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	<title>herrlarbig.de &#187; Figuren</title>
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	<description>Bildungs-Neuron &#124; Lehrerblog &#124; Etc.</description>
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		<title>Lesekompetenz und Ausdrucksf&#228;higkeit – Beobachtungen</title>
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		<pubDate>Tue, 04 Oct 2011 19:47:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Beobachtung, dass Jugendliche oft Probleme beim den Sinn eines Textes erfassenden und interpretierenden (=verstehenden) Lesen haben, ist hinl&#228;nglich bekannt; die enge Verbindung schriftlicher Ausdrucksf&#228;higkeit mit der Lesef&#228;higkeit wird ebenso umfassend beschrieben. F&#252;r mich zeigen sich diese Ph&#228;nomene an folgenden &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2011/10/04/lesekompetenz-und-ausdrucksfahigkeit-beobachtungen/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Beobachtung, dass Jugendliche oft Probleme beim den Sinn eines Textes erfassenden und interpretierenden (=verstehenden) Lesen haben, ist hinl&#228;nglich bekannt; die enge Verbindung schriftlicher Ausdrucksf&#228;higkeit mit der Lesef&#228;higkeit wird ebenso umfassend beschrieben.</p>

<p>F&#252;r mich zeigen sich diese Ph&#228;nomene an folgenden Punkten (in unterschiedlicher Intensit&#228;t in den unterschiedlichen Altersstufen, aber in allen Altersstufen (10–19 Jahre) beobachtbar).<sup><a href="http://herrlarbig.de/2011/10/04/lesekompetenz-und-ausdrucksfahigkeit-beobachtungen/#footnote_0_1692" id="identifier_0_1692" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Ich erhebe hier nicht den Anspruch etwas Neues zu sagen oder eine empirisch unangreifbare Darstellung zu verfassen, sondern stelle im Rahmen dieses Blogs genau die Diskussionsgrundlage zur Verf&amp;#252;gung, die ein privates Blog zun&amp;#228;chst einmal schaffen kann. Dabei gehe ich aber dennoch davon aus, dass die hier beschriebenen Beobachtungen und meine &amp;#220;berlegungen zum Umgang mit den Ph&amp;#228;nomenen mehr als eine Privatmeinung sind.">1</a></sup>:</p>

<ul>
    <li>Beim Vorlesen von Texten<span id="more-1692"></span> werden &#252;berraschend h&#228;ufig sinntragende W&#246;rter entweder ausgelassen (ohne dass sich in allen F&#228;llen ein „Protest“ der mitlesenden Jugendlichen regen w&#252;rde) oder durch andere, grammatikalisch passende, den Sinn aber verschiebende, W&#246;rter ersetzt, ohne dass ich hierbei bislang ein klares Muster sehen k&#246;nnte. Dabei handelt es sich nicht um Jugendliche mit diagnostizierter Lese-Rechtschreib-Schw&#228;che.</li>
    <li>Arbeitsauftr&#228;ge, selbst in Klassenarbeiten und Klausuren, werden nicht vollst&#228;ndig rezipiert und wichtige Teile einer notwendigen Bearbeitung ausgelassen. Dabei beobachte ich, dass es viele Jugendliche gibt, die die ihrer Auffassung nach wichtigen Aufgabenteile (mit einem Textmarker) anstreichen und dann scheinbar die Textteile ausblenden, die ihnen nicht entgegen „leuchten“. Dieses Ph&#228;nomen gibt es auch beim Markieren von literarischen oder Sachtexten, sodass wesentliche Details in den Texten bei der weiteren Bearbeitung nicht weiter ber&#252;cksichtigt werden.</li>
    <li>Texte werden weitgehend auf den Inhalt hin gelesen, Hinweise auf den Kontext des Textes werden dabei au&#223;en vor gelassen. Das Erlernen der Ber&#252;cksichtigung formaler Textelemente als Teil der Voraussetzung eines angemessenen Verstehens von Texten f&#228;llt vielen Jugendlichen enorm schwer. Dementsprechend schwer f&#228;llt vielen Jugendlichen das „Interpretieren“. Interpretieren bezieht sich hier sowohl auf die m&#252;ndliche also auch auf die schriftliche Form der Erarbeitung von Textinhalten, die &#252;ber die reine Handlungs- bzw. Inhaltsebene hinausgehen.</li>
    <li>Die Ausdrucksf&#228;higkeit jenseits der Orthographie ist bei &#252;berraschend vielen Jugendlichen nicht sonderlich ausgepr&#228;gt. Vor allem in den Bereichen des Satzbaus, des Ausdrucks und der Grammatik beobachte ich eine deutliche Differenz zwischen dem Wissen &#252;ber die jeweiligen Regeln und der F&#228;higkeit, diese f&#252;r eigene Texte fruchtbar werden zu lassen.</li>
    <li>Immer wieder sto&#223;e ich auf in meinen Augen einfache W&#246;rter, die im Wortschatz der Jugendlichen bislang keinen Platz gefunden haben. In eine &#228;hnliche Richtung geht meine Beobachtung, dass die Herleitung von Ableitungen aus W&#246;rtern, die bekannt sind oder aus dem Sinnzusammenhang eines Textes, h&#228;ufig erst dann funktioniert, wenn auf den Zusammenhang hingewiesen wurde. Die Nutzung vorhandenen Sprachwissens zum Verstehen &#228;hnlicher Ph&#228;nome oder Begriffe bedarf sehr h&#228;ufig der Hinweise, dass ein Zusammenhang besteht.</li>
    <li>Verbindungen zwischen im Unterricht (unterschiedlicher F&#228;cher) erarbeiteten Wissenszusammenh&#228;ngen im Kontext des Lesens und Schreibens, werden von vielen Jugendlichen wenig bis gar nicht hergestellt bzw. zur Verkn&#252;pfung und Vertiefung der vorhandenen Wissensbest&#228;nde genutzt. Der Unterricht in den unterschiedlichen F&#228;chern scheint f&#252;r viele Jugendliche eine jeweils in sich selbst abgschlossene Welt zu sein und f&#228;cher&#252;bergreifendes bzw. F&#228;cher verbindendes Arbeiten muss in vielen F&#228;llen erst m&#252;hsam gelernt werden – ohne immer von nachhaltigem Erfolg gekr&#246;nt zu sein.</li>
    <li>Die m&#252;ndliche Ausdrucksf&#228;higkeit weicht teilweise deutlich von der schriftlichen ab, auch wenn es im m&#252;ndlichen Bereich ebenso zahlreiche Ph&#228;nomene gibt, die auf Ausdrucksschw&#228;chen hinweisen und die gar nicht alle korrigiert werden k&#246;nnen, da dies 1. die Jugendlichen entmutigen w&#252;rde, sich am Unterrichtsgespr&#228;ch zu beteiligen und sie 2. oft &#252;berh&#246;rt werden bzw. gar nicht alle erinnert werden k&#246;nnen. Auff&#228;llig ist jedoch die Tendenz, in unvollst&#228;ndigen S&#228;tzen zu sprechen und kaum einmal zu l&#228;ngeren zusammenh&#228;ngenden m&#252;ndlichen Darstellungen der eigenen Gedanken zu kommen.</li>
    <li>In den Bereich der m&#252;ndliche Ausdrucksf&#228;higkeit geh&#246;rt auch, das Referate und Pr&#228;sentation weitgehend abgelesen und meist ohne erkennbares Interesse am Wecken der Neugier der Zuh&#246;renden gestaltet werden, was auch daran liegt, dass diese Darstellungsformen von Jugendlichen oft als etwas gesehen, werden, das man „f&#252;r den Lehrer“ macht. Das erkl&#228;rt die mit diesen Ausdrucksformen verbundenen Probleme im Bereich der Ausdrucksf&#228;higkeit aber nicht wirklich, so sehr ich auch zunehmend der Meinung zustimme, dass Referate so ziemlich das langweiligste Mittel sind, das im Unterricht eingesetzt werden kann – zumindest dann, wenn sie keine kognitiven Prozesse in einer Lerngruppe zu aktivieren verm&#246;gen.</li>
</ul>

<p>Es gibt zahlreiche, wissenschaftlich fundierte Ans&#228;tze zur Beschreibung der Anforderungen, die eine angemessene Lesekompetenz („reading literacy“) zu erf&#252;llen hat<sup><a href="http://herrlarbig.de/2011/10/04/lesekompetenz-und-ausdrucksfahigkeit-beobachtungen/#footnote_1_1692" id="identifier_1_1692" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="vgl. hierzu die zahlreichen Arbeiten von Norbert Groeben, aber auch: Cornelia Rosebrock, Lesesozialisation und Lesef&amp;#246;rderung &ndash; literarisches Leben an der Schule, in: Michael K&amp;#228;mper van den Boogarrt (Hg.), Deutschdidaktik. Ein Leitfaden f&amp;#252;r die Sekundarstufen I und II, Berlin 2003, 153&ndash;174.">2</a></sup>. Der Rahmen der zu erreichenden Lesekompetenz wurde in den vergangenen Jahren abgesteckt. Deshalb stellt sich die Frage, wie diese Kompetenz erreicht werden kann – und ob Schule strukturell dazu &#252;berhaupt in der Lage ist.</p>

<p>Bevor ich meine &#220;berlegungen zu dieser Frage ausf&#252;hre, m&#246;chte ich einige, den oben aufgez&#228;hlten Beobachtungen tendenziell zuwider laufende Beobachtungen festhalten:</p>

<ul>
    <li>&#220;berraschend viele Jugendliche sind in der Lage im Rahmen freien Schreibens spannende Geschichten zu erz&#228;hlen.</li>
    <li>Beim freien (kreativen) Schreiben – das nichts mit kreativen Schreibauftr&#228;gen im Sinne eines produktiven Umgangs mit Lekt&#252;ren zu tun hat – zeigen viele Jugendliche oft weit bessere F&#228;higkeiten im Ausdruck als im schulbezogenen Schreiben. Der Transfer dieser F&#228;higkeiten auf im Kontext des „normalen“ Unterrichts entstehende Texte ist eine Herausforderung, die oft nicht von Erfolg gekr&#246;nt wird.</li>
    <li>Ich begegne immer wieder Jugendlichen (darunter allen Statistiken zuwider laufend &#252;berraschend viele m&#228;nnliche Jugendliche), die privat schreiben, wobei sich hier das Klischee widerspiegelt, dass M&#228;dchen eher Liebesgeschichten schreiben und Jungen sich eher im Fantasy- und Abenteuerbereich produzieren. So bekomme ich von Sch&#252;lern und Sch&#252;lerinnen immer wieder einmal z.T. sehr umfangreiche Skripte zum Lesen, mit der Bitte um ein Urteil und vor allem Tipps zur Verbesserung der Texte. Dieses Angebot besteht &#252;ber den normalen Unterricht hinaus und flie&#223;t nicht in die Benotung ein. Dabei ist f&#252;r mich immer wieder faszinierend, mit welcher Ernsthaftigkeit und teilweise sehr deutlich erkennbarer Konsequenz Jugendliche an solchen Texten schreiben. Teilweise sind sie sogar in der Lage, die Texte vorbereitende Arbeiten verf&#252;gbar zu haben, in denen z.B. die einzelnen Figuren der Texte in ihrem Charakter und bez&#252;glich ihrer Handlungsmotivationen entwickelt werden. Ja, wirklich, das ist mir schon passiert.</li>
    <li>In Gespr&#228;chen im Unterricht, die nicht als Unterrichtsgespr&#228;ch im klassischen lehrerzentrierten Sinn wahrgenommen werden, z.B. in Gruppenarbeits- oder Partnerarbeitsphasen, beobachte ich, dass Sch&#252;ler durchaus in ganzen S&#228;tzen und auch differenziert &#252;ber Texte ins Gespr&#228;ch kommen k&#246;nnen, also &#252;ber eine eigentlich bessere Ausdrucksf&#228;higkeit verf&#252;gen, als oft im Unterricht beobachtbar. – Dies gilt auch, wenn Sch&#252;ler sich untereinander Dinge erkl&#228;ren. Dabei beobachte ich, dass wesentlich h&#228;ufiger auf die zur Verf&#252;gung stehenden Materialien Bezug genommen wird, als im „normalen“ Unterrichtsgespr&#228;ch.</li>
    <li>Jugendliche sind durchaus bereit, B&#252;cher zu lesen und sie lesen auch. In diesem Zusammenhang h&#246;re ich von den Jugendlichen selbst aber immer wieder die Aussage, dass die B&#252;cher, die sie gerade lesen, f&#252;r den schulischen Kontext wahrscheinlich ungeeignet seien. Aber, um hier nichts sch&#246;ner zu reden als es ist: Es gibt erschreckend viele Jugendliche, die au&#223;er den in der Schule von ihnen abverlangten Lekt&#252;ren keine B&#252;cher lesen – und auch hier teilweise, statt der Lekt&#252;ren selbst, vor allem auf Sekund&#228;rtexte zur&#252;ckgreifen und sich Wissen &#252;ber die B&#252;cher anzueignen versuchen, ohne die B&#252;cher selbst je in G&#228;nze gelesen zu haben.</li>
</ul>

<p>Zwei Beobachtungsrahmen, die mir einander scheinbar widersprechende Ph&#228;nomen vor Augen f&#252;hren. Welche Schlussfolgerungen sind daraus (f&#252;r mich und zum Zeitpunkt des Entstehens dieses Textes) m&#246;glich?</p>

<p>Zun&#228;chst f&#228;llt mir auf, dass ich bei meinen Beobachtungen zwischen Lesekompetenzen und Ausdrucksf&#228;higkeiten unterscheide, die ich im Kontext von „normalem“ Unterricht mache und im Kontext des „freien“ Umgangs mit Texten und des Schreibens.</p>

<p>Dabei stellt sich die Frage, welche Kriterien ich zur zur Einsch&#228;tzung dieser Ph&#228;nomene zu Rate ziehe. Lege ich meinen Schwerpunkt auf die von der Schule zurecht geforderten Kompetenzen, so ist das Bild d&#252;ster. Ber&#252;cksichtige ich die Lesekompetenzen und Ausdrucksf&#228;higkeiten, die sich mir am Rande des Schulkontextes zeigen, komme ich zu einem deutlich besserem Urteil.</p>

<p>Diese Differenzierung f&#252;hrt nicht sonderlich weit, solange nicht die Frage gestellt wird, was diese unterschiedlichen Beobachtungen an Hinweisen f&#252;r eine Verbesserung der im schulischen Kontext (und somit letztlich f&#252;r die Bewertung relevanten) gezeigten Lese- und Ausdruckskompetenzen mit sich bringen, ohne die Ziele des Lese- und Sprachunterrichtes aus dem Augen zu verlieren.</p>

<p>Meine bislang gefundenen Antworten sind so banal wie folgenreich, wobei an erster Stelle die Frage stellt, welche Ziele ich als Lehrer eigentlich erreichen will (– und warum!). Erst wenn ich dies f&#252;r mich klar formuliert habe, kann ich nach Wegen fragen, diese Ziele zu erreichen, ohne dabei die von Lehrpl&#228;nen vorgegebenen Ziele aus dem Blick zu verlieren, solange diese nicht st&#228;rker an zu erreichenden Kompetenzen im Kontext zu wissender Inhalte ausgerichtet sind, so sehr diese Umstrukturierung auf Kompetenzen hin in Weiterentwicklungen der Lehrpl&#228;ne schon eine Rolle spielt.</p>

<ol>
    <li>Unterricht muss in Bezug auf Lese- und Ausdruckskompetenzen sch&#252;lerorientiert sein, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren, die vorhandenen Kompetenzen weiter zu entwickeln. Dabei muss der Begriff der „Sch&#252;lerorientierung“ m&#246;glichst konkret formuliert, aus dem Schattendaseins eines p&#228;dagogischen, methodischen und fachdidaktischen Modewortes befreit und m&#246;glichst konkret gedacht werden. Das bedeutet f&#252;r den Deutschunterricht unter anderem, dass die Lese- und Schreiberfahrungen der Jugendlichen ernst zu nehmen sind, nicht als p&#228;dagogischer Kniff, sondern als echte Lese- und Schreiberfahrungen. Mir ist es zun&#228;chst einmal v&#246;llig egal, ob Jugendliche von „Die wilden Kerle“ oder von Homers „Odysee“ begeistert sind (ja, diese Bandbreite hatte ich schon in Lerngruppen einer Schulstufe), da diese B&#252;cher f&#252;r die Jugendlichen bedeutsam sind. Und wenn ich in Klassen die jeweils zu einem Zeitpunkt aktuellen Lieblingsb&#252;cher der Jugendlichen vorstellen lasse, dann akzeptiere ich die B&#252;cher, die von den Jugendlichen eingebracht werden, egal, ob sie in meinen Augen literarischen Anspr&#252;chen gen&#252;gen oder eher nicht, egal, ob es sich um Thriller (bei denen ich mir manchmal die Frage stelle, ob sie f&#252;r die jeweilige Altersstufe schon geeignet sind oder nicht) oder Liebesromane handelt, die eher Klischees bedienen als neue Einsichten zu generieren. Ich empfinde die Lekt&#252;ren der Jugendlichen als interessant, weil sie mir sagen k&#246;nnen, was sie an diesen B&#252;chern fasziniert, ohne gleich meine Vorstellungen von „guten B&#252;chern“ ins Spiel zu bringen und somit die Leseerfahrungen der Jugendlichen als „weniger wertvoll“ zu betrachten.</li>
    <li>&#196;hnliches gilt f&#252;r die Schreiberfahrungen der Jugendlichen. Viele schreiben l&#228;ngere, in sich zusammenh&#228;ngende Texte heute oft ausschlie&#223;lich im Schulkontext, w&#228;hrend der Schreiballtag ganz anderen Regeln folgt. Die Formen der schriftlichen Kommunikation haben sich ver&#228;ndert, seit sich Jugendliche im Chat, per SMS und via E-Mail der Schriftsprache und den im Zusammenhang dieser medialen Formen verbreiteten Abk&#252;rzungen, Smileys etc. bedienen. Hier verf&#252;gen Jugendlichen in vielen F&#228;llen &#252;ber Kompetenzen, die im „normalen“ Unterricht oft als „minderwertig“ in Bezug auf die von Schule erwarteten Kompetenzen angesehen werden, sodass diese Schreibaktivit&#228;ten nicht nur diskreditiert werden, sondern diese Diskriminierung auch zu einer deutlichen Trennung zwischen Schreibkompetenzen, die im Unterricht gefordert werden, und der allt&#228;glichen Schreiberfahrung f&#252;hren. Nicht die Diskriminierung von Kommunikationsformen &#246;ffnet die T&#252;r zu einer differenzierteren Kommunikation, sondern das Aufgreifen und die Reflexion dieser Erfahrungen im Kontext anderer Schreibangebote /-anforderungen. Dabei geht es nicht um ein „besser“ oder „schlechter“ der unterschiedlichen sprachlichen Ausdrucksformen, sondern vielmehr darum, wie es Jugendlichen gelingen kann, das, was sie ausdr&#252;cken wollen, auch auszudr&#252;cken. Und damit bin ich</li>
    <li>bei den Zielen, die mit dem Lesen und dem Ausdruck verbunden sind. Damit meine ich jetzt nicht die Ziele, die sich in der F&#228;higkeit zur Interpretation eines Textes ersch&#246;pfen, sondern Ziele, die mit konkreter Lebensgestaltung zu tun haben. Auch wenn es Tendenzen gibt, die darunter die F&#228;higkeit zum korrekten Ausf&#252;llen von amtlichen Formularen sehen, sehe ich nach wie vor zwei zentrale Ziele: Zum einen bietet Literatur die M&#246;glichkeit, fremde Welten zu entdecken und eigene Erfahrungen im Kontext literarischer Texte zu reflektieren und anders zu erleben. Zum anderen bietet die Ausweitung der Ausdrucksf&#228;higkeit ein tieferes Verst&#228;ndnis von Welt und Selbst, begleitet von dem (in meinen Augen) lustvollen Erlebnis, endlich ein wenig mehr von dem ausdr&#252;cken zu k&#246;nnen, was einen selbst besch&#228;ftigt, f&#252;r das man so oft aber einfach keine Worte findet. Gerade das letztgenannt Ziel f&#252;hrt micht zum</li>
    <li>Wert des kreativen Schreibens, das mit echter Wertsch&#228;tzung der Produkte der Jugendlichen verbunden ist, gleichzeitig aber Techniken zur Verf&#252;gung stellt (und somit zur Kompetenzenerweiterung beitr&#228;gt), die erfahrbar machen, dass sie mehr ausdr&#252;cken und „erfinden“ k&#246;nnen, als sie bisher wahrgenommen haben. Solche Erfahrungen st&#228;rken das sprachliche Selbstbewusstsein auf lange Sicht deutlich, auch wenn sich dieses nicht direkt in Klassenarbeiten oder anderen gezielter auf schulische Lernzusammenh&#228;nge hin orientierten Texten niederschl&#228;gt.</li>
    <li>Bei allem Sch&#252;lerbezug und aller Ernsthaftigkeit, mit der die Lekt&#252;ren der Sch&#252;ler ber&#252;cksichtigt werden: Ich stehe auch der Erwartung an mich als Deutschlehrer gegen&#252;ber, den Horizont der Jugendlichen zu erweitern und meine eigene Leseerfahrungen ins Spiel zu bringen. Neben dem Sch&#252;lerbezug bedarf es im Deutschunterricht der authentischen Lesebegeisterung des Lehrenden, die eigenen Kriterien der Lekt&#252;reauswahl folgt, ohne die Auswahlkriterien der Jugendlichen zu diskreditieren, was nicht bedeutet, dass diese Kriterien nicht im Unterricht thematisiert und auf diesem Wege auch ver&#228;ndert werden k&#246;nnen.</li>
</ol>

<p>Die Widerspr&#252;chlichkeit meiner Beobachtungen und die ersten &#220;berlegungen zu praktischen Konsequenzen f&#252;hrt mich zu dem Kernpunkt meiner &#220;berlegungen: Um Lesekompetenz und Ausdrucksf&#228;higkeit zu f&#246;rdern, bedarf es nicht nur einer st&#228;rkeren Sch&#252;lerorientierung in Form von echtem Respekt von den Erfahrungen der Jugendlichen in diesem Bereich, sondern auch des Wissens, wie Lernen funktioniert. Denn schon vor den Einsichten der Hirnforschung war ich davon &#252;berzeugt: „Erkenntnis macht Lust, Lernen ist wie Sex” (<a href="http://www.zeit.de/online/2007/10/zeitgeschichte-kapiertrieb?page=all" target="_blank">Die Zeit</a>).</p>

<p>Aus meine eigenen Beobachtungen ziehe ich &#252;ber die bereits genannten Erkenntnisse hinaus folgende Schlussfolgerungen:</p>

<ol>
    <li>Das prim&#228;re Ziel von Unterricht muss es sein, R&#228;ume f&#252;r kognitive Prozesse zu schaffen, in denen Jugendliche nicht vor allem Wissen konsumieren (m&#252;ssen) und zum Pauken verdonnert werden, sondern Lernen, wie Wissen von ihnen selbst konstruiert werden kann. Ziel ist also, ein wenig pathetisch gesprochen, nicht alleine das Wissen oder die Kompetenz, sondern die Erkenntnis, die Wissen, Kompetenz und Relevanz in sich vereint.</li>
    <li>Daraus ergibt sich, auch wenn das klassische Lernen dadurch nicht verschwindet oder gar diskreditiert wird, dass sch&#252;lerorientierte Methoden darauf hin zu &#252;berpr&#252;fen sind, ob sie nur selbstst&#228;tige Pflichterf&#252;llung sind oder wirklich in kognitive Prozesse hinein f&#252;hren. Es ist ein Unterschied, ob ich z.B. Fachbegriffe im Bereich der rhetorischen Mittel auswendig lerne oder ob Neugier geweckt wird, rhetorische Ph&#228;nomene benennen zu k&#246;nnen, da auf diesem Weg viele sprachliche und literarische Ph&#228;nomen nicht nur besser verstanden werden, sondern auch die F&#228;higkeit vermittelt wird, diese F&#228;higkeiten f&#252;r sich selbst nutzen zu k&#246;nnen.</li>
</ol>

<p>Bleibt am Ende die Frage, welche konkreten Konsequenzen solche Einsichten f&#252;r den Unterricht in Bezug auf Didaktik und Methodik haben.</p>

<p>F&#252;r mich lautet die zentrale Frage: Wie kann es gelingen, kognitive Prozesse bei Lernenden zu erm&#246;glichen?</p>

<p>Eine m&#246;gliche Antwort lautet: Indem die kongnitiven Prozesse nicht in einem lehrerzentrierten Frage- und Antwortspiel aktiviert werden, sondern vor wirkliche Probleme gestellt werden.</p>

<p>In der Didaktik wird hier von „problemorientiertem Unterricht“ gesprochen. Dabei werden oft &#252;ber Texte hinausgehende „Probleme“ als Themen konstruiert: „Krieg in der Literatur“; „Mit Sprache &#252;berzeugen k&#246;nnen“ etc. Mir f&#228;llt im Kontext des Deutschunterrichtes dabei allerdings auf, dass solche Themen gerade literarische Texte und die von ihnen erm&#246;glichten Zug&#228;nge zu solchen Texten, so sehr einengen, dass f&#252;r die kognitiven Zug&#228;nge der Sch&#252;ler und Sch&#252;lerinnen, die von diesen Themen abweichen, im Unterricht kaum noch Platz zu sein scheint. Warum nicht den Text als Text nehmen und dann die kognitiven Angebote der Lernenden aufgreifen und annehmen, statt methodisch-didaktisch &#252;berbordende Unterrichtsszenarien erstellen, in denen alles vorkommt, nur nicht der Text und seine Leser und Leserinnen, der Text und die Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler?<strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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		<!-- Ende von `social share privacy by smeagol.de´ --><ol class="footnotes"><li id="footnote_0_1692" class="footnote">Ich erhebe hier nicht den Anspruch etwas Neues zu sagen oder eine empirisch unangreifbare Darstellung zu verfassen, sondern stelle im Rahmen dieses Blogs genau die Diskussionsgrundlage zur Verf&#252;gung, die ein privates Blog zun&#228;chst einmal schaffen kann. Dabei gehe ich aber dennoch davon aus, dass die hier beschriebenen Beobachtungen und meine &#220;berlegungen zum Umgang mit den Ph&#228;nomenen mehr als eine Privatmeinung sind.</li><li id="footnote_1_1692" class="footnote">vgl. hierzu die zahlreichen Arbeiten von Norbert Groeben, aber auch: Cornelia Rosebrock, Lesesozialisation und Lesef&#246;rderung – literarisches Leben an der Schule, in: Michael K&#228;mper van den Boogarrt (Hg.), Deutschdidaktik. Ein Leitfaden f&#252;r die Sekundarstufen I und II, Berlin 2003, 153–174.</li></ol>
	Tags: <a href="http://herrlarbig.de/tag/ausdruck/" title="Ausdruck" rel="tag">Ausdruck</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/buecher/" title="Bücher" rel="tag">Bücher</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/deutsch/" title="deutsch" rel="tag">deutsch</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/deutschlehrer/" title="Deutschlehrer" rel="tag">Deutschlehrer</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/deutschunterricht/" title="Deutschunterricht" rel="tag">Deutschunterricht</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/didaktik/" title="Didaktik" rel="tag">Didaktik</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/erfahrung/" title="Erfahrung" rel="tag">Erfahrung</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/erfahrungen/" title="Erfahrungen" rel="tag">Erfahrungen</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/erkenntnis/" title="Erkenntnis" rel="tag">Erkenntnis</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/fantasy/" title="Fantasy" rel="tag">Fantasy</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/figuren/" title="Figuren" rel="tag">Figuren</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/forderung/" title="Förderung" rel="tag">Förderung</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/hirnforschung/" title="Hirnforschung" rel="tag">Hirnforschung</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/jugend/" title="Jugend" rel="tag">Jugend</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/jugendliche/" title="Jugendliche" rel="tag">Jugendliche</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/klischee/" title="Klischee" rel="tag">Klischee</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/kommunikation/" title="Kommunikation" rel="tag">Kommunikation</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/kompetenz/" title="Kompetenz" rel="tag">Kompetenz</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/kompetenzen/" title="Kompetenzen" rel="tag">Kompetenzen</a>, <a href="http://herrlarbig.de/category/unterricht/kompetenzenfoerderung/" title="Kompetenzenförderung" rel="tag">Kompetenzenförderung</a>, <a href="http://herrlarbig.de/category/notizen/lebenshilfe/" title="Lebenshilfe" rel="tag">Lebenshilfe</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/lektuere/" title="Lektüre" rel="tag">Lektüre</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/lernen/" title="lernen" rel="tag">lernen</a>, <a href="http://herrlarbig.de/category/lernen/" title="lernen" rel="tag">lernen</a>, <a href="http://herrlarbig.de/category/lernen-und-lehren/" title="Lernen und Lehren" rel="tag">Lernen und Lehren</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/lerngruppe/" title="Lerngruppe" rel="tag">Lerngruppe</a>, <a href="http://herrlarbig.de/category/notizen/" title="Notizen" rel="tag">Notizen</a>, <a href="http://herrlarbig.de/category/paedagogik/" title="Pädagogik" rel="tag">Pädagogik</a>, <a href="http://herrlarbig.de/category/paedagogik/positionen/" title="Positionen" rel="tag">Positionen</a>, <a href="http://herrlarbig.de/category/schluesselkompetenzen/" title="Schlüsselkompetenzen" rel="tag">Schlüsselkompetenzen</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/schreibkompetenzen/" title="Schreibkompetenzen" rel="tag">Schreibkompetenzen</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/schule/" title="Schule" rel="tag">Schule</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/schueler/" title="Schüler" rel="tag">Schüler</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/schuelerinnen/" title="Schülerinnen" rel="tag">Schülerinnen</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/statistik/" title="Statistik" rel="tag">Statistik</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/struktur/" title="Struktur" rel="tag">Struktur</a>, <a href="http://herrlarbig.de/category/unterricht/" title="Unterricht" rel="tag">Unterricht</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/unterricht/" title="Unterricht" rel="tag">Unterricht</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/verstehen/" title="Verstehen" rel="tag">Verstehen</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/wertung/" title="Wertung" rel="tag">Wertung</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/wirklichkeit/" title="Wirklichkeit" rel="tag">Wirklichkeit</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/wissen/" title="Wissen" rel="tag">Wissen</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/wissenschaft/" title="Wissenschaft" rel="tag">Wissenschaft</a>, <a href="http://herrlarbig.de/category/schluesselkompetenzen/wissenserwerb/" title="Wissenserwerb" rel="tag">Wissenserwerb</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/wortschatz/" title="Wortschatz" rel="tag">Wortschatz</a><br />
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		<title>Herrn Larbigs Bibliothek 12 – James Wood: Die Kunst des Erz&#228;hlens</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Sep 2011 00:11:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ich habe nun ja schon eine ganze Reihe an B&#252;chern dar&#252;ber gelesen, „wie Schriftsteller zu Werke gehen“ (Herlinde K&#246;lbl), was einen guten Roman ausmacht, wodurch Gedichte gepr&#228;gt sind. Mir ist noch kein Buch &#252;ber das Lesen und Schreiben von Literatur &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2011/09/18/herrn-larbigs-bibliothek-12-james-wood-die-kunst-des-erzahlens/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://herrlarbig.de/wordpress/wp-content/uploads/2011/09/Wood_KunstDesErzaelens.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-7663" title="Wood_KunstDesErzaelens" src="http://herrlarbig.de/wordpress/wp-content/uploads/2011/09/Wood_KunstDesErzaelens.jpg" alt="" width="72" height="110" /></a> Ich habe nun ja schon eine ganze Reihe an B&#252;chern dar&#252;ber gelesen, „wie Schriftsteller zu Werke gehen“ (<a href="http://www.amazon.de/Schreiben-Schriftsteller-gehen-Fotografien-Gespr&#228;che/dp/3896600419" target="_blank">Herlinde K&#246;lbl</a>), was einen guten <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Roman">Roman</a> ausmacht, wodurch <a title="&#220;ber das (schulische) Interpretieren von Gedichten" href="http://herrlarbig.de/2010/12/06/ueber-das-schulische-interpretieren-von-gedichten/" target="_blank">Gedichte</a> gepr&#228;gt sind.</p>

<p>Mir ist noch kein Buch &#252;ber das Lesen und Schreiben von Literatur begegnet, nach dessen Lekt&#252;re mein Arbeitsplatz so hell von „Kronleuchtern“ bestrahlt wurde, die mir w&#228;hrend der Lekt&#252;re aufgegangen sind.</p>

<p>Gleichzeitig wei&#223; ich , dass dieses Buch noch mehrfach zu lesen sein wird, um seinen Tiefgang, seine Differenziertheit und all seine Anregungen wirklich f&#252;r meinen Alltag fruchtbar zu machen.</p>

<p>Die Erstlekt&#252;re von <a href="http://www.rowohlt.de/magazin_artikel/James_Wood_Die_Kunst_des_Erzaehlens.2958054.html" target="_blank">James Woods „Die Kunst des Erz&#228;hlens“</a> hat mich gefesselt.<span id="more-7662"></span> Ich habe in diesem Buch nichts Neues erfahren, aber das Bekannte in einer Weise dargestellt bekommen, dass es mir nunmehr wieder unbekannt, fremd, einer erneuten Entdeckung wert scheint. Was <a href="http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_epik/strukt/erzpers/erzpers_3_1.htm" target="_blank">personale Erz&#228;hlperspektive</a> bedeutet, welche Bedeutung <a href="http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=ku&amp;dig=2009/01/10/a0108&amp;cHash=1bfd16a017" target="_blank">Flaubert</a> f&#252;r den modernen Roman hat, was es mit den Details, den Figuren, der Sprache, der Gestaltung von Dialogen, der Frage nach Wahrheit im Roman auf sich hat, wird von Wood erfrischend verst&#228;ndlich dargestellt.</p>

<p>in 123 &#252;bersichtlichen Abschnitten (Kapiteln) kommt Wood auf 240 Seiten auf den Punkt; und das st&#228;ndig. Dabei behauptet Wood nicht, dass Literatur die L&#246;sung aller Probleme sei, die es auf der Welt gibt. Aber er kommt zu einem Schluss, den ich voll und ganz teile: „Durch die Literatur werden wir zu besseren Beobachtern“.</p>

<p>Dies gilt bestimmt dann, wenn  wir wissen, wie wir Literatur, ob nun Lyrik oder Prosa, f&#252;r uns selbst erschlie&#223;en k&#246;nnen. Woods liefert einen beeindruckenden Beitrag, der dazu beitr&#228;gt, dass wir vielleicht den einen oder anderen Roman f&#252;r uns besser erschlie&#223;en k&#246;nne.</p>

<p>Andererseits ist „Die Kunst des Erz&#228;hlens“ ein Buch f&#252;r alle, die jenseits esoterischer Heilsversprechungen sich selbst dem kreativen Schreiben aussetzen. Wood zeigt Perspektiven auf, die den Leser seines Werkes nicht nur zu genaueren (=besseren) Lesern und Beobachtern machen, sondern auch f&#252;r Schreibende vielf&#228;ltige Anregungen enthalten, wie ein Text zu einem guten Text werden kann.</p>

<p>Eine gro&#223;artige Bereicherung f&#252;r alle „Hardcore“-Leser, die noch genauer lesen, noch mehr Details entdecken, noch mehr dar&#252;ber erfahren wollen, wie ein Roman funktioniert.</p>

<p>Eine gro&#223;artige Bereicherung f&#252;r alle Leser, die von Literatur fasziniert sind, aber 1. nicht genau wissen, warum eigentlich und die sich 2. fragen, ob es ein Handwerk des Schreibens gibt.</p>

<p>Woods gibt nicht nur klare Antworten, aber er zeigt Perspektiven auf, die dem Leser und der Leserin Anhaltspunkte f&#252;r die Reise durch literarische Welten bieten wollen, damit das Individuum nicht zuletzt im Sog digitaler Welten verloren geht.</p>

<blockquote><address>James Wood, Die Kunst des Erz&#228;hlens. Mit einem Vorwort von Daniel Kehlmann, Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 2011, 240 Seiten f&#252;r 19,95 Euro. (Mit einem Vorwort von Daniel Kehlmann; &#252;bersetzt aus dem Englischen von Imma Klemm unter Mitwirkung von Barbara Hofmeister.)</address></blockquote>

<p><strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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		<pubDate>Thu, 25 Feb 2010 23:07:37 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[woyzeck und marie]]></category>

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		<description><![CDATA[Sprache und Macht – Zu Georg B&#252;chners „Woyzeck“ von Torsten Larbig steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.. Mangelnde Sprachbeherrschung wird meist als ein Mangel an Bildung angesehen. Aber kann „Bildung“ gleich „Sprache“ gesetzt werden? &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2010/02/26/sprache-und-macht-zu-georg-buechners-woyzeck/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/" rel="license"><img style="border-width: 0;" src="http://i.creativecommons.org/l/by-nc-sa/3.0/de/88x31.png" alt="Creative Commons Lizenzvertrag" /></a></p>

<p><em>Sprache und Macht – Zu Georg B&#252;chners „Woyzeck“ von <a href="http://herrlarbig.de/?p=2496" rel="cc:attributionURL">Torsten Larbig</a> steht unter einer <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/" rel="license">Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz</a>..</em></p>

<p>Mangelnde Sprachbeherrschung wird meist als ein Mangel an Bildung angesehen. Aber kann „Bildung“ gleich „Sprache“ gesetzt werden? Georg B&#252;chners vermutlich im Sommer 1836 entstandenes Dramenfragment „Woyzeck“ gibt darauf eine Antwort, die auch im Lichte der Bildungsdebatte im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gesehen werden kann.</p>

<p>Zun&#228;chst zur Sprache in B&#252;chners „Woyzeck“, die im Vergleich mit der von Autoren der ersten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts benutzten Sprache auff&#228;llig „volksnah“ und gleichzeitig weit entfernt von der Sprache der literarischen <a href="http://xlibris.de/Epochen/Romantik" target="_blank">Romantik</a> angesiedelt ist. Die Romantik erw&#228;hne ich hier, weil deren Autoren und Autorinnen zu gleichen Zeit schrieben wie Georg B&#252;chner – und ein ganz anderes Wirklichkeitsempfinden widerspiegeln, als es in B&#252;chners Texten zu finden ist.</p>

<p>B&#252;chner nutzt dialektale F&#228;rbungen<sup><a href="http://herrlarbig.de/2010/02/26/sprache-und-macht-zu-georg-buechners-woyzeck/#footnote_0_2496" id="identifier_0_2496" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="zum hier gesagten vergleiche z. B. die Szene &bdquo;Kammer&ldquo; &ndash; da die Szenen des Dramenfragments in unterschiedlichen Ausgaben unterschiedlich angeordnet sind, setze ich hier Links zu den entsprechenden Szenen im Zeno-Projekt.">1</a></sup>, l&#228;sst seine Figuren falsch gesetzte Fragepronomen verwenden und Probleme mit dem Satzbau (der Syntax) haben. Er nutzt umgangssprachliche Formen der Wortk&#252;rzung („S’ ist gewiss Gold!“; „S&#8217; ist gut Marie“), <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ellipse_%28Sprache%29" target="_blank">Elipsen,</a> reiht kurze Haupts&#228;tze aneinander und l&#228;sst so eine <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Parataxe" target="_blank">parataktische Struktur</a> der Textoberfl&#228;che entstehen.</p>

<p>Das „einfache Volk“ verf&#252;gt &#252;ber eine „einfache“ Sprache. Somit entstehen im Drama Figuren, vor allem sind hier Woyzeck und Marie zu nennen, die kaum in der Lage sind, ihre Empfindungen und Wahrnehmungen der Wirklichkeit so auszudr&#252;cken, dass diese selbst zum Gegenstand ihrer Reflexion werden k&#246;nnten.</p>

<p>Das ungebildete Individuum ist vom <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Diskurs" target="_blank">Diskurs</a> ausgeschlossen, isoliert, machtlos.</p>

<p>Das „einfache Volk“ verf&#252;gt &#252;ber eingeschr&#228;nkte Ausdrucksm&#246;glichkeiten und muss, um &#252;berhaupt etwas ausdr&#252;cken zu k&#246;nnen, zu vorgegebenen Sprachmustern  Zuflucht nehmen.</p>

<p>Woyzeck zitiert die Bibel („Lasset die Kindlein zu mir kommen“<sup><a href="http://herrlarbig.de/2010/02/26/sprache-und-macht-zu-georg-buechners-woyzeck/#footnote_1_2496" id="identifier_1_2496" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Der Hauptmann. Woyzeck (Rasierszene) ">2</a></sup>, Marie sucht Orientierung in der Bibel<sup><a href="http://herrlarbig.de/2010/02/26/sprache-und-macht-zu-georg-buechners-woyzeck/#footnote_2_2496" id="identifier_2_2496" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Kammer &ndash; Marie. Der Narr">3</a></sup>. Dar&#252;ber hinaus kommen Volkslieder zum Tragen.</p>

<p>Nur an Stellen, an denen B&#252;chner seinen Kommentar zu dargestellten Ereignissen gibt, sprechen „einfache Menschen“ pl&#246;tzlich eine komplexere Sprache, die eine h&#246;here Reflexionsstufe m&#246;glich macht, so der Handwerksbursch als Prediger<sup><a href="http://herrlarbig.de/2010/02/26/sprache-und-macht-zu-georg-buechners-woyzeck/#footnote_3_2496" id="identifier_3_2496" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Wirtshaus">4</a></sup> und die Gro&#223;mutter<sup><a href="http://herrlarbig.de/2010/02/26/sprache-und-macht-zu-georg-buechners-woyzeck/#footnote_4_2496" id="identifier_4_2496" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Marie mit M&amp;#228;dchen vor der Haust&amp;#252;r">5</a></sup> als Erz&#228;hlerin eines Anti-M&#228;rchens.</p>

<p>Auf der anderen Seite stehen die Sprachen von Wissenschaft und des Milit&#228;rs, die vom Hauptmann und dem Doktor genutzt werden, welche gleichzeitig Woyzeck nicht nur von oben herab anschauen, sondern ihn auch f&#252;r ihre eigenen Zwecke missbrauchen.</p>

<p>Sprache wird von B&#252;chner in einer engen Verbindung zur „Macht“ gesehen. Wer keine ausdifferenzierten sprachlichen F&#228;higkeiten besitzt, der hat auch keine M&#246;glichkeiten, die eigene Situation angemessen in den Blick zu nehmen, bleibt sprachlos und somit irrelevant f&#252;r die gesellschaftliche Entwicklung – zumindest solange es keine Stimme f&#252;r die Not dieser Armen gibt.</p>

<p>B&#252;chner will den Missst&#228;nden des 19. Jahrhunderts eine Stimme geben. In „<a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Schrift/Der+hessische+Landbote" target="_blank">Der Hessische Landbote</a>“ ruft er zur Revolution auf, was ihm Verfolgung als Staatsfeind einbringt. Und „Woyzeck“ blieb aufgrund seines fragmentarischen Charakters und des Todes B&#252;chners im Jahre 1837 unbeachtet. Erst 1919 kam es in M&#252;nchen zur Urauff&#252;hrung des St&#252;cks.</p>

<p>Diese Stimme B&#252;chners aber war dringend n&#246;tig, denn die gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen der Zeit (Aufl&#246;sung der St&#228;ndegesellschaft, Bev&#246;lkerungswachstum, Protoindustriaisierung) f&#252;hrten strukturell zu den von B&#252;chner angegriffenen Missst&#228;nden.</p>

<p>Armut war nicht mehr das Produkt von Alter, Krankheit oder gesellschaftlicher &#196;chtung, sondern ein Massenph&#228;nomen, das noch m&#228;chtigere Stimmen bekommen sollte, da es als gesellschaftliches Ph&#228;nomen politische Relevanz bekam und beispielsweise Marx zu seinen Theorien brachte und den Kommunismus bzw. den Sozialismus erst m&#246;glich machte. Es sollte bis weit in die zweite H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts dauern, bis die Probleme in der Form eines Sozialversicherungssystems einigerma&#223;en erfolgreich angegangen wurden.</p>

<p>B&#252;chner scheint in seiner Darstellung, in der er die Sprache zur Darstellung der „Ungebildeten“ in realistischer Form auf die B&#252;hne bringen wollte, von den Gedanken der Aufkl&#228;rung beeinflusst. So zeigt er, wie „Ungebildete“ nicht in der Lage sind, ihre Situation selbst reflektierend in den Blick zu nehmen – und Reflexionsprozesse finden in dieser Zeit in der Regel sprachlich statt – und sich entsprechend auf die Leitung durch andere einlassen (m&#252;ssen). In diesem Fall ist diese Leitung einerseits die Autorit&#228;t der Bibel, in der diese „einfachen Leute“ gen&#252;gend Aussagen finden, die f&#252;r den Versuch des Ausdrucks der eigenen Situation taugen, andererseits &#252;bernehmen gesellschaftliche Autorit&#228;ten (Hauptmann, Doktor) diese Leitung, die sich dann aber auch noch z. T. zynisch zur Freiheit des Menschen &#228;u&#223;ern („Woyzeck, der Mensch ist frei, in dem Menschen verkl&#228;rt sich die Individualit&#228;t zur Freiheit.“<sup><a href="http://herrlarbig.de/2010/02/26/sprache-und-macht-zu-georg-buechners-woyzeck/#footnote_5_2496" id="identifier_5_2496" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Beim Doktor">6</a></sup>).</p>

<p>Mangelnde sprachliche F&#228;higkeiten werden hier zu einem Kriterium f&#252;r unaufgekl&#228;rtes Handeln. Gleichzeitig aber erweisen sich auch die „gebildeteren“ Figuren als „unaufgekl&#228;rte“ Menschen, da sie das Instrumentarium der Sprache zum Machtinstrument werden lassen. Doch vor allem der Doktor, als Vertreter einer Naturwissenschaft, wirkt in dem Drama eher wie ein Scharlatan, der Sprache nicht zur Aufkl&#228;rung, sondern zur pseudointellektuellen &#220;bert&#252;nchung seiner menschenverachtenden Experimente nutzt. Der Hauptmann versucht sich an anderer Stelle in pseudointellektuellen &#220;berlegungen. („Moral, das ist, wenn man moralisch ist…“<sup><a href="http://herrlarbig.de/2010/02/26/sprache-und-macht-zu-georg-buechners-woyzeck/#footnote_6_2496" id="identifier_6_2496" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Der Hauptmann, Woyzeck. (Rasierszene">7</a></sup>)</p>

<p>Diese Verbindung von Sprache und Macht erscheint nach wie vor aktuell. Es ist auff&#228;llig, dass die PISA-Studie bereits 2001 auf die Probleme im Zusammenhang mit dem Textverstehen verwies, die interessanterweise bis in die Gymnasien hinein in signifikanter Weise beobachtet wurden. W&#228;chst hier eine „machtlose“, der Sprache nicht mehr m&#228;chtige (sic!) Generation auf, die mit ihren mangelnden Kenntnissen im Umgang mit der eigenen Muttersprache oder der erlernten Zweitsprache auch nicht mehr zur gesellschaftlich relevanten Reflexion f&#228;hig sind und somit wieder in eine (selbst?)verschuldete Unm&#252;ndigkeit geraten?</p>

<p>Ich lasse dies als Frage stehen, denn das Problem der Sprache erscheint auf anderer Ebene wesentlich relevanter; relevanter, weil mit dem Mangel an „sprachlichen Ventilen“ auch die Suche nach anderen „Druckausgleichmechanismen“ einhergeht, die scheinbar oft in gesteigerter Aggressivit&#228;t und Gewaltbereitschaft bestehen.</p>

<p>Franz Woyzeck wird im Rahmen seiner (sprachlichen) Hilflosigkeit zum M&#246;rder an der Frau, f&#252;r die er all die Last der drei Jobs (einfacher Soldat, Barbier des Hauptmanns, Proband des Doktors) letztlich wohl auf sich genommen hat, ohne dass er das Bed&#252;rfnis Maries nach einem Minimalluxus h&#228;tte erf&#252;llen k&#246;nnen.</p>

<p>Politisch und im Zusammenhang mit der aktuellen Bildungsdebatte scheint mir diese an Hypothesen orientierte Darstellung B&#252;chners nach wie vor hoch brisant.</p>

<p>Sprache und die mit ihr verbundenen M&#246;glichkeiten des Ausdrucks, aber fast noch mehr die mit ihr verbundenen Reflexionsm&#246;glichkeiten, scheinen nach wie vor Voraussetzung f&#252;r Einfluss in der Gesellschaft zu sein. Analog kann geschlossen werden, dass ein Mangel an sprachlichen Ausdrucksm&#246;glichkeiten nicht nur den gesellschaftlichen Einfluss reduziert, sondern auch dazu f&#252;hrt, dass Menschen sich den Gegebenheiten hilflos ausgeliefert sehen. Folglich wird nach anderen Mitteln des Ausdrucks der als mangelhaften erlebten Einflussm&#246;glichkeiten gesucht werden m&#252;ssen. Und diese Ausdrucksmittel sind, so die in Anlehnung an B&#252;chners „Woyzeck“ hier vertretene Hypothese, tendenziell mit Gewalt verbunden.</p>

<p>Wenn es stimmt, dass die sprachlichen F&#228;higkeiten in schulischen Zusammenh&#228;ngen (und vor allem hier scheint es entsprechend aussagekr&#228;ftige Studien zu geben, auch wenn die Kriterien der PISA-Studien kritisierbar sind) abnehmen und parallel eine Zunahme der Gewaltbereitschaft (nicht nur) unter Jugendlichen beobachtet werden kann, so scheint es nicht abwegig, die Hypothese aufzustellen, dass es hier einen Zusammenhang geben k&#246;nnte.</p>

<p>Gleiches k&#246;nnte dann f&#252;r extremistische Str&#246;mungen gelten, in denen wenige, aber sprachlich kompetente, Personen, &#228;hnlich dem Doktor oder dem Hauptmann in B&#252;chners „Woyzeck“, Menschen f&#252;r ihre Zwecke funktionalisieren und missbrauchen, Menschen, die sich der Leitung ihrer Gedanken durch Dritte bedienen wollen bzw. m&#252;ssen, wollen sie &#252;berhaupt noch den Eindruck haben, ihre eigene Wahrnehmung der Gesellschaft ausdr&#252;cken zu k&#246;nnen bzw. ausgedr&#252;ckt zu finden.</p>

<p>Das Projekt der Aufkl&#228;rung m&#252;sste dann also in der Gegenwart ein Projekt der massiven F&#246;rderung sprachlicher F&#228;higkeiten (Kompetenzen) sein, das &#252;berall dort stattfindet, wo sprachliche Bildung stattfindet, insbesondere aber in den Schulen und in den Familien, aber auch zumindest in den &#246;ffentlich-rechtlichen Medien. Dies scheint vor allem deshalb notwendig, weil Sprache und die mit ihr verbundene Reflexionsf&#228;higkeit &#252;berhaupt erst die Grundvoraussetzungen daf&#252;r sind, dass sich das Individuum seines eigenen Verstandes ohne die Leitung eines Dritten bedienen kann und somit f&#252;r den gesellschaftlichen Diskurs (gewaltfrei) relevant wird.</p>

<p>Auf der anderen Seite bedarf es dringend sprachlich kompetenter Individuen, die ihre reflexiven F&#228;higkeiten nutzen, um Br&#252;cken &#252;ber sprachliche (oft wird hier von „sozialen“) Abgr&#252;nde zu bauen und somit den sprachlich (=gesellschaftlich?) Ausgegrenzten eine Stimme zu geben.</p>

<p>Gleichzeitig m&#252;ssten demokratische Politiker und Politikerinnen ihre, im Spiel mit medialer Pr&#228;szenz entstehenden, sprachlichen Vernebelungen beenden und nach einer Sprache suchen, die m&#246;glichst weiten Bev&#246;lkerungsschichten zug&#228;nglich und verst&#228;ndlich ist, um so in einen die Gesellschaft relevant gestaltenden Dialog mit dem Souver&#228;n eines demokratischen Staates zur&#252;ck zu finden.</p>

<p>Doch auch &#252;ber Grenzen hinweg haben B&#252;chners durchaus auch sprachkritisch zu verstehenden Darstellungen gesellschaftlicher Zusammenh&#228;nge im „Woyzeck“ Relevanz. In der globalen Gesellschaft gilt es, &#252;ber sprachliche oder gar dialektal gepr&#228;gte Grenzen hinaus zu schauen und denen eine M&#246;glichkeit des (sprachlichen) Ausdrucks zu geben, die im globalen Ma&#223;stab als die <a href="http://weltzeugen.blogspot.com/2010/01/outsourced-slavory.html" target="_blank">Verlierer im System &#246;konomisch gepr&#228;gter Machtzusammenh&#228;nge</a> gelten.</p>

<p>Dies alles hat zudem mit „Bildung“ zu tun. „Bildung“ wird hier als die M&#246;glichkeit verstanden, sich selbst ein m&#246;glichst differenziertes Bild von sich selbst, der Welt und den dieses Ich und die globalen Zusammenh&#228;nge pr&#228;genden Faktoren zu machen, eine Sprache f&#252;r eigene  Erfahrungen zu finden und in den Diskurs einzubringen, der gesellschaftliche Entwicklungen zu beeinflussen vermag. „Bildung“ wird hier als M&#246;glichkeit der Einflussnahme im Kontext gesellschaftlich relevanter Diskussionen verstanden.<strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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		<!-- Ende von `social share privacy by smeagol.de´ --><ol class="footnotes"><li id="footnote_0_2496" class="footnote">zum hier gesagten vergleiche z. B. die Szene „<a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Dramen/Woyzeck/Vorl%C3%A4ufige+Reinschrift+%28H4%29/%5BH4,+Szene+4%5D" target="_blank">Kammer</a>“ – da die Szenen des Dramenfragments in unterschiedlichen Ausgaben unterschiedlich angeordnet sind, setze ich hier Links zu den entsprechenden Szenen im Zeno-Projekt.</li><li id="footnote_1_2496" class="footnote">Der Hauptmann. Woyzeck (<a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Dramen/Woyzeck/Vorl%C3%A4ufige+Reinschrift+%28H4%29/%5BH4,+Szene+5%5D" target="_blank">Rasierszene</a>) </li><li id="footnote_2_2496" class="footnote"><a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Dramen/Woyzeck/Vorl%C3%A4ufige+Reinschrift+%28H4%29/%5BH4,+Szene+16%5D" target="_blank">Kammer</a> – Marie. Der Narr</li><li id="footnote_3_2496" class="footnote"><a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Dramen/Woyzeck/Vorl%C3%A4ufige+Reinschrift+%28H4%29/%5BH4,+Szene+11%5D" target="_blank">Wirtshaus</a></li><li id="footnote_4_2496" class="footnote"><a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Dramen/Woyzeck/Erste+Fassung.+Szenengruppe+1+%28H1%29/%5BH1,+Szene+14%5D" target="_blank">Marie mit M&#228;dchen vor der Haust&#252;r</a></li><li id="footnote_5_2496" class="footnote"><a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Dramen/Woyzeck/Vorl%C3%A4ufige+Reinschrift+%28H4%29/%5BH4,+Szene+8%5D" target="_blank">Beim Doktor</a></li><li id="footnote_6_2496" class="footnote">Der Hauptmann, Woyzeck. (<a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Dramen/Woyzeck/Vorl%C3%A4ufige+Reinschrift+%28H4%29/%5BH4,+Szene+5%5D" target="_blank">Rasierszene</a></li></ol>
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		<title>Wenn Pr&#228;vention Freiheit zerst&#246;rt: Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“</title>
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		<pubDate>Fri, 22 May 2009 00:12:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezensenten scheinen sich, glaube ich den Zusammenfassungen auf perlentaucher.de (und ich sehe keinen Grund, warum ich das nicht tun sollte), bei Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“1 nicht einig zu sein. Ich finde das gut, denn „Corpus Delicti“ ist einer &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2009/05/22/wenn-praevention-freiheit-zerstoert-juli-zehs-corpus-delicti-ein-prozess/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezensenten scheinen sich, glaube ich den <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/31534.html" target="_blank">Zusammenfassungen auf perlentaucher.de</a> (und ich sehe keinen Grund, warum ich das nicht tun sollte), bei <a href="http://julizeh.de/" target="_blank">Juli Zeh</a>s „Corpus Delicti. Ein Prozess“<sup><a href="http://herrlarbig.de/2009/05/22/wenn-praevention-freiheit-zerstoert-juli-zehs-corpus-delicti-ein-prozess/#footnote_0_1699" id="identifier_0_1699" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Juli Zeh, Corpus Delicti. Ein Prozess, Frankfurt am Main (Sch&amp;#246;ffling) 2009. 264 Seiten &ndash; 19,90 &euro;">1</a></sup> nicht einig zu sein. Ich finde das gut, denn „Corpus Delicti“ ist einer der politischsten Texte, die ich in den letzten Jahren gelesen habe und zwingt den Leser geradezu zu Assotiationen mit gegenw&#228;rtigen Entwicklungen. Der Roman verlangt eine eigene Positionierung, was m&#246;glicherweise auch die unterschiedlichen Besprechungen des Buches erkl&#228;rt.  Zun&#228;chst als Theaterst&#252;ck erschienen, liegt „Corpus Delicti” nun als Roman vor, dem das szenenhafte eines Theaterst&#252;cks aber nach wie vor geblieben ist.</p>

<blockquote>„Es geht […] um die Tatsache, dass die Datenspur eines Menschen Millionen von Einzelinformationen enth&#228;lt, aus denen sich jedes beliebiges Mosaik zusammensetzen l&#228;sst.” (S. 226)</blockquote>

<p>Mia Holl lebt im fiktiven Deutschland des Jahres 2057, das zu einem in Fragen der Gesundheit konsequenten Pr&#228;ventivstaat geworden ist.</p>

<p>Im Oberarm implantierte Chips<span id="more-1699"></span> liefern st&#228;ndig Daten an Scanner, in Wohnungen wird alles an Daten erhoben, was nur m&#246;glich, bis hin zum Gehalt an Magens&#228;ure im Abwasser, woraus man R&#252;ckschl&#252;sse ziehen kann, ob sich ein B&#252;rger &#252;bergeben hat. Es wird aber beispielsweise auch erhoben, ob man die verpflichtende Kilometerzahl auf dem Heimfahrrad zur&#252;ckgelegt hat.</p>

<p>Krankheit ist ausgerottet, jedes m&#246;glicherweise krankmachende Verhalten ist ein Straftatbestand.</p>

<p>Das Staatssystem nennt sich „Methode“ und h&#228;lt sich f&#252;r absolut rational.</p>

<p>Wer sich dem doch nur das Beste wollenden Staat und der Vorsorge entzieht, ist selber schuld. Wer ein „Recht auf Krankheit“ fordert, wird vom Staat als Terroist verfolgt und Mia Holl steht vor Gericht, weil sie nicht glauben will, dass ihr Bruder Moritz, trotz eines scheinbar eindeutigen DNA-Beweises, eine Frau vergewaltigt und umgebracht haben soll.</p>

<p>Moritz hat sich in der Haft umgebracht und Mia, einst vollkommen systemh&#246;rig, kommt ins Zweifeln, wird zum Star einer aufkeimenden Gegenbewegung – und muss am Ende erfahren: Ein System, dass die Datenspur eines Menschen m&#246;glichst umfassend erhebt, kann daraus alles ihm liebe konstruieren. – Wenn zun&#228;chst auch Assoziationen zu <a href="http://herrlarbig.de/2008/08/22/2008-big-brother-is-still-watching-you/" target="_blank">George Orwells Roman „1984“</a> aufkeimen, tauchen am Ende in meiner Erinnerung Bilder aus Heinrich B&#246;lls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf.</p>

<p>Aber Assoziationen zu anderen Autoren und deren Werke reichen nicht, um dem Anspruch des Buches gerecht zu werden. „Corpus Delicti“ ist vielmehr ein Buch, in dem die Tendenzen der Gegenwart mit gro&#223;er intellektueller Sch&#228;rfe aufgegriffen und weiter gedacht werden. Im Buch f&#252;hrt die F&#252;rsorglichkeit des Staates zur radikalen Entm&#252;ndigung der B&#252;rger – und entpuppt sich somit als ein antiaufkl&#228;rerisches Projekt, setzte die Aufkl&#228;rung doch „auf den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“. Diesem Anspruch tritt der Staat in „Corpus Delicti“, verk&#246;rpert durch Heinrich Kramer, einem fanatischen Gentlemen, der mit dem Buch „Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation“ das ideologische Grundwerk dieser Gesundheitsdikatur geschrieben hat, mit dem Anspruch entgegen, dass doch wohl keiner etwas dagegen haben k&#246;nne, wenn man Gesundheit ins Zentrum des Staatswesen stelle und sich somit von allen Ideologien entferne, die das 20. Jahrhundert gepr&#228;gt h&#228;tten:</p>

<blockquote>„Gesundheit ist das Ziel des nat&#252;rlichen Lebenswillens und deshalb nat&#252;rliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik.“ (S. 7)</blockquote>

<p>Und an anderer Stelle formuliert Kramer das antiaufkl&#228;rerische der „Methode“ selbst:</p>

<blockquote>„Ich verabscheue das R&#252;ckst&#228;ndige der Freigeisterei, dieses altmodische &#220;berbleibsel b&#252;rgerlicher Aufkl&#228;rung.“ (182)</blockquote>

<p>Wer wollt einer solchen Aussage auf dem ersten Blick widersprechen? – Und doch f&#252;hrt dieses Ziel zu einer Diktatur – und er&#246;ffnet von Anfang an Assoziationr&#228;ume. Das ist &#252;berhaupt eine der gro&#223;en St&#228;rken dieses Buches: Es erlaubt den Lesenden, die Gegenwart kritisch in den Blick zu nehmen, ohne dass sie von der Autorin bevormundet w&#252;rden – dazu sind die Darstellungen der Notwendigkeiten und Risiken eigenen Denkens viel zu differenziert ausgefallen.</p>

<p>Ersetzen wir „Gesundheit“ durch „Sicherheit“, so sind die Leser mitten in der Gegenwart, mit Vorratsdatenspeicherung, Er&#246;ffnung rechtlicher M&#246;glichkeiten der Internetzensur mithilfe eines moralisch hochstehenden Wertes, Einf&#252;hrung biometrischer Daten in Ausweisdokumenten etc. – Und somit &#252;berrascht es nicht, dass Juli Zeh als erste Autorin &#252;berhaupt eine Klage beim Bundesverfassungsgericht gegen eben diese Integration biometrischer Daten in Ausweisdokumenten eingereicht hat. – Das sei aber nur am Rande erw&#228;hnt.</p>

<p>Mia Holl kommt im Laufe ihres Kampfes f&#252;r die Rehabilitation ihres Bruders zu dem Schluss, dass sie ihrer Gesellschaft das Vertrauen entzieht. Und hier wird der Roman hoch aktuell. In einem von Mia Molls in Heinrich Kammers Feder diktierten Text hei&#223;t es unter anderem:</p>

<blockquote>„Ich entziehe einem Recht das Vertrauen, das seine Erfolge einer vollst&#228;ndigen Kontrolle des B&#252;rgers verdankt. Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat. […] Ich entziehe einer Politik das Vertrauen, die ihre Popularit&#228;t allein auf das Versprechen eines risikiofreien Lebens st&#252;tzt.“ (S. 186f.)</blockquote>

<p>Sicherheit als Argument f&#252;r die Reduktion b&#252;rgerlicher Freiheitsrechte, f&#252;r die Aush&#246;hlung des Brief- und Telekommunikationsgeheimnisses; abscheuliche Verbrechen einer Minderheit und die sich daraus ergebenden Schutznotwendigkeiten minderj&#228;hriger Opfer als Einstieg in rechtliche M&#246;glichkeit zur Sperrung bestimmter Websites und somit zumindest die Schaffung erster rechtlicher Grundlagen zu einer &#252;ber das moralisch hochstehende Anliegen hinaus gehenden Zensur im Internet – inklusive einer Diskreditierung der sachlich gegen diese Entwicklungen argumentierenden Fachleute als potentielle Unterst&#252;tzer jener abscheulichen Verbrechen, die man doch nur verhindern wolle… – Mir kommen Mia Molls Aussagen ebenso aktuell vor, wie die Aussage, dass doch nur derjenige gegen &#220;berwachung sein m&#252;sse, der etwas zu verbergen habe, da sie doch die allgemeine Sicherheit steigere.</p>

<p>Nein, ein absolutistischer Pr&#228;ventivstaat ist keine wilde Phantasie einer Schriftstellerin. Selbst im Forum der Seiten des Deutschen Bundestages wird auf das <a href="http://www.bundestag.de/blickpunkt/101_themen/0703/0703044.htm" target="_blank">Risiko der Freiheitseinschr&#228;nkung der B&#252;rger durch den Staat mit pr&#228;ventivem Ziel</a> hingewiesen, zu denen &#252;brigens auch Onlinedurchsuchungen von Rechnern geh&#246;ren. Die Unschuldsvermutung bis zum Vorliegen konkreter Belege, dass diese nicht mehr gelten kann, wird immer mehr ausgeh&#246;lt und die Freiheit dem scheinbar so rationalen Sicherheitsargument unterworfen. – Juli Zehs „Corpus Delicti“ greift indirekt tats&#228;chlich die zentralen Risiken der Unterminierung der freiheitlich demokratischen Grundordnung auf und steht somit, f&#252;r junge deutschsprachige Schriftstelle &#252;brigens v&#246;llig untypisch, in der Tradition politisch und gesellschaftlich aufkl&#228;rerisch wirken wollender Literatur eines Erich Frieds oder Heinrich B&#246;lls, dessen „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ nicht ohne Grund immer wieder als Vergleich zu Zehs Roman (Theaterst&#252;ck) heran gezogen wird.</p>

<p>Das besondere an Zehs Roman – und das verbindet sie mit Heinrich B&#246;ll – ist, dass der literarische Anspruch nicht von der politischen Interpretationsm&#246;glichkeit des Textes &#252;berlagert wird.</p>

<p>Einerseits wird hier ein Schl&#252;sselthema unserer Zeit aufgegriffen, m&#252;ssen wir uns doch zunemend der Frage stellen, wie weit wir im Kontext von Pr&#228;vention die schleichende Entm&#252;ndigung durch die Vorsorgeanspr&#252;che des Staates zu akzeptieren bereit sind. Andererseits wird dieses Thema in einer knappen, zahlreiche Leerstellen f&#252;r eigene Assoziationen der Lesenden lassenden Erz&#228;hlweise darsgestellt, ohne dass die Erz&#228;hlfigur des Romanes auf eigene Erz&#228;hlerkommentare verzichten w&#252;rde.</p>

<blockquote>„Gehen wir der Einfachheit halber davon aus, dass sie [Mia Holl] an Moritz denkt. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir richtig liegen, ist sehr hoch.“ (S. 79)</blockquote>

<p>Die Sprache wirkt teilweise, bei aller tiefgehenden Durchdringung der im Roman aufgegriffenen Themen, k&#252;hl und distanziert. Die Szenen (Kapitel) sind zahlreich (50 Kapitel) und knapp (auf 264 Seiten), wobei die Figuren teilweise den Eindruck erwecken, sie seien von der Autorin nicht dreidimensional genug dargestellt worden und blieben deshalb seltsam distanziert.</p>

<p>Diese Kritik muss sich der Roman gefallen lassen, wenn man von einem an einen Krimi erinnernden Roman eine Spannung erwartet, die den Leser mitrei&#223;t, eine Heldin erhofft, die als Identifikationsfigur gestaltet ist. Doch diesen Anspruch will der Roman gar nicht erf&#252;llen.</p>

<p>Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“ steht in meinen Augen eher in der Tradition des Anspruchs Brechts an ein Theater mit aufkl&#228;rerischem Anspruch (und „Corpus Deliciti war zun&#228;chst ein Theaterst&#252;ck, sodass diese Assoziation legitim ist), als in der Tradition von Thrillern und Kriminalromane, die zum Mitfiebern einladen, so sehr von der Autorin, vor allem gegen Ende des Romans, einiges an Spannungsaufbau erreicht wird.</p>

<p>Doch nicht nur an Bertolt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Episches_Theater" target="_blank">Brechts episches Theater</a>, auch durch die Umsetzung eines Theaterst&#252;cks als Roman, wie bei Brechts „Dreigroschenoper“ und dem „Dreigroschenroman“, erinnert „Corpus Deliciti. Die Grundhandlung ist vielmehr eher die einer <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Griechische_Trag%C3%B6die" target="_blank">griechischen Trag&#246;die</a>: Mia Moll muss im Rahmen ihrer Gesellschaft schuldig werden, egal, wie sie handeln wird:</p>

<blockquote>„‚Ich blicke auf eine Kreuzung zwischen zwei Wegen’, sagt Mia. ‚Der eine Weg hei&#223;t Ungl&#252;ck, der andere Verderben. Entweder ich verfluche ein System, zu dessen METHODE es keine vern&#252;nftige Alternative gibt. Oder ich verrate die Liebe zu meinem Bruder, an dessen Unschuld ich ebenso fest glaube wie an meine Existenz.’” (S. 39)</blockquote>

<p>Wohin das f&#252;hren wird, ob es Mia gelingt, am Ende doch als strahlende Siegerin darzustehen? Keine Frage, dieser Roman ist auch dann ein literarischer Genuss, wenn man das Ende kennt. Da ich ihm aber sehr viele Leser und Leserinnen w&#252;nsche, verzichte ich darauf, das Ende zu verraten. Nur so viel: Das Ende ist irritierend, wirft Fragen auf und fordert die reflexiven F&#228;higkeiten der Lesenden noch einmal massiv heraus. Juli Zeh macht es auch formal schwer, den Roman einfach abzuschlie&#223;en, zur Seite zu legen und zum n&#228;chsten Buch zu greifen. Nach der letzten Seite bleiben Fragen offen, denen sich Lesende stellen m&#252;ssen, wollen sie diesen gelungenen Roman wirklich auf sich wirken lassen.<strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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	Tags: <a href="http://herrlarbig.de/tag/20-jahrhundert/" title="20. Jahrhundert" rel="tag">20. Jahrhundert</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/21-jahrhundert/" title="21. Jahrhundert" rel="tag">21. Jahrhundert</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/aufklaerung/" title="Aufklärung" rel="tag">Aufklärung</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/buchkritik/" title="Buchkritik" rel="tag">Buchkritik</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/corpus-delicti/" title="Corpus Delicti" rel="tag">Corpus Delicti</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/datenspeicherung/" title="Datenspeicherung" rel="tag">Datenspeicherung</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/deutschland/" title="Deutschland" rel="tag">Deutschland</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/diktatur/" title="Diktatur" rel="tag">Diktatur</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/figuren/" title="Figuren" rel="tag">Figuren</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/gegenwart/" title="Gegenwart" rel="tag">Gegenwart</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/george-orwell/" title="George Orwell" rel="tag">George Orwell</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/gesellschaft/" title="Gesellschaft" rel="tag">Gesellschaft</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/gesundheit/" title="Gesundheit" rel="tag">Gesundheit</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/interpretation/" title="Interpretation" rel="tag">Interpretation</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/juli-zeh/" title="Juli Zeh" rel="tag">Juli Zeh</a>, <a href="http://herrlarbig.de/category/lesen/" title="lesen" rel="tag">lesen</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/literatur/" title="Literatur" rel="tag">Literatur</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/politik/" title="Politik" rel="tag">Politik</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/praevention/" title="Prävention" rel="tag">Prävention</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/praeventionsstaat/" title="Präventionsstaat" rel="tag">Präventionsstaat</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/rezensionen/" title="Rezensionen" rel="tag">Rezensionen</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/roman/" title="Roman" rel="tag">Roman</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/ueberwachung/" title="Überwachung" rel="tag">Überwachung</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/ueberwachungsstaat/" title="Überwachungsstaat" rel="tag">Überwachungsstaat</a><br />
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		<title>Wenn wilde G&#246;tter zahm sind und Kinder unterfordert werden</title>
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		<pubDate>Mon, 03 Nov 2008 20:30:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Abenteuer, Amazonas-Dschungel, eine Verschw&#246;rung und Kulturkritik: Isabel Allendes Roman »Die Stadt der wilden G&#246;tter« enth&#228;lt so ziemlich alles, was eine spannende Handlung und einen guten Roman ausmachen kann. Doch beim Lesen tauchen Zweifel auf, ob die chilenische Autorin hier tats&#228;chlich &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2008/11/03/wenn-wilde-goetter-zahm-sind-und-kinder-unterfordert-werden/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Abenteuer, Amazonas-Dschungel, eine Verschw&#246;rung und Kulturkritik: <a href="http://www.isabelallende.com/" target="_blank">Isabel Allende</a>s Roman »<a href="http://buchjournal.buchhandel.de/sixcms/detail.php?id=49210" target="_blank">Die Stadt der wilden G&#246;tter</a>« enth&#228;lt so ziemlich alles, was eine spannende Handlung und einen guten Roman ausmachen kann. Doch beim Lesen tauchen Zweifel auf, ob die chilenische Autorin hier tats&#228;chlich einen gelungenen Roman vorlegt: <span id="more-560"></span></p>

<p>Ja, die Geschichte hat ein wenig Spannung in sich, ist nicht wirklich aufregend; ja, die Figuren des Romans haben das Potential, sie in richtig verwickelte Situationen geraten zu lassen, in denen sich ihre »Pers&#246;nlichkeiten« entfalten und vertiefen k&#246;nnen. Au&#223;erdem ist die Rahmenhandlung geeignet, die Entwicklung eines Jugendlichen zum Erwachsenen in einer Romanhandlung darzustellen, die die innere Reise zum erwachsenen Ich mit der &#228;u&#223;eren Reise an den Amazonas verbindet.</p>

<p>Der Roman hat Potential. Und dennoch bleiben am Ende Zweifel – nicht nur bei mir, sondern auch bei nahezu allen, mit denen ich &#252;ber den Roman sprach: Aus anf&#228;nglicher Neugier wurde bei nahezu allen schnell Ungeduld, es wird dar&#252;ber geklagt, dass manches in dem Roman zu ausf&#252;hrlich gerate, ohne dass der Sinn f&#252;r die Handlung wirklich nachvollzogen werden k&#246;nne.  Woran liegt es, dass beim Lesen des Romans zunehmend Zweifel dar&#252;ber auftauchen, ob dieses Buch gelungen ist?</p>

<p>Eine erste Ann&#228;herung an diese Frage scheint mir m&#246;glich, wenn ich die Figuren des Romans ein wenig n&#228;her in den Blick nehme und mir die Frage stelle, wie diese gestaltet sind, welchen Charakter ich als Leser bei ihnen feststellen kann.</p>

<p>Alex Cold ist f&#252;nfzehn Jahre alt. Weil seine Mutter schwer krank wird und der Vater sie in die weit entfernte Klink begleiten will, soll er f&#252;r einige Zeit bei seiner Gro&#223;mutter unterkommen. Die Reisejournalistin Kate Cold, die nicht Oma genannt werden will, ist nicht gerade das, was sich »normale Menschen« unter einer Oma vorstellen, was vor allem mit ihren sehr unkonventionellen Erziehungsmethoden  zu tun hat, die darauf bauen, dass ein Kind am besten lerne, wenn man es eigene Erfahrungen machen l&#228;sst. Diese Erfahrungen k&#246;nnen auch darin bestehen, dass Alex von ihr Schwimmen lernte, indem sie ihn als Vierj&#228;hrigen einfach ins Wasser stie&#223;.</p>

<p>Und nun soll Alex mit ihr in den Regenwald des Amazonas, wo Kate Cold sich auf die Suche nach einer »Bestie« macht, die dort Angst und Schrecken verbreitet. Alex ist w&#252;tend und traurig vor Sorge um seine Mutter (S. 9<sup><a href="http://herrlarbig.de/2008/11/03/wenn-wilde-goetter-zahm-sind-und-kinder-unterfordert-werden/#footnote_0_560" id="identifier_0_560" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Die Seitenangaben folgen der Ausgabe im Deutschen Taschenbuchverlag und unterscheiden sich sowohl von der Suhrkamp- als auch von der Hanser-Ausgabe">1</a></sup> ) und muss sich nun auch noch mit Kate und den Herausforderungen einer Expedition in den Regenwald herumschlagen.  Erstaunlicher Weise ver&#228;ndert der Regenwald und Alex’ Erfahrungen bei den Nebelmenschen, die ihn unter anderem einem Initiationsritus unterziehen, Alex kaum. Zumindest bekommt der Leser nicht wirklich erz&#228;hlt oder gar gezeigt, dass sich hier eine Reise ins Erwachsensein abspielt.</p>

<p>Das mag damit zu tun haben, dass Allende zwar viel erz&#228;hlt, aber bei allen Figuren wenig Tiefgang zu erzeugen vermag. Statt dessen strotzt das Buch nur so vor <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Klischee" target="_blank">Klischees</a>.</p>

<p>Alex ist ein typischer Jugendlicher, der am Ende einer Reise in die Welt l&#228;ngst vergessener Urwald»g&#246;tter« behauptet, die Begegnung mit Nadja, einem im Regenwald lebenden M&#228;dchen mit kanadischen Wurzeln, sei Wichtigste an dieser Reise f&#252;r ihn gewesen. Und das, nachdem er das Wasser des Lebens f&#252;r seine Mutter im Gep&#228;ck hat, in lebensbedrohliche Situationen gekommen ist und ganz nebenbei, gemeinsam mit Nadja, einem Indianerstamm das &#220;berleben gerettet hat. Und wenn Nadja dann antwortet, dass sie einander mit dem Herzen sehen k&#246;nnten (S. 377), bin ich wirklich froh, dass das Buch zu Ende ist, denn das ist mir dann doch ein wenig zu sehr »Der Kleine Prinz«.</p>

<p>Doch neben diesen misslungenen Hauptfiguren, stehen auch keine besser gelungenen Nebenfiguren: Es gibt einen Anthropologen, der (nat&#252;rlich) vollkommen &#252;berdreht ist und kaum platter als »wirrer Professor« dargestellt werden k&#246;nnte; es gibt eine h&#252;bsche &#196;rztin, die sich als die B&#246;se entpuppt; die Wesen, die das Magische in dem Roman darstellen, wirken wie Abziehbilder aus M&#228;rchen und erinnern irgendwie an Tolkiens Ents im Herrn der Ringe; der auftretende Schamane ist geheimnisvoll, bekommt aber in dem Roman keine wirkliche Pers&#246;nlichkeit, ja, er wirkt ein wenig wie eine folkloristische Gestalt, die Touristen aufgezwungen wird; die Mitglieder des Stammes der Nebelmenschen bekommen die &#252;blichen Klischees &#252;ber indigene V&#246;lker verpasst und sind gar nicht so »wild«, wie sie auf den ersten Blick wirken. Und schlie&#223;lich gibt es da nat&#252;rlich auch noch den klassischen Kampf zwischen Gut und B&#246;se, verbunden mit einer ach so zarten Liebesgeschichte zwischen Alex und Nadja, die so erz&#228;hlt wird, dass es mir bis zum Ende nicht gelingt, diese Liebe nachf&#252;hlen zu k&#246;nnen.</p>

<p>Doch was mir bei der Gestaltung der Figuren auff&#228;llt, scheint mir in engem Zusammenhang mit der Zielgruppe des Buches zu stehen. Auch wenn es in zwei Ausgaben (eine f&#252;r Jugendliche im Hanser-Verlag und eine f&#252;r Erwachsene im Suhrkamp-Verlag) erschienen ist: »Die Stadt der wilden G&#246;tter« ist als Kinder- und Jugendbuch konzipiert, f&#252;r Kinder und Jugendliche, die dieses Buch nicht wirklich ernst nimmt, die es untersch&#228;tzt und nicht &#252;berfordern will. Anders kann ich es mir nicht erkl&#228;ren, dass Jugendliche im Alter Alex Colds, mit denen ich das Buch gelesen habe, das Buch als langweilig beschreiben, &#252;ber L&#228;ngen in der Erz&#228;hlung klagen und den Abenteuerroman alles andere als spannend finden. Allende traut Kindern und Jugendlichen scheinbar nicht zu, dass sie komplexe Figuren und deren Gef&#252;hlsleben verstehen k&#246;nnen. Und so kann Allende in einem <a href="http://buchjournal.buchhandel.de/sixcms/detail.php?id=49210" target="_blank">Interview</a> sagen:</p>

<blockquote>»Das Schreiben [eines Romans f&#252;r Kinder und Jugendliche – TL] selbst ist anders. Es ist insgesamt direkter. Es gibt mehr Action, mehr Dialoge. Die Kapitel sind k&#252;rzer und &#252;berschaubarer. Zwangsl&#228;ufig. Der Leser ist ein anderer. Das bedeutet nicht, dass ich mir weniger M&#252;he geben w&#252;rde, sorgf&#228;ltig mit der Sprache umzugehen oder auch etwa mit der Konstruktion der Geschichte selbst. Dazu respektiere ich Jugendliche viel zu sehr.«</blockquote>

<p>Ja, der Roman ist »direkter« geschrieben: Es gibt kaum etwas zwischen den Zeilen zu lesen, Lesende bekommen alles erkl&#228;rt. Die Geschichte ist sorgf&#228;ltig konstruiert, wobei aber die Charaktere, die die Geschichte tragen sollen, deutlich zu kurz kommen. Doch Romane, die zu direkt geschrieben sind, in denen Lesende quasi vorgekaute Nahrung vorgesetzt bekommen, statt ihnen wirklich etwas zu bei&#223;en zu geben, schaffen es selten, wirklich gute Romane zu werden.</p>

<blockquote>Isabell Allende, Die Stadt der wilden G&#246;tter, M&#252;nchen (dtv) 2008 (6. Auflage).</blockquote>

<p><strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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		<title>Atmosph&#228;rische St&#246;rungen: »Krabat« – Der Film</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Oct 2008 12:32:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Da reibt sich der verwunderte Kinog&#228;nger die Augen: Verschneite, hochgebirgs&#228;hnliche Berge in der Gegend um Hoyerswerda, der Heimat der Sagenfigur Krabat? Marco Kreuzpaintner tr&#228;gt schon zu Beginn seiner Aufnahme des Krabatstoffes, die ausdr&#252;cklich dem gleichnamigen Buch von Otfried Preu&#223;ler folgen &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2008/10/15/atmosphaerische-stoerungen-krabat-der-film/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Da reibt sich der verwunderte <a href="http://www.krabat-derfilm.de/" target="_blank">Kinog&#228;nger</a> die Augen: Verschneite, hochgebirgs&#228;hnliche Berge in der Gegend um <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hoyerswerda" target="_blank">Hoyerswerda</a>, der <a href="http://www.krabatregion.de" target="_blank">Heimat der Sagenfigur Krabat</a>? <a href="http://www.kino-zeit.de/filme/artikel/1282_marco-kreuzpaintner---biographie-und-filmographie.html" target="_blank">Marco Kreuzpaintner</a> tr&#228;gt schon zu Beginn seiner Aufnahme des <a href="http://www.leipzig-almanach.de/film_neues_aus_der_zauberschule_krabat_anna_kaleri_.html" target="_blank">Krabatstoffes</a>, die ausdr&#252;cklich dem gleichnamigen Buch von <a href="http://www.preussler.de/" target="_blank">Otfried Preu&#223;ler</a> folgen will, ganz sch&#246;n dick auf.  Das ist erst einmal in Ordnung, da die Verfilmung eines Buches nat&#252;rlich ein neues Werk schafft und nicht nur darstellen soll, was so im Buch steht. Jede Verfilmung eines Romans ist eine <a href="http://www.gymnasium-borghorst.de/jowoshomepage/roman.htm" target="_blank">Interpretation des Romans</a>, die so ziemlich alles leisten muss, was in Schule und Studium &#252;ber den Umgang mit B&#252;chern gelernt wurde:</p>

<ul>
    <li>Es gilt den Inhalt des Romans zu erfassen und wiederzugeben (<a href="http://www.teleunterricht.de/inhaltsangabe.htm" target="_blank">Inhaltsangabe</a>, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Nacherz%C3%A4hlung" target="_blank">Nacherz&#228;hlung</a>).</li>
    <li>Die Figuren ben&#246;tigen Darsteller, Kost&#252;me, Masken und m&#252;ssen von den Darstellern als Figuren begriffen werden. Bereits die Auswahl der Schauspielenden spiegelt Vorstellungen der Ausw&#228;hlenden wider, wie diese Figuren sind und wirken (<a href="http://www.lehrerfreund.de/in/schule/kat/Personenbeschreibung/" target="_blank">Personenbeschreibung</a>, <a href="http://www.teachsam.de/deutsch/d_schreibf/schr_schule/txtinterpr/formen/litcha/litcha0.htm" target="_blank">Charakteristik</a>).</li>
    <li>Die Darsteller selbst m&#252;ssen sich in die <a href="http://www.didaktikdeutsch.de/lehre/ss05/Proseminar/Rollenbiographie.pdf" target="_blank">Rollenbiographie</a> ihrer Figuren einarbeiten, um den jeweiligen Charakter darstellen zu k&#246;nnen (<a href="http://www.teachsam.de/deutsch/d_schreibf/schr_schule/txtinterpr/formen/litcha/litcha0.htm" target="_blank">Charakteristik</a>).</li>
    <li>Es gilt, entsprechende Kulissen zu  bauen und Spielorte zu finden. Dazu muss man Entscheidungen treffen, in welcher Zeit ein Film spielt, welche Atmosph&#228;re diese Zeit bestimmt (oder auch einzelne Spielorte des Films) etc. Es m&#252;ssen also Entscheidungen zu eingesetzten Formen getroffen werden, welche Stilmittel genutzt werden – und damit steht im Hintergrund immer die Frage, wie die eine Romanverfilmung Produzierenden den Roman verstehen und deuten (<a href="http://www.inhaltsangabe.info/interpretation">Interpretation</a>, <a href="http://handbuch.literaturwissenschaft.de/forum/viewtopic.php?t=54&amp;start=0&amp;postdays=0&amp;postorder=asc&amp;highlight=&amp;sid=2cfe1a1a0daf3b257ad450986d42f068" target="_blank">Stilanalyse</a>).</li>
    <li>Jede Verfilmung eines Romans ist nicht nur die <a href="http://www.teachsam.de/deutsch/d_schreibf/schr_schule/protex/protex10.htm" target="_blank">Interpretation einer Geschichte mit Hilfe szenischer Mittel</a>, sondern immer auch eine pers&#246;nliche Stellungnahme der Filmschaffenden zu dem Roman.</li>
    <li>M&#246;glicherweise wird in einem Film auch ein Thema, das in einer Romanvorlage angelegt ist, n&#228;her <a href="http://www.teachsam.de/deutsch/d_schreibf/schr_schule/eroert/ero0.htm" target="_blank">er&#246;rtert</a>, w&#228;hrend andere Themen m&#246;glicherweise au&#223;en vor gelassen werden.</li>
</ul>

<p>F&#252;r Filmschaffende ist die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Literaturverfilmung" target="_blank">Verfilmung eines literarischen Werkes</a> dem entsprechend eine &#228;u&#223;erst anspruchsvolle T&#228;tigkeit, die aber gleichzeitig mit dem Problem verbunden ist, dass ein Film teuer ist und entsprechenden Erfolg beim Publikum braucht.</p>

<p>Wende ich all dies auf Kreuzpaintners Umgang mit Preu&#223;lers »Krabat« an, so f&#228;llt zun&#228;chst auf, dass Kreuzpaintner bestimmte <a href="http://herrlarbig.de/2008/10/07/otfried-preussler-krabat-ein-kritischer-zwischenruf/#more-425" target="_blank">Schw&#228;chen bei der Darstellung der Figuren im Roman bez&#252;glich deren »Biographien«</a> zumindest bei der Figur des Krabats aufgreift und sich daf&#252;r entscheidet, dass die Pest Krabat zum Waisen gemacht habe. Dabei taucht zwar nur Krabats Mutter auf, vom Vater erfahren wir auch im Film nichts, aber immerhin wird verst&#228;ndlich, warum Krabat m&#246;glicherweise an der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Magie" target="_blank">Schwarzen Kunst</a> interessiert ist: Die Hilflosigkeit im Umgang mit dem Tod seiner Mutter k&#246;nnte W&#252;nsche nach Macht losgetreten haben, die mit dem Tod k&#228;mpfen kann. Andererseits k&#246;nnte auf diesem Wege verstanden werden, warum Krabat sich gegen den M&#252;ller zur Wehr setzt, als er erkennt, dass die Kunst des M&#252;llers darauf beruht, mit dem Gevatter ein B&#252;ndnis eingegangen zu sein, das unweigerlich Jahr f&#252;r Jahr zum Tode eines der M&#252;llergesellen f&#252;hren muss.</p>

<p>Doch diese in der Figur des Film-Krabats angelegten Charaktereigenschaften werden von <a href="http://www.stern.de/unterhaltung/film/:David-Kross-Der-Shootingstar-Films/633965.html" target="_blank">David Kross</a> in der Rolle des Krabats nicht &#252;berzeugend vermittelt. <span id="more-468"></span>Das w&#228;re wiederum nicht schlimm, wenn dieser Krabat z. B. in der Lage w&#228;re, den Kampf eines Heranwachsenden mit dem Erwachsenwerden zu verk&#246;rpern. Aber auch dies gelingt <a href="http://www.spielfilm.de/special/interviews/659/krabat-david-kross.html" target="_blank">David Kross</a> nicht. Um zu zeigen, dass dieser Krabat &#228;lter wird, wird ihm von der Maske im zweiten Teil des Films ein Zopf und ein Schnurrbartfl&#228;umchen angelegt. Darstellerisch l&#228;sst sich die Pers&#246;nlichkeitsentwicklung nur in Ans&#228;tzen wahrnehmen.</p>

<p>Doch dieses Problem scheint vor allem ein Problem der Konzeption des Filmes und nicht der Schauspieler und Schauspielerinnen zu sein, die ja schon an anderer Stelle gezeigt haben, was ihnen stecken kann. Der Film ist nicht auf die schauspielerische Darstellung von Charakteren oder Feinheiten der Pers&#246;nlichkeitsver&#228;nderungen der Figuren in der M&#252;hle hin angelegt, sondern – und damit sind wir wieder bei den verschneiten Bergen am Anfang des Filmes – auf Effekte und Klischees.</p>

<p>Die Schauspieler gehen im &#220;berma&#223; der visuellen Effekte nahezu unter, werden mit im Roman nicht auftauchenden Kampfszenen konfrontiert und nat&#252;rlich m&#252;ssen Tonda und Krabat ihren M&#228;dchen so fr&#252;h wie m&#246;glich real begegnen, inklusive heimlicher Treffen, K&#252;sschen und aus dem Film heraus v&#246;llig unmotivierten Augen-Blicken. Warum »Kantorka« Krabat liebt und bereit ist, ihr eigenes Leben in Gefahr zu bringen, bleibt auch im Film v&#246;llig nebul&#246;s.</p>

<p>Dar&#252;ber hinaus wird in dem Film eine Atmosph&#228;re geschaffen, die von einer Musik gepr&#228;gt ist, die an keltisch-mystische Elfenges&#228;nge, den Zuschauer einlullende Pseudomystik erinnert. Alles, was &#252;ber die Anforderungen an die Schauspieler hinaus geht, ist in diesem Film zu dick aufgetragen: Die Berge sind zu hoch, es liegt zu viel Schnee, der Schlamm bei der M&#252;hle ist zu tief, die Kornfelder sind angesichts des herrschenden Krieges zu &#252;ppig, die W&#228;lder zu m&#228;rchenhaft, die Musik zu aufdringlich, die Darstellung der Figuren greift zu viele Klischees auf, statt liebevoll Individuen zu schaffen und so die Schauspieler zu H&#246;chstleistungen zu treiben.</p>

<p>Preu&#223;lers Krabat zieht Lesende in sich hinein, auch wenn das Buch selbst die eine oder andere Schw&#228;che hat; der Film hingegen h&#228;lt den Zuschauer au&#223;en vor und bedient ihn mit zwei zitierf&#228;higen Lebensweisheiten, die platter nicht sein k&#246;nnten: »H&#246;re auf dein Herz« und »Alles hat seinen Preis« lauten diese Allerweltsaussagen, deren inhaltliche F&#252;llung im Film nur oberfl&#228;chlich, wenn &#252;berhaupt gelingt.</p>

<p>Auch wenn ich angesichts der Leistungsf&#228;higkeit der Schauspieler nun ein wenig zu b&#246;se werde, so erinnert mich das ganze Setting doch ein wenig an das Setting von »Big Brother«: Der Meister als derjenige, der (fast) alles sieht, die F&#228;den in der Hand h&#228;lt und jedes Jahre fliegt einer der Gesellen aus dem Spiel raus und wird durch einen Anderen ersetzt. Unter dem Blick des Meisters werden zw&#246;lf Personen in eine gruppendynamische Zwangssituation gestellt, in der es, anders als im Buch, zu Cliquenbildung kommt, die am Ende von »Freundschaft« &#252;berwunden wird, weil Lyschko durch eine Handlung, von der man im Film nicht erf&#228;hrt, ob sie Krabat helfen sollte oder das Ziel hatte, Krabat und »Kantorika« ans Messer zu liefern, der »Liebe« von Krabat und »Kantorika« zum Durchbruch verhilft und so dazu beitr&#228;gt, den Meister am Ende zu vernichten.</p>

<blockquote>Was andere Sagen:
<ul>
    <li><a href="http://www.zeit.de/online/2008/42/Krabat?page=all" target="_blank">Die Zeit</a></li>
    <li><a href="http://www.faz.net/s/Rub8A25A66CA9514B9892E0074EDE4E5AFA/Doc%7EE194366EF5E8F413FBEBF2F82A2A04A14%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html" target="_blank">FAZ</a></li>
    <li><a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/362/313269/text/" target="_blank">S&#252;ddeutsche Zeitung</a></li>
</ul>
<a href="http://www.krabat-derfilm.de/" target="_blank">Die Website zum Film</a></blockquote>

<p><strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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		<title>Otfried Preu&#223;ler – Krabat: Ein kritischer Zwischenruf</title>
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		<comments>http://herrlarbig.de/2008/10/07/otfried-preussler-krabat-ein-kritischer-zwischenruf/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 07 Oct 2008 00:03:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ja,  Otfried Preu&#223;lers Roman »Krabat«, der 1971 zum ersten Mal erschien, ist gut zu lesen. Er erz&#228;hlt die spannende Geschichte eines M&#252;llerjungens, der in den Machtbereich eines der schwarzen Magie anh&#228;ngenden M&#252;llermeisters ger&#228;t und – nat&#252;rlich: die Liebe – einen &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2008/10/07/otfried-preussler-krabat-ein-kritischer-zwischenruf/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ja,  <a href="http://www.preussler.de/" target="_blank">Otfried Preu&#223;ler</a>s <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Krabat_%28Preu%C3%9Fler%29" target="_blank">Roman »Kraba</a><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Krabat_%28Preu%C3%9Fler%29" target="_blank">t«</a>, der 1971 zum ersten Mal erschien, ist gut zu lesen. Er erz&#228;hlt die spannende Geschichte eines M&#252;llerjungens, der in den Machtbereich eines der schwarzen Magie anh&#228;ngenden M&#252;llermeisters ger&#228;t und – nat&#252;rlich: die Liebe – einen Weg zur Erl&#246;sung findet.  Preu&#223;lers Roman wird als Meisterwerk der Kinder- und Jugendliteratur gehandelt, wurde mit Preisen ausgezeichnet, in viele Sprachen &#252;bersetzt und nun sogar als <a href="http://www.krabat-derfilm.de" target="_blank">Grundlage f&#252;r einen Spielfilm</a> genommen, der von einem eigenen <a href="http://www.krabat-derfilm.de/blog/" target="_blank">Blog</a> begleitet  und dessen Vermarktung auch von der »<a href="http://www.stiftunglesen.de/krabat/default.aspx" target="_blank">Stiftung Lesen</a>« unterst&#252;tzt wird.</p>

<p>Aber ist »Krabat«, abgesehen von der begr&#252;&#223;enswerten Kunst, den Lesenden in eine Geschichte hinein zu ziehen, ein guter Roman? <span id="more-425"></span>– Die Antwort ist schwierig. Bleibe ich alleine bei der Erfahrung, dass der Roman gut zu lesen ist und eine spannende Geschichte erz&#228;hlt, m&#252;sste die Antwort wohl eindeutig »Ja« lauten. Schaue ich mir die Gestaltung des Romans aber ein wenig n&#228;her an, so bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich ihn wirklich als einen »Klassiker« bezeichnen will. Ja, die Rezeption ist die eines Klassikers: Der Roman wurde in sehr viele Sprachen &#252;bersetzt, verkaufte sich &#252;ber zwei Millionen Mal und hat im Rahmen all der positiven Bewertungen fast schon etwas Unantastbares an sich. Warum aber kommen bei mir dennoch deutliche Zweifel an der Qualit&#228;t des Romanes auf?</p>

<p>Zun&#228;chst las ich das Buch, wie es wohl von Vielen gelesen wird: Ich begann und hatte Schwierigkeiten, das Buch wieder aus der Hand zu legen. Insgesamt hat es keine zwei Tage gedauert, bis ich das Buch gelesen hatte. Und dennoch tauchten bereits bei der Lekt&#252;re ein paar Fragen auf, die mich nach wie vor besch&#228;ftigen, Fragen, die mich vor allem deshalb besch&#228;ftigen, weil ich w&#228;hrend der Lekt&#252;re zunehmend das Gef&#252;hl bekam, dass die Figuren des Romans keine &#252;ber den Roman hinaus gehende Biographie zu haben scheinen, bzw. diese nur in Bruchst&#252;cken im Roman selbst erfahrbar wird.</p>

<p>Das w&#228;re an sich nicht schlimm, w&#252;rde die erz&#228;hlte Geschichte den Eindruck vermitteln, dass es eine solche das Handeln der Figuren in der Gegenwart der Geschichte bestimmende Biographie g&#228;be. Aber genau diesen Eindruck vermag mir der Roman bislang nicht zu vermitteln.</p>

<p>Von Krabat erfahren wir am Anfang nur, dass er als vierzehnj&#228;hriger Betteljunge im S&#228;chsischen unterwegs ist (S. 9f). Doch seine Herkunft bleibt im Roman im Dunklen. Warum bettelt Krabat? Warum l&#228;sst er sich auf die Lehre in der M&#252;hle ein? Woher stammt der Meister? Abgesehen von einer Anekdote (S. 177–183) erf&#228;hrt der Lesende fast nichts &#252;ber diesen dunklen Meister. Die Motive seines Handelns bleiben im Dunkeln. Noch dunkler aber bleiben die Motive und Lebensgeschichten der anderen M&#252;llergesellen. Da wird zwar mal eingestreut, dass Tonda einmal verliebt war und diese Liebe durch den mysteri&#246;sen Tod der geliebten Worschula, Tonda f&#252;hrt dies auf den »Meister« zur&#252;ck, beendet wurde (S. 58f), aber auch dieser Teil bleibt seltsam oberfl&#228;chlich.</p>

<p>Und dann begegnet Krabat seiner geliebten »Kantorka« (S. 245). Sie habe von Krabat getr&#228;umt, davon, dass jemand B&#246;ses mit ihm im Sinn habe. Das reicht, um daf&#252;r zu sorgen, dass Krabat nicht mehr der Krabat von fr&#252;her ist (S. 250) – aber welcher Krabat ist hier gemeint? Lesende wissen nichts &#252;ber die ersten vierzehn Jahre Krabats! Was passiert hier mit ihm? Hat das alles nur mit den Geschehnissen in der M&#252;hle zu tun?</p>

<p>Und auch bei der abschlie&#223;enden Befreiung Krabats, die f&#252;r den M&#252;ller den Tod bedeutet (S. 311–314) bleiben mehr Fragen offen, als der Text beantwortet. Ja, statt die Ereignisse wirklich zu zeigen, zieht sich Preu&#223;ler auf Erkl&#228;rungen zur&#252;ck:</p>

<blockquote>»›Wie hast du mich‹, fragte er, als sie die Lichter des Dorfes zwischen den St&#228;mmen aufblicken sahen, hier eines, da eins – ›wie hast du mich unter den Mitgesellen herausgefunden?‹›Ich habe gesp&#252;rt, das du Angst hattest‹, sagte sie, ›Angst um mich: daran habe ich dich erkannt‹« (S. 314.)</blockquote>

<p>Anschlie&#223;end f&#228;llt noch drei Zeilen lang Schnee und die Geschichte endet in Friede-Freud-Eierkuchen-Kitsch, was gar nicht so schwierig ist, weil wir nat&#252;rlich alle verstehen, dass »die Liebe« grunds&#228;tzlich erl&#246;sende F&#228;higkeiten hat, sodass Lesende im Taumel dieses Zeugnisses der Liebeskraft nat&#252;rlich v&#246;llig aufgel&#246;st jegliche Fragen vergessen. – Hier werde ich fast schon ein wenig zynisch, weil Preu&#223;ler mir jegliche Lebensgeschichte der »Kantorika« verweigert, ja, sie scheint, abgesehen von der v&#246;llig klischeehaften Rolle der bedingungslos Liebenden &#252;berhaupt keine Geschichte zu haben!</p>

<p>Wohl bemerkt, nicht die Botschaft dieser Zeilen bringt mich gegen den Roman »Krabat« auf, sondern die Gestaltung dieser Botschaft in dem Roman. Die hier vermittelte Kraft der Liebe verliert ihre Kraft, wenn sie als Klischee gestaltet wird. Und wenn das geschieht, dann stellt sich mir die Frage nach der Qualit&#228;t eines Romans, jenseits der Erfahrung, dass der Roman trotz allem spannend ist und mich als Leser nicht losl&#228;sst.</p>

<p>Denke ich abschlie&#223;end &#252;ber die erz&#228;hlte Handlung nach, die sehr gestrafft von den drei Jahren Krabats in der M&#252;hle berichtet, so ist es die Banalit&#228;t, mit der das »Dunkle« und die »Kraft der Liebe« hier dargestellt werden, die dazu gef&#252;hrt haben, dass mir der Roman so seltsam schwer zu greifen erscheint.</p>

<p>Nat&#252;rlich k&#246;nnte ich es auch anders wenden: Gerade weil Preu&#223;ler so wenig von den Hintergr&#252;nden erz&#228;hlt, wird der Lesende zu eigenen Gedanken gezwungen – ein echtes Qualit&#228;tskriterium: Es gibt in Preu&#223;lers »Krabat« viele Leerstellen, die Leser und Leserinnen selbst zu f&#252;llen haben. Das mag es auch sein, was in den Roman hineinzieht. Doch diese Leerstellen sind letztlich so oberfl&#228;chlich und klischeehaft gestaltet, dass Lesende bei der Reflexion der Fragen, die der Roman aufwirft, pl&#246;tzlich ins Leere laufen.</p>

<blockquote>Otfried Preu&#223;ler, Krabat, M&#252;nchen 2004 (19. Auflage, zuerst: 1971)</blockquote>

<p><strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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