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So ein schlechter Roman. Zu Dave Eggers „Der Circle“ („The Circle”)

Ich bin durch. Endlich. Es war anstrengend. Ich habe mich geärgert. Ich war entsetzt über diese sprachliche Glätte, auf der die Figuren nicht nur ohne Tiefgang bleiben, sondern ausrutschen und zu schemenhaften Klischees statt zu ernstzunehmenden Charakteren werden.

Das scheint nicht allen so zu gehen: Die FAZ schreibt unter anderem, Dave Eggers habe mit „Der Circle“ „den Roman unserer Zeit geschrieben“. Und Andreas Platthaus nennt es – ebenfalls in der FAZ – „das wichtigste Buch des kommenden Bücherherbstes“. Iris Radisch empfiehlt das Buch seltsamerweise auf ZeitOnline, trotz anfänglicher Relativierungen in Bezug auf dessen Qualtität.

Und dann das.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen, weil es da schon seit letztem Herbst vorliegt. In Deutschland erscheint es am 14. August. Da war doch eigentlich genug Zeit für die Kritiker, sich mit dem Werk zu befassen. Da war doch eigentlich genug Zeit, um sich als Kritiker so kundig zu machen, dass man hätte merken können, dass Dave Eggers Horror-Roman digitaler Zukunftsphantasien zwar wunderbar mit Ängsten und Klischees zu spielen, aber mehr nicht zu leisten vermag.

Worum geht es: Mae Holland bekommt eine Stelle bei „Der Circle“ und wird zu einer zentralen Figur beim Vorantreiben einer Ideologie der Transparenz und Offenheit, die sich jeglicher Privatsphäre verweigert. Obwohl sie selbst will, dass ein Video (Sex), das ein anderer Mitarbeiter bei „The Circle“ aufgezeichnet hat, gelöscht werde (was es nicht wird), obwohl sie selbst entsetzt ist, als ihr dauernd auf Sendung stehendes Aufnahmegerät ihre eigenen Eltern in einer „etwas“ verfänglichen Situation ertappt, wird Mae als völlig im System gefangene Figur dargestellt, in einem System, das Dave Eggers ein paar Jahre zu spät vorführt, um angesichts der aktuellen Entwicklung rund um die NSA noch ernst genommen werden zu können.

Und dennoch: Dieser Roman wird sich auch durch nunmehr immerhin doch in Kritikerkreisen auftauchende Anmerkungen über die mangelnde Qualität des Romans nicht aufhalten lassen. Er wird sich super verkaufen, Menschen werden das dicke Werklein verschlingen, denn sie finden ihre eigenen  Ängste in diesem Roman wunderbar bedient. An keiner Stelle werden die Ängste und deren Rationalität hinterfragt, an keiner Stelle verweigert der Roman die Identifikation der klischeehaften Ängste vieler Leser mit der Wirklichkeit des Romans.

Da werden die gläsernen Bürobauten mit Wellness-Bereichen, Bio-Mittagstisch und anscheinend flachen Hierarchien dargestellt. Es wird dieser Umgangston reproduziert, der alles toll findet, der betont, wie wichtig eine Person für einen sei, der aber eigentlich höchst autoritär ist und alles an sich abperlen lässt, was nicht in das Glitzerweltbild der schönen neuen Internetwelt passt.

Nein, Dave Eggers „Der Circle“ ist eine Zumutung. Und seine Rezeption in der deutschen Literaturkritik ist für mich weitgehend überhaupt nicht nachvollziehbar. Das Problem liegt darin, dass man sich an vielen Stellen in der Literaturkritik nur noch an Themen orientiert und dabei anscheinend vergisst, dass ein guter Plot nur ein Teil der Voraussetzungen für ein gutes Buch ist. Dazu kommen dann noch all die Aspekte, die einen Roman zu einem Kunstwerk machen und ihn von Sachtexten und journalistischen Texten unterscheiden. Und dazu gehört mehr, als völlig undialektisch einige Tendenzen in der jungen Internetindustrie ins Megalomanische zu projizieren und so zu tun, als ob dieser Industrie ein Automatismus innewohne, der als Begründung für die erzählte Geschichte ausreiche.

Nein, als Dave Eggers den Roman schrieb, wusste er noch nichts von Edward Snwoden und den Ungeheuerlichkeiten, die Staaten in Sachen digitaler Überwachung tun. Man hätte zwar spätestens seit Echelon ahnen können, was Sache ist, aber ok. Obwohl: Ein Autor, der sich mit diesem Themengebiet befasst und dann auch noch an den Punkt kommt, dass die Demokratie sich voll und ganz in die Hände eines über die Identitäten aller Einwohner eines Landes verfügen wollenden Privatunternehmens begibt, muss intellektuell die zweite Seite der Überwachung irgendwie mit anklingen lassen, die vom Staat ausgeht. Aber Politik wird von Eggers als Marionette dargestellt, verbunden mit Verschwörungstheorien: Sagt ein Politiker etwas gegen einen einflussreichen Internet-Konzern, kommt kurz danach irgend etwas aufs Tapet, dass diesen Politiker ausschaltet, zum Rücktritt zwingt. So einfach ist das – in Eggers Welt, die sich mit der vieler seiner Leser und Leserinnen decken dürfte.

Einer der vielen Tiefpunkte dieses Romans ist die melodramatische Verfolgung eines Menschen, der sich der digitalisierten Allgegenwärtigkeit eines jeden Menschen verweigert. Was die Perversion des Systems zeigen soll, wird zu einer slapstickartigen Darstellung der Macht sozialer Netzwerke, die (natürlich) Menschen, die sich diesen Netzwerken verweigern, so auf die Pelle rücken, dass da auch mal einer stirbt. Das geht dann zwar allen nahe und man bedauert das sehr, aber klüger, nein klüger werden die Figuren in dem Roman nicht. Das wäre nicht schlimm, wenn wenigstens der Leser klüger aus diesen Seiten voller Nichts wieder auftauchen könnte. Aber das verhindert Eggers erfolgreich… – um mal eine positive Formulierung zu verwenden.

Nein, Eggers macht es sich mit seiner These zu einfach. Es gibt keinen Automatismus, der gegenwärtige Entwicklungen direkt in größenwahnsinnige gesellschaftliche Perversionen sozialer Netz treibt. Das heißt nicht, dass es diese Gefahr nicht gäbe, aber so leicht, wie es sich Eggers macht, geht es nicht. Das ist Schwarz-Weiß, obwohl die Welt, in der die Geschichte spielt. in Farbe und HD daher kommt.

Das Schlimmste aber, um beim Thema des Romans zu bleiben: Eggers macht nichts sichtbar, was man nicht schon ohne seinen Roman wüsste.

Er blendet, indem er einem sich freundlich gebenden Unternehmen – manche sagen, es sei an Google angelehnt, womit das simple Feindbild des Romans dann auch schon genannt ist –  größenwahnsinnige Allmachtsphantasien zuschreibt und dabei die ebenso größenwahnsinnigen Allmachtsphantasien von Staaten und vor allem derer Geheimdienste vollkommen ausblendet. Dass das so nicht sein muss, zeigt Tom Hillenbrand in seinem Roman „Drohnenland“, der auch vor dem Bekanntwerden der Snowden-Dokumente geschrieben wurde und der die Gefahr totaler Überwachung durch den Staat und diesem helfenden Privatunternehmen sieht und in einem starken Kriminalroman darstellt, in dem nicht nur der Plot stimmt, sondern in dem auch dessen Umsetzung überzeugen kann.

Und dennoch habe ich „The Circle“ bis zum bitteren Ende gelesen. Denn wenn in vielen Presseorganen ein solches Buch so gepusht wird, wie es geschehen ist, dann muss da doch irgendwas sein…?! – Es ist da nichts. Es stellt sich sogar die Frage nach den Mechanismen der Literaturkritik, denen es offensichtlich nur teilweise gelingt, gegen Marketing-Versprechen ein literarisch orientiertes Lesen zu stellen, das nach literarischen Qualitäten fragt. Die taz beschreibt schön, wie platt und öde die Bilder im Roman sind. Sehen das andere Kritiker nicht? Oder wollen sie es nicht sehen, aus welchen Gründen auch immer?

Wer wirklich etwas über unsere Zeit und die sich aus der Gegenwart heraus ergebenden Gefahrenpotentiale digitaler Überwachung wissen will, statt sich von schlechter Literatur blenden zu lassen, der lese Glenn Greenwalds Dokumentation „Die globale Überwachung“, in der die Geschichte seiner Begegnung mit Edward Snowden erzählt und einige wichtige Dokumente der NSA vorgestellt und erläutert werden, oder Tom Hillenbrands „Drohnenland“. Eine weitere Empfehlung ist Juli Zehs Roman „Corpus Delicti“, der bereits 2009 grundlegende Fragen der Erfassung von Daten unter dem Deckmantel der Prävention literarisch überzeugend aufgreift. Und auch Orwells „1984“ oder Huxleys „Schöne neue Welt“ bieten inhaltlich und literarisch einen viel breiteren Horizont, der zum Nachdenken über Entwicklungen in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts einlädt.

Grundlage dieser Rezension ist Eggers, Dave, The Circle (Vintage). Kindle Edition. Die deutsche Ausgabe erscheint am 14.8.2014: Dave Eggers: „Der Circle“. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014, 560 Seiten, €22,99  (als EBook im epub- oder Kindle-Format kostet der Roman in Deutschland €19,99).

 

Von der Digitalisierung, freien Bildungsmaterialien und dem Lernen im digitalen Leitmedienwandel

Das Co:llaboratory »Internet und Gesellschaft« befasste sich in einem seiner letzten Schwerpunkte mit dem »Lernen in der digitalen Gesellschaft«. In diesem Zusammenhang reflektierte Jöran Muuß-Merholz die Frage, was Open Educational Ressources (Freie Lern-/Bildungsmaterialien –> OER) mit digitaler Integration und Medienkompetenz zu tun haben.

Ein lesenswerter Beitrag, dem ich an dieser Stelle in einer Replik eigene Gedanken zur Seite stellen will. – Dabei lehne ich mich in der Struktur an die Vorgabe des Artikels an, wobei ich durchaus bewusst teilweise die Schwerpunkte anders setze.

Im Grunde nehme ich den letzten Satz des Beitrages ernst. Muuß-Merholz schreibt dort: »Diese Argumentsammlung ist einseitig.« – Ich versuche, ihr zumindest eine weitere Seite hinzuzufügen.

1 Technik verändert das Menschenbild

Inhalte des Internets können konsumiert werden, aber seit die technischen Möglichkeiten des Internets für Interaktionen nutzbar sind, in diesem Zusammenhang spricht man von Web 2.0, liegt es nahe, produktiv mit dem Netz umzugehen.

Die einen machen das im eher »kleinen« Rahmen, indem sie twittern, Statusmeldungen und sonstige Möglichkeiten von z. B. Facebook oder Google+ nutzen.

Die anderen weiten den Rahmen aus, pflegen Videokanäle auf Vimeo oder Youtube, erstellen Podcasts, führen – teilweise schon seit Jahren – ausführliche Blogs.

Neben die erweiterte Möglichkeit der eigenen Produktivität und deren Veröffentlichung tritt der drastisch erweiterte Zugang zu Expertenwissen. Dabei verändert sich die Rolle von Experten (vgl. Bunz, 2012) ebenso, wie die Rolle der die analoge Gesellschaft bestimmenden Filter (Redaktionen, Institutionen, Titel …).

Die technischen Möglichkeiten betonen damit heute ein Menschenbild, Weiterlesen

Herrn Larbigs Bibliothek 17 – Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Es gibt Bücher, da leuchtet unvermittelt ein, warum sie gerne gelesen werden. Jonas Jonassons „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ ist genau so ein Buch, auch wenn das deutsche Feuilleton sich selbst an die Nase griff und sich eingestehen musste, diesen Roman übersehen zu haben.

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Herrn Larbigs Bibliothek 14 – Jean-Claude Carrière, Umberto Eco: Die große Zukunft des Buches

Wer sich wagt, fast zwei Jahre nach seinem Erscheinen noch etwas zu einem Buch zu sagen, ist unzeitgemäß: Am liebsten sollen Kritiken bereits erschienen sein, Wochen bevor ein neuer Band in die Buchhandlungen kommt.

Warum eigentlich, können Bücher doch über Jahrhunderte Bestand haben und zeigt sich zudem auch erst im Laufe der Zeit, welche Bücher „überleben“ und welche „vergessen“ werden.

Carrière und Eco sinnieren unter anderem über diese Frage. Was, wenn man ein Buch erst drei Jahre nach seinem Erscheinen lese, fragen sie sich. Dann könne man zumindest dem Drang danach, Bücher sofort zu lesen, nur weil sie gerade erschienen sind und man mitreden können müsse, etwas entgegen setzen: Den Prozess des Reifens, der von den beiden analog zur Reifung von Wein angeführt wird.

Es mag überraschen, aber am vergnüglichsten lesen sich für mich in dem Gesprächsband über Bücher, in dem zwei Bibliophile, zwei Liebhaber des (alten) Buches zu Wort kommen, all jene Passagen, in denen es um „vergessene“ Bücher geht. Wissen wir eigentlich, ob die bemerkenswertesten Bücher einer Zeit überliefert wurden?

Carrière und Eco bezweifeln das. Sie weisen darauf hin, dass von den in Aristoteles’ Poetik erwähnten Dramen kein einziges überliefert sei und ein Sophokles z. B. von Aristoteles kein einziges Mal genannt wird.

Die Geschichte des Buches ist tatsächlich eine Geschichte der verlorenen Bücher. Und doch schreiben die Gesprächspartner in diesem Band dem Buch aus der Vergangenheit eine große Zukunft über unsere Gegenwart hinaus zu.

Dabei gehen die Gesprächspartner nicht blauäugig mit der Wirklichkeit digitaler Entwicklungen um, bleiben bei dieser aber nicht hängen, sondern sprechen miteinander vor allem über den Gegenstand Buch, den sie als ebenbürtig mit dem Rad betrachten: Erst einmal erfunden, können keine Verbesserung mehr erreicht werden.

Ein Buch über Bücher für Leute, die Bücher mögen oder ein wenig nostalgische Erinnerungen an das Buch pflegen wollen.

JEAN-CLAUDE CARRIÈRE, UMBERTO ECO

Die große Zukunft des Buches

übersetzt von Barbara Kleiner Erscheinungsdatum: 16.08.2010 Fester Einband, 288 Seiten Preis: 19.90 € (D) / 27.90 sFR (CH) / 20.50 € (A) ISBN 978-3-446-23577-9 Hanser Verlag

Nachdenken über Kunst @staedelmuseum

Vergangene Woche war ich zum ersten Mal im neuen, von seiner Ausstellungsfläche her nahezu doppelt so groß gewordenen Städel am Frankfurter Museumsufer, einem der bedeutendsten Museumsstandorte in Europa – und damit auch auf den fünf Kontinenten.

Die neuen Gartenhallen sind der Gegenwartskunst gewidmet. – Ein Besuch reicht natürlich nicht, um die dort zugänglichen Kunstwerke wirklich wahrnehmen zu können, aber ein solcher Besuch kann ein Nachdenken über Kunst anregen.

Ein solches Nachdenken über Kunst, die in meinen Augen ein Dialog mit der Wirklichkeit mit künstlerischen Mitteln ist, hat seinen Niederschlag in einer Podcastfolge gefunden.

Zu diesem Podcast schreibe ich im Abstract auf Audioboo:

Das Frankfurter Städelmuseum hat seine Ausstellungsfläche fast verdoppelt. Und die neue Ausstellungsfläche dient der Darstellung zeitgenössischer Kunst nach 1945. In diesem Podcast stelle ich diese Hallen ebenso vor wie den Rest des Städels und ein wenig von der Museumslandschaft Frankfurt am Mains. Ich stelle die These auf, dass Kunst im Dialog mit der Wirklichkeit nicht nur entsteht sondern auch dialogisch erschlossen werden kann. Korrektur: An einer Stelle des Podcasts spreche ich von „Anthropologie“, obwohl die Ethnologie gemeint ist.

 

Gartenhallen @staedelmuseum oder: Nachdenken über Kunst (mp3)

Apples Bildungsinitiative oder: Vom Aufstellen weiterer Weidezäune.

Stellt Apple neue Produkte vor, entsteht schnell der Eindruck, dass es sich jedes Mal um eine große Innovation handele. – Schnell wird dann die Frage gestellt, welche Art von Technik oder welchen Teil der Gesellschaft Apple dieses Mal „revolutioniere“.

Diese Reaktionen erfolgen mehr oder weniger reflexartig. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich oft, dass Apple bereits vorhandenen Konzepte populärer und marktfähig macht, komplizierte Bedienungen vereinfacht und dafür sorgt, dass jeder, der sich auf dieses „großartige“, „fantastische“, „innovative“ und „so noch nie da gewesene“ Produkt einlässt, fest in Apples Wertschöpfungskette eingebunden wird.

Keine Frage, ich selbst mag Design und Funktionalität der Produkte aus Cupertino sehr, gehe mit ihnen gleichzeitig aber auf der Basis eines sehr ambivalenten Gefühles um.

Apple verbindet Design und Funktionalität seiner Produkte mit einem geschickten und bislang äußerst erfolgreichen Marketing. Beim iPad hat das mit dem geschlossenen System des App-Stores hervorragend funktioniert: Apple stellt entsprechende Werkzeuge kostenlos zur Verfügung, die es Entwicklern ermöglichen, auf einfache Art und Weise Programme zu schreiben. Als „Gegenleistung“ lassen sich die Entwickler darauf ein, ihre Produkte erstens ausschließlich über Apples App-Store zu vertreiben und zweitens einem intransparenten Freigabeprozess zu unterwerfen.

Das gleiche Modell überträgt Apple nun auf Schulbücher.

Sowohl die Software, die zum Lesen dieser Schulbücher notwendig ist, als auch die zum Erstellen dieser Schulbücher zu verwendende Software werden kostenlos zur Verfügung gestellt. Wenn die so entstandenen Schulbücher kommerziell vertrieben werden, darf dies, so sagt es die Lizenzvereinbarung des Programms iBooksAuthor, ausschließlich über Apples eigenen Store erfolgen; wie üblich nimmt Apple 30 % des im Store erhobenen Preises für sich.

Wiederum behält sich Apple zudem das Recht vor, Veröffentlichungen nach eigenem Gutdünken zuzulassen oder abzulehnen.

An dieser Stelle schätzt Apple zumindest den deutschen Schulbuchmarkt falsch ein. – Offizielle Schulbücher bedürfen der Freigabe durch die entsprechenden Prüfungsbehörden der Länder: Ich stelle mir vor, ein solches freigegebenes Schulbuch enthält Themenbereiche, die mit Apples Meinung, was in einem Schulbuch zu veröffentlichen sei und was nicht, nicht übereinstimmen; ich stelle mir vor, Apple verweigerte einem von einem Bundesland freigegeben Schulbuch die Aufnahme in den iBooks-Store…

Gemäß der aktuellen Lizenzvereinbarung zur Nutzung von iBooksAuthor könnte so etwas passieren.

Darüber hinaus lassen sich Lehrer und Lehrerinnen in Deutschland nicht gerne vorschreiben, welche digitalen Endgeräte sie zu verwenden haben. Im Gegenteil: Es ist damit zu rechnen, dass zahlreiche Lehrer und Lehrerinnen sich gegen die Verwendung von iPads aussprechen werden, da sie sich mit technischen Monokulturen schwer tun. – Der Vorwurf, Apple gehe es vor allem darum, durch frühzeitige Gewöhnung langfristige Kundenbindung zu erreichen, ist schon laut geworden und mit Sicherheit auch nicht völlig von der Hand zu weisen.

Dass Lehrerinnen und Lehrer Entscheidungsfreiheit in Sachen eingesetzter Bildungsmedien haben, insofern sie als solche zugelassen sind oder keiner Zulassung bedürfen, da es sich nicht um explizit als Schulbücher gekennzeichnete Bildungsmedien handelt, steht außer Frage.

Dass mit einer einmal getroffenen Entscheidung eine langfristige Bindung zum Beispiel an ein bestimmtes Schulbuch verbunden ist, steht ebenso außer Frage. In der Regel bleibt aber die relative Vielfalt der Verlage, die Schulbücher zuliefern, erhalten. Diese Vielfalt nehmen die Schülerinnen und Schüler durchaus auch war – ob unreflektiert und bewusst oder, was wahrscheinlicher ist, einfach so nebenbei.

Wenn nun aber Lehrer und Lehrerinnen über den Einsatz von Computertechnologie entscheiden müssen, so sind Bildungsmedien anschließend an ein Gerät gekoppelt.

Selbst wenn die Inhalte aus unterschiedlichen Verlagen kommen, sie sind immer mit einem Gerät verbunden. Darüber hinaus ist es schwieriger, unterschiedliche Plattformen unterschiedlicher Anbieter zu verwenden.

Zudem haben die deutschen Schulbuchverlage bereits angekündigt, im Februar eine eigene Branchenlösung vorzulegen, eine App vorzustellen, die selbstverständlich auch ein geschlossenes System sein dürfte, um so auf dem Markt einer zunehmenden Digitalisierung von Schule und Bildung Fuß zu fassen.

Ob eine vorgestellte Softwarelösung für den Bildungssektor rezipiert wird, ihren Weg zur Zielgruppe findet, hängt immer von der Bereitschaft der Multiplikatoren ab, eine solche Softwarelösung im Bildungskontext zu akzeptieren oder auch nicht.

So sehr ich von den vorgestellten Produkten aus dem Hause Apple in Bezug auf den Bildungssektor beeindruckt bin, so skeptisch bin ich angesichts ihrer – schon im Vorfeld erwartbaren – geschlossenen Architektur.

Die bildungspolitischen Voraussetzungen mögen in anderen Ländern anders sein, sollen doch bereits jetzt ganze Schulbezirke in den USA auf digitale Endgeräte setzen, die in der Regel von einem Hersteller stammen. Es gibt Schulbezirke die haben sich auf Apples iPad festgelegt. Auf diesem Markt könnte Apples Angebot funktionieren. Um auf dem deutschen Markt funktionieren zu können, müsste Apple seine Vertriebsstrategie an die Gegebenheiten in Deutschland anpassen.

Dennoch werde ich mich mit den neu vorgestellten Produkten beschäftigen. Letztgültige Entscheidungen, wie ich mit ihnen umgehen werde, habe ich noch nicht gefällt. Das hindert mich nicht daran, meine Skepsis kundzutun, zu formulieren, wie ich mir solche digitalen Bildungslösungen eigentlich vorstelle. Ohne Visionen davon, wie Schule sein kann und sein soll, gibt es keine Ziele, die erreicht werden können.

Bildungsprozesse haben in meinen Augen etwas mit Freiheit zu tun. Ich habe überhaupt kein Problem, die Produkte einer Firma zu mögen und zu benutzen, solange diese Produkte erlauben, etwas zu produzieren, dessen Rezeption nicht auf die gleichen Produkte der gleichen Firma beschränkt ist. Idealerweise kann ich Inhalte erstellen, die in freien Formaten verfügbar gemacht werden können, also unabhängig von der genutzten Plattform sind.

Lernprozesse verlaufen individuell unterschiedlich, die Zugangsweisen unterschiedlicher Menschen zu ähnlichen Themen sind äußerst vielfältig. Um Bildungsmedien an diese unterschiedlichen Bedürfnisse anpassen zu können, müssen sie dem Lehrer bzw. der Lehrerin größtmögliche Freiheiten geben. Diese Freiheiten haben schon Schulbücher nicht gegeben – geschlossene Softwarelösungen werden sie auch nicht fördern.

Apples Vorstellungen, wie das Schulbuch der Zukunft aussehen könnte, sind zudem äußerst konservativ, wenn ich mir das von Apple zur Verfügung gestellte Ansichtsexemplar eines solchen Schulbuches anschaue. Dieses Musterbuch ist sehr stark instruktiv ausgerichtet, hat in meinen Augen sehr leichte Feedbackfragen integriert und kommt in der Regel immer erst am Ende eines Kapitels dazu, die Eigenaktivität der Lernenden in den Vordergrund zu stellen. Entsprechend hieß es bei der Keynote in New York auch, dass das Schulbuch als Schulbuch unpraktisch sei, seine Inhalte aber qualitativ wertvoll sein würden. Bereits an dieser Stelle war zu ahnen, dass Apple selbstverständlich weder methodisch noch didaktisch irgendwelche Innovationen vorlegen würde.

Selbstverständlich können in mit iBooks-Author erstellten Schulbüchern methodisch und didaktisch neue Wege gegangen werden, aber möglicherweise besteht der Grundfehler darin, dass Apple nach wie vor auf die Buchmetapher vertraut, dabei aber aus dem Blick verliert, dass ein multimediales „Buch“ eben kein Buch mehr ist. Einzig die Buchmetapher ist geblieben. – Entsprechend linearer ist das von Apple vorgelegte Beispielbuch aufgebaut, die nichtlinearen Grundstrukturen des Denkens und Lernens werden hier entsprechend nicht abgebildet, obwohl genau dies in digitalisierten Kontexten problemlos möglich ist.

Apple beantwortet nicht die Frage, die die Gegenwart an im Unterricht eingesetzte Materialien stellt. Apple beantwortet vielmehr vor allem die Frage, wie Verlage ihre Geschäftsmodelle in die digitale Wirklichkeit hinüberretten können. Sich auf die von Apple gegebene Antwort zu verlassen, könnte für die Schulbuchverlage mittelfristig verheerende Folgen haben, so die Annahme stimmt, dass es das Buch selbst ist, das im Kontext der Nutzung digitaler Endgeräte aus dem Lernalltag verschwinden dürfte. Der Lernprozess selbst verändert sich grundlegend – so zumindest meine bisherigen Beobachtungen an mir selbst und an digitale Geräte bereits nutzenden Schülerinnen und Schülern.

Apple hat aber trotz allem erreicht, dass die Diskussion um im Unterricht genutzte Computer einen neuen Anstoß bekommen hat. Dies habe ich bereits einen Tag nach der Präsentation Apples in New York unter Lehrerinnen und Lehrern beobachtet. Deshalb hoffe ich, dass von der Initiative dieses Computerherstellers ein Anstoß ausgeht, der weitere Initiativen, Ideen und Projekte motivieren, intensivieren bzw. lostreten wird.

Letztlich wird es darum gehen, ob es gelingt, von geschlossenen Lösungen hin zu offenen Lösungen kommen, die vermutlich eher browsergestützt zu denken sind.

Doch das Gefühl bleibt ambivalent: Der von Apple konstruierte „goldenen Käfig“, das „Disneyland“ vieler, vieler bunter Apps, hat einen echten Wohlfühlwert, ist schön gestaltet und in vielerlei Hinsicht hochgradig effizient. Andererseits, wenn man den Blick doch einmal von all den Attraktionen abwendet, hat man ständig diesen Zaun im Nacken, der diese Welt massiv nach außen hin abgrenzt. Und dieser Zaun sieht aus, wie alle Zäune letztlich aussehen: unfreundlich, abweisend, grau, kalt. Es ist ein Weidezaun, der die Konsumenten auf der Weide halten soll. Es könnte aber sein, dass es wieder modern wird, sich gerne in der freien „Natur“ bewegen zu wollen. Ich hoffe, diese in meinen Augen wünschenswerte „Mode“ lässt nicht mehr lange auf sich warten.

Vorspiel zum #Educamp – Das Motto: „Neue Lernkulturen entwickeln und vernetzen“ – #ecbi11

EduCamp Bielefeld :: 18.-20. November 2011

Da zur Zeit im Zusammenhang mit „Lernen“, „Bildung“, „Schule“ – und wahrscheinlich auch noch in anderen Zusammenhängen – ständig davon gesprochen wird, man müsse diese Bereiche „neu denken“, bin ich gegenüber dem Wort „neu“ in all seinen Anwendungsfacetten skeptisch geworden.

Nein, es geht nicht um „neu gedachtes“ Lernen, „neu gedachte“ Schulen, Bildung, „neu gedachten” Unterricht. Und deshalb freue ich mich über zwei Verben im Titel des Educamps in Bielefeld, die über das „Neu“ hinausgehen (auch wenn es reingerutscht ist, aber eben nicht als ein Denken, sondern, sondern als Begrifflichkeit, die auf konkrete Praxis verweist). Die Verben lauten „entwickeln“ und „vernetzen“. Sympathische Wörter sind das, finde ich.

„Entwickeln“ ist ein reflexives Verb, das heißt, es wird (oft) mit dem Reflexivpronomen „sich“ verbunden verwendet. Ein Reflexivpronomen „ist ein Pronomen, das sich auf das inhaltliche oder grammatische Subjekt eines Satzes oder Textes bezieht“.

Das eine solche sprachanalytische Zugangsweise zum Titel des Educamps in Bielefeld nicht völlig weit hergeholt ist, verdeutlicht vielleicht der Blick auf drei Quellen, die das Verb „entwickeln“ in den Blick nehmen:

  1. Das Grimmsche Wörterbuch
  2. Das Projekt Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS)
  3. Das Wortschatzlexikon der Uni Leipzig

Wenn sich „neue Lernkulturen“ entwickeln sollen, dann ist das etwas anderes als „Lernen neu denken“. Eine kleine Auswahl synonymer Formulierungen,

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Thesen zur Zukunft des Lernens ( #opco11 )

Hier ein paar Thesen zur Zukunft des Lernens. Sie werden an dieser Stelle nur als Thesen genannt und nicht näher erläutert. Entsprechend pointiert klingen sie zum Teil vielleicht. In ihrer „Undifferenziertheit“ sollen sie zur Diskussion einladen.

Am Ende dieser Thesen versuche ich eine erste vorläufige Überlegung zu der Frage zu formulieren, Warum sich etwas verändern muss. Ich werde für mich die Frage nach der Basis von Lern- und Bildungsvisionen stellen.

Dieser Artikel ist eine kleine Einsicht in meine Ideensammlung: Worüber lohnt es sich vielleicht mal in Form eines (bislang noch nicht geschriebenen) Blogartikels nachzudenken:

  • Die Zukunft des Lernens ist seine Vergangenheit und Gegenwart: Lernen ist ein (hirn)physiologischer Prozess, der analog abläuft und heute genau so funktioniert, wie er vor hundert oder tausend Jahren funktioniert hat und auch noch in hundert Jahren funktionieren wird, wenn es nicht zu einer Mensch-Maschineverbindung kommt, in deren Rahmen z. B. Chips mit dem Gehirn gekoppelt werden.
  • In der Ausbildung von professionellen Lernprozessbegleitern und -begleiterinnen wird mehr und mehr auf Praxisanteile in der Ausbildung (dem Studium) Wert gelegt (werden). Ist Lernpsychologie (z. B. in Lehramtsstudiengängen) schon heute kaum Teil der professionelle Ausbildung, so ist zu befürchten, dass sie auch zukünftig nur in Form von Lernprozessbegleitungsrezepten eine Rolle spielen und nicht soweit in die Ausbildung integriert wird, dass Lernprozessbegleiter und -begleiterinnen ihre Praxis über Rezeptbuchwissen hinaus, also wissenschaftlich und mit umfassenden theoretischen Kenntnissen versehen, werden reflektieren können.
  • Die Zukunft des Lernens ist mit starken Veränderungen im Bereich der Methodik verbunden, die den Prozess des Lernens optimal unterstützen soll. Diese Methodik verändert nicht das Lernen im biologischen Sinne, sondern soll dieses optimiert unterstützen. Die Zukunft des Lernens besteht also darin, die Erkenntnisse der Lernforschung, die heute oft mit der Gehirnforschung (Hirnphysiologie) verbunden ist, optimal zu nutzen, um den gewünschten Lernerfolg optimiert erreichen zu können. Die Zukunft des Lernens läuft auf Lernprozessoptimierungen hinaus.
  • Die Zukunft des Lernens ist mit einer Veränderung bei den eingesetzten Medien verbunden. Es wird zu einer deutlichen Verschiebung des Verhältnisses von analogen und digitalen Informationsträgern in Lernprozessen kommen.
  • Die Diskussion um das Lernen und die Bildung ist eine vor allem materialistische Diskussion (geworden), da der Bildungsbegriff seine Bedeutung mehr und mehr in Richtung ökonomischer Nützlichkeit verschoben bekommen hat. Lernprozessoptimierung bedeutet auch, dass die Funktionsfähigkeit von Menschen in ökonomischen Prozessen erhöht werden soll.
  • Idealistische Bildungsbegriffe werden auf absehbare Zeit weiterhin als zunehmend exotische „Träumereien“ gesehen und solange akzeptiert werden, wie sie gesellschaftliche Reproduktionsprozesse nicht relevant kritisch zu hinterfragen und zu gestalten beginnen.
  • Der leichte Zugang zu Ressourcen des Wissens in digitalen Kontexten, wird die Rolle des Wissens in Lernprozessen verändern.
  • Der leichte Zugang zu Ressourcen des Wissens in digitalen Kontexten wird den Umgang mit Wissen in Lernprozessen verändern.

Die Diskussion um die Zukunft des Lernens ist, so mein Resumee an dieser Stelle, eher eine Diskussion um die Zukunft von Lernmitteln, Lerninstrumenten und somit der Methodik des Lernens.

Es stellt sich nach wie vor die Frage (Antworten beginnen sich erst langsam abzuzeichnen), wie digitale Vernetzung und die damit verbundenen Medien den Prozess des Lernens mit prägen werden / sollen.

In der gegenwärtigen Diskussion scheint es Konsens, dass sich in der Bildungslandschaft etwas verändern müsse, weil gegenwärtige Lernkontexte nicht den Strukturen entsprechen, die lernpsychologisch und hirnphysiologisch als optimal angesehen werden. Es muss sich etwas verändern, weil Ziele von Bildung nicht mehr erreicht werden.

Gleichzeitig muss mit diesem Konsens eine Debatte einhergehen, worin diese Ziele von Bildung bestehen.

Lebensglück ist nicht nur eine Frage von Kompetenzen, sondern darüber hinaus zentral von Haltungen, vom Selbstbild und von Überzeugungen abhängig.

Die Fragen, was Lernen sei und wie sich Bildung zeigt, wird in heutigen Diskussionsprozessen oft ausgeblendet.

Viele Diskussionen um das Lernen scheinen mir heute eher technokratischer Natur zu sein: Welche (selbstverständlich digitalen) Medien setzen wir wie ein?

Viele Diskussionen um die Zukunft des Lernens neigen heute dazu, den an ihnen beteiligten Personen im Rahmen eines „heimlichen Lehrplanes“ vor allem Technologien nahe zu bringen und diese methodisch auf die Nutzbarkeit in Lernprozessen hin anzuwenden.

Eine solche Annäherung an konkrete Methoden und Technologien finde ich spannend und notwendig, solange klar ist, dass die Nutzung digitaler Technologien selbst nur ein Teil des mit ihnen möglichen Lernprozesses ist, ja, dass das Erlernen der Möglichkeiten, die solche Technologien bieten, selbst ein enormer Lernprozess ist, der zunächst geleistet werden muss, bevor das Medium nicht mehr das zentrale Thema des Lernprozesses ist.

 

Lyrik heute – Das „Jahrbuch der Lyrik 2011“ – 1. Eindruck

Wird heute über Lyrik gesprochen, so wird dem Mangel an Lesern oft die Vielfalt lyrischer Produktionen gegenübergestellt.

In diesem Zusammenhang schließt es sich nicht gegenseitig aus, wenn Harry Oberländer von „lyrischer Massenproduktion“1 spricht und Theo Breuer nur ein paar Seiten vorher betont, dass die Mehrzahl lyrischer Veröffentlichtungen „praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit“2 stattfinde. – Lyrikbücher, so Breuer, fänden oft nur fünfzig bis zweihundert Leser, ab dreihundert verkauften Exemplaren habe man schon eine „Auflagenschallmauer” durchbrochen3.

Der Teil „Sechs Anmerkungen zum Gedicht“ im Jahrbuch der Lyrik 2011, ist entsprechend weniger ein Raum der Reflexion des Gedichts im Jahre 2011, sondern ein Ort, an dem sehr stark die Frage nach der Rezeption von Gedichten gestellt wird.

Neben die eher melancholischen Töne Weiterlesen

  1. Christoph Buchwald, Kathrin Schmidt, Jahrbuch der Lyrik 2011, München 2011, S. 232. []
  2. Ebd., S. 218. []
  3. Ebd. []

Gegenwart und Zukunft der Informationsmedien: Zeitung, Radio, Fernsehen und digitale Verknüpfungen

Medien sind Vermittler1. Früher wurden auch Menschen als »Medien« gesehen, so z. B. das Orakel von Delphi; in der Gegenwart wird mit dem Begriff »Medien« eher der technische Träger und Übermittler von Informationen gemeint: Zeitung, Buch, Internet, Fernsehen, Radio etc. Für persönlich vermittelnde Aktivitäten haben sich andere, nach Tätigkeiten differenzierende Begriffe durchgesetzt, wie z. B. Mediator, Lehrer, Schlichter etc.

Im Laufe der Geschichte haben sich bislang immer die Informationsträger und technischen Wege zur Informationsübertragung durchgesetzt, die die jeweils höchste Informationsdichte und den schnellsten Weg zu ihrer Vermittlung ermöglichten. Dabei hat die Übertragungsgeschwindigkeit die Informationsdichte manchmal überlagert. Dies geschah insbesonder dann, wenn ein neues Medium eingeführt wurde und die Informationsverdichte, die auf diesem Wege zu erreichen war, erst nach und nach erhöht wurde, wie z. B. beim Telegrafen, dessen Grundprinzip der Übertragung von Information mit Hilfe elektrischen Stroms weiter entwickelt wurde. Der bislang letzte Schritt dieser Entwicklung ist das Internet.

Zeitungen waren bei ihrem Aufkommen Informationsträger, die schnell und weit verbreitet werden konnten und als Sammlungen von auf anderen Wegen zusammengetragenen Informationen gelten konnten. Das Radio beschleunigte den Prozess der Übertragung von Informationen, die sowohl redaktionell bearbeitet oder direkt vom Ort des Geschehens live gesendet werden. Bis heute ist das so und das Radio war dennoch nicht in der Lage, die Zeitung zu verdrängen. Gleiches gilt für die Entwicklungen des Fernsehens. Der schriftliche Datenträger »Zeitung« als Medium verlangt, dass seine Nutzer Lesen können; das Lesen scheint eine sehr effektive Form der Aufnahme von Informationen zu sein, die Radio und Fernsehen mit ihren vorgegebenen Sendezeiten und den von ihnen angesprochenen Sinnen, verbunden mit einer vorgegebenen Zeitspanne der Informationsübermittlung, nicht zu ersetzen vermochten. Und das gilt auch noch in Zeiten von Podcasts, Mediatheken, Aufnhamegeräten etc.

Digitale Technologien und das Internet scheinen nun erstmals in der Lage, Texte, Audio oder audiovisuelle Formate zu transportieren. Das hat kein Informationskanal vorher gekonnt, ganz zu schweigen von der Möglichkeit, die unterschiedlichen medialen Formate miteinander zu kombinieren.

Entsprechend ist die Vorstellung, dass Computer als Datenvermittler, -empfänger und Informationsträger Zeitungen ablösen könnten, erstmals in der langen Geschichte der Zeitungen ein mögliches Szenario, wobei Zeitung auf diesem Wege zum ersten Mal die Möglichkeit bekommen, ähnlich wie Radio und Fernsehen, zeitnah oder gar fast live zu berichten.

Es zeichnet sich ein neues Format der medialen Über- und Vermittlung (tagesaktueller) Informationen ab. Die lange nebeneinander existierenden Medien Zeitung, Radio und Fernsehen wachsen mehr und mehr zusammen. Die neue Form hatte bislang allerdings mit der Größe und dem Gewicht der für ihre Wahrnehmung notwendigen Computer zu kämpfen, sodass eine Kapitalisierung der digitalen Inhalte lange sehr schwierig war und vor allem die Tageszeitungen die Konkurrenz des Internets finanziell zu spüren bekommen haben.

Aus diesem Grunde jubelten die Verleger wohl, als im Jahre 2010 der erste, die Massen erreichende Tablet-Computer auf den Markt kam, der leicht genug war und einen angemessenen Bildschirm mit sich brachte, um als transportables Konsumgerät die Rezeption von Informationen in die gewohnten Lebenssituationen der Konsumenten bringen zu können: in den öffentlichen Personennahverkehr, der viel Raum für das Zeitunglesen bietet (wenn auch oft wenig Platz, angesichts mancher Zeitungsformate).

Setzten sich Tablet-Computer wirklich dauerhaft durch, so ist tatsächlich zu erwarten, dass sie das Potential haben, die bisherige Tageszeitung abzulösen. Sie könnten sich aber auch auf das Fernsehen und auch auf weitgehend nebenbei genutzte Radio auswirken.

Die eigentliche Revolution, die wir im medialen Kontext derzeit erleben, ist die Zusammenführung medialer Formen, die bislang aufgrund der von ihnen bedienten Vermittlungskanälen nebeneinander bestanden und je eigene Vermittlungsformen und -kompetenzen aufzuweisen hatten, sodass keines dieser Medien ein anderes Medium nachhaltig verdrängen konnte.

Entsprechend leben wir gegenwärtig in einer Übergangsphase, in der die unterschiedlichen, organisatorisch getrennten Medienanbieter (Zeitungsverlag, Fernseh- und Radiosender) auf die Möglichkeit der Verknüpfung reagieren und jeder für sich einen Weg der Integration der unterschiedlichen medialen Formen sucht. Dabei wird sich eine Angleichung der Angebote (zumindest via Internet) ergeben, die zuletzt nicht nur die Möglichkeit hat, Zeitungen zu verdrängen, sondern darüber hinaus die Frage aufwerfen wird, wie Kooperationen der einzelnen Medienanbier aussehen könnten. Kurz: Es wird zu Fusionen von Zeitungsverlagen, Fernseh- und Radiosendern kommen, die die gesamte Breite des Medienmarktes völlig verändern werden, mit denen aber auch eine Konzentration im Medienbereich noch stärker einhergehen wird, als es schon heute der Fall ist.

In solch einem absehbaren Konzentrationsprozess wird die Meinungsvielfalt dann nicht mehr durch die Zahl der unterschiedlichen Anbieter medialer Produkte gesichert, sondern durch nicht an eine dieser dann noch kleineren Zahl an Firmen gebundene Formen medial gestützter Berichterstattung. In diesem Rahmen werden soziale Netzwerke eine Rolle spielen, aber vielmehr werden Einzelpersonen oder Netzwerke von Einzelpersonen, von denen bekannt ist, dass sie zuverlässig und vertrauenswürdig arbeiten, diese Rolle der Sicherung der Meinungsvielfalt übernehmen, wenn es um die Frage des Vertrauens in die Richtigkeit von Informationen geht. In Ansätzen können wir beide Tendenzen bereits heute beobachten.

Die Folgen dieser Entwicklung, so sie so eintritt, wie es hier phantasiert wird, werden weitreichende Veränderungen mit sich bringen, die weit über die Verlage und Sender hinausreichen. Der Zeitungs- und auch Zeitschriftenmarkt, wie wir ihn heute kennen, wird zusammenbrechen. Die Zwischenhändler (Kioske, Zeitschriftenläden etc.) werden immer seltener im Stadtbild anzutreffen sein, was die Gewinnmargen der Anbieter der entsprechenden Produkte in digitaler Form steigern dürfte, da sie die Gewinne der Händler nicht mehr einpreisen müssen, aber die Preise sicher auch nicht senken werden. Z. T. sind heute digitale Ausgaben von Zeitschriften und Zeitungen sogar schon teurer als das Pendant im Zeitschriftladen.

Resumee

Es spricht vieles dafür, dass die Verknüpfung von Text, Bild, Video und Audio zumindest im Informationsbereich zur Entwicklung eines neuen, integrierten Formates führen wird. Z. T. sind diese Verknüpfungen schon heute sehr deutlich. Zeitungen haben eigene Fernsehsendungen (SpiegelTV, SternTV…), auf Websites von Zeitungen gibt es Videonachrichten, Fernsehsender bieten schriftliche Inhalte im Internet an etc. Mit diesem integrierten Format wird sich der Markt völlig verändern. Gleichzeitig wird sich die Frage nach der Vielfalt der Argumentationsweisen im Rahmen von Meinungsbildungsprozessen stellen. Blogger und auch soziale Netzwerke werden hier eine kritische Funktion bekommen, stärker noch, als es bisher der Fall ist. Dabei werden sich einzelne Blogger und soziale Netzwerker den Ruf der Zuverlässigkeit und des Vertrauens erwerben; auch das lässt sich bereits heute beobachten, wird sich aber wohl verstärken.  Somit werden diese Einzelpersonen oder Netzwerke von Einzelpersonen ein Teil des Meinungsbildungsprozesses, was ebenfalls schon heute erkennbar ist. Meinungsbildungsprozesse werden also viel mehr über institutionalisierte Medienunternehmen hinaus gehen als dies bis heute der Fall ist, wobei ich hier auch die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten zunächst einmal zu den Medienunternehmen zähle. Inwiefern sich dadurch völlig neue Strukturen bei tagesaktuellen Informations- und Meinungsbildungsprozessen bilden, ist heute noch nicht absehbar. Dass ein solcher Strukturwandel aber möglich ist, ist Teil des nicht nur integrierenden, sondern auch differenzierenden Potentials digitaler Medien.

  1. Der Medienbegriff ist vielfältig und somit unscharf. Unterschiedliche Bedeutungen, die über den hier genutzten Medienbegriff hinaus gehen finden sich hier []