Kleine Geschichten von großartigen Menschen, die mir beim Museumsuferfest zu Frankfurt am Main begegneten

Am Ende wurde das Museumsuferfest doch noch spannend, weil ich mich – vom Regen und dem eher mäßigen Musikprogramm etwas genervt – an den Rand des Festes begeben hatte, in den Bereich zwischen Städel Museum und Museum Giersch. Dort erlebte ich im Laufe von ca. zweieinhalb Stunden ein paar kleine Geschichten, die mich beeindruckt oder berührt haben, weil sie Menschen aus der Masse der Menschen bei diesem Fest für mich hervorgehoben haben.

Ein Kunsthandwerker, der aus Gusseisen, Messing, Zinn und Glassteinen oder Kristallen kleine Kerzenleuchter zum Aufhängen im Wohnraum schafft, erzählte mir total begeistert von den Lichteffekten, die diese Steine erzeugen, führte mir diese auch vor, was möglich war, weil es schon dunkel war. Ich merkte richtig, wie er für seine Lampen schwärmte, wie gern er sie baut und dass er völlig dahinter steht. Diese Leidenschaft fand ich toll und vielleicht kaufe ich ihm auch noch eine ab, nachdem ich ausgemessen habe, wie lang die Aufhängung der Lampe sein muss, weil ich seine Lampen nicht nur schön finde, sondern auch, weil mich seine Begeisterung glauben lässt, dass jede von ihnen mit höchstem handwerklichen Anspruch gebaut wurde.

Das war im Übrigen bei überraschend vielen dieser Handwerker mein Eindruck: Die machen etwas, von dem sie begeistert sind. Da ist der Hutmacher, der seinen Kunden alles über das Herstellen von Hüten erzählen kann; der Sattler aus Marokko, der aus kräftigem Vollleder in handwerklich bemerkenswerter Qualität Taschen im Angebot hat, aber als Verkäufer eher zurückhaltend ist und während dem Gespräch mit den Kunden ein Stück Leder bearbeitet. Ich weiß nicht, was er da getan hat, aber es kam mir so vor, als habe er das Leder flexibel machen wollen.

Und dann war da der Stand, an dem es Humus- und Falafelgrichte gab, an dem ich erfuhr, dass hier die ganze Familie am Arbeiten war, inklusive Onkels und Tanten. Ich hatte gesehen, dass der Stand tagsüber ständig eine kleine Schlange vor sich stehen hatte, sodass ich am Abend, als ich da ohne Schlange dran kam, weil er eben etwas abseits von den Hauptbesucherströmen steht, davon überzeugt war, dass es hier kein schlechtes Essen gibt. (Ich hatte mich nicht getäuscht.)

Und so kamen wir ins Plaudern. Es sei gar nicht schlecht, wurde mir erzählt, dass man nicht irgendwo einer zwischen anderen Ständen mit Essensangeboten sei, sondern hier seinen Standort habe. Da falle man mehr auf. Und tatsächlich: Auf dem Weg von der Antiquariatsmeile hin zur langen Strecke mit den Kunsthandwerkern war das der erste Stand, der etwas zu Essen anbot.

Und dann war da M.

M. war so besoffen, dass er von dem Sicherheitsmann, der schon seit drei Nächten das Ende der Straße sichert, in der ich wohne und den ich schon vom Sehen und vom kurzen „Hallo“-Sagen kannte, und einem anderen Festbesucher zu einer Bank getragen werden musste.

M. hatte nahe dem Main auf dem Boden gelegen, sodass man sich um ihn kümmern musste. Ich kam da eher zufällig vorbei und wurde gebeten den Rettungsdienst zu rufen. Der kam auch nach wenigen Minuten. M. wollte aber nicht ins Krankenhaus.

Da er aber weder stehen noch gehen konnte und es in Strömen regnete und der Main auch nicht weit war, war klar, dass man ihn nicht einfach zurücklassen konnte.

Also wurde die Polizei gerufen, denn dann blieb als einzige Möglichkeit eigentlich die Ausnüchterung. Gegen seinen Willen, selbst wenn er so betrunken ist, können die Sanitäter keinen Menschen mitnehmen. Das kann nur die Polizei, wenn sie den Eindruck hat, dass jemand sich selbst gefährdet.

Die Polizei hätte ihn, wie ich mitbekam, sogar nach Haus gebracht, wenn er aus Frankfurt gewesen wäre. Da M. aber aus dem weiteren Umland kam, war das auch keine Option. Was also tun?

Mittlerweile hatte man aus dem Wenigen was M. artikulieren konnte, heraus gehört, warum er so betrunken war. „Ich hab getrunken. Ja. Meine Mama ist gestorben.“

Am Ende waren sechs Polizisten vor Ort, nicht weil sie nötig gewesen wären, M. war die Friedfertigkeit in Person, sondern weil zunächst vier mit dem Boot über den Main zum Ort des Geschehens gekommen sind und dann noch zwei mit dem Wagen, um M. transportieren zu können.

Aber man wollte ihn auch nicht wirklich gerne in die Ausnüchterungszelle mitnehmen, was nebenbei, wie ich mitbekam, nicht billig sein soll. Lieber wäre es den Polizisten gewesen, wenn M. ins Krankenhaus gegangen wäre, weil man ihm das Aufwachen im Polizeigewahrsam ersparen wollte, nachdem man den Grund seines Besäufnisses erfahren hatte.

Außerdem waren die Video überwachten Zellen schon alle voll. Und da M. sich bereits übergeben hatte, kam nur eine solche in Frage, denn man muss ja Sorge dafür tragen, dass da nicht zuletzt jemand an seinem eigenen Erbrochenen erstickt.

Die Lösung: Es gab auf dem Fest selbst bei den Sanitätern ein Zelt mit Liegen. Ob man ihn dorthin bringen könnte, bis er sich ein wenig erholt hatte? Das war das Letzte, was ich mitbekam. M. hatte dieser Lösung zugestimmt. – Ob diese Lösung dann funktioniert hat, weiß ich nicht.

Natürlich denke ich an M., weil ich es so traurig fand, einen Menschen so verlassen zu erleben, so traurig, dass er sich dem Alkohol hingab, weil er nicht wusste, wie er sonst mit seiner Trauer umgehen sollte.

Ich fand es aber auch beeindruckend, wie sich ein Mann von der Security, zwei Festbesucher, zwei Sanitäter und zum Schluss sechs Polizisten um diesen offensichtlich in Not seienden Menschen kümmerten und einen Weg suchten, wie er so lange betreut werden konnte, bis er wieder eigenständig nach Hause kommen kann. Es wurde kein einziger Vorwurf erhoben; er wurde von niemanden belehrt, sondern so angenommen, wie er in diesem Augenblick war. Dass so etwas geschieht, hat mich beeindruckt.

In der Zeit, in der die Polizisten auf die Ankunft eines Wagens warteten, konnte ich beobachten, wie die Polizisten von Passanten angesprochen wurden. Das war zum Teil echt seltsam. Am seltsamsten aber war der Mann, der sie fragte, ob sie denn auch Gehirn zu verschenken hätten. Darauf der angesprochene Polizist in aller Seelenruhe: „Nein, brauchen Sie denn welches?“ und der (offensichtlich auch alkoholisierte) Passant erwiderte, dass er es für seine Begleitungen brauche. Strange People.

Zwischendurch war auch jemand von dem Humus- und Flafelstand, von dem ich oben erzählt habe und neben dem diese Geschichte stattgefunden hatte, dazu gekommen und fragte die Polizisten und die Sanitäter, die warten mussten, bis ein Polizeiwagen durch den Verkehr zu der Stelle vordringen konnte, ob sie etwas zu trinken wollten. Er wollte ihnen das nicht verkaufen, sondern hatte einfach gesehen, dass sich da ein paar Menschen seit ca. 45 Minuten um einen anderen Menschen kümmern und fand es da wohl selbstverständlich, dass man Menschen, die helfen und sich kümmern, zumindest etwas zu trinken anbietet. Diese Selbstverständlichkeit hat mich beeindruckt, hat man doch sonst manchmal den Eindruck, es gehe bei solchen Festen den Betreibern der Stände nur um den Umsatz.

Nachdem dann M. meiner Wahrnehmung nach gut betreut war – und ich bin mir sicher, dass diese Polizisten gut mit ihm umgegangen sind, auch wenn sie nicht verbergen konnten, dass sie solche Situationen im Verlauf des Tages schon häufiger hatten; sie ließen erkennen, wie sie die Trauer M.s um seine Mutter achteten – wollte ich dann doch nach Hause gehen. Es hatte sich ein wenig eingeregnet.

Aber an der Kreuzung zu meiner Straße saß dann der Security-Mitarbeiter, der M. zu der Bank hatte tragen helfen. Er wollte natürlich wissen, wie es weitergegangen sei, was ich ihm dann erzählte.

Darüber kamen wir ins Gespräch und er erzählte mir, dass er aus Eritrea käme, sein Bruder in Darmstadt studiert habe, worauf er sichtlich stolz war, er selbst meistens als Koch arbeite (in Lokalen, die ich sogar kenne und in denen ich gerne esse), nun aber während dem Fest nachts als Security arbeite. Er sei gerade in Eritrea gewesen, sei erst vor einer Woche zurück gekehrt und das kalte Wetter mache ihm noch zu schaffen.

Er erzählte von Eritrea, dass es auch für Ausländer ein sehr friedliches Land sei, man aber natürlich mit der Demokratie noch zu kämpfen habe, er diese aber für ganz wichtig halte, genau so wie die Tatsache, dass es in einem Land keine Rolle spielen dürfe, ob man Christ oder Muslim sei.

Ich konnte seinen Redefluss gar nicht stoppen. Aber irgendwann hatte ich ihn dann doch gefragt, ob er eigentlich schon mal erlebt habe, dass ihn jemand wegen seiner Hautfarbe angegriffen habe. Er verneinte das, sagte, dass er stets freundlich zu den Menschen sei und diese ihm auch freundlich begegneten. Und so, wie ich ihn erlebte, glaube ich ihm das sofort.

 

Open Educational Resources – OER: Geschichte und Einordnung der deutschen Debatte seit Herbst 2011

Open Educational Ressources (OER) – man kann das sinngemäß in etwa mit „frei verfügbaren Lernmaterialien“ übersetzen – können das in ihnen liegende Potential vor allem dort zeigen, wo sie Bildung erst möglich machen, weil sonstiges hochwertiges Lernmaterial nicht verfügbar ist. Die UNESCO schreibt:

“UNESCO believes that universal access to high quality education is key to the building of peace, sustainable social and economic development, and intercultural dialogue. Open Educational Resources (OER) provide a strategic opportunity to improve the quality of education as well as facilitate policy dialogue, knowledge sharing and capacity building.”
(Übersetzung T. Larbig: Die UNESCO ist davon überzeugt, dass der weltweite Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung der Schlüssel beim Aufbau von Frieden, nachhaltiger sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung und für den interekulturellen Dialog ist. Freie Lern-/Bildungsmaterialien sind eine strategische Chance, sowohl die Qualität von Bildung zu verbessern als auch den politischen Dialog, den Austausch von Wissen und den Aufbau von Kapazitäten zu erleichtern.)

Globale Orientierung

Es geht OER um globale Ziele, die mit kommerziell erstellten Lernmaterialien nicht erreicht werden konnten. Es geht OER, das möchte ich den UNESCO-Anmerkungen hinzufügen, auch um Freiheit, welche als grundlegendes Menschenrecht nach wie vor in vielen Regionen der Welt auch daran scheitert, dass mangelnde Bildung den Ausbruch aus Teufelskreisen von Armut, verzweifelter Passivität oder ebenso verzweifelter Gewaltbereitschaft verhindert oder zumindest erschwert.

Lehrer und Lehrerinnen in vielen Regionen der Welt sind nicht nur schlecht ausgebildet, ihnen steht sehr oft darüber hinaus kein oder bestenfalls veraltetes Lehrmaterial zur Verfügung. Hier setzen OER an.

Entsprechend haben sich im Kontext der Pariser OER-Deklaration von 2012fünf Länder bereit erklärt, aktiv OER-Initiativen zu entwickeln. Diese Länder spiegeln wider, welche Regionen der Erde von OER am meisten profitieren können: Open Educational Resources – OER: Geschichte und Einordnung der deutschen Debatte seit Herbst 2011 weiterlesen

Herrn Larbigs Bibliothek 15 – Jonathan Franzen: Freiheit. Roman.

Wenn ein Familienroman während einer bestimmten Zeit spielt und die Familie einigermaßen geschickt gestaltet wird, dann wird aus dem Familienroman ein Zeitroman.

Jonathan Franzen kann das gut: Mehr als 700 Seiten umfasst sein Roman „Freiheit“, der 2010 erschien und nach „Die Korrekturen“ intensiv erwartet wurde. Mehr als 700 Seiten, auf denen er den Überblick über sein Personal behält, immer wieder souverän Handlungsfäden aufgreift, weiterführt und wieder mit anderen Handlungsfäden verbindet, die dann wieder … Ein gut gearbeiteter Familienroman, der gut 30 Jahre USA-Geschichte – mit zugegebener Maßen recht konventionellen Mitteln und künstlerisch wenig originell – reflektiert, den Schwerpunkt aber auf die Zeit George W. Bushs und die „Freiheiten“ legt, die im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, vor allem im Schatten des 11. Septembers 2001, in den USA möglich waren.

Dieser Roman ist eine echte Fleißarbeit. Und es nötigt mir schon einiges an Bewunderung ab, dass es einem Autor gelingt, in einer solchen Konsequenz eine solche Handlung weiter zu schreiben und nicht irgendwo, angesichts des Fülle der Personen, die auftreten, und der Konventionalität der eingesetzten erzählerischen MIttel, einfach das Handtuch zu werfen, weil er sich mit dem Roman selbst langweilt.

Entsprechend habe ich bei mir als Leser beobachtet, dass ich mit zunehmendem Fortschreiten des Romans immer häufiger sehr schnell und über ganze Absätze hinweg gelesen habe. Ja, zum Schluss entwickelte ich gar den Ehrgeiz, dass ich diesen Roman zu Ende lesen will.

Es ging mir nicht, wie ich das bei anderen Romanen bereits erlebt habe, so, dass es mich dazu gedrängt hätte, diese Geschichte bis zum Schluss zu lesen.

Zum Schluss waren es vor allem das Wollen und der Respekt vor der intellektuellen und disziplinierten Leistung des Autors, was mich an dem Buch dran gehalten hat. Das mag daran gelegen haben, dass hier wirklich nur die Geschichte einer amerikanischen Mittelstandsfamilie erzählt wird. Das ist keine glückliche Familie. Das ist keine schöne Geschichte. Aber es ist eine Mittelstandsgeschichte – und somit eine mittelmäßig spannende Geschichte, die dann auch noch ein fast schon kitschiges „Happy End“ bekommt.

Ich kann durchaus den Kunstcharakter langweiliger Figuren in langweiligen Handlungssituationen nachvollziehen, so diese Figuren in einer Romanhandlung auftreten und angemessen in diese integriert sind. – Vor diesem Hintergrund sei es noch einmal betont: Der Roman ist gut geschrieben.– Dennoch empfand ich ihn zum Ende hin zunehmend als eine Herausforderung für mich als Leser.

Ich weiß durchaus, dass es für solche Familienromane ein leicht zu begeisterndes Publikum gibt, nicht zuletzt in den Feuilletonredaktionen der deutschen Presse. Ich bin aber auch zu dem Schluss gekommen, dass ich diese Art von Romanen nur in kleinen Dosen zu mir nehmen will. Nach drei Wochen, die ich mit diesem Buch verbracht habe, bin ich nun mit dem Lesen fertig. Und ich kann es nicht leugnen, dass ich mich sehr auf die in meinem Regalfach mit den zu lesenden Büchern liegenden Exemplare freue. Darunter ist auf absehbare Zeit kein weiterer großer Familienroman.

Jonathan Franzen: Freiheit Roman; aus dem Engl. von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld; Rowohlt Verlag, Reinbek 2010; 730 S., 24,95 € (Taschenbuchausgabe 2012: 9,99 €)  


Nachtrag: Mitbloggerin @mons7 (Monika E. König) hat, wie ich nach Veröffentlichung dieses Beitrages via Twitter erfahren habe, ähnliche Erfahrungen in einem Beitrag benannt, wie ich sie mit dem Roman gemacht habe. Deshalb und weil Monika intensiver auf den Inhalt eingeht, als ich das hier tue, sei ihr Beitrag hier explizit angeführt und verlinkt.

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Herrn Larbigs Bibliothek 14 – Jean-Claude Carrière, Umberto Eco: Die große Zukunft des Buches

Wer sich wagt, fast zwei Jahre nach seinem Erscheinen noch etwas zu einem Buch zu sagen, ist unzeitgemäß: Am liebsten sollen Kritiken bereits erschienen sein, Wochen bevor ein neuer Band in die Buchhandlungen kommt.

Warum eigentlich, können Bücher doch über Jahrhunderte Bestand haben und zeigt sich zudem auch erst im Laufe der Zeit, welche Bücher „überleben“ und welche „vergessen“ werden.

Carrière und Eco sinnieren unter anderem über diese Frage. Was, wenn man ein Buch erst drei Jahre nach seinem Erscheinen lese, fragen sie sich. Dann könne man zumindest dem Drang danach, Bücher sofort zu lesen, nur weil sie gerade erschienen sind und man mitreden können müsse, etwas entgegen setzen: Den Prozess des Reifens, der von den beiden analog zur Reifung von Wein angeführt wird.

Es mag überraschen, aber am vergnüglichsten lesen sich für mich in dem Gesprächsband über Bücher, in dem zwei Bibliophile, zwei Liebhaber des (alten) Buches zu Wort kommen, all jene Passagen, in denen es um „vergessene“ Bücher geht. Wissen wir eigentlich, ob die bemerkenswertesten Bücher einer Zeit überliefert wurden?

Carrière und Eco bezweifeln das. Sie weisen darauf hin, dass von den in Aristoteles‘ Poetik erwähnten Dramen kein einziges überliefert sei und ein Sophokles z. B. von Aristoteles kein einziges Mal genannt wird.

Die Geschichte des Buches ist tatsächlich eine Geschichte der verlorenen Bücher. Und doch schreiben die Gesprächspartner in diesem Band dem Buch aus der Vergangenheit eine große Zukunft über unsere Gegenwart hinaus zu.

Dabei gehen die Gesprächspartner nicht blauäugig mit der Wirklichkeit digitaler Entwicklungen um, bleiben bei dieser aber nicht hängen, sondern sprechen miteinander vor allem über den Gegenstand Buch, den sie als ebenbürtig mit dem Rad betrachten: Erst einmal erfunden, können keine Verbesserung mehr erreicht werden.

Ein Buch über Bücher für Leute, die Bücher mögen oder ein wenig nostalgische Erinnerungen an das Buch pflegen wollen.

JEAN-CLAUDE CARRIÈRE, UMBERTO ECO

Die große Zukunft des Buches

übersetzt von Barbara Kleiner Erscheinungsdatum: 16.08.2010 Fester Einband, 288 Seiten Preis: 19.90 € (D) / 27.90 sFR (CH) / 20.50 € (A) ISBN 978-3-446-23577-9 Hanser Verlag

Wie kommen Bücher zu mir / zu dir / zu Ihnen als Leser?

Ich stelle mir vor, über das ganze Land verteilt sitzen Literaturkritiker in ihren Kämmerlein und lesen Neuerscheinungen.

Ich stelle mir deren Arbeitsplatz als ein ganz besonders gemütliches Sitzmöbel vor.

Dort sitzen sie dann, neben sich auf einem Tisch oder auf dem Boden gestapelt die neuesten Rezensionsexemplare gerade erst gedruckter Bücher – der Geruch nach frischer Druckerschwärze ist noch stark ausgeprägt.

Sie lesen und lesen und lesen; zwischendurch aber stehen sie kurz auf, setzen sich an ihren Schreibtisch und verfassen ihre Rezensionen.

Wie kommen Bücher zu mir / zu dir / zu Ihnen als Leser (mp3)

Es ist die Zahl an Literaturbeiträgen, die ich in meinem Podcast-Abonnement des Büchermarktes auf dem Deutschlandfunk gefunden habe, die mich zu solchen Vorstellungen gebracht hat. – Ich habe angefangen, diese meistens aus Rezensionen bestehenden Beiträge zu hören – manchmal sind auch Lesungen dazwischen, in denen dann Autorenstimmen zu hören sind.

Die Bandbreite der vorgestellten Bücher reicht von medizinkritischen oder philosophischen Essays über anspruchsvolle Romane bis hin zu als lesenswert empfohlenen historischen Romanen, Liebesgeschichten und Reportagen.

Während ich diese Podcastfolgen hörte, kam mir die Frage in den Kopf, nach welchen Kriterien ich eigentlich auswähle, welche Bücher ich lesen will und welche Bücher ich mir kaufe, denn alle im Blick zu behalten ist nun einmal nicht möglich.

Diese Frage stelle ich auch den Leserinnen und Lesern meines Weblogs: Nach welchen Kriterien wählst du / wählen Sie eigentlich die Bücher aus, die du / Sie lesen und / oder anschaffen willst / wollen?

Ich könnte die Frage auch umgekehrt stellen: Welche Wege müssen Bücher eigentlich gehen, damit sie bei dir / Ihnen ankommen können?

Die Frage stelle ich, weil mir aufgefallen ist, dass es mir selbst gar nicht so leicht fällt, diese Frage zu beantworten. Ein paar Ideen sind mir gekommen, die ich hier nicht vorenthalten will.

Zunächst einmal gibt es Autoren und Autorinnen, die mir vertraut sind, deren Werk ich möglicherweise ansatzweise kenne und schätze. Wenn es sich um lebende Autoren handelt, so beobachte ich natürlich, was es da an Neuerscheinungen gibt. Wenn das Werk bereits abgeschlossen ist, dann lese ich durchaus auch einmal Texte über diese Texte (Sekundärliteratur), um mich zu orientieren.

Neben Autoren und Autorinnen, die mich interessieren, stehen die Klassiker der deutschen und der Weltliteratur. Diese nehme ich, meistens ein wenig von meiner Stimmung geleitet, immer wieder in die Hand: Ich schmökere in den Gedichten von Goethe, gönnen mir eine Stunde mit einer der wunderbaren Geschichten aus Boccaccios „Decameron“, wandere ein wenig durch die Geschichte der deutschen Lyrik et cetera.

Ein dritter Weg, auf dem neue Bücher zu mir finden, besteht darin, dass ich mich auf den Weg in eine Buchhandlung begebe und dort einen Blick in die Neuerscheinungen werfen. Fällt mir dann ein Werk auf, so beobachte ich, ob sich das Interesse eine Weile halten kann – manchmal lege ich es auch wieder zurück und denke bei mir, dass ich es beim nächsten Besuch in der Buchhandlung noch einmal anschauen werde – und überlege dann, ob ich denn in absehbarer Zeit Zeit zum Lesen habe, Zeit zur Beschäftigung mit einem bislang unbekannten literarischen Werk finden werde, einem Sach- oder Fachbuch oder zum Beispiel auch einmal einer Reisebeschreibung.

Die meisten mir bis dahin unbekannten Bücher kommen tatsächlich über Literatursendungen im Radio in den Horizont meiner Aufmerksamkeit. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass es im Radio so viele unterschiedliche Stimmen von Kritikern und Kritikerinnen gibt. Das ist anders als im Fernsehen, in dem es erstens weit weniger Literatursendungen gibt und zweitens entsprechend nur wenige Literatur kritisierende Gesichter. (Manchmal will es mir so scheinen, als habe das Fernsehen Angst, dass zu viele Literaturvorstellungen zu ihm als Unterhaltungsmedium eine Konkurrenz aufbauen könnten; wahrscheinlich ist das aber nur eine Verschwörungstheorie :-D)

Ich merke den Stimmen der Kritker und Kritikerinnen im Radio überraschend häufig überraschend schnell an, ob sie von einem literarischen Werk gepackt wurden oder ob es sie kalt gelassen hat. Außerdem mag ich es einfach, wenn in Kritikergesprächen die Rezensenten einfach so ins Erzählen kommen und eben keinen vollständig vorgeschriebenen Beitrag alleine im Studio vorproduzieren.

Ich hab vorhin ca. 45 Minuten lang Beiträge der Sendung „Büchermarkt“ des Deutschlandfunks gehört und habe jetzt schon wieder vier Bücher auf meiner inneren Liste stehen, die ich mir demnächst wohl einmal anschauen werde. – Von dem einem oder dem anderen werde ich dann wohl auch hier berichten.

Und jetzt bist du / sind Sie dran: Wie kommst du / kommen Sie zu Büchern, die gelesen werden? – Ich bin neugierig… :-)