Der Kampf um die Definitionsmacht oder: Von korrekter Schreibung zu angemessenem Ausdruck

Das Chaos begann 1996, vor nunmehr dreizehn Jahren, ohne dass die damals ausgelöste Verwirrung ein Ende hätte. Aus dem „ß“ wurde in vielen Fällen ein Doppel-s, die Aneinanderreihung von drei Konsonanten wurde festgelegt (Schifffahrt; Fülllinie…), die Getrennt- und Zusammenschreibung wurde ebenso neu geregelt, wie Teile der Zeichensetzung.

Es bedurfte zweier weiterer Reformen, bis sich zumindest ein wenig Ruhe in Sachen Rechtschreibreform einstellte. In meinen Augen eine völlig unberechtigte Ruhe, da die Diskussion um die Rechtschreibreform eine Seite des schriftlichen Ausdrucks in den Blick zurück geholt hat, die vorher weitgehend unberücksichtigt blieb, eine Seite, die sogar das Bundesverfassungsgericht und den Deutschen Bundestag beschäftigt hat. Der Bundestag beschloss 1998 Continue reading

Studie zur Web-2.0-Nutzung im Unterricht

Jörg Depner, Student an der PH Ludwigsburg, hat in der Maschendraht-Community (MdC) eine didaktische Studie mit dem Thema „Einsatz von Web 2.0 Anwendungen im Unterricht“ durchgeführt. Und dabei durfte Jörg auch gleich erleben, was es heißt, im Rahmen des Webs 2.0 eine solche Studie durchzuführen: Es gab Nachfragen und erste Diskussionsansätze zur Studie.

Auch wenn Jörg Depners Studie nicht repräsentativ ist, diesen Anspruch hatte sie nie und kann sie als Semesterarbeit auch gar nicht haben, so lassen sich doch zwei Tendenzen erkennen:

  1. Lehrende, die Web-2.0-Anwendungen im Unterricht verwenden, würden zu 100% den Einsatz dieser Instrumente weiter empfehlen, was sicherlich auch an den in den Daten abzulesenden Tendenzen im Bereich der Schülermotivation und dem Schülerengagement begründet liegt.
  2. Nach wie vor klärt ca. 1/3 der Lehrkräfte, die mit Web-2.0-Anwendungen arbeiten nicht genügend über Fragen des Copyrights und die möglicherweise auftretenden sonstigen Risiken im Umgang mit dem Internet auf. (Eine Aufgabe, die übrigens nicht unwichtig ist, wenn man Web-2.0-Anwendungen im Unterricht einsetzt.)

Die gesamte Studie als PDF findet sich hier. Leider hat Jörg Depner die Studie offensichtlich entfernt, sodass ich sie hier nicht länger verlinken kann. (29.11.2011)

Medienkompetenz als staatlicher (schulischer) Bildungsauftrag

„Digitale Medien sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Wir brauchen sie als Informationsquelle, als Kommunikationshilfe und für unser alltägliches Tun und Handeln. Es kommt nun darauf an, allen Menschen Medienbildung zu ermöglichen”,

sagte Bundesforschungsministerin Anette Schavan laut einer Pressemeldung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung am 18.05. Anlass war die Veröffentlichung eines Berichtes mit dem Titel „Kompetenzen in einer digital geprägten Kultur“, den eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eingesetzte Expertenkommission zur Medienbildung vorgelegt hat. Dort heißt es bereits in der Einleitung:

„Digitale Medien prägen mittlerweile die Lebenswelt junger Menschen in vielfältiger und nachhaltiger Weise. Persönlichkeitsentwicklung, Lebensbewältigung und die Suche nach Orientierung und Sinn stellen sich unter geänderten Informations- und Kommunikationsverhältnissen für die junge Generation in neuartiger Weise. Diese Technologien zeigen als Medien eine kommunikative und symbolische Dimension […] Digitale Medien verlangen von jedem Einzelnen stetig wachsende und sich ändernde Kompetenzen, deren Vermittlung staatlicher Bildungsauftrag ist.“ (S. 2)

Diese Äußerungen Schavans und der Bericht der Expertenkommission selber geben zu denken, wenn es um die Frage der Entwicklung und Förderung von Medienkompetenz geht, denn bislang ist der Umgang mit dem alltäglichen Tun und Handeln (junger) Menschen teilweise sehr restriktiv. So hat Bayern bereits 2006 die Benutzung von Mobiltelefonen auf dem Schulgelände tabuisiert, da man Porno- und Gewaltvideos auf von Schülern genutzten Mobiltelefonen gefunden hatte.

„Die Schule ist nicht der Ort zum Telefonieren und schon gar nicht für die Verbreitung jugendgefährdender Machwerke“,

sagte damals der bayerische Kultusminister Siegfried Schneider laut Süddeutscher Zeitung. Und wer wollte dem widersprechen! Ebenso wenig ist die Schule der Ort, um sich von der Schulwirklichkeit mittels MP3-Abspielgeräten in den Pausen von der Schulwirklichkeit Continue reading

Mit LdL anfangen – oder: Schülerorientierter Unterricht. LdL-Tag in Ludwigsburg (2. Vorbericht)

Dieser Artikel war nicht geplant, aber er ist bei meinen Vorbereitungen auf den LdL-Tag in Ludwigsburg am 9. Mai 2009 entstanden.

Schülerorientiert unterrichten! Diesen Imperativ konnte ich am Ende meines Referendariates nicht mehr hören, obwohl es von den Ausbilderinnen und (wenigen) Ausbildern redliche Versuche gab, ihren Referendaren, wir hießen damals offiziell bereits LiV – Lehrende im Vorbereitungsdienst, also auch mir, zu vermitteln, was damit gemeint sein könnte: „Sie müssen Unterrichtsarrangements schaffen, in denen Lernende zu eigenen kognitiven Leistungen gelangen“, so hörte ich immer wieder. Was damit gemeint war, hatte ich wohl zumindest in Ansätzen verstanden, denn das „literarische Gespräch“ zu Jurek Beckers Roman „Bronsteins Kinder“ führte zu einem vergleichsweise sehr erträglichem Examensergebnis.

Was und warum an den kognitiven Leistungen der Lernenden anders gewesen sein sollte, als in „normalem“ Unterricht, in dem Lernende Arbeitsaufträge durchführen und sich dabei Wissen angeignen, war mir nicht so recht verständlich. Die Rede von den beobachtbaren kognitiven Leistungen hatte ich damals nicht verstanden, obwohl ich doch sehr lange nichts anderes getan habe, als zu lernen und Denkstrukturen aufzubauen, die physiologisch betrachtet ja eigentlich Netzwerke von Verknüpfungen im Gehirn sind.

Was „Lernen“ praktisch bedeutet wusste ich also. Für den Lehrberuf reicht aber nicht das Wissen über das Lernen, Continue reading

Bildung, Wissen, Kompetenzen

Belangloses Wissen hat Hochkonjunktur. Wissen ohne Bezüge zur eigenen Person ist allgegenwärtig. Und ich sage es lieber schon gleich zu Beginn, dass ich dagegen nach wie von dem Bildungsbegriff (ich weigere mich, in diesem Zusammenhang von einem Bildungsideal zu sprechen) Wilhelm von Humboldts geprägt bin und diesen nach wie vor für bedeutsam halte. Zunächst eine Bestandsaufnahme:

  • Bildung wird heute mit Schulabschlüssen gleich gesetzt und dabei in höhere und nicht höhere Bildung aufgeteilt. Ohne Bildung in diesem formalen Sinne Continue reading

Wie Schüler anders lernen – Zeit-Artikel

Hier nur kurz ein Link zu einem Artikel aus »Die Zeit«, den ich spannend finde und der zu den letzten Beiträge hier im Blog passt.

»›Ist es denn schlimm, wenn ich Fehler mache?‹ fragt Michaela. ›Dafür bin ich doch in der Schule.‹« Unterricht: Wenn Schüler zu Lehrern werden – ZEIT ONLINE.

Web 2.0 in Schule und Unterricht

Der Ludwigsburger Juniorprofessor Dr. Christian Spannagel wurde von Deutschlandradio Kultur zu Möglichkeiten des Einsatzes von Elementen des Web 2.0 in Schule und Unterricht befragt. Wichtig dabei: Web 2.0 ist eine Ergänzung zum klassischen Unterricht, nicht dessen Ersatz!

Der Beitrag findet sich hier (Javascript einschalten, sonst findet die Website des Deutschlandradios Kultur den Beitrag nicht).

Ein Transkript des Beitrages gibt es auf der Website des Deutschlandradios Kultur auch – und zwar hier.

Besonders gelungen finde ich den Beitrag, weil Spannagel kritisch mit dem Einsatz von Web 2.0 in Schule und Unterricht umgeht und auch die Grenzen und Gefahren anspricht. Für mich ein sehr anregender Beitrag!

Lernen durch Lehren: Podcast und Links

Im letzten Beitrag habe ich das Konzept von Lernen durch Lehren (LdL) als Reflexionsrahmen für mich selbst und was ich auf diesem Blog treibe genutzt. Was aber ist LdL? Hier ein Audiobeitrag, der LdL ein wenig näher vorstellt. Und anschließend noch ein paar Links:

Links zum Thema (Auswahl):

Lernen durch Lehren

Zugegeben: Ich habe bislang an keiner Stelle erklärt, was dieses Blog eigentlich soll. Das werde ich auch an dieser Stelle nur begrenzt tun. Meine Idee ist nach wie vor, dass jeder Leser und jede Leserin mit eigenen Fragen und auf unterschiedlichsten Wegen auf den einen oder anderen Beitrag dieses Blogs stößt. Da will ich nicht vorgeben, wie das hier als Zusammenhang zu verstehen sei.

Dieser Beitrag erfordert nun aber, dass ich hier nicht nur Inhalt (Content) zur Verfügung stelle, sondern auch ein wenig aus meinem Nähkästchen plaudere, ein wenig Metareflexion betreibe.

Ich habe diesen Beitrag »Lernen durch Lehren« überschrieben. Damit knüpfe ich an den von Jean-Pol Martin entwickelten Ansatz gleichen Namens an. Ich bin diesem Ansatz erst kürzlich begegnet und habe ihn selbst bislang noch nicht im Unterricht getestet, doch sowohl der Titel als auch der damit verbundene Ansatz beschreiben gut, was ich selbst im Beruf des Lehrers erlebe: Lehren setzt Wissen voraus, sowohl Fachwissen als auch Methodenkompetenz. Beides muss sich ein Lehrer aneignen, um im Unterricht selbst sowohl Fachwissen als auch Methodenkompetenz bei und mit den Schülerinnen und Schülern zu entwickeln.

Viele der hier verfügbaren Beiträge sind in so einem Rahmen entstanden, der im Rahmen der Unterrichtsvorbereitung aus als »Sachanalyse« bezeichnet wird. Aufzeichnungen, die im Rahmen dieser Beschäftigung mit den Inhalten entstanden sind, finden immer wieder ihren Weg in dieses Blog, meist noch vollig frei von der fachdidaktischen und -methodischen Bearbeitung, die der Arbeit an der Sache folgt.

Ich kann sagen, dass ich in der Vorbereitung auf das Lehren immer auch selbst lerne. Ich erfahre am eigenen Leib genau das, was Jean-Pol Martin zu einem Unterrichtsrahmen (Framework) entwickelt hat. Der Reiz dieses Ansatzes liegt für mich darin, dass er eine Erfahrung aufgreift, die ich für mich selbst mache, die wohl die meisten Lehrenden machen und diese Erfahrung auf den Prozess des Lernens von Schülern und Schülerinnen überträgt.

Wichtig ist dabei, dass das Lernen ein konkretes Ziel hat. Ich halte es für keinen Zufall, dass viele Schülerinnen und Schüler vor dem Abitur anders mit dem Lernen umgehen, als im Rest der Schulzeit. Das Ziel ist in dieser Zeit näher gerückt, wird konkret greifbar, wesentlich konkreter als in all den Jahren zuvor. Und auf mich als Lehrer angewandt, ist das Ziel eine Unterrichtseinheit, die Ermöglichung von Lernprozessen bei Schülerinnen und Schülern.

»Lernen durch Lehren« erscheint mir als Konzept vor allem deshalb interessant, weil es dazu beitragen kann, dem Lernen der Schülerinnen und Schüler ein konkretes Nahziel zu geben. Sie müssen sich mit Inhalten befassen, weil sie sonst 1. am Diskurs im Unterricht der Lerngruppe nicht teilnehmen können und 2. der Herausforderung der Gestaltung von Unterrichtsstunden, in der sie »lehren« nicht gewachsen sind.

Den oft gebrauchten Spruch, dass man nicht für die Schule sondern für das Leben lerne, drehe ich für mich deshalb gerne um. Ja, Schule bereitet darauf vor, mit den dort erworbenen Kompetenzen und Wissensbeständen weiter arbeiten zu können. Insofern stimmt dieser Satz, dass man für das Leben lerne. Gleichzeitig klingen in dem Spruch für mich aber zunehmend Seiten mit, die mir weniger gefallen:

  1. Wenn wir nicht für die »Schule«, sondern für das »Leben« lernen, eröffnet dies eine Perspektive, dass »das Leben« nach der Schule beginnt, Schule also nur eine mehr oder weniger »lästige« Zwischenstation auf dem Weg zum »Leben« ist.
  2. Der Begriff des »Lebens« verlagert das Ziel des Lernens in eine Zeit, die mit der gegenwärtigen Arbeit nur sehr abstrakt verbunden werden kann. – Zumindest für mich ist eine solche Distanz zu dem eigentlichen »Ziel« für das eigenen Lernen hinderlich.

Deshalb gewinnt die Umkehrung des oben genannten Spruchs für mich zunehmend positive Konnotationen: »Nicht für das Leben, für die Schule lernt man.« Damit ist freilich nicht gemeint, dass das Lernen alleine für die Schule und für das Erreichen der möglichen oder gewünschten Noten wichtig wäre! Vielmehr versuche ich mit dieser Umkehrung des Spruchs, dass man für das Leben und nicht für Schule lerne, mich selbst immer wieder daran zu erinnern, dass Schüler und Schülerinnen konkrete Nahziele brauchen, um effektiv lernen zu können. Und dies muss ein Nahziel sein, dass das jeweilige Individuum direkt betrifft. Es geht also nicht um Hausaufgaben oder Lernarrangements, die immer mit der Möglichkeit verbunden sind, in der Lerngruppe »unterzutauchen«. Es geht um die Formulierung von Zielen, die auch relevant werden, die von einem Lernenden zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas fordern, seien es Referate, Präsentationen oder eben die Rolle des Lehrenden, der seinen Mitlernenden etwas so vermitteln will (soll), dass diese davon auch etwas für ihren eigenen Lernprozess »haben«, möglichst zeitnah und eben nicht in einem von der Schule abgetrennten, oft als weit in der Zukunft gesehenen »Leben«.

Und wie der Zufall so will, lautet der ursprüngliche Satz von Seneca d. J. genau so: »Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.«

»Lernen durch Lehren« bietet hier einen möglichen Ansatz, der insofern schülerorientiert ist, als dass er das Lernen aus einem meist eher abstrakt verstandenem Zielhorizont herausnimmt und eng an das Hier und Jetzt des Lernens bindet, dessen Ziel zunächst einmal in der Schule selbst liegt, in den nächsten Wochen und nicht erst in ein paar Jahren, wenn die (Abitur)-Prüfungen oder »das Leben« vor der Tür stehen.