Von der Handschrift und getippten Texten

Ich schreibe gerne per Hand.

Ich tippe gerne Texte.

Bei der Handschrift schätze ich den gleichmäßigen Rhythmus, mit dem Gedanken auf das Papier fließen. Die Handschrift ist dabei eine konkrete körperliche Spur, die hinterlassen wird. In ihrer Individualität trifft sie auf Menschen, die sie lesen können und andere, die sie nicht lesen können. Der Text ist eindeutig zuzuordnen. Es gibt kein einfaches Kopieren und Einfügen.

Beim Tippen schätze ich die direkte Lesbarkeit, die Möglichkeit, einen Text nachzubearbeiten und die Schnelligkeit, mit der auf diesem Wege ein Text entstehen kann. Der Preis ist, dass ein Text seiner Körperlichkeit beraubt ist, solange er nicht ausgedruckt wurde. Und selbst wenn er ausgedruckt vorliegt, geht ihm die persönliche Note ab, die mit der Handschrift verbunden ist.

Der Verbreitung von Texten und der Effizienz beim Lesen nutzt dieser Verlust an „Persönlichkeit“ eines Textes wohl. In digitalen Zeiten kommt noch dazu, Continue reading

Von der Umwertung von Werten oder: Kritische Anmerkungen zur „PostPrivacy“

Anonymität galt früher gilt als ein grundlegendes Recht des Bürgers in einer Demokratie. Wann ich mich wo aufgehalten habe, wann ich mit wem telefonierte, wem ich wann einen Brief schrieb etc., ging geht weder den Staat noch irgendwelche Firmen etwas an.

Für den Staat gab gibt es eine Ausnahme: Wenn der berechtigte Verdacht bestand besteht, dass ein Bürger schwere kriminelle Handlungen plant oder durchführt, konnten kann das Brief- und das Telefongeheimnis von einem Richter ohne Wissen der betroffenen Person eingeschränkt werden. – Diese Möglichkeiten gibt es heute auch noch, aber die Begehrlichkeiten der Sicherheitsbehörden scheinen mit den Möglichkeiten zur Überwachung zu steigen.

Grundsätzlich aber gilt galt einmal: Der Bürger kann sich unbeobachtet bewegen, unbeobachtet telefonieren, unbeobachtet Briefe schreiben und unbeobachtet seine Schreibmaschine benutzen.

Kurioserweise ist der Begriff „Anonymität“ in den vergangenen Jahren mehr und mehr mit negativen Assoziationen verbunden worden, die „Anonymität“ nicht mehr als ein grundlegendes Freiheitsrecht verstehen, sondern diese Continue reading

LdL als konstruktivistisch orientiertes Lernen

Der folgende Artikel liegt schon seit einigen Monaten im Ordner für Entwürfe. Jetzt bin ich wieder über ihn gestolpert und habe entschieden, ihn endlich zu veröffentlichen und zur Diskussion zu stellen. Ich würde mich sehr freuen, wenn ein konstruktiver Austausch in den Kommentaren oder in anderen Blogs via PingBack stattfinden würde.

Als ich noch Referendar war (in Hessen heißt das heute LiV, was für »Lehrer im Vorbereitungsdienst« oder »Lehrerin im Vorbereitungsdienst« steht), stieß ich von Anfang an auf das konstruktivistisch orientierte Modell des Lernens.

Dieses Modell geht davon aus, dass Wissen nicht etwas ist, das ein Lehrer oder eine Lehrerin instruieren kann. Wissen wird in diesem Modell des Lernens vielmehr als etwas gesehen, das in kognitiven Prozessen aktiv von Lernenden konstruiert wird. Hierzu schrieb die Stuttgarter Zeitung am 8.2.2009:

»In den Schulen ist der instruktive Ansatz als nicht zeitgemäßer Frontalunterricht in die Kritik geraten. Nur das autonome und entdeckende Lernen, bei dem Kinder selbst experimentieren und recherchieren, führe zu nachhaltigen Ergebnissen, heißt das Gegenargument. Lehrer werden Lernbegleiter.«

Im Zentrum der Aufgabe von Lehrenden steht in diesem Zusammenhang aktueller pädagogischer Debatten also,  Continue reading

Notizen vom CoLearnCamp #clc11

Samstag, 10. September 2011, 06:50

Samstag. Wochenende. Ausschlafen.

Von wegen.

Ich bin schon auf den Beinen, will heute ein wenig die Fühler ausstrecken und erfahren, wie in Kreisen über das Lernen gesprochen wird, in denen Lern-Lehrprofis aus außerschulischen Zusammenhängen aufeinander treffen. Fragte den Organisator sogar, ob ich einen Platz besetzen dürfe, weil ich ja nun nicht aus dem Kreis der Zielgruppe stamme. Natürlich durfte ich ;-) Heute also geht es zum CorporateLearningCamp, das in den Räumen der TU Darmstadt stattfindet.

8:07 Uhr Continue reading

Computer im Unterricht. Das digitale Paradox.

Es ist paradox: Schüler und Schülerinnen haben oft zuhause Zugang zu Computer und Internet und nutzen diesen intensiv. In Schulen gibt es, so eine Bibliothek vorhanden ist, für Schülerinnen und Schüler Zugangsmöglichkeiten zu diesen Medien außerhalb von Computerräumen.

Dennoch ist die Nutzung von Computern im Unterricht nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. Die verlinkte Studie ist zwar eineinhalb Jahre alt, aber im Prinzip spiegelt sie die Wirklichkeit meiner Wahrnehmung nach weiterhin wider.

Dies allein wäre noch keine paradoxe Situation, wäre da jetzt nicht eine zweite Studie zu dem Schluss gekommen, dass auch die Lehrer und Lehrerinnen in ihrer übergroßen Mehrheit gut mit Computern und Internetzugängen ausgestattet sind. Sie nutzen diese zudem in vielen Fällen auch für die Vorbereitung des Unterrichts.

Das Paradox: Sowohl Schüler und Schülerinnen also auch Lehrerinnen und Lehrer nutzen PC und Internet in ihrem privaten Alltag und auch für die Schule; Lehrer und Lehrerinnen sind von den Zugangsmöglichkeiten her sogar überdurchschnittlich gut ausgerüstet. Und dennoch spielt der Computer im Unterricht vor Ort nach wie vor eine untergeordnete Rolle.

Dieses Paradox würde sich auflösen, wenn Continue reading

Hausmitteilung: herrlarbig.de ist zum 3. Geburtstag umgezogen und doch Zuhause geblieben

So, die Sommerpause ist vorbei.

Und das hier ist der 300. Artikel auf herrlarbig.de. Drei Jahre herrlarbig.de – 300 Artikel: Das gefällt mir. Rechnerisch bedeutet das, dass im Schnitt alle 3,65 Tage ein Artikel erschienen ist.

Auch wenn sich inhaltlich und optisch nichts getan hat, hat sich in den letzten Tagen eine ganze Menge getan: herrlarbig.de ist umgezogen.

Nein, ich habe nach all den Jahren nicht den Anbieter der technischen Infrastruktur gewechselt, die es überhaupt erst möglich macht, dass diese Website im WorlWideWeb vorhanden sein kann. Der Umzug erfolgte vielmehr von einem Server auf einen anderen beim gleichen Hoster.

herrlarbig.de ist umgezogen, aber dennoch „Zuhause“ geblieben. Gleichzeitig aber werde ich mit diesem Umzug jetzt Ubernaut. Ich habe den Uberspace betreten.

Für meine Besucher verändert sich dadurch nichts. Im Hintergrund aber hat sich eine ganze Menge getan, was ich hier kurz erwähnen will, weil eine solche Website in Wirklichkeit ja viel mehr technischen Aufwand im Hintergrund mit sich bringt, als auf der Inhaltsoberfläche zu sehen ist, vor allem dann, wenn man eigenen Webspace verfügbar hat.

Was also hat sich verändert:

  1. Die Website herrlarbig.de läuft nun auf einem Server, der mit Strom aus regenerativen Quellen betrieben wird, ohne CO2-Ausstoß und ohne radioaktiven Abfall (Öko-Strom). Das ist nicht ganz unbedeutend, denn dass diese Website rund um die Uhr zur Verfügung steht, geht natürlich nur, weil es da einen Rechner in einem Rechenzentrum hier in Frankfurt am Main  gibt, der 24 Stunden an jedem Tag des Jahres läuft und somit nicht gerade wenig Strom verbraucht. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist das ein technisch äußerst spannendes Rechenzentrum, weil das Kühlungsthema anders angegangen wird als in dem Rechenzentrum, in dem bislang der Server stand, der herrlarbig.de beherbergte.
  2. herrlarbig.de ist jetzt auch über IPv6 erreichbar.
  3. herrlarbig.de nutzt die geniale Idee, Umsetzung, Technik und Performance von Uberspace.
  4. Die Verwaltung ist für mich durch deutlich beschleunigte Zugriffszeiten im Verwaltungsmodul deutlich komfortabler geworden. Davon mögen Besucher und Besucherinnen von herrlarbig.de zwar nicht viel merken, aber dass die Arbeit am Blog dem Blogger Spaß macht, ist natürlich auch für die Lesenden relevant, und so sollte dieser Performance-Gewinn doch ausstrahlen.
Damit ist herrlarbig.de als Bildungsneuron und Lehrerblog nach drei Jahren technisch auf den neusten Stand gebracht. Drei Jahre herrlarbig.de ist aber auch ein guter Zeitpunkt all denen Danke zu sagen, die überhaupt die Motivation dafür geben, dieses Blog zu führen, weiter zu führen und zu pflegen:
  • Danke, liebe regelmäßigen Besucher, die ihr herrlarbig.de als RSS-Feed in eurem Feed-Reader abonniert habt und Wert darauf legt, möglichst schnell informiert zu werden, wenn es was neues auf herrlarbig.de gibt.
  • Danke allen, die bis jetzt hier Kommentare hinterlassen haben, sich auf Diskussionen einließen und auch zukünftig einlassen werden. Ein Blog lebt nicht nur von den Inhalten, die der Blogger beiträgt, sondern mindestens ebenso stark von den Kommentaren und der Qualität der Diskussionen.
  • Danke allen, mit denen ich über Twitter im dauernden Austausch über das Blog hinaus bin. Einige Beiträge dieses Blogs verdanken sich den Anregungen, die auf diesem Wege zu mir gekommen sind.
  • Danke allen, die über Suchmaschinen auf herrlarbig.de kommen und einzelne Artikel lesen.
  • Danke allen, die fragen, bevor Sie Artikel oder Ausschnitte aus Artikeln verwenden und somit zeigen, dass sie die Arbeit schätzen, die hier drinnen steckt. Oft bleibt mir dann nur zu sagen: Schön, dass du fragst, aber Zitate mit Quellenangaben und Links lässt das Urheberrecht auch ohne Nachfrage zu. Aber wie gesagt: Es ist toll, wenn da eine E-Mail eingeht und gefragt wird, ob Inhalte verwendet werden dürfen.
  • Danke allen, die auf herrlarbig.de verlinken und damit zum Ausdruck bringen, dass sie Inhalte dieses Blogs schätzen und des Verlinkens Wert erachten.
  • Danke an jonaspasche.com und uberspace.de. Ohne Jonas, dem genialsten Programmierer, Webhoster und Internettechniker der Welt (soweit ich das überblicken kann ;-) ), gäbe es herrlarbig.de in dieser Form nicht. Und das Jonas’ Mitarbeiter Teil dieser „kleinen, geilen Firma“ (Funny van Dannen) sind, die das alles möglich macht, sei hier auch erwähnt. Also: Danke an Jonas PascheAndreas BeintkenMatthias Bender und Christopher Hirschmann.  – Wenn jemand sagt, von Idealismus könne man nicht leben: Diese Firma und deren Chef Jonas sind für mich der Beweis, dass es doch geht, wenn der Idealismus nur mit ihm entsprechender Qualifikation verbunden und gelebt wird.
  • Danke… allen, die ich hier vergessen habe, aber gar nicht vergessen wollte, weil es mir peinlich sein wird, wenn ich erfahre, dass ich sie vergessen habe.
Natürlich macht man in drei Jahren auch seltsame Erfahrungen, sodass ich hier noch einmal zusammenfasse, was herrlarbig.de in meinen Augen prägt:
  1. herrlarbig.de ist ein privates Lehrerblog. Ich mache das hier in meiner Freizeit, als Hobby.
  2. herrlarbig.de macht keine bezahlte Werbung. Wenn ich hier verlinke und kommerzielle Angebote erwähne, dann weil ich das will und nicht, weil ich damit Geld verdiene. Mein Geld verdiene ich mit meinem Beruf. herrlarbig.de ist … Ach, siehe 1.
  3. Ich bekomme regelmäßig Anfragen zum Linktausch. Dazu kann ich nur sagen: Wenn jemand Inhalte meiner Website des Verlinkens wert erachtet, so möge er dies tun, aber mir eine E-Mail zu schreiben, in der „Ich verlinke dich, wenn du mich verlinkst“ steht, ist reichlich überflüssig, denn ich bin nicht so der Marketingtyp. Ich mach das hier aus Spaß und nicht weil ich was damit erreichen will; freue mich aber sehr darüber, dass herrlarbig.de nicht ganz unbemerkt im Internet existiert.
  4. Obwohl ich immer wieder deutlich sage, dass die Kontaktmöglichkeiten, die ich im Rahmen meiner Internetpräsenz anbiete, nicht für Werbung, Pressemitteilungen etc. gedacht sind, es sei denn es besteht ein Kontakt, in dessen Rahmen ich ausdrücklich darum gebeten habe, mich auf dem Laufenden zu halten, passiert es immer wieder, dass ich E-Mails bekomme, in denen Anbieter kommerzieller Produkte mich darum bitten, dass ich ihr Angebot bespreche und natürlich verlinke. Sorry, aber so funktioniert herrlarbig.de nicht. Ich bin unabhängig und ich bleibe unabhängig. Das heißt aber auch, dass es mir jedes Mal in den Fingern juckt, solche Anfragen (ohne auf das Produkt den gewünschten Link zu setzen) zu veröffentlichen, um zu dokumentieren, wer sich solcher Marketing-Tricks zu bedienen versucht. Aber ich lasse es dann in der Regel bleiben und lösche diese E-Mails einfach.
  5. herrlarbig.de trägt den Untertitel „Bildungsneuron – Lehrerblog“. In diesem Rahmen nehme ich mir alle Freiheiten in Sachen Content / Themen. Da es sich um ein privates Blog handelt, lasse ich mich nicht festlegen, was ich in den Rahmen Bildung stelle und was nicht. ;-)
  6. … (hier – also per Kommentar – bitte notiere, was herrlarbig.de für dich / sie ausmacht. Was ist es, dass dieses Blog zu dem Blog macht, das es für dich / sie als LeserIn ist?)

 

Vernetztes Lernen und Lehrer-Fortbildung in sozialen Netzwerken

Dieser Text stellt die Basis meines Vortrages im Rahmen des Fachforums „Lernen in sozialen Netzwerken“ am 21. Juni 2011 dar. Verantwortlich für dieses Fachforum ist StudiumDigitale an der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität. Der gesprochene Text wird von diesem geschriebenen Text zwar mit großer Wahrscheinlichkeit abweichen, aber inhaltlich wird es eher weniger Abweichungen geben.

Das Fachforum bietet zehn Minuten Diskussionszeit. An dieser Stelle hier kann weiter diskutiert werden. Die Kommentare sind offen, für Teilnehmende des Fachforums und alle, die etwas zu dieser Diskussion beitragen wollen.

Die Blogversion ist leicht bearbeitet. Stellen, an denen ich im Leseskript die Zuhörenden direkt anspreche, sind hier in blogverträgliche Sprache gebracht.

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Vom Netz reden macht Angst, wenn man sich anschaut, was mit dem Inhalt von Netzen geschieht, nachdem Fischer sie an Bord geholt haben.

oder

Spinnen haben Netze. Bist du Spinne oder klebst du an den Fäden?

Netze sind dafür da, um etwas zu beinhalten, seien es Fische, das Insekt, an dem die Spinne sich gleich laben wird, seien es Benutzerdaten, die Hacker Cracker abgreifen und missbrauchen…

Netze und damit meine ich auch das Internet, sind eben nicht, Continue reading

Die 8 besten (?) Werkzeuge des analogen Lernens und Lehrens

Die einen fragen, was heute zu lernen sei und gehen damit wohltuend von den Tools des Lernens weg hin zu den Inhalten. Prima.

An anderer Stelle geht es in einem Offenen Kurs (Open Course) um die Zukunft des Lernens und in der dritten Woche, in der sich dieser Kurs nun befindet, geht es um die Tools des Lernens, mit denen dann gelernt werden soll, was zu lernen ist, wie auch immer diese Inhalte / Kompetenzen dann näher definiert sind.

Die Überschrift der dritten Woche des Offenen Kurses zur »Zukunft des Lernen« lautet: »Von iPads, eBooks & Virtual Classrooms. Lerntechnologien«.

Die Selbstverständlichkeit, so sehr ich diese im Gesamtkontext dieses Kurses auch nachvollziehen kann und mich ihrer oft selbst bediene, mit der bei Lerntechnologien heute von digitalen Lerntechnologien gesprochen wird, erstaunt mich immer wieder.

Lernende lernen analog, unabhängig davon, wie digital die zum Lernen genutzten Medien auch immer sein mögen. Der Lernprozess des individuellen Menschen findet nicht binär statt, sondern in der komplexen Struktur des Gehirns und des ganzen Körpers.

Deshalb gibt es von mir an dieser Stelle keine Top-Ten-Liste der wunderbarsten digitalen Lernwerkzeuge, auch wenn ich eine solche erstellen könnte, sondern – völlig unzeitgemäß – eine Liste analoger  »Werkzeuge« des analogen Lernens und Lehrens. Die Reihenfolge ist zumindest nicht konsequent hierarchisch gemeint; die Liste ist bestimmt nicht vollständig und überhaupt vor allem eine Anregung zur Erweiterung der Diskussion. Die Zukunft des Lernens bringt neue Technologien mit sich. Sollen diese Technologien die analogen ersetzen? Wo können sie das? Was können sie nicht leisten? Wo sind analoge Werkzeuge vielleicht unabdingbar?

Wenn der offene Kurs »Die Zukunft des Lernens« heißt, so halte ich eine Reduktion auf zukünftige Lerntechnologien zu kurz gegriffen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich hier nun zuspitze, übertreibe, provozieren will, denn ich weiß sehr wohl, dass nicht alle meine Äußerungen in diesem Beitrag auf umfassende Gegenliebe stoßen dürften. Aber dennoch: Ich finde, es lohnt, nicht nur von digitalen Tools zu sprechen (obwohl ich ja zum Beispiel hier genau ein solches nutze, um über analoge Werkzeuge zu sprechen), sondern auch einmal zu fragen, welchen Wert und welchen Platz analoge Werkzeuge des Lernens in der »Zukunft des Lernens« haben.

Also los…:

Die Sinne (Sense Organs)

Die Sinnesorgane des Menschen sind nach wie vor in der Regel analog, solange nicht digitale Prothesen zum Einsatz kommen. Sie sind für Lernprozesse unerlässlich. Und damit sind nicht nur der Hör- und Sehsinn gemeint, die auch bei digitalen Lernprozessen am Computer zum Einsatz kommen. Der Tastsinn kommt in digitalen Zusammenhängen viel zu kurz. Will ich etwas über Bäume und Wälder wissen, so muss ich Baumrinde spüren können, den Geruch des Waldes (zu unterschiedlichen Tages- / Jahreszeiten) einatmen. Will ich etwas über (gesunde) Ernährung wissen, dann fördert der Einsatz des Geschmackssinnes dieses Lernen sehr. Lernen ist ein sinnlicher Prozess. Digitale Lernprozesse führen oft zu einer Entsinnlichung des Lernens. Vielleicht sind deshalb zum Beispiel Videos von Vorträgen viel beliebter als reine Audiomitschnitte, obwohl der Informationsgehalt zur Sache identlisch ist.

Lehrervortrag (Teachers Lecture)

Ja, es gibt viel zu wenige Lehrende, die in der Lage sind, einen guten Lehrervortrag zu halten. Oder sind es doch die Bedingungen, die es unmöglich machen, sich angemessen auf einen guten Lehrervortrag vorzubereiten, da in den meisten Lehr-Lern-Zusammenhängen die zur Vorbereitung benötigten Zeitfenster nicht gelassen werden?

Ja, es ist verdammt schwer, einen guten Lehrervortrag zu halten. Ja, es ist völlig unmodern, überhaupt davon zu sprechen, dass das mit dem Lehrervortrag eine tolle Sache ist. Und dennoch zähle ich den (gelungenen) Lehrervortrag zu den Top-Ten der Werkzeuge des analogen Lernens. Was aber ein gelungener Lehrervortrag ist, ist damit noch nicht gesagt:

  • Ein gelungener Lehrervortrag hat die Lernenden im Blick. Inhaltlich und sprachlich hat er sich an den Fähigkeiten der Lernenden zu orientieren und diese gleichzeitig zu erweitern.
  • Ein gelungener Lehrervortrag führt zu einem Mitdenken der Lernenden.
  • Ein gelungener Lehrervortrag fördert Erkenntnisprozesse und die Lust an der Erkenntnis.
  • Ein gelungener Lehrervortrag befähigt zu praktischem Handeln, leitet zu diesem über, leitet von einem frontalen Lehr-Lern-Zusammenhang in andere Arbeitsformen über, in denen geübt wird, in denen Teilaspekte des »Inputs« vertieft, in denen »Output« entsteht und »Wissen« praktisch angewendet wird.

Lernendenaktivität (Activities of Learners)

  • Es ist zunächst einmal kein Werkzeug, wenn Lernende eigenständig arbeiten, bei dieser Arbeit bedient man sich eher unterschiedlicher Werkzeuge – und die Frage, ob diese analog oder digital sind ist eine nachgelagerte Frage.
  • Dennoch führe ich die Eigenaktivität Lernender hier unter den Werkzeugen auf, weil es sich dabei aus der Sicht des Lehrenden durchaus um ein »Instrument« handelt, das Lernen ermöglicht. Und da ich hier von den besten analogen Werkzeugen des Lernens und Lehrens schreibe, hat diese Eigenaktivität hier ihren Platz.
  • Der Lehrende soll sich, sein Wissen und seine Erfahrungen den Lernenden nicht verweigern. Deshalb der eigene Unterpunkt zum »Lehrervortrag«. Ich habe an der Universität selbst Veranstaltungen erlebt, in denen der Professor nur auftrat, wenn es darum ging, die Referate für das Semester zu verteilen und in der letzten Sitzung eine Zusammenfassung der Veranstaltung zu versuchen. Dazwischen wurde in den »selbst verwalteten Lernprozess« der Studierenden selbst dann nicht eingegriffen, wenn gröbste Fehler in langweilgsten Referaten verbreitet wurden.
  • Zu diesem Nicht-Verweigern des Lehrenden gehört aber auch, dass er den Lernenden ihren Freiraum lässt, um sich selbst und die gewonnenen Kenntnisse auszuprobieren, um aus Kenntnissen Erkenntnisse werden zu lassen. Da es sich aber um Lernendenaktivität handelt, begleitet der Lehrende diese wertschätzend und kritisch. Das kann durchaus auch darauf hinaus laufen, dass eine Ergebnispräsentation, die oberflächlich und ohne großen Erkenntniswert ist, in der sich auch Beratungsversuche der Lehrenden nicht erfolgreich niedergeschlagen haben, entsprechend kritisch besprochen wird.
  • Diese Freiräume, die durchaus großzügig bemessen sein dürfen, müssen nicht analog sein ( – es sei denn, es wird gerade der Umgang mit einem Sportgerät oder ähnliches gelernt).
  • Diese Freiräume müssen nicht digital sein ( – es sei denn, es wird gerade der Umgang mit digitalen sozialen Netzen oder ähnliches gerlernt).

Kreidetafel (Blackboard)

Stromunabhängig und sofort zu Stundenbeginn einsatzbereit. Die einzige Voraussetzung ist, dass Kreide vorhanden ist. Entweder der Kreidevorrat wird zentral gepflegt oder aber man hat seine eigenen Vorräte dabei. Wenn aber Kreide vorhanden ist, ist die Tafel das flexibelste, am schnellsten verfügbare und alles in allem zuverlässigste Instrument zur Darstellung von Gedanken, das in Klassenzimmern vorhanden ist. Mehrfarbigkeit des Tafelbildes ist mit farbiger Kreide schnell umsetzbar. Seit ihrer Einführung in Schulen im 19. Jahrhunderts als ausgereifte und auch in ärmeren Regionen der Welt als Instrument zur Unterstützung von Lernprozessen einsetzbar.

Bibliothek (Library)

  • Eine Gruppe Schülerinnen und Schüler in einer Bibliothek reagiert eigentlich immer gleich, wenn die Jugendlichen nicht sofort an die Computer dürfen: Eigenständig werden Bücher aus den Regalen genommen, durchgeblättert und wenn etwas als interessant empfunden wird, wird das genauer gelesen und auch anderen vorgelesen. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen stellt die analoge Bibliothek einen Lernraum dar, der selbsttätige Lernprozesse fördern kann. Wichtig ist dabei, dass es von Lehrern akzeptiert wird, dass dieses Lernen nicht in Gruppen stattfindet, sondern die Lernenden zumindest phasenweise auf deren eigene Interessen konzentriert sein lässt.
  • Bemerkenswert: Die Bibliothek als »Lernwerkzeug« ist ein Ort! Auch wenn vielleicht nicht unbedingt ein klassisches Lernwerkzeug, so spielen die »Lernräume« als »Spielräume« gelingender Lern-und Bildungsprozesse eine wichtige Rolle.

Notizblock / Schulheft (Exercise Books)

Sicherlich wird die Frage früher oder später auftauchen, ob mobile Tablet-Computer analoge Formen des Notierens und Übens nicht überflüssig machen, aber da es hier nun einmal um analoge Werkzeuge des Lernens geht, geht es ohne das Schulheft und den Notizblock nicht. Dieses Instrument hat ähnliche Vorteile wie die Kreidetafel. Und da im neuen Kerncurriculum für das Fach Deutsch in Hessen unter anderem die für andere lesbare Handschrift als Kompetenz aufgenommen wurde, gehe ich nicht davon aus, dass die Handschrift in absehbarer Zeit aus der Schule verschwinden wird. Handschriftliches Erarbeiten von Wissen, die händische Aneignung von Fertigkeiten und Kompetenzen, das Erlernen des Handwerks in den einzelnen Fächern und auch fächerübergreifend, ist nach wie vor wichtig und zwar schon alleine, weil unser Gehirn auf eine solche »analoge« Weise lernt.

Stifte (Pen / Pencil)

  • Ganz ehrlich: Wenn ich Bilder von manchen meiner Schülerinnen und Schüler sehe, die mit viel Hingabe gemalt wurden, dann weiß ich um den Wert von Stifen; wenn ich Texte lese, die mit der Handschrift auch etwas von der Person widerspiegeln, die diese Handschrift nutzt, dann mag das Lesen manchmal schwer sein, aber gerade dieses nicht glatte, nicht einfach überfliegbare der Texte hebt noch einmal hervor, dass wir es mit Persönlichkeiten zu tun haben. Im Internet und in Zusammenhängen, in denen es nur noch genormte Druckbuchstabenschriften gibt, geht diese Seite des Persönlichen oft verloren.
  • Wenn ich mir schnell Übersicht über einen Gedankengang verschaffen will, benutze ich nach wie vor Papier und Stifte zum Anfertigen von Notizen, Skizeen etc. – Das geht zwar alles auch auf dem Computer, aber wenn ich etwas wirklich lernen will, brauche ich immer wieder auch einfach mein analoges Werkzeug.

Overheadprojektor (Overhead Projector)

Ich hatte mal eine Lehrerin, die malte wirkliche Tafelbilder – sie muss an den Tagen vor dem Unterricht richtig lange an der Tafel gestanden haben, um ihre Tafelbilder zu zeichnen, was nur ging, weil es sich um einen Lehrgang außerhalb der Schule handelte, bei dem sicher war, dass das Tafelbild am nächsten Tag auch noch da sein würde. Und ähnlich hochwertige, handgefertigte Zeichnungen zur Verdeutlichung von Zusammenhängen brachte diese Lehrerin auf Folien unter. Nie zuvor und nie danach habe ich solch künstlerisch spannenden, ästhetisch ansprechenden Lehrmaterialien gesehen, wie bei dieser Sprachlehrerin.

Klar, heutzutage entstehen die meisten Folien unter Benutzung digitaler Technologie, wenn sie nicht direkt mit einer digitalen Präsentation und Beamer ersetzt werden. Und doch haben Folien nach wie vor auch in analoger, handbeschrifter Form einen möglichen Platz im Unterricht: So können per Folien »Tafelbilder« entstehen, die dauerhafter aufbewahrt werden können und wieder einsetzbar sind. Der Mehrwert gegenüber per Computer generierten »Folien« besteht darin, dass wirklich die ästhetische Erfahrung der Handschriftlichkeit, des analogen Schaubildes erreicht werden, auch wenn Lehrende oder Lernende nicht die genialen Zeichner sind.

Auch wenn der Computer in Kombination mit dem Beamer einen adäquaten Ersatz für den Overheadprojektor (OHP) darstellt: Analog erstellte Folien haben oft eine sehr persönliche, unverwechselbare Note, die genau auf einen Lehrenden verweist. Diese Option sollten wir uns (zumindest hin und wieder) einfach nicht entgehen lassen, denn das außergewöhnliche prägt sich ein, fördert den Lernprozess. Digital erstellte Materialien sind manchmal so »aalglatt« und uniform gestaltet, dass sie das Lernen zumindest nicht durch »persönliche Noten« fördern.

Dokumentation: Session @herrlarbig @Educamp @echb11

EduCamp Bremen :: 19./20. März 2011

Educamps sind keine geschlossenen Veranstaltungen.

Educamps verbreiten das, was in ihrem Rahmen passiert.

Entsprechend gibt es audiovisuelle Dokumentationen der von mir auf dem Educamp in Bremen angebotenen Session mit dem Titel „Aufgabenformate in Zeiten von Internet, Wikipedia und Kompetenzorientierung“.

Zunächst ein Interview, das unmittelbar nach der Session geführt wurde und dann eine vollständige Audio-Dokumentation der Session inkl. einer Mitschrift (ein so genannter „Pencast“), die @akasche angefertigt hat. Viel mehr Material und Dokumentation des Educamps mit unglaublich vielen und spannenden Sessions, so mein Eindruck, gibt es auf der Webpräsenz des Educmaps.



Pencast: Aufgaben im Zeitalter von Wikipedia und Co.: