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	<title>herrlarbig.de &#187; Eichendorff</title>
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		<title>Sch&#252;leraktivit&#228;t im Unterricht: Die Infrarotkamera-Metapher</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Nov 2010 18:35:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Man stelle sich vor, unterrichtsbezogene geistige Aktivit&#228;t erzeugte W&#228;rme: Wie s&#228;he dann wohl das Bild aus, das eine Infrarotkamera von einer Unterrichtsstunde in der Schule aufzeichnete? Je mehr Blau zu sehen ist, um so weniger W&#228;rme (in der Metapher »geistige &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2010/11/07/aktivitaetsverteilung-im-unterricht-die-infrarotkamera-metapher/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Man stelle sich vor, unterrichtsbezogene geistige Aktivit&#228;t erzeugte W&#228;rme: Wie s&#228;he dann wohl das Bild aus, das eine Infrarotkamera von einer Unterrichtsstunde in der Schule aufzeichnete? Je mehr Blau zu sehen ist, um so weniger W&#228;rme (in der Metapher »geistige Aktivit&#228;t«) ist vorhanden; je mehr Rot zu sehen ist, um so mehr W&#228;rme (in der der Metapher: »geistige Aktivit&#228;t«) wird erzeugt. Wo im Bild w&#228;ren die meisten Blau- und wo die meisten Rotanteile zu sehen? Und was w&#252;rde ein solches Bild aussagen?</p>

<p>Zun&#228;chst einmal k&#246;nnte man sehr schnell erkennen, wessen »Kopf« am meisten »raucht«. Ist es der Lehrer, der sich in einer One-Wo-Man-Show abstrampelt, in den Vordergrund dr&#228;ngt, einen Vortrag h&#228;lt, alle geistige Aktivit&#228;t der Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler durch schnelle Intervention unterbindet? Ist auf dem »Infrarotbild« ein gro&#223;er, sonnenartig leuchtender, roter Bereich rund ums Lehrerpult zu sehen, der wie in einen blauen Himmel eingef&#252;gt wirkt, der h&#246;chstens manchmal von orangefarbenen Flecken durchbrochen wird? Ein solches Abbild einer Unterrichtsstunde w&#252;rde zu dem nahezu sprichw&#246;rtlich gebrauchtem »Wenn alles schl&#228;ft und einer spricht, das nennt der Mensch dann Unterricht« gut passen. – Ein solches Bild w&#228;re, wenn es den Dauerzustand in einem Schuljahr widerspiegelt – denn nat&#252;rlich kann es auch mal Stunden geben, in denen ein solches Bild entsteht, auch wenn es in anderen Stunden ganz anders aussieht – eher Zeugnis eines Unterrichts, dessen Gestaltung in Bezug auf die Aktivit&#228;tsverteilung Ver&#228;nderungen verlangt.</p>

<p>Und selbst in Situationen, in denen die Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler f&#252;r den Lehrer »aktiv« wirken, muss diese Einsch&#228;tzung noch nicht der Wirklichkeit entsprechen. &#220;berspitzt, &#252;bertrieben und in dieser Form nat&#252;rlich nie vorkommend, kann diese Gefahr der Fehleinsch&#228;tzung am Beispiel des »Einwort-Antworten«<sup><a href="http://herrlarbig.de/2010/11/07/aktivitaetsverteilung-im-unterricht-die-infrarotkamera-metapher/#footnote_0_5134" id="identifier_0_5134" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Ein-Wort-Antworten m&amp;#252;ssen nicht unbedingt aus nur einem Wort bestehen. Gemeint sind Antworten, die aus unvollst&amp;#228;ndigen S&amp;#228;tzen bestehen oder &amp;#228;hnlich knapp ausfallen">1</a></sup> feiernden Lehrers verdeutlicht werden. Das Beispiel ist v&#246;llig konstruiert, aber hoffentlich nachvollziehbar:</p>

<blockquote>Lehrer: Welchen Eindruck haben Sie beim Lesen von Eichendorffs Gedicht »Mondnacht« gewonnen?<br />
Sch&#252;ler: …sch&#246;nes Gedicht…<br />
Lehrer: Ja, sehr gut. Toll, dass Sie das erkannt haben. Dieser Weg vom Gef&#252;hl hin zu Sprache. Diese erste Strophe, die gleich mit einer Assoziation anhebt und das Ideal der Romantik verk&#246;rpert, dass Erde und Himmel einander verbunden werden, dass Verstand und Gef&#252;hl miteinander ausges&#246;hnt werden, wobei sich die Romantiker dann ja doch eher dem Gef&#252;hl hingegeben haben…<br />
anderer Sch&#252;ler: Romantiker dachten ganz anders als Kant!<br />
Lehrer: Genau. Kant forderte auf, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, »sapere aude« und das war ja auch ganz wichtig, weil das alte Denken Europa in eine Krise gef&#252;hrt hatte und ganz offensichtlich an vielen Punkten nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Denken Sie nur an Gallilei… Aber der reine Verstand wurde von vielen auch als k&#252;hl empfunden. Wissen sie warum?<br />
Sch&#252;ler: Ja, Ganzheitlichkeit…<br />
Lehrer: Prima. Darum geht es Romantikern. Liebe zu sp&#252;ren, der Sehnsucht nach Ferne nachzugehen, Wirklichkeiten zu suchen, die hinter den rationalen Wirklichkeiten liegen. Daf&#252;r gab es ein Symbol!?<br />
Sch&#252;lerin: Die blaue Blume!<br />
Lehrer: Ja, die blaue Blume. Von Novalis im Roman »Heinrich von Ofterdingen« zum Symbol f&#252;r eine ganze Epoche gemacht, jene die Sehnsucht ausdr&#252;ckende blaue Blume…<br />

…und so weiter und f&#252;r alle F&#228;cher kann man sich bestimmt &#228;hnliche Szenarien konstruieren.</blockquote>

<p>Hier gl&#252;ht der Lehrer, er ist begeistert, denkt, formuliert, gibt Antworten – und w&#228;re nach der Stunde mit der Stunde wahrscheinlich sehr zufrieden, denn die Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler haben doch so viel gewusst, sich so engagiert und treffend in den Unterricht eingebracht… Die »Infrarotkamera« w&#252;rde aber sehr schnell zeigen, dass das Aktivit&#228;tszentrum dieses Unterrichts beim Lehrer liegt. Bei solchen Szenarien ist anzunehmen, dass die Nachhaltigkeit des »Gelernten«, in Wirklichkeit vom Lehrer Vorgetragenen, mit &#228;u&#223;erst geringen Halbwertszeiten anzusetzen ist, sodass ein solcher Unterricht kaum erkennbare Progression des Lernens mit sich bringt, letztlich also, am Ziel der Progression des Lernens orientiert, vermutlich eher schlechter Unterricht sein d&#252;rfte, in dem die Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler vor allem lernen, dass der Lehrer ein gebildeter Mensch ist, der sich in seiner Materie auskennt…</p>

<p>Wie aber s&#228;he ein Infrarotbild des Unterrichtes aus, wenn die Aktivit&#228;tsstr&#228;nge des Unterrichts nicht beim Lehrer fokussiert sind, sondern in die Lerngruppe hinein gegeben werden? Wieder eine Konstruktion, auch folgendes Gespr&#228;ch habe ich mir ausgedacht. Gleiches Thema, anderer Lehrer (oder der gleiche Lehrer nach dem Lesen dieses Artikels):</p>

<blockquote>Lehrer: Welchen Eindruck haben Sie beim Lesen von Eichendorffs Gedicht »Mondnacht« gewonnen?<br />
Sch&#252;ler: …sch&#246;nes Gedicht…<br />
Lehrer:
Was macht das Gedicht f&#252;r Sie denn zum sch&#246;nen Gedicht?<br />
Sch&#252;ler 1: Die Sprache ist sch&#246;n.<br />
Sch&#252;lerin 1: Ja, sie flie&#223;t so dahin, wie… na…, ja, wie die Luft, die da durch die Felder geht…<br />
Sch&#252;ler 2: …wie diese &#196;hren, die sich im Wind sacht wiegen…<br />
Sch&#252;ler 1: Mir gef&#228;llt das mit dem Kuss in den ersten Zeilen…<br />
Lehrer: Bei einem Gedicht sprechen wir besser von Versen. Ihnen gef&#228;llt also der Kuss in den Versen 1 und 2? Wer k&#252;sst sich da denn? Und warum?<br />
Sch&#252;ler 1: Ja, ist schon komisch, aber da k&#252;ssen sich Himmel und Erde. So richtig verstehen tu ich das aber nicht.<br />
Sch&#252;lerin 2: Na, Himmel und Erde! Wir haben doch davon gesprochen, dass die Romantik nach dem suchte, was &#252;ber die direkt erkennbare Wirklichkeit raus geht…<br />
Sch&#252;ler 3: Was meinst du mit »direkt erkennbarer Wirklichkeit«?<br />
Sch&#252;lerin 2: Na, da war doch was mit der Aufkl&#228;rung, aber… Ach, Mist, das f&#228;llt mir gerade nicht ein…<br />
Lehrer: Kann jemand weiter helfen?<br />
Sch&#252;ler 4: Die Aufkl&#228;rung wollte, dass die Menschen ihren Verstand benutzen, Sachen genau anschauen. So… also… Ja, so wie das z. B. die Naturwissenschaften machen…<br />
Sch&#252;ler 5: Aber was Liebe ist k&#246;nnen Naturwissenschaftler nicht wirklich erkl&#228;ren…<br />
Sch&#252;ler 6: Warum denn nicht? Die Gehirnforschung wei&#223; doch, welche Regionen im Gehirn aktiv sind, wenn einer verknallt ist…<br />
(Klasse lacht)<br />
Sch&#252;ler 5: Ja, schon, aber erkl&#228;rt das schon »Liebe«, wenn man wei&#223; was im Gehirn geschieht oder wenn Biologen sagen k&#246;nnen, wie die Hormone da reagieren?<br />
Sch&#252;lerin 2: Ja, genau, das wollte ich sagen. Die Aufkl&#228;rung ist wie die Gehirnforschung. Die Romantiker merkten aber, dass so kaltes »Verstehen« nicht viel von ihrer Wirklichkeit trifft.<br />
Sch&#252;lerin 3: Und in dem Gedicht wird dann ja auch von der Seele gesprochen. Moment. Ja, da, in Vers 9. Das ist doch auch so was, was die Aufkl&#228;rung nicht erkl&#228;ren kann…<br />

…und so weiter</blockquote>

<p>Hier w&#228;re das Bild gleichm&#228;&#223;ig eher r&#246;tlich gef&#228;rbt, die geistige Aktivit&#228;t ist dort, wo sie im Unterricht ihren Ort hat: Bei den Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;lern. Der Lehrer aus dem ersten Beispiel f&#228;nde diese Stunde vielleicht nicht ganz so gelungen, wie seine eigene, da hier weniger schnell und klar die seinem Zugang zum Gedicht wichtigen Begriffe gefallen sind, aber im Gegensatz zu dem ersten Beispiel, sind hier vor allem die Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler aktiv. – Damit ist noch nichts &#252;ber die Frage gesagt, wie die Ergebnisse einer solchen Unterrichtsstunde gesichert werden k&#246;nnen. Das ist aber auch nicht der Gegenstand der Infrarotkamer-Metapher.</p>

<p>Aus der aktuellen Bildungsforschung wissen wir, dass, um im Bild zu bleiben, ein gleichm&#228;&#223;ig r&#246;tlich gef&#228;rbtes Bild der metaphorisch gedachten Infrarotkamera in der Regel zu einer erkennbaren Progression des Lernens f&#252;hrt, ein Fortschritt im Wissen und auch im Bereich der Kompetenzen sichtbar wird. Ein solcher Unterricht st&#228;rkt zudem das Selbstwertgef&#252;hl der Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler, die selbst etwas entdeckt, durchdacht, getan haben.</p>

<p>Die Metapher der Infrarotkamera ist &#252;brigens auf unterschiedlichste Unterrichtsszenarien &#252;bertragbar, nicht nur auf Unterrichtsgespr&#228;che… Hier aber geht es zun&#228;chst einmal um die Vorstellung der Metapher, auf die mich eine Kollegin gebracht hat und die mir so einsichtig erschien, dass ich mir ein wenig mehr Gedanken &#252;ber sie machen wollte, woraus dieser Artikel entstanden ist.</p>

<p>Wie sehen Sie / seht Ihr diese Metapher? – Kommentare erw&#252;nscht <img src='http://herrlarbig.de/wordpress/wp-includes/images/smilies/icon_smile.gif' alt=':-)' class='wp-smiley' /> <strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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		<title>Gedichtinterpretation: Joseph von Eichendorff, Mondnacht</title>
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		<pubDate>Wed, 29 Sep 2010 22:19:47 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><em><a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/" rel="license"><img style="border-width: 0;" src="http://i.creativecommons.org/l/by-nc-sa/3.0/de/88x31.png" alt="Creative Commons Lizenzvertrag" /></a>
<span>Gedichtinterpretation: Joseph von Eichendorff, Mondnacht</span> von <a href="http://herrlarbig.de/?p=4591" rel="cc:attributionURL">Torsten Larbig</a> steht unter einer <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/" rel="license">Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz</a></em>.</p>

<blockquote><em>Lineare und aspektorientierte Interpretationen stehen im Deutschunterricht in der Regel im Zentrum der Aufmerksamkeit, wenn es um die Deutung literarischer Texte geht.</em>

<em>Die lineare Interpretation folgt dabei sehr kleinschrittig dem Verlauf eines Textes und baut eine Gesamtinterpretation linear entlang des Textes auf.</em>

<em> Im Extremfall wird Zeile f&#252;r Zeile, Satz f&#252;r Satz in den Blick genommen, sodass sich diese Form der Interpretation vor allem f&#252;r k&#252;rzere Texte anbietet und vor allem bei Gedichten ihre St&#228;rke ausspielen, aber auch bei k&#252;rzeren Prosatexten zum Einsatz kommen kann.</em>

<em> Bei l&#228;ngeren Texten werden Abs&#228;tze oder Kapitel in den Blick genommen, doch bietet sich solchen Texten eher die aspektorientierte Interpretation an, die von Anfang an auf einzelne Aspekte eines Textes als Schwerpunkt einer Interpretation hin ausgerichtet ist.</em>

<em>W&#228;hrend die lineare Interpretation theoretisch schon w&#228;hrend dem ersten Leseprozess geschrieben werden kann, praktisch wird auch meistens der Text mehrfach gelesen, bevor die interpretierende Ann&#228;herung beginnt, setzt die aspektorientierte Interpretation gute Textkenntnis voraus.</em>

<em>Soweit die Theorie. An dieser Stelle soll nun einmal, anders als bei meinen bisherigen Gedichtinterpretationen auf herrlarbig.de, eine m&#246;glichst konsequent durchgef&#252;hrte lineare Interpretation als Zugang zu einem lyrischen Werk versucht werden. </em>

<em>Zum Teil werde ich Abschnitte der Interpretation selbst noch ein wenig erl&#228;utern. Solche erl&#228;uternden Teile erscheinen in eigenen, einger&#252;ckten und farblich abgesetzten Abs&#228;tzen, die kursiv gesetzt sind. Diese Teile k&#246;nnen &#252;bersprungen werden, wenn alleine die Interpretation des Gedichtes interessiert.</em></blockquote>

<h3><strong>Joseph von Eichendorff</strong></h3>

<h3><strong>Mondnacht (1837)<sup><a href="http://herrlarbig.de/2010/09/30/gedichtinterpretation-joseph-von-eichendorff-mondnacht/#footnote_0_4591" id="identifier_0_4591" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Das Gedicht ist wohl schon um 1835 entstanden, wurde aber 1837 erstmals ver&amp;#246;ffentlicht.">1</a></sup></strong></h3>

<p>Es war, als h&#228;tt&#8217; der Himmel</p>

<p>Die Erde still gek&#252;sst,</p>

<p>Dass sie im Bl&#252;tenschimmer</p>

<p>Von ihm nun tr&#228;umen m&#252;sst.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>Die Luft ging durch die Felder,</p>

<p>Die &#196;hren wogten sacht,</p>

<p>Es rauschten leis&#8217; die W&#228;lder,</p>

<p>So sternklar war die Nacht.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>Und meine Seele spannte</p>

<p>Weit ihre Fl&#252;gel aus,</p>

<p>Flog durch die stillen Lande,</p>

<p>Als fl&#246;ge sie nach Haus.</p>

<p>&nbsp;</p>

<h2><strong>Schritt f&#252;r Schritt: Eichendorffs Mondnacht linear interpretiert</strong></h2>

<p>Die <strong>&#220;berschrift</strong> Joseph von Eichendorffs 1837 ver&#246;ffentlichten Gedichts „Mondnacht“ gibt dem Erwartungshorizont Lesender eine Richtung: Das Gedicht spielt nachts, in einer klaren Nacht oder zumindest in einer solchen, in der der Mond deutlich zu erkennen ist, sei es auch zwischen Wolkenfetzen hindurch. Es wird sich zeigen, ob dies im Verlaufe des Gedichts n&#228;her dargestellt wird, ob die &#220;berschrift mit dem Inhalt &#252;bereinstimmt oder, was Gedicht&#252;berschriften auch immer wieder tun, ob die &#220;berschrift eine falsche Erwartungshaltung weckt, die dann im Verlaufe des Textes mit Bedeutung angereichert wird. Doch bei Eichendorff als Dichter der Romantik ist zu erwarten, dass ein Gedicht folgt, das nicht nur eine Mondnacht beschreibt, sondern auch die Gef&#252;hle des lyrischen Ichs in einen Zusammenhang mit dieser Nacht stellt.</p>

<blockquote><em>In dieser Einleitung wird, was oft nicht gemacht wird, die &#220;berschrift als Teil des Gedichts ber&#252;cksichtigt. Ja, wenn ein Gedicht einen Titel hat, dann ist dieser Bestandteil des Gedichts – und angemessen zu ber&#252;cksichtigen. Dar&#252;ber hinaus wird das Gedicht mit Bezug auf den Autor bereits in den Rahmen einer Literaturepoche gestellt und Vorwissen &#252;ber diese Literaturepoche ber&#252;cksichtigt, um die Erwartungshaltung, die der Interpret gegen&#252;ber diesem Gedicht hat, darzustellen und zu begr&#252;nden. Das bedeutet nicht, dass eine solche Erwartungshaltung im Laufe des Gedichtes best&#228;tigt werden muss. Der Verlauf des Gedichtes kann auch eine ganz andere Richtung nehmen, die dieser von der &#220;berschrift ausgel&#246;sten Erwartungshaltung widerspricht. Wenn dies passiert, ist es im Verlauf der Interpretation angemessen zu ber&#252;cksichtigen und die Frage zu stellen, welche Bedeutung dies f&#252;r das Verst&#228;ndnis des Gedichtes hat.</em></blockquote>

<p>Ein Vergleich, nicht mit „wie“, sondern mit „Es war als“ eingeleitet, er&#246;ffnet in <strong>Vers 1</strong> das Gedicht und stellt sofort den Bezug zum lyrischen Ich her, das hier offensichtlich seinen Eindruck von dieser Mondnacht darzustellen beabsichtigt. Diese drei ersten W&#246;rter des Gedichts vermitteln den Eindruck, dass hier weniger eine Beschreibung der Mondnacht das Ziel ist als die Darstellung einer Stimmung, die in dieser Mondnacht erzeugt wird.</p>

<p>Das n&#228;chste Wort „h&#228;tte“ wird um das -e verk&#252;rzt. In der Folge wird es vom zweisilbigen zum einsilbigen Wort, was notwendig ist, da dieser Vers als dreihebiger Jambus (Es <strong>war</strong> als <strong>h&#228;tt</strong>’ der <strong>Him</strong>mel) mit weiblicher / klingender Kadenz gestaltet ist. Au&#223;erdem verst&#228;rkt das „h&#228;tt&#8217;“ als Konjunktiv Zwei (irrealis) den Eindruck, dass es um die Wahrnehmung der Mondnacht durch das lyrische Ich geht, denn bereits hier wird angedeutet, dass der Eindruck des lyrischen Ichs von einem Bild ausgeht, das also solches kein Teil der „Realit&#228;t“, sondern Teil des Eindrucks, der Stimmung des lyrischen Ichs ist.</p>

<p>Mit „der Himmel“ lenkt das lyrische Ich den Blick des Lesenden „nach oben“, zum Himmel, der sowohl f&#252;r den realen Himmel stehen kann, der in der deutschen Sprache aber auch den Bereich des Transzendenten umfasst. An dieser Stelle bleibt offen, welche Himmelsvorstellung gemeint ist und das fehlende Satzzeichen am Ende des Verses ist ein erster Hinweis, dass das Versende noch nicht das Satzende ist. Ein Enjambement leitet in <strong>Vers 2</strong> &#252;ber, der mit „die Erde“ beginnt und diese Erde somit unmittelbar mit dem Himmel formal verbindet. Dass es nicht nur eine formale Verbindung ist, zeigt der Rest des Vers 2, der wiederum dreihebig jambisch gestaltet ist, nun aber mit einer m&#228;nnlichen / stumpfen Kadenz endet und mit dieser auch den ersten Sinnschritt des Gedichts markiert. Das „still gek&#252;sst“ verbindet Himmel und Erde in der Vorstellung des lyrischen Ichs, doch da der erste Sinnschritt mit einem Komma endet, ist der Eindruck des lyrischen Ichs noch nicht vollendet, der hier dargestellt wird.</p>

<p>In <strong>Vers 3</strong> wird der Eindruck des lyrischen Ichs vertieft, eingeleitet mit der Konjunktion „dass“, die auf einen Nebensatz hinweist, also darauf, dass dieser Kuss von Himmel und Erde nun weiter charakterisiert wird. Diese Charakterisierung wird zun&#228;chst mit dem visuellen Eindruck des „Bl&#252;tenschimmers“ verbunden, der dem lyrischen Ich faktisch vor Augen steht. Es ist wohl eine Nacht im Fr&#252;hjahr oder Sommer, eine Nacht, in deren fahlem Licht die Bl&#252;ten schimmernd zu erkennen sind. Dieser visuelle Eindruck wird in <strong>Vers 4 </strong>personifiziert, dem „Bl&#252;tenschimmer“ wird, wiederum unter Verwendung des Konjunktivs Zwei (m&#252;sst), die F&#228;higkeit des Tr&#228;umens zugeschrieben, eine F&#228;higkeit, die aber alleine den Eindruck des lyrischen Ichs in bildlicher Sprache darstellt. Und wiederum wird um des Rhythmus Willen ein -e weggelassen („m&#252;sst“ statt „m&#252;sste“), sodass sp&#228;testens hier davon ausgegangen werden kann, dass der Rhythmus des Gedichts bewusst vom Autor gestaltet wurde und somit die Form unmittelbar dem Inhalt des Gedichtes verbunden ist.</p>

<blockquote><em>Auch wenn hier Zeile f&#252;r Zeile vorgegangen wird: Diese Interpretation entsteht vor dem Hintergrund, dass das Gedicht schon ganz gelesen wurde. Ohne dass hier die Form der linearen Interpretation verlassen w&#252;rde, flie&#223;t diese Kenntnis nat&#252;rlich in die Betrachtung der Einzelverse ein.</em></blockquote>

<p>Die <strong>erste Strophe</strong> Eichendorffs „Mondnacht“ stellt, so kann zusammenfassend gesagt werden, eine die Stimmung des lyrischen Ichs in dieser Naturerfahrung deutenden Zugang zu dieser Erfahrung dar. Dabei ist sich das lyrische Ich dieser Deutung bewusst, nutzt den Konjunktiv Zwei, um diese in gleichm&#228;&#223;ig flie&#223;endem Rhythmus gesprochene Erfahrung als solche zu kennzeichnen. Dennoch ist die Erfahrung nicht irreal, sie geht vielmehr &#252;ber die rein sachliche Ebene der Naturwahrnehmung hinaus. Der klare Himmel, die Erde, der Bl&#252;tenschimmer bilden in der Wahrnehmung des lyrischen Ich eine Einheit, sie sind nicht getrennt. Der Eindruck geht &#252;ber die reine Beschreibung dessen, was f&#252;r das lyrische Ich in dieser Situation „ist“ hinaus. Und doch erfolgt die Versprachlichung dieser Erfahrung erst im Nachhinein, wie die Nutzung der Vergangenheitsform in <strong>Vers 5</strong> verdeutlicht.</p>

<p><strong>Vers 5</strong> holt nun die Beschreibung der eigentlichen Situation nach. „Die Luft ging durch die Felder“, ist erst einmal nichts anderes, als der Versuch einer Versprachlichung einer nicht weiter gedeuteten Wahrnehmung, auch wenn an dieser Stelle statt „ging“ das dem im Alltagsgebrauch mit der Luft eher verbundene Verb „wehte“ h&#228;tte genutzt werden k&#246;nnen. Dennoch scheint das lyrische Ich der Luft hier keine „Beine machen“ zu wollen oder, anders ausgedr&#252;ckt, hier liegt keine Personifizierung der Luft vor, sondern tats&#228;chlich nur eine Beschreibung der Situation, in der das lyrische Ich die in der ersten Strophe bereits bildhaft angedeutete existenzielle Erfahrung verortet. Daf&#252;r spricht auch, dass Vers 5 eine abgeschlossene Sinneinheit bildet und mit einem Komma endet.</p>

<p>Ein solches Komma steht auch am Ende von <strong>Vers 6</strong>, in dem eine erste Folge der wohl nur sehr leichten Luftbewegung in dieser Nacht beschrieben wird, die die &#196;hren auf den Felder in eine leichte, sachte Bewegung versetzt. W&#228;hrend also in Strophe 1 jeweils zwei Verse (1 – 2 und 3 – 4) durch vers&#252;bergreifende Sinnzusammenh&#228;nge und formal durch ein Enjambement verbunden sind, erfolgt in Strophe 2 eine Aufz&#228;hlung von Sachverhalten. Strophe 2 ist in diesem Sinne eine Bestandsaufnahme, der Versuch, die Situation sprachlich zu vermitteln, in der die Stimmung auftrat, die im Zentrum des Gedichtes steht.</p>

<p>Diese Bestandsaufnahme wird in <strong>Vers 7</strong> fortgef&#252;hrt. Neben den visuellen Eindruck der sich leicht im Wind wiegenden Felder tritt hier die Wahrnehmung des leisen Rauschens der W&#228;lder, das durch diesen leichten Wind erzeugt wird. Und wiederum ein Komma am Zeilenende.</p>

<p><strong>Vers 8</strong> wechselt nun die Wahrnehmungsebene, stellt eine Art H&#246;hepunkt der sinnlichen Wahrnehmung des lyrischen Ich dar, die in <strong>Strophe 2</strong> im Zentrum steht. &#220;ber all diesen Detailwahrnehmungen steht die Wahrnehmung der sternklaren Nacht, eine Situation, die bis heute in der Lage ist, bei Menschen „romantische Gef&#252;hle“ auszul&#246;sen.</p>

<p>Das „Und meine Seele spannte“ in <strong>Vers 9</strong> er&#246;ffnet die dritte Strophe mit dem ersten direkten Auftauchen des lyrischen Ichs in diesem Gedicht. Es erf&#228;hrt so etwas wie „Weite“, eine „Weite“, die unmittelbar an die Erfahrung der Einheit von Himmel und Erde in Strophe 1 und an die beschriebenen Gegebenheiten in Strophe 2 anschlie&#223;t, nun aber die eigentliche Erfahrung, die in dem Gedicht aufgegriffene Stimmung ins Zentrum stellt, wie <strong>Vers 10</strong> direkt best&#228;tigt, sind es doch „Fl&#252;gel“, die die Seele ausspannt. Sie erhebt sich, sie fliegt, sie wird weit. Was muss das f&#252;r ein Gef&#252;hl gewesen sein, dass das lyrische Ich in diesem Gedicht nicht nur zu versprachlichen versucht, sondern auch an Leser des Gedichtes weitergeben will!?</p>

<p>Und hier taucht das Enjambement aus Strophe 1 wieder auf. Wieder wird das Gef&#252;hl der Einheit formal widergespiegelt.</p>

<blockquote><em>Schon gemerkt: Auch bei einer linearen Interpretation steht nicht streng wirklich nur die einzelne Zeile im Mittelpunkt. Nat&#252;rlich kann auf alles Bezug genommen werden, was bereits erarbeitet wurde. „Linear“ ist diese Art der Interpretation nur in der Art, wie sie Schritt f&#252;r Schritt Zeile f&#252;r Zeile in den Blick nimmt und sich an dieser „linearen“ Lesart entlang arbeitet. Am Ende soll idealerweise trotz dieses kleinschrittigen Vorgehens ein Gesamtbild des Gedichts stehen, ein Gesamtbild, das auch dadurch entsteht, dass auf bereits  erarbeitete Zeilen und Strophen intensiv Bezug genommen wird.</em></blockquote>

<p>Und wieder ein Hauptsatz, der die ersten zwei Verse der Strophe umfasst und der somit parallel zu Strophe 1 gestaltet ist. <strong>Vers 11</strong> f&#252;hrt das begonnene Bild weiter. Nicht nur spannt die Seele ihre Fl&#252;gel aus, sie fliegt auch, fliegt „durch die stillen Lande“, nimmt diese Lande aus einer Art Vogelperspektive war, also aus einer Perspektive, in der die Gesamtheit der Wirklichkeit in den Blick genommen, die Einheit von Himmel und Erde, die Verbundenheit von allem wahrgenommen werden kann. Brentano fasst dieses romantische Gef&#252;hl in „<a href="http://herrlarbig.de/2010/09/24/gedichtinterpretation-clemens-brentano-sprich-aus-der-ferne/" target="_blank">Sprich aus der Ferne</a>“ mit den Versen „Alles ist freundlich wohlwollend verbunden, / Bietet sich tr&#246;stend und traurend die Hand, / Sind durch die N&#228;chte die Lichter gewunden, / Alles ist ewig im Innern verwandt.“</p>

<p>Es ist ein Gef&#252;hl der Ganzheit, das das lyrische Ich als eine Form des „Zuhause“ erlebt, denn in <strong>Vers 12</strong> wird diese erfahrene Weite der Seele, die durch die stillen Lande fliegt, mit einem „als fl&#246;ge sie nach Haus“ charakterisiert; nun durch ein Komma von Vers 11 abgesetzt und somit hervorgehoben, da nicht in einer Aufz&#228;hlung sondern als deutende Beschreibung des Fliegens gedacht. Vers 12 ist der Vers, auf den das ganze Gedicht zu l&#228;uft, in dem es seinen H&#246;hepunkt findet, in dem das Gef&#252;hl des lyrischen Ichs kulminiert, das sich selbst in der Naturwahrnehmung in seiner Ganzheit wahrzunehmen vermag.</p>

<p><strong>Resumee:</strong></p>

<p>Ein Klassiker der romantischen Lyrik, eines der wohl bekanntesten Gedichte dieser literarischen Epoche und dabei auch ein das Lebensgef&#252;hl der Romantik treffend darstellendes Gedicht! Was von aufgekl&#228;rten Geistern auseinander gerissen wurde, f&#252;gen Romantiker wieder zusammen. Himmel und Erde sind verbunden, die Naturwahrnehmung ist mit der Psyche des Menschen auf das Engste verbunden, hinter der Wirklichkeit gibt es eine Kraft, die &#252;ber das Beobachtbare hinaus geht. Die Romantiker gehen so weit zu sagen, dass diese Kraft den Menschen zu sich selbst kommen l&#228;sst, den Menschen als Ganzheit Mensch sein l&#228;sst.</p>

<p>Eichendorffs „Mondnacht“ greift diese Weltsicht der Romantik nicht nur auf, verbindet diese nicht nur mit der Sehnsucht nach Weite (des Geistes, der Wahrnehmung, der gesamten menschlichen Existenz), sondern vermag sogar, dieses Gef&#252;hl beim Leser zu erzeugen.</p>

<p>Das Gedicht ist ein Zeugnis der Kraft, die der Dichtung inne wohnt. Sie ist in der Lage, die Wirklichkeit in Sprache zum Singen zu bringen, Erfahrungen, die ein lyrisches Ich in einer konkreten Naturerfahrung macht, in eine Sprache zu fassen, die selbst diese Erfahrung der Ganzheitlichkeit beim Leser ausl&#246;sen kann oder aber zumindest eine Sensibilit&#228;t f&#252;r diese Erfahrungen schafft; eine Sensibilit&#228;t, die den Menschen in dieser Hinsicht erfahrungsf&#228;hig macht.</p>

<p><em>
</em><strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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		<title>Gedichtinterpretation: Joseph von Eichendorff, Das zerbrochene Ringlein (In einem k&#252;hlen Grunde)</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Aug 2010 22:18:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Gedichtinterpretation: Joseph von Eichendorff, Das zerbrochene Ringlein (In einem k&#252;hlen Grunde) von Torsten Larbig steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.Beruht auf einem Inhalt unter herrlarbig.de.&#220;ber diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse k&#246;nnen Sie unter http://herrlarbig.de/kontakt erhalten. &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2010/08/26/gedichtinterpretation-joseph-von-eichendorff-das-zerbrochene-ringlein-in-einem-kuehlen-grunde/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
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<p>Joseph von Eichendorff (1788–1857)<br />
<strong> Das zerbrochene Ringlein</strong></p>

<p>In einem k&#252;hlen Grunde<br />
Da geht ein M&#252;hlenrad,<br />
Mein&#8217; Liebste ist verschwunden,<br />
Die dort gewohnet hat.<br /></p>

<p>Sie hat mir Treu versprochen,<br />
Gab mir ein&#8217;n Ring dabei.<br />
Sie hat die Treu&#8217; gebrochen,<br />
Mein Ringlein sprang entzwei.<br /></p>

<p>Ich m&#246;cht&#8217; als Spielmann reisen<br />
Weit in die Welt hinaus,<br />
Und singen meine Weisen,<br />
Und gehn von Haus zu Haus.<br /></p>

<p>Ich m&#246;cht&#8217; als Reiter fliegen<br />
Wohl in die blut&#8217;ge Schlacht,<br />
Um stille Feuer liegen<br />
Im Feld bei dunkler Nacht.<br /></p>

<p>H&#246;r ich das M&#252;hlrad gehen:<br />
Ich wei&#223; nicht, was ich will -<br />
Ich m&#246;cht am liebsten sterben,<br />
Da w&#228;r&#8217;s auf einmal still!</p></p>

<p>Ein M&#252;hlrad rauscht gleichm&#228;&#223;ig, angetrieben von einem fortlaufend flie&#223;endem Bach. (V2) So beginnt Joseph von Eichendorffs Gedicht „Das zerbrochene Ringlein“ und es scheint fast, als habe Eichendorff dieses Bild eines M&#252;hlrades als formalen Rahmen des Gedichtes gesetzt: Gleichm&#228;&#223;ig str&#246;men die dreihebigen Jamben durch die 20 Verse, die in Vierergruppen auf f&#252;nf Strophen aufgeteilt sind, gleichm&#228;&#223;ig wird der Kreuzreim verwendet. Doch bereits in der ersten Strophe bricht sich der Reim der Verse 2 und 4, erklingt ein unreines Reimpaar, wenn auf „M&#252;hlenrad“ „hat“ reimt. – Das gleichm&#228;&#223;ige Drehen des M&#252;hlenrades, der, im Gedicht freilich nicht genannte, aber wohl mitzudenkende, gleichm&#228;&#223;ige Fluss des Bachs, werden als etwas „Gebrochenes“ zur Sprache gebracht, denn dieser Anblick ist f&#252;r das lyrische Ich mit der Erinnerung an „mein Liebste“ (V3) verbunden, von der er sich verraten f&#252;hlt, denn „Sie hat die Treu gebrochen” (V7).</p>

<p>Nun blickt das lyrische Ich auf den Ort, an dem die Geliebte einst wohnte, erinnert sich des Treuebruchs und der Ring, der in seiner geschlossenen, kreisf&#246;rmigen Gestalt ein Symbol f&#252;r das Unzerbrochene, das Vollkommene, das Ewige ist, „sprang entzwei“ (V8).</p>

<p>Was tun in ein solcher Situation? Das lyrische Ich &#252;berlegt: Will er ein Spielmann sein, der durch die Lande reist (V9)? Oder vielleicht ein Reiter, der sich in das Get&#252;mmel der Schlacht st&#252;rzt? Auch wenn die &#220;berlegungen in den Strophen 3 und 4 mit einem Punkt enden, so sind es doch auch Fragen, ob einer dieser Wege, die in die Ferne f&#252;hren, weg von den Orten, an denen der Anblick der M&#252;hle die schmerzliche Erinnerung immer wach h&#228;lt, dem Leid des lyrischen Ichs ein Ende setzen kann.</p>

<p>Die letzte Strophe, in der das lyrische Ich den Klang des M&#252;hlrads als Ausl&#246;ser der Gedanken, die in dem Gedicht ge&#228;u&#223;ert werden, wieder aufgreift, gibt Antwort: Das lyrische Ich ist zu einer Antwort auf die Frage nicht f&#228;hig, erkennt vielleicht, dass auch die Flucht die Erinnerung nicht tilgen wird. Und so bekommt das M&#252;hlenrad aus V2 in Strophe 5 eine symbolische Bedeutung. Es steht f&#252;r die st&#228;ndig sich aufdr&#228;ngende Erinnerung, f&#252;r die melancholisch gepr&#228;gte Entscheidungsunf&#228;higkeit, die mit dieser Erinnerung verbunden ist, f&#252;r das gleichm&#228;&#223;ig das ganze lyrische Ich durchdringende und bestimmende Leiden an der zerbrochenen Liebe, f&#252;r den Teufelskreis, in den dieses Leiden das lyrische Ich gezogen hat. Das M&#252;hlrad wird zum Rad, auf das das lyrische Ich aufgespannt ist, wie es die Opfer mittelalterliche Justiz waren, die ger&#228;dert wurden. Das lyrische Ich f&#252;hlt sich „wie ger&#228;dert“. Wir kennen diesen Ausspruch bis heute, der bisweilen genutzt wird, wenn Menschen sich m&#252;de, aller Energie beraubt oder depressiv f&#252;hlen. – Das ist gro&#223;e Kunst: Nicht zu sagen, dass man sich ger&#228;dert f&#252;hlt, sondern einen scheinbar konkreten Gegenstand zu nehmen, der unter der Hand mit ambivalenten, letztlich nicht v&#246;llig aufl&#246;senbaren Bedeutungen verbunden wird.</p>

<p>Ja, das lyrische Ich muss sich eingestehen, dass es nicht wei&#223;, was es angesichts des L&#228;rms, den das M&#252;hlrad erzeugt – wohl mehr innerlich, als Ankerpunkt der Erinnerung – eigentlich will. Und so greift es zur finalen Phantasie des Sterben-Wollens, denn dann „w&#228;r’s auf einmal still!“ (V20). Ein Ausrufezeichen, gepaart mit dem Wort „still“ (V20) beschlie&#223;en das Gedicht und bringen die Sehnsucht des lyrischen Ichs auf den Punkt, die ein wenig vereinfacht mit einem „Ich will endlich meine Ruhe haben“ zusammengefasst werden kann. „Still!“, ihr Gedanken, Erinnerungen, Gef&#252;hle, Seelenschmerzen, schweigt endlich. „Still!“</p>

<p>Dieses „Still!“ ist aber auch ein Appell an die eigenen Gedanken, an die eigenen Fluchtw&#252;nsche, die in den Strophen 3 und 4 zum Ausdruck kommen. In Strophe 3 ist es die Flucht in die Heimatlosigkeit des Spielmanns, der, berufsbedingt, kaum in die Lage kommen wird, sich weiteren tiefen menschlichen Beziehungen stellen zu m&#252;ssen, nach dem er einmal so verletzt wurde, wie das lyrische Ich des Gedichts.</p>

<p>Und auch das Soldatenleben, wie es in Strophe 4 imaginiert wird, ist ein unruhiges, unstetes Leben. Todesgefahr begleitet dieses Leben. Hier taucht der Todeswunsch schon indirekt auf, der dann in Strophe 5 direkt ausgesprochen wird.</p>

<p>Das Vergessen wird so nicht erreicht. Das lyrische Ich sehnt sich letztlich nach Erl&#246;sung. F&#252;r diese Erl&#246;sung steht das „still!“ als letztes Wort des Gedichts.</p>

<p>Eichendorffs „Das zerbrochene Ringlein“ ist Ausdruck der hohen Kunst der Lyrik: Inhalt und Form sind ineinander verwoben, spiegeln sprachm&#228;chtig und doch in einfachen Worten eine ganze Seelenlage in 20 kurzen Versen wider, die auch einen heutigen Leser in sich hinein ziehen k&#246;nnen.</p>

<p>Das so einfach wirkende Gedicht ist komplex. Und auch die gerade noch unterstellten „einfachen Worte“ wirken nur einfach, denn zumindest im ersten Vers taucht mit der Formulierung „In einem k&#252;hlen Grunde“ gehobene Sprache auf. Gemeint ist ein k&#252;hles Tal, in der die M&#252;hle steht. Und selbst dieses Bild, das „k&#252;hl“ und „Grunde“ kombiniert, kann, so sehr es als Ortsbeschreibung daher kommt, bereits als Zusammenfassung der Gef&#252;hle des lyrischen Ichs betrachtet werden. Vom „k&#252;hlen Grunde“ ist es nicht weit zur inneren K&#252;hle, die jemand versp&#252;rt, der am Abgrund steht oder aus der Tiefe des Tals den Blick nur bis zu dessen Begrenzungen schweifen lassen kann und so keinen Horizont sieht, keine Perspektive f&#252;r das eigene Leben mehr erkennen kann, eine Vorausdeutung, die aber erst vom Ende des Gedichtes her zu erkennen ist. Und so schlie&#223;t sich das „Rad“ dieses Gedichtes, so treten Ende und Anfang das Gedichts in Verbindung und bilden wohl eine der sch&#246;nsten, traurigsten und nachvollziehbarsten Dichtungen &#252;ber das so oft besungene Thema des Leidens an zerbrochener Liebe. Und entsprechend wurde das Gedicht auch rezipiert: Heute ist es als Volkslied bekannt.</p>

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		<pubDate>Fri, 15 Aug 2008 22:55:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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<a href="http://herrlarbig.de/wordpress/wp-content/gallery/natur/mondfinsternis20080816.jpg" title="Partielle (teilweise) Mondfinsternis 16-08-2008 | © by tlarbig (herrlarbig.de)" class="shutterset_singlepic2" >
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<p>Vollmond, klarer Himmel und der Mond ausreichend nahe am <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Mondknoten" target="_blank">Mondknoten</a>, an dem die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Mondbahn" target="_blank">Mondbahn</a> die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ekliptik" target="_blank">Ekliptik</a> schneidet – so n&#252;chtern sind die physikalischen Voraussetzungen einer Mondfinsternis.</p>

<p>Es war nicht die naturwissenschaftliche Erkl&#228;rung, die mir bei der heutigen Mondfinsternis durch den Kopf ging, sondern ein <a href="http://www.xlibris.de/Epochen/Romantik" target="_blank">romantisches</a> Gedicht von <a href="http://www.xlibris.de/Autoren/Eichendorff" target="_blank">Joseph von Eichendorff</a>, das mir in solchen Momenten irgendwie unvermeidlich scheint:</p>

<p style="text-align: center;">Joseph von Eichendorff</p>

<p style="text-align: center;">Mondnacht</p>

<p>&lt;</p>

<p>p style=&#8221;text-align: center;&#8221;>Es war, als h&#228;tt’ der Himmel
Die Erde still gek&#252;sst,
Dass sie im Bl&#252;tenschimmer
Von ihm nun tr&#228;umen m&#252;sst.</p>

<p>&lt;</p>

<p>p style=&#8221;text-align: center;&#8221;>Die Luft ging durch die Felder,
Die &#196;hren wogten sacht,
Es rauschten leis&#8217; die W&#228;lder,
So sternklar war die Nacht.</p>

<p>&lt;</p>

<p>p style=&#8221;text-align: center;&#8221;>Und meine Seele spannte
Weit ihre Fl&#252;gel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als fl&#246;ge sie nach Haus.</p>

<blockquote>Ob denn diese Gedichte noch Kunst sind, oder schon wieder Natur? <em>(Friedrich Schlegel)</em></blockquote>

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