Herrn Larbigs Bibliothek 1: Rainald Goetz – Abfall für alle

„Abfall für alle“ – wenn dieser Name nur nicht zum Motto dieser Reihe „Herrn Larbigs Bibliothek“ wird…

Wir schreiben das Jahr 1998. Von Blogs hat noch keiner was gehört und das Web 2.0 ist noch in weiter Ferne, da schreibt Rainald Goetz schon im Internet Tagebuch. Das gibt es dort zwar nicht mehr, das gab es schon Ende 1999 dort nicht mehr, aber es wurde ein Buch daraus. Und dieser „Roman eines Jahres“ heißt, war es Voraussicht oder Selbstironie, „Abfall für alle“.

Es ist das Jahr, in dem ich Rainald Goetz im Rahmen der Frankfurter Poetikvorlesung erlebe. Und ich erinnere noch gut jenen Dienstag, den 28. April 1998, 18:00 Uhr, als Goetz zum ersten Mal die Bühne der Frankfurter Poetikvorlesung betrat und versuchte (sic!) frei zu reden. Das hat er so in den Folgewochen nicht mehr gewagt. Da gab es dann, ich erinnere mich daran und irgendwo müsste ich sie auch noch haben, winzigst gedruckte Textkonvolute als Skript zur Vorlesung. Aber nicht zur ersten.

Und dann lese ich in „Abfall für alle“ unter dem 29.4.98:

„941. Diese Unfähigkeit, frei zu reden. Fast schon eine geistige Behinderung.“

Stimmt. Aber so habe ich es nach wie vor in neugieriger Erinnerung. Es sind eben nicht die glatt gestylten Performances, die sich in der Erinnerung festbeißen, sind die doch alle irgendwie geklont und gleich in ihrer (Nicht-)Wirkung; das Unerwartete, Überraschende und in diesem Falle auch die Suchbewegung eines Autors, die er in einer Vorlesung (ungewollt) sichtbar macht. Da stand dieser Autor, in seinen vierziger Jahren, in diesem Hörsaal VI, in dem schon so viele Autoren vor ihm zu Gast waren, und versucht eine freie Poetik-Vorlesung zum Titel „Praxis“ – und wirkt… improvisiert.

Eine Woche später kommt der Autor dann schon mit einem ausgearbeiteteren Text, der, wie auch die Rekonstruktion der ersten Vorlesung, Einzug in „Abfall für alle“ gefunden hat.

Das aber ist nicht der einzige Inhalt der 864 Seiten, die von diesem Jahr des Internettagebuchs des Rainald Goetz Zeugnis geben. Es soll keine Literatur werden! So sagt sich der Autor am Anfang immer wieder. Und heute steht das Buch in meiner Bibliothek. Keine Literatur? Was aber dann? Ein Arbeitstagebuch? Eine Selbstentblößung des Autors im Netz? „Nur“ das Zeugnis einr Art Blog-Vorläufer? Das Buch ist alles von dem und nichts von dem zugleich:

Teilweise knappste Notizen, die locker in eine Twitternachricht mit ihrer Beschränkung auf 140 Zeichen passen würde, teilweise längere Reflexionen über Leseerfahrung, Begegnungen und eben Dokumentation der Poetikvorlesung.

Und im Zentrum des Buches? Es geht zum Teil um das Abschließen eines Werkes, aber meist um das Anfangen. Banalitäten reihen sich an differenzierte Reflexionen. Eigentlich ein viel zu dickes Buch mit viel zu vielen Nebensächlichkeiten – und trotzdem nehme ich es ziemlich regelmäßig zum Schmökern wieder in die Hand. Irgendwas fasziniert mich an diesem Buch. Bis heute weiß ich nicht, was das eigentlich ist…

Rainald Goetz, Abfall für alle. Roman eines Jahres, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1999 (Taschenbuchausgabe 2003).

Bildungsorte: Das Städel zu Frankfurt am Main

700 Jahre Kunstgeschichte in Schlüsselwerken – und in Zukunft wird es eine fast doppelt so große Ausstellungsfläche geben. Das Frankfurter Städel zählt zu den bedeutensten Museen der Welt und ist das Ergebnis eines sehr typischen Franfurter Phänomens: Ein Bürger hat es als Stiftung ins Leben gerufen und die Bürger Frankfurts haben es bislang am Leben erhalten und bauen es jetzt auch noch aus. 30 Millionen Euro wird die Erweiterung des Städels kosten – und man wird fast nichts von den neuen, sechs bis acht Meter hohen Hallen sehen, wenn sie erst einmal fertig sind.

Es ist ein Privileg, ein solches Museum quasi um die Ecke zu haben, in dem Werke der großartigsten Künstler der Kunstgeschichte ausgestellt sind und gepflegt werden. Das Privileg besteht nicht darin, dass Frankfurt hier etwas besonderes habe, sondern darin, dass solche Kunstwerke in ganz besonderer Weise die Kunst des Sehens auszubilden helfen.

Im Städel gibt es keine mittelmäßige Kunst – und wer mit diesen Bildern vor Augen groß geworden ist, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit später auch einen anderen Blick auf Bilder haben – egal ob auf Fotografien oder Gemälde.

Aber das Städel ist nicht nur als Museum ein Bildungsort, sondern auch als Kunstakademie mit der angegliederten Städelschule, die sich der Ausbildung von Nachwuchskünstlern verschrieben hat. Außerdem hat sich ein in unmittelbarer Nachbarschaft zum Städel liegendes Gymnasium mit dem Städel vernetzt und bietet in den Klassen 5 und 6 einen erweiterten Kunstunterricht an, der für die ästhetische Bildung der Kinder bedeutsam ist.

Für mich sind Museen und ihre in den letzten Jahren deutlich stärker wahrgenommenen museumspädagogischen Abteilungen neben Schulen zentrale Orte der Bildung. In der praktischen und reflektierenden Auseinandersetzung mit Kunst findet immer auch eine Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung von Welt zu unterschiedlichen Zeiten statt, die weit größere Zeithorizonte umfasst, als dies beispielsweise im Deutschunterricht von den Lehrplänen gefordert wird. Kunst fordert den Blick heraus, irritiert, verführt zum genauen Hinsehen. Und wenn Kinder, wie ich es selbst immer wieder erlebe, vor einem Bild stehen bleiben und sich völlig begeistert zeigen, dann ist das ein konkreter Ausdruck dessen, was Kunst und Museen so wichtig machen: Sie können begeistern, den Geist erweitern, den Blick schulen, zu einer eigenen künstlerischen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit führen. – Für mich sind das zentrale Aufgaben einer Bildung, die weit über das bloße Lernen im formal abprüfbaren Sinn hinausgeht. Es ist wunderbar, dass Deutschland zu den Ländern mit der höchstens Dichte an kulturellen Einrichtungen weltweit gehört. Möge deren Bedeutung – auch in Krisenzeiten! – nicht aus dem Blick verloren werden!

Herr Larbig im Gespräch mit der Bildungsexpedition 2009

Fünf Expeditionsteilnehmer, eine Menge miniaturisierte Technik und so ziemlich alle kostenfrei verfügbaren Vernetzungsdienste, die es im Internet gibt: So kam die Bildungsexpedition 2009 am 01. September 2009 auch nach Frankfurt. Und selbst nach einer Fahrt von München über Kassel nach Frankfurt am Main, lud die Expedition zum „Get Together“ am Abend.

So kamen wir um 21:30 in einem Thai- und Pizzaimbiss an der Mainzer Landstraße zusammen, aßen, plauderten, tauschten uns aus. Kurz nach 22:00 holte Lutz Berger dann sein Telefon heraus, stellte eine Verbindung zu 1000mikes.com her und dann wurde ich in ein Interview verwickelt, das live on Air mitverfolgt werden konnte (wie so ziemlich alle Begegnungen der Bildungsexpedition, in deren Rahmen ich echt Hochachtung vor all den engagierten Bildungsmenschen in Deutschland bekommen habe, die dort vorgestellt wurden). Und selbstverständlich steht das Interview auch als Archivbeitrag zur Verfügung.

Aber es wären nicht Leute wie Lutz Berger und Christian Spannagel in einem Team, wenn nicht selbst noch ein solches Interview am Abend interaktiv wäre. Und so saßen da Melanie Gottschalk, Bastian Hirsch, Christian Spannagel und Lutz Berger mit ihren Taschencomputern um uns herum und twitterten mit einigen Hörern und Hörerinnen live zum Interview, sodass auch diese Kommentare und Fragen direkt in das Gespräch einfließen konnten. – Danke euch und Ihnen allen für die Rückmeldungen, Kommentare, den Applaus etc…

Von meiner Seite her war das Interview nicht geplant; von Seiten der Expedition war dieses Interview wohl weit mehr geplant, als ich ursprünglich annahme, wie ich nach dem Gespräch (natürlich via Twitter) erfuhr. Dementsprechend viele unterschiedliche Themen wurden angesprochen und im Zentrum stand weniger ein Projekt, wie bei den meisten anderen Interviews und Videoaufzeichnungen, sondern ein Strom an Assoziationen – sowohl bei mir als auch bei den Interviewenden. Knapp eine Stunde ging das so, ohne dass ich bemerkt hätte, wie die Zeit verging.

Und doch hatte das Interview einen roten Faden, der darin bestand, dass ich mich als Lehrer mit anderen Lehrern und anderen an Bildungsprozessen Beteiligten Leuten vernetzt habe. Auch wenn man am Anfang meinen könnte, es gehe um vernetzte Theologen, so war dieser Einstieg doch eher Zufall, weil – natürlich über Twitter – natürlich über Twitter – gerade an diesem Abend Br. Paulus Terwitte auf die Bildungsexpedition aufmerksam wurde und mit uns twitterte, was die Expeditionsteilnehmer doch sichtlich begeistert hat, sodass dieses Thema, über das wir gerade noch offline gesprochen hatten, nun also zum Einstieg unseres Gesprächs wurde.

Da wir im Verlauf des Interviews einmal das Telefon wechseln mussten, gibt es das Gespräch in zwei Teilen. Und wer es ganz hören will, sollte sich nun eine Stunde Zeit nehmen – ob sich das lohnt, müssen dann andere entscheiden:

Interview mit dem vernetzten Lehrer Torsten Larbig in Frankfurt, Teil 1 – 45 Minuten:

 

(Als MP3 ohne Flashplayer)

Interview mit dem vernetzten Lehrer Torsten Larbig in Frankfurt, Teil 2 – 16 Minuten:

 

(Als MP3 ohne Flashplayer)

Aber dieses Interview ist natürlich nur ein winziger Teil der für mich in allen anderen Teilen höchst spannenden Expedition, die im Spätsommer 2009 schlaglichtartig erhellte, wie lebendig die Bildungslandschaft in Deutschland ist. Die Bildungsexpedition hat Spuren hinterlassen, die unter folgenden Links zu finden sind:

Und da die Expedition selbst hochgradig vernetzt ist, hier noch eine ganze Reihe an Links, hinter denen Menschen stehen, die als „Stimmen aus dem Off“ die Expedition bis jetzt begleitet haben:

Großstadtszenerie

Es gibt in Frankfurt Ecken, die im rechten Licht für mich einen besonderen Reiz entwickeln. Die Ferien sind vorbei. Nun geht es weiter – erst einmal mit einem Bild, dem ersten hier im Breitbildformat 16:9, von einer solchen Ecke.

Sommer 2009 – © Torsten Larbig 2009

Sommer 2009 – © Torsten Larbig 2009

Aufstieg

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Nachtlicht

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Tempo und Ruhe

Ein Großstadtbild, das zwischen Ruhe und Geschwinigkeit changiert… Wie könnte das aussehen? Diese Frage stand tatsächlich im Hintergrund, als ich mich am Willy-Brandt-Platz in Frankfurt am Main positionierte, direkt bei Schauspiel, Oper und Europäischer Zentralbank – und um die Bedingungen noch ein wenig reizvoller zu machen: bei Nacht. Aus den Bildern, die dort entstanden, dieses als Beispiel für einen Versuch, für eine thematisch selbst gesetzte Vorgabe eine fotografische Lösung zu finden.

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Ein Sonn(en)(tags)-Bild

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Holbeinsteg nachts

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Brunnen – oder: Der Fotograf und die Ausrüstung

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Ein einfaches Motiv, genau so genommen, wie es sich mir darbot, nachts, mitten in Frankfurt, mit einer einfachen Kompaktkamera gemacht (Fujifilm Finepix F45fd), ohne Stativ, ohne Blitz.

»Das Equipment hat keinen Einfluß auf die Qualität des Bildes. Je weniger Zeit man aufwendet, sich um das Equipment zu kümmern, umso mehr Zeit kann man ins Gestalten toller Bilder investieren. Das richtige Equipment macht es nur leichter, schneller oder angenehmer, die gewünschten Resultate zu bekommen.«
Ken Rockwell (übersetzt von A. Beitinger)

Wenn ich Fotografen begegne, geht es oft mehr um die Technik als um das Fotografieren: Welche Kamera mit welchen Objektiven ist die beste? Wie bearbeite ich ein Bild am besten am Computer – oder womöglich gar in der altmodischen Dunkelkammmer? Und bitte nicht im jpeg-Format fotografieren – RAW ist für das Bearbeiten viel besser.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie meine eigene Vorsätze gewaltig ins Rutschen kamen, als ich im Rahmen der Luminale 2008 in Frankfurt am Main eine Fotoworkshop besuchte, in dem es vor allem darum ging, wie Nachtfotos technisch optimal hergestellt werden und dann am Rechner optimiert werden können. Ich war dort wirklich der Einzige, der keineSpiegelreflexkamera in Kombination mit einer schweren Objektivtasche bei sich hatte. Wie sollte ich mit meiner Ausstattung denn bitte je gute Bilder machen können?

Zwar war ich zwischenzeitlich verwundert, dass die Frage nach der Auswahl der Motive, nach der Rolle des Fotografen für die Qualität der Fotografien bei diesem Workshop keine Rolle spielte, aber bei all dem enormen Fachverstand, der da im Raum saß, kam mir die Frage ein wenig kleinlich vor.

Mein Vorsatz war und ist, dass ich mit möglichst einfachen Mitteln fotografieren will, auch wenn ich bei der Auswahl der einfachen Mittel durchaus wählerisch bin ;-) Dieser Vorsatz wurde bei dieser Begegnung in Frage gestellt – völlig zu unrecht!

Danke Ken Rockwell für den hervorragenden Beitrag, in dem meine Gedanken längst ausgesprochen waren, bevor ich diese überhaupt hatte, der mir aber erst jetzt, dank eines Hinweises von J., begegnet ist.

»Die Fotografen, nicht die Kameras, machen Bilder.«

Genau so! Und nicht anders! Continue reading