#246;nnten.</p>

<p>Eine solche Einstellung verhindert Innovation. Einen solche Einstellung verschreckt gerade die Lehrer, die bereits hochgradig vernetzt arbeiten und eigentlich f&#252;r Sie als Zielgruppe und Multiplikatoren wichtig w&#228;ren.</p>

<p>Nun haben Sie erreicht, dass gerade diese Lehrkr&#228;fte auf (noch gr&#246;&#223;ere) Distanz zu den Schulbuchverlagen gehen, ja, teilweise nicht einmal mehr der Meinung sind, dass ein Kommunikationsprozess sinnvoll sein k&#246;nnte, weil die Schulbuchverlage alleine den Gesetzen der &#214;konomie folgten. Sie haben mit dieser Regelung sehr viel Porzellan zerschlagen.</p>

<p>Ich kann mir die Entscheidung f&#252;r Spyware auf Schulrechnern nur so erkl&#228;ren, dass der Vertrag von Leuten abgeschlossen wurden, die schon viel von den b&#246;sen Computern geh&#246;rt haben, die in jedem Computernutzer eine Copyright-Ver&#228;chter sehen, aber von den Arbeitsstrukturen vernetzter Art nur wenig Ahnung haben. Doch das kann die Tragweite jenes Paragraphen 6, Abschnitt 4 nicht relativieren.</p>

<p>Es geht mir wirklich nicht um das Ob der verdachtsunabh&#228;ngigen Dauerdurrchsuchung von Schulrechnern im Auftrage der Schulbuchverlage. Es geht mir auch nicht um die Frage der Sicherheit der eingesetzten Software. Es geht mir nicht darum, ob Daten an die Verlage gehen oder ob diese beim Schultr&#228;ger bzw. den L&#228;ndern bleiben. Es geht mir auch nicht darum, dass Schultr&#228;ger und L&#228;nder mit dieser Art Software noch erweiterte Kontroll- und &#220;berwachungsphantasien verbinden k&#246;nnte. Nein, es geht mir nicht um eine Optimierung der verdachtsunabh&#228;ngigen Durchsuchung von Rechnern der Schulnetzwerke, um eine Absicherung dieser Durchsuchung.</p>

<p>Es geht mir auch nicht darum, darauf hinzuweisen, dass es von klassischen Schullekt&#252;ren gemeinfreie Ausgaben im Netz gibt und diese textgleich mit den entsprechenden Druckwerken aus Schulbuchverlagen sind. Wie soll eine Scannsoftware unterscheiden, ob jenes „Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zu vor“ aus einem Bildungsmedium entnommen ist oder aus der gemeinfreien Version des Fausts beim Projekt Gutenberg oder Zeno.org stammt?</p>

<p>Es geht mir darum, dass jener Paragraph 6, Absatz 4 mit keinem Wort auf der Website <a href="http://www.schulbuchkopie.de/" target="_blank">http://www.schulbuchkopie.de/</a> erw&#228;hnt wird, die vom VdS und der KMK gemeinsam verantwortet wird.</p>

<p>Es geht mir darum, dass uns immer angepriesen wurde, dass eine lehrerfreundliche Regelung zur Kopienfrage aus Schulb&#252;chern gefunden sei, aber nie gesagt wurde, dass wir im Gegenzug &#220;berwachungsma&#223;nahmen digitaler Art durch den Schultr&#228;ger im Auftrage der Schulbuchverlage zu akzeptieren h&#228;tten. Die Personalr&#228;te wurden meines Wissens nach mit dieser Frage ebenso wenig befasst, wie die Datenschutzbeauftragten der Schulen.</p>

<p>Es geht mir darum, dass solche Entscheidungen zur Installation von Spyware an Grund&#252;berzeugungen r&#252;tteln, die das Zusammenleben in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung pr&#228;gen: Freiheit, Vertrauen und nicht zuletzt der Respekt vor den geistigen Leistungen Dritter.</p>

<p>Dass dieser Respekt sich auch pekuni&#228;r auszahlt, meine ich in der Weise, wie sich vor allem die gro&#223;en Schulbuchverlage k&#252;rzlich auf der Frankfurter Buchmesse pr&#228;sentierten, erkennen zu k&#246;nnen. Nach verarmten, von Urheberrechts-Raubrittern ausgeraubten Verlagen sah das nicht aus. Daf&#252;r stehen auch faktische Zahlen.</p>

<p>F&#252;r Kopienrechte bekommen Sie dieses Jahr 7.300.000 (7,3 Mio.) Euro, 2014 sollen das, trotz Haushaltskonsoldierungen, schon 9.000.000 (9 Mio) sein. Das sind &#252;ber 20% mehr in drei Jahren.</p>

<p>Au&#223;erdem scheint es so zu sein, dass das Copyright in gro&#223;em Ma&#223;e eingehalten wird. So weist allein die <a href="http://www.klett-gruppe.de/presse/pressemitteilungen/stabile+umsatzentwicklung++klett+praesentiert+jahresbilanz+2010.2565.htm" target="_blank">Klett-Gruppe f&#252;r 2010</a> einen Umsatz von 465,3 Mio. Euro (465.300.000 Euro) aus.  Und zur Jahresbilanz 2009 der Klett-Gruppe <a href="http://www.boersenblatt.net/382380/" target="_blank">hie&#223; es</a>: „Erfreulich entwickelte sich auch das Gesch&#228;ft mit Schulb&#252;chern, das weiterhin die st&#228;rkste S&#228;ule der Klett Gruppe ist“.</p>

<p>Diese Zahlen sprechen meines Erachtens gegen eine Generalverdacht gegen&#252;ber Lehrern und Schulen. Es wird bestimmt F&#228;lle geben, in denen (wissentich oder unwissentlich) das Urheberrecht verletzt wird. In diesen F&#228;llen ist auch mit angemessenen Mitteln darauf hin zu wirken, dass es eingehalten wird. Es gibt aber starke Indizien, dass das Urheberrecht zumindest so eingehalten wird, dass sich das Gesch&#228;ft mit Schulb&#252;chern „erfreulich entwickelt“.</p>

<p>Ebenso macht der Cornelsen Verlag und die dazu geh&#246;rende Verlagsgruppe <a href="http://www.cornelsen.de/service/1.c.2572315.de" target="_blank">laut eigenen Angaben</a> 450 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Auch dies ist kein Indiz, dass Lehrer in Massen Urheberrechtsverletzungen begingen, auch wenn die Bildungsmedienverlage genau davon auszugehen scheinen.</p>

<p>Aber auch darum geht es mir nicht.</p>

<p>Mir geht es darum, dass es Grenzen gibt, die nicht &#252;berschritten werden d&#252;rfen, soll es nicht zu nachhaltigem Vertrauensverlust kommen, der sich vielleicht irgendwann auch &#246;konomisch niederschl&#228;gt.</p>

<p>Nach meinem Eindruck haben die Schulbuchverlage und die KMK diese Grenze im Paragraphen 6, Abschnitt 4  des Gesamtvertrages zur Einr&#228;umung und Verg&#252;tung von Anspr&#252;chen nach § 53 Urheberrechtsgesetz (UrhG) &#252;berschritten.</p>

<p>Es wird spannend zu beobachten sein, ob diese Regelungen die Gerichte besch&#228;ftigen und zu welchem Schluss diese kommen werden. Meine Bedenken bestehen im Bereich des Datenschutzes, der Rechte der Mitarbeiterinnen und MItarbeiter im Schuldienst, der Einbindung der Personalr&#228;te und Datenschutzbeauftragten an den Schulen.</p>

<p>Meine Bedenken bestehen dort, wo ich pers&#246;nlich den Eindruck gewinne, dass der freiheitlich-demokratische Grundkonsens, der &#220;berwachung nur im konkreten Verdachtsfall rechtsstaatlich absichert, von &#220;berwachungs- und Pr&#228;ventionsphantasien mehr und mehr ausgeh&#246;lt wird.</p>

<p>Dieser „Schultrojaner“ ist in meinen Augen ein Mosaikstein in einer immer mehr um sich greifenden &#220;berwachungsunkultur. Diesen Kulturwandel sehe ich mit gro&#223;er Sorge. Deshalb emp&#246;re ich mich.</p>

<p>Liebe Schulbuchverlage, sprechen Sie mit uns Lehrern, wenn Sie sich Sorgen ums Copyright machen. Fragen Sie uns, wie Sie uns in digitalen Zeiten mit ihren Angeboten entlasten k&#246;nnen, dann werden wir ihre Angebote im Rahmen der verf&#252;gbaren Budgets auch nutzen.</p>

<p>Machen Sie nicht den Fehler, uns als Lehrer und Lehrerinnen unter Generalverdacht zu stellen. Wenn Sie dies gar nicht im Sinn haben, dann unterlassen Sie doch bitte Ma&#223;nahmen, die in diese Richtung (miss)verstanden werden.</p>

<p>Ja, im konkreten Verdachtsfall haben Sie nat&#252;rlich alle rechtlichen M&#246;glichkeiten, gegen Urheberrechtsverletzungen vorzugehen. Pr&#228;ventiv die Lehrerkollegien von Schulen in die Sippenhaft von Spyware zu nehmen tr&#228;gt zumindest dazu bei, dass meine &#220;berlegungen zum wesentlich verst&#228;rktem Materialaustausch unter Kollegen – inklusive Peer-Review-Prozessen – gerade wieder zunehmen.</p>

<p>Diese neue Kultur des Tausches selbst erstellter Materialien unter Lehrern und Lehrerinnen mag sich nicht von heute auf morgen entwickeln, aber <a href="http://zum.de" target="_blank">zum.de</a> und andere haben damit begonnen. Digitale M&#246;glichkeiten haben die Bereitstellung von selbst erstellten Materialien deutlich erleichtert und zeigen bereits heute, dass Lehrer und Lehrerinnen unabh&#228;ngiger von Verlagen werden.</p>

<p>Ich vertraue darauf, dass Sie als Schulbuchverlage gerne auf das Image verzichten, in einer Reihe mit den aktuellen Diskussionen um Staatstrojaner genannt zu werden. Der Begriff „<a href="http://netzpolitik.org/2011/der-schultrojaner-eine-neue-innovation-der-verlage" target="_blank">Schultrojaner</a>“ macht zumindest schon die Runde.</p>

<p>Ich vertraue darauf, dass Sie als Schulbuchverlage nicht einmal in die N&#228;he der Spekulation ger&#252;ckt werden wollen, von Ihnen beauftragte Softwareentwicklungen k&#246;nnten unsicher sein und zum Datenschutzproblem werden.</p>

<p>Ich vertraue darauf, dass Sie den Aufschrei im Netz an diesem 31. Oktober 2011 geh&#246;rt haben und uns zu erkennen geben, dass Sie Lehrern und Schulen grunds&#228;tzlich vertrauen und ausschlie&#223;lich in begr&#252;ndeten Verdachtsf&#228;llen rechtsstaatliche Mittel einsetzen werden, um bestehendes Urheberrecht durchzusetzen.</p>

<blockquote><address>Mein Dank gilt netzpolitk.org. Dort wurde das Thema <a href="http://netzpolitik.org/2011/der-schultrojaner-eine-neue-innovation-der-verlage/" target="_blank">zuerst aufgegriffen</a> und dann auch noch <a href="http://netzpolitik.org/2011/update-zum-schultrojaner/" target="_blank">weiter verfolgt</a>.  </address></blockquote>

<p><strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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		<title>Von der Umwertung von Werten oder: Kritische Anmerkungen zur „PostPrivacy“</title>
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		<pubDate>Tue, 11 Oct 2011 17:08:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Anonymit&#228;t galt fr&#252;her gilt als ein grundlegendes Recht des B&#252;rgers in einer Demokratie. Wann ich mich wo aufgehalten habe, wann ich mit wem telefonierte, wem ich wann einen Brief schrieb etc., ging geht weder den Staat noch irgendwelche Firmen etwas &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2011/10/11/von-der-umwertung-von-werten-oder-kritische-anmerkungen-zur-postprivacy/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Anonymit&#228;t <del>galt fr&#252;her</del> gilt als ein grundlegendes Recht des B&#252;rgers in einer Demokratie. <em>Wann</em> ich mich <em>wo</em> aufgehalten habe, <em>wann</em> ich <em>mit wem telefoniert</em>e, <em>wem</em> ich <em>wann</em> einen <em>Brief</em> schrieb etc., <del>ging</del> geht weder den Staat noch irgendwelche Firmen etwas an.</p>

<p>F&#252;r den Staat <del>gab</del> gibt es <em>eine</em> Ausnahme: Wenn der berechtigte Verdacht <del>bestand</del> besteht, dass ein B&#252;rger schwere kriminelle Handlungen plant oder durchf&#252;hrt, <del>konnten</del> kann das Brief- und das Telefongeheimnis von einem Richter ohne Wissen der betroffenen Person eingeschr&#228;nkt werden. – Diese M&#246;glichkeiten gibt es heute auch noch, aber die Begehrlichkeiten der Sicherheitsbeh&#246;rden scheinen mit den M&#246;glichkeiten zur &#220;berwachung zu steigen.</p>

<p>Grunds&#228;tzlich aber <del>gilt</del> galt einmal: Der B&#252;rger kann sich unbeobachtet bewegen, unbeobachtet telefonieren, unbeobachtet Briefe schreiben und unbeobachtet seine Schreibmaschine benutzen.</p>

<p>Kurioserweise ist der Begriff „Anonymit&#228;t“ in den vergangenen Jahren mehr und mehr mit negativen Assoziationen verbunden worden, die „Anonymit&#228;t“ nicht mehr als ein grundlegendes Freiheitsrecht verstehen, sondern diese<span id="more-19380"></span> grunds&#228;tzlich mit der Frage rechtswidriger Handlungen verbinden. Fr&#252;her lautete die Grundannahme, dass der Staat  erst genauer hinschauen darf, wenn ein B&#252;rger berechtigten Anlass zur Annahme gibt, er sei in <em>schwere</em> kriminelle Handlungen verwickelt.</p>

<p>Dann kam die Kamera&#252;berwachung durch Polizeibeh&#246;rden. Und erstmals h&#246;rte ich den Satz: „Wer nichts zu verbergen hat, muss die Kamera&#252;berwachung auch nicht f&#252;rchten.“ Dann kam die Kamera&#252;berwachung durch Privatunternehmen (Bahn, &#214;ffentlicher Personennahverkehr…). „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu bef&#252;rchten.“ – Ein Resultat der Kamera&#252;berachung: Es gibt heute medial verwertbare Videoaufzeichnungen von Verbrechen, die aber trotz Kamera&#252;berwachung ver&#252;bt wurden.</p>

<p>Bei der Kamera&#252;berwachung des „&#246;ffentlichen“ Raums kann man bereits heute vermuten, dass nicht, wie versprochen, die Sicherheit zugenommen hat, sondern dass alleine die Aufkl&#228;rung von Verbrechen eine neue M&#246;glichkeit bekommen hat. Polizisten vor Ort k&#246;nnten Verbrechen verhindern, Kameras k&#246;nnen diese nur dokumentieren.</p>

<p>Mit dem Aufkommen des Internets wurde die Sache noch komplizierter, weil Kommunikation neue Wege ging.</p>

<p>Vor allem der Brief wurde in vielen F&#228;llen von der E-Mail abgel&#246;st, was um so erstaunlicher ist, weil eine E-Mail in etwa so offen ist, wie eine Postkarte und dem Brief eigentlich nur die <em>verschl&#252;sselte</em> E-Mail &#228;quivalent w&#228;re – und zwar mit einem wirklich privaten Schl&#252;ssel verschl&#252;sselte E-Mail. Ich spreche hier weder von <a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/Kritik-am-E-Postbrief-waechst-1044814.html" target="_blank">E-Post-Briefen</a> noch von <a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/Scharfe-Kritik-am-De-Mail-Gesetzentwurf-im-Bundestag-1184961.html" target="_blank">DE-Mail</a>, da diese ja gerade nicht sicherstellen, dass alleine der Absender und Empf&#228;nger das Dokument lesen k&#246;nnen.</p>

<p>Die Implementierung von Verschl&#252;sselungstechnologien in die allt&#228;glich verwendeten Programme hat nach wie vor so gut wie nicht stattgefunden. Selbst verschl&#252;sselter Zugriff auf ein E-Mail-Postfach kostet bei manchen E-Mail-Anbietern extra, obwohl es eigentlich Standard sein m&#252;sste.</p>

<p>Da es technisch relativ einfach ist, unverschl&#252;sselte Kommunikation mitzulesen, ist es nat&#252;rlich naheliegend, dass der Staat auf den Gedanken kommen kann, dass man doch mal sicherheitshalber die Provider verpflichtet, die zentralen Daten der Kommunikation zu speichern, damit man, sollte es zu einem Verbrechen kommen, auf diese Daten zur&#252;ckgreifen k&#246;nne, die zumindest sagen, wer wann mit wem kommuniziert hat, wo jemand war, der mit dem Handy telefoniert hat oder auf ihm angerufen wurde und au&#223;erdem, wer wann welche Website aufgerufen hat. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Vorratsdatenspeicherung" target="_blank">Dies nennt man „Vorratsdatespeicherung“ oder auch „Mindestdatenspeicherung“.</a></p>

<p>In nicht digitale Zeiten &#252;bertragen h&#228;tte dies bedeutet, dass nicht nur gespeichert worden w&#228;re, wann man wen angerufen hat und wie lange, sondern auch noch von wo aus, was in reinen Festnetzzeiten nicht so schwer festzustellen war, und dar&#252;ber hinaus auch noch, welche B&#252;cher man kauft, in der Bibliothek leiht, weiche Zeitung man liest, welche Zeitschriften man bevorzugt, welche Fernsehsender man schaut etc.</p>

<p>Obwohl <a href="http://netzpolitik.org/2011/vorratsdatenspeicherung-wird-verfassungswidrig-fortgefuhrt/" target="_blank">das BVerG das erste Gesetzt zur Vorratsdatenspeicherung verworfen hat, ohne dass dies manche Telekomunikationsanbieter scheinbar gro&#223; gest&#246;rt hat</a>, steht nach wie vor <a href="http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2006:105:0054:0063:DE:PDF" target="_blank">eine EU-Richtlinie</a> im Raum, die genau diese will.</p>

<p>Darum geht es hier aber weniger. Hier geht es um den Mentalit&#228;tswechsel, der in den vergangenen Jahren vorangetrieben wurde. Denn <a href="http://www.stern.de/politik/deutschland/diskussion-um-klarnamen-im-netz-innenminister-friedrich-heizt-debatte-an-1714282.html" target="_blank">mittlerweile gibt es Politiker, die fordern, dass man im Internet doch eigentlich immer mit seinem Klarnamen unterwegs sein solle</a>. Die logische Konsequenz ist dann der bei der Geburt dem Menschen eingepflanzte Chip, der daf&#252;r sorgt, dass man immer und &#252;berall mit Klarnamen unterwegs ist. Betritt man ein Gesch&#228;ft, wird man von den Angestellten mit Namen begr&#252;&#223;t, weil der auf dem Bildschirm erschienen ist, reist man von A nach B wei&#223; die Polizei immer, wo man ist, vielleicht aber auch der Arbeitgeber etc.</p>

<p>Wir erleben zur Zeit, in kleinen Schritten, einen radikalen (gewollten, systematisch betriebenen?!) Mentalit&#228;tswandel, der den Begriff der Privatsph&#228;re mehr und mehr ver&#228;ndert, ja, verdunsten l&#228;sst.</p>

<p>Im Hintergrund dieses Wandels werden Bedrohungsszenarien als Begr&#252;ndung genutzt, die mit dem 11. September 2001 einen H&#246;hepunkt erlebten. Aber diese von staatlichen Seiten genutzten Begr&#252;ndungen sind bei diesem radikalen Mentalit&#228;tswandel nur in kleines R&#228;dchen im Getriebe. Wesentlich aktiver sind wirtschaftliche Interessen am Abbau der Privatsph&#228;re beteiligt.</p>

<p>Es ist kein Zufall, dass Facebook und Google+ im Idealfall nur Anmeldungen mit Klarnamen haben wollen, was sie &#252;brigens von Twitter unterscheidet.</p>

<p>Es ist kein Zufall, dass ich bei Bestellungen im Internet nicht die M&#246;glichkeit habe, meine Daten bei jeder Bestellung neu einzugeben und meine Daten nach dem Abschluss eines Gesch&#228;ftes wieder gel&#246;scht werden, sondern dass &#252;berall „Profile” erstellt werden, deren Zweck es ist, personalisierte Angebote zu machen, mit denen die Hoffnung verbunden wird, dass man dann mehr kaufe.</p>

<p>Einst gab es solche Profile auch: Im Kopf des Fachh&#228;ndlers, der seine Kunden kannte und sie deshalb wirklich pers&#246;nlich beraten konnte! Ich war von ein paar Buchh&#228;ndlern sehr beeindruckt, die mir immer sagen konnte, welche B&#252;cher aus dem Reigen der Neuerscheinungen mit wohl gefallen k&#246;nnten. Es gab nur einen Unterscheid: Das war wirklich personalisiert, auch auf der Seite des Anbieters. Und wenn ein Empfehlung mal nicht stimmte, sagte ich das dem Buchh&#228;ndler.</p>

<p>Man versuche sich einmal bei einem personalisiertem Profil im Kontext eines Interneth&#228;ndlers zu beschweren oder eine Reklamation vorzubringen und man wird merken, dass die Personalisierung einseitig ist und sich dadurch grundlegend von der pers&#246;nlichen Beratung durch den Fachh&#228;ndler unterscheidet: Verlie&#223; ein Verk&#228;ufer ein Gesch&#228;ft, verlie&#223; in der Regel auch das Wissen um den Kunden das Gesch&#228;ft. Computer hingegen generieren Profile v&#246;llig unabh&#228;ngig vom Personal, das gerade in der Firma arbeitet. Einen pers&#246;nlichen Ansprechpartner habe ich in der Regel nicht.</p>

<p>Der Fachh&#228;ndler musste &#252;brigens weder wissen, wie ich hei&#223;e, wo ich wohne und wo ich sonst noch einkaufen gehe.</p>

<p>Digitale Vermarktungsstrategien, auch die Strategien zur Platzierung von Werbung, die mehr und mehr m&#246;glichst an pers&#246;nlichen Profilen ausgerichtet sein soll, werden bislang vor allem mithilfe von Personalisierung und Zur&#252;ckdr&#228;ngung der Privatsph&#228;re verfolgt. Geld wird mit der Vermarktung solcher Daten verdient.</p>

<p>Irgendwann wird es dann interaktive Plakatw&#228;nde geben, auf denen immer genau die Werbung auftauchen wird, die optimal an die gerade auf dem Bahnsteig wartenden Zugg&#228;ste angepasst ist, weil Mittelwerte aus den Profilen dieser Passanten erstellt werden k&#246;nnen.</p>

<p>Irgendwann wird vor jedem Platz im Zug ein Bildschirm platziert sein, auf dem ein personalisiertes Programm f&#252;r den jeweiligen Fahrgast, inklusive angepasster Werbung, laufen wird.</p>

<p>Irgendwann wird uns in kommerziellen Kontexten immer genau die Welt gezeigt, die auf die individuellen Interessen ausgerichtet ist und somit Kaufimpulse setzen will. Das Fremde, Neue, Unerwartete, das in diesem Leben so anregend ist, wird weniger werden.</p>

<p>Und weil wirtschaftliche Interessen scheinbar so harmlos sind, ist es so schwer, den grunds&#228;tzlich mit ihnen verbundenen gesellschaftlichen Wandel in digitalen Zeiten zu sehen oder zu vermitteln, denn personalisierte Angebote sind doch was tolles: Mir wird die Arbeit abgenommen, immer suchen zu m&#252;ssen, was mir gef&#228;llt. Und dass ich bei diesem Suchen Dinge finden k&#246;nnte, die ich nicht erwartet h&#228;tte, die mich ansprechen, obwohl sie meinen Interessen scheinbar zuwiderlaufen, mag ja nett sein, aber so wichtig ist das auch nicht.</p>

<p>All das mag stimmen. Der Preis ist aber, dass das Verst&#228;ndnis von Privatsph&#228;re radikal ver&#228;ndert wird. Ich sage jetzt ganz bewusst nicht „sich ver&#228;ndert“, sondern „ver&#228;ndert wird“, weil hinter den Prozessen, die diese Ver&#228;nderungen herbei f&#252;hren, ganz klar erkennbare Interessen stehen. Vielleicht ist das Interesse nicht explizit die Umwertung des Begriffs der Privatsph&#228;re und der Anonymit&#228;t im allt&#228;glichen Leben, implizit findet diese Umwertung statt.</p>

<p>Die Wege der Profilbildung und des Hineinf&#252;hrens des freien, anonym und unbeobachtet seinen Alltag gestaltenden B&#252;rgers in die selbst verschuldete Bevormundung durch personalisierte Angebote sind vielf&#228;ltig: Kundenkarten, Profilbildungen bei Kreditkartenunternehmen, zunehmende Einf&#252;hrung personalisierter Registrierungspflichten und am umfassendsten im Kontext so genannter „sozialer Netzwerke“, deren Ziel nicht die Vernetzung ist. Diese ist vielmehr Voraussetzung f&#252;r das Gesch&#228;ftsmodell dieser Gro&#223;konzerne. Was dem Benutzer solcher Netzwerke auf der Oberfl&#228;che als „Nutzen“ angeboten wird, ist die Fassade, die den Rechenprozessen im Hintergrund &#252;bergest&#252;lpt wird, die den eigentlichen Nutzen der Netzwerke bilden, indem sie Daten nutzbar machen, die fr&#252;her (in der Regel) anonym blieben: Wer kennt wen, trifft sich mit wem, redet &#252;ber was, kauft wo was ein, geht wann in welchen Kinofilm, h&#246;rt welche Musik, kauft welche B&#252;cher, tritt welchen Fanpages bei etc.</p>

<p>Nat&#252;rlich: Wenn man nichts zu verbergen hat, braucht man all diese Aufl&#246;sung der Anonymit&#228;t, der Privatsph&#228;re nicht zu f&#252;rchten.</p>

<p>Wenn man kein Problem damit hat, dass man vom Staat unter Generalverdacht gestellt wird, indem m&#246;glichst alle Kontaktdaten aller Bundesb&#252;rger und -b&#252;rgerinnen erstmal gespeichert werden (bei Privatunternehmen, die damit in gro&#223;e Versuchung gef&#252;hrt werden!), dem kann dieses Schwinden der Privatsph&#228;re gleichg&#252;ltig sein.</p>

<p>Wenn man kein Problem damit hat, dass Profilbildung stattfindet, die personalisierte Angebote mit sich bringt, dabei aber die Privatsph&#228;re immer weiter verdr&#228;ngt und immer mehr Bereich des Privatlebens der wirtschaftlichen Verwertbarkeit zug&#228;nglich macht, man also immer seltener den &#246;konomischen Interessen um einen herum entgehen kann, der hat mit der Aufl&#246;sung von Anonymit&#228;t und Privatsph&#228;re im Internet kein Problem.</p>

<p>Wer kein Problem damit hat, dass Wirtschaft nicht mehr im Dienst der Menschen gedacht, sondern der Mensch nur noch im Dienst der Wirtschaft gesehen wird, indem Computer die Funktionalisierung des Individuums f&#252;r Interessen anderer vorantreiben, den werden das Schwinden der Privatsph&#228;re und der Anonymit&#228;t des Individuums im &#246;ffentlichen Raum nicht sonderlich viel ausmachen.</p>

<p>Wer aber der Meinung ist, dass das Individuum einen Wert an sich hat; wer der Meinung ist, dass der Mensch einen Anspruch auf Privatsph&#228;re hat, in die nicht st&#228;ndig der Staat oder Konzerne Einblick haben – ja, selbst dann, wenn man „nichts zu verbergen“ hat –; wer der Meinung ist, dass auch die Nutzung moderner Medien, wie dem Computer und dem Internet, m&#246;glich sein sollte, ohne dass st&#228;ndig jemand speichert, was wir gerade tun, der d&#252;rfte ein Problem mit dem Schwinden der Privatsph&#228;re und der Umwertung des Begriffs der „Anonymit&#228;t“ zu einem vorwiegend negativ verstandenen Begriff haben.<strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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		<title>50000+ Zeichner der Petition f&#252;r das Verbot von Vorratsdatenspeicherung #vds</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Sep 2011 13:54:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Der Deutsche Bundestag m&#246;ge beschlie&#223;en, dass die verdachtlose Vorratsdatenspeicherung nicht zul&#228;ssig ist. Dar&#252;ber hinaus m&#246;ge er die Bundesregierung auffordern, sich f&#252;r eine Aufhebung der entsprechenden EU-Richtlinie und f&#252;r ein europaweites Verbot der Vorratsdatenspeicherung einzusetzen.“ So lautet der Inhalt, den &#252;ber &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2011/09/14/50000-zeichner-der-petition-fur-das-verbot-von-vorratsdatenspeicherung-vds/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><object width="560" height="345" classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.youtube-nocookie.com/v/qKySz7eFi3E?version=3&amp;hl=de_DE&amp;rel=0" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed width="560" height="345" type="application/x-shockwave-flash" src="http://www.youtube-nocookie.com/v/qKySz7eFi3E?version=3&amp;hl=de_DE&amp;rel=0" allowFullScreen="true" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" /></object></p>

<p>„Der Deutsche Bundestag m&#246;ge beschlie&#223;en, dass die verdachtlose Vorratsdatenspeicherung nicht zul&#228;ssig ist. Dar&#252;ber hinaus m&#246;ge er die Bundesregierung auffordern, sich f&#252;r eine Aufhebung der entsprechenden EU-Richtlinie und f&#252;r ein europaweites Verbot der Vorratsdatenspeicherung einzusetzen.“</p>

<p>So lautet der Inhalt, den &#252;ber 50000 B&#252;rgerinnen und B&#252;rger nunmehr mit ihrer digitalen Zeichnung <a href="https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=17143" target="_blank">einer Petition</a> unterst&#252;tzen und bis 6.10.2011 auch noch weiter unterst&#252;tzen k&#246;nnen.</p>

<p>In den vergangenen Tagen war immer wieder zu lesen, dass diese Zahl von 50000 bis heute erreicht sein m&#252;sse, denn dann <em>m&#252;sse</em> sich der Petitionsausschuss mit der Petition befassen. Hinter dieser Aussage steht etwas richtiges und etwas falsches:<span id="more-6326"></span></p>

<p>Der <a href="http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/a02/Docs/Quorum.pdf" target="_blank">Petitionsausschuss erl&#228;utert hier</a>, was es mit der Zahl 50000 bis drei Wochen nach Ver&#246;ffentlichung der Petition auf sich hat. Dort hei&#223;t es zum Quorum:</p>

<blockquote><address>Die „Zahl von 50.000 Unterst&#252;tzern, hat der Petitionsausschuss im Jahre 2005 zus&#228;tzlich zu dem damals begonnenen Modellversuch &#246;ffentliche (besser: ver&#246;ffentlichte) Petitionen in seine Verfahrensregeln eingef&#252;gt und sich verpflichtet Petitionen, die bei Einreichung bzw. innerhalb von drei Wochen ab Einreichung von mehr als 50.000 Menschen unterst&#252;tzt werden, in einer &#246;ffentlichen Sitzung mit dem Petenten zu er&#246;rtern, es sei denn, dass der Ausschuss mit einer 2/3-Mehrheit etwas anderes beschlie&#223;t.“</address></blockquote>

<address><em>In der Regel</em> kann man wohl davon ausgehen, dass der Petitionsausschuss seiner Selbstverpflichtung folgt, denn 50000+ B&#252;rger und B&#252;rgerinnen ihr Engagement „um die Ohren zu schlagen“ und nicht &#246;ffentlich zum Thema der Petition zu tagen, w&#252;rde nur den Eindruck verst&#228;rken, dass „die Politiker“ sowieso keine Ahnung von der Stimmung im Volk haben – und sich f&#252;r diese auch nicht interessieren.</address>

<address><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Petition" target="_blank">Eine Petition ist ein Ersuchen, eine Art Bittschrift</a>. Die Besch&#228;ftigung mit dem Thema einer Petition im Petitionsausschuss kann h&#246;chstens zu Empfehlungen f&#252;hren, bei Vorschl&#228;gen zu Gesetzen, wie in dem Fall dieser Petition, liegt die Entscheidungsmacht beim Parlament.</address>

<address>Konkret wird in der Petition ein<a href="https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=17143" target="_blank"> Verbot der verdachtlosen Vorratsdatenspeicherung</a> verlangt. Die Bundesregierung zieht sich argumentativ darauf zur&#252;ck, dass sie eine EU-Verordnung umzusetzen habe. Deshalb wird in der Petition auch eine klare Positionierung gegen&#252;ber dieser Richtlinie gefordert.</address>

<address>&#220;ber 50000 B&#252;rgerinnen und B&#252;rger haben diese Petition innerhalb von drei Wochen unterzeichnet. Der Petitionsausschuss wird sich mit diesem Ersuchen aller Voraussicht nach in &#246;ffentlicher Sitzung befassen. – Die Politik wird gleichzeitig weiter in Richtung dessen arbeiten, was<a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,786178,00.html" target="_blank"> Sascha Lobo die „vorauseilende Volks&#252;berwachung“ nennt</a>.</address>

<address>Die Pl&#228;ne zur Vorratsdatenspeicherung sind weitreichend, denn es handelt sich dabei um </address>

<blockquote><address>„eine automatisierte Kommunikations&#252;berwachung aller B&#252;rger, zu jeder Zeit, ohne Anlass, ohne jede richterliche Verf&#252;gung. In der Tat gab es eine solche st&#228;ndige Gro&#223;&#252;berwachung in der Bundesrepublik noch nie.“ (<a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,786178,00.html" target="_blank">Der Spiegel</a>)</address></blockquote>

<address>Eine solche Kommunikations&#252;berwachung ist nichts, was eine lebendige, freiheitliche Demokratie auszeichnet. Eine solche „automatisierte Kommunikations&#252;berwachung aller B&#252;rger“ ist das Zeichen einer &#228;ngstlichen Demokratie, die dabei ist, ihre Freiheit aus lauter Angst aufzugeben und auf Pr&#228;vention zu setzen. </address>

<address>Wir sind auf dem <a href="http://www.amazon.de/Vom-Rechtsstaat-zum-Pr&#228;ventionsstaat-suhrkamp/dp/3518125435" target="_blank">Weg vom Rechtsstaat in den Pr&#228;ventionstaat</a>, auf dem Weg. Der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pr&#228;ventionsstaat" target="_blank">Pr&#228;ventionsstaat</a> aber w&#228;re das Ergebnis einer Politik, die sich Freiheit nicht traut, die der Freiheit der B&#252;rgerinnen und B&#252;rger misstraut. Und entsprechend misstrauen die B&#252;rger und B&#252;rgerinnen der Politik, was die Zahlen der Nicht- oder Protestw&#228;hler an den R&#228;ndern erh&#246;ht. </address>

<address>Wir m&#252;ssen „mehr Demokratie wagen“ (<a href="http://www.bwbs.de/UserFiles/File/PDF/Regierungserklaerung691028.pdf" target="_blank">Willy Brandt</a>). Wir m&#252;ssen uns emp&#246;ren (<a title="Stéphane Hessel" href="http://www.faz.net/artikel/C30351/stephane-hessels-pamphlet-empoert-euch-30323966.html" target="_blank">Stéphane Hessel</a>).</address>

<address>Wenn ich in meinem Freundeskreis zu h&#246;ren bekomme, dass die Zeichnung einer solchen Petition eh nichts bringe, da die Politik durch das <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,681255,00.html" target="_blank">Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur ersten Fassung des Vorratsdatenspeicherungs-Gesetzes</a> ja gen&#252;gend Spielraum zur Wiedereinf&#252;hrung der Vorratsdatenspeicherung bekommen habe und diesen garantiert auch nutzen werde. </address>

<address>Das Misstrauen gegen&#252;ber der Politik ist an vielen Stellen gro&#223;. Doch nach wie vor ist der Souver&#228;n der Bundesrepublik Deutschland nicht die Gruppe der Politiker sondern das ganze Volk. Entsprechend ist Einfluss m&#246;glich, auch wenn es manchmal schwer scheint. </address>

<address>Ich bin beeindruckt, dass &#252;ber 50000 Menschen in drei Wochen zeigten, dass das Thema Vorratsdatenspeicherung nach wie vor Thema in der Bev&#246;lkerung ist. Dass eine gro&#223;e Zahl von B&#252;rgerinnen und B&#252;rgern sich gegen etwas ausspricht, was mit einem politischen Schlagwort auch schon „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Stasi_2.0" target="_blank">Stasi 2.0</a>“ genannt wurde<em>, </em>l&#228;sst hoffen, dass sich fr&#252;her oder sp&#228;ter die Einsicht durchsetzt, dass ein &#220;berma&#223; an <a title="Wenn Pr&#228;vention Freiheit zerst&#246;rt: Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“" href="http://herrlarbig.de/2009/05/22/wenn-praevention-freiheit-zerstoert-juli-zehs-corpus-delicti-ein-prozess/" target="_blank">Pr&#228;vention letztlich Freiheit zerst&#246;rt</a> und somit eine der Grundlagen einer <em>freiheitlich</em>-demokratischen Grundordnung in Frage stellen w&#252;rde.</address>

<div><span class="Apple-style-span" style="font-family: verdana, arial, helvetica, geneva, sans-serif; font-size: 14px; line-height: 18px; color: #000000; font-weight: normal;">
</span></div>

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		<title>Wenn Pr&#228;vention Freiheit zerst&#246;rt: Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“</title>
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		<pubDate>Fri, 22 May 2009 00:12:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezensenten scheinen sich, glaube ich den Zusammenfassungen auf perlentaucher.de (und ich sehe keinen Grund, warum ich das nicht tun sollte), bei Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“1 nicht einig zu sein. Ich finde das gut, denn „Corpus Delicti“ ist einer &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2009/05/22/wenn-praevention-freiheit-zerstoert-juli-zehs-corpus-delicti-ein-prozess/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezensenten scheinen sich, glaube ich den <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/31534.html" target="_blank">Zusammenfassungen auf perlentaucher.de</a> (und ich sehe keinen Grund, warum ich das nicht tun sollte), bei <a href="http://julizeh.de/" target="_blank">Juli Zeh</a>s „Corpus Delicti. Ein Prozess“<sup><a href="http://herrlarbig.de/2009/05/22/wenn-praevention-freiheit-zerstoert-juli-zehs-corpus-delicti-ein-prozess/#footnote_0_1699" id="identifier_0_1699" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Juli Zeh, Corpus Delicti. Ein Prozess, Frankfurt am Main (Sch&amp;#246;ffling) 2009. 264 Seiten &ndash; 19,90 &euro;">1</a></sup> nicht einig zu sein. Ich finde das gut, denn „Corpus Delicti“ ist einer der politischsten Texte, die ich in den letzten Jahren gelesen habe und zwingt den Leser geradezu zu Assotiationen mit gegenw&#228;rtigen Entwicklungen. Der Roman verlangt eine eigene Positionierung, was m&#246;glicherweise auch die unterschiedlichen Besprechungen des Buches erkl&#228;rt.  Zun&#228;chst als Theaterst&#252;ck erschienen, liegt „Corpus Delicti” nun als Roman vor, dem das szenenhafte eines Theaterst&#252;cks aber nach wie vor geblieben ist.</p>

<blockquote>„Es geht […] um die Tatsache, dass die Datenspur eines Menschen Millionen von Einzelinformationen enth&#228;lt, aus denen sich jedes beliebiges Mosaik zusammensetzen l&#228;sst.” (S. 226)</blockquote>

<p>Mia Holl lebt im fiktiven Deutschland des Jahres 2057, das zu einem in Fragen der Gesundheit konsequenten Pr&#228;ventivstaat geworden ist.</p>

<p>Im Oberarm implantierte Chips<span id="more-1699"></span> liefern st&#228;ndig Daten an Scanner, in Wohnungen wird alles an Daten erhoben, was nur m&#246;glich, bis hin zum Gehalt an Magens&#228;ure im Abwasser, woraus man R&#252;ckschl&#252;sse ziehen kann, ob sich ein B&#252;rger &#252;bergeben hat. Es wird aber beispielsweise auch erhoben, ob man die verpflichtende Kilometerzahl auf dem Heimfahrrad zur&#252;ckgelegt hat.</p>

<p>Krankheit ist ausgerottet, jedes m&#246;glicherweise krankmachende Verhalten ist ein Straftatbestand.</p>

<p>Das Staatssystem nennt sich „Methode“ und h&#228;lt sich f&#252;r absolut rational.</p>

<p>Wer sich dem doch nur das Beste wollenden Staat und der Vorsorge entzieht, ist selber schuld. Wer ein „Recht auf Krankheit“ fordert, wird vom Staat als Terroist verfolgt und Mia Holl steht vor Gericht, weil sie nicht glauben will, dass ihr Bruder Moritz, trotz eines scheinbar eindeutigen DNA-Beweises, eine Frau vergewaltigt und umgebracht haben soll.</p>

<p>Moritz hat sich in der Haft umgebracht und Mia, einst vollkommen systemh&#246;rig, kommt ins Zweifeln, wird zum Star einer aufkeimenden Gegenbewegung – und muss am Ende erfahren: Ein System, dass die Datenspur eines Menschen m&#246;glichst umfassend erhebt, kann daraus alles ihm liebe konstruieren. – Wenn zun&#228;chst auch Assoziationen zu <a href="http://herrlarbig.de/2008/08/22/2008-big-brother-is-still-watching-you/" target="_blank">George Orwells Roman „1984“</a> aufkeimen, tauchen am Ende in meiner Erinnerung Bilder aus Heinrich B&#246;lls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf.</p>

<p>Aber Assoziationen zu anderen Autoren und deren Werke reichen nicht, um dem Anspruch des Buches gerecht zu werden. „Corpus Delicti“ ist vielmehr ein Buch, in dem die Tendenzen der Gegenwart mit gro&#223;er intellektueller Sch&#228;rfe aufgegriffen und weiter gedacht werden. Im Buch f&#252;hrt die F&#252;rsorglichkeit des Staates zur radikalen Entm&#252;ndigung der B&#252;rger – und entpuppt sich somit als ein antiaufkl&#228;rerisches Projekt, setzte die Aufkl&#228;rung doch „auf den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“. Diesem Anspruch tritt der Staat in „Corpus Delicti“, verk&#246;rpert durch Heinrich Kramer, einem fanatischen Gentlemen, der mit dem Buch „Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation“ das ideologische Grundwerk dieser Gesundheitsdikatur geschrieben hat, mit dem Anspruch entgegen, dass doch wohl keiner etwas dagegen haben k&#246;nne, wenn man Gesundheit ins Zentrum des Staatswesen stelle und sich somit von allen Ideologien entferne, die das 20. Jahrhundert gepr&#228;gt h&#228;tten:</p>

<blockquote>„Gesundheit ist das Ziel des nat&#252;rlichen Lebenswillens und deshalb nat&#252;rliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik.“ (S. 7)</blockquote>

<p>Und an anderer Stelle formuliert Kramer das antiaufkl&#228;rerische der „Methode“ selbst:</p>

<blockquote>„Ich verabscheue das R&#252;ckst&#228;ndige der Freigeisterei, dieses altmodische &#220;berbleibsel b&#252;rgerlicher Aufkl&#228;rung.“ (182)</blockquote>

<p>Wer wollt einer solchen Aussage auf dem ersten Blick widersprechen? – Und doch f&#252;hrt dieses Ziel zu einer Diktatur – und er&#246;ffnet von Anfang an Assoziationr&#228;ume. Das ist &#252;berhaupt eine der gro&#223;en St&#228;rken dieses Buches: Es erlaubt den Lesenden, die Gegenwart kritisch in den Blick zu nehmen, ohne dass sie von der Autorin bevormundet w&#252;rden – dazu sind die Darstellungen der Notwendigkeiten und Risiken eigenen Denkens viel zu differenziert ausgefallen.</p>

<p>Ersetzen wir „Gesundheit“ durch „Sicherheit“, so sind die Leser mitten in der Gegenwart, mit Vorratsdatenspeicherung, Er&#246;ffnung rechtlicher M&#246;glichkeiten der Internetzensur mithilfe eines moralisch hochstehenden Wertes, Einf&#252;hrung biometrischer Daten in Ausweisdokumenten etc. – Und somit &#252;berrascht es nicht, dass Juli Zeh als erste Autorin &#252;berhaupt eine Klage beim Bundesverfassungsgericht gegen eben diese Integration biometrischer Daten in Ausweisdokumenten eingereicht hat. – Das sei aber nur am Rande erw&#228;hnt.</p>

<p>Mia Holl kommt im Laufe ihres Kampfes f&#252;r die Rehabilitation ihres Bruders zu dem Schluss, dass sie ihrer Gesellschaft das Vertrauen entzieht. Und hier wird der Roman hoch aktuell. In einem von Mia Molls in Heinrich Kammers Feder diktierten Text hei&#223;t es unter anderem:</p>

<blockquote>„Ich entziehe einem Recht das Vertrauen, das seine Erfolge einer vollst&#228;ndigen Kontrolle des B&#252;rgers verdankt. Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat. […] Ich entziehe einer Politik das Vertrauen, die ihre Popularit&#228;t allein auf das Versprechen eines risikiofreien Lebens st&#252;tzt.“ (S. 186f.)</blockquote>

<p>Sicherheit als Argument f&#252;r die Reduktion b&#252;rgerlicher Freiheitsrechte, f&#252;r die Aush&#246;hlung des Brief- und Telekommunikationsgeheimnisses; abscheuliche Verbrechen einer Minderheit und die sich daraus ergebenden Schutznotwendigkeiten minderj&#228;hriger Opfer als Einstieg in rechtliche M&#246;glichkeit zur Sperrung bestimmter Websites und somit zumindest die Schaffung erster rechtlicher Grundlagen zu einer &#252;ber das moralisch hochstehende Anliegen hinaus gehenden Zensur im Internet – inklusive einer Diskreditierung der sachlich gegen diese Entwicklungen argumentierenden Fachleute als potentielle Unterst&#252;tzer jener abscheulichen Verbrechen, die man doch nur verhindern wolle… – Mir kommen Mia Molls Aussagen ebenso aktuell vor, wie die Aussage, dass doch nur derjenige gegen &#220;berwachung sein m&#252;sse, der etwas zu verbergen habe, da sie doch die allgemeine Sicherheit steigere.</p>

<p>Nein, ein absolutistischer Pr&#228;ventivstaat ist keine wilde Phantasie einer Schriftstellerin. Selbst im Forum der Seiten des Deutschen Bundestages wird auf das <a href="http://www.bundestag.de/blickpunkt/101_themen/0703/0703044.htm" target="_blank">Risiko der Freiheitseinschr&#228;nkung der B&#252;rger durch den Staat mit pr&#228;ventivem Ziel</a> hingewiesen, zu denen &#252;brigens auch Onlinedurchsuchungen von Rechnern geh&#246;ren. Die Unschuldsvermutung bis zum Vorliegen konkreter Belege, dass diese nicht mehr gelten kann, wird immer mehr ausgeh&#246;lt und die Freiheit dem scheinbar so rationalen Sicherheitsargument unterworfen. – Juli Zehs „Corpus Delicti“ greift indirekt tats&#228;chlich die zentralen Risiken der Unterminierung der freiheitlich demokratischen Grundordnung auf und steht somit, f&#252;r junge deutschsprachige Schriftstelle &#252;brigens v&#246;llig untypisch, in der Tradition politisch und gesellschaftlich aufkl&#228;rerisch wirken wollender Literatur eines Erich Frieds oder Heinrich B&#246;lls, dessen „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ nicht ohne Grund immer wieder als Vergleich zu Zehs Roman (Theaterst&#252;ck) heran gezogen wird.</p>

<p>Das besondere an Zehs Roman – und das verbindet sie mit Heinrich B&#246;ll – ist, dass der literarische Anspruch nicht von der politischen Interpretationsm&#246;glichkeit des Textes &#252;berlagert wird.</p>

<p>Einerseits wird hier ein Schl&#252;sselthema unserer Zeit aufgegriffen, m&#252;ssen wir uns doch zunemend der Frage stellen, wie weit wir im Kontext von Pr&#228;vention die schleichende Entm&#252;ndigung durch die Vorsorgeanspr&#252;che des Staates zu akzeptieren bereit sind. Andererseits wird dieses Thema in einer knappen, zahlreiche Leerstellen f&#252;r eigene Assoziationen der Lesenden lassenden Erz&#228;hlweise darsgestellt, ohne dass die Erz&#228;hlfigur des Romanes auf eigene Erz&#228;hlerkommentare verzichten w&#252;rde.</p>

<blockquote>„Gehen wir der Einfachheit halber davon aus, dass sie [Mia Holl] an Moritz denkt. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir richtig liegen, ist sehr hoch.“ (S. 79)</blockquote>

<p>Die Sprache wirkt teilweise, bei aller tiefgehenden Durchdringung der im Roman aufgegriffenen Themen, k&#252;hl und distanziert. Die Szenen (Kapitel) sind zahlreich (50 Kapitel) und knapp (auf 264 Seiten), wobei die Figuren teilweise den Eindruck erwecken, sie seien von der Autorin nicht dreidimensional genug dargestellt worden und blieben deshalb seltsam distanziert.</p>

<p>Diese Kritik muss sich der Roman gefallen lassen, wenn man von einem an einen Krimi erinnernden Roman eine Spannung erwartet, die den Leser mitrei&#223;t, eine Heldin erhofft, die als Identifikationsfigur gestaltet ist. Doch diesen Anspruch will der Roman gar nicht erf&#252;llen.</p>

<p>Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“ steht in meinen Augen eher in der Tradition des Anspruchs Brechts an ein Theater mit aufkl&#228;rerischem Anspruch (und „Corpus Deliciti war zun&#228;chst ein Theaterst&#252;ck, sodass diese Assoziation legitim ist), als in der Tradition von Thrillern und Kriminalromane, die zum Mitfiebern einladen, so sehr von der Autorin, vor allem gegen Ende des Romans, einiges an Spannungsaufbau erreicht wird.</p>

<p>Doch nicht nur an Bertolt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Episches_Theater" target="_blank">Brechts episches Theater</a>, auch durch die Umsetzung eines Theaterst&#252;cks als Roman, wie bei Brechts „Dreigroschenoper“ und dem „Dreigroschenroman“, erinnert „Corpus Deliciti. Die Grundhandlung ist vielmehr eher die einer <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Griechische_Trag%C3%B6die" target="_blank">griechischen Trag&#246;die</a>: Mia Moll muss im Rahmen ihrer Gesellschaft schuldig werden, egal, wie sie handeln wird:</p>

<blockquote>„‚Ich blicke auf eine Kreuzung zwischen zwei Wegen’, sagt Mia. ‚Der eine Weg hei&#223;t Ungl&#252;ck, der andere Verderben. Entweder ich verfluche ein System, zu dessen METHODE es keine vern&#252;nftige Alternative gibt. Oder ich verrate die Liebe zu meinem Bruder, an dessen Unschuld ich ebenso fest glaube wie an meine Existenz.’” (S. 39)</blockquote>

<p>Wohin das f&#252;hren wird, ob es Mia gelingt, am Ende doch als strahlende Siegerin darzustehen? Keine Frage, dieser Roman ist auch dann ein literarischer Genuss, wenn man das Ende kennt. Da ich ihm aber sehr viele Leser und Leserinnen w&#252;nsche, verzichte ich darauf, das Ende zu verraten. Nur so viel: Das Ende ist irritierend, wirft Fragen auf und fordert die reflexiven F&#228;higkeiten der Lesenden noch einmal massiv heraus. Juli Zeh macht es auch formal schwer, den Roman einfach abzuschlie&#223;en, zur Seite zu legen und zum n&#228;chsten Buch zu greifen. Nach der letzten Seite bleiben Fragen offen, denen sich Lesende stellen m&#252;ssen, wollen sie diesen gelungenen Roman wirklich auf sich wirken lassen.<strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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		<title>Alle Tage (Ingeborg Bachmann)</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Sep 2008 23:23:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Alle Tage (Ingeborg Bachmann) von Torsten Larbig steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz. Ingeborg Bachmanns Gedicht »Alle Tage« hat das Zeug zum Klassiker. Sprachlich und formal einfach gebaut, inhaltlich daf&#252;r um so gehaltvoller, lesbar und &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2008/09/30/alle-tage-ingeborg-bachmann/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><a rel="license" href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/"><img alt="Creative Commons Lizenzvertrag" style="border-width:0" src="http://i.creativecommons.org/l/by-nc-sa/3.0/de/88x31.png" /></a><br /><span xmlns:dct="http://purl.org/dc/terms/" href="http://purl.org/dc/dcmitype/Text" property="dct:title" rel="dct:type">Alle Tage (Ingeborg Bachmann)</span> von <a xmlns:cc="http://creativecommons.org/ns#" href="http://herrlarbig.de/?p=367" property="cc:attributionName" rel="cc:attributionURL">Torsten Larbig</a> steht unter einer <a rel="license" href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/">Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz</a>.</em></p>

<p><a href="http://www.ingeborg-bachmann-forum.de/" target="_blank">Ingeborg Bachmann</a>s Gedicht »<a href="http://www.lyrikline.org/index.php?id=162&amp;L=0&amp;author=ib00&amp;show=Poems&amp;poemId=265&amp;cHash=e052e3311b" target="_blank">Alle Tage</a>« hat das Zeug zum Klassiker. Sprachlich und formal einfach gebaut, inhaltlich daf&#252;r um so gehaltvoller, lesbar und immer wieder neu verstehbar in den unterschiedlichsten Zeiten. Machen wir das &#220;bliche also kurz:</p>

<blockquote>1953 erschien das Gedicht in Bachmanns Gedichtband »Gestundete« Zeit, der sie als Autorin bekannt machte. Der zweite Weltkrieg war gerade vorbei, der Kalte Krieg in vollem Gange. Es lag also nahe, &#252;ber die Allt&#228;glichkeit des Krieges auch in der Poesie nachzudenken.</blockquote>

<p>Wenn nun also jemand kommt und sagt, <a href="http://logos.kulando.de/post/2007/08/11/bachmann_alle_tage_-_interpretation" target="_blank">man </a><em><a href="http://logos.kulando.de/post/2007/08/11/bachmann_alle_tage_-_interpretation" target="_blank">m&#252;sse</a></em><a href="http://logos.kulando.de/post/2007/08/11/bachmann_alle_tage_-_interpretation" target="_blank"> ein solches Gedicht vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund verstehen</a>, hat er zwar Recht, doch gleichzeitig erkl&#228;rt er das Gedicht, wahrscheinlich ohne es zu wollen, f&#252;r tot: Ja, ich kann ein Gedicht vor dem zeithistorischen Hintergrund <em>verstehen</em> (oder vor dem Hintergrund der Biographie einer Autorin), aber wenn ich ein Gedicht verstehe – f&#252;r mich ist es dann kein Gedicht mehr.</p>

<p>Klar: Ich habe Formanalysen gelernt, kann mit einigen rhetorischen Begriffen was anfangen und bin auch nach wie vor davon &#252;berzeugt, dass ein historischer oder ein auf die Biographie von Autoren und Autorinnen hin ausgerichteter Zugang zu einem Gedicht sehr hilfreich sind, wenn ich mit einem Gedicht ins Gespr&#228;ch kommen will, aber best&#252;nde der Reiz von Gedichten nur daraus, w&#228;ren sie nicht mehr als nette kulturhistorische Dokumente. Diese Zugangsweisen helfen, ein Gedicht im Kontext seiner Entstehung zu verstehen. Aber ein Gedicht beginnt f&#252;r mich erst da zu leben, wo ich selbst mit ihm in ein Gespr&#228;ch eintrete und es nicht f&#252;r das literaturhistorische Seminar oder den Unterricht analysiere. Dort, wo ein Gedicht meine Gedanken zum rotieren bringt, mich ein Sog erfasst, der mir immer neue Gedanken und Ideen bringt und mich auch mit meinen Gef&#252;hlen in ein Gedicht hinein zieht – dort lebt f&#252;r mich ein Gedicht.<span id="more-367"></span></p>

<p>Ingeborg Bachmanns »Alle Tage« ist f&#252;r mich ein solches Gedicht. Es begegnet mir gerade jetzt, weil ich mich neu mit <a href="http://www.tereziamora.de/" target="_blank">Terézia Mora</a>s Roman <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/18624.html" target="_blank">gleichen Titels</a> befasse und mich an die Namensgleichheit der Titel erinnerte. Ob es eine Verbindung gibt, ist mir noch nicht klar. Dass aber Bachmanns Gedicht f&#252;r mich eine erschreckende Aktualit&#228;t hat, das habe ich diese Tage neu entdecken d&#252;rfen.</p>

<p>Das Formale: Drei reimlose Strophen, einmal acht und zweimal sechs Verse – zwanzig Verse insgesamt. »Alle Tage« ist ein kurzes Gedicht. Auffallend sind die &#220;berg&#228;nge der Verse, die in vielen F&#228;llen als <a href="http://abgedichtet.org/?p=31" target="_blank">Enjambement</a> gestaltet sind. – Lese ich nun das Gedicht<sup><a href="http://herrlarbig.de/2008/09/30/alle-tage-ingeborg-bachmann/#footnote_0_367" id="identifier_0_367" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Aus urheberrechtlichen Gr&amp;#252;nde kann der Text des Gedichtes hier nicht ver&amp;#246;ffentlicht werden.">1</a></sup>, so werde ich die Frage aufnehmen m&#252;ssen, was dieses Ph&#228;nomen f&#252;r mein Verst&#228;ndnis des Textes bedeutet.</p>

<p>Es geht von Anfang an um den Krieg; um keinen bestimmten Krieg, sondern um den Krieg an sich, der mit einem bestimmten Artikel eingef&#252;hrt wird: »Der Krieg wird nicht mehr erkl&#228;rt, / sondern fortgesetzt. Das Unerh&#246;rte / ist allt&#228;glich geworden.« (V 1–3a) – Und da ist es schon, das erste Enjambement: Dass »Der Krieg« fortgesetzt wird, ohne erkl&#228;rt zu werden, ist unerh&#246;rt. Doch au&#223;erdem ist er »allt&#228;glich« geworden.</p>

<p>Ich sehe hier das Enjambement als die formale Umsetzung des Ausbruchs des Krieges aus den bislang gewohnte Grenzen: Er ist in den Alltag eingekehrt. Und auch an anderen Stellen kennzeichnet dieses Stilmittel die &#220;berschreitung von Grenzen des Gewohnten, des Unerh&#246;rten, dessen, was eigentlich sein darf<sup><a href="http://herrlarbig.de/2008/09/30/alle-tage-ingeborg-bachmann/#footnote_1_367" id="identifier_1_367" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Vgl. z. B. V 3/4; 4/5">2</a></sup>, das durch das »Unerh&#246;rte« dessen, was nicht »normal« sein darf &#252;berlagert wird.</p>

<p>Komme ich selbst, einigerma&#223;en unabh&#228;ngig von den Zeitumst&#228;nden der Entstehung des Gedichtes, mit dem Gedicht ins Gespr&#228;ch, so habe ich mehrere Assoziationen, was dieses »Unerh&#246;rte« in der Gegenwart sein k&#246;nnte:</p>

<ul>
    <li>Ich denke an Umgangsformen, die in immer mehr Bereichen von Konkurrenzgedanken gepr&#228;gt sind. Doch bei diesem Gedanken str&#228;ubt sich etwas in mir: Ist es nicht eine Verharmlosung dessen, was Krieg bedeutet, wenn ich dieses Begriff f&#252;r Umgangsformen verwende, die trotz allem, zumindest in meinem bisherigen Erfahrungskontext, relativ friedlich ablaufen?</li>
    <li>Ich denke daran, wie das Ende des Kalten Krieges 1989 fast unmittelbar in neue Kriege f&#252;hrte (Jugoslawien, Kuwait-Krieg…) und das »Unerh&#246;rte« Schritt f&#252;r Schritt auf f&#252;r die deutsche Au&#223;enpolitik zu etwas M&#246;glichem wurde, wenn auch aus der Perspektive der humanit&#228;ren Hilfe in Krisenregionen.</li>
    <li>Ich denke an den 11. September und daran, dass das bis dahin »Unerh&#246;rte« in den letzten Jahren mehr und mehr »allt&#228;glich geworden« ist: Bundeswehrsoldaten im dauerhaften Auslandseinsatz; die zunehmende Selbstverst&#228;ndlichkeit von Video&#252;berwachung; die Vorratsdatenspeicherung und alle weiteren Ma&#223;nahmen, die Sorgen begr&#252;nden, dass sich ein &#220;berwachungsstaat am Horizont abzeichnen k&#246;nnte. – Es scheint »allt&#228;glich geworden«, dass Freiheit nicht mehr als etwas verstanden wird, dass einem erlaubt, nichts zu verbergen zu haben und doch gegen &#220;berwachung und Vorratsdatenspeicherung zu sein.</li>
    <li>Ich denke an die Schlacht um die pers&#246;nlichen Daten m&#246;glichst vieler Menschen, in der noch viel mehr Daten gespeichert werden, als es Staaten heute durchsetzen wollen – Daten, die viele Menschen einfach Preis geben, ohne sich der m&#246;glichen Folgen bewusst zu sein.</li>
    <li>Und gerade in diesen Tagen denke ich daran, wie unerh&#246;rt es eigentlich ist, dass private Banken so wirtschaften k&#246;nnen und d&#252;rfen, dass pl&#246;tzlich Milliarden an Steuergeldern eingesetzt werden, um sie vor dem Konkurs zu retten.</li>
</ul>

<p>»Das Unerh&#246;rte / ist allt&#228;glich geworden.« – So allt&#228;glich, dass es oft gar nicht mehr als »Unerh&#246;rtes« wahrgenommen wird.</p>

<p>Bis an diese Stelle lese ich Bachmanns »Alle Tage« als ein politisch deutbares Gedicht. Doch in den folgenden Versen wird es pers&#246;nlicher, da es indirekt die Frage aufwirft, wo Lesende selbst in diesen allt&#228;glichen Ungeh&#246;rigkeiten angesiedelt sind.</p>

<p>Statt sich, wie bislang &#252;blich, ins Get&#252;mmel zu st&#252;rzen, sind Helden, folge ich dem Gedankengang in Bachmanns Gedicht, heute eher jene, die sich diesem Get&#252;mmel entziehen und sich kritisch mit den »Ungeh&#246;rigkeiten« der je eigenen Gegenwart zu befassen. (V 9–14)</p>

<p>Nun aber taucht das erste R&#228;tsel f&#252;r mich auf: »Der Schwache / ist in die Feuerzonen ger&#252;ckt.« (V 4f) Denke ich hier an Arme etc., die z. B. besonders h&#228;ufig beim Milit&#228;r landen? Oder denke ich an die zivilen Opfer, die die aktuellen Kriege fordern? Oder sind es Schwache bez&#252;glich der Reflexionsf&#228;higkeit auf die eigene Gegenwart? Das Gedicht zieht mich hier in einen Raum der Unbestimmtheit. Ich kann mich nicht entscheiden, wer eigentlich mit den »Schwachen« gemeint ist – zu viele Assoziationen werden da in mir wach.</p>

<p>Ebenso r&#228;tselhaft blieb mir lange die Formulierung, dass die Uniform der Gegenwart die Geduld sei (V 6). Ist damit vielleicht gemeint, dass der Langmut und die Geduld, die gegen&#252;ber den »Ungeh&#246;rigkeiten« aufgebracht wird, schon so allt&#228;glich geworden sind, dass sie mit der Metapher der »Uniform« gefasst werden k&#246;nnen? Oder ist diese Aussage eher positiv gemeint, indem sie den »Kampfanzug« derer meint, die sich gegen diese »Ungeh&#246;rigkeiten« z. B. auf juristischem Wege zur Wehr setzen? – Ich neige zu dem zweiten Verst&#228;ndnis, denn die von Ingeborg Bachmann in den folgenden Versen (V 7f) genannte Auszeichung der »Helden« der Gegenwart ist nichts anderes als »armselige Stern / der Hoffnung &#252;ber dem Herzen«. – Die Hoffnung nicht aufgeben, dass der »Krieg«, das »Ungeh&#246;rige« ein Ende finden wird?</p>

<p>Die Hoffenden, die Widerst&#228;ndigen gegen die »Ungeh&#246;rigkeiten« werden ihre »Auszeichnung« erst erhalten, wenn das »Ungeh&#246;rige« nicht mehr geschieht. Ich denke da an <a href="http://www.dadalos.org/deutsch/Vorbilder/Vorbilder/gandhi/gandhi.htm" target="_blank">Gandhi</a>, <a href="http://www.dadalos.org/deutsch/Vorbilder/Vorbilder/mlk/ml_king.htm" target="_blank">Martin Luther King</a> oder auch <a href="http://www.kindernetz.de/infonetz/gewusst/apartheid/-/id=16024/nid=16024/did=34216/153e1hm/index.html" target="_blank">Nelson Mandela</a>. Sie k&#228;mpften gegen die allt&#228;glich gewordenen »Ungeh&#246;rigkeiten«, wurden verfolgt, inhaftiert, die ersten beiden sogar ermordet – und doch von ihrer Hoffnung nicht verlassen. Als ihre Feinde »unsichtbar« geworden waren, wurde ihnen der »armselige Stern / der Hoffnung &#252;ber dem Herzen« zur Auszeichung.</p>

<p>In der dritten Strophe nun schreibt Ingeborg Bachmann, was diese Hoffenden ausmacht: Sie fliehen vor den Fahnen, zeigen sich dem Freund gegen&#252;ber tapfer, verraten unw&#252;rdige Geheimnisse (sind also Aufkl&#228;rer, wie z. B. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Investigativer_Journalismus" target="_blank">investigativ</a> arbeitende Journalisten und Journalistinnen…) und missachten die Befehle, die im Rahmen des »Unerh&#246;rten« gegeben werden (V 15–20). Es sind die Mutigen, die den »armseligen Stern / der Hoffnung &#252;ber dem Herzen« tragen.</p>

<p>Interessanterweise verschwinden die Enjambements in der zweiten und dritten Strophe des Gedichts fast vollst&#228;ndig oder es handelt sich nur noch um sehr schwache Enjambements. Die<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Form_(Philosophie)" target="_blank"> Form spiegelt hier den Inhalt</a> wider: Es geht hier um diejenigen, die die Grenze nicht &#252;berschreiten, welche an die Stelle des Friedens den allt&#228;glich gewordenen »Krieg« mit all seine »Ungeh&#246;rigkeiten« setzt. Klare Aufz&#228;hlungen machen hier einen gro&#223;en Teil der Verse aus (V 10–14; 16–19), ohne die verschlungenen Pfade, die das Enjambement in einem Gedicht f&#252;r die Bedeutung der Verse er&#246;ffnet.</p>

<p>Mir ist bewusst, dass eine solche Herangehensweise an »Alle Tage« selbst wieder eine an den Bedingungen der Gegenwart des Lesers orientierte ist – und somit veralten wird. Doch genau das ist das f&#252;r mich Spannende an einem Gedicht wie Bachmanns »Alle Tage«: Jede Zeit kann und muss es neu f&#252;r sich erschlie&#223;en; jeder Leser und jede Leserin muss es neu f&#252;r sich schlie&#223;en. Dies hier ist nur eine m&#246;gliche Variante – und ich w&#252;rde mich sehr freuen, regte diese Beitrag den einen oder die andere Leser oder Leserin an, selbst eine Interpretation des Gedichtes zu verfassen und als Kommentar hier zu hinterlassen.</p>

<blockquote>Ingeborg Bachmann, Alle Tage, in: Ingeborg Bachmann, S&#228;mtliche Gedichte, M&#252;nchen 1998 (zuerst 1978), 56.</blockquote>

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		<pubDate>Sat, 27 Sep 2008 13:47:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Man stelle sich vor: Ein neues System zur Speicherung und Verwaltung von Daten und Informationen wird eingef&#252;hrt. Da brauchen die Benutzer des Systems nat&#252;rlich Unterst&#252;tzung. Neudeutsch wird da vom »Helpdesk« gesprochen. Wie also Unterst&#252;tzung bei der Einf&#252;hrung eines neuen Mediums im 16. Jahrhundert auswgesehen haben k&#246;nnte, kann im verlinkten YouTube-Video (englischer Untertitel) angeschaut werden. Ich habe mich k&#246;stlich am&#252;siert <img src='http://herrlarbig.de/wordpress/wp-includes/images/smilies/icon_smile.gif' alt=':-)' class='wp-smiley' /> </p>

<blockquote><a href="http://de.youtube.com/watch?v=xFAWR6hzZek" target="_blank">IT-Support im 16. Jahrhundert</a> (YouTube-Video mit englischen Untertiteln)</blockquote>

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