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Open Educational Resources – OER: Geschichte und Einordnung der deutschen Debatte seit Herbst 2011

Open Educational Ressources (OER) – man kann das sinngemäß in etwa mit „frei verfügbaren Lernmaterialien“ übersetzen – können das in ihnen liegende Potential vor allem dort zeigen, wo sie Bildung erst möglich machen, weil sonstiges hochwertiges Lernmaterial nicht verfügbar ist. Die UNESCO schreibt:

“UNESCO believes that universal access to high quality education is key to the building of peace, sustainable social and economic development, and intercultural dialogue. Open Educational Resources (OER) provide a strategic opportunity to improve the quality of education as well as facilitate policy dialogue, knowledge sharing and capacity building.”
(Übersetzung T. Larbig: Die UNESCO ist davon überzeugt, dass der weltweite Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung der Schlüssel beim Aufbau von Frieden, nachhaltiger sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung und für den interekulturellen Dialog ist. Freie Lern-/Bildungsmaterialien sind eine strategische Chance, sowohl die Qualität von Bildung zu verbessern als auch den politischen Dialog, den Austausch von Wissen und den Aufbau von Kapazitäten zu erleichtern.)

Globale Orientierung

Es geht OER um globale Ziele, die mit kommerziell erstellten Lernmaterialien nicht erreicht werden konnten. Es geht OER, das möchte ich den UNESCO-Anmerkungen hinzufügen, auch um Freiheit, welche als grundlegendes Menschenrecht nach wie vor in vielen Regionen der Welt auch daran scheitert, dass mangelnde Bildung den Ausbruch aus Teufelskreisen von Armut, verzweifelter Passivität oder ebenso verzweifelter Gewaltbereitschaft verhindert oder zumindest erschwert.

Lehrer und Lehrerinnen in vielen Regionen der Welt sind nicht nur schlecht ausgebildet, ihnen steht sehr oft darüber hinaus kein oder bestenfalls veraltetes Lehrmaterial zur Verfügung. Hier setzen OER an.

Entsprechend haben sich im Kontext der Pariser OER-Deklaration von 2012fünf Länder bereit erklärt, aktiv OER-Initiativen zu entwickeln. Diese Länder spiegeln wider, welche Regionen der Erde von OER am meisten profitieren können: Weiterlesen

Freiheit

Totale Überwachung ist ein Zeugnis der Angst, nicht der Freiheit. Gedanken zum Einsatz von Instrumenten der Totalüberwachung im Internet

Täglich erschüttert mich dieser Tage die Sprachlosigkeit der unendlich verzweifelten Ratlosigkeit. Man hat uns verraten und Terroristen haben einen Sieg davon getragen. Wo immer vom „Kampf gegen den internationalen Terrorismus“ gesprochen wird, um Freiheiten einzuschränken, ist das Wasser auf die Mühlen der Gegner unseres freiheitlich-demokratischen Lebensstils. Wo im Namen des Terrors Überwachung zur Konstitution von Gesellschaften wird, dort hat der Terror die Macht übernommen, wenn auch im Gewand des Schutzes vor ihm.

9/11 und die Folgen

9/11 hat Angst gesät und Menschen in Führungspositionen entschieden sich für einen Blick auf die Welt, der keinen anderen Blick als den der Angst mehr möglich macht. Plötzlich lauern überall potentielle Gefahren und vor diesen hat man das Volk gefälligst zu schützen. – Ohne Widerspruch glaube ich den Sicherheitsfanatikern in den westlichen Demokratien, dass sie das alles nur tun, um die Menschen vor Terroristen zu bewahren; dass die Gefahr real ist, zeigten u. a. die Anschläge in Madrid und London.

Doch dabei können Führungskräfte, die sich für die Sicherheit verantwortlich fühlen bzw. es aufgrund ihres Amtes sind, leicht zu Scheuklappenträgern werden. Sie vermuten nur dort Terror, wo er in ihren Augen zu erwarten ist. In Deutschland fixierten sich die Sicherheitsbehörden anscheinend vor allem auf islamistischen oder linksradikalen Extremismus und waren wie geblendet angesichts einer rechtsextremistischen Terrorgruppe, die über zehn Jahre hinweg unter der Wahrnehmungsschwelle der Sicherheits- und Geheimdienste Deutschlands agieren konnte. Auch die amerikanischen Zulieferer zu den Erkenntnissen deutscher Dienste sahen diese Terroristen nicht, weil sich Terroristen nämlich nur selten so verhalten, wie Geheimdienste das vermuten.

Die Angst vor Kontrollverlust im Internet

Man hat sich des Terrorismus’ bedient, um die große Angst vor dem Kontrollverlust angesichts der Möglichkeiten des Internets zu therapieren. Die Therapien heißen Prism, XKeystore, Tempora, Vorratsdatenspeicherung, Bestandsdatenauskunft, NSA, GCHQ, BND und so weiter. Die Therapie heißt Überwachung mit Hilfe von Datenspeicherung und der Erstauswertung dieser Daten durch Algorithmen, denen eine Auswertung durch Menschen folgen kann. Oder verlässt man sich schon ganz auf Algorithmen?

Wer weiß schon genaues. Es ist ein Symptom dieser Zeit, dass wir zwar eine Ahnung bekommen, dass das stimmt, was man bislang als Verschwörungstheorien betrachtete, insofern es sich auf Tätigkeiten von Geheimdiensten bezog, aber was wirklich alles gespeichert wird und was damit geschieht, ist im Bereich des Unaufgeklärten, des Unsicheren, dessen, was Unsicherheit schafft – obwohl es doch der Sicherheit dienen soll.

Was wirklich passiert wird uns in Fotos aus Präsentationen gezeigt, die ohne Vortragende daher kommen. Es sind Präsentationen, bei denen sich die Frage stellt, wer da irgendwann einmal vor einem Computer saß, diese erdachte und dann in Vorträgen verwendete. Was sind das für Menschen, die Technik anpreisen, die eine Überwachung in ungeahntem Ausmaß zulässt?

Überwachung in historisch nie gekanntem Maß

Wann hat es in freiheitlich-demokratisch gedachten Staaten je eine solche Überwachung geben? Wann hat es zwischen freiheitlich-demokratisch gedachten Staaten je so eine Überwachung gegeben? Was man eher autoritären Systemen zutraut, ist durch die Unterwerfung unter die Ideologie der Angst vor dem Terrorismus plötzlich Teil des Sicherheitssystems von Staaten, die eigentlich für sich in Anspruch nehmen, zu den freiesten und demokratischsten der Welt zu gehören. – Und keiner schreitet ein.

„Märchenstunde“

Wenn es stimmt, dass die Unterrichtung des Kontrollausschusses für die Geheimdienste im deutschen Bundestag von Geheimdienstmitarbeitern als »Märchenstunde« bezeichnet wird, dann würde das eine hoch problematische Grundeinstellung gegenüber grundlegenden Prinzipien der Demokratie offenbaren. Wenn Geheimdienste die demokratischen Strukturen und die Überwachung durch Parlamentarier nicht ernst nehmen, diese vielleicht sogar umgehen und sich ein eigenes Rechtsverständnis zu eigen machen, dann verlieren sie jegliche Legitimation.

Doch meine Sprachlosigkeit, die nunmehr über Wochen hinweg meiner verzweifelten Ratlosigkeit entsprang und der ich nunmehr versuche Sprache entgegen zu setzen, reicht noch viel weiter.

Eine Konstitution der Angst wird sicherheitstechnisch rationalisiert

Die großangelegte Überwachung durch die NSA stellt europäisches und deutsches Recht in Frage. Die Aktivitäten des britischen GCHQ richten sich auch gegen Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union. Wir erleben einen Angriff auf das Grundgesetz auf der Basis einer Konstitution der mithilfe des Terrorismus rationalisierten, aber eigentlich doch auch sehr irrationalen Angst. Es ist eine Form der Intervention oder auch Invasion in das Privatleben von Menschen nicht nur in Deutschland, wie sie in der Weltgeschichte noch nicht vorgekommen ist.

Was wir gerade erleben hat welthistorische Bedeutung, denn wir erleben einen grundlegenden Paradigmenwechsel im Rahmen der Möglichkeiten, die Sicherheitsdiensten nicht nur zur Verfügung stehen, sondern von diesen anscheinend auch ohne jegliche Selbstdisziplin genutzt werden. Nie zuvor in der Geschichte haben Geheimdienste in Demokratien so massiv die Bürgerinnen und Bürger der eigenen und befreundeter Demokratien unter einen Generalverdacht gestellt, den man nicht anders als diffus nennen kann.

Es ist kein Krieg, den wir erleben, denn es geht den Geheimdiensten ja offensichtlich nicht darum, den Bürgerinnen und Bürgern zu schaden. Wir stehen vielmehr vor der Frage, wie viel Überwachung wir akzeptieren wollen. Ja, es geht um ein Wollen.

Was wollen wir (nicht)?

Dass digitale Kommunikationsformen sehr weitreichende Überwachung möglich machen, insbesondere, wenn die Kommunikationsbranche zumindest zum Teil breitwillig mit Geheimdiensten kooperiert, ist nun wirklich kein Neuland. Problematisch ist, dass die Frage danach, »was man einfach nicht macht«, in Bezug auf digitale Überwachung zwar gesetzlichen Regeln unterliegt, deren Einhaltung zu überwachen sehr schwer ist, es aber keine Tabus gibt, die ganz selbstverständlich in der Sozialisation ausgebildet werden, insofern es sich um die Selbstbegrenzung der Möglichkeiten digitaler Überwachung dreht.1

Was will ich an Überwachung? Wie gehe ich mit den Möglichkeiten der Überwachung um? Mit diesen Fragen werden wir in unterschiedlichen Bereichen konfrontiert.

So ist zum Beispiel zu beobachten, dass die Zahl der Überwachungskameras im öffentlichen Raum, in Geschäften und sogar in Restaurants ständig zunimmt. Viele dieser Überwachungskameras werden privat betrieben. Eine Mentalität der Überwachung greift auch im Kleinen um sich, gesetzlich geregelt zwar, aber es ist dennoch ein Mentalitätswandel, der hier zum Ausdruck kommt. Wobei der Unterschied der ist, dass auf Überwachungskameras hingewiesen werden muss. Diese Überwachung muss also erkennbar bzw. gekennzeichnet sein, was aber nicht heißt, dass man immer weiß, wohin der gerade Überwachende den Zoom der Kamera lenkt, wenn es sich um Kameras handelt die nicht auf Festplatte aufzeichnen.

Während also die staatliche und private Videoüberwachung zumindest erkennbar sein muss, auch hier ist ein Gewöhnungseffekt eingetreten, gilt dies bei den jetzt bekannt gewordenen Überwachungsmaßnahmen nicht. Im Internet gibt es für den technisch durchschnittlich kompetenten »Normalbürger« kaum eine Möglichkeit, Überwachung wahrzunehmen und / oder dann auch auf sie zu reagieren.

Diese Unsichtbarkeit dessen, was da an Überwachung passiert, ist es, die große Rat- und Sprachlosigkeit bis in höchste Regierungskreise verursacht.

Unsichtbare Gefahren und die Macht von Bildern

Es ist die angsterregende Unsicherheit, die mich an das Frühjahr 1986 erinnert, als unsichtbar, unfühlbar und doch gegenwärtig die Folgen des größten anzunehmenden Unfalls (GAU) in dem Atomkraftwerk Tschernobyl Deutschland überzogen. Es sollte knapp 25 Jahre dauern, bis eine andere Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima zu einer Abkehr von der Atomenergie in einigen Ländern führen sollte.

Der Unterschied zwischen den beiden Katastrophen bestand darin, dass einerseits im Falle Tschernobyls wir eigentlich nur über Messungen von Strahlendosen, also für den Normalbürger sehr abstrakt, von dem Tatbestand überhaupt etwas mitbekamen, weil die damalige Sowjetunion versuchte, diese Katastrophe zu verheimlichen, und dass andererseits Fukushima mit Bildern verbunden war, die es so in der Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben hat: Weder ein Tsunami mit seiner zerstörerischen Kraft, noch die Explosion des Reaktorgebäudes eines Atomkraftwerkes waren jemals bislang als Bildmaterial in solcher Fülle verfügbar. Die Gefahren der Atomkraft waren plötzlich bildlich erfahrbar. Sie rückten vom für den Bürger abstrakten Bereich der Begriffe rund um Becquerel und Sievert in den sinnlich erfahrbaren Bereich des Sichtbaren. Diese Sichtbarkeit der Katastrophe, diese sinnliche Wahrnehmbarkeit, führte zumindest in einigen Ländern zu einem vergleichsweise radikalen Umdenken. Bei allem Anspruch an Aufgeklärtheit reichten wissenschaftlich erhobene Daten des Jahres 1986 nicht aus, um ein solches Umdenken zu erzeugen.

Ähnlich besteht nun die Gefahr, dass aufgrund der Unsichtbarkeit der Überwachung des Internets durch Geheimdienste, die in den vergangenen Wochen bekannt gewordenen Informationen über die Überwachungsprogramme insbesondere der USA, Großbritanniens und teilweise auch Deutschlands, zwar erschrecken und verunsichern, im Laufe der Zeit aber in der sinnlichen Nicht-Wahrnehmbarkeit versickern, verdrängt werden, als etwas angesehen werden, womit man eben leben muss.

Digital basierte Überwachung von nahezu allem, was ein normaler Mensch im Internet tut, ist nicht zu sehen, man riecht sie nicht, man hört sie nicht, man spürt sie nicht. Digitale Überwachung ist völlig unsinnlich und deshalb so schwer zu greifen. – Ganz anders die Folgen terroristischer Anschläge, die als Bilder verfügbar sind, die gezeigt werden können, deren Konkretheit dazu führt, dass diese unsichtbaren Maßnahmen zunächst von Gesetzen erlaubt und dann still und leise umgesetzt werden.

Vielleicht wird es wie bei der Atomenergie wieder ein paar Jahrzehnte dauern, bis Überwachung zu deutlich stärker sinnlich wahrnehmbaren Problemen oder Katastrophen führt, sodass es zu einem grundlegenden Umdenken in der Gesellschaft und vor allem auch bei in der Verantwortung stehenden Politikern kommt.

Wird sich was ändern? Vielleicht.

Oder aber es kommt ganz anders. Es gibt Alternativen. Es könnte durchaus passieren, dass das, was im Augenblick ans Tageslicht kommt, Menschen so beunruhigt, dass sie auch ohne wirklich sinnlich erfassen zu können, was da passiert, auf die Strasse gehen, Wahlentscheidungen treffen etc. – Doch im Augenblick ist die bekannt gewordenen Überwachung für die meisten nicht nur sehr abstrakt, sondern eigentlich unvorstellbar: Wie soll es möglich sein, die Massen an Daten, die Tag für Tag durch das Internet fließen, zu analysieren, mag sich mancher fragen und zu dem Schluss kommen, dass das gar nicht möglich sei. Was Algorithmen – also vollautomatische, digitale Handlungsanweisungen – in Großrechenzentren wirklich zu leisten in der Lage sind, vermag doch kaum jemand realistisch einzuschätzen.

Hier kommt auch zum Tragen, dass der schulische Informatikunterricht häufig nach wie vor fakultativ und nicht verpflichtend ist. Nach wie vor verzichten wir weitgehend darauf, in aufklärerischer Verantwortung Menschen für das digitale Zeitalter informationstechnische Bildung mitzugeben. Die Notwendigkeit, ein Grundverständnis für das Funktionieren von digitalen Netzwerken und Computern als Teil der Kulturtechniken zu betrachten, hat sich nach wie vor nicht durchgesetzt. Somit bleiben auch die Möglichkeiten, sich in digitalen Dingen ohne die Leitung eines anderes des eigenen Verstandes zu bedienen, zum Teil erschreckend gering.

Nun stehen wir verblüfft und angewidert zugleich vor dem, was Digitalisierung an Überwachung möglich macht. So sehr wir wissen, dass das, was möglich ist, auch gemacht wird, wenn nicht Tabus und Gesetze dieses verhindern, so wenig haben viele damit gerechnet, dass das, was möglich ist, tatsächlich schon umgesetzt wird, trotz früherer Berichte zu Überwachungsmaßnahmen wie Echelon.

Eine diffuse Verunsicherung greift um sich und ergreift die Menschen und gefährdet das, was wir bislang als Konzept von Freiheit für selbstverständlich hielten. Doch diffuse, sinnlich wenig konkrete Verunsicherung und Angst erzeugt auch diffuse Reaktionen. Wir haben für das, was da passiert keine Sprache, weil es so noch nie passiert ist. Wir müssen uns erst eine Sprache zulegen und sinnliche Erfahrungen mit dem verknüpfen, was uns da zur Zeit Tag für Tag durch Medien vermittelt ins Bewusstsein strömen will, damit es zuletzt auch wirklich ankommt.

Was machen wir mit befreundeten Staaten?

Über diese grundsätzliche Problematik hinaus kommt noch hinzu, dass wir uns politisch plötzlich in der Situation befinden, dass Staaten in von uns nicht akzeptierter Weise geheimdienstlich Menschen unter Generalverdacht stellen, denen wir aufgrund unserer Freundschaft und unserer Staatsräson diplomatisch nicht allzu heftig begegnen können oder wollen.

Es kommt eine zweite Sprachlosigkeit und damit verbunden eine Handlungsunfähigkeit dazu: Die Politik hat offensichtlich keine Strategien entwickelt, die es für möglich halten, dass man gegenüber befreundeten Staaten in eine Situation massiver diplomatischer Konfrontation geraten könnte. Die Politik war an diesem Punkt entweder wohlwollend positiv und optimistisch gestimmt oder aber naiv. Wenn die Bundeskanzlerin in einer solchen Situation im Urlaub ist, spiegelt das genau diese diplomatische Hilflosigkeit wider. Man hat keine Ahnung, was man machen soll, wenn die USA einmal nicht vor allem als Freund wahrgenommen werden, sondern zu diplomatischen Verwerfungen Anlass geben. Und ebenso ist es in noch verschärfter Form mit England, da dieses Land auch noch Teil der EU ist.

„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ (Wittgenstein) – Überwindung der Sprachlosigkeit

Wie also können wir die Sprachlosigkeit – trotz all der Worte, die tagtäglich im Kontext der mehr und mehr bekannt werdenden Überwachung gemacht werden – überwinden, die mit Handlungsunfähigkeit verbunden ist? Wie kann eine Sprache der Relevanz gefunden werden, die nicht nur Menschen, die mit dem Internet und digitalen Vernetzungsmöglichkeiten vertraut sind, entsetzt auf das blicken lässt, was da momentan passiert? Wie kann eine Sprache gefunden werden, die zum Handeln befähigt, die zu einer Kritik befähigt, die nicht auf der Basis der Hilflosigkeit von „Cyberwar“ spricht oder sich vorschnell anderer Kriegsrhetoriken bedient? Wie kommen wir aus diesem Überwachungsskandal raus?

Es wäre anmaßend, ginge ich davon aus, auf diese Fragen Antworten geben zu können. Ich will aber versuchen, ein wenig die Richtung zu erforschen, in die solche Antworten gehen könnten.

Um Sprache und somit »Macht« über ein Phänomen zu bekommen, muss am Anfang der Erwerb von Wissen und die damit verbundene Fachsprache stehen. Das ist bei Geheimdienstaktivitäten gar nicht so leicht, da Geheimdienste sich oft einer verschlüsselten Sprache bedienen. Die Veröffentlichungen im Kontext der Internetüberwachung im angelsächsischen Bereich – was werden wohl China, Russland und Co so alles überwachen? – hat diese Sprachbarriere etwas niedriger werden lassen.

Die Mauer des Schweigens um geheimdienstliche Tätigkeiten wurden zumindest in Teilen eingerissen. Das hat der Presse Sprache gegeben und somit Öffentlichkeit geschaffen. Das ist der erste Schritt, um den Überwachungsaktivitäten rund um Prism, Tempora und Co zu begegnen: Sie müssen als dem Grundverständnis einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, wie es die Bundesrepublik Deutschland ist, zuwider laufende Aktivitäten benannt werden.

Informatik zum verpflichtenden Unterricht machen

In diesem Zusammenhang bräuchte es ein wesentlich breiter aufgestelltes informationstechnologisches Grundwissen in der Bevölkerung, um eine Einschätzung der Aktivitäten im Rahmen von Prism, Tempora und Co realitätsnah möglich zu machen. Erst ein solche Grundverständnis macht es möglich, dass größere Schichten der Bevölkerung im Umgang mit den Möglichkeiten digitaler Überwachung zumindest zukünftig mündig werden. Es führt kein Weg um einen verpflichtenden Informatikunterricht inklusive Grundkenntnissen des Programmierens herum, wenn wir diese Mündigkeit in den staatlich verantworteten Bildungsprozessen ermöglichen wollen.

Verschlüsselung ist Selbstverteidigung, aber keine Lösung

Die gerade aus dem Boden schießenden Verschlüsselungsparties (Cryptoparties) bringen uns beim Grundproblem kaum weiter, da Verschlüsselungen nur solange sicher sind, bis sie geknackt wurden. – Und wenn sie etwas bringen, dann weichen sie dennoch dem Problem aus: Es geht nicht darum, dass wir verschlüsseln müssten, sondern darum, dass sich Geheimdienste in unsere Kommunikation einhacken. Das wird bei Verschlüsselungen, die die Geheimdienste nicht knacken können, für diese zwar schwieriger, aber damit ist das grundlegende Problem einer Haltung noch nicht erledigt, die diese radikale Überwachung erst möglich macht: Das ist eine Haltung der Angst! Das ist keine Haltung des Mutes und eines nicht naiven Vertrauens! – Was gerade an Überwachungsmaßnahmen bekannt wird, ist meines Erachtens nicht das Werk starker Persönlichkeiten bzw. Institutionen, sondern der Versuch paranoider Angsthasen, sich gegen jede Option abzusichern. Cryptoparties mögen ein mögliches Instrument digitaler Selbstverteidigung sein, aber da sie das Problem nicht politisch gestaltend angehen, stoßen sie sehr schnell an die Grenzen ihrer Relevanz.

Terrorismus nicht kleinreden

Um nicht missverstanden zu werden: Ich will das Problem des Terrorismus nicht kleinreden, ich wundere mich aber auch, dass ihm so gigantomanisch viel Platz eingeräumt wird. Ich will auch nicht in Abrede stellen, dass es Strategien braucht, um terroristische Aktivitäten erkennen zu können und gegebenenfalls auch zu verhindern. Wenn diese Strategie aber „Totalüberwachung“ heißt, dann wachsen mit dieser so viele neue Gefahren, wie zum Beispiel polizeiliche Interventionen bei unschuldigen Menschen, die im Netz zufällig Äußerungen von sich geben, die Überwacher humorloser betrachten, als sie gemeint waren. Außerdem wächst die Gefahr, dass sich das Verhalten von Menschen verändert. Wenn wir wissen, dass wir beobachtet werden, fühlen wir uns nicht mehr frei; die Kultur und der Grundbestand unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen auf dem Spiel.

Protestkultur hilft auch, relevante Sprache zu finden

Doch zurück zum vielleicht wichtigsten Punkt im Kampf um die Wiedererlangung der Sprache, der darin besteht, dass wir uns der Sprache bedienen, dass wir sie nutzen und mit ihr abtasten, was da gerade mit uns gemacht wird. Diese Funktion hatten z. B. die „Stop-Watching-Us“-Demonstrationen (Hört-auf-uns-zu-Beobachten-Demonstrationen) am 27. Juli 2013. Zumindest in Frankfurt war es für mich wahrnehmbar, dass es um die Suche nach einer Sprache angesichts der Vorgänge ging. Darüber hinaus sucht man nach einer Sprache, die handlungsrelevant ist und etwas verändern kann. Doch genau an dieser Stelle fallen auch die Proteste – so wie ich sie in Frankfurt erlebt habe – in ihrer Rhetorik massiv ab. Ich merkte dort sehr deutlich, wie sich persönliche, am Wahlkampf orientierte und ideologische Argumentationweisen zumindest bei einigen Rednern über das Überwachungsthema legten.

Man hat die Sprache noch nicht gefunden, die den Protesten Relevanz (zurück) gibt, aber man ist auf der Suche. Die diffuse Unzufriedenheit greift um sich und versucht sich in solchen Demonstrationen, in Äußerungen auf sozialen Netzwerken, im offenen Brief der Schriftstellerin Juli Zeh an die Bundeskanzlerin zu konkretisieren, handlungsrelevant und somit zu wirksamer Sprache zu werden.

Ich bin skeptisch, ob die Politik zum jetzigen Zeitpunkt bereit ist, digitale Überwachungsstrategien zu relativieren oder in Frage zu stellen. Genau deshalb hoffe ich auf Menschen im und außerhalb des Netzes, die den Mut haben, digitale Überwachung zu kritisieren, in Frage zu stellen und völlig unabhängig von Parteizugehörigkeiten Position zu beziehen.

Stellung beziehen

Wir leben an der Schwelle zum Überwachungsstaat, haben diese vielleicht auch schon überschritten.

Es ist an der Zeit, sich gegen die Vorstellung zu wehren, dass es sich bei der gerade laufenden Überwachung um technikinhärente Folgen handeln würde, um Nebeneffekte des digitalen Fortschritts, die so nun einmal zu akzeptieren seien.

Es ist an der Zeit, deutlich Position zu Prism, XKeystore, Temopora et al. zu beziehen und somit am Meinungsbildungsprozess teilzunehmen, dessen grundlegendes Kriterium für mich die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist, zu der aber auch gehört, dass der Staat nicht alles tun darf, was tun kann, wenn es diese Grundordnung gefährdet.

Schleichend – und sicher nicht in der Intention der (politisch) Verantwortlichen liegend – hat aber anscheinend genau ein solcher Prozess der Umwertung von Grundwerten unserer Gesellschaft durch die Geheimdienste begonnen.

Wir müssen nun Stellung beziehen, ob wir diese Umwertung angesichts nicht nur abstrakter Terrorgefahren wollen oder nicht.

Für sich selbst in dieser Situation Antworten zu finden, ist alles andere als eine triviale Angelegenheit, denn wir geraten dabei auch in das Dilemma zwischen Freiheit und Sicherheit: “Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety.” (Benjamin Franklin, dt: „Diejenigen, die grundlegende Freiheitsrechte aufgeben, um vorübergehend etwas Sicherheit zu gewinnen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.“)

Es gehört nun einmal zu den grundlegenden Freiheitsrechten, dass der Staat nicht alles wissen wollen darf, was Menschen machen, die nichts zu verbergen haben. Zu überwachen, was normale Menschen Tag für Tag im Internet tun, widerspricht diesem Freiheitsverständnis und erfordert ein Handeln, dass dieses Recht sowohl gegen inländische als auch gegen ausländische Eingriffe schützt. Denn wenn die Sicherheit in den Vordergrund gestellt wird, stellt sich eben auch die Frage, wer uns Sicherheit vor absoluten Sicherheitsbedürfnissen gibt, da ein solches Verständnis von Sicherheit neue Sicherheitsrisiken schafft.

  1. Wir betreten ja auch nicht so einfach die Privaträume anderer Menschen ohne diese zu fragen. []

Von der Digitalisierung, freien Bildungsmaterialien und dem Lernen im digitalen Leitmedienwandel

Das Co:llaboratory »Internet und Gesellschaft« befasste sich in einem seiner letzten Schwerpunkte mit dem »Lernen in der digitalen Gesellschaft«. In diesem Zusammenhang reflektierte Jöran Muuß-Merholz die Frage, was Open Educational Ressources (Freie Lern-/Bildungsmaterialien –> OER) mit digitaler Integration und Medienkompetenz zu tun haben.

Ein lesenswerter Beitrag, dem ich an dieser Stelle in einer Replik eigene Gedanken zur Seite stellen will. – Dabei lehne ich mich in der Struktur an die Vorgabe des Artikels an, wobei ich durchaus bewusst teilweise die Schwerpunkte anders setze.

Im Grunde nehme ich den letzten Satz des Beitrages ernst. Muuß-Merholz schreibt dort: »Diese Argumentsammlung ist einseitig.« – Ich versuche, ihr zumindest eine weitere Seite hinzuzufügen.

1 Technik verändert das Menschenbild

Inhalte des Internets können konsumiert werden, aber seit die technischen Möglichkeiten des Internets für Interaktionen nutzbar sind, in diesem Zusammenhang spricht man von Web 2.0, liegt es nahe, produktiv mit dem Netz umzugehen.

Die einen machen das im eher »kleinen« Rahmen, indem sie twittern, Statusmeldungen und sonstige Möglichkeiten von z. B. Facebook oder Google+ nutzen.

Die anderen weiten den Rahmen aus, pflegen Videokanäle auf Vimeo oder Youtube, erstellen Podcasts, führen – teilweise schon seit Jahren – ausführliche Blogs.

Neben die erweiterte Möglichkeit der eigenen Produktivität und deren Veröffentlichung tritt der drastisch erweiterte Zugang zu Expertenwissen. Dabei verändert sich die Rolle von Experten (vgl. Bunz, 2012) ebenso, wie die Rolle der die analoge Gesellschaft bestimmenden Filter (Redaktionen, Institutionen, Titel …).

Die technischen Möglichkeiten betonen damit heute ein Menschenbild, Weiterlesen

Im Übergang: Das Buch in Vergangenheit und Zukunft

In diesem Beitrag gehe ich der Frage nach, warum ich vielleicht doch nicht in zwei Welten lebt, wenn ich Bücher in gedruckter und digitaler Form schätze und nutze. Weiterlesen

Was HerrLarbig an einem nicht repräsentativen Wochenende getan hat – CoLeranCamp #clc12 etc.

Das war ein interessantes Wochenende, das nun langsam zur Neige geht und an dessem Sonntage ich mal wieder nicht so arbeitsfrei blieb, wie vorgenommen. – Aber zum Thema Wochenenden werde ich hier im Blog ein anderes Mal schreiben.

Hier nun kurz und knapp eine Zusammenfassung lehrreicher Tage kooperierenden Lernens und Lehrens. Aber natürlich stand das Wochenende nicht nur in diesem Lichte.

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Über Klassenfotos

Im Bruchteil von Sekunden entscheidet sich, welches Bild man für die nächsten Jahrzehnte abgibt. Das gilt für Schüler, das gilt für Lehrer. Vielleicht schaue ich als Klassenlehrer ja auch irgendwann vergilbt und deutlich einer anderen Zeit angehörend aus der Festschrift einer Schule, möglicherweise namenlos und mit einer Gruppe von Kindern oder Jugendlichen zusammen, die auch schon längst nicht mehr Kinder oder Jugendliche sind.

Klassenfotos wirken auf mich manchmal so, als sei extra für sie die Fotografie erfunden worden. Zumindest gab es bereits Ende des 19. Jahrhunderts anscheinend eine aufkommende »Tradition«, der folgend seitdem Jahr für Jahr Klassen mit ihren Klassenlehrern oder den zufällig gerade in der entsprechenden Stunde unterrichtenden Lehrern oder Lehrerinnen fotografiert und der Erinnerungskultur hinzugefügt werden.

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Von der Notwendigkeit einer netzpolitischen Grundsatzdebatte

Es besteht die Gefahr, dass Sie Spuren Ihrer Existenz hinterlassen, die Sicherheitsbehörden, Polizei oder böswillig mit möglicherweise verfügbaren Daten umgehende Personen nutzen könnten. Aber das wissen Sie ja bestimmt, auch wenn Sie es vermutlich – genau wie der Verfasser dieses Textes – nicht immer präsent haben.

Telepolis wies gerade darauf hin, dass Apples Stimmerkennunssoftware „Siri“ zum Erstellen von Stimmprofilen genutzt werden kann. – Der Artikel nimmt sich eines Einzelphänomens an, ohne darauf hinzuweisen, dass aus Podcasts ebenso Stimmprofile gezogen werden können, wie aus VIdeo-Logs (VLogs), die im Internet veröffentlicht werden.

Amazon, Apple und Co beobachten die Nutzer ihrer Endgeräte, Google benutzt das Verhalten im Netz noch umfassender zur Gewinnung von personalisierten Daten. Facebook sammelt alles an Daten, was im Rahmen der eigenen Plattform nur möglich ist. — Wer mag, muss nur mal die entsprechenden Anbieternamen und die Begriffe „Datenchutz“ oder „Privacy“ mithilfe einer Suchmaschine recherchieren, um wesentlich umfassendere Übersichten zum Thema Datenschutz in digitalen Kontexten zu bekommen, als ich es an dieser Stelle leisten kann.

Was nur täten Nachrichtenmedien, deren Schwerpunkt auf Themen des digitalen Wandels liegt, nur, könnten sie nicht in kurzen Zeiträumen immer wieder von neuen datenschutzrelevanten Phänomenen berichten, die mit digitalen Medien und deren Nutzung verbunden sind.

Die einzelnen Artikel zu einzelnen Phänomenen sind sicherlich hilfreich, wenn es darum geht, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Menschen Spuren ihrer Existenz hinterlassen und es in digitalen Zusammenhängen besonders einfach ist, diese zu sammeln und auszuwerten, um sie anschließend zu nutzen.

Bislang sind es vor allem ökonomische Interessen, die mit der Datensammelei verbunden sind, aber auch Regierungen und Sicherheitsbehörden sind an solchen Daten und deren Nutzung interessiert.

Funktionierende Demokratien bilden zu diesen Interessen der jeweils Regierenden zwar eine gewisse Barriere gegen diese Datengier, aber das bedeutet nicht, dass auf diesem Wege auch die Sensibilität für das Thema wachsen würde, wie die Ereignisse rund um die Aktualisierung des Meldegesetzes in den vergangenen Tagen gezeigt haben. – Das sich dort zeigende Problem mangelnden Bewusstseins für Fragen des Datenschutzes zeigt sich in der politischen Entscheidungsfindung auch an anderen Stellen, wobei hier nur die Diskussion um die Vorratsdatenspeicherung genannt werden soll.

Die Arbeit von Journalisten, die auf potentielle Datenschutzprobleme bei der Nutzung von Siri oder Facebook oder Amazon oder … aufmerksam machen, verändert eher wenig. Zumindest scheint Facebook nach wie vor kaum über sinkende Nutzerzahlen klagen zu können, Amazon ist weiter erfolgreich am Markt, Siri ist, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, extrem komfortabel.

Die Ambivalenz des Themas zeigt sich dort, wo Politiker gegen Unternehmen wettern, die Daten speichern und nutzten, während diese Politiker zum Teil für eine Vorratsdatenspeicherung sind, die auf den Servern der privaten Telekommunikationsanbieter stattfinden soll.

Wir leben in schizophrenen Argumentationskontexten, wenn es um diese Fragen des Datenschutzes und der Profilbildung geht. Kundenkarten werden genutzt, obwohl bekannt ist, dass sie vor allem der Datensammlung und Profilbildung dienen; Kreditkarten werden benutzt, obwohl mit ihrer Hilfe erzeugten Daten missbraucht werden können, ganz zu schweigen von dem Problem, dass Kreditkartendaten auch schon einmal geklaut werden können.

Das Problem mit den vereinzelten Artikeln zu Fragen des Datenschutzes ist, dass auf Einzelphänomene hingewiesen wird, dabei aber allzuoft und allzuleicht das grundsätzliche Problem hinter Einzelphänomenen verschwindet.

Es gibt zwar die Post-Privacy-Debatte, in der die Phänomene und Gegebenheiten vernetzter digitaler Kommunikation treffend dargestellt und kontrovers diskutiert werden, aber diese Debatte ist bislang kein umfassender gesellschaftlicher Diskurs. Ein solcher ist aber dringend nötig, weil es Entscheidungen grundsätzlicher Art braucht, wie wir mit dem Phänomen der digital erzeugten Datenspuren grundsätzlich umgehen.

Der Rahmen, in dem Individuen dann Entscheidungen treffen können, wie sie digitale Angebote nutzen wollen, müsste verlässlich sein. Das ist heute nicht der Fall, wie die ständigen Veränderungen von Datenschutzbestimmungen großer Anbieter von Diensten im Netz zeigen.

Bislang findet bei netzpolitischen Fragen, also nicht nur bei Fragen des Datenschutzes oder der etwas breiter aufgestellten Debatte um ein modernisiertes Urheberrecht, weniger ien breiter gesellschaftlicher Diskurs als vielmehr ein Katz-und-Maus-Spiel von Interessengruppen statt.

ACTA, Vorratsdatenspeicherung, Probleme des Datenschutzes in sozialen Netzwerken, die zudem global agieren, sind sicherlich auch journalistisch interessante Einzelphänomene, aber ohne eine sachlich geführte Grundsatzdebatte, die sich nicht nur auf Ebene der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des deutschen Bundestages und Lobbygruppen wie „Digitale Gesellschaft“, GEMA, Zeitungsverlegerverband, Sicherheitsbehörden etc. beschränkt, führen diese Einzelberichte höchstens zu punktuellen Bewusstseinbildungsprozessen oder Nachjustierungen kritisierter Phänomene.

Aber vielleicht ist der Grundkonsens ja auch schon längst vorhanden und besteht darin, dass es grundsätzlich immer und überall um ein möglichst umfassendes Durchsetzen der jeweils eigenen Interessen geht und somit um Fragen von Einfluss und Macht. – Wäre dem so, würden wir schon in Kürze nicht mehr nur von „Post-Privacy“ sprechen, sondern auch von „Post-Democracy“. – Ich zöge einen gesellschftlichen Grundkonsens im Umgang mit Daten und dem Thema „Privacy“ dieser Option eindeutig vor.

Wie eine solche breite Diskussion initiiert werden kann, wer sie moderiert und wie in ihrem Rahmen Richtlinien beschlossen werden, ohne dass es wieder ein Machtspiel von Lobbygruppen wird, lauten in meinen Augen die Fragen, die dringend angegangen werden müssen; – freilich ohne die Wachsamkeit gegenüber Plänen wie ACTA, der Vorratsdatenspeicherung, dem Leistungsschutzrecht, dem Meldegesetz und was Politik sonst noch planen könnte aufzugeben; – freilich ohne darauf zu verzichten, immer wieder auf die Datenschutzproblemen bei Firmen und in sozialen Netzwerken hinzuweisen.

Die Einzelphänome nicht aus dem Blick verlieren und das Ganze in einen gesellschaftlichen Diskurs einbinden, der möglichst nationale Grenzen überschreitend und idealerweise mindestens gesamteuropäisch ist, ist das Gebot der Stunde. – Es geht zwar auch ohne, aber die Konflikte im Kontext der Netzpolitik drohen schon heute so sehr die Gefahr eines „Kulturkampfes“ in sich zu tragen, dass ein breiter Diskurs in meinen Augen nur als vernünftig und somit als erstrebenswert bezeichnet werden kann.

Herrn Larbigs Bibliothek 15 – Jonathan Franzen: Freiheit. Roman.

Wenn ein Familienroman während einer bestimmten Zeit spielt und die Familie einigermaßen geschickt gestaltet wird, dann wird aus dem Familienroman ein Zeitroman.

Jonathan Franzen kann das gut: Mehr als 700 Seiten umfasst sein Roman „Freiheit“, der 2010 erschien und nach „Die Korrekturen“ intensiv erwartet wurde. Mehr als 700 Seiten, auf denen er den Überblick über sein Personal behält, immer wieder souverän Handlungsfäden aufgreift, weiterführt und wieder mit anderen Handlungsfäden verbindet, die dann wieder … Ein gut gearbeiteter Familienroman, der gut 30 Jahre USA-Geschichte – mit zugegebener Maßen recht konventionellen Mitteln und künstlerisch wenig originell – reflektiert, den Schwerpunkt aber auf die Zeit George W. Bushs und die „Freiheiten“ legt, die im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, vor allem im Schatten des 11. Septembers 2001, in den USA möglich waren.

Dieser Roman ist eine echte Fleißarbeit. Und es nötigt mir schon einiges an Bewunderung ab, dass es einem Autor gelingt, in einer solchen Konsequenz eine solche Handlung weiter zu schreiben und nicht irgendwo, angesichts des Fülle der Personen, die auftreten, und der Konventionalität der eingesetzten erzählerischen MIttel, einfach das Handtuch zu werfen, weil er sich mit dem Roman selbst langweilt.

Entsprechend habe ich bei mir als Leser beobachtet, dass ich mit zunehmendem Fortschreiten des Romans immer häufiger sehr schnell und über ganze Absätze hinweg gelesen habe. Ja, zum Schluss entwickelte ich gar den Ehrgeiz, dass ich diesen Roman zu Ende lesen will.

Es ging mir nicht, wie ich das bei anderen Romanen bereits erlebt habe, so, dass es mich dazu gedrängt hätte, diese Geschichte bis zum Schluss zu lesen.

Zum Schluss waren es vor allem das Wollen und der Respekt vor der intellektuellen und disziplinierten Leistung des Autors, was mich an dem Buch dran gehalten hat. Das mag daran gelegen haben, dass hier wirklich nur die Geschichte einer amerikanischen Mittelstandsfamilie erzählt wird. Das ist keine glückliche Familie. Das ist keine schöne Geschichte. Aber es ist eine Mittelstandsgeschichte – und somit eine mittelmäßig spannende Geschichte, die dann auch noch ein fast schon kitschiges „Happy End“ bekommt.

Ich kann durchaus den Kunstcharakter langweiliger Figuren in langweiligen Handlungssituationen nachvollziehen, so diese Figuren in einer Romanhandlung auftreten und angemessen in diese integriert sind. – Vor diesem Hintergrund sei es noch einmal betont: Der Roman ist gut geschrieben.– Dennoch empfand ich ihn zum Ende hin zunehmend als eine Herausforderung für mich als Leser.

Ich weiß durchaus, dass es für solche Familienromane ein leicht zu begeisterndes Publikum gibt, nicht zuletzt in den Feuilletonredaktionen der deutschen Presse. Ich bin aber auch zu dem Schluss gekommen, dass ich diese Art von Romanen nur in kleinen Dosen zu mir nehmen will. Nach drei Wochen, die ich mit diesem Buch verbracht habe, bin ich nun mit dem Lesen fertig. Und ich kann es nicht leugnen, dass ich mich sehr auf die in meinem Regalfach mit den zu lesenden Büchern liegenden Exemplare freue. Darunter ist auf absehbare Zeit kein weiterer großer Familienroman.

Jonathan Franzen: Freiheit Roman; aus dem Engl. von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld; Rowohlt Verlag, Reinbek 2010; 730 S., 24,95 € (Taschenbuchausgabe 2012: 9,99 €)  


Nachtrag: Mitbloggerin @mons7 (Monika E. König) hat, wie ich nach Veröffentlichung dieses Beitrages via Twitter erfahren habe, ähnliche Erfahrungen in einem Beitrag benannt, wie ich sie mit dem Roman gemacht habe. Deshalb und weil Monika intensiver auf den Inhalt eingeht, als ich das hier tue, sei ihr Beitrag hier explizit angeführt und verlinkt.

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Über den Bildungsauftrag der Schule und digitale Medien

Schule hat den Auftrag, junge Menschen im Rahmen ihrer Sozialisation zu bilden und zu erziehen.

Das habe nicht ich mir ausgedacht.

Das steht im für mich verbindliche Schulgesetz des Landes Hessen. –  Das erste dort genannte Ziel von Bildung ist es, die Grundrechte für sich und andere wirksam werden zu lassen.

Es geht dort um Beziehungen zu anderen Menschen, die von Achtung und Toleranz, Gerechtigkeit und Solidarität geprägt sein sollen.

Es geht um die Beförderung der Gleichberechtigung, um das Verständnis anderer Kulturen und deren Leistungen, um die Fähigkeit, das eigene Handeln auf seine Konsequenzen befragen zu können.

Erst nachdem diese Ziele deutlich formuliert worden sind – meiner Kenntnis nach unterscheiden sich die Gesetze der unterschiedlichen Länder in ihren Zielen nicht sonderlich voneinander –, wird der Auftrag der Schule konkretisiert: Wissen, Kompetenzen und auch Werthaltungen sollen vermittelt werden.

Das Sachwissen spielt eine große Rolle, wenn es um das Erreichen dieser Ziele geht; doch dieses Sachwissen muss immer mit dem Handeln in Beziehungen verbunden werden, ja, das Ergebnis des Handelns in Beziehungen sein: Achtung und Toleranz sind keine theoretischen Konstrukte, Gerechtigkeit und Solidarität sind Teil einer Grundhaltung von Menschen, die sich in konkreten Handlungsweisen zeigen.

Schlagwörter, mag mancher sagen, lauter leere Phrasen, deren ermüdende Kraft nicht unterschätzt werden darf; Achtung, Toleranz, Solidarität, Gerechtigkeit – nichts davon läuft irgendwo auf der Straße herum, das sind alles abstrakte Begriffe. – Ob und wie es gelingt diese Worthülsen mit Inhalt zu füllen, mit konkreten Handlungskompetenzen zu verbinden, ist für mich zu einem der zentralen Kriterien für die Frage nach der Qualität von Unterricht geworden.

Ob digitale Medien dabei helfen können, den Bildungs- und Erziehungsauftrag von Schulen zu erreichen? Können sie dazu beitragen, die Qualität von Unterricht zu stützen, zu fördern und wenn nötig auch zu verbessern?

Nach wie vor wird auf diese Fragen mehr mit Vorurteilen reagiert als mit sachlich reflektierten Argumenten. Die Ablehnung digitaler Skepsis gegenüber digitalen Technologien als Instrumente des Unterrichts ist oft ebenso irrational wie deren glühende Befürwortung.

Dabei wird weitgehend ausgeblendet, dass die Frage eingesetzter Technologien im Kontext des Bildungsauftrags von Schulen zu betrachten ist. – Als Lehrer bevorzuge ich selbstverständlich nach bestem Wissen und Gewissen und im Rahmen struktureller Gegebenheiten auf Dauer jene Instrumente, die das Erreichen der Ziele von Bildung und Erziehung am nachhaltigsten unterstützen.

Deshalb war es für mich naheliegend, zuerst für mich selbst herausfinden zu wollen, wie das von digitalen Strukturen gestützte Internet für mich selbst als Bildungsmedium funktioniert: Ich habe angefangen im Internet zu schreiben, Artikel zu Bildungsthemen zu lesen und zu kommentieren, die andere geschrieben haben, mich mithilfe des Instruments „Twitter“ zu vernetzen.

Das hat zu meinem großen Erstaunen eine große Dynamik entwickelt.

Hatte ich zu Beginn meiner Zeit im Internet noch mit einseitig Informationen verteilenden Websites zu tun, so befinde ich mich heute in einem kontinuierlichen Kommunikationsprozess. Der kontinuierliche Dialog – unter anderem mit sehr vielen Menschen, die professionell mit Bildungsfragen zu tun haben –, ist für mich selbst zum Lernprozess geworden. Dabei geht es zentral um Fragen der gegenseitigen Achtung, Toleranz, praktische Solidarität wird geübt und viele nutzen digitale Medien auch, um Gerechtigkeit einzufordern und zu deren Umsetzung beizutragen.

Dass elektronische Bücher die Schultaschen von Schülerinnen und Schülern erleichtern können, dass digitale Medien leichter aktuell gehalten werden können als analoge, dass Computer und Internet eine enorme Anziehungskraft für Schülerinnen und Schüler haben, sind marginale Nebeneffekte, angesichts der hochkarätig kommunikativ ausgelegten Strukturen, die digitale Medien bereithalten – auch für Schule und Unterricht.

Bereits heute halten Schüler und Schülerinnen, die sich im Rahmen internationaler Schüleraustauschprogramme kennen gelernt haben, intensiven Kontakt mittels sozialer Netzwerk. Dabei erfahren Sie ganz konkret, welchen Wert sprachliche und auch fremdsprachliche Kompetenzen haben, um überhaupt kommunizieren zu können. Auch wenn es früher die Möglichkeit für Brieffreundschaften gab, so hat diese alltägliche und sehr kontinuierliche Konfrontation mit der Notwendigkeit, über entsprechende sprachliche Kompetenzen verfügen zu müssen, wenn mit anderen Menschen Kommunikation gelingen soll, in meiner Wahrnehmung eine ganz andere Qualität.

Das von Bertolt Brecht in seiner Radiotheorie noch als anzustrebendes Ziel formulierte Ideal, dass das Radio von einem Instrument der einseitigen Verteilung von Inhalten zu einem Kommunikationsmedium werden möge, ist Wirklichkeit geworden. Das Internet hat das Potenzial, jedem und jeder Möglichkeiten der Teilnahme am Diskurs der Gesellschaft (weit über Schule hinaus!) zu ermöglichen. – Entsprechend haben digitale Medien ein enormes Potenzial, die Qualität von Unterricht zu unterstützen, weiterzuentwickeln und zu verbessern.

Dazu sind selbstverständlich Wissen und Kompetenzen nötig: zunächst bei Lehrerinnen und Lehrer, die diese dann den Schülerinnen und Schülern vermitteln. Zu diesen Kompetenzen gehört aber auch, dass Lehrerinnen und Lehrer akzeptieren, dass im Kontext digitaler Medien zumindest hin und wieder Schüler und Schülerinnen bereits kompetenter sind als sie selbst.

Auch beim Einsatz digitaler Medien kommt es, mittlerweile ist es fast schon eine Binsenweisheit, zentral auf den Lehrer oder die Lehrerin an. Bildungsprozesse sind nach wie vor personalisierte Prozesse, die von Persönlichkeit und Feedback-Kultur leben

Zugegeben, ich habe keine großen Projekte am laufen, in denen es um digitale Medien in der Schule gehen würde. Und dennoch befindet sich ein zentrales Instrument zur Verbesserung des Unterrichts in den Hosentaschen überraschend vieler meiner Schüler. Es ist nicht nur das Wissen der Welt einen Klick weit entfernt, es ist auch die Möglichkeit zur Kommunikation ständig vorhanden. Sicher: Die ständige Verfügbarkeit von Kommunikationsmöglichkeiten verlangt selbst wieder Lernprozesse, die dazu beitragen, die Möglichkeiten digitaler Vernetzung reflektiert zu nutzen – und auch den aktiven Verzicht auf diese Optionen zu erlernen.

Ging ich früher in den PC-Raum der Schule, musste ich damit rechnen, dass in dem Augenblick, in dem die Schüler Platz genommen und die Rechner eingeschaltet worden waren, auch schon die ersten Ausflüge auf nicht zum Unterricht gehörende, für die Schüler aber sehr spannend Websites losgingen. Immer wieder war es nötig, Schülerinnen und Schülern der Sonderwelt des PC-Raums zu ermahnen, den Besuch auf unterrichtsfremden Seiten doch bitte zu unterlassen.

Neben dieser Erfahrung, dass der Einsatz von PC-Räumen der Qualität von Unterricht mehr schadet als nutzt, war es für mich die Irritation darüber, dass die Gestaltung der PC-Räume an den meisten Schulen den didaktischen Grundsatz angemessener Phasenwechsel nahezu unmöglich machte, die mich fragen ließ, wo eigentlich der große Unterschied zu meinem eigenen sehr positiven Lernerfahrungen im Internet liegt.

Anders als in der Schule nutze ich digitalen Medien immer dann, wenn es mir in einem Arbeitsprozess notwendig erscheint. Manchmal muss ich nur ein Wort recherchieren, manchmal fehlt mir ein bestimmtes Sachwissen, auf das ich via Internet sehr schnell zugreifen kann

Ich begann vor ca. eineinhalb Jahren, mein eigenes digitales Endgerät (Tablet) als ein selbstverständlich im Unterricht verfügbares Instrument zu betrachten. Das führte dazu, dass nun auch Schüler und Schülerinnen die ihren verfügbaren digitalen Endgeräte zu Zwecken des Unterrichts nutzen. Die Notwendigkeit zur Ermahnung, doch bitte nur unterrichtsrelevante Websites zu besuchen, ist seitdem deutlich zurück gegangen. Digitale Medien werden vielmehr ganz selbstverständlich zum Teil des Arbeitsprozesses im Klassenraum. Dies führt immer wieder zu Metagesprächen, zur Reflexion über die Nutzung dieser Instrumente, sei es nun in Bezug auf die Seriosität aufgefundener Materialien oder auch in Bezug auf Fragen der Privatsphäre und des Datenschutzes.

Andere Lehrer und Lehrerinnen, andere Schulen gehen andere Wege. Es gibt mehr und mehr Schulen, die das System produktiv nutzen, das auch so große Projekte wie die Wikipedia ermöglicht. In diesen Fällen zum Einsatz kommende Software ermöglicht es allen Schülerinnen und Schülern, aber auch den Lehrenden, gemeinsam an Dokumenten zu arbeiten. Interaktivität wird hier also produktiv für schulische Zwecke genutzt.

Dass solche schulspezifischen Plattformen allerdings akzeptiert werden, ist meist mit großen Mühen verbunden. Sie werden oftmals wiederum als Sonderwelten im Internet wahrgenommen, so dass sie nicht mit der Anziehungskraft, die digitale Strukturen auf Schülerinnen und Schüler ausüben können, mithalten können.

Ist aber erst einmal die Versuchung überwunden, beim Einsatz digitaler Medien im schulischen Unterricht wiederum nicht zu differenzieren, sondern alle Schüler und Schülerinnen das gleiche machen zu lassen, können diese Instrumente außerordentlich fruchtbar werden.

Wenn Schüler Facharbeiten erstellen, so stelle ich ihnen mittlerweile frei, ob diese analog oder digital produziert werden. Ich bestehe zwar in der Regel darauf, dass neben digitalen ein Mindestzahl an analogen Quellen genutzt wird, doch pendelt sich das Verhältnis der eingesetzten Medien und Produktionsformen interessanterweise fast immer sehr gleichmäßig ein: etwa ein Drittel erstellt die Arbeiten rein digital, etwa ein Drittel nutzt sowohl digitale als auch analoge Darstellungsmöglichkeiten, ein letztes Drittel zieht nach wie vor analogen Medien vor. – Unmöglich, eine solche Heterogenität der Arbeitsformen und damit verbunden auch der Lernstile in einem PC-Raum oder einen Raum ohne PC methodisch und didaktisch fruchtbar werden zu lassen.

Natürlich, es gibt mittlerweile viele Beispiele, wie digitale Quellen und Darstellungsformen für den Unterricht genutzt werden können. Dabei werden diese Quellen häufig jedoch zu einem Ersatz für den Frontalunterricht, weil Ihnen ein oft rein instruktiver Charakter zugeschrieben wird.

In vielen Fällen bedeutet der Einsatz von Computern im Unterricht, dass Schülerinnen und Schüler Inhalte von Websites aufnehmen. Die kommunikativen Grundstrukturen des Web 2.0 werden dabei sehr häufig völlig ausgeblendet, auch weil sie vielen Lehrern und Lehrerinnen nach wie vor sehr fremd sind.

Die Notwendigkeit des Erwerbs von Medienkompetenz beschränkt sich nicht auf Schüler; sehr viele Lehrer und Lehrerinnen müssen sich die Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien als Kommunikationsmedien noch aneignen. Darüber hinaus entfalten digitale Medien dann ihren Charme, wenn sie genutzt werden.

Anfang April 2012 hatte ich abends eine kurze, aber intensive Diskussion mit zwei Schülern, die auf Twitter präsent sind, in der es um nichts geringeres ging als um die Philosophie Immanuel Kants. Diese Diskussion fand öffentlich statt und war öffentlich fruchtbar, erwuchs doch aus ihr die Idee, dass ein Kollege aus Köln und ich in Frankfurt am Main gemeinsam überlegen, ob und wie wir unsere Schüler und Schülerinnen miteinander in einen Kommunikationsprozess bringen können, der fachbezogen die Möglichkeiten des Netzes nutzt, um gemeinsam und dialogisch an konkreten Themen zu arbeiten und dabei gleichzeitig auch Grundformen demokratischen Miteinanders einzuüben. Das Projekt selbst noch nicht umgesetzt, zeigt aber, was mit Öffnung von Schule und Unterricht gemeint sein kann.

Nach wie vor gilt: die Qualität des Unterrichts hängt sehr stark von der Person des Lehrers ab. In Zeiten digitaler Medien und des Internets bedeutet dies auch, dass die Qualität von Unterricht, der sich digitaler Medien bedient, auch davon abhängt, welche Kompetenz der unterrichtenden Lehrer selbst hat, um mit diesen digitalen Medien souverän umgehen zu können. Die Chancen moderner Medien zur Bereicherung des Unterrichts, zur Verbesserung des Unterrichts, hängen von der Medienkompetenz der Lehrerinnen und Lehrer ab.

Da diese Kompetenz häufig noch einen großen Fortbildungsbedarf hat, bedeutet dies natürlich auch, dass Kultusminister Kultusministerinnen dringend darüber nachdenken müssen, wo sie Lehrer und Lehrerinnen einerseits zu den notwendigen Fortbildung verpflichten können, aber auch, wie sie zur Ermöglichung solcher Fortbildungen Entlastungen anbieten.

Digitale Medien können Schüler und Schülerinnen sehr schnell in kommunikative Prozesse hineinführen, die sowohl dem Erwerb von Fachwissen dienen, die aber gleichzeitig all jene Kompetenzen und Werthaltungen fördern können, die mit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag von Schule verbunden sind. Und dieser Bildungs- und Erziehungsauftrag steht im Zentrum. Die Debatte um Instrumente, die diesem Ziel dienen, ist diesem Auftrag untergeordnet und immer auch darauf hin zu befragen, ob dieser Auftrag im Blick behalten oder von Technikdebatten überlagert wird.

 

Warum ich so wenige EBooks kaufe, obwohl ich Bücher sehr mag und EBooks gern kaufen würde

Ich mag Bücher.

Kaum ein anderes Medium hat mich in meinem Leben so angeregt, wie dies Bücher getan haben. Deshalb ist es kein Zufall, dass ich im Laufe der Jahre viele Bücher angeschafft habe. Irgendwas zwischen 40 und 50 Regalmetern an Büchern steht in meiner Wohnung.

Mit diesen Büchern kann ich sehr viel machen. Ich kann diese Bücher lesen, ich kann Anstreichungen und Anmerkungen in ihnen hinterlassen, ich kann sie verleihen und sogar verschenken; ich darf diese Bücher selbstverständlich nicht als digitale Kopie ins Internet stellen. Das ist ganz klar, das ist Gesetz. Kurz: Privat darf ich eine ganze Menge mit Büchern machen und wenn ich über die Grenzen des Gesetzes hinausgehe, dann hat das rechtliche Konsequenzen.

Nun gibt es seit einigen Jahren EBooks. Doch nach wie vor – obwohl ich viele Bücher kaufe und deren digitale Form angesichts des für deren analoge Form notwendigen Platzes eine echte Erleichterung für mich darstellen könnte – schaffe ich kaum digital vorliegende Bücher an. Nach wie vor beschränke ich mich weitgehend auf digital vorliegende Werke die gemeinfrei sind, deren Copyright also abgelaufen ist, die in den allgemein verfügbaren Schatz an Kulturgütern übergegangen sind.

Sehr gerne würde ich auch aktuelle Bücher viel häufiger als E-Book kaufen. Hier stoße ich aber auf ein Problem, das mich vom Kauf abhält und das mir zum ersten Mal begegnet ist, als unterschiedliche Tageszeitungen als Applikationen für digitale Endgeräte erschienen sind. – Diese Programme habe ich mir heruntergeladen, installiert, das kostenlose Probeexemplar angeschaut – und dann wieder gelöscht.

Die ersten Programme, die Tageszeitungen herausgegeben hatten, um Leser und Leserinnen auf digitalen Endgeräten zu erreichen, verboten dem Lesenden so ziemlich alles, was er bislang mit einer Zeitung tun konnte, außer natürlich das Lesen der Zeitung selbst.

So war es (und ist es in vielen Fällen nach wie vor) beispielsweise unmöglich, einzelne Artikel für den Privatgebrauch zu archivieren. Aus einer Zeitung auf Papier kann ich – ohne irgend ein Recht zu verletzen – Artikel ausschneiden und in einem Ordner sammeln. Ja, Lehrerinnen und Lehrern ist es sogar erlaubt, einzelne Artikel für Unterrichtszwecke zu nutzen, was in den Applikationen der Tageszeitungen zunächst nicht vorgesehen war und in vielen meiner Wahrnehmung nach nach wie vor immer noch nicht ist.

Es gibt mittlerweile aber auch andere Umgangsformen mit Leserinnen und Lesern von Zeitungen. Es gibt mittlerweile Anbieter, die erlauben zum Beispiel, den Versand eines Artikels per E-Mail. Außerdem erlauben diese Anbieter das Text aus den Artikeln kopiert werden kann. Eine deutsche Wochenzeitung erlaubt es sogar die jeweilige Ausgabe in ein PDF-Format zu verwandeln, das dann archiviert werden kann. Und in diesen Fällen kann ich mir einen Artikel sogar ausdrucken! – Beschämend für die Zeitungsverlage, wenn diese Möglichkeit als nur in ein paar digitalen Ausgaben vorhanden überhaupt genannt werden muss.

Es sind genau diese Zeitungen – zum Glück handelt es sich um welche, die zu meiner persönlichen Zeitungsleserlandschaft gehören –, die ich heute mit dem iPad kaufe und mehr oder weniger regelmäßig lese. Insgesamt fällt mir auf, dass ich sogar häufiger als früher ein Exemplar dieser Zeitungen kaufen, denn hatte ich früher den Eindruck, ich würde an einem langen Arbeitstag sowieso nicht zum Lesen kommen, dann kaufte ich mir keine Zeitung. Heute ist es so, dass ich mir dann, wenn der Tag doch weniger anstrengend zu werden scheint, als sich das gedacht hatte, die Zeitung über mein digitales Endgerät doch noch anschaffen.

Die Zeitungen, die mir als Leser offensichtlich misstrauisch begegnen, die meinen, jeder Leser sei ein potentieller Copyrightverletzer, selbst dann, wenn er sich nur wünscht, einen Artikel vielleicht zumindest mal ausgedruckt archivieren zu können, machen mit mir entsprechend keinen Umsatz mehr.

Ähnliches gilt für EBooks. Die meisten heute auf dem Markt befindlichen elektronischen Bücher sind mit einer Technik des digitalen Rechtemanagements ausgestattet. Das bedeutet, dass in einigen Fällen die Möglichkeit des Lesens dieser Bücher auf einzelne Geräte einzelner Anbieter beschränkt ist.

EBooks, die mit dem digitalen Rechtemanagement der Firma Adobe ausgestattet sind, können zwar auf unterschiedlichen Geräten gelesen werden, nehmen mir als Leser aber dennoch viele der Möglichkeiten im Umgang mit einem Buch, die ich bislang gewohnt bin. – Nein, es ist natürlich nicht möglich, sich gegebenenfalls selbst eine analoge Privat-Kopie des Buches auszudrucken. Wo kämen wir denn da hin… ;-)

Das Problem mit dem Verleihen der Bücher scheint sich mittlerweile als lösbar zu erweisen. Auch der Export von Notizen, die von mir selbst beim Lesen angefertigt wurden, scheint nicht mehr das große Problem zu sein.

Das digitale Rechtemanagement aber verhindert, dass ich überhaupt ein Buch kaufen kann. Ich erwerbe für in der Regel nahezu ähnliche Preise, wie sie für das analoge Buch verlangt werden, nur noch eine Lese-Lizenz.

Sollte irgendwann das verwendete digitale Rechtemanagement nicht mehr unterstützt werden oder sollte ein Anbieter dieser EBooks zu dem Schluss kommen, dass ein Buch gelöscht werden müsse, dann ist es nicht mehr weit zum Totalverlust der einmal erworbenen Lese-Lizenz.

Ich merke, dass ich kaum EBooks kaufe, weil völlig ungeklärt ist, wie es mit dem Recht des nicht unangemessen eingeschränkten privaten Umgangs mit diesen EBooks aussieht.

Ich denke hier nicht an Formen des Umgangs mit diesen EBooks, die außerhalb des schon heute für Bücher geltenden rechtlichen Rahmens liegen, auch wenn dieser sich auf analoge Druckerzeugnisse beziehende rechtliche Rahmen an die Realitäten digitaler Bereitstellung solcher Werke dringend angepasst werden müsste.

Aktuell gibt es eine intensive, netzpolitisch orientierte Auseinandersetzung im Zusammenhang mit der Frage, wie mit Leistungen kreativer Menschen im digitalen Kontext so umgegangen werden kann, dass die damit verbundenen rechtlichen Rahmenbedingungen auf einem weitgehenden gesellschaftlichen Konsens beruhen. – Es spricht momentan viel dafür, dass bis zu einem solchen Konsens eine Art „Kulturkampf“ im Kontext der Übergangsgesellschaft vom Analogen zum Digitalen längst in vollem Gange ist.

Ja, ich würde EBooks kaufen, wenn sichergestellt wäre, dass sie in einem Format vorliegen, welches mir deren dauerhafte, im privaten Bereich nicht technisch bevormundete Nutzung sichert.

Wie sichergestellt werden kann, dass ich, als zahlender, Künstler gerne unterstützender Mensch, diese Möglichkeit bekomme und gleichzeitig überprüfbar (falls man es nicht mit Vertrauen probieren will) bleibt, ob über den Rahmen des privaten Gebrauchs hinaus der Text verbreitet wird, wäre genau die Form von Innovation, die ich von entsprechenden Rechteverwertern erwarte.

Doch stattdessen entsteht bei mir mehr und mehr der Eindruck, dass die Verlage so weit weg von der digitalen Realität sind, dass eine solche Innovation außerhalb ihres Know-hows liegt.

Der Umgang der Zeitungsverlage mit mir als Leser hat mir gezeigt, unter welchen Umständen ich gerne bereit bin, für die digitalen Ausgaben der Zeitungen dieser Verlage zu bezahlen.

Buchverlage hingegen – genau genommen die gesamte deutsche Buchbranche – lassen bislang nicht erkennen, dass sie einmal bereit sein könnten, den Leserinnen und Lesern von EBooks die gleichen Möglichkeiten des privaten Umgangs mit den einmal gekauften Werken zu ermöglichen, wie diese es aus der analogen Welt des Buches kennen und seit Jahrhunderten gewohnt sind.