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		<title>Bin&#228;re Codes und die Bildung der Zukunft: Eine Replik zu Schirrmachers „Payback“</title>
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		<pubDate>Mon, 24 May 2010 15:36:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Was mich angeht, so muss ich bekennen, dass ich nicht bereit bin, meine geistigen F&#228;higkeiten von au&#223;en kommenden Informationsfluten unterzuordnen.</p>

<p>Ich reguliere den Zufluss an E-Mails, pflege regelm&#228;&#223;ig meine Follower-Liste auf Twitter, indem ich jeden „Marketingexperten“, „Haben Sie Erfolg im Web“ und sonstigen selbst ernannten Guru, der mir folgt, l&#246;sche, auch wenn ich gar nicht gezwungen bin, ihm auch zu folgen. SMS setze ich sparsam ein, Feeds laufen nicht mehr als 100 pro Tag ein, von denen ich mir vielleicht 10 n&#228;her anschaue und die Texte lese. Facebook war ein kurzes Intermezzo, da es gegen&#252;ber Twitter f&#252;r mich keinen Mehrwert brachte und mich zudem mit seinem Verst&#228;ndnis von „Datenschutz“ in Rage brachte. Ich habe diesen Verzicht und die Reduktion der Informationsfl&#252;sse, die t&#228;glich bei mir ankommen noch keinen Tag bereut.  – Wie einst die Fl&#252;sse reguliert wurden, um Hochwasser zu vermeiden, habe ich mich fr&#252;hzeitig entschlossen, den Informationsfluss zu regulieren, auf dass er mich nicht &#252;berschwemmen m&#246;ge.</p>

<p>Und dennoch: Ohne Computer kann ich mir weder die Kommunikation mit anderen Menschen noch meine allt&#228;gliche Arbeit mehr vorstellen. Ohne Suchmaschinen, es muss ja nicht immer Google sein, w&#252;rde ich mich wahrscheinlich neu orientieren m&#252;ssen, bin aber guter Dinge, dass dies gelingen k&#246;nnte, denn ich geh&#246;re noch zu denen, die einen Zettelkastenkatalog in Bibliotheken zu nutzen gelernt haben.</p>

<p>Und dabei bin ich viel j&#252;nger als Frank Schirrmacher, dem die Navigation in digitalen Welten zumindest ansatzweise eine &#220;berforderung zu sein scheint. So zumindest mein Eindruck beim Lesen seines Buches „Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht wollen, und wie wir die Kontrolle &#252;ber unsere Daten zur&#252;ckgewinnen“. Schirrmacher schreibt: „Ich werde [von der Masse digital eingehender Daten TL] aufgefressen“ (S. 15), auch wenn er seinen digitalen Bankrott noch nicht erkl&#228;rt.</p>

<p>„Die digitale Gesellschaft ist im Begriff, ihr Innenleben umzuprogrammieren. Auf der ganzen Welt haben Computer damit begonnen, ihre Intelligenz zusammenzulegen und ihre inneren Zust&#228;nde auszutauschen; und seit ein paar Jahren sind die Menschen ihnen auf diesem Weg gefolgt. Solange sie sich von Maschinen treiben lassen, werden sie hoffnungslos unterlegen sein”, so Schirrmacher (S. 20), der die Angst, etwas zu verpassen, als eine der treibenden Kr&#228;fte bei diesem Prozess sieht.</p>

<p>Und &#228;hnlich, wie sich einst Platon<sup> [1]</sup> beklagte, dass die Schrift das Ged&#228;chtnis schw&#228;che, da sie externe Ged&#228;chtnisse erm&#246;gliche, stellt Schirrmacher nun fest, freilich ohne auf die lange Geschichte dieses kulturkritischen Topos zu verweisen, dass nun das Denken buchst&#228;blich nach au&#223;en wandere, unser Inneres verlasse und sich auf digitalen Plattformen abspiele. – Dennoch geht Schirrmacher nicht so weit, die Chancen der neuen (&#252;brigens von Menschen gemachten) Gegebenheiten zu verneinen, auch wenn ihm deutlich eine gro&#223;e Skepsis gegen&#252;ber als notwendiges &#220;bel empfundenen digitalen Kommunikationstechnologien anzumerken ist.</p>

<p>Schirrmachers These ist dabei so zutreffend und wie auch wenig neu, wenn er von einer kognitiven Wende der Menschheit spricht, in deren Zentrum eine ver&#228;nderte Struktur des Gehirns stehen k&#246;nnte. Fast will ich antworten: Nat&#252;rlich ver&#228;ndert der Code, den wir als Mittel unserer Kommunikation verwenden, unser Denken, ja, unser gesamtes Weltbild. Wie w&#228;re sonst das westlich-lineare Weltbild denkbar, wenn nicht auf der Basis eines Buchstaben-Codes, auf Grundlage des Alphabets, dass diese Form des linearen Verst&#228;ndnisses von Wirklichkeit &#252;berhaupt erst in unsere Gehirne gebracht hat. F&#252;r jeden, der den &#220;bergang zur Alphabetschrift reflektierend miterlebte, muss es &#228;hnlich erschreckend gewesen sein, dass an die Stelle eines durch die Jahresrhythmen gepr&#228;gten Denkens, dass sich in seiner zirkul&#228;ren Strukturen in den &#246;stlichen Religionen bis heute zeugt, nun eine lineare Struktur trat. (Zu diesem Thema komme ich sp&#228;ter noch einmal zur&#252;ck.)<sup> [2]</sup></p>

<p>Was passiert, wenn man Computer und Internet nicht nur als Werkzeuge sieht, sondern als »Psychotechnologien«<sup> [3]</sup> versteht? Diese Annahme scheint mir so befremdlich nicht zu sein: Es ist nicht nur so, dass Software und die auf ihr beruhenden Anwendungen, zu denen auch all die Optionen im World-Wide-Web geh&#246;ren, Arbeit abnimmt; sondern vielmehr wohl auch so, dass die Programme auch ihre Nutzer programmieren.</p>

<p>Die Form der Arbeit hat sich mit Computern und dem auf ihnen basierenden Internet v&#246;llig ver&#228;ndert und es ist heute schon kaum noch vorstellbar, wie man &#252;berhaupt je ohne diese Maschinen in der Lage gewesen sein kann, Texte zu schreiben, Wissenschaft zu betreiben und den Alltag zu bestehen.</p>

<p>Computer und (digitale) audio-visuelle Medien ver&#228;ndern das Individuum und die Gesellschaft in der heute beobachtbaren Intensit&#228;t, weil es sich nicht um isolierte Maschinen, sondern um Netzwerke handelt.</p>

<p>Alte Medien verbinden sich auf der Basis eines neuen Codes; Text, Bild und Ton werden miteinander verbunden, »um – au&#223;erhalb der leiblichen Psyche der B&#252;rger – eine elektronische Psyche zu implementieren, die uns k&#252;nftig ein kollektives Parallelbewusstsein anbieten wird«<sup> [4]</sup>.</p>

<p>Auch wenn sich Schirrmacher nicht explizit auf theoretische Ans&#228;tze wie die Kerckhoves bezieht, sondern vor allem empirische Untersuchungen heranzieht und von diesen ausgehend seine Schlussfolgerungen zieht, so spricht die Empirie, zumindest in der Auswahl der Untersuchungen, die Schirrmacher auswertet, eine Sprache, die Kerckhoves medientheoretische Ans&#228;tze best&#228;tigt.</p>

<p>Erste Auswirkungen der Programmierung menschlicher Psyche durch Programme k&#246;nnten sich in den von Schirrmacher ausgewerteten Studien zeigen: Die Aufmerksamkeitsspannen, zu denen Menschen heute in der Lage sind, scheinen immer k&#252;rzer zu werden. Schon wenig komplexe Texte in gedruckter Form (und bei solchen in digitaler Form wird es nicht anders aussehen) &#252;berschreiten mit ihren Anspr&#252;chen die den Sinn erfassenden Aufnahmekapazit&#228;ten, das „Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom“ ist ein verbreitetes Krankheitsbild – nicht nur bei Kindern.</p>

<p>Schirrmachers Darstellungen von Beobachtungen und die Zusammenfassung der Ergebnisse von Studien entsprechen meinen eigenen Beobachtungen. Doch ist die gegenw&#228;rtige, digitale Form der Kommunikation schuld? Liegt die Verantwortung f&#252;r diese Ph&#228;nomene in einer Technologie, die im Internet ihren eigentlichen Ausdruck findet und als solche seit gerade 15 Jahren zu einem Massenph&#228;nomen geworden ist? Sind wir der von Kerckhove angenommenen Programmierung durch Programme quasi automatisch unterworfen oder k&#246;nnen wir ihnen auf Dauer auch in reflexiver Distanz begegnen? – Diese Fragen k&#246;nnen bislang nicht auf lange Sicht beantwortet werden.</p>

<p>Haben wir ein Problem, das durch digital vernetzte Medien erzeugt wird oder haben wir mit einem Problem zu tun, das mit einem unangemessenen Umgang mit diesen Medien zusammenh&#228;ngt? Ist die gegenw&#228;rtige Aufmerksamkeitskrise schon das Endprodukt des medialen Wandels oder eine Zwischenstation im Prozess der Integration der neuen Informationsstr&#246;me in unsere Denkstrukturen? – Wir wissen es nicht. Und weil wir es nicht wissen, sind Denkschriften wie die Schirrmachers und die reflexive Auseinandersetzung mit Stimmen wie seiner notwendig.</p>

<p>Wir brauchen den die medialen Ver&#228;nderungen begleitenden Denkprozess, die Zeiten und R&#228;ume, in denen wir Abstand von genutzten Alltagsmedien nehmen und uns den eigenen Umgang mit ihnen quasi „von au&#223;en“ betrachten.</p>

<p>Voraussetzung hierf&#252;r ist allerdings, dass Schirrmacher mit seiner These unrecht hat, dass das Abschalten der digitalen Kommunikationskan&#228;le zu einer Angstreaktion f&#252;hrt, die von der Sorge gepr&#228;gt ist, was man in diesen Zeiten offline alles verpassen k&#246;nnte.</p>

<p>Dass es dieses Ph&#228;nomen gibt, soll hier gar nicht bestritten werden. Aber wenn es dieses Ph&#228;nomen gibt, dann ist mit ihm die Frage verbunden, ob und wie es m&#246;glich sein kann, diesem subjektiven Abh&#228;ngigkeitsgef&#252;hl, das objektiv angesichts der Redundanz der im Netz anzutreffenden Informationen eigentlich keinen allzu gro&#223;en Realit&#228;tsgehalt haben d&#252;rfte, etwas entgegen zu setzen, dass die (intellektuelle) Autonomie des Menschen ernst nimmt. Doch zu solchen Strategien sp&#228;ter mehr. Nur soviel bereits an dieser Stelle: Wer die nicht zu bew&#228;ltigenden Datenfluten vernetzter, digitaler Medien als Problem sieht, kann sich einmal die Frage stellen, wie viele neue und vor allem f&#252;r einen selbst relevante Informationen wirklich auf diesen Kan&#228;len flie&#223;en.</p>

<p>„Es ist also schwieriger geworden, ein Buch zu lesen, weil unser Gehirn sich unter dem Druck digitaler Informationsfluten umzubauen beginnt.” – Auch ich zweifle nicht daran, dass wir eine Umstrukturierung des neuronalen Systems im Gehirn erleben. Doch meine These sieht den Grund hierf&#252;r in der grundlegend neuen Form der diese Informationen transportierenden Codes, die zwar auf der Oberfl&#228;che noch wie Buchstaben aussehen, ihrem Verhalten nach aber ausschlie&#223;lich aus den Zahlen 1 und O bestehen bzw. aus aktiven elektrischen Verbindungen und inaktiven elektrischen Verbindungen – und sich entsprechend verhalten, indem sie beispielsweise in Echtzeit von A nach B vermittelt werden k&#246;nnen.<sup> [5]</sup></p>

<p>Und doch kommt Schirrmacher zu einem mir nachvollziehbaren Schluss: „Wir sammeln heute unendliche Informationen. Aber sie f&#252;hren uns nirgendwo mehr hin.” (S. 42) In diesem Schluss liegt aber auch die Begrenztheit des Ansatzes Schirrmachers, der sich – und das ist v&#246;llig legitim! – entschieden hat, die empirische Forschung in seinen &#220;berlegungen zu ber&#252;cksichtigen, dar&#252;ber hinaus aber die medienphilosophischen Perspektiven (erst einmal?) au&#223;en vor zu lassen.</p>

<p>In diesem Vorgehen liegen Chancen und Grenzen: Die Chance besteht darin, dass hier Technikfolgenforschung in den Blick genommen wird, auch wenn die Folgen digital vernetzter Strukturen bislang mit dem Vorbehalt des bislang recht &#252;berschaubaren Zeitraums des Einsatzes dieser Technologien versehen werden m&#252;ssen, was Schirrmacher auch betont. Die Grenzen des Ansatzes Schirrmachers liegen dort, wo er die philosophische Metareflexion der Grundlagen digital vernetzter Strukturen au&#223;en vor l&#228;sst und somit bei der Reflexion m&#246;glicher Konsequenzen aus den empirischen Beobachtungen eher (verhaltens-)psychologisch argumentiert, im Prinzip also einem behavioristischen Ansatz folgt. F&#252;r diese Annahme sprechen die &#220;berschriften der zwei Teile des Buches: „Erster Teil: Warum wir <em>tun</em>, was wir nicht wollen”; „Zweiter Teil: Wie wir die <em>Kontrolle</em> &#252;ber unser Denken zur&#252;ckgewinnen k&#246;nnen“ [Hervorhebungen TL].</p>

<p>Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Schirrmacher seinen L&#246;sungsvorschlag, ich beschr&#228;nke mich hier einmal auf seinen Vorschlag bez&#252;glich der Zukunft der Bildung (S. 207–218), an grundlegenden menschlichen Verhaltensweisen darstellt. „Die Computer tun nichts anderes, als mit der menschlichen Faszination der Suche zu spielen“ (S. 210). Dabei bezieht er sich konkret auf die Frage der Aussch&#252;ttung des Gl&#252;ckshormons Dopamin, das immer dann freigesetzt wird, wenn jemand „einen Gedanken oder eine L&#246;sung gefunden hat, ein Kunstwerk geschaffen oder eine Erkenntnis verinnerlicht hat” (ebd.).</p>

<p>Das Problem besteht heute aber genau darin, dass Wissen oft mit Denken gleichgesetzt wird. Schirrmacher f&#252;hrt dies an einigen Beispielen in „Payback“ beeindruckend vor, zum Beispiel, wenn er zeigt, wie computergest&#252;tzte Anamnesen im medizinischen Bereich zu Fehldiagnosen f&#252;hren, weil im Computer vorhandene Diagnosen einfach von einer Krankenakte in eine andere kopiert werden, nur weil die Symptome &#228;hnlich scheinen (S. 39–42). &#196;hnlich ist es an vielen Punkten im Umgang mit verf&#252;gbaren digitalen Ressourcen, die per Drag and Drop &#252;bernommen werden, ohne durchdacht zu werden.</p>

<p>Nicht, dass es solche Kopierwut nicht auch schon in Zeiten gegeben h&#228;tte, als analog mit B&#252;chern gearbeitet wurde, aber der Umgang mit B&#252;chern scheint strukturell doch h&#228;ufiger zu einer kritischen Rezeption gef&#252;hrt zu haben, weil sie selbst die Diskurse zu einem Thema m&#246;glicherweise doch intensiver vorf&#252;hrten, als dies beispielsweise Wikipedia kann.<sup> [6]</sup></p>

<p>Das Problem ist ein „Wer-wird-Million&#228;r-”, ein „Trivial Pursuit-“, ein „Enzyklop&#228;die-Problem“. Das „Bescheid-Wissen“ wird an die Stelle des aktiven Suchens und Zweifeln gesetzt. Es ist das alte Faustproblem: W&#228;hrend Faust zweifelnd hin und her irrt und sucht, was die Welt im Innersten zusammenh&#228;lt, fasst der Sch&#252;ler in den Versen 1966f die heutige Position treffend zusammen:</p>

<blockquote>„Denn, was man schwarz auf wei&#223; besitzt,
Kann man getrost nach Hause tragen.“</blockquote>

<p>Wir haben es also, anders als Schirrmacher es darstellt, nicht mit einem <em>neuen</em> Problem der Bewusstseinsbildung gegen&#252;ber Inhalten zu tun, sondern mit einem Ph&#228;nomen, das so alt ist, wie Menschen sich in der dialektischen Struktur von Wissen und Unsicherheit gegen&#252;ber dem Wissen befinden.</p>

<p>Doch in der Gegenwart, hier stimme ich Schirrmacher zu, tut sich, insbesondere in Bildungskontexten, eine neue dialektische, nahezu paradoxe Struktur auf, die in der Forderung nach Individualisierung von Lernprozessen und dem „Zertifizizierungswahn“, „der grotesken Verschulung heutiger Hochschulausbildung“ (Vgl. S. 211) ihren Ausdruck findet. Und so stimme ich Schirrmacher auch zu, wenn er schreibt:</p>

<blockquote>„Die Informationsgesellschaften sind gezwungen, ein neues Verh&#228;ltnis zwischen Wissensged&#228;chtnis und Denken zu etablieren. […] Das pure Wissensged&#228;chtnis stammt aus Zeiten, in denen Informationen nicht nur rar waren, sondern auch gesch&#252;tzt werden mussten.“ (ebd.)</blockquote>

<p>Wie also muss Lernen in einen Wissensgesellschaft aussehen? Schirrmacher kommt zu dem Schluss, dass „die Bildung der Zukunft darin bestehen muss, Unsicherheiten zu entwickeln“. Es geht also nicht mehr darum, „Bescheid-Wissen“ in K&#246;pfe zu K&#246;pfe zu transportieren, sondern den Prozess der Wissensfindung selbst zu thematisieren, zu zeigen, dass Wissen in vielen F&#228;llen ein „Zwischenstand“ der Forschung ist, dass Forschung Modelle erzeugt, die aber nicht unverr&#252;ckbar sein m&#252;ssen und es in den seltensten F&#228;llen auch sind.</p>

<p>Sich des eigenen Verstandes zu bedienen und an die Stelle scheinbar stabilen Wissens die Unsicherheit gegen&#252;ber dem Wissen zu setzen, ist das zentrale Projekt der Aufkl&#228;rung, wie Kant sie sah.</p>

<p>Schirrmachers Schlussfolgerung ist insofern zutreffend, als sie genau dieses Projekt der Aufkl&#228;rung in den Fokus nimmt und seinen Wert betont, der gerade unter heutigen Umst&#228;nden von ganz besonderer Bedeutung ist. Dabei muss die konkrete Unsicherheit gegen&#252;ber „Bescheid-Wissen“ in Bildungsprozessen erfahrbar und f&#252;r die Prozesse selbst grundlegend sein / werden. Den digitalen Mitteln m&#252;ssen konkrete Erfahrungen gegen&#252;ber gestellt werden. Eine Mediendidaktik muss sich selbst auf den Umgang mit dem Prozess des Erkenntnisgewinns im Rahmen digitaler Medien befassen und darf dabei auch nicht aus dem Blick verlieren, dass eine Erfahrung am Bildschirm keine sinnlich-k&#246;rperliche Erfahrung ist.</p>

<p>Die Gefahr besteht darin, dass wir aus der Sitz-Schule mit frontalen Unterrichtsformen eine Sitz-Schule machen, in der an die Stelle des auf den Lehrer zentrierten Unterricht ein auf den Bildschirm zentrierter Unterricht treten k&#246;nnte, der eine K&#246;rperlosigkeit des Lernens durch eine andere ersetzt. (<a href="http://www.adz-netzwerk.de/SCHULEN-DER-KORPERLOSIGKEIT-Vortrag-von-Horst-Rumpf-beim-Muensteraner-Konvent.php" target="_blank">Vgl. hierzu die Schriften Horst Rumpfs und auch seinen im „Archiv der Zukunft“ verf&#252;gbaren Vortrag „Schulen der K&#246;rperlosigkeit?“</a>)</p>

<p>So sehr der Ansatz, digitale Medien f&#252;r selbstgesteuertes Lernen zu nutzen, in meinen Augen begr&#252;&#223;enswert ist und so sehr ich Schirrmacher zustimme, dass es Bildungsprozessen, in meinen Worten ausgedr&#252;ckt und der Sprache der Aufkl&#228;rung ausgedr&#252;ckt, um die Bef&#228;higung der Menschen zur Nutzung des eigenen Verstandes, also zu Entwicklung von Unsicherheiten gegen&#252;ber vorgegebenem Wissen, gehen muss, so sehr sto&#223;e ich mich daran, dass Schirrmacher auf Herausforderungen einer neuen Technologie und deren Folgen, die er auf der Basis empirischer Daten beeindruckend darstellt, mit alten Rezepten antworten, die inhaltlich v&#246;llig korrekt sind, aber die ver&#228;nderte Struktur der Wissensgesellschaft meines Erachtens nur ungen&#252;gend in den Blick nehmen. Oder, um es kurz zu fassen: Die bin&#228;re Struktur des Codes, der gegenw&#228;rtiges Wissen mehr und mehr pr&#228;gt, bleibt in ihren m&#246;glichen Folgen f&#252;r das Bewusstsein des Menschen in Schirrmachers Reflexionen weitgehend unber&#252;cksichtigt, sodass ich an dieser Stelle meine Unsicherheit gegen&#252;ber Schirrmachers Darstellung zum Ausdruck bringen will.</p>

<p>Vilém Flusser nimmt, anders als Schirrmacher, den Code, auf dem Wissen basiert in den Blick und zeigt, wie sich durch die Schriftlichkeit das Bewusstsein des Menschen ver&#228;ndert hat. Das Alphabet und die damit verbundene Linearit&#228;t hat, so Flussers These, ein linear gedachtes historisches Bewusstsein &#252;berhaupt erst m&#246;glich gemacht. Bez&#252;glich des Alphabets in Zeiten, in denen nur wenige des Lesens und Schreibens m&#228;chtig waren, schreibt er:</p>

<blockquote>„Es bildete einen Geheimcode, und nur die darin Eingeweihten verf&#252;gten &#252;ber historisches Bewusstsein. Der gr&#246;&#223;te Teil der Gesellschaft orientierte sich weiterhin in der Welt anhand von harten Gegenst&#228;nden, vor allem anhand von Bildern, und dank der gesprochenen Sprache. Das hei&#223;t, der gr&#246;&#223;te Teil der Gesellschaft lebte in einem magischen und mythischen Bewusstsein.“<sup> [7]</sup></blockquote>

<p>Der Code, der das Wissen in Zeichen verwandelt, pr&#228;gt, so die These, das Bewusstsein derer, die sich dieses Codes bedienen.</p>

<p>Wenn diese These stimmt, dann ergeben sich f&#252;r die Gegenwart Herausforderungen, die weit &#252;ber Schirrmachers Problembeschreibungen und L&#246;sungsans&#228;tze hinaus gehen.</p>

<p>Wir erleben nicht nur einen Wandel der Leitmedien, sondern auch die Einf&#252;hrung eines neuen Codes, in dem unser Wissen in Zeichen &#252;bertragen wird und der das Bewusstsein der Menschen ver&#228;ndert bzw. ver&#228;ndern wird.</p>

<p>Das Problem dieser These besteht darin, dass die Oberfl&#228;che, die Zeichen, die wir in digital (vernetzten) Codierungen wahrnehmen, auf den ersten Blick der bisherigen Codierung gleichen. – Hier stehen Buchstaben, die linear aneinander gef&#252;gt einen Text ergeben. An anderen Stellen des Netzes sind Bilder zu finden, gesprochene Sprache spielt in digitalen Formaten ebenso eine Rolle. Und in multimedialen Zusammenh&#228;ngen werden diese Formen der Codierung des indirekten Zugangs zur Wirklichkeit zusammengef&#252;gt.</p>

<p>Au&#223;er der breiteren, schnelleren und zeitunabh&#228;ngigeren Verf&#252;gbarkeit der Informationen scheint sich also nichts ver&#228;ndert zu haben. Und genau an dieser Stelle gibt es Grund, diese als selbstverst&#228;ndlich nahe liegende Annahme mit einer Unsicherheit zu versehen und die Fragestellung auszuweiten.</p>

<p>Schirrmacher selbst weist auf die bin&#228;re Struktur von Entscheidungen hin, von der viele unserer Entschl&#252;sse gepr&#228;gt sind: „Tun oder Nicht-Tun, ein Auto kaufen oder nicht, Schokoladenkekse essen oder nicht, eine Di&#228;t machen oder nicht, ein Pulverfass anz&#252;nden oder nicht.” (S. 197) Doch dar&#252;ber hinaus stellt er auch dar, wie der bin&#228;re Code selbst das Leben und vor allem unser Selbstbild ver&#228;ndert. Insofern ber&#252;cksichtigt er auf empirischer Ebene das Problem, das hier einen erweiterten medientheoretischen Kontext gestellt wird.</p>

<p>Schirrmacher greift das Ph&#228;nomen der „Empfehlungen“ auf, das bereits heute, auf der Basis fr&#252;herer Entscheidungen, z. B. auf Seiten wie der von Amazon, von Last.fm etc. beobachtet werden kann; das Ph&#228;nomen, dass Facebook Freundschaftempfehlungen macht etc. Bin&#228;re Strukturen werden bereits heute zur Analyse menschlichen Verhaltens benutzt, um daraus Prognosen &#252;ber m&#246;gliche Entscheidungen in der Zukunft zu stellen.</p>

<p>Bereits in diesem Ph&#228;nomen spiegelt sich die Struktur bin&#228;rer Codes wider. Es geht um ein „Entweder-Oder“, um die Annahme, dass Verhaltensweisen selbst dann bin&#228;ren Strukturen des „Ja oder Nein“ folgen, wenn es sich um so komplexe Ph&#228;nomene wie z. B. Freundschaft handelt.</p>

<p>Wie es zu diesen Empfehlungen kommt, wie automatisierte, Algorithmen folgende Programme mit Daten umgehen und wo die Grenzen dieser Verfahren liegen, vermag kaum jemand zu sagen. Und deshalb formuliere ich in Anlehnung an Flusser:</p>

<blockquote>Der digitale, Medien pr&#228;gende Code ist eine Art Geheimcode, und nur die darin Eingeweihten verf&#252;gen &#252;ber digitales Bewusstsein.

Der gr&#246;&#223;te Teil der Gesellschaft orientierte sich weiterhin in der Welt anhand von Oberfl&#228;chencodes, die an alte Codes erinnern (Buchstaben, Bilder…), die aber, vor allem im Bereich der M&#246;glichkeiten der digitalen Weiterverarbeitung solcher Daten, weit &#252;ber die Optionen analoger Codierung hinausgehen (automatisierte Erhebungs- und Analyseverfahren, von Computern auf der Basis digitaler Codierungen erstellte Verhaltensprofile, die weit &#252;ber das hinaus gehen, was analog &#252;berhaupt an Daten erfassbar w&#228;re).

Das hei&#223;t, der gr&#246;&#223;te Teil der Gesellschaft lebt noch immer in einem analogen Bewusstsein, dem ein kritischer und reflexiver Zugang zu den Optionen der Wissensgewinnung auf der Basis bin&#228;rer Codes (noch) nicht m&#246;glich ist, au&#223;er, sie werden mit den konkreten Ph&#228;nomenen konfrontiert, die dann oft „magisch“ wirken und auch entsprechende &#196;ngste ausl&#246;sen k&#246;nnen.</blockquote>

<p>Wie schafft es Facebook, als Freunde Menschen vorzuschlagen, von denen man tats&#228;chlich welche kennt? Wie kann es sein, dass Last.fm Musik vorschl&#228;gt, die den entsprechenden Nutzer wirklich interessiert? Wie kommt Amazon zu Leseempfehlungen? – Die Antwort lautet: Aufgrund der M&#246;glichkeiten zur Generierung von Wissen &#252;ber bin&#228;re Codes.</p>

<p>Doch die Strukturen bin&#228;rer Codes reichen weiter, insbesondere dann, wenn die Annahme stimmt, dass Programme in der Lage sein k&#246;nnten, direkt auf die Ausgestaltung unseres Denkens und unseres Bewusstseins Einfluss zu nehmen.</p>

<p>Auch hier sto&#223;en wir zun&#228;chst auf Ph&#228;nomene, die bin&#228;r, aber nicht neu sind: So entspricht den Einsern und Nullen des bin&#228;ren Codes z. B. die eindeutige Gegen&#252;berstellung von Ph&#228;nomenen, wie z. B. „Gut“ und „B&#246;se“.</p>

<p>Die meisten Blockbuster im Thrillerbereich beruhen genau auf dieser bin&#228;ren Gegen&#252;berstellung, die aber auch in politischen Entscheidungsfindungsprozessen eine Rolle spielt. Insbesondere wenn es um Fragen von Krieg und Frieden geht, zeigt sich, dass bin&#228;re Wahrnehmungsweise, die sich auf „gut“ und „b&#246;se“ beschr&#228;nken, zu den Voraussetzungen kriegerischer Auseinandersetzungen geh&#246;ren, w&#228;hrend „Frieden“ von wesentlich differenzierteren Zugangsweisen zur Wirklichkeit abh&#228;ngig ist, also darauf angewiesen ist, dass die Herrschaft der Dualit&#228;t bin&#228;rer Strukturen, die nur Schwarz und Wei&#223; zul&#228;sst, durch Strukturen ersetzt wird, die Graut&#246;ne in gro&#223;er Zahl erm&#246;glichen.</p>

<p>Wenn die These stimmt, dass Codes, mit deren Hilfe wir unseren Zugang zur Wirklichkeit bekommen, das Bewusstsein zu pr&#228;gen verm&#246;gen, dann m&#252;ssen die Unsicherheiten, die Schirrmacher f&#252;r Bildungsprozesse einfordert, die Unsch&#228;rfen des Wissens, mit denen wir auch gegen&#252;ber digitalen Medien zu tun haben, selbst zum Gegenstand der Wissensfindungsprozesse werden.</p>

<p>F&#252;r Bildungsprozesse ergeben sich daraus folgende &#220;berlegungen, die hier vor allem als Diskussionsgrundlage dienen sollen und angesichts des bereits erreichten Umfangs dieses Artikels nur kurz angerissen werden (und hoffentlich in der Diskussion in den Kommentaren, &#252;ber antwortende Artikel in anderen Blogs etc. ausdifferenziert und vertieft werden):</p>

<ul>
    <li>Im Informationszeitalter geh&#246;rt es zu den Grundaufgaben von Bildungsprozessen, der Information und dem in ihr behaupteten Wissen den Zweifel und die Entwicklung einer angemessenen Unsicherheit im Umgang mit Informationen gegen&#252;ber zu stellen.</li>
    <li>Neben verhaltenspsychologischen Dimensionen, die mit der Nutzung digitaler Medien verbunden sind und die Schirrmacher ins Zentrum seiner &#220;berlegungen stellt, bedarf es einer (medien)philosophischen Reflexion auf die Grundlagen der unsere Bewusstseinsprozesse steuernden Codes, die uns einen (relativen) Zugang zur Wirklichkeit verschaffen. Diese Relativit&#228;t des Zugangs zur Wirklichkeit (mit Kant gesprochen: Die Unm&#246;glichkeit, das Ding an sich zu erkennen, da Erkenntnis immer eine (sinnlich) vermittelte ist) geh&#246;rt ins Zentrum von Bildungsprozessen.</li>
    <li>Angesichts der analogen Grundstruktur menschlicher Wissensgewinnung, darf eine angemessene Mediendidaktik nicht den Fehler begehen, digitale Formen des Lernens alleine ins Zentrum von Bildungsprozessen zu stellen. Die Kompetenz zum angemessenen Umgang mit analogen Arbeitsformen (vom Umgang mit B&#252;chern &#252;ber handschriftliche Verfahren – z. B. in der Mathematik) geh&#246;rt nach wie vor und gleichberechtigt in den Kontext einer umfassenden <em>Allgemein</em>bildung.</li>
    <li>Der Computer darf nicht dazu f&#252;hren, dass an die Stelle von Formen des Frontalunterrichts durch eine Lehrperson nun eine neue Form der frontalen Wissensvermittlung tritt, die durch „Bescheid-Wisser-Medien“ wie z. B. Wikipedia gepr&#228;gt sind<sup> [8]</sup>.</li>
    <li>Mind. Grundlagen der digitalen Codierung und der sich daraus ergebenden M&#246;glichkeiten und Grenzen im Umgang mit digital verf&#252;gbaren Daten, geh&#246;ren auf die schulischen Lehrpl&#228;ne, um so einen aufgekl&#228;rten Umgang mit bin&#228;ren Codes zu erm&#246;glichen und das „Geheimwissen“ derer, die sich dieser Codes bedienen k&#246;nnen aufzul&#246;sen.</li>
</ul>



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<br/><br/><ol class="footnotes"><li id="footnote_0_2715" class="footnote">„.… diese Kunst [die Erfindung der Buchstaben und damit der Schrift TL] wird Vergessenheit schaffen in den Seelen derer, die sie erlernen, aus Achtlosigkeit gegen das Ged&#228;chtnis, da die Leute im Vertrauen auf das Schriftst&#252;ck von au&#223;en sich werden erinnern lassen durch fremde Zeichen, nicht von innen heraus durch Selbstbesinnen. Also nicht ein Mittel zur Kr&#228;ftigung, sondern zur St&#252;tzung des Ged&#228;chtnisses hast du gefunden. Und von Weisheit gibst du deinen Lehrlingen einen Schein, nicht die Wahrheit: wenn sie vieles geh&#246;rt haben ohne Belehrung, werden sie auch viel zu verstehen sich einbilden, da sie doch gr&#246;&#223;tenteils nichts verstehen und schwer zu ertragen sind im Umgang, zu D&#252;nkelweisen geworden und nicht zu Weisen“ – Platon: Phaidros. In: S&#228;mtliche Dialoge. Hamburg 1993, Bd. 2, S.103.</li><li id="footnote_1_2715" class="footnote">Vgl. hierzu: Kerckhove, Derrick de (1995), Schriftgeburten. vom Alphabet zum Computer, M&#252;nchen, Fink</li><li id="footnote_2_2715" class="footnote">Kerckhove, Derrick de (1995), Schriftgeburten. vom Alphabet zum Computer, M&#252;nchen, Fink, 18.</li><li id="footnote_3_2715" class="footnote">Kerckhove, Derrick de (1995), Schriftgeburten. vom Alphabet zum Computer, M&#252;nchen, Fink, 19.</li><li id="footnote_4_2715" class="footnote">Vgl. hierzu: FLUSSER, Vilém (2002): Medienkultur. herausgegeben von: BOLLMANN, Stefan. Frankfurt am Main, 3. Aufl. 2002 (1997). Flusser beschreibt hier unter anderem auch, wie das Aufkommen des Alphabets die Strukturen des Denkens und des Bewusstsein ver&#228;nderte. Er schreibt „Es [das Alphabet TL] bildete einen Geheimcode, und nur die darin Eingeweihten verf&#252;gten &#252;ber historisches Bewusstsein. Der gr&#246;&#223;te Teil der Gesellschaft orientierte sich weiterhin in der Welt anhand von harten Gegenst&#228;nden, vor allem anhand von Bildern, und dank der gesprochenen Sprache. Das hei&#223;t, der gr&#246;&#223;te Teil der Gesellschaft lebte in einem magischen und mythischen Bewusstsein.“ (S. 45) </li><li id="footnote_5_2715" class="footnote">Allerdings scheinen sich Strukturen der kritischen Rezeption auch in digitalen Kontexten zu entwickeln: So gibt es auf Wikipedia zu jedem Artikel die M&#246;glichkeit, eine Diskussion zu f&#252;hren, in Blogs werden Kommentare verfasst etc. M&#246;glicherweise entwickelte sich in digitalen Kontexten eine wom&#246;glich noch intensivere Form der Diskurse, die sich z. Zt. erst entwickelt.</li><li id="footnote_6_2715" class="footnote">FLUSSER, Vilém (2002): Medienkultur. herausgegeben von: BOLLMANN, Stefan. Frankfurt am Main, 3. Aufl. 2002 (1997), S. 45.</li><li id="footnote_7_2715" class="footnote">Was hier als eine massive Kritik an Wikipedia klingen mag, ist eine Kritik, die sich auf alle Formen lexikalischer Pr&#228;sentation von Wissen bezieht, f&#252;r die Wikipedia eine Metapher geworden ist. Fr&#252;her war das Problem, dass Lernende aus dem Brockhaus zitierten und das f&#252;r eine angemessene und vor allem ausreichende wissenschaftliche Quelle hielten, heute ist an die Stelle des Brockhaus oder anderer Lexika Wikipedia getreten. Damit ist kein Werturteil &#252;ber dieses erstaunliche Projekt gef&#228;llt.</li></ol>
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		<title>Grenzen der Kommunikationsf&#228;higkeit</title>
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		<pubDate>Sat, 08 May 2010 14:22:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Als ich Vierzehn war, gab es noch kein Internet f&#252;r die Massen, wohl aber schon die M&#246;glichkeit, mithilfe eines Telefonmodems ins Netz zu gehen. Es gab Bildschirmtext (BTX), aber bis sich digitale Vernetzung zu einem Massenph&#228;nomen ausbreitete, sollte es noch einige Jahre dauern. Ich setze den Starttermin des Web-Hypes auf den 13. Oktober 1994 fest, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als ich Vierzehn war, gab es noch kein Internet f&#252;r die Massen, wohl aber schon die M&#246;glichkeit, mithilfe eines Telefonmodems ins Netz zu gehen. Es gab <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Bildschirmtext" target="_blank">Bildschirmtext (BTX)</a>, aber bis sich digitale Vernetzung zu einem Massenph&#228;nomen ausbreitete, sollte es noch einige Jahre dauern. Ich setze den Starttermin des Web-Hypes auf den 13. Oktober 1994 fest, den Tag, an dem Netscapes „Navigator“ in einer ersten Version ver&#246;ffentlicht wurde und somit erstmals ein Browser vorlag, der eine grafische Oberfl&#228;che hatte.</p>

<p>Es gab zwar vorher <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Usenet" target="_blank">Usenet</a> und Co, Welten, die mir und den meisten v&#246;llig fremd waren und in denen sich die PC-Geeks tummelten, doch erst die Browser mit grafischer Oberfl&#228;che, die das „Erklicken“ des Netzes m&#246;glich machten, &#246;ffneten das Netz, demokratisierten das Netz.</p>

<p>Bis zum „interaktiven“ Netz „Web 2.0“ sollte es fast zehn Jahre dauern. Und meines Erachtens ist das „Web 2.0“ zwar zur Zeit die dominierende Form der vernetzten Kommunikation, aber mit Sicherheit nicht das Ende der Entwicklung, &#252;ber deren Verlauf ich mir gar nicht mehr so sicher bin, entgegen der Vorhersagen, dass Netzanbindung und Alltag eine immer engere Verbindung eingehen werden. Eine nahezu symbiotische Verbindung von Alltag und digitalen Netzwerken scheint gegenw&#228;rtig durchaus absehbar. Dabei ist eine Symbiose in der Regel eine „Vergesellschaftung von Individuen unterschiedlicher Arten, die f&#252;r beide Partner vorteilhaft ist“ (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Symbiose" target="_blank">Quelle</a>).</p>

<p>Das Netz als Lebensform, dessen Verbindung mit der Lebensform des Homo Sapiens f&#252;r beide Seiten von Vorteil ist? Ein wenig erinnert mich das an die Entwicklung, die als fiktiver Hintergrund f&#252;r die „Matrix“-Trilogie der Br&#252;der Wachowski angenommen wird.</p>

<blockquote>Anfang des 21. Jahrhunderts geriet die Entwicklung der <a title="K&#252;nstliche Intelligenz" href="http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%BCnstliche_Intelligenz">K&#252;nstlichen Intelligenz</a> au&#223;er  Kontrolle. Die Menschen verdunkelten den Himmel, um den solarbetriebenen  Maschinen die Energiequelle zu nehmen. Die Maschinen passten sich der  Dunkelheit jedoch an und unterwarfen die Menschheit, deren Exemplare sie  seitdem zur Energiegewinnung z&#252;chten. (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Matrix_%28Film%29#Handlung" target="_blank">Wikipedia</a>)</blockquote>

<p>Ob es so unrealistisch ist, dass „das Netz“ mehr und mehr die „Anpassung“ der Menschen an seine Vorgaben und Grenzen verlangt? Schon heute gibt es Tendenzen, die davon sprechen, dass man, so man nicht im Netz vertreten sei, zunehmend Probleme bekomme, in Kommunikationsprozesse einzutreten oder in diesen &#252;berhaupt beachtet zu werden.</p>

<p>Andererseits gibt es Menschen, die sich auf das Netz eingelassen haben und dabei dennoch weder ihre Selbstbeobachtungskompetenzen noch ihre Kritikf&#228;higkeit gegen&#252;ber Kommunikationsstrukturen verloren haben, die durchaus dazu geeignet sind, mehr und mehr Ressourcen des Individuums „auszusaugen“ und sich somit, statt zu einer symbiotischen Verbindung zu f&#252;hren, als Schmarotzer entpuppen, die den Menschen aussaugen.</p>

<p>Um diesen Schmarotzer „Web 2.0“ dann wieder los zu werden, scheint es f&#252;r einige (immer mehr?) Menschen nur noch den Weg des etwas &#252;berspitzt aber gar nicht so abwegig benannten „digitalen Selbstmordes“ („digital sucide“) zu geben.</p>

<p>Ein paar Beispiele f&#252;r diese Tendenz:</p>

<ul>
    <li>Das <a href="http://www.socialnetworking-weblog.com/50226711/digital_suicide.php" target="_blank">Social-Networking-Weblog berichtete</a> &#252;ber die Sucide Machine f&#252;r soziale Netzwerke.</li>
    <li>Im <a href="http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,532070,00.html" target="_blank">Uni-Spiegel dokumentiert</a> Frauke L&#252;bke-Narberhaus ihren Ausstieg bei studiVZ und Xing als „digitalen Selbstmord“.</li>
    <li>Der Heidelberger Professor f&#252;r Informatikdidaktik <a href="http://cspannagel.wordpress.com/2010/05/03/things-change/" target="_blank">Christian Spannagel beendet</a>, obwohl bis dahin als intensiver Nutzer, Fan und auch theoretisch die Vernetzung positiv darstellend, seine Mitgliedschaften bei Facebook, Twitter, XING, Linked-In, wer-kennt-wen, myspace, … und reflektiert anschlie&#223;end die massive &#220;berforderung, die das Web 2.0  f&#252;r ihn mit sich brachte, nachdem er sich zu einem prominenten  „&#246;ffentlichen Wissenschaftler“ entwickelt hatte und mit den daraus  entstehen Anspr&#252;chen nicht mehr mithalten konnte, da sie mehr und mehr  Lebensenergie aufsaugten. <a href="http://cspannagel.wordpress.com/2010/05/07/uber-radikale-vernetzung-und-radikale-ehrlichkeit/" target="_blank">Spannagel schreibt</a>:</li>
</ul>

<blockquote>Im sozialen Netz erlebte ich so etwas wie eine soziale Verpflichtung zur  Kommunikation. Diese Informationsvielfalt kann man als einzelner nicht  bew&#228;ltigen.</blockquote>

<p>Ein Protagonist des Web 2.0 f&#252;r Bildung und Wissenschaft „steigt aus“: Eigentlich doch ein gefundenes Fressen f&#252;r all diejenigen, die  ja schon immer wussten, dass das Internet mit seinen Ablenkungspotentialen und Kommunikations&#252;berforderungstendenzen eigentlich b&#246;se ist. Doch wer „digital sucide“ so versteht, hat etwas missverstanden, da es sich in diesen F&#228;llen in der Regel um solche handelt, die die &#220;berforderung durchaus auf <em>eigene</em> Formen des Umgangs mit diesen M&#246;glichkeiten hin zu reflektieren verm&#246;gen. So z. B. <a href="http://cspannagel.wordpress.com/2010/05/07/uber-radikale-vernetzung-und-radikale-ehrlichkeit/" target="_blank">Spannagel</a>:</p>

<blockquote>„Das <a href="http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:Jeanpol/Neuron" target="_blank">Neuronenverhalten</a> muss kontrolliert und situationsabh&#228;ngig  eingesetzt werden.“ Genau das trifft den Punkt: Ich werden zuk&#252;nftig das Web 2.0  zielgerichtet, situationsabh&#228;ngig und punktuell einsetzen. Ich werde  Web-2.0-Anwendungen selektiv nutzen.</blockquote>

<p>Dies ist der eigentliche Punkt: Menschliche Kommunikationsf&#228;higkeit ist eine begrenzte F&#228;higkeit. Das Individuum muss f&#252;r sich Wege finden, zwischen Kommunikationsbed&#252;rfnis und Privatheit, die f&#252;r gelingende Kommunikation meines Erachtens unabdingbar ist, ein Gleichgewicht zu erzeugen.</p>

<p>Und diese Notwendigkeit des Gleichgewichts ist keine, die exklusiv f&#252;r das Internet gilt, auch wenn die Grenzen der individuellen Kommuniaktionsf&#228;higkeit aufgrund der „Einfachheit“ der Initiierung solcher Prozesse im Netz m&#246;glicherweise schneller und vor allem auch wiederum selbst kommunizierbarer erfahren werden. Ja, Christian Spannagel kommuniziert seinen Ausstieg aus weiten Teilen der „social communities“ &#252;ber das Web 2.0 im Rahmen seines Blogs.</p>

<p>Wie aber komme ich zu der Behauptung, dass die Notwendigkeit des Gleichgewichts zwischen „Privatheit“ und Kommunikationsbed&#252;rfnis keine ist, die exklusiv f&#252;r das  Internet gilt?</p>

<p>Als ich Vierzehn war, gab es noch kein Internet f&#252;r die Massen, wohl  aber schon die M&#246;glichkeit, mithilfe eines Telefonmodems ins Netz zu  gehen. In dieser Zeit gab es aber das Ph&#228;nomen, dass eine nicht kleine Zahl Jugendlicher Brieffreundschaften mit anderen Jugendlichen in der ganzen Welt begannen. Es gab damals eigene Agenturen, die solche Briefkontakte vermittelten. Als „&#220;berbleibsel“ dieser Agenturen gibt es heute z. B. <a href="http://www.letternet.de/web/friends/home">das von der Deutschen Post betriebene „letternet“</a>.</p>

<p>Ich war, wie viele andere Jugendliche von der M&#246;glichkeit fasziniert, mit Jugendlichen in unterschiedlichen Teilen der Welt in Verbindung zu treten und machte mit. Die Zahl der „Brieffreund“, die ungef&#228;hr genau so ernsthaft „Freunde“ zu nennen sind, wie dies f&#252;r die Gro&#223;zahl der „Kontakte“ in sozialen Netzwerken gilt, auch wenn deren Betreiber hartn&#228;ckig den Freundschaftsbegriff missbrauchen, stieg allm&#228;hlich und irgendwann merkte ich, dass es zwar toll ist, pers&#246;nliche Briefe im Postkasten zu finden und auf diese zu antworten, dass aber diese Form von Kontakt auf einen begrenzten Personenkreis beschr&#228;nkt bleiben muss, da es sonst irgendwann zu viel wird. Die F&#228;higkeit, Kommunikationsprozesse zu pflegen ist begrenzt – auch in rein analogen Formen der Kommunikation.</p>

<p>Es ist zwar banal, an dieser Stelle davon zu sprechen, dass es um das rechte Ma&#223; an gepflegten Kontakten und Kommunikationsprozessen geht, es sei aber dennoch einmal mehr erw&#228;hnt. Wird das rechte Ma&#223; &#252;berschritten, dann tritt ein, <a href="http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:Jeanpol/Neuron#10._ACHTUNG.2C_HOHE_SUCHTGEFAHR:_das_Neuronenverhalten_muss_kontrolliert_und_situationsabh.C3.A4ngig_eingesetzt_werden.21" target="_blank">was Jean-Pol Martin „die Suchtgefahr des Neuronenverhaltens“ bezeichnete und als zehnte Regel seinem Kommunikationsmodell hinzuf&#252;gte</a>.</p>

<p>&#196;hnliche Erfahrungen der kommunikativen Grenzen, wie ich sie als Jugendlicher bei der Pflege von (zeitweise zu vielen) Brieffreundschaften machte, tauchen bis heute immer mal wieder auf, was im Lehrberuf an f&#252;r sich auch kaum &#252;berraschend ist, da es ein Beruf ist, der in h&#246;chstem Ma&#223;e von Kommunikation lebt und st&#228;ndig vor die Herausforderung stellt, ein Ma&#223; zwischen Gespr&#228;chspr&#228;senz und Privatheit im Rahmen der je eigenen Ressourcen zu finden. – In diesem Zusammenhang wage ich die Prognose, dass die Bereitschaft von Lehrenden, die die M&#246;glichkeiten von Web-2.0-Tools (z. T. &#228;u&#223;erst intensiv) nutzen, um &#252;ber Unterrichtszeiten hinaus Lernprozesse zu unterst&#252;tzen und zu f&#246;rdern, im Laufe der Zeit genau an dem „Ort“ ankommen wird, den Christian Spannagel in seiner <a href="http://cspannagel.wordpress.com/2010/05/07/uber-radikale-vernetzung-und-radikale-ehrlichkeit/" target="_blank">hervorragenden Reflexion auf die Grenzen eigener Kommunikationsf&#228;higkeit </a>beschreibt: Den Ort der selektiven Nutzung der nach wie vor als wirkliche Bereicherung anzusehenden Web-2.0-Tools f&#252;r berufliche und private Kommunikationsprozesse.</p>

<p>Ein reflektierter R&#252;ckzug aus sozialen Netzen, der &#252;brigens nicht nur aus Gr&#252;nden der &#220;berlastung erfolgen kann, sondern auch mit dem etwas <a href="http://herrlarbig.de/2010/03/29/und-tschuess-facebook/" target="_blank">eigenwilligen Verst&#228;ndnis von „Privatheit“ zusammenh&#228;ngen kann, das einige Betreiber sozialer Webangebote haben</a>, ist in meinen Augen kein Urteil &#252;ber die Qualit&#228;t solcher Netzwerke, keine Tendenz, die geeignet w&#228;re, den Radikalkritikern des Web 2.0 Argumente zu liefern, sondern vielmehr ein Prozess, der mit der „Entdeckungsreise“ in die nach wie vor jungen „Welten“ des Web 2.0 zusammenh&#228;ngt.</p>

<p>Das Web 2.0 bietet faszinierende M&#246;glichkeiten. Jeder Nutzer und jede Nutzerin dieser M&#246;glichkeiten muss (sic!) jedoch fr&#252;her oder sp&#228;ter in einen Reflexionsprozess dar&#252;ber eintreten, welche der M&#246;glichkeiten aus welchen Gr&#252;nden genutzt werden und an welchen Stellen die Nutzung der M&#246;glichkeiten &#252;ber das f&#252;r einen selbst angemessene Ma&#223; hinaus geht. Dies gilt &#228;hnlich f&#252;r analoge Kommunikationsprozesse, denen es gut tut, wenn sie immer wieder in Formen der Meta-Kommunikation, z. B. im Rahmen von Supervision, aber z. B. auch in der „einfachen“ Form des Tagebuchschreibens, selbst zum Gegenstand der Reflexion werden.</p>

<p>Diese Notwendigkeit zur Reflexion eigenen Kommunikationsverhaltens ist in meinen Augen eine der zentralen Aufgaben einer gelingenden Mediendidaktik und Medienp&#228;dagogik. Dieser darf es eben nicht nur um „Prim&#228;rkompetenzen“ wie die Nutzung von Suchmaschinen, Textverarbeitungsprogrammen, Tabellenkalkulation, Pr&#228;sentationsprogrammen etc. gehen. Sie muss dar&#252;ber hinaus zentral an der Entwicklung von „Meta-Kompetenzen“ arbeiten, um den individuellen Nutzern von (digitalen) Arbeits- und Kommunikationsinstrumenten die F&#228;higkeit zur Reflexion dessen, was f&#252;r sie jeweils angemessen ist, mit auf den Weg zu geben.</p>

<p>Eine zentrale Frage bez&#252;glich der Nutzung von Kommunikationsinstrumenten und -wegen darf dabei nie aus dem Blick verloren werden: Wie finde ich einen Ausgleich zwischen Kommunikation und „Schweigen“ (Privatheit“), der mir angemessen ist, der mir gut tut. Wenn Kommunikationsprozesse das Individuum auslaugen, ausbrennen, in eine innere Leere hineinf&#252;hren, dann ist es h&#246;chste Zeit, diese Prozesse in den Blick zu nehmen, denn wer im Rahmen der eigenen Kommunikationsgewohnheiten sich innerlich leer f&#252;hlt, der hat bald nichts mehr zu sagen.</p>



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		<title>Sprache und Macht – Zu Georg B&#252;chners „Woyzeck“</title>
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		<pubDate>Thu, 25 Feb 2010 23:07:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Mangelnde Sprachbeherrschung wird meist als ein Mangel an Bildung angesehen. Aber kann „Bildung“ gleich „Sprache“ gesetzt werden? Georg B&#252;chners vermutlich im Sommer 1836 entstandenes Dramenfragment „Woyzeck“ gibt darauf eine Antwort, die auch im Lichte der Bildungsdebatte im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gesehen werden kann. Zun&#228;chst zur Sprache in B&#252;chners „Woyzeck“, die im Vergleich mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mangelnde Sprachbeherrschung wird meist als ein Mangel an Bildung angesehen. Aber kann „Bildung“ gleich „Sprache“ gesetzt werden? Georg B&#252;chners vermutlich im Sommer 1836 entstandenes Dramenfragment „Woyzeck“ gibt darauf eine Antwort, die auch im Lichte der Bildungsdebatte im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gesehen werden kann.</p>

<p>Zun&#228;chst zur Sprache in B&#252;chners „Woyzeck“, die im Vergleich mit der von Autoren der ersten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts benutzten Sprache auff&#228;llig „volksnah“ und gleichzeitig weit entfernt von der Sprache der literarischen <a href="http://xlibris.de/Epochen/Romantik" target="_blank">Romantik</a> angesiedelt ist. Die Romantik erw&#228;hne ich hier, weil deren Autoren und Autorinnen zu gleichen Zeit schrieben wie Georg B&#252;chner – und ein ganz anderes Wirklichkeitsempfinden widerspiegeln, als es in B&#252;chners Texten zu finden ist.</p>

<p>B&#252;chner nutzt dialektale F&#228;rbungen<sup> [1]</sup>, l&#228;sst seine Figuren falsch gesetzte Fragepronomen verwenden und Probleme mit dem Satzbau (der Syntax) haben. Er nutzt umgangssprachliche Formen der Wortk&#252;rzung („S’ ist gewiss Gold!“; „S&#8217; ist gut Marie“), <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ellipse_%28Sprache%29" target="_blank">Elipsen,</a> reiht kurze Haupts&#228;tze aneinander und l&#228;sst so eine <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Parataxe" target="_blank">parataktische Struktur</a> der Textoberfl&#228;che entstehen.</p>

<p>Das „einfache Volk“ verf&#252;gt &#252;ber eine „einfache“ Sprache. Somit entstehen im Drama Figuren, vor allem sind hier Woyzeck und Marie zu nennen, die kaum in der Lage sind, ihre Empfindungen und Wahrnehmungen der Wirklichkeit so auszudr&#252;cken, dass diese selbst zum Gegenstand ihrer Reflexion werden k&#246;nnten.</p>

<p>Das ungebildete Individuum ist vom <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Diskurs" target="_blank">Diskurs</a> ausgeschlossen, isoliert, machtlos.</p>

<p>Das „einfache Volk“ verf&#252;gt &#252;ber eingeschr&#228;nkte Ausdrucksm&#246;glichkeiten und muss, um &#252;berhaupt etwas ausdr&#252;cken zu k&#246;nnen, zu vorgegebenen Sprachmustern  Zuflucht nehmen.</p>

<p>Woyzeck zitiert die Bibel („Lasset die Kindlein zu mir kommen“<sup> [2]</sup>, Marie sucht Orientierung in der Bibel<sup> [3]</sup>. Dar&#252;ber hinaus kommen Volkslieder zum Tragen.</p>

<p>Nur an Stellen, an denen B&#252;chner seinen Kommentar zu dargestellten Ereignissen gibt, sprechen „einfache Menschen“ pl&#246;tzlich eine komplexere Sprache, die eine h&#246;here Reflexionsstufe m&#246;glich macht, so der Handwerksbursch als Prediger<sup> [4]</sup> und die Gro&#223;mutter<sup> [5]</sup> als Erz&#228;hlerin eines Anti-M&#228;rchens.</p>

<p>Auf der anderen Seite stehen die Sprachen von Wissenschaft und des Milit&#228;rs, die vom Hauptmann und dem Doktor genutzt werden, welche gleichzeitig Woyzeck nicht nur von oben herab anschauen, sondern ihn auch f&#252;r ihre eigenen Zwecke missbrauchen.</p>

<p>Sprache wird von B&#252;chner in einer engen Verbindung zur „Macht“ gesehen. Wer keine ausdifferenzierten sprachlichen F&#228;higkeiten besitzt, der hat auch keine M&#246;glichkeiten, die eigene Situation angemessen in den Blick zu nehmen, bleibt sprachlos und somit irrelevant f&#252;r die gesellschaftliche Entwicklung – zumindest solange es keine Stimme f&#252;r die Not dieser Armen gibt.</p>

<p>B&#252;chner will den Missst&#228;nden des 19. Jahrhunderts eine Stimme geben. In „<a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Schrift/Der+hessische+Landbote" target="_blank">Der Hessische Landbote</a>“ ruft er zur Revolution auf, was ihm Verfolgung als Staatsfeind einbringt. Und „Woyzeck“ blieb aufgrund seines fragmentarischen Charakters und des Todes B&#252;chners im Jahre 1837 unbeachtet. Erst 1919 kam es in M&#252;nchen zur Urauff&#252;hrung des St&#252;cks.</p>

<p>Diese Stimme B&#252;chners aber war dringend n&#246;tig, denn die gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen der Zeit (Aufl&#246;sung der St&#228;ndegesellschaft, Bev&#246;lkerungswachstum, Protoindustriaisierung) f&#252;hrten strukturell zu den von B&#252;chner angegriffenen Missst&#228;nden.</p>

<p>Armut war nicht mehr das Produkt von Alter, Krankheit oder gesellschaftlicher &#196;chtung, sondern ein Massenph&#228;nomen, das noch m&#228;chtigere Stimmen bekommen sollte, da es als gesellschaftliches Ph&#228;nomen politische Relevanz bekam und beispielsweise Marx zu seinen Theorien brachte und den Kommunismus bzw. den Sozialismus erst m&#246;glich machte. Es sollte bis weit in die zweite H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts dauern, bis die Probleme in der Form eines Sozialversicherungssystems einigerma&#223;en erfolgreich angegangen wurden.</p>

<p>B&#252;chner scheint in seiner Darstellung, in der er die Sprache zur Darstellung der „Ungebildeten“ in realistischer Form auf die B&#252;hne bringen wollte, von den Gedanken der Aufkl&#228;rung beeinflusst. So zeigt er, wie „Ungebildete“ nicht in der Lage sind, ihre Situation selbst reflektierend in den Blick zu nehmen – und Reflexionsprozesse finden in dieser Zeit in der Regel sprachlich statt – und sich entsprechend auf die Leitung durch andere einlassen (m&#252;ssen). In diesem Fall ist diese Leitung einerseits die Autorit&#228;t der Bibel, in der diese „einfachen Leute“ gen&#252;gend Aussagen finden, die f&#252;r den Versuch des Ausdrucks der eigenen Situation taugen, andererseits &#252;bernehmen gesellschaftliche Autorit&#228;ten (Hauptmann, Doktor) diese Leitung, die sich dann aber auch noch z. T. zynisch zur Freiheit des Menschen &#228;u&#223;ern („Woyzeck, der Mensch ist frei, in dem Menschen verkl&#228;rt sich die Individualit&#228;t zur Freiheit.“<sup> [6]</sup>).</p>

<p>Mangelnde sprachliche F&#228;higkeiten werden hier zu einem Kriterium f&#252;r unaufgekl&#228;rtes Handeln. Gleichzeitig aber erweisen sich auch die „gebildeteren“ Figuren als „unaufgekl&#228;rte“ Menschen, da sie das Instrumentarium der Sprache zum Machtinstrument werden lassen. Doch vor allem der Doktor, als Vertreter einer Naturwissenschaft, wirkt in dem Drama eher wie ein Scharlatan, der Sprache nicht zur Aufkl&#228;rung, sondern zur pseudointellektuellen &#220;bert&#252;nchung seiner menschenverachtenden Experimente nutzt. Der Hauptmann versucht sich an anderer Stelle in pseudointellektuellen &#220;berlegungen. („Moral, das ist, wenn man moralisch ist…“<sup> [7]</sup>)</p>

<p>Diese Verbindung von Sprache und Macht erscheint nach wie vor aktuell. Es ist auff&#228;llig, dass die PISA-Studie bereits 2001 auf die Probleme im Zusammenhang mit dem Textverstehen verwies, die interessanterweise bis in die Gymnasien hinein in signifikanter Weise beobachtet wurden. W&#228;chst hier eine „machtlose“, der Sprache nicht mehr m&#228;chtige (sic!) Generation auf, die mit ihren mangelnden Kenntnissen im Umgang mit der eigenen Muttersprache oder der erlernten Zweitsprache auch nicht mehr zur gesellschaftlich relevanten Reflexion f&#228;hig sind und somit wieder in eine (selbst?)verschuldete Unm&#252;ndigkeit geraten?</p>

<p>Ich lasse dies als Frage stehen, denn das Problem der Sprache erscheint auf anderer Ebene wesentlich relevanter; relevanter, weil mit dem Mangel an „sprachlichen Ventilen“ auch die Suche nach anderen „Druckausgleichmechanismen“ einhergeht, die scheinbar oft in gesteigerter Aggressivit&#228;t und Gewaltbereitschaft bestehen.</p>

<p>Franz Woyzeck wird im Rahmen seiner (sprachlichen) Hilflosigkeit zum M&#246;rder an der Frau, f&#252;r die er all die Last der drei Jobs (einfacher Soldat, Barbier des Hauptmanns, Proband des Doktors) letztlich wohl auf sich genommen hat, ohne dass er das Bed&#252;rfnis Maries nach einem Minimalluxus h&#228;tte erf&#252;llen k&#246;nnen.</p>

<p>Politisch und im Zusammenhang mit der aktuellen Bildungsdebatte scheint mir diese an Hypothesen orientierte Darstellung B&#252;chners nach wie vor hoch brisant.</p>

<p>Sprache und die mit ihr verbundenen M&#246;glichkeiten des Ausdrucks, aber fast noch mehr die mit ihr verbundenen Reflexionsm&#246;glichkeiten, scheinen nach wie vor Voraussetzung f&#252;r Einfluss in der Gesellschaft zu sein. Analog kann geschlossen werden, dass ein Mangel an sprachlichen Ausdrucksm&#246;glichkeiten nicht nur den gesellschaftlichen Einfluss reduziert, sondern auch dazu f&#252;hrt, dass Menschen sich den Gegebenheiten hilflos ausgeliefert sehen. Folglich wird nach anderen Mitteln des Ausdrucks der als mangelhaften erlebten Einflussm&#246;glichkeiten gesucht werden m&#252;ssen. Und diese Ausdrucksmittel sind, so die in Anlehnung an B&#252;chners „Woyzeck“ hier vertretene Hypothese, tendenziell mit Gewalt verbunden.</p>

<p>Wenn es stimmt, dass die sprachlichen F&#228;higkeiten in schulischen Zusammenh&#228;ngen (und vor allem hier scheint es entsprechend aussagekr&#228;ftige Studien zu geben, auch wenn die Kriterien der PISA-Studien kritisierbar sind) abnehmen und parallel eine Zunahme der Gewaltbereitschaft (nicht nur) unter Jugendlichen beobachtet werden kann, so scheint es nicht abwegig, die Hypothese aufzustellen, dass es hier einen Zusammenhang geben k&#246;nnte.</p>

<p>Gleiches k&#246;nnte dann f&#252;r extremistische Str&#246;mungen gelten, in denen wenige, aber sprachlich kompetente, Personen, &#228;hnlich dem Doktor oder dem Hauptmann in B&#252;chners „Woyzeck“, Menschen f&#252;r ihre Zwecke funktionalisieren und missbrauchen, Menschen, die sich der Leitung ihrer Gedanken durch Dritte bedienen wollen bzw. m&#252;ssen, wollen sie &#252;berhaupt noch den Eindruck haben, ihre eigene Wahrnehmung der Gesellschaft ausdr&#252;cken zu k&#246;nnen bzw. ausgedr&#252;ckt zu finden.</p>

<p>Das Projekt der Aufkl&#228;rung m&#252;sste dann also in der Gegenwart ein Projekt der massiven F&#246;rderung sprachlicher F&#228;higkeiten (Kompetenzen) sein, das &#252;berall dort stattfindet, wo sprachliche Bildung stattfindet, insbesondere aber in den Schulen und in den Familien, aber auch zumindest in den &#246;ffentlich-rechtlichen Medien. Dies scheint vor allem deshalb notwendig, weil Sprache und die mit ihr verbundene Reflexionsf&#228;higkeit &#252;berhaupt erst die Grundvoraussetzungen daf&#252;r sind, dass sich das Individuum seines eigenen Verstandes ohne die Leitung eines Dritten bedienen kann und somit f&#252;r den gesellschaftlichen Diskurs (gewaltfrei) relevant wird.</p>

<p>Auf der anderen Seite bedarf es dringend sprachlich kompetenter Individuen, die ihre reflexiven F&#228;higkeiten nutzen, um Br&#252;cken &#252;ber sprachliche (oft wird hier von „sozialen“) Abgr&#252;nde zu bauen und somit den sprachlich (=gesellschaftlich?) Ausgegrenzten eine Stimme zu geben.</p>

<p>Gleichzeitig m&#252;ssten demokratische Politiker und Politikerinnen ihre, im Spiel mit medialer Pr&#228;szenz entstehenden, sprachlichen Vernebelungen beenden und nach einer Sprache suchen, die m&#246;glichst weiten Bev&#246;lkerungsschichten zug&#228;nglich und verst&#228;ndlich ist, um so in einen die Gesellschaft relevant gestaltenden Dialog mit dem Souver&#228;n eines demokratischen Staates zur&#252;ck zu finden.</p>

<p>Doch auch &#252;ber Grenzen hinweg haben B&#252;chners durchaus auch sprachkritisch zu verstehenden Darstellungen gesellschaftlicher Zusammenh&#228;nge im „Woyzeck“ Relevanz. In der globalen Gesellschaft gilt es, &#252;ber sprachliche oder gar dialektal gepr&#228;gte Grenzen hinaus zu schauen und denen eine M&#246;glichkeit des (sprachlichen) Ausdrucks zu geben, die im globalen Ma&#223;stab als die <a href="http://weltzeugen.blogspot.com/2010/01/outsourced-slavory.html" target="_blank">Verlierer im System &#246;konomisch gepr&#228;gter Machtzusammenh&#228;nge</a> gelten.</p>

<p>Dies alles hat zudem mit „Bildung“ zu tun. „Bildung“ wird hier als die M&#246;glichkeit verstanden, sich selbst ein m&#246;glichst differenziertes Bild von sich selbst, der Welt und den dieses Ich und die globalen Zusammenh&#228;nge pr&#228;genden Faktoren zu machen, eine Sprache f&#252;r eigene  Erfahrungen zu finden und in den Diskurs einzubringen, der gesellschaftliche Entwicklungen zu beeinflussen vermag. „Bildung“ wird hier als M&#246;glichkeit der Einflussnahme im Kontext gesellschaftlich relevanter Diskussionen verstanden.</p>



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<br/><br/><ol class="footnotes"><li id="footnote_0_2496" class="footnote">zum hier gesagten vergleiche z. B. die Szene „<a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Dramen/Woyzeck/Vorl%C3%A4ufige+Reinschrift+%28H4%29/%5BH4,+Szene+4%5D" target="_blank">Kammer</a>“ – da die Szenen des Dramenfragments in unterschiedlichen Ausgaben unterschiedlich angeordnet sind, setze ich hier Links zu den entsprechenden Szenen im Zeno-Projekt.</li><li id="footnote_1_2496" class="footnote">Der Hauptmann. Woyzeck (<a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Dramen/Woyzeck/Vorl%C3%A4ufige+Reinschrift+%28H4%29/%5BH4,+Szene+5%5D" target="_blank">Rasierszene</a>) </li><li id="footnote_2_2496" class="footnote"><a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Dramen/Woyzeck/Vorl%C3%A4ufige+Reinschrift+%28H4%29/%5BH4,+Szene+16%5D" target="_blank">Kammer</a> – Marie. Der Narr</li><li id="footnote_3_2496" class="footnote"><a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Dramen/Woyzeck/Vorl%C3%A4ufige+Reinschrift+%28H4%29/%5BH4,+Szene+11%5D" target="_blank">Wirtshaus</a></li><li id="footnote_4_2496" class="footnote"><a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Dramen/Woyzeck/Erste+Fassung.+Szenengruppe+1+%28H1%29/%5BH1,+Szene+14%5D" target="_blank">Marie mit M&#228;dchen vor der Haust&#252;r</a></li><li id="footnote_5_2496" class="footnote"><a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Dramen/Woyzeck/Vorl%C3%A4ufige+Reinschrift+%28H4%29/%5BH4,+Szene+8%5D" target="_blank">Beim Doktor</a></li><li id="footnote_6_2496" class="footnote">Der Hauptmann, Woyzeck. (<a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Dramen/Woyzeck/Vorl%C3%A4ufige+Reinschrift+%28H4%29/%5BH4,+Szene+5%5D" target="_blank">Rasierszene</a></li></ol>
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		<title>Georg B&#252;chner: „Woyzeck“ – Strukturelle Armut als Deutungshintergrund</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Feb 2010 21:07:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
				<category><![CDATA[Büchner, Woyzeck]]></category>
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		<description><![CDATA[„Woyzeck“ liegt als Dramenfragment in unterschiedlichen Ausgaben vor. Um das Auffinden der hier verwendeten Zitate zu erleichtern, wird jeweils die „Szenen&#252;berschrift“ angegeben. Die Nummer der Szene und die angegebenen Zeilenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe der Reihe „Einfach Deutsch“, Paderborn 1999. W&#228;hrend die Autoren der Romantik in einer aus der Aufkl&#228;rung hervorgegangenen Bewegung versuchten, der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>„<a href="http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&amp;xid=263&amp;kapitel=1#gb_found" target="_blank">Woyzeck</a></em><em>“ liegt als <a href="http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/Buechner/woyzeck.htm" target="_blank">Dramenfragment</a></em><em> in unterschiedlichen Ausgaben vor. Um das Auffinden der hier verwendeten Zitate zu erleichtern, wird jeweils die „Szenen&#252;berschrift“ angegeben. Die Nummer der Szene und die angegebenen Zeilenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe der Reihe „Einfach Deutsch“, Paderborn 1999.</em></p>

<p>W&#228;hrend die Autoren der <a href="http://www.xlibris.de/Epochen/Romantik" target="_blank">Romantik</a> in einer aus der <a href="http://www.xlibris.de/Epochen/Aufklaerung" target="_blank">Aufkl&#228;rung</a> hervorgegangenen Bewegung versuchten, der Welt den Zauber zur&#252;ckzugeben, den sie in ihren Augen verloren hatte, k&#228;mpften gro&#223;e Teile der Bev&#246;lkerung um das nackte &#220;berleben. Nichts an ihrem Alltag kam auch nur in die N&#228;he der Welterfahrung, die die finanziell meist abgesicherten Romantiker beschworen haben. Die Armen der ersten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland lebten von der Hand der Mund. – Woyzeck geh&#246;rt zu dieser Sorte von <a href="http://www.jenspeterkutz.de/000187.pdf" target="_blank">„neuen Armen“, die die St&#228;ndegesellschaft nicht kannte.</a> In der St&#228;ndegesellschaft gab es das Ph&#228;nomen der <em>st&#228;ndigen</em> Armut gro&#223;er Menschenmassen nicht, wie es das 19. Jahrhundert nun hervorbrachte. Fr&#252;her waren Menschen arm, die schwach und gebrechlich waren, alle anderen wurden mehr oder weniger von den M&#246;glichkeiten und Grenzen des je eigenen Standes, aber auch durch Almosen der Reichen vor radikaler Armut gesch&#252;tzt, sodass Armut kein Massenph&#228;nomen sondern ein individuelles Schicksal war.</p>

<p>An die Stelle dieser individuellen Schicksale trat mit dem Aufkommen erster Schritte in Richtung Industrialisierung nun eine <em><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Armut#Transitorische_und_strukturelle_Armut" target="_blank">strukturelle</a></em><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Armut#Transitorische_und_strukturelle_Armut" target="_blank"> Armut</a>, die breite Bev&#246;lkerungsschichten ergriff, die nicht alt und gebrechlich, sondern durchaus zur Arbeit in der Lage gewesen w&#228;ren. Und selbst jene, die arbeiten konnten und Arbeit fanden, konnten oft ihren Lebensunterhalt nur mit M&#252;he und Not verdienen. Zu dieser Gruppe geh&#246;rt Franz Woyzeck. „Er sieht immer so verhetzt aus.“<sup> [1]</sup></p>

<p>Zu diesem Ph&#228;nomen einer strukturellen Massenarmut trug vor allem das starke <a href="http://buber.de/christl/unterrichtsmaterialien/soziale_frage" target="_blank">Bev&#246;lkerungswachstum in der ersten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts</a> bei. Die Landwirtschaft war produktiver geworden, sodass die Ern&#228;hrungslage grunds&#228;tzlich eine bessere geworden war, in der Medizin und vor allem in dem praktischen Wissen in Sachen Hygiene gab es Verbesserungen. Die Folge war ein „&#220;berangebot“ an Arbeitskr&#228;ften. Und da Angebot und Nachfrage den Preis regulieren, war der Preis sehr hoch, den die Arbeitskr&#228;fte bezahlen mussten: Vorhandene Arbeitspl&#228;tze wurden angesichts der verf&#252;gbaren Massen arbeitsf&#228;higer Menschen entwertet.</p>

<p>War also auf der einen Seite die Ern&#228;hrungslage besser geworden, sodass die Bev&#246;lkerung wachsen konnte, waren die fr&#252;hindustriellen Strukturen auf der anderen Seite nicht in der Lage, die gro&#223;e Zahl der Menschen aufzunehmen und mit den n&#246;tigen Mitteln auszustatten, die ein Leben jenseits eines Lebens von der Hand in den Mund erm&#246;glicht h&#228;tte. Diese Situation &#228;nderte sich erst, als die Industrialisierung fortgeschrittener war, der Bedarf an Arbeitskr&#228;ften also stark wuchs und gleichzeitig die Armut politisiert wurde, was im ausgehenden 19. Jahrhundert zur Entwicklung von Sozialversicherungssystemen beitrug.</p>

<p>Es blieb den b&#252;rgerlichen Schichten auch nicht mehr viel Spielraum, sie mussten sich etwas einfallen lassen, nachdem es in den Jahren 1840–1847 zu zahlreichen Aufst&#228;nden gekommen war. Hier sei nur der Schlesische <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Weberaufstand#Schlesischer_Weberaufstand_1844" target="_blank">Weberaufstand des Jahres 1844</a> genannt, der sp&#228;ter in <a href="http://www.hamburger-bildungsserver.de/welcome.phtml?unten=/faecher/deutsch/autoren/hauptmann/index.htm" target="_blank">Gerhart Hauptmanns Drama „Die Weber“</a> aufgenommen wurde. Der Hauptgrund f&#252;r diese Aufst&#228;nde war, dass Menschen gegen ihren Hunger revoltierten und nicht l&#228;nger bereit waren, diese Situation hinzunehmen.</p>

<p>Doch an diesem Punkt ist Woyzeck noch lange nicht. Er ist zwar in der Lage, seine Lage in Worte zu fassen, wenn er sagt: „Wir arme Leut. Sehn Sie, Herr Hauptmann, Geld. Geld. Wer kein Geld hat. Da setz einmal einer seinsgleichen auf die Moral in die Welt. […] Unseins ist doch einmal unselig in der und der andern Welt, ich glaub, wenn wir in Himmel k&#228;men, so m&#252;ssten wir donnern helfen.“<sup> [2]</sup>, aber gegen diese Lage wehren kann er sich nicht. Im Gegenteil: Seine finanzielle Bed&#252;rftigkeit f&#252;hrt ihn in den k&#246;rperlichen („Herr Doktor, ich habs’s Zittern“)<sup> [3]</sup> und psychischen Ruin, macht ihn zum M&#246;rder Maries.</p>

<p>Woyzeck spricht gegen&#252;ber dem Hauptmann &#252;brigens im Konjunktiv 2, in der Form des Konjunktivs, die eine irreale M&#246;glichkeit darstellt („Wenn wir in Himmel k&#228;men“). Selbst der Weg in den Himmel als m&#246;gliche Projektionsfl&#228;che auf ein besseres „Leben“ im Jenseits, scheint Woyzeck verstellt. Die sp&#228;ter von Marx postulierte Rolle der Religion als „Opium des Volkes“ greift hier nicht. B&#252;chner stellt Woyzeck in einen rein materialistischen Kontext: Wer um das nackte &#220;berleben k&#228;mpfen muss, der kann mit Moral nicht anfangen.</p>

<p>Diese Haltung Woyzecks w&#252;rde zu B&#252;chners Position passen, die dieser in der Flugschrift „<a href="http://de.wikisource.org/wiki/Der_Hessische_Landbote" target="_blank">Der Hessische Landbote</a>“ vertritt, in welcher er unverbl&#252;mt zur Revolution, mindestens aber zum Aufstand aufruft. „Friede den H&#252;tten! Krieg den Pal&#228;sten!“, lautet die Formel, auf die er seine Schlussfolgerungen angesichts der Massenarmut bringt, ohne freilich selbst je eine solche Revolution anzuzetteln.</p>

<p>Neben dieser „idealistische“ Haltung B&#252;chners wirkt seine Darstellung des Woyzecks dann so, als habe er in dieser Figur die „realistische“ Situation aufgegriffen und dargestellt, wenn auch wohl mit dem „Ideal“, dass dieses Drama einst das Publikum wachr&#252;tteln solle. Doch es blieb Fragment, wurde erst 1913 im Residenztheater M&#252;nchen uraufgef&#252;hrt, nachdem es erstmals 1879 in einer stark &#252;berarbeiteten Fassung im Druck erschienen war. „Woyzeck“ begann seine Wirkungsgeschichte erst, als die in ihm angegriffenen Ph&#228;nomene der strukturellen Massenarmut l&#228;ngst einer anderen Zeit anzugeh&#246;ren schienen, trotz der Armut, die nach dem Ersten Weltkrieg herrschte. Das System, vor dessen Hintergrund B&#252;chner „Woyzeck“ schrieb, schien in der jungen Weimarer Republik ein f&#252;r alle Mal &#252;berwunden.</p>

<p>Und dennoch geriet „Woyzeck“ seit seiner Urauff&#252;hrung nicht mehr in Vergessenheit. Und dennoch geh&#246;rt „Woyzeck“ bis heute in den Kanon klassischer Schullekt&#252;ren. All dies h&#228;ngt sicherlich nicht nur damit zusammen, dass es sich bei B&#252;chners Werk um eines der herausragenden Werke des so genannten „<a href="http://www.xlibris.de/Epochen/Vormaerz" target="_blank">Vorm&#228;rzes</a>“ handelt. Vielmehr bedarf es kaum gro&#223;er Anstrengungen, um die Frage der mit struktureller Armut verbundenen Probleme in unsere Gegenwart zu &#252;bertragen, auch wenn dabei f&#252;r uns in der Regel nicht mehr die konkret erlebte Armut im Vordergrund steht, wie sie B&#252;chner erlebte, sondern das Wissen um strukturelle Ungerechtigkeiten, die die <a href="http://weltzeugen.blogspot.com/2010/01/outsourced-slavory.html" target="_blank">Armut ausgelagert</a> haben. – Woyzeck? Das sind heute Menschen in so genannten „Niedriglohnl&#228;ndern“; das sind die Slumbewohner in den so genannten „Schwellenl&#228;ndern“, aber das sind vielleicht auch Menschen, die bei uns arbeiten, vielleicht sogar mehr als einen „Job“ haben, aber dennoch kaum von dem leben k&#246;nnen, was sie verdienen. „Woyzeck“ ist leider keine Vergangenheit.</p>



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<br/><br/><ol class="footnotes"><li id="footnote_0_2481" class="footnote">Der Hauptmann. Woyzeck [5, S. 12, Z. 20]</li><li id="footnote_1_2481" class="footnote">(Der Hauptmann. Woyzeck [5 – S. 13, Z. 8–13].</li><li id="footnote_2_2481" class="footnote">Der Hof des Doktors [18 – S. 25, Z. 21].</li></ol>
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		<title>Franz Kafka: Kleine Fabel</title>
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		<pubDate>Sat, 23 Jan 2010 23:04:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Franz Kafka war ein Meister der kleinen Form. Hier seine „Kleine Fabel“ zum anh&#246;ren, gelesen von Torsten Larbig. (Als MP3 ohne Flashplayer) Franz Kafka Kleine Fabel »Ach«, sagte die Maus, »,die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, da&#223; ich Angst hatte, ich lief weiter und war gl&#252;cklich, da&#223; ich endlich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Franz Kafka war ein Meister der kleinen Form. Hier seine „Kleine Fabel“ zum anh&#246;ren, gelesen von Torsten Larbig.</p>

<p>
(<a href="http://herrlarbig.de/podcasts/Franz Kafka_ Kleine Fabel.mp3" target="_blank">Als MP3 ohne Flashplayer</a>)</p>

<div>
<div id="gb_texte">
<blockquote>
<h3>Franz <span>Kafka</span></h3>
<h2>Kleine Fabel</h2>
»Ach«,  sagte die Maus, »,die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so  breit, da&#223; ich Angst hatte, ich lief weiter und war gl&#252;cklich, da&#223; ich  endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen  Mauern eilen so schnell aufeinander zu, da&#223; ich schon im letzten Zimmer  bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.« &#8211; »Du mu&#223;t  nur die Laufrichtung &#228;ndern«, sagte die Katze und fra&#223; sie.</blockquote>
33 Sekunden ist die oben eingef&#252;gte Lesung dieses Textes lang: Franz Kafka braucht nicht mehr Raum, um eine Fabel zu schreiben, in der scheinbar eine ganze Lebensphilosophie enthalten ist. Er verstand es offenbar, auf den Punkt zu kommen.

Die Botschaft scheint trist. Am Anfang des Lebens sieht die Welt weit und grenzenlos aus. Alle Wege scheinen offen und manchmal w&#252;nschte sich die Maus in der Fabel, dass es „Leitplanken“ g&#228;be. Hier sind es die Mauern, hinter denen vielleicht ein anderes Leben stattfindet, die aber keinen Blick auf dieses erlauben. Die Maus l&#228;uft zwischen diesen Mauern. Sie werden enger und enger und am Ende steht die Falle und bei der Falle wartet die Katze, um die Maus zu belehren und dann zu fressen.

Die Katze scheint zu wissen, dass die Maus diesen Weg zwischen den auf die Falle zulaufenden Mauern nehmen wird. Kann sie &#252;berhaupt anders? Kafka l&#228;sst die Frage offen. Diese kleine Fabel wirkt, als werde hier ein unweigerlich eintretendes Schicksal beschrieben. Am Ende, dort, wo die Einsicht wachsen k&#246;nnte, dass die Laufrichtung zu &#228;ndern sei, steht gleichzeitig die Unm&#246;glichkeit den gegangenen Weg r&#252;ckg&#228;ngig zu machen.

Ein pessimistisches Bild des Lebens wird hier gezeichnet. Fast wirkt der Text wie eine Skizze. Eine Maus im Selbstgespr&#228;ch mit sich selbst – oder erz&#228;hlt sie ihre Lebenserfahrung der Katze als einzigem Gegen&#252;ber, das sich gerade anbietet? Kafka l&#228;sst diese Frage offen. Und dennoch spricht die Maus. Die Antwort der Katze ist kurz, knapp: Warum l&#228;ufst du denn in diese Richtung? Du kannst dich doch entscheiden, in die andere Richtung zu laufen. – Doch genau diese M&#246;glichkeit verhindert die Katze: Sie frisst die Maus kurzerhand.

Zur&#252;ck bleibt der Leser oder die Leserin dieser kurzen Geschichte. Traditionelle Fabeln wollen eine Lehre vermitteln, die in die Gestalt des „sozialen Miteinanders“ von Tieren und derem „nat&#252;rlichen Verhalten“ gebracht wird. Welche Lehre also steckt in dieser kleinen Fabel?

Leser und Leserinnen zu unterschiedlichen Zeiten werden diese Lehre aus ihrer Zeit heraus ziehen. Kafka gibt hier also die Deutungshoheit an die seine Fabel Lesenden weiter. Und mir als Leser fallen viele Dinge ein, auf die ich diese Fabel anwenden k&#246;nnte. Hier sei nur eine kleine Auswahl genannt:
<ul>
    <li>Das Leben scheint in der Jugend oft be&#228;ngstigend offen. Auf der Suche nach Orientierung werden Entscheidungen getroffen, die den gesamten weiteren Lebensweg bestimmen. Menschen begeben sich zwischen Mauern. Ihre Entscheidungen schlie&#223;en andere Lebenswege aus. Und Kafka scheint der Meinung zu sein, dass die Einsicht, ob der Weg der richtige war oder nicht, erst dort f&#228;llt, wo der Weg an ein Ende oder an eine Grenze kommt. Doch dort, wo eine Umkehr vielleicht noch m&#246;glich ist, lauert die Katze, die nichts anders tut, als ihr eigen ist: Sie frisst die Maus und verhindert so die Umkehr, die Umsetzung der Einsicht.</li>
    <li>In der Gegenwart kommt es mir so vor, als sei die Maus durchaus mit dem Begehren nach Sicherheit zu verbinden. Die Freiheit macht der Maus Angst. Sie ist gl&#252;cklich, dass da Grenzen am Horizont auftauchen. Zu sp&#228;t entdeckt sie, dass am Ende dieses Weges eine Falle steht, in die sie unweigerlich ger&#228;t, wenn sie nicht vorher von einer Katze gefressen wird. – Wenn Freiheit f&#252;r Sicherheit aufgegeben wird, scheint f&#252;r Kafka dieses Schicksal unvermeidlich.</li>
</ul>
</div>
<div id="gb_texte">Doch trotz dieser Mahnung und Einsicht: Kafka scheint zu einer positiven Wende der Geschichte ein skeptisches Verh&#228;tnis zu haben. Er sieht keinen Ausweg. Am Ende steht das Ende, der Tod, die Enge als der Preis f&#252;r das heitere Begehen des Weges zwischen den Mauern, die keinen Blick mehr auf die Alternativen erlauben.</div>
<div>Kafkas „Kleine Fabel“ ist eine Mahnung, auf den Weg zu achten, den man beschreitet, sei es als Individuum, sei als Gesellschaft: Wer Freiheit will, muss aufpassen, dass er nicht gl&#252;cklich die Beschneidung der Freiheit in Kauf nimmt, um zu Orientierung zu gelangen. Doch gleichzeitig, in diesem Sinne handelt es sich hier um eine dialektische Geschichte, scheint es keinen anderen Weg zu geben, der dem Wunsch nach Orientierung und Sicherheit entspricht. – Kafka &#252;berl&#228;sst es den Lesenden, ihre L&#246;sung f&#252;r dieses Problem zu finden, das hier als eine Gegebenheit des Lebens dargestellt wird. Eine L&#246;sung selbst bietet Kafka nicht an. Das Ende bleibt offen.</div>
</div>



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		<title>Ausblick 2010 – bildungsreporter.de</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Dec 2009 23:01:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Christian Spannagel]]></category>
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		<description><![CDATA[Sie scharren mit den Hufen, die Bildungsreporter 2010. Als Nachfolgekonzept der Bildungsexpedition 2009 ist erst einmal v&#246;llig offen, was da passieren wird, doch wenn ich mir die Liste der bisher schon vorhandenen Korrespondenten anschaue, die bei ihrer Zusage allesamt nicht wussten, worauf sie sich da einlassen, bin ich bester Dinge und schon jetzt neugierig, was [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sie scharren mit den Hufen, die <a href="http://bildungsreporter.de" target="_blank">Bildungsreporter</a> 2010. Als Nachfolgekonzept der <a href="http://bildungsexpedition.de/" target="_blank">Bildungsexpedition 2009</a> ist erst einmal v&#246;llig offen, was da passieren wird, doch wenn ich mir die <a href="http://bildungsreporter.de/page2/page2.html" target="_blank">Liste der bisher schon vorhandenen Korrespondenten</a> anschaue, die bei ihrer Zusage allesamt nicht wussten, worauf sie sich da einlassen, bin ich bester Dinge und schon jetzt neugierig, was sich da tun wird.</p>

<p>http://www.youtube.com/watch?v=vfXDf_PwUwg</p>

<p>Zugegeben: Video als Medium war mir bislang eher fremd. Aber so viel sei an dieser Stelle schon verraten: Ich &#252;be kr&#228;ftig mit der seit gerade mal zwei Wochen in meinen H&#228;nden ihr Zuhause suchenden Cam und bin sehr gespannt, was sich mir da an neuen M&#246;glichkeiten der Arbeit im Netz er&#246;ffnen wird.</p>

<p>Jahresr&#252;ckblicke m&#246;gen andere machen, die Bildungsreporter schauen voraus. Auf ein Jahr 2010, das reich an neuen Erkenntnissen dar&#252;ber sein, was mit der Bildung los ist.</p>



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		<title>Herrn Larbigs Bibliothek 5 – Walt Whitman: Grasbl&#228;tter</title>
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		<pubDate>Sun, 06 Dec 2009 23:22:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ein Neuzugang, der keiner ist und doch einer ist. Walt Whitmans „Leaves of Grass“ stehen in der amerikanischen Ausgabe von Sculley Bradley und Harold W. Blodgett schon l&#228;nger hier – auch, weil es bislang keine einzige vollst&#228;ndige &#220;bersetzung dieses zentralen Werkes f&#252;r die amerikanische Moderne ins Deutsche gab. Das hat den Zugang zu Whitman nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Neuzugang, der keiner ist und doch einer ist. Walt Whitmans „Leaves of Grass“ stehen in der amerikanischen Ausgabe von Sculley Bradley und Harold W. Blodgett schon l&#228;nger hier – auch, weil es bislang keine einzige vollst&#228;ndige &#220;bersetzung dieses zentralen Werkes f&#252;r die amerikanische Moderne ins Deutsche gab. Das hat den Zugang zu Whitman nicht gerade erleichtert, schon gar nicht, wenn man den Nuancen des Sprachgebrauchs in diesen Gedichten als Nicht-Amerikanist kaum auf die Schliche zu kommen in der Lage ist.</p>

<p>Seit September 2009 ist dieser Missstand vorbei. Endlich, nach &#252;ber hundert Jahren, wurde Whitmans Hauptwerk <a href="http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-23410-9" target="_blank">nun ins Deutsche</a> &#252;bersetzt, J&#252;rgen Brôcan hat das l&#228;ngst &#220;berf&#228;llige endlich getan – und er hat gute Arbeit geleistet, erlaubt es diese &#220;bersetzung doch problemlos, den amerikanischen Text und die &#220;bersetzung nebeneinander zu lesen.</p>

<p>Der <a href="http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-23410-9" target="_blank">Hanser-Verlag</a> hat sich gegen eine zweisprachige Ausgabe entschieden. Gerade bei Gedichten finde ich das zwar &#228;u&#223;erst problematisch, aber angesichts der &#252;ber 860 Seiten, die J&#252;rgen Brôcans &#220;bersetzung bereits hat, erscheint mir diese Entscheidung zumindest nachvollziehbar. Und da mir die amerikanische Ausgabe auch vorliegt, ist das zumindest f&#252;r mich kein Problem, sondern endlich die notwendige Erg&#228;nzung, um den Zugang zu einem Werk, das mich schon lange fasziniert, zu erleichtern.</p>

<p>Das Verdienst Brôcans geht aber weiter: Er legt eine gute &#220;bersetzung vor, in der er die alles andere als einheitlichen Sprachstile Whitmans nachvollzieht. Was muss das f&#252;r eine Arbeit gewesen sein!</p>

<p>Die 39,50 €, mit denen die Anschaffung dieses auf D&#252;nndruckpapier publizierten Werkes zu Buche schlagen, spiegeln wohl auch die zu erwartenden Verkaufszahlen wider. Es ist kaum zu erwarten, dass Gedichte heute noch so gut verkauft werden, dass kurzfristig mit hohen Auflagen gerechnet werden k&#246;nnte. Aber diese &#220;bersetzung wird sich halten, wahrscheinlich wird sie in ein paar Jahre auch als Taschenbuch vorliegen, vielleicht wird sie auch noch um die Teile erg&#228;nzt, die dieser Ausgabe noch abgehen: Am wenigsten kann ich nachvollziehen, dass es kein alphabetisches Verzeichnis der Gedichtanf&#228;nge gibt, das die Navigation im Buch  deutlich vereinfachen w&#252;rden; die wichtigsten W&#246;rter und &#220;bersetzungsentscheidungen sind in einem Anmerkungsapparat erl&#228;utert und dokumentiert, aber auch hier k&#246;nnten umfangreichere Anmerkungen den Wert dieses Buches noch einmal steigern und den Zugang zum Werk erleichtern.</p>

<p>Was aber ist so faszinierend an Whitmans Gedichten? F&#252;r mich ist es vor allem die Tatsache, dass zu der Zeit, in der Whitman ein Loblied der Demokratie schreibt, in Deutschland noch Kaiser herrschten und ein Werk wie Heinrichs Mann „Der Untertan“ erst noch erscheinen mussten. In diesem Werk Whitmans werden f&#252;r mich die enormen gesellschaftlichen Unterschiede nachvollziehbar, auch wenn in den USA die Abschaffung der Sklaverei erst durch einen Krieg zu Whitmans Lebenszeit erfolgte. Whitman setzt sich in seiner Lyrik f&#252;r die Sklaven ein, er fordert die Gleichberechtigung von M&#228;nnern und Frauen, greift die Indianerthematik aber eher romantisch verkl&#228;rt denn als blutige Hypothek der US-amerikanischen Geschichte auf.  Dar&#252;ber hinaus gelingt es ihm, in wenigen Versen ganze Bildlandschaften bei Lesenden los zu treten, die einen Eindruck des Lebens aller Schichten in den USA der zweiten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts vermitteln und in diesem Sinne auch inhaltlich zutiefst demokratisch sind.</p>

<p>Vergleichen mit den Zust&#228;nden in Deutschland und weiten Teilen Europas zur gleichen Zeit, f&#252;hrt dieses Werk auch die massiven Differenzen zu den damaligen USA vor Augen, die, zumindest in diesen Gedichten, weit moderner als das Europa dieser Zeit auf mich wirken.</p>

<p>Dabei f&#228;llt der teils sehr pathetische Ton auf, den Whitman dennoch anschl&#228;gt, der in Deutschland so bis heute weder m&#246;glich noch w&#252;nschenswert erscheint, aber f&#252;r ein vereinigtes Europa sprachlich wie inhaltlich Perspektiven auf den demokratischen Umgang mit Differenzen beinhaltet, auch heute noch, &#252;ber hundert Jahre nach dem Erscheinen der „Grasbl&#228;tter“.</p>

<p>Diese „Modernit&#228;t“, in Wirklichkeit ist Whitman an vielen Stellen wohl konservativer als es hier nun den Eindruck erweckt, mag auch damit zu tun haben, dass Whitman seiner eigenen Zeit voraus war. Nicht umsonst wurde sein Werk in den USA seiner Zeit als „obsz&#246;n“ empfunden. Whitman verlor seine Arbeit im Innenministerium aufgrund dieses als „unsittlich“ empfundenen Buchs, das neben der Sch&#246;nheit von Land und Leuten aller sozialer Klassen in Hymnen auch Whitmans Blick auf das Erotische nicht verschweigt.</p>

<p>Whitman geh&#246;rt mit zu den zentralen Figuren der Gr&#252;ndung einer amerikanischen Literatur und hat somit literaturhistorisch eine &#228;hnliche Bedeutung wie Goethe und Schiller f&#252;r die deutschsprachige Literatur. H&#246;chste Zeit also, dass diese &#220;bersetzung vorgelegt wurde, die in meinen Augen zu den wichtigsten Neuerscheinungen des Jahres 2009 gez&#228;hlt werden kann.</p>

<blockquote>Walt Whitman, Grasbl&#228;tter, &#252;bersetzt von J&#252;rgen Brôcan</blockquote>

<blockquote>Erscheinungsdatum: 07.09.2009 –  Fester Einband, 880 Seiten
Preis: 39.90 € (D) / 65.00 sFR (CH) / 41.10 € (A)
ISBN 978-3-446-23410-9  – Hanser Verlag</blockquote>

<blockquote>Amerikanische Ausgabe:</blockquote>

<blockquote>Leaves of Grass
Walt Whitman
ISBN 10: 0393093883 / 0-393-09388-3
ISBN 13: 9780393093889
Publisher: W W Norton &amp; Co Inc
Publication Date: 1973</blockquote>



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		<pubDate>Mon, 12 Oct 2009 22:06:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Franz Kafka begann wohl im Sommer des Jahres 1909 mit den uns &#252;berlieferten Tagebuchaufzeichnungen, die bis in das Jahr 1923 reichen. Von kurzen Notizen bis zu gr&#246;&#223;eren literarischen Entw&#252;rfen, von Zeugnissen der Qual des Schreibens bis zu denen seiner gescheiterten Beziehungsversuche, findet sich alles in Kafkas Tageb&#252;chern. Er entschied sich f&#252;r eine Mischform, trennte nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.franzkafka.de/franzkafka/home/" target="_blank">Franz Kafka </a>begann wohl im Sommer des Jahres 1909 mit den uns &#252;berlieferten Tagebuchaufzeichnungen, die bis in das Jahr 1923 reichen. Von kurzen Notizen bis zu gr&#246;&#223;eren literarischen Entw&#252;rfen, von Zeugnissen der Qual des Schreibens bis zu denen seiner gescheiterten Beziehungsversuche, findet sich alles in Kafkas Tageb&#252;chern. <span id="more-2130"></span>Er entschied sich f&#252;r eine Mischform, trennte nicht zwichen Arbeitsjournal und pers&#246;nlichen Reflexionen. Alles geh&#246;rte zueinander und hatte zugleich nicht immer miteinander zu tun.</p>

<p>In seinen Texten entsteht so der Eindruck des <a href="http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_epik/txtsor/epi_klein/para/par0.htm" target="_blank">parabelhaften</a>, dessen, was zwar zusammengeh&#246;rt, seinen logischen Sinn und Zusammenhalt dem Leser aber zun&#228;chst verweigert. – Diese Zusammenhanglosigkeit der Ereignisse war nicht nur im Empfinden Kafkas stark. So vieles geschieht in den St&#228;dten (seiner Zeit) zur gleichen Zeit, geschieht dicht nebeneinander, steht in einem (geographischen) Zusammenhang, der sich zugleich als ein Mangel an Zusammenhang zeigt.</p>

<p>Es scheint als habe Kafka in seinen Texten dieses Ph&#228;nomen erz&#228;hlerisch eingefangen. Doch stellt er nicht, wie in vielen <a href="http://www.literaturwelt.com/epochen/express.html" target="_blank">expressionistischen</a> Texten, die zur gleichen Zeit die Auseinandersetzung mit diesen Ph&#228;nomen suchen, die Zusammenhanglosigkeit als solche dar. Vielmehr schreibt er Texte, die ganz klar einer inneren Handlungslogik, folgen, in dieser Logik aber zu keinem logischen Ziel kommen, da Handlungen eben nicht mehr miteinander in klaren Ursache- und Wirkungszusammenh&#228;ngen verbunden sind. Es treffen unterschiedliche Logiken aufeinander, deren Begegnung aus Mangel an Zusammenhang oft zu keinem (erwartbaren) Ziel f&#252;hrt.</p>

<p>Es ist nicht nur die Abarbeitung des eigenen Verh&#228;ltnisses zum Vater in Kafkas Texten wirksam. Vielmehr steht Kafkas Auseinandersetzung mit sich selbst, seiner Zeit und auch seinem Vater im Zusammenhang mit der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Urbanisierung" target="_blank">Urbanisierung</a> des fr&#252;hen 20. Jahrhunderts. Er greift auf, was zu dieser Zeit als Grunderfahrung, z. B. auch von expressionistischen Autoren, sprachlich zum Ausdruck gebracht wird.</p>

<p>Doch w&#228;hrend bei diesen auf formaler, inhaltlicher und sprachlicher Ebene nach meinem Eindruck viele Autoren sehr &#228;hnlich klingen, zu einem Sprachrohr der Zeit der industriellen Massenproduktion wurden und selbst nur in Ans&#228;tzen eine individuelle literarische Sprache fanden, ging Kafka einen eigenen Weg.</p>

<p>W&#228;hrend viele Autoren dieser Zeit zivilisatorische Prozess der Industrialisierung und Urbanisierung mit mystisch aufgeladenen Bildern einer Apokalypse verbanden, zieht der „Wahnsinn“ bei Kafka leiser und nachhaltiger in Texte ein, die das Individuum nicht vor allem als Teil der Masse darstellen, der gegen&#252;ber der Moloch „Stadt“ wie eine „Person“ oder gar ein „Gott der Stadt“ (<a href="http://gutenberg.spiegel.de/index.php?id=19&amp;autorid=273">Heym</a>) auftritt, sondern das Individuum selbst wird in diesen Texten weiter ins Zentrum gestellt.</p>

<p>Dieses Individuum trifft auf die dem Wert des Individuums stark zuwider laufenden Ph&#228;nomene des Fremden in unmittelbarer Nachbarschaft („Der Nachbar“), der B&#252;rokratie und der Kraft entindividualisierter Regelsysteme („Vor dem Gesetz“, „Der Prozess“, „Das Urteil“), der Willk&#252;r („Das Schloss“, „Das Urteil“, „In der Strafkolonie“).</p>

<p>Es scheint mir zunehmend, als habe Kafkas Vater f&#252;r Kafka als Mensch und Schriftsteller vor allem deshalb eine solche Machtinstanz darstellen k&#246;nnen („Brief an den Vater“), da in ihm sich f&#252;r Kafka die Erfahrungen in seiner Zeit unmittelbar personalisierten. Kafkas Vater als eine Figur, die zugleich eine Metapher f&#252;r die Zeit ist, in der Kafka lebte und der diese Zeit selbst repr&#228;sentiert?</p>

<p>Heinrich Mann greift diesen wohl auch f&#252;r Kafka wirksamen Zeitgeist,  allerdings  im wilhelmischen Detuschland, in „<a href="http://logos.kulando.de/post/2009/08/07/heinrich-mann-der-untertan-analysen" target="_blank">Der Untertan</a>“ auf; die Expressionisten sehen die zerst&#246;rerische Kraft des Zusammentreffens absolutistischer Machtsystem und den kriegerischen M&#246;glichkeiten, die mit der Industrialisierung und der am Flie&#223;band produzierten Waffen voraus. Hesse greift in „<a href="http://www.hhesse.de/werk.php?load=demian" target="_blank">Demian</a>“ und in „Der Steppenwolf“ die Spannung auf, die Menschen mit starkem Individualisierungswillen in einer von der Anpassung lebenden Massengesellschaft erfahren. Und schon der 1901 ver&#246;ffentlichte Roman „Die Buddenbrooks“ von Thomas Mann, hat den Zerfall der vertrauten gesellschaftlichen Beziehungssysteme zum Thema.</p>

<p>In dieser Zeit gelang es Kafka eine eigene Sprache zu finden, die seine Wahrnehmung des fr&#252;hen 20. Jahrhunderts widerspiegelt, mit der er sich ganz und gar seinem Empfinden dieser Zeit hingab, ohne dass den Figuren seiner Texte eine Integration in diese Zeit gelingt.</p>

<p>Kafkas Figuren sind den Gegebenheiten ausgeliefert (z. B. in „Die Verwandlung“) und der Autor sucht f&#252;r sie keine „befriedigenden“ L&#246;sungen, sondern folgt den Erfahrungen dieser Figuren gnadenlos, ohne Besch&#246;nigung, ohne die sich aus diesen Erfahrungen ergebenden Spannungen aufzul&#246;sen.</p>

<p>Kafka trauert in seinen Werken weder den Verlusten des B&#252;rgertums in dieser Zeit hinterher, noch bietet er L&#246;sungen an, wie es sp&#228;ter z. B. Brecht mit seiner N&#228;he zu kommunistischen Idealen versucht. Und so ist der Zugang zu Kafkas Texten bis heute so schwierig wie aktuell: Leser dieser Texte werden selbst in die Spannung des Aushaltens unlogischer, kaum integrierbarer Zusammenh&#228;nge als Teil des Systems gestellt, in dem sich das Individuum oft kaum noch jenseits funktionaler Zusamenh&#228;nge als Individuum zu erfahren vermag – und gleichzeitig als Individuum auf nicht am Individuum sondern an Verwaltungsabl&#228;ufen orientierten Strukturen trifft, deren Logik vor allem darauf hin ausgerichtet ist, mit „Massen“ umzugehen.</p>

<p>Doch auch in der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Masse_und_Macht" target="_blank">Massengesellschaft</a>, mit Massenproduktion, Massenkonsum, Massengeschmack, Massenmedien usw. erf&#228;hrt sich der einzelne Mensch nach wie vor als Individuum, das als solches wahrgenommen und behandelt werden will, sich aber zugleich als Massenph&#228;nomenen ausgeliefert erf&#228;hrt, die in die Spannung von Anpassung und &#220;berleben des Individuellen f&#252;hren.</p>

<p>Zwischen von Marken beherrschten Imagefragen und einer von solchen Imagefragen unabh&#228;ngig als Eigenwert erfahrbarer Individualit&#228;t scheint es kaum m&#246;glich, den Spagat der Integration all dieser Ph&#228;nomen in die eigene Pers&#246;nlichkeit zu leisten. Das Individuum, so scheint es, kann sich nur noch anpassen oder zum Au&#223;enseiter werden, der vielleicht die eigene Individualit&#228;t zu leben vermag, gleichzeitig aber den Gesetzen ausgeliefert ist, die diesem Streben nach Individualit&#228;t zuwider laufen und dennoch immer wieder genau diese versprechen; in der Werbung kann dies Tag f&#252;r Tag beobachtet werden.</p>

<p>Das Individuum wird, wie Gregor Samsa, zum „Insekt“, zu einem von den Ph&#228;nomenen der Masse entpersonalisiertem Wesen und scheitert gleichzeitig an der Forderung, gef&#228;lligst individuelle zu sein.</p>

<p>Hesse stellt in „Demian“ und in der „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Steppenwolf" target="_blank">Der Steppenwolf</a>“ Figuren dar, die als starke Individuen die Existenz des Au&#223;enseiters leben; Heinrich Mann stellt den angepassten Mitl&#228;ufer in „Der Untertan“ dar. Kafkas Figuren stehen zwischen diesen L&#246;sungsangeboten der beginnenden Massengesellschaft und stellen Spannungen derer dar, die weder zu blo&#223;en Mitl&#228;ufern werden noch die Existenz von Au&#223;enseitern „w&#228;hlen“ wollen und gerade so in die Situation geraten, die Eigenlogik der letztlich auf Anpassung hin ausgerichteten Gesellschaft mit aller Macht zu erfahren und so in die Rolle von Au&#223;enseitern gedr&#228;ngt zu werden, die aber doch eigentlich „dazu geh&#246;ren“ wollen.</p>

<p>In den vor 100 Jahren begonnenen Tageb&#252;chern Kafkas dr&#252;ckt sich dieser Kampf &#252;ber 14 Jahre hinweg in gr&#246;&#223;ter Intensit&#228;t aus. Seine Werke spiegeln die Spannungen wider, die Kafka selbst (er-)lebte und literarisch zum Ausdruck zu bringen vermochte. Es gelingt ihm, der sich ganz der Literatur verschrieben hatte und an anderen Arbeitsnotwendigkeiten litt, den Spannungen seiner Zeit eine eigene, unabh&#228;ngige Sprache zu geben.</p>

<p>In den seit Kafkas Schaffen vergangenen Jahrzehnten ist die Massengesellschaft nicht verschwunden. Die Herausforderungen an das Individuum sind in den vergangenen 100 Jahren nicht geringer geworden, das sich nach wie vor als Individuum in den Massen zu verlieren droht.</p>

<p>Kafka gibt dieser Spannung bis heute Sprache; er f&#252;hrt Leser bis heute in die fast unertr&#228;gliche Spannung des Individuums in der Masse hinein. Deshalb ist Kafka anstrengend. Deshalb ist er aber nach wie vor aktuell. Und wenn es die &#252;ber die Zeit eines Autors hinaus wirkende Aktualit&#228;t eines Autors ist, die ihn, so er in Sprache und Ausdruckskraft den Weg zur k&#252;nstlerischen Meisterschaft zu bew&#228;ltigen vermochte, zum Klassiker macht, bin ich gerne bereit, Franz Kafka als einen der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts zu bezeichnen. Kafka ist ein Klassiker deutschsprachiger Literatur und weit &#252;ber den deutschen Sprachraum hinaus.</p>



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		<title>Rechtschreibung – wichtig und sekund&#228;r, oder: Vom Lesen und Schreiben</title>
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		<pubDate>Thu, 17 Sep 2009 23:36:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Dieser Beitrag greift die Einsichten auf, die der Verfasser im Rahmen einer Fortbildung mit  Ingrid Naegele zu Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten gemacht hat. Zentrale Gedanken, denen ich hier meine eigene Ausdrucksform zu geben versuche, verdanke ich dementsprechend Ingrid Naegele, an deren reicher Erfahrung ich im Rahmen der Fortbildung partizipieren durfte. Die F&#228;higkeit der Menschen, zu lesen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Dieser Beitrag greift die Einsichten auf, die der Verfasser im Rahmen einer Fortbildung mit  <a href="http://www.abc-netzwerk.de/" target="_blank">Ingrid Naegele</a></em> <em>zu Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten gemacht hat. Zentrale Gedanken, denen ich hier meine eigene Ausdrucksform zu geben versuche, verdanke ich dementsprechend <a href="http://www.abc-netzwerk.de/" target="_blank">Ingrid Naegele</a>, an deren reicher Erfahrung ich im Rahmen der Fortbildung partizipieren durfte.
</em></p>

<p>Die F&#228;higkeit der Menschen, zu lesen und zu schreiben, hat die Welt ver&#228;ndert. Erst seit diese Kulturtechniken entwickelt wurden, ist ein „Gespr&#228;ch“ &#252;ber Raum und Zeit mit nicht anwesenden Menschen m&#246;glich. Menschen m&#252;ssen nicht l&#228;nger an einem Ort sein, um ihre Gedanken auszutauschen und so voneinander und miteinander zu lernen. Au&#223;erdem hilft uns die F&#228;higkeit des Lesens, mehr &#252;ber das Leben zu fr&#252;heren Zeiten zu erfahren als es f&#252;r einen Nicht-Arch&#228;ologen mittels arch&#228;ologischer Funde m&#246;glich ist.</p>

<p>Das Ziel des Schreibens und des Lesens ist prim&#228;r, Texte f&#252;r nicht Anwesende zu verfassen und solche Texte in die eigene Auseinandersetzung mit der Welt und deren Wirklichkeit zu integrieren.</p>

<p>Dieses Ziel muss jedem vor Augen stehen, der in Bildungsprozessen mit dem Lesen und Schreiben zu tun hat – also nicht nur Deutschlehrern, sondern Lehrenden in allen F&#228;chern der Schule, den Eltern und allen anderen an Bildungsprozessen beteiligten Personen und Institutionen.</p>

<p>Das Ziel f&#252;r die Lernenden besteht in erster Linie also darin, <span id="more-2002"></span>sich auszudr&#252;cken zu lernen. Doch das alleine reicht nicht. Wenn Texte darauf hin ausgelegt sind, f&#252;r andere Menschen verfasst zu sein, stellt sich f&#252;r jeden, der schreibt, die Frage, wie die Texte dann auch Leser finden.</p>

<p>Voraussetzungen f&#252;r die F&#228;higkeit, etwas f&#252;r Abwesende ausdr&#252;cken zu k&#246;nnen, sind das K&#246;nnen mindestens einer Sprache, deren Grammatik und die Beherrschung mindestens eines Zeichensystems, mit dessen Hilfe die Inhalte &#252;ber den m&#252;ndlichen Sprachgebrauch in der unmittelbaren Begegnung bzw. &#252;ber den m&#252;ndlichen Kontakt, z.B. mit Hilfe des Telefons, hinaus &#252;bermittelt werden k&#246;nnen. Im Deutschen ist dieses Zeichensystem eine Buchstabensprache. Wenn diese in Grundz&#252;gen beherrscht wird, ist Kommunikation m&#246;glich, die um so differenzierter wird, je gr&#246;&#223;er der Wortschatz ist und je genauer die Grammatik einer Sprache und die Vereinbarungen &#252;ber Schreibung von W&#246;rtern beherrscht werden. Au&#223;erdem ist Zeichensetzung f&#252;r das Verst&#228;ndnis von Texten nicht nur eine Hilfe, sondern geradezu Voraussetzung.</p>

<p>Doch im Bereich der Kenntnisse &#252;ber die Vereinbarungen zum Schreiben von W&#246;rtern ist die Verst&#228;ndlichkeit von Texten in der Regel auch dann noch m&#246;glich, wenn in einem gewissen Rahmen regelwidrig geschrieben wird. Anders ausgedr&#252;ckt: Rechtschreibfehler verhindern nicht unbedingt, dass das Ziel des Schreibens erreicht werden kann. Das Gespr&#228;ch &#252;ber Raum und Zeit hinweg ist auch mit Rechtschreibfehlern m&#246;glich.</p>

<p>Dass bedeutet nun nicht, dass Rechtschreibung kein anzustrebendes Ziel sei. Da wir in der Regel vom regelkonformen Gebrauch der Vereinbarungen zur Rechtschreibung ausgehen und dieser auch erwartet wird, ist das Ziel nat&#252;rlich eine regelkonforme Schreibweise, die in der Schule zu lernen ist.</p>

<p>Da aber das Ziel des Schreibens nicht <em>prim&#228;r </em>in der Rechtschreibung liegt, ist Rechtschreibung ein Beiprodukt, so eine Formulierung, die <a href="http://www.abc-netzwerk.de/" target="_blank">Ingrid Naegele</a> im Rahmen einer von mir besuchten Fortbildung gebrauchte. Im Zentrum aber muss die F&#228;higkeit stehen, sich f&#252;r nicht anwesende Personen auszudr&#252;cken. Rechtschreibung ist dabei nicht das Ziel, sondern ein Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, was aber auch gelingt, solange ein Wort zumindest im gr&#246;&#223;eren Zusammenhang f&#252;r den Leser verst&#228;ndlich ist.</p>

<p>Dieses zu erlernende Mittel muss ge&#252;bt werden – und zwar nicht nur in Form des Lernens der Schreibung einzelner W&#246;rter, sondern im Zusammenhang mit Satzbau und Zeichensetzung.</p>

<p>Texte k&#246;nnen aber auch schon gelungen sein, bevor die Regelkonformit&#228;t erreicht wird, gelungen in dem Sinne, dass sie f&#252;r einen nicht anwesenden Leser oder eine nicht anwesende Leserin verst&#228;ndlich sind. Und dieses Ziel muss beim Erlernen und Lehren einer Sprache im Zentrum stehen.</p>

<p>Wesentlich f&#252;r das Erreichen einer guten Ausdrucksf&#228;higkeit ist das Lesen. Fremde Texte werden zum Vorbild daf&#252;r, was mit dem Schreiben m&#246;glich ist und sie sind motivierend bez&#252;glich der eigenen Schreibkompetenz.</p>

<p>Das erste Ziel eines Lehrenden muss meines Erachtens also die F&#246;rderung der Lust am Lesen und Schreiben sein, da nur so das Ziel einer formgerechten Schreibung auf Dauer erzielt werden kann.</p>

<p>Dieser Lust ist eine &#220;bergewichtung des Ziels einer formgerechten Schreibung, ein Ziel, dass nat&#252;rlich nie aus den Augen verloren oder gar verneint werden darf, abtr&#228;glich. Um das Ziel zu erreichen, gilt es, das Selbstvertrauen in das eigene Lesen und Schreiben zu f&#246;rdern, um so mehr, wenn ein Kind Schwierigkeiten mit dem Lesen und dem Schreiben hat.</p>

<p>Das hat f&#252;r die t&#228;gliche Arbeit als Lehrer, aber auch f&#252;r den Einsatz aller anderen an Bildungsprozessen beteiligten Personen Konsequenzen.</p>

<p>Um Missverst&#228;ndnissen vorzubeugen: Ich pl&#228;diere im Folgenden nicht f&#252;r eine Vernachl&#228;ssigung des formgerechten Schreibens, ich pl&#228;diere vielmehr f&#252;r eine Herangehensweise an das Thema des Lesens und der Rechtschreibung, die das eigentliche Ziel des Lesens und Schreibens nicht aus den Augen verlieren: Es geht um die F&#228;higkeit, Gedanken so ausdr&#252;cken zu k&#246;nnen, dass nicht anwesende Leser und Leserinnen diese verstehen k&#246;nnen. Formgerechtes Schreiben, verbunden mit einem angemessen Wortschatz, macht dies deutlich leichter, wobei ein gr&#246;&#223;erer Wortschatz zudem auch das Lesen von Texten und somit das Verstehen der Gedanken anderer, nicht anwesender, Personen erleichtert oder &#252;berhaupt erst m&#246;glich macht.</p>

<p>Doch dieses Ziel muss idealerweise zu einem eigenen Ziel der Lernenden werden. Es muss also einerseits alles getan werden, dass Lernende dieses Ziel erreichen – es idealerweise sogar zu ihrem eigenen Ziel machen und nicht nur zu einem Ziel, dem sie sich in der Schule zu unterwerfen haben – und andererseits alles unterlassen werden, was das Erreichen dieses Ziels verhindert. Eine zu fr&#252;he &#252;bertriebene Konzentration auf die Rechtschreibung geh&#246;rt in dem meisten F&#228;llen wohl zu den zu unterlassenden Verhaltensweisen, soll die Lust am Lesen und Schreiben angemessen gef&#246;rdert werden, auch wenn das Ziel einer formgerechten Schreibung nie aus dem Auge verloren werden darf.</p>

<p>Was also ist zu tun und womit sollte man vorsichtig sein, wenn man mit Lernenden an den Zielen des Lesens und Schreibens arbeitet?</p>

<ol>
    <li>Das Hauptprodukt des Lernprozesses ist die Lust am Lesen und Schreiben als M&#246;glichkeiten der Entdeckung und der Reflexion des Selbst und der Welt, aber auch als M&#246;glichkeit, sich selbst auszudr&#252;cken bzw. Ausdrucksformen zu kennen und vielleicht sogar f&#252;r sich nutzen zu lernen.</li>
    <li>Formgerechte Schreibung ist ein Beiprodukt dieses Hauptproduktes des Bildungsprozesses und Fehler sollten nicht der Grund sein, dass ein Kind zu einem fr&#252;hen Zeitpunkt eine Schulform verlassen muss.</li>
    <li>Der Inhalt von Texten, die Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler verfassen, sollte nicht (zu fr&#252;h) im Rahmen der R&#252;ckmeldung von Fehlern &#252;berdeckt werden. Eine (zu fr&#252;he) Einf&#252;hrung verbindlicher und vor allem notenrelevanter Fehlerindizees sollte unterbleiben.</li>
    <li>An die Stelle der blo&#223;en Markierung und Bewertung von Fehlern m&#252;ssen Formen treten, die Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;lern einen reflexiven Umgang mit den Fehlern erm&#246;glichen. Es geht also nicht nur darum, Rechtschreibung zu &#252;ben (darum geht es auch!), sondern darum, die Gr&#252;nde f&#252;r die Fehler zu erkennen und diese somit reflexiv zu vermeiden.</li>
    <li>Korrekturen sollten immer den Respekt vor dem Text des / der Lernenden widerspiegeln und den Text eben nicht in ein Feld der bombengleichen Einschl&#228;ge des Rotstiftes machen. Ja, auch Korrektur kann &#228;sthetisch angemessen und unangemessen sein.</li>
    <li>Aufgabe des Lehrers ist es nicht, ein Kind zu demotivieren, sondern dieses von seinen St&#228;rken ausgehend zu f&#246;rdern. Wenn in einem Text von 150 W&#246;rtern 30 W&#246;rter falsch geschrieben sind, macht es, vor allem f&#252;r Kinder mit Schwierigkeiten beim Schreiben und beim Lesen, einen riesigen Unterschied, ob ich unter eine Arbeit oder eine Hausaufgabe „Du hast 30 Fehler“ oder „Du hast 120 von 150 W&#246;rtern richtig geschrieben“ schreibe.</li>
    <li>Die F&#246;rderung des Schreibens muss sich an dem orientieren, was Kinder k&#246;nnen und ebenso an dem, was Kinder &#252;ben m&#252;ssen. Angesichts der nach wie vor beeindruckenden Klassengr&#246;&#223;en gilt es hier, kreative ( = umsetzbare) Binnendifferenzierungsm&#246;glichkeiten zu suchen, die zumindest phasenweise eine individuelle F&#246;rderung m&#246;glich machen.</li>
    <li>Klassenarbeiten sind nicht nur Leistungs&#252;berpr&#252;fungen am Ende einer Unterrichtsphase, sondern Instrumente im Lernprozess. Deshalb gilt es, Wege zu finden, die mit Klassenarbeiten diagnostizierend und den weiteren Lernprozess f&#246;rdernd umgehen. Verbesserungen erf&#252;llen nur dann ihren Zweck, wenn sie in einen Reflexionsprozess &#252;ber die Fehler einf&#252;hren und diesen f&#252;r die weitere Arbeit fruchtbar machen.</li>
    <li>Die F&#246;rderung des lustvollen Umgangs mit Texten und dem Schreiben ist in der Schule nicht nur Aufgabe der Deutschlehrer und Deutschlehrerinnen, sondern eine Aufgabe der gesamte Schule und somit aller F&#228;cher! Die F&#228;higkeit, sich angemessen ausdr&#252;cken zu k&#246;nnen, ist f&#252;r alle F&#228;cher relevant und f&#252;r die Teilhabe an der Gesellschaft und die Entfaltung der Pers&#246;nlichkeit von so zentraler Bedeutung, dass alle Lehrer und Lehrerinnen entsprechende Kenntnisse &#252;ber F&#246;rderm&#246;glichkeiten haben m&#252;ssen.</li>
    <li>Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler lernen am besten mit positiven Emotionen. Es geht also darum, f&#252;r Erfolgserlebnisse zu sorgen. Dazu kann es auch hilfreich sein, Fehler zwar als solche kenntlich zu machen, diese aber gegebenenfalls nicht notenrelevant werden lassen. Dies gilt insbesondere f&#252;r Sch&#252;ler und Sch&#252;lerinnen mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten, aber nicht nur.</li>
    <li>Wenn es beim Schreiben strukturell darum geht, Gedanken so auszudr&#252;cken, dass sie sie von einem anderen, nicht anwesenden Menschen verstanden werden k&#246;nnen, sollten viel h&#228;ufiger und intensiver M&#246;glichkeiten genutzt werden, diese Texte auch wirklich wichtig werden zu lassen. Hierzu k&#246;nnen „Ver&#246;ffentlichungen“ in der Lerngruppe ebenso dienen wie beispielsweise Sch&#252;lerzeitungen, Lesungen in einer Klasse oder &#252;ber diese hinaus, Schreibwettbewerbe, gemeinsam erstellte Weblogs und Wikis und einfach alles, was zum Schreiben f&#252;r andere einl&#228;dt. Es geht also auch um die Frage, wie Texte Leser und Leserinnen finden  – und ein solcher Leser oder eine solche Leserin sollte eben nicht nur der Lehrer oder die Lehrerin sein, wenn man will, dass Lernende nicht prim&#228;r f&#252;r Lehrende schreiben.</li>
    <li>Um das Schreiben zu lernen muss viel gelesen werden. Dabei ist auch das Vorlesen von zentraler Bedeutung, da dies f&#252;r Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler motivierend ist und diese auf diesem Wege ganz viel Wissen erwerben k&#246;nnen (auch &#252;ber das Lesen).</li>
    <li>Vor allem Sch&#252;ler und Sch&#252;lerinnen mit Lese-Rechtschreibschwierigkeiten, aber nat&#252;rlich auch alle anderen, d&#252;rfen nicht blo&#223; gestellt werden. Will ich etwas &#252;ber die  Lesef&#228;higkeiten der Kinder erfahren, kann es eine durchaus bedenkenswerte Alternative sein, Texte auf Kassette oder als MP3 aufzeichnen zu lassen, statt jeden vor der Klasse lesen zu lassen. In diesem Zusammenhang kann es auch hilfreich sein, wenn Kinder Texte mitlesen, die sie vorgelesen bekommen. Gut eingelesene H&#246;rb&#252;cher k&#246;nnen hier eine gro&#223;e Hilfe sein.</li>
    <li>Es gilt, mit den Kindern &#220;bungsstrategien zu erlernen und einzusetzen, die eher dem Prinzip der Kontinuit&#228;t als des gro&#223;en Umfangs in kurzer Zeit dienen.</li>
    <li>Und weil es so wichtig ist, noch einmal: Im Zentrum des Lesens und Schreibens stehen die Ausdrucksf&#228;higkeit, das „Gespr&#228;ch“ &#252;ber Raum und Zeit und vor allem die Lust am Lesen und Schreiben. Ohne diese Lust wird das Erreichen eines formgerechten Schreibens erschwert. Rechtschreibung ist ein Beiwerk, ein Mittel und nicht der Zweck, so wenig sie aus dem Blick verloren werden darf.</li>
</ol>



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		<title>Der Kampf um die Definitionsmacht oder: Von korrekter Schreibung zu angemessenem Ausdruck</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Jul 2009 15:07:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Chaos begann 1996, vor nunmehr dreizehn Jahren, ohne dass die damals ausgel&#246;ste Verwirrung ein Ende h&#228;tte. Aus dem „&#223;“ wurde in vielen F&#228;llen ein Doppel-s, die Aneinanderreihung von drei Konsonanten wurde festgelegt (Schifffahrt; F&#252;lllinie…), die Getrennt- und Zusammenschreibung wurde ebenso neu geregelt, wie Teile der Zeichensetzung. Es bedurfte zweier weiterer Reformen, bis sich zumindest [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Chaos begann 1996, vor nunmehr dreizehn Jahren, ohne dass die damals ausgel&#246;ste Verwirrung ein Ende h&#228;tte. Aus dem „&#223;“ wurde in vielen F&#228;llen ein Doppel-s, die Aneinanderreihung von drei Konsonanten wurde festgelegt (Schifffahrt; F&#252;lllinie…), die Getrennt- und Zusammenschreibung wurde ebenso neu geregelt, wie Teile der Zeichensetzung.</p>

<p>Es bedurfte zweier weiterer Reformen, bis sich zumindest ein wenig Ruhe in Sachen Rechtschreibreform einstellte. In meinen Augen eine v&#246;llig unberechtigte Ruhe, da die Diskussion um die Rechtschreibreform eine Seite des schriftlichen Ausdrucks in den Blick zur&#252;ck geholt hat, die vorher weitgehend unber&#252;cksichtigt blieb, eine Seite, die sogar das <a href="http://www.bverfg.de/entscheidungen/rs19980714_1bvr164097.html" target="_blank">Bundesverfassungsgericht</a> und den Deutschen Bundestag besch&#228;ftigt hat. Der <a href="http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/13/101/1310183.asc" target="_blank">Bundestag beschloss 1998</a> <span id="more-1930"></span>unter anderem folgenden Absatz:</p>

<blockquote>„Der Deutsche Bundestag ist der &#220;berzeugung, da&#223; sich die Sprache im Gebrauch durch die B&#252;rgerinnen und B&#252;rger, die t&#228;glich mit ihr und durch sie leben, st&#228;ndig und behutsam, organisch und schlie&#223;lich durch gemeinsame &#220;bereinkunft weiterentwickelt. Mit einem Wort: Die Sprache geh&#246;rt dem Volk.“</blockquote>

<p>Es gibt also grundlegende &#220;bereink&#252;nfte, aber die st&#228;ndige Kulturkritik an der Sprachentwicklung – ich kann mich solcher kritischer &#196;u&#223;erungen selbst auch nicht enthalten! – muss ihre Positionen begr&#252;ndet in den Dialog einbringen, um aus organischen Entwicklungen heraus an gemeinsamen &#220;bereink&#252;nften mitzuwirken.</p>

<p>Es geht im Rahmen der Besch&#228;ftigung mit Sprache und deren Verschriftlichung also um eine Reflexion der Sprachentwicklung, die es zu verstehen und gegebenenfalls auch zu kritisieren gilt, die aber von noch so gut begr&#252;ndeter Kritik kaum aufzuhalten ist.</p>

<p>Dabei macht es einen gro&#223;en Unterschied, ob man sich in einen reflexiven Dialog &#252;ber Sprache einl&#228;sst und auch die Varianten im (schrift)sprachlichen Kontext ber&#252;cksichtigt oder ob man f&#252;r sich selbst eine Definitionsmacht in Anspruch nimmt, die zum Beispiel (amtlich zugelassene) Varianten ausschlie&#223;t oder ob man sich der reflexiven Sprachbeobachtung stellt.</p>

<p>Die Auseinandersetzung um diese Fragen hat jetzt neue Nahrung bekommen. Auf der einen Seite steht die f&#252;nfundzwanzigste Auflage des <a href="http://duden.de" target="_blank">Dudens</a> zur deutschen Rechtschreibung, die nur drei Jahre nach der vierundzwanzigsten Auflage erschienen ist, auf der anderen Seite steht der Klettverlag, der unter dem Markennamen „<a href="http://pons.eu" target="_blank">Pons</a>“ nun, vor allem durch sein f&#252;r den Nutzer kostenfreies Onlineangebot zur deutschen Rechtschreibung, einiges an Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte, insbesondere auch deshalb, weil „Pons“ gezielt die Nutzer des Angebots zur dessen Weiterentwicklung heranziehen will.</p>

<p>Das sind auf den ersten Blick Kleinigkeiten. Immerhin bietet „Duden“ (gegen Bezahlung) einen umfassenderen Dienst an, der auch Wortdefinitionen etc. enth&#228;lt und au&#223;erdem einen „Korrektor“, der die von der Dudenredaktion als sinnvolle Schreibvarianten in der geschriebenen Alltagssprache durchaus durchzusetzen in der Lage sein k&#246;nnte.</p>

<p>Der Vorteil eines Programms, dass einigerma&#223;en zuverl&#228;ssig Schreibfehler in Texten findet, ist die Vorstellung, dass in der gro&#223;en Verunsicherung, die die Rechtschreibreformen der vergangenen Jahre ausgel&#246;st hat, auf diesem Wege zuverl&#228;ssig Sicherheit gefunden werden k&#246;nnte. Der Nachteil eines Korrekturprogramms ist, dass die Illusion entsteht, man m&#252;sse &#252;ber Fragen der Rechtschreibung nicht mehr nachdenken, da das ja andere f&#252;r einen &#252;bernehmen, die zudem noch auf die Sprachentwicklung schauen und regelm&#228;&#223;ig neue Worte in <em>ihren</em> Wortschatz aufnehmen.</p>

<p>Dabei wird allerdings folgendes vergessen:</p>

<blockquote>„Nur f&#252;r diejenigen Personen, die zum Staat oder juristischen Personen des &#246;ffentlichen Rechts in einem Sonderrechtsverh&#228;ltnis stehen (Beamte, Richter, Soldaten, Studenten, Sch&#252;ler), ist die Rechtschreibung einschlie&#223;lich reformierter Regeln durch Verwaltungsvorschrift bindend.” (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rechtschreibreform" target="_blank">Quelle: Wikipedia</a>)</blockquote>

<p>Dies entspricht zwar nicht dem Umgang mit Rechtschreibung im Alltag, ist aber durchaus bemerkenswert, insbesondere auch deshalb, weil Verlage und Zeitungsredaktionen im Rahmen der Rechtschreibreform teilweise Hausregeln aufstellten, denen die Mitarbeiter im Rahmen von Publikationen zu folgen haben, die aber teilweise den amtlichen Regelungen zuwider liefen. Und au&#223;erdem habe Schriftsteller Rechtschreibung und Zeichensetzung schon immer als Mittel des Ausdrucks benutzt und f&#252;r ihre Zwecke ver&#228;ndert.</p>

<p>Dennoch ist es nach wie vor &#252;blich, dass die orthographische Korrektheit von Texten an den amtlichen Regelungen bzw. noch viel st&#228;rker an den Vorgaben des Dudens gemessen wird. Das wird einfach erwartet und deshalb ist es durchaus sinnvoll, dass ich als Lehrer im Kontext von Schule gezwungen bin, mich an diese Rechtsvorschriften zu halten. (Was ich in einem privaten Blog wie diesem hier mache, ist davon &#252;brigens v&#246;llig unber&#252;hrt!)</p>

<p>Doch sp&#228;testens in der Oberstufe w&#228;re der Zeitpunkt gekommen, neben die F&#228;higkeit des Schreibens gem&#228;&#223; der amtlichen Regelungen Reflexionen &#252;ber Sprachentwicklung und die M&#246;glichkeiten des sprachlichen Ausdrucks durch Varianz und Abweichung von amtlichen Regelungen in den Blick zu nehmen.</p>

<p>Dies schreibe ich im Konjunktiv, denn leider beobachte ich eine sehr starke Tendenz zu einer gro&#223;en Beschr&#228;nktheit des sprachlichen Ausdrucksverm&#246;gen bis hin zu Abiturarbeiten, die auch Auswirkungen auf die Reflexionsf&#228;higkeit (&#252;ber Sprache) hat. Diese Tendenz dr&#252;ckt sich unter anderem in folgenden Ph&#228;nomen aus:</p>

<ol>
    <li>Das „richtige“ Schreiben gem&#228;&#223; der amtlichen Regelungen f&#228;llt Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;lern h&#228;ufig schwer, was auch mit der Verwirrung zu tun hat, die durch das Hin und Her der Reformen entstanden ist. Die mit der Reform verbundenen Ziele einer Vereinfachung der deutschen Rechtschreibung wurde meines Erachtens nicht erreicht.</li>
    <li>Individuelle Sprachentwicklung hat mit der praktischen Auseinandersetzung mit Sprache zu tun. Hier hat Schule nur begrenzte M&#246;glichkeiten, da sie private Lekt&#252;re, die &#252;ber schulische Pflichtlekt&#252;ren hinaus geht, nicht erzwingen kann. Schule kann zwar versuchen, Lust auf B&#252;cher und Zeitungen (auch in online verf&#252;gbarer Form) zu machen, hat aber keine Garantie, dass dies gelingt.</li>
    <li>Aus 2. erkl&#228;rt sich f&#252;r mich, dass der Wortschatz, &#252;ber den Sch&#252;ler und Sch&#252;lerinnen am Ende ihrer Schulzeit verf&#252;gen, bei weitem nicht so gro&#223; ist, wie er meiner Meinung nach sein k&#246;nnte. F&#252;r mich steht im Augenblick die Frage im Raum, ob es nicht auch im Deutschunterricht sinnvoll sein k&#246;nnte, Vokabelhefte zu f&#252;hren und die Kenntnisse von im Unterricht eingef&#252;hrten W&#246;rtern auch zu &#252;berpr&#252;fen. Die Bedeutung des Wortschatzes liegt f&#252;r mich vor allem darin, dass mit dem Wortschatz auch die F&#228;higkeit zur differenzierten Reflexion von Sachverhalten verbunden ist. Anders ausgedr&#252;ckt: Bildung hat f&#252;r mich mit der F&#228;higkeit zu tun, m&#246;glichst eigenst&#228;ndig reflexiv mit Wirklichkeit umzugehen, die zu erfassen aber auch entsprechende Ausdrucksm&#246;glichkeiten erfordert. In den Naturwissenschaften und der Mathematik sind es die Formeln und Formelsammlungen, die einen solchen Ausdruck erm&#246;glichen; in der Sprache ist es der Wortschatz, verbunden mit der F&#228;higkeit, grammatikalische Strukturen und deren M&#246;glichkeiten f&#252;r den Ausdruck zu nutzen.</li>
    <li>Sprachlich bedingte Vereinfachungen von Sachverhalten haben gesellschaftliche Auswirkungen, da sie zur Manipulation bzw. zur Reduktion von komplexen Zusammenh&#228;ngen genutzt werden k&#246;nnen. Das ist vor allem in Zusammenh&#228;ngen von Politik und Werbung ein bemerkenswertes Ph&#228;nomen. Wer hier „m&#252;ndige B&#252;rger“ haben will, muss die Reflexionsf&#228;higkeit auf sprachlichen Ausdruck und die Geltungsanspr&#252;che von Aussagen hin f&#246;rdern.</li>
    <li>Dazu geh&#246;ren auch die unter 3. schon angesprochenen grammatikalischen F&#228;higkeiten, die einen wesentlichen Bestandteil des sprachlichen Ausdrucks ausmachen. Meiner Beobachtung nach gibt es in schulischen Kontexten gerade in diesem Bereich viel zu tun – und zwar bereits in Bereichen wie dem grammatikalisch einigerma&#223;en einer Sachen angemessenem Satzbau.</li>
</ol>

<p>Wer aber definiert, was angemessen ist? Die reine Korrektheit gem&#228;&#223; Duden, <a href="http://www.wissenmedia.de/wissenmediaverlag/aktuelleswmv/news_details/article/223/wahrig-die-deutsche-rechtschreibung-jetzt-erhaeltlich.html" target="_blank">Wahrig</a> oder jetzt auch Pons ist es nicht. Die amtliche Regeln, denen ich als Lehrer verpflichtet bin, legen die Grundlagen, um sprachlich so weit zu kommen, dass der Umgang mit Sprache reflexiv werden kann, aber ob diese Regeln immer eine angemessene Auseinandersetzung mit einem Gegenstand bzw. mit einem Ziel des eigenen sprachlichen Ausdrucks erm&#246;glichen, wird bereits dadurch in Frage gestellt, dass es sich ausschlie&#223;lich um amtliche Regelungen der <em>Schrift</em>sprache handelt. W&#252;rde jeder und jede so <em>sprechen</em>, wie es die amtlichen Regelungen verlangen, bek&#228;me der m&#252;ndliche Ausdruck etwas ziemlich k&#252;nstliches und die organische Entwicklung der deutschen Sprache w&#228;re mit der amtlichen Festlegung, die bis zur n&#228;chsten Reform gelten, nur sehr eingeschr&#228;nkt m&#246;glich.</p>

<p>Wer also hat die Definitionsmacht dar&#252;ber, was korrekte Schreibung im Deutschen bedeutet? Nun, wenn es um die korrekte Schreibung geht, dann hat diese Definitionsmacht die amtliche Regelung der deutschen Rechtschreibung. Geschichtlich bedingt hat der „Duden“ bez&#252;glich Definitionsmacht nach wie vor ein gewichtiges Wort mitzusprechen, auch wenn sein Einfluss in den vergangenen Jahren wohl abgenommen hat. <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/863/482326/text/" target="_blank">Thomas Steinfeld bringt dies in der S&#252;ddeutschen Zeitung wie folgt auf den Punkt</a>:</p>

<blockquote>„Der Verlust an Autorit&#228;t [des Dudens – TL]  ist vor allem darin begr&#252;ndet, dass in der Verwirrung, die von der Reform der Rechtschreibung zur&#252;ckgelassen wurde (und wird), das Bewusstsein f&#252;r verbindliche Schreibungen deutlich besch&#228;digt wurde (wird).”</blockquote>

<p>Die Frage nach der Definitionsmacht &#252;ber Sprache muss ich aber ganz anders beantworten, wenn es um den angemessenen Umgang mit Wirklichkeit geht, die in Sprache ausgedr&#252;ckt werden soll. Die Dichter haben es von jeher vorgemacht, wenn sie vor allem im formalen Bereich, aber auch im Ausdruck, Wege gingen, die die Zahl der Fehler im schulischen Kontext und den dort vorgegebenen Regeln ins astronomische steigen lassen w&#252;rden (z.B. im Rahmen der<a href="http://vdeutsch.eduhi.at/literatur3/ly_konkret_vtfg.htm" target="_blank"> Konkreten Poesie</a> oder auch in Werken wie Joyces „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Finnegans_Wake">Finnegans Wake</a>” und Reinhard Jirgls <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0312/leipzigerbuchmesse/0009/index.html" target="_blank">eigenst&#228;ndiges Zeichensystem</a>)</p>

<p>Die Definitionsmacht bez&#252;glich korrekten und angemessenen Ausdrucks ist also unterschiedlich: Die Korrektheit bestimmen amtliche Regeln (und anerkannte W&#246;rterb&#252;cher); die Angemessenheit des Ausdrucks bezogen auf einen Dialog mit der Wirklichkeit aber wird von der Sache und der Person bestimmt, die im Rahmen ihrer pers&#246;nlichen Begegnung mit der Wirklichkeit Ausdrucksformen sucht, die Wirklichkeit in einem System von Zeichen auszudr&#252;cken vermag. Da kann es dann durchaus sein, dass amtliche Regelungen und kommerzielle „Korrektoren” eher kontraproduktiv sind und der Satz, dass die Sprache dem Volk geh&#246;re noch einmal anders gefasst werden muss: Die Sprache geh&#246;rt demjenigen, der in ihr in die Auseinandersetzung und den Dialog mit der ihn umgebenden Wirklichkeit tritt.</p>

<p>Um eine solche eigene Sprache entwickeln zu k&#246;nnen und in ihr dennoch kommunikationsf&#228;hig zu bleiben, stellt sich f&#252;r mich die Frage, was dann sprachliche <em>Bildung</em> ist, die ja eben &#252;ber Orthographie hinaus geht, will sie Bildung im Sinne der F&#228;higkeit sein, eigenst&#228;ndig Welt zu gestalten. (Dank an <span>Andrea Mayer-Edoloeyi alias <a href="http://twitter.com/ThemaTisch/status/2727975383" target="_blank">thematisch</a>) Was k&#246;nnte das f&#252;r den Gang schulischer Sprachbildung bedeuten?:</span></p>

<ol>
    <li><span>Schule lehrt Schriftsprache. Ein solches Lehren ist nur entlang verbindlicher Regeln m&#246;glich, an die sich Lehrende im Unterricht nicht nur deshalb zu halten haben, weil sie dazu verpflichtet sind, sondern auch, weil solche Regeln den sicheren Rahmen bilden, in dem das Erlernen von korrekter Schriftsprache &#252;berhaupt erst m&#246;glich ist. Das &#220;berschreiten der Grenzen von korrektem zum angemessenem Ausdruck – mir ist nat&#252;rlich bewusst, dass diese Grenze flie&#223;end ist bzw. oft gar nicht so strikt existiert und die Trennung in diese beiden Bereiche im Kontext dieses Artikels vor allem eine analytische ist, die einem Ph&#228;nomen angemessen zu begegnen versucht – ist ein Schritt, der das Beherrschen der verbindlichen Regeln voraussetzt.</span></li>
    <li><span>Schule arbeitet gezielt an der Entwicklung des Wortschatzes. Gezieltes Arbeiten bedeutet hier nicht nur, dass alleine im Unterricht die Bildung des Wortschatzes wichtig w&#228;re, sondern auch die Beratung der Erziehungsberechtigten bez&#252;glich Lesef&#246;rderung, an der sich Schule wiederum im Rahmen ihrer M&#246;glichkeiten selbstverst&#228;ndlich beteiligt.</span></li>
    <li><span>Schule arbeitet gezielt am Ausdrucksverm&#246;gen der Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler, wobei auch Formen des kreativen Schreibens eingesetzt werden. Dieser Punkt hat f&#252;r mich mit der Beobachtung zu tun, dass viele Sch&#252;ler und Sch&#252;lerinnen beim Schreiben erz&#228;hlender Texte zu einem weit besseren Ausdruck in der Lage sind als er dann in Klassenarbeiten wiederzufinden ist. Wenn dem so ist, steht die Frage im Raum, wie die vorhandenen Ausdrucksf&#228;higkeiten f&#252;r z.B. interpretierende Texte f&#252;r die Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler nutzbar gemacht werden k&#246;nnen.
</span></li>
    <li><span>Schule arbeitet zumindest auf ein Mindestma&#223; an Reflexionsf&#228;higkeit &#252;ber Sprache hin. Hier ist bei l&#228;ngeren Schulzeiten, wie bspw. im Gymnasium oder der gymnasialen Oberstufe an Gesamtschulen, sicherlich mehr m&#246;glich als an Haupt- und Realschulen. Ziel muss es sein, dass dies sehr ambitioniert ist, wei&#223; ich, zumindest in Ans&#228;tzen aufzuzeigen, dass ein angemessener Ausdruck gegebenenfalls manche Freiheiten gegen&#252;ber amtlich korrektem Ausdruck mit sich bringt.</span></li>
</ol>

<p>Bezogen auf die Debatten der Sprachdidaktiken in den letzten Jahren, sage ich nichts Neues. Ich schreibe aber bewusst nicht, dass nur oder vor allem der Deutsch- oder Sprachunterricht den genannten Aufgaben verpflichtet ist, sondern die Schule in ihrer Gesamtheit hat hier einen Bildungsauftrag, der weit &#252;ber formale Korrektheiten hinaus geht! Auch in z.B. gesellschaftswissenschaftlichen oder k&#252;nstlerischen F&#228;chern geht es um Formen des (sprachlichen) Ausdrucks. Ja, selbst in F&#228;chern, deren Ausdrucksmittel eher in Formeln naturwissenschaftlicher und mathematischer Art liegen, geht es um die Frage, wie ein Sachverhalt, ein Ph&#228;nomen, ein Teil der uns umgegbenden Wirklicheit ausgedr&#252;ckt werden kann.</p>



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		<title>Vegetarisches Parken</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Jul 2009 23:58:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es ist sicherlich ein sympathisches Unterfangen, endlich einmal nicht nur Frauenparkpl&#228;tze anzulegen, sondern auch andere gesellschaftliche Gruppen mit eigenen Parkfl&#228;chen zu versorgen: Im Zusammenhang, das Schild ist an einem Obst- und Gem&#252;seladen in D&#246;ttlingen zu finden, ist zwar klar, dass hier ein Parkplatz nur f&#252;r Kunden dieses Ladens vorbehalten ist, das macht es aber sprachlich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist sicherlich ein sympathisches Unterfangen, endlich einmal nicht nur Frauenparkpl&#228;tze anzulegen, sondern auch andere gesellschaftliche Gruppen mit eigenen Parkfl&#228;chen zu versorgen:</p>

<p style="text-align: center;">
<a href="http://herrlarbig.de/wordpress/wp-content/gallery/sprachbeobachtung/Sprache.jpg" title="" class="shutterset_singlepic203" >
	<img class="ngg-singlepic" src="http://herrlarbig.de/wordpress/wp-content/gallery/cache/203__320x450_Sprache.jpg" alt="Sprache" title="Sprache" />
</a>
</p>

<p style="text-align: left;">Im Zusammenhang, das Schild ist an einem Obst- und Gem&#252;seladen in <a href="http://www.google.de/url?q=http://de.wikipedia.org/wiki/D%25C3%25B6tlingen&amp;ei=LV5iSr-5A5DsmgPQjJ34Dw&amp;sa=X&amp;oi=spellmeleon_result&amp;resnum=2&amp;ct=result&amp;usg=AFQjCNH2f7npLL0bJa5DQR3RPkN1NLRdKw" target="_blank">D&#246;ttlingen</a> zu finden, ist zwar klar, dass hier ein Parkplatz nur f&#252;r Kunden dieses Ladens vorbehalten ist, das macht es aber sprachlich nicht weniger lustig.</p>

<p style="text-align: left;">Frustrierend finde ich immer wieder, dass mir fast immer, wenn ich solche Beobachtungen mache, von Dritten gesagt wird, dass ihnen das noch gar nicht aufgefallen sei. Bei dem Obst und Gem&#252;se f&#252;hrte das zu einem kollektiven Gel&#228;chter. Und doch steht die Frage im Raum, wie wichtig uns eigentlich Sprache ist, wenn wir solche Ph&#228;nomene als (lustige) Sprachentgleisungen gar nicht mehr wahrnehmen.</p>

<p style="text-align: left;">Ein zweites Beispiel, das ich in Bremen gefunden habe. Hier gilt es besonders auf die Verwendung des Genitiv-s zu achten. Die sonstigen sprachlichen Haarspaltereien, die an dieser Stelle m&#246;glich sind, &#252;berlasse ich dann anderen, die diese nat&#252;rlich gerne auch als Kommentar beif&#252;gen d&#252;rfen:</p>

<p style="text-align: center;">
<a href="http://herrlarbig.de/wordpress/wp-content/gallery/sprachbeobachtung/Sprache (1).jpg" title="" class="shutterset_singlepic202" >
	<img class="ngg-singlepic" src="http://herrlarbig.de/wordpress/wp-content/gallery/cache/202__320x350_Sprache (1).jpg" alt="Sprache (1)" title="Sprache (1)" />
</a>
</p>



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		<title>Abi-Bet-T&#252;cher und Psychologie – Abitur 2009</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Jun 2009 17:08:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Als auch dieses Jahr zum schriftlichen Abitur wieder all die beschrifteten, bemalten oder bedruckten Bettt&#252;cher, Plakate und Fahnen vor der Schule hingen, erinnerte mich dies an die Tradition der Gebetsfahnen im tibetischen Buddhismus. Eine letzte Botschaft vor dem Schulgeb&#228;ude, soll den Pr&#252;flingen Gl&#252;ck und Zuversicht mit auf den Weg geben. Hier denken andere an einen. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">Als auch dieses Jahr zum schriftlichen Abitur wieder all die beschrifteten, bemalten oder bedruckten Bettt&#252;cher, Plakate und Fahnen vor der Schule hingen, erinnerte mich dies an die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gebetsfahne" target="_blank">Tradition der Gebetsfahnen im tibetischen Buddhismus</a>.</p>

<p style="text-align: left;">Eine letzte Botschaft vor dem Schulgeb&#228;ude, soll den Pr&#252;flingen Gl&#252;ck und Zuversicht mit auf den Weg geben. Hier denken andere an einen. Psychologisch ist dieses Wissen wichtig (zumindest dann, wenn die positive Unterst&#252;tzung auch dann gewiss ist, wenn eine Pr&#252;fung nicht wie gew&#252;nscht ausgehen sollte, auch wenn man sich so gut wie einem m&#246;glich vorbereitet hat).</p>

<p style="text-align: left;">Mich erinnern diese T&#252;cher dar&#252;ber hinaus an die <a href="http://www.kathpedia.com/index.php/F%C3%BCrbitte" target="_blank">Tradition der F&#252;rbitte im Christentum</a>, in der ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen einen anderen Menschen oder eine Gruppe von Menschen in sein oder ihr Gebet mit aufnimmt bzw. aufnehmen.</p>

<p style="text-align: center;">
<a href="http://herrlarbig.de/wordpress/wp-content/gallery/20090629/abi09.jpg" title="" class="shutterset_singlepic201" >
	<img class="ngg-singlepic ngg-center" src="http://herrlarbig.de/wordpress/wp-content/gallery/cache/201__450x300_abi09.jpg" alt="abi09" title="abi09" />
</a>
</p>

<p style="text-align: left;">In diese T&#252;chern, Plakaten und Fahnen dr&#252;ckt sich ein Grundbed&#252;rfnis eines jeden Menschen aus: <span id="more-1858"></span>Menschen brauchen das Wissen oder zumindest das Vertrauen darauf, dass andere an sie denken – nicht nur zu Abizeiten. Positive Unterst&#252;tzung ist f&#252;r die Psyche des Menschen wichtig. Wie oft wird das vergessen? F&#252;r mich sind die T&#252;cher, Plakate und Fahnen, die zu Abizeiten vor den Schulen h&#228;ngen, eine allj&#228;hrliche Erinnerung daran, wie viele Menschen an der Entwicklung und Ausbildung junger Menschen beteiligt sind. Und das macht mir diese T&#252;cher sympathisch.</p>

<p style="text-align: left;">Ja, es ist auch ein Ritual geworden, dass hier Jahr f&#252;r Jahr zu beobachten ist. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ritual" target="_blank">In einer Wikipedia entnommenen Beschreibung klingt das so</a>:</p>

<blockquote>„Rituale sind ein allgemeines Ph&#228;nomen der Interaktion mit der Umwelt […]. Sie finden sowohl auf der Ebene des individuellen Verhaltens (pers&#246;nliche Rituale, autistische Rituale, Zwangshandlungen) als auch im menschlichen Miteinander (Rituale im Familienleben, geregelte Kommunikationsabl&#228;ufe, Feste und gesellschaftliche Veranstaltungen, Gepflogenheiten und Konventionen, religi&#246;se Riten und Zeremonien) statt.

Ein Ritual ist normalerweise kulturell eingebunden oder bedingt. Es bedient sich strukturierter Mittel, um die Bedeutung einer Handlung sichtbar oder nachvollziehbar zu machen oder &#252;ber deren profane Alltagsbedeutung hinaus weisende Bedeutungs- oder Sinnzusammenh&#228;nge symbolisch darzustellen oder auf sie zu verweisen.

Indem Rituale auf vorgefertigte Handlungsabl&#228;ufe und altbekannte Symbole zur&#252;ckgreifen, vermitteln sie Halt und Orientierung. Das Ritual vereinfacht die Bew&#228;ltigung komplexer lebensweltlicher Situationen, indem es „durch Repetition hochaufgeladene, krisenhafte Ereignisse in routinierte Abl&#228;ufe &#252;berf&#252;hrt“. Auf diese Weise erleichtern Rituale den Umgang mit der Welt, das Treffen von Entscheidungen und die Kommunikation. Durch den gemeinschaftlichen Vollzug besitzen viele Rituale auch einheitsstiftenden und einbindenden Charakter und f&#246;rdern den Gruppenzusammenhalt und die intersubjektive Verst&#228;ndigung.“</blockquote>

<p>Und in diesem Sinne haben die „Abi-Bet-T&#252;cher“ Jahr f&#252;r Jahr ihren Ort und ihre Funktion im Zusammenhang mit dem Abitur.</p>

<p>Solange dieses Ritual weder zum leeren Ritual noch zu einer Zwangshandlung wird, der jeder unterworfen ist, der nicht Zweifel an seiner sozialen Eingebundenheit aufkommen lassen will,  finde ich diese, in den vergangenen Jahren fast schon zur Tradition gewordene Form der psychologischen Unterst&#252;tzung von Pr&#252;flingen auf dem Weg zum Abitur, einen sch&#246;nen Ausdruck des „Mitfieberns“. Und als solcher Ausdruck haben die T&#252;cher, Fahnen und Plakate dann ja vielleicht auch eine positive R&#252;ckwirkung auf jene, die sie meist liebevoll gestalten und so ausdr&#252;cken, dass sie in Gedanken da sind.</p>



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		<title>Wenn Pr&#228;vention Freiheit zerst&#246;rt: Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“</title>
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		<pubDate>Fri, 22 May 2009 00:12:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezensenten scheinen sich, glaube ich den Zusammenfassungen auf perlentaucher.de (und ich sehe keinen Grund, warum ich das nicht tun sollte), bei Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“ [1] nicht einig zu sein. Ich finde das gut, denn „Corpus Delicti“ ist einer der politischsten Texte, die ich in den letzten Jahren gelesen habe und zwingt den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezensenten scheinen sich, glaube ich den <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/31534.html" target="_blank">Zusammenfassungen auf perlentaucher.de</a> (und ich sehe keinen Grund, warum ich das nicht tun sollte), bei <a href="http://julizeh.de/" target="_blank">Juli Zeh</a>s „Corpus Delicti. Ein Prozess“<sup> [1]</sup> nicht einig zu sein. Ich finde das gut, denn „Corpus Delicti“ ist einer der politischsten Texte, die ich in den letzten Jahren gelesen habe und zwingt den Leser geradezu zu Assotiationen mit gegenw&#228;rtigen Entwicklungen. Der Roman verlangt eine eigene Positionierung, was m&#246;glicherweise auch die unterschiedlichen Besprechungen des Buches erkl&#228;rt.  Zun&#228;chst als Theaterst&#252;ck erschienen, liegt „Corpus Delicti” nun als Roman vor, dem das szenenhafte eines Theaterst&#252;cks aber nach wie vor geblieben ist.</p>

<blockquote>„Es geht […] um die Tatsache, dass die Datenspur eines Menschen Millionen von Einzelinformationen enth&#228;lt, aus denen sich jedes beliebiges Mosaik zusammensetzen l&#228;sst.” (S. 226)</blockquote>

<p>Mia Holl lebt im fiktiven Deutschland des Jahres 2057, das zu einem in Fragen der Gesundheit konsequenten Pr&#228;ventivstaat geworden ist.</p>

<p>Im Oberarm implantierte Chips<span id="more-1699"></span> liefern st&#228;ndig Daten an Scanner, in Wohnungen wird alles an Daten erhoben, was nur m&#246;glich, bis hin zum Gehalt an Magens&#228;ure im Abwasser, woraus man R&#252;ckschl&#252;sse ziehen kann, ob sich ein B&#252;rger &#252;bergeben hat. Es wird aber beispielsweise auch erhoben, ob man die verpflichtende Kilometerzahl auf dem Heimfahrrad zur&#252;ckgelegt hat.</p>

<p>Krankheit ist ausgerottet, jedes m&#246;glicherweise krankmachende Verhalten ist ein Straftatbestand.</p>

<p>Das Staatssystem nennt sich „Methode“ und h&#228;lt sich f&#252;r absolut rational.</p>

<p>Wer sich dem doch nur das Beste wollenden Staat und der Vorsorge entzieht, ist selber schuld. Wer ein „Recht auf Krankheit“ fordert, wird vom Staat als Terroist verfolgt und Mia Holl steht vor Gericht, weil sie nicht glauben will, dass ihr Bruder Moritz, trotz eines scheinbar eindeutigen DNA-Beweises, eine Frau vergewaltigt und umgebracht haben soll.</p>

<p>Moritz hat sich in der Haft umgebracht und Mia, einst vollkommen systemh&#246;rig, kommt ins Zweifeln, wird zum Star einer aufkeimenden Gegenbewegung – und muss am Ende erfahren: Ein System, dass die Datenspur eines Menschen m&#246;glichst umfassend erhebt, kann daraus alles ihm liebe konstruieren. – Wenn zun&#228;chst auch Assoziationen zu <a href="http://herrlarbig.de/2008/08/22/2008-big-brother-is-still-watching-you/" target="_blank">George Orwells Roman „1984“</a> aufkeimen, tauchen am Ende in meiner Erinnerung Bilder aus Heinrich B&#246;lls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf.</p>

<p>Aber Assoziationen zu anderen Autoren und deren Werke reichen nicht, um dem Anspruch des Buches gerecht zu werden. „Corpus Delicti“ ist vielmehr ein Buch, in dem die Tendenzen der Gegenwart mit gro&#223;er intellektueller Sch&#228;rfe aufgegriffen und weiter gedacht werden. Im Buch f&#252;hrt die F&#252;rsorglichkeit des Staates zur radikalen Entm&#252;ndigung der B&#252;rger – und entpuppt sich somit als ein antiaufkl&#228;rerisches Projekt, setzte die Aufkl&#228;rung doch „auf den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“. Diesem Anspruch tritt der Staat in „Corpus Delicti“, verk&#246;rpert durch Heinrich Kramer, einem fanatischen Gentlemen, der mit dem Buch „Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation“ das ideologische Grundwerk dieser Gesundheitsdikatur geschrieben hat, mit dem Anspruch entgegen, dass doch wohl keiner etwas dagegen haben k&#246;nne, wenn man Gesundheit ins Zentrum des Staatswesen stelle und sich somit von allen Ideologien entferne, die das 20. Jahrhundert gepr&#228;gt h&#228;tten:</p>

<blockquote>„Gesundheit ist das Ziel des nat&#252;rlichen Lebenswillens und deshalb nat&#252;rliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik.“ (S. 7)</blockquote>

<p>Und an anderer Stelle formuliert Kramer das antiaufkl&#228;rerische der „Methode“ selbst:</p>

<blockquote>„Ich verabscheue das R&#252;ckst&#228;ndige der Freigeisterei, dieses altmodische &#220;berbleibsel b&#252;rgerlicher Aufkl&#228;rung.“ (182)</blockquote>

<p>Wer wollt einer solchen Aussage auf dem ersten Blick widersprechen? – Und doch f&#252;hrt dieses Ziel zu einer Diktatur – und er&#246;ffnet von Anfang an Assoziationr&#228;ume. Das ist &#252;berhaupt eine der gro&#223;en St&#228;rken dieses Buches: Es erlaubt den Lesenden, die Gegenwart kritisch in den Blick zu nehmen, ohne dass sie von der Autorin bevormundet w&#252;rden – dazu sind die Darstellungen der Notwendigkeiten und Risiken eigenen Denkens viel zu differenziert ausgefallen.</p>

<p>Ersetzen wir „Gesundheit“ durch „Sicherheit“, so sind die Leser mitten in der Gegenwart, mit Vorratsdatenspeicherung, Er&#246;ffnung rechtlicher M&#246;glichkeiten der Internetzensur mithilfe eines moralisch hochstehenden Wertes, Einf&#252;hrung biometrischer Daten in Ausweisdokumenten etc. – Und somit &#252;berrascht es nicht, dass Juli Zeh als erste Autorin &#252;berhaupt eine Klage beim Bundesverfassungsgericht gegen eben diese Integration biometrischer Daten in Ausweisdokumenten eingereicht hat. – Das sei aber nur am Rande erw&#228;hnt.</p>

<p>Mia Holl kommt im Laufe ihres Kampfes f&#252;r die Rehabilitation ihres Bruders zu dem Schluss, dass sie ihrer Gesellschaft das Vertrauen entzieht. Und hier wird der Roman hoch aktuell. In einem von Mia Molls in Heinrich Kammers Feder diktierten Text hei&#223;t es unter anderem:</p>

<blockquote>„Ich entziehe einem Recht das Vertrauen, das seine Erfolge einer vollst&#228;ndigen Kontrolle des B&#252;rgers verdankt. Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat. […] Ich entziehe einer Politik das Vertrauen, die ihre Popularit&#228;t allein auf das Versprechen eines risikiofreien Lebens st&#252;tzt.“ (S. 186f.)</blockquote>

<p>Sicherheit als Argument f&#252;r die Reduktion b&#252;rgerlicher Freiheitsrechte, f&#252;r die Aush&#246;hlung des Brief- und Telekommunikationsgeheimnisses; abscheuliche Verbrechen einer Minderheit und die sich daraus ergebenden Schutznotwendigkeiten minderj&#228;hriger Opfer als Einstieg in rechtliche M&#246;glichkeit zur Sperrung bestimmter Websites und somit zumindest die Schaffung erster rechtlicher Grundlagen zu einer &#252;ber das moralisch hochstehende Anliegen hinaus gehenden Zensur im Internet – inklusive einer Diskreditierung der sachlich gegen diese Entwicklungen argumentierenden Fachleute als potentielle Unterst&#252;tzer jener abscheulichen Verbrechen, die man doch nur verhindern wolle… – Mir kommen Mia Molls Aussagen ebenso aktuell vor, wie die Aussage, dass doch nur derjenige gegen &#220;berwachung sein m&#252;sse, der etwas zu verbergen habe, da sie doch die allgemeine Sicherheit steigere.</p>

<p>Nein, ein absolutistischer Pr&#228;ventivstaat ist keine wilde Phantasie einer Schriftstellerin. Selbst im Forum der Seiten des Deutschen Bundestages wird auf das <a href="http://www.bundestag.de/blickpunkt/101_themen/0703/0703044.htm" target="_blank">Risiko der Freiheitseinschr&#228;nkung der B&#252;rger durch den Staat mit pr&#228;ventivem Ziel</a> hingewiesen, zu denen &#252;brigens auch Onlinedurchsuchungen von Rechnern geh&#246;ren. Die Unschuldsvermutung bis zum Vorliegen konkreter Belege, dass diese nicht mehr gelten kann, wird immer mehr ausgeh&#246;lt und die Freiheit dem scheinbar so rationalen Sicherheitsargument unterworfen. – Juli Zehs „Corpus Delicti“ greift indirekt tats&#228;chlich die zentralen Risiken der Unterminierung der freiheitlich demokratischen Grundordnung auf und steht somit, f&#252;r junge deutschsprachige Schriftstelle &#252;brigens v&#246;llig untypisch, in der Tradition politisch und gesellschaftlich aufkl&#228;rerisch wirken wollender Literatur eines Erich Frieds oder Heinrich B&#246;lls, dessen „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ nicht ohne Grund immer wieder als Vergleich zu Zehs Roman (Theaterst&#252;ck) heran gezogen wird.</p>

<p>Das besondere an Zehs Roman – und das verbindet sie mit Heinrich B&#246;ll – ist, dass der literarische Anspruch nicht von der politischen Interpretationsm&#246;glichkeit des Textes &#252;berlagert wird.</p>

<p>Einerseits wird hier ein Schl&#252;sselthema unserer Zeit aufgegriffen, m&#252;ssen wir uns doch zunemend der Frage stellen, wie weit wir im Kontext von Pr&#228;vention die schleichende Entm&#252;ndigung durch die Vorsorgeanspr&#252;che des Staates zu akzeptieren bereit sind. Andererseits wird dieses Thema in einer knappen, zahlreiche Leerstellen f&#252;r eigene Assoziationen der Lesenden lassenden Erz&#228;hlweise darsgestellt, ohne dass die Erz&#228;hlfigur des Romanes auf eigene Erz&#228;hlerkommentare verzichten w&#252;rde.</p>

<blockquote>„Gehen wir der Einfachheit halber davon aus, dass sie [Mia Holl] an Moritz denkt. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir richtig liegen, ist sehr hoch.“ (S. 79)</blockquote>

<p>Die Sprache wirkt teilweise, bei aller tiefgehenden Durchdringung der im Roman aufgegriffenen Themen, k&#252;hl und distanziert. Die Szenen (Kapitel) sind zahlreich (50 Kapitel) und knapp (auf 264 Seiten), wobei die Figuren teilweise den Eindruck erwecken, sie seien von der Autorin nicht dreidimensional genug dargestellt worden und blieben deshalb seltsam distanziert.</p>

<p>Diese Kritik muss sich der Roman gefallen lassen, wenn man von einem an einen Krimi erinnernden Roman eine Spannung erwartet, die den Leser mitrei&#223;t, eine Heldin erhofft, die als Identifikationsfigur gestaltet ist. Doch diesen Anspruch will der Roman gar nicht erf&#252;llen.</p>

<p>Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“ steht in meinen Augen eher in der Tradition des Anspruchs Brechts an ein Theater mit aufkl&#228;rerischem Anspruch (und „Corpus Deliciti war zun&#228;chst ein Theaterst&#252;ck, sodass diese Assoziation legitim ist), als in der Tradition von Thrillern und Kriminalromane, die zum Mitfiebern einladen, so sehr von der Autorin, vor allem gegen Ende des Romans, einiges an Spannungsaufbau erreicht wird.</p>

<p>Doch nicht nur an Bertolt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Episches_Theater" target="_blank">Brechts episches Theater</a>, auch durch die Umsetzung eines Theaterst&#252;cks als Roman, wie bei Brechts „Dreigroschenoper“ und dem „Dreigroschenroman“, erinnert „Corpus Deliciti. Die Grundhandlung ist vielmehr eher die einer <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Griechische_Trag%C3%B6die" target="_blank">griechischen Trag&#246;die</a>: Mia Moll muss im Rahmen ihrer Gesellschaft schuldig werden, egal, wie sie handeln wird:</p>

<blockquote>„‚Ich blicke auf eine Kreuzung zwischen zwei Wegen’, sagt Mia. ‚Der eine Weg hei&#223;t Ungl&#252;ck, der andere Verderben. Entweder ich verfluche ein System, zu dessen METHODE es keine vern&#252;nftige Alternative gibt. Oder ich verrate die Liebe zu meinem Bruder, an dessen Unschuld ich ebenso fest glaube wie an meine Existenz.’” (S. 39)</blockquote>

<p>Wohin das f&#252;hren wird, ob es Mia gelingt, am Ende doch als strahlende Siegerin darzustehen? Keine Frage, dieser Roman ist auch dann ein literarischer Genuss, wenn man das Ende kennt. Da ich ihm aber sehr viele Leser und Leserinnen w&#252;nsche, verzichte ich darauf, das Ende zu verraten. Nur so viel: Das Ende ist irritierend, wirft Fragen auf und fordert die reflexiven F&#228;higkeiten der Lesenden noch einmal massiv heraus. Juli Zeh macht es auch formal schwer, den Roman einfach abzuschlie&#223;en, zur Seite zu legen und zum n&#228;chsten Buch zu greifen. Nach der letzten Seite bleiben Fragen offen, denen sich Lesende stellen m&#252;ssen, wollen sie diesen gelungenen Roman wirklich auf sich wirken lassen.</p>



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<br/><br/><ol class="footnotes"><li id="footnote_0_1699" class="footnote">Juli Zeh, Corpus Delicti. Ein Prozess, Frankfurt am Main (Sch&#246;ffling) 2009. 264 Seiten – 19,90 €</li></ol>
	Tags: <a href="http://herrlarbig.de/tag/20-jahrhundert/" title="20. Jahrhundert" rel="tag">20. Jahrhundert</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/21-jahrhundert/" title="21. Jahrhundert" rel="tag">21. Jahrhundert</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/aufklaerung/" title="Aufklärung" rel="tag">Aufklärung</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/buchkritik/" title="Buchkritik" rel="tag">Buchkritik</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/corpus-delicti/" title="Corpus Delicti" rel="tag">Corpus Delicti</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/datenspeicherung/" title="Datenspeicherung" rel="tag">Datenspeicherung</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/deutschland/" title="Deutschland" rel="tag">Deutschland</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/diktatur/" title="Diktatur" rel="tag">Diktatur</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/figuren/" title="Figuren" rel="tag">Figuren</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/gegenwart/" title="Gegenwart" rel="tag">Gegenwart</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/george-orwell/" title="George Orwell" rel="tag">George Orwell</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/gesellschaft/" title="Gesellschaft" rel="tag">Gesellschaft</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/gesundheit/" title="Gesundheit" rel="tag">Gesundheit</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/interpretation/" title="Interpretation" rel="tag">Interpretation</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/juli-zeh/" title="Juli Zeh" rel="tag">Juli Zeh</a>, <a href="http://herrlarbig.de/category/lesen/" title="lesen" rel="tag">lesen</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/literatur/" title="Literatur" rel="tag">Literatur</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/politik/" title="Politik" rel="tag">Politik</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/praevention/" title="Prävention" rel="tag">Prävention</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/praeventionsstaat/" title="Präventionsstaat" rel="tag">Präventionsstaat</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/rezensionen/" title="Rezensionen" rel="tag">Rezensionen</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/roman/" title="Roman" rel="tag">Roman</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/ueberwachung/" title="Überwachung" rel="tag">Überwachung</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/ueberwachungsstaat/" title="Überwachungsstaat" rel="tag">Überwachungsstaat</a><br />

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		<title>Vernetzen oder: Anmerkungen zur „Netzsensibilit&#228;t“</title>
		<link>http://herrlarbig.de/2009/05/12/vernetzen-oder-anmerkungen-zur-netzsensibiltaet/</link>
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		<pubDate>Mon, 11 May 2009 22:17:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Da ich mich nun also wirklich mehr und mehr, neben den vor allem auf pers&#246;nlicher Begegnung beruhenden Netzwerken, in digitalen Netzwerken bewege, ist es an der Zeit, mir &#252;ber das Thema einmal Gedanken zu machen. Zun&#228;chst eine Definition, die ich dem ZUM-Wiki entnommen habe: Ein Soziales Netzwerk sind an sich alle menschlichen Gemeinschaften. Im Zusammenhang [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Da ich mich nun also wirklich mehr und mehr, neben den vor allem auf pers&#246;nlicher Begegnung beruhenden Netzwerken, in digitalen Netzwerken bewege, ist es an der Zeit, mir &#252;ber das Thema einmal Gedanken zu machen. Zun&#228;chst eine <a href="http://wiki.zum.de/Soziale_Netzwerke" target="_blank">Definition, die ich dem ZUM-Wiki entnommen habe</a>:</p>

<blockquote>Ein <strong>Soziales Netzwerk</strong> sind an sich alle menschlichen Gemeinschaften. Im Zusammenhang mit den <a title="Digitale Medien" href="http://wiki.zum.de/Digitale_Medien">neuen Medien</a> meint man damit im engeren Sinne Gemeinschaften, die sich im <a title="Internet" href="http://wiki.zum.de/Internet">Internet</a> bilden.

H&#228;ufig werden sie von darauf spezialisierten Internetdiensten wie <a title="Sch&#252;lerVZ" href="http://wiki.zum.de/Sch%C3%BClerVZ" target="_blank">Sch&#252;lerVZ</a>, <a title="Spickmich" href="http://wiki.zum.de/Spickmich" target="_blank">Spickmich</a>, <a title="Twitter" href="http://wiki.zum.de/Twitter" target="_blank">Twitter</a> und <a title="ZUM-Unity" href="http://wiki.zum.de/ZUM-Unity" target="_blank">ZUM-Unity</a> beherbergt. Sie bilden sich aber auch in der Blogosph&#228;re der <a title="Weblogs" href="http://wiki.zum.de/Weblogs" target="_blank">Weblogs</a> durch Verlinkung und Kommentargemeinschaften von Blogs.

Schlie&#223;lich entstehen solche Netzwerke auch da, wo Benutzer gemeinsam eigene Inhalte erstellen (<em>user generated content</em>), das bekannteste Beispiel daf&#252;r ist die <a title="Wikipedia" href="http://wiki.zum.de/Wikipedia" target="_blank">Wikipedia</a>. Solche soziale Netzwerke bezeichnet man auch als Soziale Medien. (Nicht selten werden wegen der Zusammenarbeit von Blogs auch diese zu den sozialen Medien gerechnet.)</blockquote>

<p>Der Umgang mit solchen Vernetzungen erfordert eine hohe Sensibilit&#228;t in mehreren Bereichen:</p>

<ol>
    <li>Im Web<span id="more-1584"></span> steht man potentiell immer unter Beobachtung; je bekannter eine Web-Pers&#246;nlichkeit wird, um so st&#228;rker ist diese Beobachtung. Aber auch scheinbar v&#246;llig nebens&#228;chliche Aktivit&#228;ten k&#246;nnen relevant werden, wenn z. B. bei einer Bewerbung auch eine Internetrecherche zu den Auswahlkriterien geh&#246;rt. Es bedarf einer hohen Sensibilit&#228;t f&#252;r den Umgang mit dem Web, um es produktiv nutzen k&#246;nnen, insbesondere bei der Frage, was im Web seinen Platz finden soll/kann oder nicht.</li>
    <li>Viele Online-Foren sind von Streitereien auf pers&#246;nlicher Ebene gepr&#228;gt, wozu die scheinbare Anonymit&#228;t im Netz m&#246;glicherweise seinen Teil betr&#228;gt. Soll Vernetzung im Web produktiv werden, muss diese Vernetzung strickt den Codes von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Netiquette" target="_blank">Netiquetten</a> folgen und diese, wo n&#246;tig, auch weiterentwickeln.</li>
</ol>

<p>Wie aber kann eine solche „Netzsensibilit&#228;t“ (Jean-Pol Martin) konkrete Formen annehmen? Was ist im Netz zu beachten, damit im „Zusammenhang der <a title="Globalisierung" href="http://wiki.zum.de/Globalisierung">Globalisierung</a> und der Wissensgesellschaft ein kognitiv, aber auch emotional wahrgenommenes Gesp&#252;r f&#252;r die Interdependenz und Verwobenheit der Welt und aller ihrer Konstituenten (Menschen, Regionen, L&#228;nder, Kontinente)“<sup> [1]</sup> entstehen kann? Diese Frage ist vor allem deshalb wichtig, weil Netzsensibilit&#228;t  die Voraussetzung daf&#252;r ist, „dass Vernetzungsw&#252;nsche anderer Menschen erkannt und fruchtbar umgesetzt werden“<sup> [2]</sup>.</p>

<p>Damit bin ich beim Kern der Sache: Vernetzung beruht auf gegenseitigen Vernetzungsw&#252;nschen, wird also immer von pers&#246;nlichen Intentionen bestimmt, die mehr oder weniger spezifisch sein k&#246;nnen: In Fachcommunities geht es um bestimmte Sachfragen, die die Teilnehmenden zu Vernetzungsw&#252;nschen treiben, in vielen Social-Communities geht es eher um pers&#246;nliche Kontaktw&#252;nsche oder einfach darum, auch dort anzutreffen zu sein wo „alle“ sind (Sch&#252;lerVZ ist da ein typisches Beispiel).</p>

<p>Was das f&#252;r mich bedeutet, will ich hier entlang der von Jean-Pol Martin entwickelten Kriterien der „Netzsensibilit&#228;t“ reflektieren.<sup> [3]</sup> Eine <a href="http://wiki.zum.de/Netzsensibilit%C3%A4t" target="_blank">&#220;bersicht &#252;ber den Stand der Entwicklung des Begriffs</a> findet sich im ZUM-Wiki.</p>

<p>Nun aber zu den „Komponenten“ der Netzsensibilit&#228;t nach Martin, die ich aus meiner Sicht kommentiere (und schon bin ich wieder mitten im Vernetzungsprozess drinnen):</p>

<ul>
    <li>Erkennen, dass man als Einzelner Tr&#228;ger von Ressourcen ist.</li>
</ul>

<p>Um sich &#252;berhaupt auf den Prozess der Vernetzung, zumindest wenn Vernetzung auf Sachfragen und Interessengebiete hin ausgerichtet ist, einlassen zu k&#246;nnen, muss der Einzelne &#252;berhaupt erst einmal zu der Einsicht kommen, dass er etwas zu sagen hat, das f&#252;r mehr als nur ihn selbst interessant sein kann. „Ich selbst“ verf&#252;ge &#252;ber eine Kombination aus Wissensbest&#228;nden und Lebenserfahrungen, die in dieser Zusammensetzung einmalig sind. Der Einzelne hat kognitive Reflexionsm&#246;glichkeiten, die in der Mischung der Voraussetzungen, der Sub- und Kontexte des Nachdenkens f&#252;r andere fruchtbar sein k&#246;nnen. Aber auch die Kombination der Wissensbest&#228;nde und Lebenserfahrungen anderer Individuen sind einmalig, so dass ein vernetzter Austausch zu einer Erweiterung der eigenen Ressourcen f&#252;hren kann. Deshalb ergibt sie die Notwendigkeit zu</p>

<ul>
    <li>erkennen, dass man das eigene Ressourcenpotenzial aktiv vermehren soll, damit man die eigene Attraktivit&#228;t in der Gruppe erh&#246;ht.</li>
</ul>

<p>Eine &#252;berraschende Wendung: Es geht zun&#228;chst nicht darum, dass Vernetzung die eigenen Ressourcen erweitert, sondern darum, dass mit der Erweiterung der eigenen Ressourcen auch die Ressourcen anderer in der Gruppe vermehrt werden. Je mehr man sich aktiv um die Vermehrung der eigenen Ressourcen k&#252;mmert, um so mehr steigt die Bereicherung, die andere durch einen selbst erfahren k&#246;nnen. So verstehe ich in diesem Zusammenhang die „Attraktivit&#228;t“: Es geht darum, die gegenseitige Anziehungskraft durch die Erfahrung der M&#246;glichkeit zur Vermehrung der eigenen Ressourcen in Netzwerken zu erh&#246;hen – und damit auch die Anziehungskraft der Mitglieder zu st&#228;rken, das gemeinsame Arbeiten also auf eine zuverl&#228;ssige Arbeitsgrundlage zu stellen. Andererseits entspricht die Erh&#246;hung der eigenen Attraktivit&#228;t durch aktive Vernetzung den Bed&#252;rfnissen, die der Mensch nach <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Maslowsche_Bed%C3%BCrfnispyramide" target="_blank">Maslow</a> hat. Direkt mit dieser Erh&#246;hung der eigenen Attraktiv ist die Erkenntnis verbunden,</p>

<ul>
    <li> dass man das eigene Ressourcenpotenzial durch <a title="Kommunikation" href="http://wiki.zum.de/Kommunikation" target="_blank">Kommunikation</a> erh&#246;hen kann.</li>
</ul>

<p>Und zwar nur durch Kommunikation, wobei ich unter Kommunikation auch die Auseinandersetzung mit B&#252;chern verstehe, aber nat&#252;rlich ebenso die konkrete Kommunikation von an Themen interessierten Individuen, sei es nun im Web oder in der pers&#246;nlichen Begegnung (oder in beiden Bereichen). Ich muss kommunizieren, damit Wissen entstehen kann. Die eigene Attraktivit&#228;t (oder auch Anerkennung)  h&#228;ngt wesentlich davon ab, dass ich mich selbst nicht f&#252;r zu wichtig halte und gleichzeitig doch darum wei&#223;, dass ich wichtig bin und das der andere wichtig ist und erkenne,</p>

<ul>
    <li>dass Kommunikation dann entsteht, wenn der eine wei&#223;, was der andere nicht wei&#223;.</li>
</ul>

<p>Dies ist eigentlich immer der Fall, wenn ich unter Wissen nicht nur lexikalisches Wissen verstehe, sondern ein Wissen, das mit eigenen Erfahrungen und den sich daraus ergebenden Denkhorizonten angereichert ist. Dabei muss das Kommunikation begr&#252;ndende, unterschiedliche Wissen nicht so unterschiedlich sein, dass es wieder ankn&#252;pfungslos wird, sondern kann auch darin bestehen, dass das Gegen&#252;ber gleiche Dinge anders sieht und somit neue, vertiefte oder ver&#228;nderte Wissensbest&#228;nde entstehen. Hier wirken die Menschen wie „<a href="http://www.adz-netzwerk.de/wiki/index.php/Benutzer:Jeanpol/Folie_3" target="_blank">Neuronen</a>“ aufeinander ein. Und weil das so ist, gilt es zu erkennen,</p>

<ul>
    <li>dass durch Kommunikation und Weitergabe von Wissen das eigene Wissen vermehrt wird.</li>
</ul>

<p>Wissen, dass man wie einen Schatz f&#252;r sich behalten will, verfault. Wer die eigenen Talente nicht zu erkennen vermag und mit den eigenen Talenten nicht loszieht, um sie zu vermehren, reduziert seine eigenen Entwicklungsm&#246;glichkeiten. Wenn ich meine Talente brach liegen lasse, dann verrotten sie und irgendwann sind sie verloren.<sup> [4]</sup> Kommunikation ist die beste (einzige?) M&#246;glichkeit, das eigene Wissen (und damit meine ich nicht nur Theoriekenntnisse sondern auch praxisbezogenes Wissen) zu vermehren. Damit dies m&#246;glich ist, bedarf es der</p>

<ul>
    <li>F&#228;higkeit, Potenziale von anderen Gruppenmitgliedern zu erkennen, zu erschlie&#223;en und f&#252;r die Gruppe fruchtbar zu machen.</li>
</ul>

<p>Kommunikation lebt von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Empathie" target="_blank">Empathie</a>. Hier gilt das Gleiche, das f&#252;r Schauspieler oder (Jazz)Musiker gilt, die mit anderen zusammen spielen: Es geht darum, nicht gegen den anderen zu spielen und seine Spielangebote zu verneinen (insbesondere bei der Improvisation), sondern um ein Gesp&#252;r f&#252;r die Kommunikationsangebote der anderen Gruppenmitglieder und deren positiver Aufnahme. Kommunikation ist tot, wenn sie kein Gesp&#252;r f&#252;r die Potentiale der anderen Gruppenmitglieder zu entwickeln vermag. Deshalb bedarf es &#252;ber die Emapathie hinaus der</p>

<ul>
    <li>F&#228;higkeit, Kommunikation innerhalb einer Gruppe einzuleiten und aufrecht zu erhalten.</li>
</ul>

<p>Dies ist eine Grundqualifikation, um gemeinsame Konstruktion von Wissen zu erm&#246;glichen und sie bezieht sich nicht auf einen Gruppenleiter, sondern auf jedes Mitglied einer Gruppe! Die Aufgabe des Gruppenleiters (oder Lehrers) ist es unter anderem, diese F&#228;higkeit als Kompetenz zu vermitteln und deren praktische Umsetzung zu erm&#246;glichen und professionell zu begleiten. Das Ziel dabei ist die Bef&#228;higung zur symmetrischen Kommunikation und der</p>

<ul>
    <li>F&#228;higkeit, die Transformation von Information zu <a title="Wissen" href="http://wiki.zum.de/Wissen">Wissen</a> in der Gruppe [selbst] anzuleiten.</li>
</ul>

<p>Jedes Gruppenmitglied hat diese Aufgabe und „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Flow_(Psychologie)" target="_blank">Flow</a>“ kann in einer Gruppe entstehen, wenn alle Mitglieder st&#228;ndig an diesem Prozess der Transformation beteiligt sind und dabei <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Synergie" target="_blank">Synergien</a> frei werden. Der Wert von Vernetzung liegt darin, dass das Ganze immer mehr als seine Teile ist, dass das Zusammenwirken auf gegenseitige F&#246;rderung hin ausgerichtet ist. Und hieraus ergibt sich dann die Notwendigkeit der</p>

<ul>
    <li>F&#228;higkeit, f&#252;r die Gruppe relevante externe Ressourcen aktiv zu suchen.</li>
</ul>

<p>Vier, sechs, acht, x Augen sehen nun einmal mehr als zwei und die aktive Suche nach f&#252;r die Gruppe relevanten externen Ressourcen steht auch in Verbindung mit dem Kriterium, dass der Einzelne etwas wissen soll, das die anderen Gruppenmitglieder (noch) nicht wissen. Dies geschieht auch durch die Suche von Material, das in den vernetzten Prozess der Wissenskonstruktion eingespeist und miteinander erarbeitet wird. Doch Wissen, das nur konstruiert und keine konkreten Handlungen oder Handlungsbef&#228;higungen nach sich zieht, ist totes Wissen. Deshalb bedarf es der</p>

<ul>
    <li>F&#228;higkeit, Handlungsbereitschaft zu erkennen und zu mobilisieren,</li>
</ul>

<p>um Wissen f&#252;r sich und andere fruchtbar zu machen und einen Beitrag auch der Kommunikation in das Au&#223;erhalb eines Netzwerkes leisten zu k&#246;nnen. Denn jede Wissenskonstruktion muss zur Handlungsbef&#228;higung f&#252;hren, zu konkreten Projekten. Es reicht eben nicht, Wissensbest&#228;nde anzuh&#228;ufen, sie m&#252;ssen auch bewertet werden und zu Konsequenzen f&#252;hren. Es geht um die L&#246;sung von Probleme und „<a href="http://jeanpol.wordpress.com/2008/11/21/menschen-kommunizieren-wenn-der-eine-etwas-weis-was-der-andere-nicht-weis/" target="_blank">um Probleme zu l&#246;sen, m&#252;ssen wir ununterbrochen neues Wissen konstruieren. In Einsamkeit geht das nicht. Zur Produktion von neuem Wissen, m&#252;ssen Menschen kommunizieren</a>“. Von daher bedarf es schlie&#223;lich der</p>

<ul>
    <li>F&#228;higkeit, Kommunikation nach au&#223;en einzuleiten und aufrecht zu erhalten.</li>
</ul>

<p>Und so theoretisch dieser Beitrag auch klingen mag: Ich mache genau das, was hier beschrieben wird. Ich greife <a href="http://wiki.zum.de/Netzsensibilit%C3%A4t" target="_blank">eine Ressource</a> auf und erg&#228;nze sie um meine &#220;berlegungen zum Thema, wobei sich mein eigenes Resourcenpotential durch Vernetzungen in  fachbezogenen sozialen Gemeinschaften (Blogs, Feeds, <a href="http://ldl.mixxt.de" target="_blank">ldl.mixxt.de</a>, <a href="http://ldl.mixxt.de" target="_blank">maschendraht.mixxt.de</a>, Twitter) und der dort stattfindenden Kommunikationsprozesse selbst st&#228;ndig erweitert. Dieser Beitrag ist, wie viele andere Beitr&#228;ge auf dieser Website, Teil eines Kommunikationsprozesses, an dem mitlerweile &#252;berraschend viele Leute beteiligt sind. Dabei kann jeder eigenes Wissen beitragen und so wird die Kommunikation selbst &#252;berhaupt erst m&#246;glich, weil „man sich was zu sagen hat“. Ohne die Potentiale meiner Gespr&#228;chspartner im Netzwerk, w&#228;re das alles nicht m&#246;glich, da diese einfach &#252;ber Wissen verf&#252;gen, das mir so erst einmal nicht zur Verf&#252;gung steht. Doch das so gewonnene Wissen bleibt nicht in der Gruppe, sondern wird gestreut, „diffundiert“, sodass die in den Diskussionen ausgetauschten Informationen zu handlungsbef&#228;higendem Wissen werden, woraus sich dann die unterschiedlichsten Projekte ergeben, wobei der Projektbegriff hier sehr weit verstanden wird, denn auch dieses Blogs ist ein solches Projekt unter vielen anderen, die an &#228;hnlichen Themen arbeiten.</p>



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<br/><br/><ol class="footnotes"><li id="footnote_0_1584" class="footnote"><a href="http://wiki.zum.de/Netzsensibilit%C3%A4t" target="_blank">http://wiki.zum.de/Netzsensibilit&#228;t</a></li><li id="footnote_1_1584" class="footnote"><a href="http://wiki.zum.de/Netzsensibilit%C3%A4t" target="_blank">http://wiki.zum.de/Netzsensibilit&#228;t</a></li><li id="footnote_2_1584" class="footnote"><a title="Jean-Pol Martin" href="http://wiki.zum.de/Jean-Pol_Martin" target="_blank">Jean-Pol Martin</a> (2007): <em>Wissen gemeinsam konstruieren: weltweit</em>. In: Lernen und Lehren &#8211; Zeitschrift f&#252;r Schule und Innovation in Baden-W&#252;rttemberg. 33(1): S.29/30. Neckar-Verlag Villingen-Schwenningen.</li><li id="footnote_3_1584" class="footnote">Vergleiche: <a href="http://www.abtei-kornelimuenster.de/Spirituelles/Kirchenjahr/Glauben%20wagen.htm" target="_blank">http://www.abtei-kornelimuenster.de/Spirituelles/Kirchenjahr/Glauben%20wagen.htm</a></li></ol>
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</ul>

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		<pubDate>Wed, 29 Apr 2009 22:08:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Belangloses Wissen hat Hochkonjunktur. Wissen ohne Bez&#252;ge zur eigenen Person ist allgegenw&#228;rtig. Und ich sage es lieber schon gleich zu Beginn, dass ich dagegen nach wie von dem Bildungsbegriff (ich weigere mich, in diesem Zusammenhang von einem Bildungsideal zu sprechen) Wilhelm von Humboldts gepr&#228;gt bin und diesen nach wie vor f&#252;r bedeutsam halte. Zun&#228;chst eine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Belangloses Wissen hat Hochkonjunktur. Wissen ohne Bez&#252;ge zur eigenen Person ist allgegenw&#228;rtig. Und ich sage es lieber schon gleich zu Beginn, dass ich dagegen nach wie von dem Bildungsbegriff (ich weigere mich, in diesem Zusammenhang von einem Bildungsideal zu sprechen) Wilhelm von Humboldts gepr&#228;gt bin und diesen nach wie vor f&#252;r bedeutsam halte. Zun&#228;chst eine Bestandsaufnahme:</p>

<ul>
    <li>Bildung wird heute mit Schulabschl&#252;ssen gleich gesetzt und dabei in h&#246;here und nicht h&#246;here Bildung aufgeteilt. Ohne Bildung in diesem formalen Sinne<span id="more-1468"></span> geraten Menschen heute schnell in die sogenannte „Bildungsarmut“. Eine interessante Zusammenstellung zum Thema liefert das von der <a href="http://www.bpb.de" target="_blank">Bundeszentrale f&#252;r politische Bildung</a> herausgegebene Heft <a href="http://www.bpb.de/publikationen/JQJWQK,,0,Bildungsmisere.html" target="_blank">Aus Politik und Zeitgeschichte (B 21-22/2003)</a>, in dem die „Bildungsmisere“ in Deutschland umfassend aufgegriffen wird.</li>
    <li>„Wissen“ ist heute Gegenstand der Unterhaltung, in Quizsendungen mit sehr beeindruckenden Gewinnm&#246;glichkeiten (ohne diese Geldsummen w&#228;ren diese Sendungen wahrscheinlich noch offensichtlicher langweilig als sie es eh schon sind), aber auch in den zahlreichen, oft als „Dokumentationen“ daher kommenden „Wissens“-Sendungen vor allem im Fernsehen.</li>
    <li>Die Begriffe „Wissen“ und „Bildung“ werden oft synonym gebraucht, so z.B. im Titel von Dietrich Schwanitz’ „Bildung. Alles, was man wissen mu&#223;“, M&#252;nchen, 24. Auflage 2002.</li>
    <li>Neben den Begriffen „Wissen“ und „Bildung“ spielt in der gegenw&#228;rtige „Bildungs“-Debatte auch der „Kompetenz“-Begriff eine nicht unbedeutende Rolle.</li>
</ul>

<p>Mir kommt das wie ein gordischer Knoten der Vermengung, Gleichsetzung und Entleerung bis zur Bedeutungslosigkeit der W&#246;rter vor – Grund genug, den Begriffen einmal ein wenig nach zu gehen, ohne den Anspruch auf ein letztes Wort zu erheben. Das ist ein Blog-Eintrag, nicht mehr, aber auch nicht weniger.</p>

<p>Und schon sto&#223;e ich auf das erstes Problem: Alle hier von mir in den Fokus genommen Begriffe sind keine voraussetzungslosen Begriffe, alle drei Begriffe ergeben sich in ihrer Bedeutung aus einer Grundeigenschaft von (vielen) Lebewesen, n&#228;mlich der Eigenschaft, dass Lebewesen lernen. Den Menschen zeichnet dar&#252;ber hinaus (nach unserem bisherigen Kenntnisstand) die Eigenschaft aus, dass er &#252;ber solche Prozesse selbst nachdenken kann und daraus folgend die F&#228;higkeit entwickeln konnte „Ich“ zu sagen, sich also als ein &#252;ber sich selbst reflektieren k&#246;nnendes Individuum erf&#228;hrt, das nicht nur implizites, sondern auch explizites Wissen erzeugen kann.</p>

<p>Kurz: Dass wir Menschen lernen ist die Voraussetzung f&#252;r das Sprechen &#252;ber Bildung, Wissen und Kompetenzen.  Dabei lernt der Mensch schon alleine, weil er Mensch ist. Das Gelernte ist zun&#228;chst allerdings  kein explizierbares, also aussprechbares und damit in Pr&#252;fungen abrufbares Wissen (<a href="http://www.teachsam.de/psy/psy_kog/lernth/wiss/wiss_2_2_1_1.htm" target="_blank">explizites Wissen</a>), sondern ein Wissen, dass nicht (vollst&#228;ndig) in Worten ausgedr&#252;ckt werden kann und vor allem ein „K&#246;nnen“ ist (<a href="http://www.teachsam.de/psy/psy_kog/lernth/wiss/wiss_2_2_1_2.htm" target="_blank">implizites Wissen</a>).</p>

<p>Ein Beispiel: Kinder lernen sprechen und k&#246;nnen es dann, ohne dass sie zun&#228;chst in der Lage w&#228;ren, die Regeln, denen ihre nach einer gewissen Zeit meist korrekt gebildeten S&#228;tze folgen, benennen zu k&#246;nnen. Kinder lernen laufen, ohne erkl&#228;ren zu k&#246;nnen, wie das Laufen funktioniert etc. (implizites Wissen).</p>

<p>Sp&#228;ter lernen Kinder dann in der Schule die Grammatik, die in die Lage versetzt &#252;ber korrekten Satzbau zu sprechen, Satzstrukturen zu analsysieren und die als Wissen &#252;berpr&#252;ft werden kann (explizites Wissen).</p>

<p>Betrachte ich die heutige Bildungsdiskussion, so scheint mir mit dem Begriff „Wissen“ vor allem dieses explizite, &#252;berpr&#252;fbare Wissen gemeint zu sein, solches Wissen also, dass in Lexika, Lehrb&#252;chern etc. zur Verf&#252;gung steht und das Menschen seit der Aufkl&#228;rung im Rahmen von „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Enzyklop%C3%A4die" target="_blank">Enzyklop&#228;dien</a>“ sammeln und zur Verf&#252;gung stellen.</p>

<p>In diese Reihe geh&#246;rt auch Wikipedia, wenn es um das Ziel geht, m&#246;glichst gro&#223;e Teile des verf&#252;gbaren Wissens zug&#228;nglich zu machen.</p>

<p>Implizites Wissen rangiert in der Werteskala der „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Wissensgesellschaft" target="_blank">Wissensgesellschaft</a>“ unter dem expliziten Wissen und wird entweder als selbstverst&#228;ndlich vorausgesetzt oder in eine explizierbare Form &#252;bertragen, deren Beherrschung dann &#252;berpr&#252;ft werden kann. Wer solche Pr&#252;fungen nachweisen kann, verf&#252;gt &#252;ber „formale Bildung“<sup> [1]</sup></p>

<p>Um „formale Bildung“ zu erreichen, sind bestimmte Kompetenzen notwendig, wobei der <a href="http://www.ewi-psy.fu-berlin.de/einrichtungen/arbeitsbereiche/eval-qs-qm/forschung/dfg-projekt_gesundheit/Kompetenzbegriff/index.html" target="_blank">Kompetenzbegriff</a> als solcher in Bildungszusammenh&#228;ngen <a href="http://www.ash-berlin.eu/uploads/media/Was_sind_Kompetenzen.pdf" target="_blank">sehr vielf&#228;ltig verwendet</a> und h&#228;ufig mit dem <a href="http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000000908/04_KapA4.pdf;jsessionid=BC7958906E17F681CF261F5D93D797A6?hosts=" target="_blank">Qualifikationsbegriff</a> verbunden wird. In diesem Rahmen wird dann auch von „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schl%C3%BCsselqualifikation" target="_blank">Schl&#252;sselqualifikationen</a>“ gesprochen, zu denen unter anderem z. B. das Lesen und das Schreiben geh&#246;ren.</p>

<p>Und um die Vielfalt und Unsch&#228;rfe der Begriffe noch ein wenig weiter vorzuf&#252;hren, nenne ich noch die Weiterf&#252;hrung des Kompetenzenbegriffs in der Rede von „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Kompetenz" target="_blank">sozialen Kompetenzen</a>“, die heute auch unter dem Begriff „soft skills“ bekannt sind.</p>

<p>Der Kompetenzenbegriff ist also schillernd, mit der Folge, dass er in jedem Zusammenhang, in dem er verwendet wird, eigens ausdifferenziert werden muss, was auch nicht gerade zur Sch&#228;rfung des Begriffs im Sinne eines „expliziten Wissens“ beitr&#228;gt – aber nicht zu vermeiden ist, soll er von einem abstrakten Begriff in handhabbare Handlungszusammenh&#228;nge, wie sie beispielsweise in Bildungprozessen unabdingbar sind, &#252;bertragbar sein.</p>

<p>Der Kompetenzenbegriff ist in diesem Sinne ein Metabegriff, der sich von Schl&#252;sselqualifikationen (die ich hier lieber Schl&#252;sselkomeptenzen nenne) ausgehend in unterschiedlichen Handlungszusammenh&#228;ngen unterschiedlich zeigt, sodass man im konkreten Anwendungsfall von „Fachkompetenzen“ spricht.</p>

<p>Diese Fachkompetenzen sind dann mit Fachwissen verbunden, wobei es auch hier Wissensbest&#228;nde gibt, die als „Schl&#252;sselkompetenzen“ fach&#252;bergreifend vorausgesetzt werden, wobei wir z. B. einmal mehr beim Lesen und Schreiben w&#228;ren, das dementsprechend z. B. in der Schule eben nicht nur im Deutschunterricht gelernt werden kann, sondern auch im Verantwortungsbereich nahezu aller F&#228;cher, insbesondere aber von F&#228;chern wie Geschichte, Religion, Politik und Wirtschaft (Sozialkunde, Gemeinschaftskunde), Ethik, den Fremdsprachen…, liegt.</p>

<p>Im Deutschunterricht werden die explizierbaren Grundlagen und Anwendungsformen dieses „Wissens“ ins Zentrum gestellt, die Feinabstimmung kann nur im Zusammenspiel der unterschiedlichen F&#228;cher gelingen, was f&#252;r mich dann auch wieder das zentrale Merkmal von „Schl&#252;sselkompetenzen“ widerspiegelt: Sie sind in ihrer Bedeutung f&#228;cher&#252;bergreifend und werden in den unterschiedlichen F&#228;chern mit fachspezifischen Zusatzqualifikationen angereichert.</p>

<p>====&gt;</p>

<p>Zusammenfassung:  Das Lernen ist Teil der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Conditio_humana" target="_blank">Conditio Humana</a>, des Wesens des Menschen, und f&#252;hrt immer und bei jedem Menschen zu implizitem Wissen. Dieses implizite Wissen kann zu explizitem Wissen werden, wobei explizites Wissen dar&#252;ber hinaus in der Lage ist, dem Menschen neue Wissensgebiete zu erschlie&#223;en<sup> [2]</sup>. Explizites Wissen kann enzyklop&#228;discher Natur sein (ich nenne das in Anschluss an <a href="http://www.martin-wagenschein.de/" target="_blank">Martin Wagenschein</a> und <a href="http://www.adz-netzwerk.de/SCHULEN-DER-KORPERLOSIGKEIT-Vortrag-von-Horst-Rumpf-beim-Muensteraner-Konvent.php" target="_blank">Horst Rumpf</a> „Bescheid wissen“) oder anwendungsorientiert<sup> [3]</sup>, wobei es dann vom Wissen zum anwendbaren Wissen, also zur Kompetenz wird.</p>

<p>&lt;====</p>

<p>Und was hat das nun mit Bildung zu tun?</p>

<p>Die Antwort kann weder „Nichts“ noch alles „Alles“ hei&#223;en, sondern, wer h&#228;tte das gedacht, bedarf einer weiteren Differenzierung.</p>

<p>Und so kommt  jetzt endlich, wie oben angek&#252;ndigt, Humboldt ins Spiel.</p>

<p>„Bildung“, wie ich den Begriff hier verstehe, ist weder mit „Wissen“ noch mit „Kompetenzen“ identisch, noch von „Wissen“ und „Kompetenzen“ getrennt zu verstehen. Ich betone das an dieser Stelle, weil ich zunehmend den Eindruck habe, dass der Bildungsbegriff mehr und mehr mit verwertbarem „Wissen“ und somit mit „Kompetenzen“ gleich gesetzt wird, es vielleicht sogar die Tendenz gibt, im Rahmen eines „kompetenzenorientierten Unterrichts“ im schulischen Bereich die „Kompetenzen“ alleine ins Zentrum zu stellen, obwohl nat&#252;rlich jeder Lehrende wei&#223;, dass „Kompetenzen“ ohne „Wissen“ wie Autos ohne Motor, Fahrr&#228;der ohne Ketten, K&#246;rper ohne Gehirn sind. Vielleicht mit einer der Gr&#252;nde, warum erfahrene Lehrkr&#228;fte das Reden &#252;ber „Kompetenzen“ befremdlich finden…  Also, <a href="http://www.zeno.org/Philosophie/M/Humboldt,+Wilhelm+von?hl=humboldt" target="_blank">Humboldt</a>, jetzt endlich, mit einem<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Bildung" target="_blank"> Zitat aus den enzyklop&#228;dischen Wissensbest&#228;nden der Wikipedia</a>:</p>

<blockquote>
<p style="text-align: left;"><strong>Bildung</strong> bezeichnet die Formung des Menschen im Hinblick auf sein „Menschsein“.</p>

W&#228;hrend in der Umgangssprache mit dem Begriff Bildung eher andere Begriffe, wie „Belehrung“, „Schulbildung“ oder „Wissensvermittlung“ assoziiert werden, haftet seit <a title="Wilhelm von Humboldt" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_von_Humboldt" target="_blank">Wilhelm von Humboldt</a> in der Theorie und der Programmatik „dem Wort Bildung das Moment der Selbst&#228;ndigkeit, also des Sich-Bildens der Pers&#246;nlichkeit“ an (<a title="Hartmut von Hentig" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hartmut_von_Hentig" target="_blank">Hartmut von Hentig</a>).

Nach Humboldt ist Bildung „die Anregung aller Kr&#228;fte des Menschen, damit diese sich &#252;ber die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualit&#228;t und Pers&#246;nlichkeit f&#252;hren“.<sup id="cite_ref-0" class="reference"><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Bildung#cite_note-0" target="_blank">[1]</a></sup></blockquote>

<p><a href="http://www.didaktik.uni-jena.de/did_04/humboldt.htm" target="_blank">Anders ausgedr&#252;ckt</a>: Bildung findet dort statt, wo der Mensch als Individuum zu sich selbst findet.</p>

<p>Als Individuum zu sich selbst finden?  Diese Aussage ist zun&#228;chst einmal ein Hinweis darauf, dass sich Bildung nicht auf verwertbares und anwendbares, wom&#246;glich rein berufsbezogenes Wissen bezieht, dieses aber auch nicht ausschlie&#223;t, sondern &#252;ber es hinaus geht. Um es in einem nahe am Klischee scheinenden, kurzen Satz auszudr&#252;cken:</p>

<p>Bildung ist Pers&#246;nlichkeits- und eben nicht prim&#228;r Berufsbildung.</p>

<p>Bildung ist weit mehr als die mit ihr nat&#252;rlich verbundene Ausbildungs- oder Studierf&#228;higkeit, ist mehr als Qualifikation, mehr als Kompetenzen.</p>

<p>Die Aufgabe von Bildungsprozessen ist, inklusive all der qualifizierenden Aufgaben, den Prozess der ganzheitlichen Pers&#246;nlichkeitsentwicklung zu unterst&#252;tzen, zu begleiten und zu f&#246;rdern. Und somit findet Bildung nicht nur in der Schule statt, die aber auch in diesem Sinne einen ganz klaren Erziehungsauftrag hat. So hei&#223;t es in <a href="http://www.kultusministerium.hessen.de/irj/HKM_Internet?rid=HKM_15/HKM_Internet/nav/374/3743019a-8cc6-1811-f3ef-ef91921321b2%26_ic_uCon=72920bec-b224-d901-be59-2697ccf4e69f.htm&amp;uid=3743019a-8cc6-1811-f3ef-ef91921321b2" target="_blank">§2 Abschnitt 1 des Hessischen (also des f&#252;r mich relevanten) Schulgesetzes</a> ausdr&#252;cklich:</p>

<blockquote><strong>Die Schulen</strong> im Lande Hessen erf&#252;llen in ihren verschiedenen Schulstufen und Schulformen den ihnen in Art. 56 der Verfassung des Landes Hessen erteilten gemeinsamen Bildungsauftrag, der auf humanistischer und christlicher Tradition beruht. Sie <strong>tragen dazu bei, dass die Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler ihre Pers&#246;nlichkeit in der Gemeinschaft entfalten k&#246;nnen</strong>. (Hervorhebungen von Herrn Larbig)</blockquote>

<p>Alles „Wissen“, alle „Kompetenzen“ sind also der Aufgabe unterstellt, dazu beizutragen, dass Menschen ihre Pers&#246;nlichkeit in der Gemeinschaft entwickeln und entfalten k&#246;nnen. Das Gesetz spricht zwar nicht von der Entwicklung, aber diese geh&#246;rt zur Entfaltung unabdingbar dazu.</p>

<p>Um zur Pers&#246;nlichkeitsentwicklung und -entfaltung in Gemeinschaft beitragen zu k&#246;nnen, reicht die Vermittlung und das (Auswendig)Lernen von enzyklop&#228;dischen Wissensbest&#228;nden also nicht aus. Die fr&#252;her (und auch heute noch verbreitete) Rede von Lernzielen griff / greift zu kurz, da damit oft die Beherrschung eines gewissen Unterrichtsstoffes im Sinne von explizitem Wissen verstanden wurde / wird (Vokabeln, Jahreszahlen in Geschichte, Formeln in den Naturwissenschaften etc.).</p>

<p>Um dieser Tendenz entgegen zu wirken, wurde in j&#252;ngerer Zeit der Kompetenzbegriff in die Bildungsdebatte eingebracht, der in der Lehrerausbildung, zumindest in der mir bekannten hessischen Lehrerausbildung, zunehmend an Gewicht gewinnt. Diesem Kompetenzbegriff geht es um anwendbares Wissen, womit wir dem Bildungsbegriff, wie ich ihn hier vertrete, schon ein gutes St&#252;ck n&#228;her gekommen sind, solange der Kompetenzbegriff nicht, was meiner Wahrnehmung nach leider durchaus geschieht, alleine auf einen Bereich der (berufs)praktischen Verwertbarkeit beschr&#228;nkt wird.</p>

<p>Vom humboldtschen Bildungsbegriff ausgehend, muss der Kompetenzenbegriff so verstanden werden, dass Menschen lernen, ihre individuellen Talente und F&#228;higkeiten in der Gemeinschaft entfalten zu k&#246;nnen. Und ein so verstandener Bildungsbegriff ist f&#252;r mich dann „Allgemeinbildung“, weit mehr also als Wissensbest&#228;nde, die allgemein als bekannt vorausgesetzt werden.</p>

<p>====&gt;</p>

<p>Zusammenfassung:</p>

<p>Mit dem humboldtschen Bildungsbegriff, der Wissen und Kompetenzen einschlie&#223;t, sich aber nicht auf diese Seiten der Bildung beschr&#228;nkt, ist zentral die Frage nach den Voraussetzungen, Bedingungen und M&#246;glichkeiten der Entfaltung der eigenen Pers&#246;nlichkeit in Gemeinschaft verbunden. Bildung bezieht sich hier ganzheitlich auf individuelle Pers&#246;nlichkeiten und nicht prim&#228;r auf &#246;konomisch verwertbares Wissen.</p>

<p>&lt;====</p>

<p>Bleibt, nach so viel Theorie, die Frage nach den praktischen Konsequenzen, wobei ich mich hier weitgehend auf die Konsequenzen f&#252;r den Teil des individuellen Bildungsprozesses beschr&#228;nke, der in der Schule bzw. im Umfeld der Schule stattfindet. Und um es gleich zu sagen: Bei allen Diskussionen um PISA, TIMMS und Co, hat sich gerade in der Richtung auf „Bildung“ hin, in den vergangenen Jahren sehr viel getan, ohne dass die Probleme wirklich gel&#246;st worden w&#228;ren:</p>

<ul>
    <li>Die hier erarbeitete Bestimmung des Bildungsbegriffs verlangt, dass das Individuum eine Chance zur Entfaltung der ihm / ihr eigenen Pers&#246;nlichkeit bekommt. Die heute mehr und mehr geforderte Sch&#252;lerorientierung von Unterricht verstehe ich in dieser Richtung.</li>
    <li>Es gibt Bedingungen, unter denen diese Entfaltung des Individuums besser oder schlechter gelingt. PISA und die entsprechenden OECD-Studien haben deutlich darauf hingewiesen, dass in Deutschland nach wie vor die sozialen (im Sinne von &#246;konomischen) Voraussetzungen mit dazu beitragen, wie weit dieser Prozess der Entfaltung des Individuums in Gemeinschaft mehr oder weniger gelingt. „Bildung“, wie sie hier verstanden wird und wenn sie genau diese Entfaltung f&#246;rdern soll, muss in ihrer Organisation daf&#252;r sorgen, dass diese sozialen (&#246;konomischen) Grenzen keine Rolle spielen. Und bei aller Kritik am deutschen Schulwesen, die in dieser Hinsicht immer wieder und als kritisches Korrektiv auch v&#246;llig zurecht laut wird, haben wir ein Schulsystem, das zumindest von der Idee her, so durchl&#228;ssig ist, wie es f&#252;r solche Bildungsprozesse theoretische notwendig ist. Dass dies in der Praxis nicht gelingt ist ein Problem, zu dem es zwar viele Ideen (Gemeinschaftsschule, Gesamtschule etc.) gibt, aber nur wenige die vorhandenen Grenzen durchl&#228;ssiger machende oder auf aufl&#246;sende L&#246;sungen. Und wenn ich auch nicht zu denen geh&#246;re, die im Zusammenhang von gelingender Bildung als erstes nach Geld rufen: Hier scheinen die sozialen Unterst&#252;tzungsma&#223;nahmen (Sch&#252;ler-BAF&#214;G…) bislang nicht angemessen zu greifen.</li>
    <li>In der Unterrichtspraxis geht es darum, die Individuen auch als solche wahrnehmen zu k&#246;nnen. Rechne ich einmal durch, wie viele dieser Individuen ich als solche zu f&#246;rdern haben, komme ich mit momentan 145 auf eine f&#252;r einen Lehrer noch recht &#252;bersichtliche Zahl, die aber, wenn ich mir vorstelle, dass ich 145 Mal individuell der Pers&#246;nlichkeitsentwicklung dienen (sic!) soll, schon erschreckend genug ist und in der Regel auch deutlich h&#246;her liegen kann. (Gehe ich von einem „Nebenfach”-Lehrer aus, der jeweils nur zweist&#252;ndig in den Jahrgangsstufen unterricht, kann dies z.B. in Sekundarstufe I zu bis zu 390 individuell zu f&#246;rdernden Kindern und Jugendlichen gehen.<sup> [4]</sup> Ob in diesem Rahmen der Bildungsauftrag mit dem hier zu Grunde gelegten Bildungsbegriff gelingen kann, m&#246;ge jeder selbst entscheiden.</li>
</ul>

<p>Wenn ich aber dennoch davon ausgehe, dass Unterricht gelingen kann, stellt sich die Frage, welche Methoden oder Metamethoden vor dem Hintergrund des hier vertretenen Bildungsbegriffs m&#246;glicherweise hilfreich sein k&#246;nnen.</p>

<p>F&#252;r mich ist klar, dass es sich um Methoden handeln muss, die in sich den Auftrag zur Erm&#246;glichung der Entfaltung von Individuuen in Gemeinschaft aufgreifen und m&#246;glichst weitgehend erf&#252;llen.</p>

<ul>
    <li>Unterricht muss m&#246;glichst <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Binnendifferenzierung" target="_blank">binnendifferenziert </a>erfolgen. Es m&#252;ssen also m&#246;glichst innerhalb einer Lerngruppe individualisierte Lernwege erm&#246;glicht werden. (Klassengr&#246;&#223;en mit 30 Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;lern erschweren dies zumindest erheblich.)</li>
    <li>Die Lernden m&#252;ssen aktiv sein k&#246;nnen und Unterricht nicht nur konsumieren. Methodische M&#246;glichkeiten, dies zu erreichen, stehen in der Gruppenarbeit, deren Konzeption und Durchf&#252;hrung h&#246;chste Anspr&#252;che an die Lehrenden stellen, in Projektarbeit, in problemorientiertem Unterricht, der es Lernenden erm&#246;glicht, individuelle L&#246;sungswege zu entwickeln und in nahezu allen <a href="http://methodenpool.uni-koeln.de/" target="_blank">Ans&#228;tzen der konstruktivistischen P&#228;dagogik</a> zur Verf&#252;gung. Dazu geh&#246;rt auch der Ansatz „<a href="http://www.ku-eichstaett.de/Forschung/forschungsprojekte/ldl.de" target="_blank">Lernen durch Lehren</a>“, der hochgradig auf die Aktivierung (Entfaltung) der Jugendlichen als Individuen in Gemeinschaft hin ausgerichtet ist und bei genauer Betrachtung einen radikal humanistischen Ansatz repr&#228;sentiert. Kurz: Handlungsorientierte Ans&#228;tze scheinen nach wie vor einen der besten Ans&#228;tze zur Erm&#246;glichung der Entfaltung des Individuums in Gemeinschaft zu bieten.</li>
</ul>

<p>Nat&#252;rlich wei&#223; ich, dass auch der hier vertretene Bildungsbegriff in Vergangenheit und Gegenwart nicht unumstritten geblieben ist. Die einen fordern mit Bezug auf Humboldt und Friedrich Schiller die<a href="http://www.zeit.de/2005/10/Kulturnation" target="_blank"> R&#252;ckkehr zur Kulturnation</a>, die anderen <a href="http://www.polwiss.fu-berlin.de/fsi/ap/ap5-humboldt.htm" target="_blank">stellen den humboldtschen Bildungsbegriff in Frage</a>. Und wer mag, kann &#252;ber Suchmaschinen noch mehr Artikel zu den Pro- und Contra-Diskussionen um diesen Bildungsbegriff finden.</p>

<p>Und ich gebe zu, dass dem Verst&#228;ndnis des humboldtschen Bildungsbegriffs oft etwas elit&#228;res anhaftet, hoffe aber, das meine, f&#252;r ein Blog sehr umfangreichen, f&#252;r die Sache aber eher marginalen, Gedanken zum Thema, zumindest deutlich machen konnten, dass ein Begriff von „Bildung“, der das Individuum im Rahmen der differenzierten Talente, die jedes von ihnen mit sich bringt, ins Zentrum der &#220;berlegungen stellt (Ein Leitspruch der Schule, an der ich unterrichte lautet dann auch „Das Kind in die Mitte“ gepr&#228;gt von dem schillerschen Schulmotto „Der Menschheit W&#252;rde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie! Sie sinkt mit euch; mit euch wird sie sich heben.“) in der heutigen Bildungsdebatte zumindest ein wenig zur Kl&#228;rung von Begriffen beizutragen vermag.</p>



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<br/><br/><ol class="footnotes"><li id="footnote_0_1468" class="footnote">Ein Auszug aus einem Werk zum Thema im Rahmen eines Projektes zur Ideengeschichte von der Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Ingrid Lohmann findet sich <a href="http://www.erzwiss.uni-hamburg.de/Personal/Lohmann/Projekte/Schleiermacher/2-5-1.pdf" target="_blank">als PDF-Dokument hier</a>.</li><li id="footnote_1_1468" class="footnote">z. B. in der Physik, der Astronomie, der Philosophie, der Mathematik, der Geschichte, der Religion, der Ethik, in den Bereichen von Politik und Wirtschaft, kurz: in allen Gebieten, die f&#252;r eine Wissensgesellschaft bezeichnend sind und deshalb z. B. f&#252;r die Bundesrepublik Deutschland von zentraler Bedeutung sind</li><li id="footnote_2_1468" class="footnote">So macht es einen Unterschied, ob z. B. eine Fremdsprache auf Beherrschen der grammatikalischen Regeln, Vokabelwissen und Schriftlichkeit hin gelernt wird oder ob, von diesen unabdingbaren Voraussetzungen ausgehend, auf Anwendbarkeit in konkreten Gespr&#228;chen hin gelernt wird.</li><li id="footnote_3_1468" class="footnote">Hier wird eine Klassengr&#246;&#223;e von 30 und ein Stundendeputat von 26 Stunden zu Grunde gelegt.</li></ol>
	Tags: <a href="http://herrlarbig.de/tag/allgemeinbildung/" title="Allgemeinbildung" rel="tag">Allgemeinbildung</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/aufklaerung/" title="Aufklärung" rel="tag">Aufklärung</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/bildung/" title="Bildung" rel="tag">Bildung</a>, <a href="http://herrlarbig.de/category/bildung/" title="Bildung" rel="tag">Bildung</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/bildungsdebatte/" title="Bildungsdebatte" rel="tag">Bildungsdebatte</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/buecher/" title="Bücher" rel="tag">Bücher</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/buecherwissen/" title="Bücherwissen" rel="tag">Bücherwissen</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/deutschland/" title="Deutschland" rel="tag">Deutschland</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/didaktik/" title="Didaktik" rel="tag">Didaktik</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/erziehung/" title="Erziehung" rel="tag">Erziehung</a>, <a href="http://herrlarbig.de/tag/ethik/" title="Ethik" 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		<title>Medien im Unterricht – Ein Diskussionsbeitrag</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Apr 2009 01:19:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im Blog von Fontanefan fand ich einen Artikel, der sich mit einem Medienp&#228;dgogischen Manifest und einem Artikel von Ralf Hilgenstock besch&#228;ftigt und der mich zu ein paar eigenen &#220;berlegungen angeregt hat. Fontanefan schreibt: „1. P&#228;dagogik im Medienzeitalter ist notwendigerweise u.a. Medienp&#228;dagogik. Das gilt aber schon, seit es B&#252;cher gibt.“ Und somit ist jeder Umgang mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Blog von <a href="http://fontanefan.blogspot.com/" target="_blank">Fontanefan</a> fand ich <a href="http://fontanefan.blogspot.com/2009/04/medien-im-unterricht.html" target="_blank">einen Artikel</a>, der sich mit einem <a href="http://www.medienpaed.de/news/pdf/MedienpaedagogischesManifest_2009.pdf" target="_blank">Medienp&#228;dgogischen Manifest</a> und einem <a href="http://dialoge.info/b2/index.php/2009/04/03/vom-arg-begrenzten-wert-der-oeffentliche" target="_blank">Artikel von Ralf Hilgenstock</a> besch&#228;ftigt und der mich zu ein paar eigenen &#220;berlegungen angeregt hat.</p>

<p>Fontanefan schreibt:<span id="more-1356"></span></p>

<blockquote>„1. P&#228;dagogik im Medienzeitalter ist notwendigerweise u.a. Medienp&#228;dagogik. Das gilt aber schon, seit es B&#252;cher gibt.“</blockquote>

<p>Und somit ist jeder Umgang mit einem Informationstr&#228;ger mit Medienp&#228;dagogik gleich zu setzen: Handschrift als Kulturtechnik geh&#246;rt ebenso zur Medienp&#228;dagogik wie der Umgang mit B&#252;chern, Theater, Film, Tontr&#228;gern, Fotografie, Malerei, Internet, Handy und Festnetztelefon, Zeitung, Zeitschrift, Magazin und was nicht noch alles unter dem Begriff Medien gefasst werden kann.</p>

<p>Es ist kein Zufall, dass selten von der P&#228;dagogik eines Mediums gesprochen wird, sondern  meist im Plural von Medienp&#228;dagogik. Dieser Begriff ist schillernd. Bei Fontanefan beginnt das mit B&#252;chern, die <a href="http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=R009C6" target="_blank">Definition der Bundeszentrale f&#252;r politische Bildung</a> ist da ein wenig einschr&#228;nkender, wenn sie den Begriff „Medien“ als einen „Sammelbegriff f&#252;r alle <em>audiovisuellen</em> Mittel und Verfahren zur Verbreitung von Informationen, Bildern Nachrichten etc.“ beschreibt. Wor&#252;ber sprechen wir also, wenn wir von „Medienp&#228;dagogik“ sprechen?</p>

<p>Es handelt sich vom Wortsinn her um eine p&#228;dagogisch gest&#252;tzte Heranf&#252;hrung an Medien. Ist das Heranf&#252;hren an B&#252;cher also Medienp&#228;dagogik? Oder gilt die Beschr&#228;nkung auf audiovisuelle Medien, wie sie von der Bundeszentrale f&#252;r politischen Bildung vorgeschlagen wird?</p>

<p>Fontanefan sagt etwas v&#246;llig richtiges, wenn P&#228;dagogik im Medienzeitalter notwendigerweise unter anderem Medienp&#228;dagogik sein m&#252;sse. Das „unter anderem“ darf dabei nicht &#252;berlesen werden, denn nat&#252;rlich ist die Heranf&#252;hrung an Medien nur ein Teil der p&#228;dagogischen Aufgabe aller an p&#228;dagogischen Prozessen beteiligten Personen.</p>

<p>Das Problem liegt beim Begriff „Medien“. Nicht nur hier, sondern in allen medienwissenschaftlichen Zusammenh&#228;ngen ist der Begriff eher unscharf bestimmt. Jeder, der in medienp&#228;dagogischen Kontexten arbeitet, muss sich also mehr oder weniger selbst eine Definition suchen, die dem Medienbegriff zumindest eine pragmatische Sch&#228;rfe gibt. Und damit sind wir beim zweiten Punkt, den Fontanefan anspricht:</p>

<blockquote>„2. Nicht zuf&#228;llig werden neuerdings fast nur noch die ‚neuen Medien’, also aufw&#228;ndige, teure und vom Verschlei&#223; besonders stark betroffene Medien im Zusammenhang mit Medienp&#228;dagogik diskutiert. Das liegt im Interesse der entsprechenden Industrie.“</blockquote>

<p>Dieser Aussage kann ich nur sehr begrenzt folgen, da hier Interessen ins Spiel gebracht werden, die ohne Zweifel vorhanden sind, aber eben auch wenn es um B&#252;cher, Zeitungen etc. geht. Wo immer ein Medium ins Spiel kommt, kommen heute auch wirtschaftliche Interessen ins Spiel – und das gilt auf f&#252;r B&#252;cher oder gar Schulb&#252;cher.</p>

<p>Aufgabe der Medienp&#228;dagogik ist aber nat&#252;rlich auch die Heranf&#252;hrung an die Kompetenz des kritischen Umgangs auch mit der wirtschaftlichen Bedeutung von Medien, wie weit dieser Begriff auch immer verstanden werden mag. Dazu geh&#246;rt unter anderem die Diskussion um propriet&#228;re und offene Software.</p>

<p>Schon der Begriff „Power-Point-Pr&#228;sentation“ ist n&#228;mlich Werbung, da damit ein propriet&#228;res Produkt zum „Standard“ erhoben wird und z.B. die Pr&#228;sentationsm&#246;glichkeiten im Bereich der OpenSource-Software ausgeblendet werden.</p>

<p>Medienp&#228;dagogik ist also auch eine P&#228;dagogik, die Lehrende zur Reflexion des eigenen Sprachgebrauchs zwingt, um eben zumindest auf Seiten der Software keine teuren propriet&#228;ren „Standards“ zu bef&#246;rdern. Dass dies in Bezug auf die Hardware nicht so einfach ist, steht au&#223;er Frage.</p>

<p>Ist Medienp&#228;dagogik also Schleichwerbung f&#252;r z.B. die Computerindustrie? Dem w&#228;re so, wenn Medienp&#228;dagogik das Ziel h&#228;tte, z.B. den Computer erst einzuf&#252;hren. Hier wird &#252;bersehen, dass Medienp&#228;dagogik, zumindest an Schulen, dann doch eher eine reagierende P&#228;dagogik ist. In ihr werden nicht die innovativen Produkte der Zukunkft „vermarktet“, sondern auf eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung aufgegriffen.</p>

<p>Dabei hat Medienp&#228;dagogik die Aufgabe, zur Reflexionsf&#228;higkeit gegen&#252;ber diesen Entwicklungen zu f&#252;hren. Dass mit diesen Entwicklungen auch Fragen der „Kurzlebigkeit“ der Produkte verbunden sind, hat nichts damit zu tun, dass medienp&#228;dagogisch aktive Lehrende die Industrie f&#246;rderten, sondern damit, dass sich in der Gesellschaft eine Entwicklung ergeben hat, die es notwendig macht, solche Medien in den Fokus zu nehmen – und zwar sowohl von der reflektierenden als auch von der praktischen Seite her.</p>

<p>Diese praktische Seite verlangt von Lehrenden sehr viel, da sie diese nat&#252;rlich erst einmal selbst beherrschen m&#252;ssen, bevor hier medienp&#228;dagogisch angemessen (und eben nicht nur in einseitiger Kulturkritik die jeweils neuen Medien verdammend) gearbeitet werden kann. – In diesem Zusammenhang stellt sich dann auch die Frage nach M&#246;glichkeiten des produktiven Umgangs mit diesen „neuen Medien“, denn zurecht wird oft beklagt, dass diese Medien (wie B&#252;cher &#252;brigens auch) vor allem rezeptiv konsumierend eingesetzt werden. Doch gerade hier gibt es im Kontext „neuer Medien“ zahlreiche M&#246;glichkeiten der aktiven Nutzung, die Wissen mit konstruiert und somit Lernprozesse f&#246;rdern und unterst&#252;tzten kann. Dies wird im dritten Punkt des Beitrags von Fontanefan auch zurecht angesprochen:</p>

<blockquote>3. Ich pers&#246;nlich nutze Web 2.0 gern und viel. Es hat viele Vorteile, auch f&#252;r das Lernen, aber auch viele Nachteile. &#8211; Doch ohne das Internet h&#228;tten sich nie so viele intelligente Menschen darauf eingelassen, mich bei meiner Arbeit zu unterst&#252;tzen, wie es inzwischen der Fall war. Ich nenne keine Namen.</blockquote>

<p>Dem stimme ich weitgehend zu. Nat&#252;rlich bringt jedes Medium immer auch m&#246;gliche Nachteile mit sich. Das wusste schon Platon, der Sokrates im Phaidros eine leidenschaftliche Kritik an der Schrift formulieren l&#228;sst, die fast so klingt, als ginge mit der Einf&#252;hrung der Schrift das Abendland, zumindest aber die Ged&#228;chtniskultur, zu Grunde. Andererseits ist es ebenfalls meine Erfahrung, dass ein gezielter, reflektierter (und auch gekonnter) Einsatz „neuer Medien“ Kontakte zu vielen intelligenten Menschen aufbauen kann, die so sonst nicht entstanden w&#228;ren. Auch ich nenne keine Namen, aber schon dieser von Fontanefan angeregte Diskussionsbeitrag ist genau so eine M&#246;glichkeit des produktiven Umgangs mit Medien und deren Inhalten.</p>

<blockquote>„4. Mir w&#228;re ein Ausbau der psychologischen Beratung von Sch&#252;lern, Eltern und Lehrern viel wichtiger als zus&#228;tzlicher Aufwand f&#252;r Medienp&#228;dagogik. Es besteht ein ungeheurer Bedarf, und der wird nur zu einem <span style="font-style: italic;">sehr</span> kleinen Teil abgedeckt.“</blockquote>

<p>Wer k&#246;nnte dem widersprechen? Ich tue es an einer Stelle, n&#228;mlich dort, wo bei mir der Eindruck entsteht, dass hier ein entweder–oder gemeint sein k&#246;nnte. Dass an der einen Stelle ein Mangel besteht, sogar ein sehr gro&#223;er Mangel, kann doch nicht bedeuten, dass an einer anderen Stelle ein solcher Mangel auch entstehen sollte. Heranwachsende wachsen mit Medien auf, Eltern und Lehrer leben, zumindest in den Kontexten, mit denen wir in Deutschland zu tun haben, in einer medial gepr&#228;gten Welt auf. Es bedarf zus&#228;tzlichen Aufwandes f&#252;r Medienp&#228;dagogik <span style="text-decoration: underline;">und</span> die Verbesserung der psychologischen Beratungsangebote. Das eine gegen das andere zu setzen wird den Herausforderungen und Problemen in p&#228;dagogischen Kontexten, die es ohne Frage in reichem Ma&#223;e gibt, nicht gerecht.</p>

<blockquote>„5. Wer Web 2.0 propagiert, sollte zumindest mit den Hauptgedanken der Computerkritik von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Weizenbaum" target="_blank">Joseph Weizenbaum</a> und der Internetkritik von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Clifford_Stoll" target="_blank">Clifford Stoll</a> vertraut sein.“</blockquote>

<p>Ich kenne beide Positionen und halte beide Positionen zumindest f&#252;r ertr&#228;glicher als jene von <a href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/15/15817/1.html" target="_blank">Neil Postman</a>, w&#252;rde an dieser Stelle aber vielleicht doch ein wenig offener sagen, dass der Umgang mit Web 2.0 ein reflektierter Umgang sein muss. Reflektiert bedeutet nat&#252;rlich auch, dass man zumindest einige theoretische Ans&#228;tze kennen sollte, die einen Reflexionsrahmen herstellen. Weizenbaum und Stoll bieten in diesem Zusammenhang einige wichtige Hinweise. Allerdings ist gerade Stolls Sichtweise eine vom Web 1.0 gepr&#228;gte Position, in der die partizipierende Teilhabe des Web 2.0 noch unber&#252;cksichtigt bleibt. Stoll kritisiert den reinen Konsumcharakter, den der Umgang mit dem Internet in weiten Teilen – auch noch in Web 2.0 Zeiten – hat. Und damit spricht er ein wichtiges Problem der Mediendidaktik und -p&#228;dagogik an.</p>

<blockquote>„6. Das Web dient mehr der Informationsbeschaffung als dem Lernen, aber wer keine solide Bildung hat, wird 10 Jahren ohne Nutzung des Internets einen wesentlichen Nachteil gegen&#252;ber Benutzern des Internets haben.“</blockquote>

<p>Jaein. Das Ph&#228;nomen wird hier richtig benannt und meine Beobachtung geht in genau die gleiche Richtung. Doch ist dies keine wirkliche Kritik an Medienp&#228;dagik oder ein Todesurteil f&#252;r den Einsatz von „neuen Medien“ im Unterricht, da gerade diese Informationsbeschaffungsmentalit&#228;t, mit der viele nahezu ausschlie&#223;lich an das Netz herangehen, ein echtes Problem f&#252;r das Lernen ist.</p>

<p>Ich habe selbst schon das Ph&#228;nomen beobachtet, dass Lernende, die mit Hilfe des Internets eigene Produkte erstellen sollen, pl&#246;tzlich vor dem Problem stehen, dass sie gar nicht wissen, wie das geht. Hier reproduziert sich ein Problem, das ich auch in anderen – analogen! – Lernprozessen beobachten kann, denn mit Hilfe von B&#252;chern ist das Erstellen eigener, die Ergebnisse aufgreifenden, &#252;bertragenden und z.B. f&#252;r eine Pr&#228;sentation umgestaltenden Produkte mit ebenso gro&#223;en Problemen verbunden, trotz Anleitungen.</p>

<p>Und ja: Die Nutzung des Internets ist in vielen F&#228;llen tats&#228;chlich auf Informationbeschaffung beschr&#228;nkt. Das gilt auch f&#252;r B&#252;cher, die oft mehr der Informationsbeschaffung als dem Lernen dienen. Doch gerade hier setzen ja all jene an, die die Nutzung des Web 2.0 „propagieren“. Hier wird versucht, das Internet f&#252;r Lernprozesse fruchtbar zu machen und gleichzeitig eine solide Bildung im kompetenten und produktiven Umgang mit dem Web 2.0 zu erm&#246;glichen, denn dies ist heute, neben all den anderen Inhalten und Kompetenzen, die mit einer soliden Bildung verbunden sind, <span style="text-decoration: underline;">ein</span><em> </em>wichtiger Teil einer solchen Bildung.</p>

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		<title>Fotografie und die Kunst des Sehens in Schule und Unterricht</title>
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		<pubDate>Thu, 16 Apr 2009 01:22:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Resume: Auf herrlarbig.de gab es in der Vergangenheit <a href="http://herrlarbig.de/category/fotografie/" target="_blank">immer wieder Fotos zu sehen</a> – und dies wird in Zukunft auch wieder so sein. Grund genug also, sich hier einmal Gedanken dar&#252;ber zu machen, was Bilder mit Bildungsprozessen zu tun haben und welche Fragen dabei eine Rolle spielen.</em></p>

<p><em>Hier wird die These vertreten, dass Fotografie nach wie vor ein Leitmedium unserer Gesellschaft ist und gleichberechtigt neben audiovisuellen Medien und  dem Internet steht, mit dem die Ver&#246;ffentlichung von Fotografien heute sehr eng verbunden ist. </em></p>

<p><em>Dennoch erscheint mir die Ber&#252;cksichtung und Reflexion von Fotografien im schulischen Unterricht eher ein Randph&#228;nomen zu sein. Warum es interessant sein kann, Fotografie an geeigneten Stellen im Unterricht (auch au&#223;erhalb des Kunstunterrichtes) in didaktische &#220;berlegungen mit einzubauen, wird hier zur Diskussion gestellt. Dar&#252;ber hinaus werden konkrete Vorschl&#228;ge in Form eines Brainstormings f&#252;r den Einsatz von Fotografie in unterschiedlichen F&#228;chern vorgelegt.
</em></p>

<h2>Fotografie als Thema der Mediendidaktik</h2>

<p>In der Mediendiaktik der Gegenwart scheint mir eine der meist genutzten visuellen Medienformen ein wenig „unterbelichtet“ zu sein. Film, Internet und auch Produkte der darstellenden und bildenden Kunst spielen z.B. im Deutschunterricht eine Rolle, so in Unterrichtsteilen, in denen es um  Theater,  Schreiben im Museum oder nach Bildvorlagen, Filmanalyse, Nutzung von Foren und Weblogs etc. geht. Fotografie hingegen begegnete mir explizit bislang nur im Rahmen des Kunstunterrichts oder im Rahmen von Unterrichtseinheiten, in denen <a href="http://www.bpb.de/themen/H3NJF8,0,0,Manipulation_und_Propaganda.html" target="_blank">die manipulative Kraft von Bilder zu Propagandazwecken</a> – beispielsweise im Dritten Reich – reflektiert werden. Dar&#252;ber hinaus werden ans Bild gebundene Gestaltungsformen bislang vor allem dann aufgegriffen, wenn p&#228;dagogische Interventionen n&#246;tig sind, weil beispielsweise viele Jugendliche, ohne gro&#223; dar&#252;ber nachzudenken, „kompromittierende“ Party-Bilder in Online-Communities einstellen oder problematische Videos auf Videoplattformen ver&#246;ffentlichen.</p>

<p>Die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Fotografie" target="_blank">Fotografie</a>, als das erste visuelle Massenmedium, dem der Film folgte, kommt in meiner Wahrnehmung der Mediendidaktik trotz der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Portal:Fotografie" target="_blank">Vielfalt ihrer Formen</a> &#252;berraschend wenig vor, <span id="more-1326"></span>auch wenn nat&#252;rlich im Unterricht immer wieder Fotografien genutzt werden und auch im Rahmen der Gestaltung von Lehrmaterial eine nicht kleine Rolle spielen. Und an vielen Schulen gibt es auch Foto-AGs, in denen meist eher kleine Gruppen von Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;lern sich dem Thema Fotografie stellen.</p>

<h2>Fotografie im Kontext der Bilddidaktik</h2>

<p>Gehe ich einmal kurz von der Fotografie weg und setze statt dessen den Begriff „Bilddidaktik“. Auf diesem Wege komme ich zu einem weiteren Bereich, in dem mir in der Schule Bilder begegnen, denn eine Suchanfrage bei Google f&#252;hrt direkt mit dem ersten Suchergebnis (Stand: 15. April 2009) zur Bilddidaktik im Religionsunterricht und anschlie&#223;end auch zur Bilddidaktik im Ethikunterricht. Und nahezu alle Formen des Umgang mit Bildern k&#246;nnen nat&#252;rlich auch auf die Fotografie &#252;bertragen werden. – Warum dann ein Nachdenken &#252;ber die m&#246;gliche Bedeutung von Fotografie in Bildungsprozessen?</p>

<h2>Gr&#252;nde f&#252;r die Auseinandersetzung mit Fotografie im Rahmen von Mediendiaktik</h2>

<p>Der erste Grund ist f&#252;r mich ein pers&#246;nlicher: Ich fotografiere nach ersten intensiven Besch&#228;ftigungen mit dem Thema als Jugendlicher seit zwei Jahren wieder sehr intensiv und befasse mich in meiner Freizeit auch mit technischen und theoretischen Fragen der Fotografie, soweit dies einem in diesem Bereich autodidaktisch arbeitenden Amateur mit eingeschr&#228;nktem Zeitbudget m&#246;glich ist.</p>

<p>Im Rahmen dieser Besch&#228;ftigung stie&#223; ich sehr schnell auf Fragen zum Umgang mit Fotografie, zum Beispiel in Gestalt des Essaybandes von Susan Sonntag mit dem Titel „Das Leiden anderer betrachten“, in dem es um Kriegsfotografie geht<sup> [1]</sup>. Hier wurde mir die Aktualit&#228;t der Fragestellung sehr deutlich bewusst, denn im Rahmen des „Kampfes gegen den internationalen Terrorismus“ in Folge der Anschl&#228;ge vom 11. September 2001 spielten auch Fotografien – wie in nahezu allen kriegerischen Auseinandersetzungen seit Beginn des 20. Jahrhunderts – eine bedeutende Rolle.</p>

<p>Ein dritter Grund, der mein Nachdenken &#252;ber den Umgang mit Fotografie, f&#252;r mich selbst und in Bezug auf Bildungsprozesse, in Gang gesetzt hat, h&#228;ngt unmittelbar mit der technischen Entwicklung der Fotografie hin zur digitalen Fotografie zusammen, mit der <a href="http://www.bpb.de/themen/H3NJF8,0,0,Manipulation_und_Propaganda.html" target="_blank">die schon immer m&#246;gliche Manipulation von Bildern</a> dank Bildbearbeitungsprogrammen deutlich leichter geworden ist.<sup> [2]</sup></p>

<p>Und schlie&#223;lich spielt Fotografie danke heute mehr denn je verf&#252;gbarer „Immer-dabei-Kameras“ in Form von in Mobiltelefone integrierten Fotoapparaten im Alltag eine sehr gro&#223;e Rolle. Sowohl <a href="http://www.flickr.com/" target="_blank">Flickr</a> als auch die Ver&#246;ffentlichung von Bildern im Rahmen von <a href="http://twitter.com">Twitter</a> via <a href="http://twitpic.com/" target="_blank">Twitpics</a> spielen hier eine gro&#223;e Rolle, aber auch Zeitungen haben Leser als „Leserreporter“ entdeckt und nutzen die Verf&#252;gbarkeit von Fotoapparaten in gro&#223;er Zahl f&#252;r ihre Zwecke.</p>

<h2>Konsequenzen f&#252;r Bildungsprozesse</h2>

<p>Auch in Zeiten der bewegten Bilder spielen Fotos nach wie vor eine enorm gro&#223;e Rolle, sodass sie auch in Bildungsprozessen angemessen ber&#252;cksichtigt werden m&#252;ssen, um so mehr, als es ja gerade Jugendliche sind, die sich der M&#246;glichkeiten von Handy-Kameras mehr oder weniger unreflektiert bedienen.</p>

<p>Doch dabei sind nicht nur die oben angedeuteten kritischen Reflexionspotentiale im Umgang mit Bildern von Bedeutung. Viel mehr stellt sich auch die Frage, wie die Anfertigung von Fotografien und die damit verbundenen Herausforderungen in den Blick genommen werden k&#246;nnen. Hier hat der Kunstunterricht sicherlich eine zentrale Aufgabe, aber im Sinne eines f&#228;cherverbindend und f&#228;cher&#252;bergreifend angelegten Unterrichts, spielt diese Frage auch in anderen F&#228;chern eine Rolle, in denen f&#252;r die rein technischen Fragen, wie Belichtung, Tiefensch&#228;rfe, Grundlagen der Motivgestaltung, Bildbearbeitung (und auch Bildmanipulation) kaum Platz sein d&#252;rfte.</p>

<h2>Einsatz von Fotografie im bisherigen Unterricht</h2>

<p>Das Medium Fotografie wird im Unterricht schon heute genutzt. Vor einer Weile begegnete mir ein Unterrichtsprojekt, in dem Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler einer siebten Klasse im Deutschunterricht eine Kurzgeschichte in Form einer Fotostory bearbeitet haben. Ich selbst lasse Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler im Religionsunterricht immer wieder nach Spuren von Religion auf ihrem Schulweg forschen und per Fotografie dokumentieren. Doch dabei spielte die Frage der Grenzen und M&#246;glichkeiten des genutzten Mediums als einer Form der „Kunst des Sehens“ und der „Kunst der Motivgestaltung“ auch bei mir kaum eine Rolle. Dennoch fiel mir auf, dass die meisten Bilder nur „Abbildungen“ ohne weiter bemerkenswerte fotografische Zugangsweisen zu den Motiven waren. – Dem entsprechend f&#228;llt oft auch der Umgang mit anderen Bildern im Unterricht aus, obwohl hier interessanterweise oft das pure Beschreiben des Bildes (was ist mit Hilfe welcher Umsetzungsformen und Gestaltungsmittel zu sehen, wie ist das Bild aufgebaut etc.) ein gr&#246;&#223;eres Problem darstellt als ein deutender Zugang zu den Bildern.</p>

<p>F&#252;r mich ist dies ein Zeichen, dass Jugendlichen schon klar ist, dass Bilder mit k&#252;nstlerischem Anspruch etwas bedeuten wollen, doch, &#228;hnlich wie beim Umgang mit Texten – insbesondere Gedichten –, f&#228;llt die Zusammenschau von Inhalt und Form im Rahmen einer angemessenen Bilddeutung vielen Jugendlichen, trotz ihres st&#228;ndigen Umgangs mit Bildern sehr schwer.</p>

<h2>Fotografie als Medium in unterschiedlichen F&#228;chern</h2>

<p>Hier liegt meines Erachtens eine der Chancen des Umgangs mit Fotografie im Rahmen unterschiedlicher Fachdidaktiken: Fotografie ist das Malen mit Licht, aber auch und f&#252;r mich fast noch viel mehr die Kunst des Sehens. Und das Sehen spielt in unterschiedlichsten F&#228;chern eine Rolle, wobei ich mich hier nur auf ein Brainstorming beschr&#228;nken will – vielleicht hat ja der eine oder andere konkretere Ideen, die gerne per Kommentar hinzugef&#252;gt werden k&#246;nnen:</p>

<ul>
    <li>Mir f&#228;llt f&#252;r das Fach Deutsch die &#220;bertragung von Kurzgeschichten oder Szenen aus Dramen und Romanen in die schon genannte Form der Fotostory ein, die dann freilich mit der Frage nach ausdrucksstarker Gestaltung von Motiven verbunden sein muss.</li>
    <li>Au&#223;erdem k&#246;nnte ich mir vorstellen, wenn vielleicht auch eher in Sekundarstufe II, dass Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler Gedichte in Fotografien umsetzen und von diesen ausgehend z.B. die von ihnen gew&#228;hlten Gedichte, ganz im Sinne des Konzeptes von Lehren durch Lernen, &#252;ber das ich hier in den vergangen Wochen schon einiges geschrieben habe, formal und inhaltlich mit der Lerngruppe erarbeiten.</li>
    <li>In Religion, Ethik und auch Sozialkunde / Politik und Wirtschaft k&#246;nnten zu Einzelthemen Fotoreportagen angefertigt werden, verbunden mit einer Hinf&#252;hrung zu den damit verbundenen rechtlichen Fragen in Bezug auf das „Recht am eigenen Bild“ und den damit verbundenen notwendigen Einverst&#228;ndniserkl&#228;rungen abgebildeter Menschen. Hier m&#252;ssten die Jugendlichen dann den Themen auch sehr pers&#246;nlich begegnen, weil sie z.B. bei einer Reportage &#252;ber Armut nicht nur respektvolle Bilder anfertigen, sondern wirklich auch mit den Menschen ins Gespr&#228;ch kommen m&#252;ssten, um entsprechende Einverst&#228;ndiserkl&#228;rungen f&#252;r das Recht auf die Nutzung der Abbildungen von Einzelpersonen bekommen zu k&#246;nnen. – Ein zugegebenerma&#223;en &#228;u&#223;erst anspruchsvoller Ansatz des didaktischen Umgangs mit Fotografie.</li>
    <li>In Sport k&#246;nnten Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler die Aufgabe bekommen, Bewegungsabl&#228;ufe fotografisch so festzuhalten, dass sie diese z.B. in Form eines Referates den Mitsch&#252;lerinnen und Mitsch&#252;lern vermitteln k&#246;nnten. Hier k&#246;nnte ich mir auch f&#252;r Pr&#228;sentationspr&#252;fungen im Sportabitur so manche nette Aufgabe denken.</li>
    <li>In Biologie k&#246;nnte die Fotografie von Pflanzen oder (wenn das auch sehr anspruchsvoll ist) von Tieren eine Rolle spielen, aber z.B. auch die Fotodokumentation von Landschaftsversiegelung, Umweltverschmutzung etc.</li>
    <li>In Physik und Chemie k&#246;nnten Versuchsaufbauten fotografisch dokumentiert werden, in Physik k&#246;nnten dar&#252;ber hinaus Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler vor die Herausforderung gestellt werden, physikalische Ph&#228;nomene fotografisch zu gestalten (z.B. Aggregatzust&#228;nde von Wasser im &#220;bergang von Winter zu Fr&#252;hling)…</li>
    <li>Ob es m&#246;glich ist, aus Aufgaben zur Geometrie in Mathematik fotografische Arbeitsauftr&#228;ge zu entwickeln? Ich denke da z.B. an eine Darstellung von Rechtecken, Quadraten, Kreise etc. im Rahmen von Landschaftgestaltung, Architektur etc.</li>
    <li>Im Fremdsprachenunterricht k&#246;nnten &#228;hnliche Aufgaben wie oben f&#252;r den Deutschunterricht vorgeschlagen eine Rolle spielen, aber auch Aufgaben, die den Einfluss von Fremdsprachen (inbesondere des Englischen, in einer Stadt wie Frankfurt am Main aber auch des T&#252;rkischen, des Arabischen etc.) im eigenen Lebensumfeld dokumentieren (und damit ins Bewusstsein rufen).</li>
    <li>Im Kunstunterricht spielt Fotografie ja schon heute eine Rolle. Hier kann wohl am intensivsten den k&#252;nstlerischen Fragen nachgegangen werden, die von der Motivgestaltung bis zur Bildbearbeitung gehen.</li>
    <li>In Erdkunde liegt die fotografische Dokumentation geographischer Ph&#228;nomen nahe, aber auch die Aufbereitung bestimmter Aufgabenstellungen zum Zwecke der Gestaltung von Unterricht durch Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler (Lernen durch Lehren).</li>
    <li>In Geschichte k&#246;nnte Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler mit Hilfe der Fotografie auf Spurensuche gehen, insbesondere im Rahmen der neueren Geschichte, aber beispielsweise auch im Rahmen der Architekturgeschichte und in Frankfurt am Main auch bei Fragen der Geschichte der Entwicklung der Stadt oder der Spuren, die die in Frankfurt einst verorteten Kaiserwahlen hinterlassen haben &#8211; in anderen St&#228;dten sind es andere bedeutende Ereignisse, denen so auf die Spur gekommen werden k&#246;nnte.</li>
    <li>Dar&#252;ber hinaus k&#246;nnte eine Foto-AG an einer Schule den Anspruch entwickeln, Ereignisse an einer Schule nicht nur zu dokumentieren, sondern z.B. auch Reportagen &#252;ber Schulveranstaltungen anfertigen oder sich in der Form der Reportage bestimmten, an einer Schule relevanten Themen widmen.</li>
</ul>

<p>Habe ich alle F&#228;cher genannt? Ich freue mich &#252;ber Erg&#228;nzungen oder ganz andere Vorschl&#228;ge in den Kommentaren.</p>

<h2>Bildgebende Verfahren als Schl&#252;sselkompetenz</h2>

<p>Bei all diesen Unterrichtsideen, um es nochmal zu sagen, m&#252;sste es idealerweise nicht nur darum gehen, dass etwas abgebildet wird, sondern auch darum, wie einem Bild eine Bedeutung gegeben werden kann, wie Motive gestaltete werden k&#246;nnen etc. Das ist auch deshalb relevant, weil bildgebende Verfahren in der heutigen Wirtschaft, insbesondere der naturwissenschaftlichen Forschung, eine nicht ganz unbedeutende Rolle spielen und Schule bereits Grundlagen auch der Refelexionsf&#228;higkeit von M&#246;glichkeiten und Grenzen solcher Verfahren legen kann. Au&#223;erdem w&#252;rde f&#252;r den Umgang mit den uns st&#228;ndig umgebenden Bildern, auch im Fernsehen und im Internet, sensibilisiert.</p>

<h2>Probleme und Grenzen</h2>

<p>Zum Ende dieses Beitrages m&#246;chte ich noch auf ein Umsetzungproblem eingehen. Bis jetzt habe ich einige, bislang nicht genannte Voraussetzungen gemacht, die nicht unbedingt vorausgesetzt werden k&#246;nnen. Ich bin bislang von dem Ideal ausgegangen, dass zumindest einigerma&#223;en ertr&#228;gliche Formen von Fotom&#246;glichkeiten den Lernenden zur Verf&#252;gung stehen. In Wirklichkeit werden in der Regel vielen Sch&#252;lern und Sch&#252;lerinnen nur Fotoapparate an Handys zur Verf&#252;gung stehen; einige wenige Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler haben da wom&#246;glich weiter gehende M&#246;glichkeiten. – Diese Grenze muss nat&#252;rlich bei dem Anspruch mit ber&#252;cksichtigt werden, der mit solchen Projekten verbunden ist.</p>

<p>Dennoch hindert dieses Problem den Unterricht noch nicht daran, mit guten Fotografien und deren genauer Betrachtung als einer „Schule des Sehens“ umzugehen. Es muss ja nicht immer die eigene fotografische Bildgestaltung sein, die zu der Kompetenz f&#252;hrt, reflektiert mit Bildern umgehen zu k&#246;nnen. Es gibt heute gen&#252;gend Ressourcen, die einen solchen Zugang erm&#246;glichen k&#246;nnen, wenn dabei auch immer auf das jeweilige Copyright und die damit verbundenen Verwertungsgrenzen geachtet werden muss.</p>



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<br/><br/><ol class="footnotes"><li id="footnote_0_1326" class="footnote"> Susan Sonntag, Das Leiden anderer betrachten, M&#252;nchen 2003</li><li id="footnote_1_1326" class="footnote">Beispiele solcher Manipulationen lassen sich <a href="http://www.google.de/search?hl=de&amp;q=manipulation+pressefotos&amp;btnG=Google-Suche&amp;meta=&amp;aq=f&amp;oq=" target="_blank">im Internet sehr schnell in gro&#223;er Zahl</a> finden, sodass ich hier auf Einzelbeispiele verzichte.</li></ol>
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		<title>Wer sich einen »Wilhelm« vormachen l&#228;sst</title>
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		<pubDate>Wed, 11 Feb 2009 23:05:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Resume: Wissenskonstruktion in vernetzten Strukturen ist von ethischen Voraussetzungen im Umgang mit Wissen abh&#228;ngig. Die bewusste Falscheingabe von Wissensbest&#228;nden in Plattformen zur gemeinsamen Wissenskonstruktion ist deshalb mindestens genau so kritisch zu betrachten, wie die unreflektierte und un&#252;berpr&#252;fte &#220;bernahme dieses Wissens durch Journalisten oder Wissenschaftler. An die Stelle des Feixens &#252;ber auf solche Fehlinformationen hereingefallen – [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Resume:</strong> <em>Wissenskonstruktion in vernetzten Strukturen ist von ethischen Voraussetzungen im Umgang mit Wissen abh&#228;ngig. Die bewusste Falscheingabe von Wissensbest&#228;nden in Plattformen zur gemeinsamen Wissenskonstruktion ist deshalb mindestens genau so kritisch zu betrachten, wie die unreflektierte und un&#252;berpr&#252;fte &#220;bernahme dieses Wissens durch Journalisten oder Wissenschaftler. An die Stelle des Feixens &#252;ber auf solche Fehlinformationen hereingefallen – und so ihre reduzierten Recherchen offenbarenden  – Journalisten sollte an dieser Stelle eine Diskussion &#252;ber eine Ethik der Wissenskonstruktion im Netz treten.
</em></p>

<p>Wer ist nun eigentlich der Schlimmere? Jener <a href="http://www.bildblog.de/5695/wie-ich-freiherr-von-guttenberg-zu-wilhelm-machte/" target="_blank">anonyme Wikipedia-Manipulator / jene anonyme Wikipedia-Manipulatorin</a>, der / die dem neuen Bundeswirtschaftsminister von Guttenberg einen zus&#228;tzlichen Vornamen (Wilhelm) unterjubelte oder jene <a href="http://www.bildblog.de/5731/wilhelm-ii/" target="_blank">Schar von Journalisten und Journalistinnen</a>, die Wikipedia als Recherchequelle nutzt und dort abschreibt?</p>

<p>W&#228;hrend nun viel &#252;ber die mangelnden Recherchqualit&#228;ten der deutschen Qualit&#228;tspresse gefeixt wird, scheint sich kaum jemand &#252;ber jenen anonymen, dem <a href="http://www.bildblog.de" target="_blank">Bildblog</a> jedoch namentlich bekannten, Internetbenutzer zu &#228;rgern. Es ist bestimmt kein Zufall, dass jener Wikipedia-Mitschreiber seinen Namen nicht nennen will. Hier wurde eines der in meinen Augen wichtigsten Netiquette mit F&#252;&#223;en getreten, der jeder ernsthaft an der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinsame_Wissenskonstruktion" target="_blank">Wissenkonstruktion</a> im Netz beteiligte Autor unterworfen sein sollte: Aufrichtige Gewissenhaftigkeit! – Und das nicht erst im Nachhinein &#246;ffentlichkeitswirksam im Bildblog.</p>

<p>Ja, Fehler k&#246;nnen passieren. Bewusst konstruierte Fehler aber geben keinerlei Anlass &#252;ber andere zu feixen, auch wenn es nat&#252;rlich interessant ist, in wie vielen Medien diese Fehler &#252;bernommen wurde! Das gibt einen tiefen Einblick in eine Recherchepraxis, die die gesamte Medienlandschaft durchzieht. Es scheint manchmal so, als schrieben auch Journalisten und Journalistinnen in vielen F&#228;llen einfach voneinander oder aus gleichen Quellen ab, so dass sich keine Vielfalt sondern vor allem <a href="http://lexikon.meyers.de/wissen/Redundanz+(Sachartikel)+Sprache%2C+Schriften" target="_blank">Redundanz </a>entwickelt.</p>

<p>Die gemeinsame Konstruktion von Wissen ist darauf angewiesen, dass alle an ihr Beteiligten nach bestem Wissen und Gewissen sorgf&#228;ltig mit den jeweils selbst beigetragenen Wissensteilen umgehen. Trotz Sichtungsmechanismen ist dies in Wikis leider nicht zu garantieren. Hier greift so etwas wie eine Ethik des Schreibens im Internet, die meines Erachtens nicht unter der Journalistenethik steht. Anders kann die Konstruktion von Wissen im Netz nicht funktionieren.</p>

<p>Die offene Struktur solcher Wissenbildungsprozesse kann nicht sicherstellen, dass nur solche Menschen im Netz schreiben, die sorgf&#228;ltig mit Wissen umgehen und sich Gedanken &#252;ber die Bedeutung des Netzes f&#252;r die moderne Wissensgesellschaft machen. Das ist ja der Grund, warum ich Wikipedia und viele andere Seite im Internet z.B. f&#252;r die Generierung von Wissen in Schule und Unterricht nur bedingt f&#252;r geeignet halte.</p>

<p>Und da sind wir beim n&#228;chsten Problem: Das Internet wird nach wie vor als Konsum-Medium genutzt. Verantwortete <a href="http://www.heise.de/newsticker/Web-2-0-hat-noch-nicht-die-Massen-aktiviert--/meldung/132355" target="_blank">Vernetzung zum Zwecke der Wissensbildung ist nach wie vor eher die Ausnahme</a>. Es ist nach wie vor so, dass eigentlich nur der oder die mit Gewinn im Netz recherchieren kann, der oder die Kriterien entwickelt hat, anhand derer er oder sie Informationen einsch&#228;tzen und bewerten kann, die ihm oder ihr dort vorgesetzt werden.</p>

<p>Trotz der relativ hohen Qualit&#228;t von kollektiv konstruiertem Wissens, dessen ber&#252;hmtestes Beispiel Wikipdedia ist, das durch die gegenseitige Kontrolle der am Wissensbildkonstruktionsprozess beteiligten Personen erreicht wird, die (unbewusst gesetzte) Fehler in der Regel schnell korrigieren, kommen wir um die Aufforderung der Aufkl&#228;rung auch heute nicht herum, dass man sich trauen solle, sich des eigenen Verstandes zu bedienen (sapere aude), statt in voraufkl&#228;rerischer Unm&#252;ndigkeit auf die &#220;berpr&#252;fung von Wissen zu verzichten, auch wenn dies en Detail in vielen F&#228;llen nahezu unm&#246;glich ist.</p>

<p>Ja, auch ich w&#228;re auf den Hoax mit dem untergejubelten »Wilhelm« hereingefallen. Das nur, damit mir keiner Selbstgerechtigkeit vorwerfen kann. Deshalb bin ich auf die betroffenen Medien auch fast nicht b&#246;se; wenig Humor habe ich aber gegen&#252;ber dem Verursacher oder der Verursacherin dieses bewusst gesetzten Fehlers. (Warum gehen eigentlich nahezu alle, zumindest sprachlich, davon aus, dass es sich um einen m&#228;nnlichen Autor gehandelt hat?) Gerade weil wir uns in eine gewisse Selbtsverst&#228;ndichkeit im Umgang mit Informationen aus dem Netz begegeben haben, ist es um so wichtiger, dass m&#246;glichst alle dort schreibenden Personen ernst nehmen, dass das Netz zu einem wichtigen Ort der Information und Wissenskonstruktion geworden ist.</p>



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		<title>LdL und TZI</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Feb 2009 01:07:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>In einem <a href="http://herrlarbig.de/2009/01/30/lernen-durch-lehren/" target="_blank">vorhergehenden Beitrag</a> schrieb ich in einem Kommentar, dass ich bei meinen &#220;berlegungen von mir als Lehrer ausgehe und mich auf diesem Wege dem Konzept »<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Lernen_durch_Lehren" target="_blank">Lernen durch Lehren</a>« n&#228;here. Ich begr&#252;ndete dieses Vorgehen mit meiner Besch&#228;ftigung mit den Ans&#228;tzen der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Themenzentrierte_Interaktion" target="_blank">Themenzentrierten Interaktion (TZI)</a> nach <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ruth_Cohn" target="_blank">Ruth Cohn</a>. Hier soll nun diese als Hypothese angenommene Verbindung beider Konzepte n&#228;her untersucht werden. Dabei gehe ich von grundlegenden Elementen der TZI aus und untersuche, inwiefern sie mit dem Konzept des LdL vereinbar sind. Meine Vermutung ist, dass es zahlreiche Ankn&#252;pfungspunkte gibt, die beide praxisorientierte Theorien miteinander verbinden k&#246;nnen.</p>

<p>Dieser Beitrag versteht sich in diesem Zusammenhang als ein Versuch und nicht als letztes Wort. Dieser Beitrag will zu weiteren Beitr&#228;gen anregen, zu Diskussionen und Komentaren, geh&#246;rt also zu einem Denkprozess, der an unterschiedlichen Orten der Welt stattfindet – und das Netz zur Verkn&#252;pfung der Aktivit&#228;ten nutzt.</p>

<p><span id="more-1007"></span></p>

<h2>Die Grundlagen der TZI und der Ansatz LdL</h2>

<h3>Die Autonomie des Menschen</h3>

<blockquote>»Der Mensch ist eine psycho-biologische Einheit. Er ist auch Teil des Universums. Er ist darum autonom und interdependent. Autonomie (Eigenst&#228;ndigkeit) w&#228;chst mit dem Bewusstsein der Interdependenz (Allverbundenheit).«<sup> [1]</sup></blockquote>

<p>Hier geht es um das Menschenbild der TZI. Der Mensch ist eigenst&#228;ndig und abh&#228;ngig bzw. mit anderen Menschen verbunden. Um hier einen Vergleich mit LdL zu leisten, muss das Menschenbild zu Rate gezogen werden, das mit dem Konzept »Lernen durch Lehren« verbunden ist.</p>

<p><a href="http://www.adz-netzwerk.de/wiki/index.php/Benutzer:Jeanpol/Folie_4" target="_blank">Jean-Pol Martin beschreibt den Menschen als »Ressource«</a>, wobei ich den Begriff hier anders verstehen als in &#246;konomischen Kontexten. Ich verstehe den Begriff hier als parallel zu dem Begriff der »Autonomie« in der TZI. Jeder einzelne Mensch bringt bestimmte F&#228;higkeiten mit, die ihn von anderen Menschen unterscheiden und die seine Autonomie begr&#252;nden. Gleichzeitig kommt diese Autonomie nur dann zu sich selbst, wenn sie mit anderen Menschen in Verbindung tritt, diese als Autonomien (»Ressourcen«) wahrzunehmen versteht und entsprechend zu handeln vermag. Mit der Begrifflichkeit der TZI ausgedr&#252;ckt hei&#223;t das: Der autonome Mensch ist zugleich interdependent – im Vokabular von LdL  bedeutet dies, dass der Einzelne in der Lage sein muss<span class="mw-headline">, </span>»<span class="mw-headline">Potenziale von anderen Gruppenmitgliedern zu erkennen, zu erschlie&#223;en und f&#252;r die Gruppe fruchtbar zu machen«<sup> [2]</sup><span class="mw-headline">. Die Autonomie des Einzelnen, die ihn zur </span>»Ressource« macht ist »interdependent«, im Wechselspiel mit anderen »Ressourcen« und nur dann angemessen verstanden, wenn die anderen als Autonomien bzw. als »Ressourcen« verstanden werden. Das Ich im Lernprozess ist nie nur Ich, sondern immer Teil des Wir einer Lerngruppe.</p>

<p>In der Bed&#252;rfnispyramide nach Maslow<sup> [3]</sup> ist dieser Zusammenhang in den Bereichen »Selbstverwirklichung«, »soziale Beziehungen« und »soziale Anerkennung« angesiedelt.<sup> [4]</sup></p>

<h3>Wertsch&#228;tzung</h3>

<blockquote>»Ehrfurcht geb&#252;hrt allem Lebendigem und seinem Wachstum. Respekt vor dem Wachstum bedingt bewertende Entscheidungen. Das Humane ist wertvoll, Inhumanes ist wertbedrohend.«<sup> [5]</sup></blockquote>

<p>LdL geht davon aus, dass Lernende das Potential mitbringen, zum Wachstum anderer Lernender beizutragen, insofern sie dabei von einem in der Sache und in den Methoden kompetenten Lehrenden begleitet werden. Die »Ressource«, die jedes Individuum im Konzept von LdL ist, setzt sich von einem lehrerzentriertem Unterricht insofern ab, als dieser Form von Unterricht »eine rezeptive Aufnahme von bereits linear geordneten Lerninhalten« praktiziert, w&#228;hrend bei Ldl eine Kontruktion von Wissen durch die Lerner angestrebt wird.<sup> [6]</sup>. LdL setzt also den Wert des individuellen Lerners voraus, bringt ihm »Ehrfurcht« entgegen. Diese schlie&#223;t bewertende Entscheidungen mit ein, die sowohl durch die Lernenden als auch die Lehrenden zu treffen sind.  Doch die hier angesprochene Bewertung ist vor allem eine kognitive und keine das Individuum bewertende. Es geht um die Sache und die soziale Interaktion der Lernenden und nicht um Noten.<sup> [7]</sup></p>

<h3>Grenzen erweitern</h3>

<blockquote>»Freie Entscheidung geschieht innerhalb bedingender innerer und &#228;u&#223;erer Grenzen. Erweiterung dieser Grenzen ist m&#246;glich.«<sup> [8]</sup></blockquote>

<p><a title="Seneca" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Seneca" target="_blank">Seneca</a> stellte in seinen <a title="Epistulae morales" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Epistulae_morales" target="_blank">Briefen &#252;ber die Moral an Lucilius</a> fest:<em> homines, dum docent, discunt</em> (Menschen lernen, w&#228;hrend sie lehren)<sup> [9]</sup>. Damit verbunden ist, dass lehrende Menschen ihre eigenen intellektuellen Grenzen st&#228;ndig erweitern, w&#228;hrend sie sich zugleich im Kontext »bedingender innerer und &#228;usserer Grenzen«<sup> [10]</sup> bewegen. Bezogen auf die Bed&#252;rfnispyramide nach Maslow bedeutet dies, dass ein Lehrender sich selbst verwirklicht, soziale Beziehungen pflegt, soziale Anerkennung erlangt und somit einerseits Sicherheit erlangt, aber auch in einen transzendenten Bereich vordringt, insofern er im Prozess des Lernens und Lehrens &#252;ber sich selbst hinaus steigt und etwas zu lernen vermag, was ohne die Einbettung des Lernens in den sozialen Kontext der Lerngruppe nicht m&#246;glich w&#228;re.<sup> [11]</sup> Lernende m&#252;ssen aus der Sicht von LdL freie Entscheidungen treffen, die sich im Rahmen der Grenzen bewegen, die von ihrem Lernstand und ihren F&#228;higkeiten im Umgang mit Materialien zu einem Thema (innere Grenzen), aber auch von den Vorgaben von Schule und Unterricht (&#228;u&#223;ere Grenzen) gesetzt werden. Diese Entscheidungen und die ihnen gesetzten Grenzen f&#252;hren jedoch gleichzeitig zu einer Erweiterung dieser Grenzen, da im Umgang mit dem einem Thema und den zur Verf&#252;gung oder recherchierten Materialien im Kontext der Vorbereitung auf das Lehren eine Erweiterung sowohl des Wissen als auch der Kompetenzen der Lernenden zu erwarten ist.</p>

<h2>Die <span class="mw-headline">Postulate der TZI und der Ansatz LdL</span></h2>

<h3><strong>Sei deine eigene <a title="Chairperson (TZI)" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Chairperson_%28TZI%29" target="_blank">Chairperson</a>, die Chairperson deiner selbst!</strong></h3>

<p>Diese Postulat der TZI bedeutet, dass jedes Individuum dazu aufgefordert ist, sich selbst, andere Individuen und die Umwelt in ihren jeweiligen M&#246;glichkeiten und Grenzen wahrzunehme »und jede Situation als ein Angebot f&#252;r die eigene Entscheidung anzunehmen.«<sup> [12]</sup></p>

<p>LdL kann nur funktionieren, wenn Lernende diesen Grundsatz befolgen und im Kontext der gestellten Herausforderungen durch einen Unterrichtsgegenstand diesen mit dem eigenen Selbst in Verbindung zu bringen verm&#246;gen. Dabei ist diese Verbindung mit dem eigenen Selbst in einem sehr weiten Sinne zu verstehen.</p>

<p>Darin steckt die Aufforderung, sich selbst, andere und die Umwelt in den ihnen je eigenen M&#246;glichkeiten und Grenzen wahrzunehmen und jede Situation als ein Angebot f&#252;r eigene Entscheidungen anzunehmen. Das hei&#223;t, Lernende m&#252;ssen in die Lage versetzt werden, im Umgang mit einer Sache Entscheidungen zu treffen, mit denen sie sich selbst als Individuen in den Lern-Lehr-Zusammenhang einzubringen verm&#246;gen, aber auch, die Grenzen der pers&#246;nlichen Eingebundenheit im Zusammenhang der Vermittlung der Sache an Mitlernende zu erkennen und produktiv umzusetzen.</p>

<h3><strong>St&#246;rungen haben Vorrang</strong></h3>

<p>Diese &#220;bersetzung des Postulates Ruht Cohns &#252;bergeht, was hier gemeint ist. Hier wird die Tatsache angesprochen, dass <em>St&#246;rungen sich Vorrang nehmen</em>! Das hei&#223;t, dass ich als Lernender oder Lehrender immer damit rechnen muss, dass es im Kontext des Lernens und Lehrens zu Ereignissen kommt, die diesen Prozess begleiten, ohne dass sie etwas mit dem Gegenstand zu tun haben. Dabei k&#246;nnen St&#246;rungen unterschiedlichste Formen annehmen, die sich jeder und jede selbst ausmalen m&#246;ge. Diese St&#246;rungen k&#246;nnen alle Mitglieder einer Lerngruppe betreffen oder sehr individuell sein. Ob nun weltpolitische oder pers&#246;nliche Ereignisse eintreten, sie beeinflussen die Interaktion in einer Lerngruppe auf jeden Fall, sodass eine weitere Arbeit an einer Sache erst dann wieder aufgenommen werden kann, wenn solche St&#246;rungen aufgegriffen wurden. In solchen Situationen ist der Lehrende gefragt. Beispielsweise konnte am 12. September 2001 wohl kaum ein Lehrender die Ereignisse von 9/11 ignorieren. Doch St&#246;rungen k&#246;nnen auch v&#246;llig anders geartet sein. Wenn z. B. in einer Schule bei laufendem Betrieb gebaut wird oder bestimmte Vorf&#228;lle in der Schule oder in der Biographie von Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;lern auftreten (Verlust eines Angeh&#246;rigen eines Sch&#252;lers oder einer Sch&#252;lerin oder auch einfach nur die Tatsache, dass die Lernenden in einer vorhergehenden oder folgenden Stunde eine Arbeit schreiben oder es im Verbund der Lernenden zu St&#246;rungen im Sozialverhalten gekommen ist etc.), so m&#252;ssen diese in der Gruppe oder mit dem Individuum aufgegriffen werden. Hier w&#228;re dann im Kontext von LdL der Lehrende als Teil der Gruppe gefragt, um solche Situationen aufzugreifen.</p>

<p>Bislang ist mir im Kontext von LdL kein Ansatz begegnet, der solche Formen von  Bed&#252;rfnissen der Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;lern aufgreifen w&#252;rde. Doch wie jede andere Unterrichtsform auch, muss ein Konzept wie LdL Platz f&#252;r die Aufarbeitung solcher St&#246;rungen lassen. Ob in solchen Zusammenh&#228;ngen vor allem der Lehrende mit seinen p&#228;dagogischen Kompetenzen gefragt ist oder ob Lernende diese St&#246;rungen selbst aufgreifen k&#246;nnen (bzw. sollen), erscheint mir im Konzept von LdL bislang zu wenig (gar nicht?) reflektiert zu sein. An dieser Stelle kommt dieser Vergleich von TZI und LdL m&#246;glicherweise an eine Grenze, die in das Konzept von LdL explizit integriert werden muss. Impliziet gibt es bereits bei den von Maslow genannten Teilen der »Bed&#252;rfnispyramide« Ans&#228;tze zu einer solchen Integration von St&#246;rungen, insbesondere wenn es um physiologische Bed&#252;rfnisse und das Bed&#252;rfnis nach Sicherheit geht, doch im Konzept von LdL erscheint mir die Frage nach dem Umgang mit St&#246;rungen bislang zu wenig ber&#252;cksichtigt.<sup> [13]</sup></p>

<h3><strong>Verantworte dein Tun und Lassen – pers&#246;nlich und gesellschaftlich! </strong></h3>

<p>Dieses Postulat bezieht sich auf einen Vorschlag G&#252;nter Hoppes aus dem Jahr 1994.<sup> [14]</sup> Hoppe sagt: »Setze Dich mit Deiner &#228;usseren Welt, Deinem Globe um Dich herum und seinem Abbild in Dir auseinander. Greife ein und ver&#228;ndere, was Du im Sinne der Humanisierung ver&#228;ndern kannst!«<sup> [15]</sup></p>

<p>»Weltverbesserung« ist einer der zentralen Begriffe bei Jean-Pol Martin. Dabei geht es ihm z. B. darum, »relevantes Wissen gemeinsam zu konstruieren«<sup> [16]</sup></a> Dabei ist sein »Rezept«, mit anderen Menschen zu kommunizieren und, was fast noch wichtiger ist, entsprechende Kommunikationsm&#246;glichkeiten zu entwickeln und zu nutzen.</p>

<blockquote>»<em>Um Probleme zu l&#246;sen, m&#252;ssen wir ununterbrochen neues Wissen konstruieren. In Einsamkeit geht das nicht. Zur Produktion von neuem Wissen, m&#252;ssen Menschen kommunizieren. Wie motiviert man Menschen zu kommunizieren, um neues Wissen herzustellen?«</em><sup> [17]</sup></blockquote>

<p>Das Modell der TZI liefert f&#252;r dieses Ziel ein Rahmenmodell f&#252;r gelingende Interaktion, die ja immer auch Kommunikation ist. Der Prozess der Kommunikation wird hier in der Trias von Ich, Wir und Sache betrachtet, aus der sich interagierend das Thema ergibt, das immer auch in alles die Interaktion Umgebende eingebettet ist, was die TZI den Globe nennt:</p>

<p style="text-align: center;"><a rel="attachment wp-att-1037" href="http://herrlarbig.de/2009/02/03/ldl-und-tzi/tzi_modell001001/" target="_blank"><img class="alignnone size-full wp-image-1037" title="TZI-Modell" src="http://herrlarbig.de/wordpress/wp-content/uploads/2009/02/tzi_modell001001.jpg" alt="TZI-Modell" width="398" height="297" /></a></p>

<p>LdL geht davon aus, dass Wissen der Weltverbesserung dienen kann, wenn m&#246;glichst viele K&#246;pfe ernsthaft an der Generierung des Wissens (und an der Umsetzung von Einsichten) beteiligt sind. Dabei werden (auch) die M&#246;glichkeiten des Internets, genauer, digitale Vernetzungsstrukturen, genutzt, um Individuen mit ihren individuellen Denkm&#246;glichkeiten als Gruppe (Wir) zusammen zu bringen, die mit einer Sache (Es) befasst ist, woraus sich nicht nur die Inhalte, sondern &#252;berhaupt erst die Themen der Interaktion ergeben. Dabei nimmt das eigene Tun und wie das Tun Anderer einen pers&#246;nlichen und gesellschaftlichen Charakter an, der von den jeweiligen Akteuren Verantwortung verlangt.</p>

<h2>Res&#252;mee</h2>

<p>Es ist m&#246;glich, die Ans&#228;tze »Lernen durch Lehren« und »Themenzentrierte Interaktion« miteinander zu verkn&#252;pfen. Sie erg&#228;nzen einander, ohne dass der eine den anderen aufheben w&#252;rde. Die Reflexion des einen Ansatzes vor dem Hintergrund des anderen erzeugt Schnittmengen und (hier zun&#228;chst einmal wenig diskutierte) Differenzen, die z. B. unter anderem darin bestehen k&#246;nnten, dass TZI einen origin&#228;r psychotherapeutischen Hintergrund hat, der sich die Frage stellt, wie Kommunikationsstrukturen aussehen m&#252;ssen, die ganzheitlich ansetzen und somit zur psychischen Gesundheit von Menschen beitragen, w&#228;hrend sich LdL origin&#228;r in einem eher didaktischen Rahmen bewegt, in dem es um die Frage geht, wie Wissen m&#246;glichst nachhaltig generiert werden kann, sodass es relevant wird.</p>

<p>In diesem Beitrag habe ich die »Hilfsregeln der TZI« zun&#228;chst einmal unber&#252;cksichtigt gelassen. Diese k&#246;nnen aber auch im Kontext LdL insofern hilfreich sein, als sie zentrale Grundregeln formulieren, die f&#252;r eine gelingende Kommunikation notwendig sind. Diese Grundregeln sind f&#252;r die direkte Face-to-Face-Situation formuliert sind, eine Situation in der LdL in den meisten F&#228;llen seine Anwendung findet. Eine &#220;bertragung auf eine Interaktion im Internet scheint 