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	<title>herrlarbig.de &#187; Erinnerung</title>
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		<title>Gedichtinterpretation: Joseph von Eichendorff, Das zerbrochene Ringlein (In einem k&#252;hlen Grunde)</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Aug 2010 22:18:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Joseph von Eichendorff (1788–1857) Das zerbrochene Ringlein In einem k&#252;hlen Grunde Da geht ein M&#252;hlenrad, Mein&#8217; Liebste ist verschwunden, Die dort gewohnet hat. Sie hat mir Treu versprochen, Gab mir ein&#8217;n Ring dabei. Sie hat die Treu&#8217; gebrochen, Mein Ringlein &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2010/08/26/gedichtinterpretation-joseph-von-eichendorff-das-zerbrochene-ringlein-in-einem-kuehlen-grunde/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Joseph von Eichendorff (1788–1857)<br />
<strong> Das zerbrochene Ringlein</strong></p>

<p>In einem k&#252;hlen Grunde<br />
Da geht ein M&#252;hlenrad,<br />
Mein&#8217; Liebste ist verschwunden,<br />
Die dort gewohnet hat.<br /></p>

<p>Sie hat mir Treu versprochen,<br />
Gab mir ein&#8217;n Ring dabei.<br />
Sie hat die Treu&#8217; gebrochen,<br />
Mein Ringlein sprang entzwei.<br /></p>

<p>Ich m&#246;cht&#8217; als Spielmann reisen<br />
Weit in die Welt hinaus,<br />
Und singen meine Weisen,<br />
Und gehn von Haus zu Haus.<br /></p>

<p>Ich m&#246;cht&#8217; als Reiter fliegen<br />
Wohl in die blut&#8217;ge Schlacht,<br />
Um stille Feuer liegen<br />
Im Feld bei dunkler Nacht.<br /></p>

<p>H&#246;r ich das M&#252;hlrad gehen:<br />
Ich wei&#223; nicht, was ich will -<br />
Ich m&#246;cht am liebsten sterben,<br />
Da w&#228;r&#8217;s auf einmal still!</p></p>

<p>Ein M&#252;hlrad rauscht gleichm&#228;&#223;ig, angetrieben von einem fortlaufend flie&#223;endem Bach. (V2) So beginnt Joseph von Eichendorffs Gedicht „Das zerbrochene Ringlein“ und es scheint fast, als habe Eichendorff dieses Bild eines M&#252;hlrades als formalen Rahmen des Gedichtes gesetzt: Gleichm&#228;&#223;ig str&#246;men die dreihebigen Jamben durch die 20 Verse, die in Vierergruppen auf f&#252;nf Strophen aufgeteilt sind, gleichm&#228;&#223;ig wird der Kreuzreim verwendet. Doch bereits in der ersten Strophe bricht sich der Reim der Verse 2 und 4, erklingt ein unreines Reimpaar, wenn auf „M&#252;hlenrad“ „hat“ reimt. – Das gleichm&#228;&#223;ige Drehen des M&#252;hlenrades, der, im Gedicht freilich nicht genannte, aber wohl mitzudenkende, gleichm&#228;&#223;ige Fluss des Bachs, werden als etwas „Gebrochenes“ zur Sprache gebracht, denn dieser Anblick ist f&#252;r das lyrische Ich mit der Erinnerung an „mein Liebste“ (V3) verbunden, von der er sich verraten f&#252;hlt, denn „Sie hat die Treu gebrochen” (V7).</p>

<p>Nun blickt das lyrische Ich auf den Ort, an dem die Geliebte einst wohnte, erinnert sich des Treuebruchs und der Ring, der in seiner geschlossenen, kreisf&#246;rmigen Gestalt ein Symbol f&#252;r das Unzerbrochene, das Vollkommene, das Ewige ist, „sprang entzwei“ (V8).</p>

<p>Was tun in ein solcher Situation? Das lyrische Ich &#252;berlegt: Will er ein Spielmann sein, der durch die Lande reist (V9)? Oder vielleicht ein Reiter, der sich in das Get&#252;mmel der Schlacht st&#252;rzt? Auch wenn die &#220;berlegungen in den Strophen 3 und 4 mit einem Punkt enden, so sind es doch auch Fragen, ob einer dieser Wege, die in die Ferne f&#252;hren, weg von den Orten, an denen der Anblick der M&#252;hle die schmerzliche Erinnerung immer wach h&#228;lt, dem Leid des lyrischen Ichs ein Ende setzen kann.</p>

<p>Die letzte Strophe, in der das lyrische Ich den Klang des M&#252;hlrads als Ausl&#246;ser der Gedanken, die in dem Gedicht ge&#228;u&#223;ert werden, wieder aufgreift, gibt Antwort: Das lyrische Ich ist zu einer Antwort auf die Frage nicht f&#228;hig, erkennt vielleicht, dass auch die Flucht die Erinnerung nicht tilgen wird. Und so bekommt das M&#252;hlenrad aus V2 in Strophe 5 eine symbolische Bedeutung. Es steht f&#252;r die st&#228;ndig sich aufdr&#228;ngende Erinnerung, f&#252;r die melancholisch gepr&#228;gte Entscheidungsunf&#228;higkeit, die mit dieser Erinnerung verbunden ist, f&#252;r das gleichm&#228;&#223;ig das ganze lyrische Ich durchdringende und bestimmende Leiden an der zerbrochenen Liebe, f&#252;r den Teufelskreis, in den dieses Leiden das lyrische Ich gezogen hat. Das M&#252;hlrad wird zum Rad, auf das das lyrische Ich aufgespannt ist, wie es die Opfer mittelalterliche Justiz waren, die ger&#228;dert wurden. Das lyrische Ich f&#252;hlt sich „wie ger&#228;dert“. Wir kennen diesen Ausspruch bis heute, der bisweilen genutzt wird, wenn Menschen sich m&#252;de, aller Energie beraubt oder depressiv f&#252;hlen. – Das ist gro&#223;e Kunst: Nicht zu sagen, dass man sich ger&#228;dert f&#252;hlt, sondern einen scheinbar konkreten Gegenstand zu nehmen, der unter der Hand mit ambivalenten, letztlich nicht v&#246;llig aufl&#246;senbaren Bedeutungen verbunden wird.</p>

<p>Ja, das lyrische Ich muss sich eingestehen, dass es nicht wei&#223;, was es angesichts des L&#228;rms, den das M&#252;hlrad erzeugt – wohl mehr innerlich, als Ankerpunkt der Erinnerung – eigentlich will. Und so greift es zur finalen Phantasie des Sterben-Wollens, denn dann „w&#228;r’s auf einmal still!“ (V20). Ein Ausrufezeichen, gepaart mit dem Wort „still“ (V20) beschlie&#223;en das Gedicht und bringen die Sehnsucht des lyrischen Ichs auf den Punkt, die ein wenig vereinfacht mit einem „Ich will endlich meine Ruhe haben“ zusammengefasst werden kann. „Still!“, ihr Gedanken, Erinnerungen, Gef&#252;hle, Seelenschmerzen, schweigt endlich. „Still!“</p>

<p>Dieses „Still!“ ist aber auch ein Appell an die eigenen Gedanken, an die eigenen Fluchtw&#252;nsche, die in den Strophen 3 und 4 zum Ausdruck kommen. In Strophe 3 ist es die Flucht in die Heimatlosigkeit des Spielmanns, der, berufsbedingt, kaum in die Lage kommen wird, sich weiteren tiefen menschlichen Beziehungen stellen zu m&#252;ssen, nach dem er einmal so verletzt wurde, wie das lyrische Ich des Gedichts.</p>

<p>Und auch das Soldatenleben, wie es in Strophe 4 imaginiert wird, ist ein unruhiges, unstetes Leben. Todesgefahr begleitet dieses Leben. Hier taucht der Todeswunsch schon indirekt auf, der dann in Strophe 5 direkt ausgesprochen wird.</p>

<p>Das Vergessen wird so nicht erreicht. Das lyrische Ich sehnt sich letztlich nach Erl&#246;sung. F&#252;r diese Erl&#246;sung steht das „still!“ als letztes Wort des Gedichts.</p>

<p>Eichendorffs „Das zerbrochene Ringlein“ ist Ausdruck der hohen Kunst der Lyrik: Inhalt und Form sind ineinander verwoben, spiegeln sprachm&#228;chtig und doch in einfachen Worten eine ganze Seelenlage in 20 kurzen Versen wider, die auch einen heutigen Leser in sich hinein ziehen k&#246;nnen.</p>

<p>Das so einfach wirkende Gedicht ist komplex. Und auch die gerade noch unterstellten „einfachen Worte“ wirken nur einfach, denn zumindest im ersten Vers taucht mit der Formulierung „In einem k&#252;hlen Grunde“ gehobene Sprache auf. Gemeint ist ein k&#252;hles Tal, in der die M&#252;hle steht. Und selbst dieses Bild, das „k&#252;hl“ und „Grunde“ kombiniert, kann, so sehr es als Ortsbeschreibung daher kommt, bereits als Zusammenfassung der Gef&#252;hle des lyrischen Ichs betrachtet werden. Vom „k&#252;hlen Grunde“ ist es nicht weit zur inneren K&#252;hle, die jemand versp&#252;rt, der am Abgrund steht oder aus der Tiefe des Tals den Blick nur bis zu dessen Begrenzungen schweifen lassen kann und so keinen Horizont sieht, keine Perspektive f&#252;r das eigene Leben mehr erkennen kann, eine Vorausdeutung, die aber erst vom Ende des Gedichtes her zu erkennen ist. Und so schlie&#223;t sich das „Rad“ dieses Gedichtes, so treten Ende und Anfang das Gedichts in Verbindung und bilden wohl eine der sch&#246;nsten, traurigsten und nachvollziehbarsten Dichtungen &#252;ber das so oft besungene Thema des Leidens an zerbrochener Liebe. Und entsprechend wurde das Gedicht auch rezipiert: Heute ist es als Volkslied bekannt.</p>

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		<title>M&#252;ndlichkeit: Die vernachl&#228;ssigte Seite der Sprachkompetenz?</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Apr 2010 15:53:17 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Zwei Mal wurde mir gegen&#252;ber in den vergangenen Tagen offen das Problem angesprochen, dass es schwer f&#228;llt, gesprochenen Gedankeng&#228;ngen so zu folgen, wie dies bei geschriebenen der Fall ist. Zun&#228;chst kam ein <a href="http://konzeptblog.joachim-wedekind.de/?p=450" target="_blank">Blogeintrag von Joachim Wedekind zu diesem Thema</a>, in dem er seine Beobachtung festh&#228;lt, dass es immer mehr A/V-Beitr&#228;ge im Netz gebe (z. B. YouTube, Vimeo, Audioboo). Wedekind hat damit ein Problem:</p>

<blockquote>„Nach jahrelanger Praxis kann ich schriftliche Dokumente relativ schnell  &#252;berfliegen, auf Relevanz f&#252;r mich &#252;berpr&#252;fen, Argumentationsstr&#228;nge  nachvollziehen und bei Bedarf Passagen exzerpieren oder speichern. Bei  den Audio- und Video-Beitr&#228;gen kann ich das nicht. Da bin ich gezwungen,  alles von vorne bis hinten anzuh&#246;ren/anzusehen; wenns wirklich wichtige  Passagen sind wom&#246;glich mitschreiben. F&#252;r mich widerspricht das dem  schnellen Medium.“</blockquote>

<p>Au&#223;erdem findet sich eine Reaktion auf <a href="http://herrlarbig.de/2010/04/06/bildung-zwischen-ideologie-und-sachlichkeit/" target="_blank">meinen zuletzt ver&#246;ffentlichten Audiobeitrag</a> zur Frage, wie sachlich die Bildungsdiskussion in Deutschland abl&#228;uft, im Blog „Kreide fressen“. <a href="http://wordpress.blokey.de/2010/04/10/mangelndes-rationales-potential" target="_blank">Dort hei&#223;t es zu dem Audiobeitrag</a>:</p>

<blockquote>„Komplexe Kiste und nur schwer zu diskutieren, weil Herr Larbig sich  entschieden hat, seine These als Audio-Boo zu ver&#246;ffentlichen, was das  Diskutieren m&#252;hsam macht und dazu f&#252;hrt, dass ich dreiviertelfertige  Kommentare in den Orkus banne.“</blockquote>

<p>Ich kenne das Problem, das in diesen zwei R&#252;ckmeldungen angesprochen wird, aus eigenen Erfahrungen, insbesondere deshalb, weil ich leidenschaftlicher Radioh&#246;rer bin und auch Podcasts in nicht unerheblicher Menge abonniert habe, in denen es um Inhalte geht, die durchaus einiges an Konzentration und Mitdenken verlangen. Auch ich h&#246;re mir diese viel zu h&#228;ufig einfach nur an, schreibe nicht mit und mache dann auch die Erfahrung, dass es gar nicht so leicht ist, alleine auf der Basis des H&#246;rens angemessen mit den geh&#246;rten Gedankeng&#228;ngen umzugehen. Das gelingt nur, wenn ich mitschreibe, einzelne Passagen wiederholt h&#246;re, wichtige Zitate notiere etc.</p>

<p>Das Mitschreiben ist f&#252;r mich aber auch schon dann effektiv, wenn ich relativ knappe Notizen anfertige oder diesen die Form einer Mindmap gebe, mit der ich dann im Nachhinein die Struktur des Gesagten und ausgef&#252;hrte Inhalte meist ganz gut rekonstruieren kann.</p>

<p>Doch wenn ich auf einen solchen Beitrag reagieren will, ist es damit meist nicht getan, vor allem dann nicht, wenn ich auf einen Audiobeitrag schriftlich reagiere. Das h&#228;ngt mit der Erwartungshaltung zusammen, die ich selbst an geschriebene Texte habe: Da soll zitiert und nicht nur wiedergegeben werden, was mir „irgendwie“ in Erinnerung geblieben ist. Wenn ich m&#252;ndlich reagiere, ist dieser Selbstanspruch ein wenig geringer  – und es wird sehr schnell erfahrbar, ob ich 1. richtig geh&#246;rt und 2. einen Beitrag angemessen verstanden habe. – Auf Tagungen l&#228;uft Kommunikation in aller Regel m&#252;ndlich ab – und dort hat sich bislang kaum jemand beschwert, wenn ein Beitrag nicht schriftlich vorgelegt wurde. Interessant, dass dies bei entsprechenden m&#252;ndlichen Beitr&#228;gen, die im Internet ver&#246;ffentlicht werden, anders ist; interessant, dass im Rahmen eines multimedial ausgerichteten Mediums bei bestimmten Inhalten dann offensichtlich doch nach wie vor die schriftliche Form bevorzugt wird.</p>

<p>Auf Tagungen ist das Problem eher umgekehrt. Joachim Wedekind beschreibt es <a href="http://konzeptblog.joachim-wedekind.de/?p=450" target="_blank">in einem Kommentar zu seinem oben zitierten Artikel</a> wie folgt:</p>

<blockquote>„Ich erinnere mich an einen Vortrag, bei dem der Redner den Vorwurf, man  k&#246;nne seinem (abgelesenen) Vortrag wohl kaum folgen, konterte mit dem  Hinweis, sein Gedankengang sei so kompliziert, dass er ihn selber  ablesen m&#252;sse.“</blockquote>

<p>Gerade hier wird f&#252;r mich sehr deutlich, dass wir uns bei schriftlichen und m&#252;ndlichen Formen des Ausdrucks auf zwei mit v&#246;llig unterschiedlichen Anforderungen verbundenen Kommunikationsebenen bewegen.</p>

<p>Abgelesene Vortr&#228;ge sind (auch f&#252;r mich) in der Regel unertr&#228;glich, weil ich den Text dann doch besser selbst lese, statt ihn mit all seinen fein gegliederten und komplexen Gedankeng&#228;ngen in einer Art vorgetragen bekomme, die der Informationsverarbeitung beim Zuh&#246;ren absolut nicht entspricht – es sei denn, der vorbereitete Text ist ein Sprechtext, der die Bed&#252;rfnisse der Zuh&#246;rens ernst nimmt und an diese angepasst ist. Das „<a href="http://www.google.de/search?hl=de&amp;client=firefox-a&amp;hs=2gJ&amp;rls=org.mozilla%3Ade%3Aofficial&amp;q=%22Schreiben+f%C3%BCrs+Sprechen%22&amp;meta=&amp;aq=f&amp;aqi=&amp;aql=&amp;oq=&amp;gs_rfai=" target="_blank">Schreiben f&#252;rs Sprechen</a>“ ist etwas ganz anderes, als das „Schreiben f&#252;rs Lesen“. Und noch einmal anders ist es, wenn jemand versucht, seine Gedanken zu einem Thema (weitgehend) ohne Notizen m&#252;ndlich darzustellen.</p>

<p>Gerade diese letzte F&#228;higkeit (Kompetenz) erscheint mir der eigentliche Knackpunkt zu sein, um zu erfahren, ob ich oder jemand anderes ein Thema oder einen Inhalt so verarbeitet hat, dass m&#252;ndlich sinnvoll und in einer gewisser Strukturiertheit mit dem Thema / Inhalt umgegangen werden kann. In der Schriftlichkeit kann ich mich dabei viel zu leicht hinter (schnell mal heraus gesuchten) Zitaten oder „auswendig“ gelernten Formulierungen verstecken, w&#228;hrend im m&#252;ndlichen Sprachgebrauch nur die Zitate verf&#252;gbar sind, auf die ich schnell zugreifen kann, die vielleicht sogar in der Erinnerung angekommen sind. Au&#223;erdem f&#228;llt es viel schwerer, auswendig gelernte Versatzst&#252;cke angemessen in die Darstellung zu integrieren. Kurz: Wer sich frei zu einem Thema &#228;u&#223;ern muss, l&#228;sst sehr schnell erkennen, was angekommen ist und verstanden wurde.</p>

<p>Als Lehrer f&#228;llt mir zudem auf, dass Unterricht, bei allen Visualisierungen, Verschriftlichungen etc., ein sehr stark m&#252;ndlich gepr&#228;gtes Geschehen ist, dessen Ergebnisse interessanterweise weitgehend in schriftlichen Leistungsnachweisen &#252;berpr&#252;ft werden. Entsprechend stellt sich f&#252;r mich die Frage, wie eine solche M&#252;ndlichkeit gelingen kann. Interessant finde ich dabei auch, dass ich zum Teil von Lehrenden die R&#252;ckmeldung bekam, wie schwer es sei, gesprochenen Inhalten zu folgen und wie viel leichter da doch der gewohnte und scheinbar viel besser einge&#252;bte Umgang mit schriftlich fixierten Texten falle.</p>

<p>Dabei geht mit der F&#228;higkeit der m&#252;ndlichen Darstellung komplexer Inhalte immer auch die Notwendigkeit einer entsprechenden H&#246;rkompetenz einher, eine Kompetenz, die im Lehrberuf von zentraler Bedeutung ist, da Lehrende gerade im Bereich des H&#246;rens auf m&#252;ndliche &#196;u&#223;erungen im Unterricht besonders gefordert sind (was auch f&#252;r Lernende in solchen Zusammenh&#228;ngen gilt), da diese m&#252;ndlichen &#196;u&#223;erungen f&#252;r den gemeinsamen <em>Denk</em>zusammenhang, was der Unterricht f&#252;r mich idealerweise ist, wichtig sind.</p>

<p>Und damit d&#252;rften dann alle Gr&#252;nde genannt sein, warum ich mich zur Zeit wieder einmal st&#228;rker mit der gesprochenen Sprache im Kontext von Inhalten befasse: Es handelt sich schlicht um einen eigenen Bereich der Ausdrucks- und Rezeptionsf&#228;higkeit, der mir, gerade in wissenschaftlichen Zusammenh&#228;ngen, oft viel zu wenig reflektiert scheint oder, wo er doch reflektiert ist, als nur schwer mit der Komplexit&#228;t der zu vermittelnden Inhalte kompatibel erscheint, so dass es dann vielleicht wider besseren Wissens doch wieder auf gesprochene Lesetexte hinausl&#228;uft, wenn ein Vortrag zu halten ist, der dann die Zuh&#246;renden, selbst wenn sie noch so kompetente Zuh&#246;rer sind, v&#246;llig &#252;berfordert.</p>

<p>Ich erlebte selbst einmal einen Vortrag, den ich hier als Extrembeispiel gerade erinnere: Ein Philosophieprofessor hielt einen 90 Minuten langen Vortrag, der in etwa zur H&#228;lfte aus nicht &#252;bersetzten lateinischen Zitaten bestand, sodass selbst die f&#228;higsten Lateiner im Raum jeglichen Anschluss an den Gedankengang verloren haben.</p>

<p>Wenn ich zur Zeit also sehr viele Audiobeitr&#228;ge h&#246;re, viel bewusster h&#246;re, als noch vor ein paar Wochen, versuche ich damit, meine eigene Auffassungsgabe, die F&#228;higkeit des sinnerfassenden H&#246;rens (als &#196;quivalent zu dem sinnerfassenden Lesen, wie es z. B. bei den PISA-Studien immer wieder verlangt wird) weiter zu entwickeln.</p>

<p>Gleiches gilt f&#252;r meine in den vergangenen Wochen in deutlich umfangreicherer Zahl entstandenen Audioaufnahmen, von denen ich einige auch im Netz und in diesem Blog zur Verf&#252;gung stelle.</p>

<p>Es ist au&#223;erdordentlich anspruchsvoll, (weitgehend / in den allermeisten F&#228;llen) ohne schriftliche Notizen einen Audiobeitrag zu einem Thema, einem Inhalt zu erstellen. Oft bedarf es (noch?) mehrerer Anl&#228;ufe (da ich die Beitr&#228;ge nat&#252;rlich auch nicht in einer Schnittsoftware nachbearbeite(n will).) Oft merke ich beim ersten Anlauf, dass ich mir noch ein paar Gedanken zu einem Thema machen muss, bevor ich frei sprechend damit umgehen kann. Kurz: Audiobeitr&#228;ge zu Themen, die frei gesprochen sein sollen, sind f&#252;r mich selbst zu einem Evaluationsinstrument geworden, ob ich einen Inhalt so verstanden habe, dass ich frei mit ihm umgehen kann oder nicht.</p>

<p>Die damit verbundene M&#252;ndlichkeit ist aber kein „R&#252;ckfall“ in Zeiten, in denen aus Ermangelung der M&#246;glichkeit zu schriftlichen &#196;u&#223;erungen, die Gesellschaft eine von M&#252;ndlichkeit gepr&#228;gte Gesellschaft war. Die Basis von allem ist interessanterweise selbst dort, wo ich mich mit m&#252;ndlichen Ausdrucksformen befasse, letztlich doch immer ein Bezug zur Schrift.</p>

<p>Was ich jedoch als Verlust empfinde, dem ich nun entgegen zu arbeiten versuche, ist mein Eindruck, dass die Kunst des Zuh&#246;rens und die Kunst des Sprechens im Kanon der „Kompetenzen“ eher eine untergeordnete Rolle zu spielen scheinen, obwohl sie, &#252;ber die Auseinandersetzung mit Inhalten hinaus, in der allt&#228;glichen Kommunikation eine zentrale Rolle spielen. Misslingt Alltagskommunikation vielleicht auch deshalb so oft, weil die daf&#252;r notwendigen F&#228;higkeiten des Sprechens / Erz&#228;hlens und des Zuh&#246;rens oft nur rudiment&#228;r geschult sind?</p>

<blockquote>Ja, auch zu den Fragestellungen dieses Beitrags, habe ich k&#252;rzlich einen Audiobeitrag erstellt, den ich hier f&#252;r alle Interessierten auch noch anf&#252;ge:

</blockquote>

<p><strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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		<title>Vergiss alles – oder: Vom literarischen Schreiben</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Mar 2010 21:34:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der hier ver&#246;ffentlichte Text ist bereits im Jahr 2001 entstanden – und ist mir vor einiger Zeit bei einer Suchabfrage auf meinem Computer wieder begegnet. Sch&#246;n, was sich alles &#252;ber die Jahre erh&#228;lt, wenn nur flei&#223;ig und regelm&#228;&#223;ig Daten gesichert &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2010/03/09/vergiss-alles-oder-vom-literarischen-schreiben/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Der hier ver&#246;ffentlichte Text ist bereits im Jahr 2001 entstanden – und ist mir vor einiger Zeit bei einer Suchabfrage auf meinem Computer wieder begegnet. Sch&#246;n, was sich alles &#252;ber die Jahre erh&#228;lt, wenn nur flei&#223;ig und regelm&#228;&#223;ig Daten gesichert werden. </em></p>

<p><em>Ich habe den Text leicht &#252;berarbeitet, aber in seinen Grundz&#252;gen unver&#228;ndert gelassen. Auch wenn sich meine Einstellung gegen&#252;ber der Handschrift seit 2001 deutlich ge&#228;ndert hat: Nach wie vor gefallen mir die Gedanken, die hier in einen kurzen Prosatext Einzug gefunden haben. – Da ich gegenw&#228;rtig selbst auch in der Rolle des »Trainers« in Sachen </em><em>»Kreatives Schreiben« unterwegs bin, habe ich mich entschlossen, diesen Text nun auch im Rahmen meines Blogs verf&#252;gbar zu machen. Das Urheberrecht des Textes liegt, wie bei allen Texten hier, so nicht anders gekennzeichnet, bei Torsten Larbig.
</em></p>

<hr />

<p>»Vergessen sie alles, damit sie sich endlich erinnern k&#246;nnen.«</p>

<p><span>So hatte Elise mit mir gesprochen. Da stand sie vor mir, mitten im Wald. Um uns nur die kahlen B&#228;ume, auf dem Boden lagen noch die braunen Bl&#228;tter, raschelten, knisterten unter unseren F&#252;&#223;en. Und vor uns dieser kurze Wegabschnitt, der von Nadelb&#228;umen ges&#228;umt war, zwischen denen der Weg ins Dunkel hineinf&#252;hrte. </span></p>

<p><span>In dem Schweigen um uns her, verstand ich nicht, was sie mir sagen wollte. Und sie bemerkte dies sofort – es war, als k&#246;nne man vor Elise keine Geheimnisse haben. </span></p>

<p><span>»Sie k&#246;nnen es vielleicht noch nicht verstehen, weil sie noch nie wirklich versucht haben einen Text zu schreiben. – Werfen sie den alten Kugelschreiber in den M&#252;ll, besorgen sie sich  einen tragbaren Computer, lernen sie, blind zu schreiben, schlie&#223;en sie dann ihre Augen und schreiben sie ihre Bilder auf. Glauben sie mir, es wird alles anders werden f&#252;r sie. Wenn sie sich dann aber zu sehr erinnern, dann kommt nichts brauchbares dabei heraus.« </span></p>

<p><span>Ich war dabei, ihr ins Wort zu fallen, ihr mit einer Verteidigungsrede f&#252;r die Handschrift den Wind aus den Segeln zu nehme, aber sie fuhr einfach fort. </span></p>

<p><span>»Was soll das Klammern an altem, wenn es f&#252;r unsere Zwecke bessere Hilfsmittel gibt. Sven, sie sind so jung und schon so konservativ. H&#246;ren sie mir einfach weiter zu. Ich will ja nicht, dass sie die Intensit&#228;t aus dem Schreiben heraus nehmen. Ich will, dass ihre Texte endlich intensiv werden. Also: Setzen sie sich blind an den Computer und schreiben sie die Bilder, die sie sehen. Versetzen sie sich in Landschaften, die sie gesehen haben. Aber bleiben sie nicht zu sehr bei der Wahrheit. F&#252;gen sie hinzu, was sie sehen, machen sie es wie beim Tr&#228;umen. Da sehen sie auch bekannte R&#228;ume, aber ist ihnen schon mal aufgefallen, dass die immer irgendwie anders sind, als sie sie aus der Realit&#228;t kennen? So m&#252;ssen sie schreiben. Stellen sie sich Menschen so wirklich wie nur irgend m&#246;glich vor. Und vergessen sie nie, dass sie eine Geschichte schreiben und nicht etwa Tagebuch. Obwohl…«, sie z&#246;gerte, »ein wenig hat es schon von Tagebuch schreiben – und ist doch ganz anders. Aber ich will ihr Unwohlsein gegen&#252;ber dem Vergessen noch ein wenig st&#228;rker machen.« </span></p>

<p><span>Da kam dieses Gef&#252;hl wieder hoch, diese Unsicherheit, als ob da ein Mensch anhebt, etwas f&#252;r mich ganz wichtiges zu sagen, das ich eigentlich gar nicht h&#246;ren wollte. Aber sie lie&#223; sich nicht beirren. </span></p>

<p><span>»Ich wei&#223;, sie arbeiten seit Jahren am Thema ›Ged&#228;chtnis‹. Darum geht es hier auch gar nicht – zumindest nicht so, wie sie sich das denken. Ich meine nur: Verwechseln sie ›Erinnerung‹ nicht mit Faktenwissen. Sie m&#252;ssen keinen Lexikonbeitrag schreiben, was sie da planen ist ein Roman!« </span></p>

<p><span>Mein Blick fiel auf das Moos an den B&#228;umen. Immer an einer Seite der St&#228;mme hatte sich eine dicke Moosschicht gebildet. <em>Da kommt wohl der Regen am h&#228;ufigsten her</em> dachte ich, als ich pl&#246;tzlich aufschreckte und merkte, dass Elise stehen geblieben war und mich anschaute. </span></p>

<p><span>Ich f&#252;hlte mich bei einer Unaufmerksamkeit ertappt. Aber das schien sie gar nicht zu st&#246;ren. Unbeirrt fuhr sie fort. »Vergessen sie endlich all ihr angelerntes Wissen und schreiben sie einen Roman. Oder ist ihnen noch nie aufgefallen, wie gef&#252;hllos ihre Texte sind. Sie beschrieben wunderbar, aber in einer Art, die f&#252;r einen Reisef&#252;hrer besser geeignet ist als f&#252;r einen Roman. Vergessen sie alles und erinnern sie sich – mit ihren Sinnen. Erz&#228;hlen sie, wie sie es in M&#228;rchen finden. Schreiben sie Texte, die weniger eine Realit&#228;t behaupten als vielmehr Texte, die die M&#246;glichkeit einer Realit&#228;t darstellen.« </span></p>

<p><span>So hatte ich mir ein Schreibseminar eigentlich nicht vorgestellt. Ich hatte mich darauf gefreut, endlich an meiner Technik weiter feilen zu k&#246;nnen – und nun kommt diese Elise daher und will mir etwas von ›Sinnen‹ und von ›M&#228;rchen‹ erz&#228;hlen. </span></p>

<p><span>»Wissen sie Sven, ich w&#252;nschte mir, endlich mal einen Roman zu lesen, der nur von Nebens&#228;chlichkeiten handelt. Verstehen sie mich richtig, von Neben-S&#228;chlichkeiten! H&#246;ren sie auf, Sachen zu schreiben. Das will doch keiner Lesen, der nicht allzu masochistisch in seinem Umgang mit Literatur ist. Schreiben sie Bilder der Gef&#252;hle, die mit den Sachen verbunden sind. Erinnern sie sich weniger an die Fakten als an die Gef&#252;hle, die in den Situationen, die sie schreiben, mit den Sachen verbunden sind. Oder wollen sie zum x-ten Male den Satz verwenden, mit dem in schlechten Filmen der eine zur anderen sagt, dass er sie liebt? Setzen sie der Flut von W&#246;rtern Bilder entgegen. Versinken sie – wie ein Maler in sein Bild –  in ihren Text. Setzen sie da einen Pinselstrich an, nehmen sie da die eine Farbe, und dort eine andere. Bringen sie Schatten und Perspektive in ihren Text und machen sie nichts langweiliges mehr. Schreiben sie keine Texte, die sie langweilen, sondern nur solche, die sie selber gerne lesen m&#246;chten. Sind das etwa Texte, in denen ein wunderbar nachrecherchiertes Faktum neben dem andern steht? Sieht so das Leben aus, das sie Tag f&#252;r Tag erleben? Nein Sven, ihr Leben setzt sich vor allem aus Gef&#252;hlen zusammen. Und erst wenn sie diese in einen Text bringen, beginnt er zu leben.« </span></p>

<p><span>Und damit verfiel sie f&#252;r den Rest unseres Spaziergang ins Schweigen. Eigentlich war das gerade die Stunde meiner Einzelkritik bei Elise. Und sie war die erste, die sie nicht nutzte, um meine Arbeitsproben Wort f&#252;r Wort auseinander zu nehmen, jedes Detail nach seinem Platz im Text zu befragen. Als ich in ihr Zimmer kam, legte sie ein Buch zur Seite, nahm ihren Mantel und sagte nur, dass ich auch meinen Mantel holen solle und sie mich in f&#252;nf Minuten am Eingang des Tagungshauses erwarte. Irritiert, doch ohne Widerworte, ging ich also in mein Zimmer zur&#252;ck, zog meine Jacke und die Turnschuhe an, die ich eigentlich immer trug, wenn ich drau&#223;en unterwegs war und ging zum Eingang, wo sie tats&#228;chlich schon auf mich wartete. »Kommen sie«, war alles, was sie da sagte und dann hielt sie mir diesen Vortrag &#252;ber das Schreiben und das Vergessen und das Erinnern mit den Sinnen. Und jetzt, nach kaum der H&#228;lfte der vereinbarten Zeit f&#252;r die Einzelkritik verfiel sie einfach so ins Schweigen. </span></p>

<p><span>Sie ging jetzt auch schneller, viel schneller, als ich es von einer so alten Frau erwartet h&#228;tte. Die musste doch mindestens schon siebzig sein. </span></p>

<p><span>Das Knistern, der durch unsere Fu&#223;tritte zerbrechenden Bl&#228;tter drang mit einer ungewohnten Lautst&#228;rke in meine Ohren, der Magen hatte sich an seine Gef&#252;hle erinnert, die immer dann hochkamen, wenn ich mich von einem Lehrer ertappt f&#252;hlte oder wenn ich mit einer schlechten Klassenarbeit nach Hause gehen musste. </span></p>

<p><span>In leichten Serpentinen f&#252;hrte der Weg wieder hinunter ins Tal. Ich war den Weg in den vergangenen f&#252;nf Tagen schon ein paar Mal gegangen, aber diese Intensit&#228;t versp&#252;rte ich noch nie. Wir hatten gerade wieder eine Kurve hinter uns gelassen, da tauchten vor uns die Wiesen auf, die sich direkt an den Wald anschlossen. Zwei Pferde liefen da und auf einer anderen Weide grasten Schafe neben einem alten, morsch wirkenden Holzstall. Dazwischen schl&#228;ngelte sich der flache, aber mit viel Wasser sehr laute Bach, der dem Tal den Namen gegeben hatte. Wutachtal. Aber &#252;ber diesen Namen hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht. Die waren jetzt eher beim letzten St&#252;ck des Weges, der &#252;ber eine anstrengende Steigung zur&#252;ck in das Tagungshaus f&#252;hrte, das in einem alten Kloster untergebracht war. Ob Elise dieses St&#252;ck schaffen w&#252;rde oder ob da ihr Alter endlich mal zum Vorschein k&#228;me. Als ob ich es nicht ertragen konnte, dass eine solche Frau mir etwas sagte, das ich sofort verstand und das mir dennoch Angst macht. Aber ohne ihre Schrittfrequenz zu verlangsamen sorgte sie nur daf&#252;r, dass <em>ich</em> au&#223;er Atem war, als wir das Tor in den Innenhof des Hauses durchquerten. Bislang hatte ich immer nur R&#252;ckmeldungen zur Technik meiner Texte bekommen. Dieses Mal stand ich da und wu&#223;te, dass es nicht mit ein paar Korrekturen handwerklicher Art getan war. Elise schien mich zwingen zu wollen, mit meinem Schreiben endlich anzufangen…</span></p>

<p style="text-align: right;"><span>© by Torsten Larbig 2001–2010
</span></p>

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		<title>Schm&#246;ker-Schnipsel: Vom Auswendiglernen</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Oct 2009 21:42:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Irgendwo in Frankfurt h&#228;ngen sie noch, jene Aufkleber, die zum letzten „Bildungsstreik“ in Frankfurt aufriefen. Dort steht: „Heute schon auswendig gelernt?“ Damit soll nat&#252;rlich gesagt werden, dass Bildung, die in Auswendiglernen bestehe, keine gute Bildung sein k&#246;nne. Und entsprechend m&#252;ssten &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2009/10/01/schmoeker-schnipsel-vom-auswendiglernen/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Irgendwo in Frankfurt h&#228;ngen sie noch, jene Aufkleber, die zum letzten „Bildungsstreik“ in Frankfurt aufriefen. Dort steht: „Heute schon auswendig gelernt?“ Damit soll nat&#252;rlich gesagt werden, dass Bildung, die in Auswendiglernen bestehe, keine gute Bildung sein k&#246;nne. Und entsprechend m&#252;ssten wir die gebildetsten Jugendlichen seit Menschengedenken auf ihren Lebensweg lassen.</p>

<p>Und dann kommt Daniel Pennac und schreibt in „<a href="http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/937916/" target="_blank">Schulkummer</a>“</p>

<blockquote>„Beim Auswendiglernen ersetze ich nichts, sondern f&#252;ge allem etwas hinzu.“</blockquote>

<p>Pennac singt ein Loblied des (richtigen) Auswendiglernens von Texten – und eben nicht nur oder vor allem Gedichten! Da stehen kurze Sentenzen von Woody Allen ebenso auf dem Programm, wie philosophische Texte. Jede Woche lernen seine Sch&#252;ler einen Text – und alle m&#252;ssen sie an jedem Tag vortragen k&#246;nnen. Und der Vortrag wird nat&#252;rlich benotet.</p>

<p>Ich geh&#246;re schon zu einer der Generationen, die im Deutschunterricht auf Kurzzeitged&#228;chtnis getrimmt wurden: Wir lernten in der Grundschule das letzte Gedicht auswendig. Dass wir so etwas im Gymnasium gemacht h&#228;tten, kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Und im Studium verlangte das sowieso keiner.</p>

<p>Wenn ich es wie Pennac machen w&#252;rde – was k&#228;me dabei heraus? Am Anfang vielleicht Protest. Anschlie&#223;end gelangweilte Ergebenheit. Es k&#228;me erst einmal nichts dabei heraus, das nicht ein extrem hohes Durchhalteverm&#246;gen erfordete.</p>

<p>Wann haben Sch&#252;ler denn auch Zeit zum Lernen? Nach mittlerweile bis 18 Uhr reichende Schultage in Deutschland – und das schlie&#223;t nicht aus, dass man dennoch schon zur ersten Stunde anwesend sein musste, um dann durch den Unterricht und vor allem die Freistunden zu kommen. Vielleicht bleibt noch Zeit f&#252;r einen Verein, ein Instrument – aber Hausaufgaben… Ich kann gut nachvollziehen, dass daf&#252;r oft keine Zeit bleibt oder aber die Zeit, in der sie gemacht werden, verlorene Zeit ist, da von der verf&#252;gbaren Konzentration da oft nichts mehr &#252;brig bleibt. Und dann auch noch was auswendig lernen?</p>

<p>Pennac beschreibt solche Reaktionen selbst. Er beschreibt aber auch, wie viel ist davon gesch&#246;nt oder ist er wirklich so motivierend?, dass sich die Haltung der Sch&#252;ler und Sch&#252;lerinnen zum Auswendiglernen im Laufe der Zeit ver&#228;nderte und sie sogar mit den gelernten Texten spielten, die ihnen wohl in Fleisch und Blut &#252;bergangen sein m&#252;ssen.</p>

<p>Jede Woche einen Text auswendig lernen? Das klingt extrem mechanisch.</p>

<p>Warum aber bedauere ich es dann, dass ich nicht selbst in einer solchen Kultur aufgewachsen bin, in der ich lernte, mir Sprache inwendig zu machen, Gedanken anderer so mir selbst zu eigen zu machen, dass ich sie nicht nur als schemenhafte Erinnerung, sondern w&#246;rtlich zur Verf&#252;gung habe?</p>

<p>Zugegeben: An Gedichten habe ich mich immer wieder probiert. Aber an „normalen“ Texten? Gedichte liegen ein paar in meinem Gehirn, doch selbst das Studium hat mich nicht mit den Texten und ihrer Sprache als solchen in Ber&#252;hrung gebracht, sondern immer nur mit dem Erfassen der Gedanken, die sprachlich &#252;bermittelt werden. Und selbst ein Professor, der hunderte Texte auswendig konnte, hat dies von uns nie eingefordert, sondern sprach immer nur &#252;ber die Texte. Welche Sch&#246;nheiten der Sprache wurden so von uns zerpfl&#252;ckt!</p>

<p>Nun: Eine Voraussetzung m&#252;ssen Texte allerdings haben, die auswendig gelernt werden sollen: Es geht nicht um das Auswendiglernen als solches, es m&#252;ssen relvante Texte sein. Ein relevanter Text(ausschnitt) pro Woche, mehr muss es gar nicht sein. Keine sinnlosen Gedichte, keine zweitrangigen Texte oder solche, die didaktisch aufbereitet pr&#228;sentiert werden. Einfach nur Texte, die vom Papier in das Gehirn bef&#246;rdert werden und k&#246;rperlich als Wissen verf&#252;gbar werden. – Mehr muss es gar nicht sein. Aber weniger war es viel zu lang.</p>

<p>Ich schaue bei solchen &#220;berlegungen gerne auf Sportler. Es ist doch &#252;berraschend, wie viel auch Jugendliche im Sportbereich zu tun bereit sind. St&#228;ndig werden gleiche Bewegungsabl&#228;ufe trainiert, st&#228;ndig bringen sie sich an die Grenze ihrer Leistungsf&#228;higkeit, st&#228;ndig sind sie im Wettbewerb. Doch viele von ihnen sind nicht bereit, st&#228;ndig die gleichen S&#228;tze zu trainieren, st&#228;ndig vor neuen sprachlichen Herausforderungen zu stehen und dabei auch st&#228;ndig im Wettbewerb zu stehen.</p>

<p>Und so lautet mein Schm&#246;ker-Schnipsel heute dann auch:</p>

<blockquote>„Beim Auswendiglernen ersetze ich nichts, sondern f&#252;ge allem etwas hinzu.“</blockquote>

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		<title>Das gedruckte Buch ist nicht am Ende</title>
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		<pubDate>Mon, 18 May 2009 13:07:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Und wieder einmal wird das Ende des gedruckten Buches angek&#252;ndigt, dieses Mal in der Zeit vom 23.04.2009 von J&#252;rgen Neffe: „Die &#196;ra des gedruckten Buches geht zu Ende.“ via Kulturwandel: Die &#196;ra des gedruckten Buches geht zu Ende &#124; Kultur &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2009/05/18/das-gedruckte-buch-ist-nicht-am-ende/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Und wieder einmal wird das Ende des gedruckten Buches angek&#252;ndigt, dieses Mal in der Zeit vom 23.04.2009 von J&#252;rgen Neffe:</p>

<blockquote>„Die &#196;ra des gedruckten Buches geht zu Ende.“

via <a href="http://www.zeit.de/2009/18/L-Buch?page=all" target="_blank">Kulturwandel: Die &#196;ra des gedruckten Buches geht zu Ende | Kultur | Nachrichten auf ZEIT ONLINE</a>.</blockquote>

<p>Anlass zu dieser Behauptung ist das Erscheinen von E-Book-Readern in Deutschland, die es m&#246;glich machen, B&#252;cher in digitaler Form endlich einigerma&#223;en lesbar zu bekommen und im Prinzip in der Lage sind, ganze Bibliotheken auf kleinstem Raum verf&#252;gbar zu halten.</p>

<p>Es mag ja sein, dass sich das Buch nun, wie die Schallplatte von Vinyl zu MP3, in der breiten Masse vom Papier zum E-Book verschieben k&#246;nnte, aber ist das das Ende der &#196;ra des gedruckten Buches?</p>

<p>Nein, ich fange jetzt nicht mit der bibliophilen Romantik und somit von der Haptik und dem Geruch von B&#252;chern an. Mein Argument ist pragmatisch: B&#252;cher halten l&#228;nger als Festplatten und k&#246;nnen auch dann noch gelesen werden, wenn sie l&#228;ngst vergessen und erst nach vielen Jahrzehnten wiederentdeckt werden. Digitale Speichermedien halten in dieser Hinsicht nicht mit und es m&#252;ssen st&#228;ndig neue Sicherungskopien angelegt und Dateiformate angeglichen werden. Kurz: Sollte jemand auf die Idee kommen, das gedruckte Buch abzuschaffen, sorgen wir selbst daf&#252;r, dass sehr viele Zeugnisse unserer Epoche in sehr kurzer Zeit verloren gehen werden, angefangen mit den Bildern (die schon heute meist nicht mehr als Abz&#252;ge vorliegen) &#252;ber allein digital produzierte und ver&#246;ffentlichte Musik bis eben hin zu Romanen, Gedichten und wissenschaftlichen Werken, die einfach vergessen werden, wenn sie nicht von Datentr&#228;ger zu Datentr&#228;ger den sich ver&#228;ndernden digitalen Anforderungen angeglichen werden.</p>

<p>Von Wegen: Das Netz vergisst nichts. Auf kurze Sicht mag das stimmen, auf lange Sicht sieht das ganz anders aus…</p>

<p>Das Problem zeigt sich schon heute: Wissen, das heute im Netz konstruiert wird, ob in Wikipedia oder in Blogs, ist kein Wissen, dessen Speicherung so abgsichert w&#228;re, dass es auch noch in hundert Jahren leicht zug&#228;nglich w&#228;re, wie das bei B&#252;chern heute &#252;berhaupt kein Problem ist. Und wer kann heute schon noch die Lochkarten der Computer aus den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts lesen? Selbst die <a href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/12/12538/1.html" target="_blank">Nasa hat hier Datenverluste</a> zu beklagen.</p>

<p>Irgendwann m&#252;ssen wir also beginnen, die uns wichtigen Erinnerungsst&#252;cke in die analoge Welt zur&#252;ck zu holen: Bilder und Webseitentexte ausdrucken, digital verbreitete E-Books wieder in Buchform binden und – ganz wichig – private E-Mails, die f&#252;r uns bedeutsam sind, ausdrucken und zumindest, wie fr&#252;her bei Briefen verbreitet, in einer Kiste sammeln.  Tun wir das nicht, k&#246;nnte unsere Zeit im R&#252;ckblick eine trotz der Massen an Information f&#252;r die Nachwelt zu einer „dunklen“ quellenarmen Zeit werden, insbesondere in Bezug auf das allt&#228;gliche Leben…</p>

<p>Eine &#220;bersicht der mit der digitalen Langzeitspeicherung verbundenen Probleme findet sich unter &#252;brigens unter <a href="http://www.payer.de/digitalebibliothek/digbib02.htm" target="_blank">http://www.payer.de/digitalebibliothek/digbib02.htm</a>.<strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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<li><a href="http://herrlarbig.de/2009/03/05/wissen-im-21-jahrhundert-did-you-know/" rel="bookmark" title="5. M&#228;rz 2009">Wissen im 21. Jahrhundert (Did you know?)</a></li>

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		<title>Wie fossiles Harz: Das Wort des Jahres</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Dec 2008 20:49:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Als »›verbale Leitfossilien‹ eines Jahres« bezeichnet die Gesellschaft f&#252;r deutsche Sprache in Wiesbaden das von ihr seit 1972 ausgew&#228;hlte »Wort des Jahres«. Ein Wort, das etwas von der Atmosph&#228;re und den zentralen Themen eines Jahres in sich birgt, wie Bernstein, &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2008/12/11/wie-fossiles-harz-das-wort-des-jahres/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als »›verbale Leitfossilien‹ eines Jahres« bezeichnet die <a href="http://www.gfds.de" target="_blank">Gesellschaft f&#252;r deutsche Sprache</a> in Wiesbaden das von ihr seit 1972 ausgew&#228;hlte »Wort des Jahres«. Ein Wort, das etwas von der Atmosph&#228;re und den zentralen Themen eines Jahres in sich birgt, wie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Bernstein" target="_blank">Bernstein</a>, der ein Insekt umschlossen und konserviert hat.</p>

<p>W&#246;rter, die wie fossiles Harz das Lebensgef&#252;hl eines Jahres in sich tragen. – Mir gef&#228;llt dieses Bild, weil die <a href="http://www.gfds.de/index.php?id=11" target="_blank">Liste, der W&#246;rter eines Jahres</a>, die seit 1971, regelm&#228;&#223;ig seit 1977, zwischen sechs und zehn W&#246;rter pro Jahr versammelt, mir tats&#228;chlich Bilder und Gef&#252;hle aus diesen Zeiten wieder lebendig und erinnerbar werden l&#228;sst.<span id="more-679"></span></p>

<p>So stehen bereits <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/1971" target="_blank">1971</a> die W&#246;rter »Umweltschutz« und »Umweltverschmutzung« auf der ersten Liste mit den W&#246;rtern des Jahres, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/1977" target="_blank">1977</a> wird der »<a href="http://www.de.wikipedia.org/wiki/Gro&#223;er_Lauschangriff" target="_blank">Lauschangriff</a>« genannt, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/1978" target="_blank">1978</a> taucht »die <a href="http://www.de.wikipedia.org/wiki/Die_Schl&#252;mpfe" target="_blank">Schl&#252;mpfe</a>« auf und weckt das Bild von »<a href="http://www.vaterabraham.de/" target="_blank">Vater Abraham</a>« bei der <a href="http://video.google.de/videosearch?q=ZDF-Hitparade&amp;ie=utf-8&amp;oe=utf-8&amp;rls=org.mozilla:de:official&amp;client=firefox-a&amp;um=1&amp;sa=X&amp;oi=video_result_group&amp;resnum=4&amp;ct=title#q=ZDF-Hitparade&amp;emb=0" target="_blank">ZDF-Hitparade</a>. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/1980" target="_blank">1980</a> ist das Wort des Jahres »<a href="http://www.bundesverfassungsgericht.de/pressemitteilungen/bvg06-040.html" target="_blank">Rasterfahndung</a>«, ein nahezu mickrig anmutendes Verfahren gegen&#252;ber der heute vor dem <a href="http://www.bundesverfassungsgericht.de/" target="_blank">Bundesverfassungsgericht</a> verhandelten »<a href="http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/rs20080311_1bvr025608.html" target="_blank">Vorratsdatenspeicherung</a>«.</p>

<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/1982">1982</a> wurde sowohl von der »<a href="http://www.de.wikipedia.org/wiki/Ellenbogengesellschaft" target="_blank">Ellenbogengesellschaft</a>« gesprochen, wie auch von der »<a href="http://www.ichwillspass.de/index2.htm" target="_blank">Neuen deutschen Welle</a>« und es gab damals eine »<a href="http://www.bundestag.de/geschichte/parlhist/streifzug/g1980/g1980_1.html" target="_blank">Wende</a>«. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/1983" target="_blank">1983</a>, ich erinnere mich noch gut an die st&#228;ndigen Nachrichten vom sauren Regen, steht dann »Waldsterben« auf Platz 4, ein Wort, mit heute kaum noch ein Jugendlicher etwas anfangen k&#246;nnen d&#252;rfte.</p>

<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/1985" target="_blank">1985</a> wurde das Wort »High-Tech« prominent, das Wort <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Glykolwein-Skandal" target="_blank">Glykol</a> erinnert an eine Weinskandal enormen Ausma&#223;es, <a href="http://www.dlr.de/desktopdefault.aspx/tabid-4548/125_read-2211/" target="_blank">D1</a> steht damals noch f&#252;r eine Weltraummission, und zum ersten Mal steht Aids auf der Liste!</p>

<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/1986" target="_blank">1986</a> war es nicht schwer zu erraten, welches Wort zum Wort des Jahres werden w&#252;rde: »<a href="http://video.google.de/videosearch?q=Tschernobyl&amp;ie=utf-8&amp;oe=utf-8&amp;rls=org.mozilla:de:official&amp;client=firefox-a&amp;um=1&amp;sa=X&amp;oi=video_result_group&amp;resnum=4&amp;ct=title#" target="_blank">Tschernobyl</a>«. Ein gruseliges Jahr, das da am 26. April 1986 begann: Man trank keine Milch mehr, Sandgruben waren verstrahlt, so dass wir uns im Sportunterricht weigerten, Weitsprung zu machen.</p>

<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/1987" target="_blank">1987</a> taucht zum ersten Mal ein Wort zum zweiten Mal in der Liste auf, dieses Mal auf Platz 1: Aids (zusammen mit Kondom). Langsam zeichnete sich das Ausma&#223; der Verbreitung der HI-Viren ab und ein Wort, das bis dahin kaum jemand auszusprechen vermochte, ohne Rot zu werden, wird durch gezielte Werbung gesellschaftsf&#228;hig gemacht.</p>

<p>Gesellschaftsf&#228;hig wurde damals auch der erste Schritt zur Lockerung des Ladenschlusses: Es wurde der »<a href="http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/geschichte/zeitgeschehen/index,page=1083786.html" target="_blank">Dienstleistungsabend</a>« eingef&#252;hrt, an dem Gesch&#228;fte bis 20 Uhr &#246;ffnen durften. Und dazwischen stehen die W&#246;rter »Molkepulver«, es handelte sich um verstrahltes Molkepulver in Folge von Tschernobyl, und »<a href="http://www.de.wikipedia.org/wiki/Ozonloch " target="_blank">Ozonloch</a>« (sic!) – <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/2007" target="_blank">2007</a> hatte sich dieses Wort bereits zur »<a href="http://www.angewandte-geologie.geol.uni-erlangen.de/klima1.htm" target="_blank">Klimakatastrophe</a>« gewandelt und wurde Wort des Jahres.</p>

<p>Und so geht es weiter: &#220;ber den Zusammenbruch der DDR und der sozialistischen Staatsform im Osten Europas, den ersten Irakkrieg <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/1991" target="_blank">1991</a> (»Kein Blut f&#252;r &#214;l«) und dem Aufweichen des Tabus von Auslandseins&#228;tzen der Bundeswehr (»Blauhelmeinsatz«) – im gleichen Jahr stehen aber auch die Worte »Fremdenhass« und »Rassismus« auf der Liste –, &#252;ber »Multimedia« (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/1995" target="_blank">1995</a> – Netscape bringt den Webbrowser auf den Markt) und »Bildungsmisere« (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/1997" target="_blank">1997</a> – Pisa-Schock folgt dann <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/2002" target="_blank">2002</a>) bis hin zu »Viagra«, dass 11 Jahre nach »Aids« auf der Liste auftaucht.</p>

<p>»SMS« taucht <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/http://de.wikipedia.org/wiki/2000" target="_blank">2000</a> auf, aber auch »<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/CDU-Spendenaff%C3%A4re" target="_blank">Schwarzgeldaff&#228;re</a>« und dem damit zusammenh&#228;ngenden »brutalstm&#246;glich«.</p>

<p>Wir kommen immer n&#228;her an die Gegenwart und die Bilder werden sch&#228;rfer, teilweise ein leises Erschrecken, dass bestimmte Ereignisse schon so lange her sind. Und so kommt dann das Jahr <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/2001" target="_blank">2001</a>, nach 1986 mit Tschernobyl wohl das schrecklichste Jahr, das ich bislang in Bezug auf die <a href="http://www.wer-weiss-was.de/theme143/article2066430.html" target="_blank">Zeitl&#228;ufte</a> bislang erlebt habe: »der 11. September« wird Wort des Jahres.</p>

<p>Von da an stehen mir die Jahre so klar vor Augen, dass ich nicht mehr gro&#223; &#252;berlegen muss, welche Erfahrungen sich in den einzelnen W&#246;rtern festgehalten worden sind. – <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/2008" target="_blank">2008</a> wurde nun also die »Finanzkrise« zum Wort des Jahres gew&#228;hlt, der »Datenklau« liegt auf Platz 3 und pl&#246;tzlich ist von einem »Bildungsfr&#252;hling« die Rede (Platz 9) gefolgt von »Yes, we can« (Platz 10)</p>

<p>W&#246;rter, die zu Erinnerungsworten werden, die in k&#252;rzester Form Ereignisse, Gef&#252;hlslagen und die ganze Welt betreffende Ereignisse in sich tragen, die wie Bernstein Insekten die in den Jahren umherschwirrenden Themen auf den Punkt bringen – das ist in den vergangenen 37 Jahren aus dem Wort des Jahres geworden.</p>

<p>Neben dem R&#252;ckblick, zu dem diese W&#246;rter einladen, fasziniert mich, wie einzelne W&#246;rter ganze Erinnerungsgeb&#228;ude beinhalten k&#246;nnen, als Ausgangspunkte ausf&#252;hrlicher Erz&#228;hlstr&#246;me dienen k&#246;nnen, zumindest, wenn sie mit intensiven Gef&#252;hlen verbunden werden bzw. durch ihre Pr&#228;senz tiefe Spuren im Ged&#228;chtnis hinterlassen haben, die alleine durch das Lesen der W&#246;rter wieder aktiviert werden.</p>

<p>Und so bin ich &#252;ber das Wort des Jahres pl&#246;tzlich beim Lernen. – Ohne gro&#223;e Anstrengung kann ich aus den meisten dieser W&#246;rter gr&#246;&#223;ere Sinnzusammenh&#228;nge reproduzieren. Die W&#246;rter des Jahres – und das macht f&#252;r mich ihren Wert aus – sind f&#252;r mich eine Art Leitfaden, an dem entlang ich gro&#223;e Teile der j&#252;ngsten Zeitgeschichte rekonstruieren kann. Und f&#252;r solche komplexen Zusammenh&#228;nge reichen diese paar W&#246;rter aus!</p>

<p>Vielleicht mag ich deshalb Wortsammlungen so sehr, wie sie in Mindmaps oder mit Hilfe anderer Methoden zur Vernetzung von Begriffen eingesetzt werden. Vielleicht mag ich deshalb die nicht hierarchisch aufgebauten Wissenverkn&#252;pfungen, wie sie digitale Technologien &#252;ber Kategorisierung und Verschlagwortung (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tag_(Informatik)" target="_blank">Tags</a>) erm&#246;glichen.</p>

<p>Worte sind neben Bildern f&#252;r die Erinnerung des Menschen (und sich erinnern ist nichts anderes, als sich etwas Gelerntes vergegenw&#228;rtigen zu k&#246;nnen – mit dem Einschlag der subjektiven Wahrnehmung) von zentraler Bedeutung. Die verantwortete und qualifizierte Erstellung von Wortlisten, wie sie von der Gesellschaft f&#252;r deutsche Sprache geleistet wird, ist ein wichtiger Beitrag f&#252;r die konkreten Erinnerungen und die grunds&#228;tzliche Erinnerungsf&#228;higkeit – nicht nur des Einzelnen, sondern einer ganzen Gesellschaft.<strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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