Gedichtinterpretation: Johann Wolfgang Goethe, Der Sänger (1783)

Diese Interpretation habe ich einmal nicht überarbeitet, sondern in der Fassung belassen, die normalerweise entsteht, wenn ich mich einem Gedicht gerade erst interpretierend annähere. Da kann sich schon einmal, während ich mich an das Gedicht herantaste, die Interpretationshypothese erst spät ergeben. Normalerweise beginnt in dem Status, in dem diese Interpretation hier gerade ist, ein zweiter Arbeitsprozess, in dem der Gedankengang geglättet, der rote Faden stärker erkennbar gemacht wird. Auf diese Fassung habe ich hier verzichtet, um auch mal ein Beispiel dieses Bearbeitungsstatus hier zu veröffentlichen, das vielleicht Leser und Leserinnen ermutigt, den eigenen ersten Tastversuchen beim Verstehen eines Gedichtes zu trauen – und von diesen ausgehend dann weiter an einem in sich stimmigen Text zu schreiben.

Der Sänger

„Was hör’ ich draußen vor dem Tor,
Was auf der Brücke schallen?
Lass den Gesang vor unserm Ohr
Im Saale widerhallen!“
Der König sprach’s, der Page lief;
Der Knabe kam, der König rief:
„Lasst mir herein den Alten!“
 
„Gegrüßet seid mir, edle Herrn,
Gegrüßt ihr, schöne Damen!
Welch reicher Himmel! Stern bei Stern!
Wer kennet ihre Namen?
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit
Schließt, Augen, euch; hier ist nicht Zeit,
Sich staunend zu ergetzen.“
 
Der Sänger drückt’ die Augen ein
Und schlug in vollen Tönen;
Die Ritter schauten mutig drein
Und in den Schoß die Schönen.
Der König, dem das Lied gefiel,
Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel,
Eine goldne Kette holen.
 
„Die goldne Kette gib mir nicht,
Die Kette gib den Rittern,
Vor deren kühnem Angesicht
Der Feinde Lanzen splittern;
Gib sie dem Kanzler, den du hast,
Und lass ihn noch die goldne Last
Zu andern Lasten tragen.
 
Ich singe, wie der Vogel singt,
Der in den Zweigen wohnet;
Das Lied, das aus der Kehle dringt,
Ist Lohn, der reichlich lohnet.
Doch darf ich bitten, bitt ich eins:
Lass mir den besten Becher Weins
In purem Golde reichen.“
 
Er setzt’ ihn an, er trank ihn aus:
„O Trank voll süßer Labe!
O wohl dem hochbeglückten Haus,
Wo das ist kleine Gabe!
Ergeht’s euch wohl, so denkt an mich,
Und danket Gott so warm, als ich
Für diesen Trunk euch danke.“

Gedichtinterpretation: Johann Wolfgang Goethe, Der Sänger (1783) (mp3)

Beim ersten Lesen dieses sechs Strophen umfassenden Gedichtes fällt mir auf, dass die wörtliche Rede in ihm eine wichtige Rolle spielt. Bereits im ersten Vers wird hier gesprochen. Im vierten Vers erfährt man dann, dass es der König ist, der spricht: Er hört draußen Gesang. Er hört den Gesang von „draußen vor dem Tor“, der Gesang schallt „auf der Brücke“. Mit dem doppelten „Was“ in den Versen eins und zwei verdoppelt sich die beschriebene Handlung; hier und an weiteren Stellen des Gedichtes wird die Anapher zu diesem Zwecke benutzt. Zum Beispiel steht eine ähnliche Doppelung in den Versen eins und zwei der zweiten Strophe: „Gegrüßet seid mir, edle Herrn, / gegrüßt ihr, schöne Damen!“

Mittels der wörtlichen Rede wird in diesem Gedicht eine Handlung erzeugt. Es handelt sich ganz offensichtlich um eine Ballade. Diese wird erzählt, es gibt kein lyrisches Ich. Der Erzähler dieses Gedichts beobachtet das Geschehen, er steht am Rande. Es handeln der König, der Page und der Sänger.

Die gesamte dritte Strophe beschreibt, was geschieht, nachdem der Sänger die Anwesenden begrüßt hat. Am Ende hat dem König der Gesang so gut gefallen, dass er den Sänger mit einer goldenen Kette belohnen will.

Die zweite Hälfte des Gedichts ist nun völlig der Reaktion des Dichters – in dieser Ballade tritt er als „Sänger“ auf – gewidmet. Der Sänger will kein Gold, er sagt sogar, dass das Gold eher den Rittern und den Politikern gegeben werden sollte. Er selbst, er, der Dichter, nutzt nun das Vogelmotiv, um seine eigene Rolle zu beschreiben. – Der Dichter ist frei wie ein Vogel, „der in den Zweigen wohnet“, sein Lohn ist, dass er seine Lieder finden, schreiben und singen kann. Der einzige Lohn, den er vom König akzeptiert, ist ein Becher Wein.

Wie idealistisch der Dichter als Sänger hier dargestellt wird! Doch die Zeit, in der dieses Gedicht entstanden ist, war für Goethe keine gute Zeit. Seit acht Jahren ist er 1783 am Weimarer Hof. Sein Durchbruch als Autor gelang mit „Die Leiden des jungen Werther“ 1774; die Gedichte des Sturm und Dranges sind verfasst. Goethe selbst schreibt um 1783 herum kaum noch. Er steht kurz vor seiner Flucht nach Italien, der so genannten „Italienreise“, die ihn im Jahre 1786 für zwei Jahre unterwegs sein lässt. Auf dieser Reise findet er zu seinem Schreiben zurück.

Vor diesem Hintergrund betrachtet, erzählt die Ballade „Der Sänger“ eher von einem nicht verwirklichten Ideal als von der Realität.

Der freie, sich selbst genügende Sänger wird in diesem Gedicht wohl an einem eher mittelalterlichen Hof vorgestellt, also in eine Situation hinein gebracht, die es weder im Mittelalter noch zu Goethes Zeiten gab: Die Dichter bei Hofe waren nicht frei, sondern hatten mit ihrer Kunst dem Hof zu huldigen; der Dichter am Hofe eines Mäzens zur Zeit Goethes – also auch Goethe selbst – war ebenso wenig frei. Schließlich gab es im Mittelalter noch die fahrenden Sänger, deren Leben aber alles andere als heiter war. Die Dichterfigur, die Goethe im Gedicht „Der Sänger“ darstellt, ist also eine unrealistische Dichterfigur.

Was sich wie die schöne Geschichte eines idealistischen Dichters anhört, stellt in Wirklichkeit die Frage nach der Rolle und nach der Freiheit des Dichters. Doch nicht nur die Frage nach der Freiheit des Dichters klingt hier an, sondern man kann wohl behaupten, ohne das Gedicht überzustrapazieren, dass die Selbstgenügsamkeit des Dichters und die damit verbundene Freiheit der Kunst auch auf die Freiheit hin abzielt, die eigenen Gedanken formulieren und aussprechen zu dürfen.

Die Machtverhältnisse, die in diesem Gedicht angesprochen werden, zeigen sich sprachlich bereits im sechsten und siebten Vers der ersten Strophe: „der König sprach’s, der Page lief; / der Knabe kam, der König rief“. Diese beiden Verse sind über Kreuz komponiert (Chiasmus); das Handeln des Königs bildet den Rahmen, er darf sprechen, er darf rufen. Der Sänger darf, nachdem er von der Straße in des Königs Halle gerufen wurde, singen, weil es ihm der König erlaubt. Erst als der Sänger den vom König angebotenen Lohn ablehnt, gewinnt er seine Freiheit zurück.

Goethe mag als Politiker kein Freiheitskämpfer gewesen sein; er mag die französische Revolution kritisch betrachtet haben: Wenn es um die Freiheit des Dichters ging, wusste er aber sehr wohl um den Wert der Freiheit der Gedanken und der Worte. – Um diese Freiheit geht es in diesem Gedicht.

Herrn Larbigs Bibliothek 12 – James Wood: Die Kunst des Erzählens

Ich habe nun ja schon eine ganze Reihe an Büchern darüber gelesen, „wie Schriftsteller zu Werke gehen“ (Herlinde Kölbl), was einen guten Roman ausmacht, wodurch Gedichte geprägt sind.

Mir ist noch kein Buch über das Lesen und Schreiben von Literatur begegnet, nach dessen Lektüre mein Arbeitsplatz so hell von „Kronleuchtern“ bestrahlt wurde, die mir während der Lektüre aufgegangen sind.

Gleichzeitig weiß ich , dass dieses Buch noch mehrfach zu lesen sein wird, um seinen Tiefgang, seine Differenziertheit und all seine Anregungen wirklich für meinen Alltag fruchtbar zu machen.

Die Erstlektüre von James Woods „Die Kunst des Erzählens“ hat mich gefesselt. Continue reading

Kreatives Schreiben in der Schule

Kleinere Kurse im kreativen Schreiben gebe ich seit einigen Jahren immer wieder einmal. Ich habe zwar kein Zertifikat, dass ich das kann, aber zum Glück traut man einem Deutschlehrer in der Regel zu, dass er unter Umständen weiß, was er tut, wenn er nicht nur Texte dem übenden Analyseskalpell der Schüler und Schülerinnen zuführt, sondern auch die künstlerische Seite des Schreibens in den Blick nimmt.

Schreiben als Kunst, deren Gegenstand die Literatur ist, verstehe ich Continue reading

Ermutigung zur differenzierenden Autonomie

Zugegeben: Bei allem, was ich so tue, vertraue ich auf die Qualität von Inhalten. Ich vertraue darauf, dass Inhalte, die zunächst einmal wenig individualisiert, wenig differenzierend wirken mögen, in der Lage sind, selbst in heterogenen Lerngruppen Schüler und Schülerinnen mit unterschiedlichsten Voraussetzungen ansprechen zu können. Ich vertraue darauf, dass Menschen in der Lage sind, mit Inhalten auf genau die Art und Weise umzugehen, die für sie angemessen ist, so sie erst einmal das Vertrauen vermittelt bekommen, dass sie das dürfen!

Ich habe viele Unterrichtsvorbereitungen erlebt, Continue reading

Was im Deutsch-Grundkurs zu lesen sein wird (Landesabitur Hessen 2013)

Nach einem in seinen Lektüren dem Deutsch-Unterricht noch Luft gebenden Einführungsjahr, beginnt für die Schüler und Schülerinnen, die im Jahr 2013 ihr Abitur in Hessen machen wollen, nun die Phase, in der der offizielle Lehrplan mit verbindlichen Lektüren verbunden ist. Erstmals sind diese Lektüren sogar Halbjahren zugeordnet, worauf die bisherigen Vorgaben verzichteten, wohl deshalb, weil sich durch die offiziellen Lehrpläne eigentlich fast von alleine ergab, in welchen Halbjahren der Oberstufe die Lektüren ihren Platz finden. – Dass die Lektüren nun konkreten Halbjahren zugewiesen werden, hat vielleicht Gründe. Doch über diese will ich hier gar nicht spekulieren.

Was also wird im Grundkurs Deutsch in Hessen für all die Schülerinnen und Schüler zu lesen sein, die nächsten Montag (8. August 2011) mit der Qualifikationsphase beginnen? – Hier die (subjektiv) kommentierte Lektüreliste ((Der Link führt zum PDF mit den offiziellen Hinweisen zur Vorbereitung auf die schriftlichen Abiturprüfungen im Landesabitur 2013, gemäß Erlass vom 20. Juni 2011)), für deren Richtigkeit ich übrigens keine Gewähr übernehme.

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Fächer verbindend Kompetenzen lehren – ein Vorschlag

Ein Vorschlag für fächerverbindendes, kompetenzenorientiertes Lernen aus der Sicht eines Deutschlehrers (Vertreter und Vertreterinnen anderer Fächer sind herzlich eingeladen, ihre Ideen in den Kommentaren zu hinterlassen):

Kompetenzen, die in Deutsch eingeführt werden, aber auch für andere Fächer relevant sind, werden in den anderen Fächern von beiden Fachlehrern überprüft.

Beispiel: In Deutsch wird die Beschreibung geübt und die Klassenarbeit ist dann z. B. eine Versuchsbeschreibung in der Chemie, die Beschreibung eines Phänomens in der Biologie, eine Bildbeschreibung in der Kunst.

Die Benotung wird von beiden jeweils beteiligten Fachkollegen /Fachkolleginnen vorgenommen, wobei jede(r) den Teil bewertet, der schwerpunktmäßig zu seinem / ihrem Fach gehört, wobei aber dennoch beide Lehrende zu einer gemeinsamen Note kommen (müssen).

Was haltet ihr von einer solchen Idee? Macht so etwas schon jemand meiner Leserinnen und Leser? Gibt es andere Ideen, wie Fächer verbindend Kompetenzen von Schülerinnen und Schüler entwickelt werden können? Und fördert so ein Vorgehen womöglich nebenbei auch noch Kompetenzen Lehrender? Freu mich auf Kommentare.

Gedichtinterpretation: Goethe – ein jugendgefährdender Autor

 

Johann Wolfgang Goethe (1815)

 

Trunken müssen wir alle sein!

Jugend ist Trunkenheit ohne Wein;

Trinkt sich das Alter wieder zu Jugend,

so ist es wundervolle Tugend.

Für Sorgen sorgt das liebe Leben,

und Sorgenbrecher sind die Reben.

 

Goethe – ein jugendgefährdender Autor?

Im „Faust“ werden Geister beschworen, Drogen konsumiert, Personen direkt oder indirekt dem Tode übereignet; im ,,Heidenröslein“ lesen viele Interpretationen die Darstellung einer Vergewaltigung und im „West-östlichen Divan“ gibt es das „Schenkenbuch“ Continue reading

Gedichtinterpretation: Lessings „Lob der Faulheit“

Lessing?

Klar. Das ist doch der mit der Ringparabel aus „Nathan der Weise“.

Lessing hat Emilia Galotti geschrieben und ein umfassendes Werk zur Dramturgie.

Lessing? – Ein fleißiger Dichter. Und dann, im Jahre 1751, das:

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)

Lob der Faulheit (1751)

Faulheit, jetzo will ich dir
Auch ein kleines Loblied bringen. -
O — — wie — – sau — – er — – wird es mir, — –
Dich — – nach Würden — – zu besingen!
Doch, ich will mein Bestes tun,
Nach der Arbeit ist gut ruhn.

Höchstes Gut, wer Dich nur hat,
Dessen ungestörtes Leben –
Ach! — – ich — – gähn — – ich — – werde matt — –
Nun — – so — – magst du — – mir`s vergeben,
Dass ich Dich nicht singen kann;
Du verhinderst mich ja dran.

Lessing ist 22 Jahre.

Er ist noch Student, als der dieses Gedicht verfasst.

Aber es ist ihm schon gelungen, sich mit Voltaire zu überwerfen, der immerhin als einer der wichtigsten Denker der Aufklärung gilt – und 1751 am Hofe Friedrichs II. weilte.

Zu dieser Zeit hatte sich Lessing schon entschieden, Continue reading

Lernen im Museum mit iPad und Internet

Um zu erfahren, wie mit digitalen Medien Lernprozesse ablaufen können, unterziehe ich jede mir spannend erscheinende Möglichkeit einem Praxistest, bevor ich sie gegebenenfalls für schulische Belange in Betracht ziehe.

Mein letzter Test führte mich ins Museum, nicht in irgendein Museum, sondern in das Frankfurter Städel, wo zur Zeit die Ausstellung „Die Chronologie der Bilder. Städelwerke vom 14.–21. Jahrhundert“ läuft (noch bis 26. Juni 2011). Das Besondere an dieser Ausstellung ist, dass die Bilder streng nach ihrer Entstehungszeit geordnet sind, sodass ganz andere Bildzusammenhänge erkennbar werden können, als das in der sonst üblichen Hängung nach Regionen üblich ist.

Mich interessierte aber etwas anderes: Ist es möglich, mit einem mobilen, digitalen Endgerät (Smartphone oder Tablet-PC), den Bildern lernend zu begegnen? Kann ich auch diesem Wege meine eigene Führung zu Werken, die mir auffallen, gestalten? Wie fruchtbar sind die Informationen zu Kunstwerken und Künstlern, die ich auf diesem Wege, vor dem Original stehend oder sitzend, bekomme, für mein eigenes Lernen in Sachen Malerei?

Also nahm ich mein iPad mit in die Ausstellung. Dagegen hatte offensichtlich keine der Aufsichtspersonen etwas einzuwenden. Im Gegenteil: Als ich da saß, ein Bild anschaute und las, was ich zu dem Bild finden konnte, wurde ich neugierig befragt, was ich da mache. Meine Auskunft, dass ich mich über die Bilder kundig mache und dazu das Internet nutze, reduzierte die Neugier nicht, was mir ein Zeichen war, dass, selbst in einem so renomierten und gut besuchten Museum wie dem Städel, mein Vorgehen alles andere als alltägliches Besucherverhalten zu sein scheint.

Zunächst nahm ich mir eines der berühmtesten Bilder im Städel vor,  Jan van Eycks „Lucca-Madonna“. Es war überhaupt kein Problem, umfassende Informationen zu diesem Bild online zu finden. Der zugehörige Wikipedia-Artikel ist sogar richtig gut (auch wenn das beigefügte Bild in seiner Farbtreue gegenüber dem Original keinerlei realen Eindruck von der wirklichen Aura dieses Bildes vermitteln kann). Und so begann ich meine Reise durch das Bild, entdeckte Details, die mir beim bisherigen Betrachten des Bildes immer wieder gar nicht aufgefallen waren, erfuhr etwas über den Entstehungsprozess des Bildes, bekam Anregungen, wie das Bild gedeutet werden könnte, von denen ausgehend ich mir dann meine eigenen Gedanken machen konnte.

Wenn ich gewollt hätte, hätte ich mich nun auf die im Saal vorhandene Sitzbank setzen (leider sind nicht in allen Sälen Sitzbänke verfügbar) und meine eigenen Eindrücke aufschreiben können. Darauf habe ich bei diesem Test einmal verzichtet, weil ich das gleiche Vorgehen auch noch bei anderen Werken ausprobieren wollte.

Das zweite Bild, das ich mir auswählte, war Adam Elsheimers „Sintflut“. Eine Basisinformation zu dem Bild fand ich auf der Städel-Website.  Ähnlich ausführliche Darstellungen, wie ich sie bei van Eycks „Lucca-Madonna“ online gefunden hatte, konnte ich zu diesem Bild zwar nicht finden, stürzte mich dann aber auf die Wikipedia-Seite zu Adam Elsheimer. Und auf diesem Wege bekam ich zumindest Hilfestellung für den Zugang zu dem Werk, wenn auch keine umfassende Bilddeutung.

Meinen letzten Versuch startete ich beim neusten Bild, das in der Ausstellung zu sehen ist: Daniel Richters 2007 entstandenes Bild „Horde“. Dass es von der „Lucca-Madonna“ bis zu „Horde“ einiges an Umbrüchen in der Malerei gegeben haben muss, ist auf den ersten Blick zu erkennen, auch wenn Richters Bild selbst figürlich gehalten ist, nicht zur abstrakten Kunst gezählt werden kann. Aber was würde ich über ein so neues Bild mithilfe meines Online-Zugriffs herausfinden?

In diesem Falle waren ein Artikel über eine Ausstellung des Künstlers auf Englisch und ein Spiegel-Artikel, der Daniel Richter vorstellt. Wieder keine ausführliche Bildinterpretation, wie ich sie bei van Eyck gefunden hatte und bei sicherlich vielen Werken der Ausstellung finden könnte, aber doch Informationen zum Künstler und seiner Malerei, die es mir ermöglichten, einen Zugang zu diesem monumentalen Werk zu bekommen.

Zufrieden beendete ich diesen Besuch im Städel, packte das iPad wieder ein und hatte den Eindruck, in diesen knapp 90 Minuten wieder etwas mehr über Malerei und Kunst gelernt zu haben – obwohl und gerade weil nicht zu allen Bildern ausführliche Bildbeschreibungen zu finden waren.

Beim Lernen geht es ja gerade nicht darum, dass Informationen vorgekaut aufgenommen werden, sondern darum, eigene (auf Wissen basierende) Kompetenzen aufzubauen. In diesem Falle steht also die Frage im Raum, ob ein Betrachten von Bildern in einem Museum mit Hilfe von online vor Ort verfügbaren Informationen zu einem solchen Kompetenzaufbau beitragen kann.

  1. Bei van Eycks „Lucca-Madonna“ hatte ich eine exemplarische Bildanalyse verfügbar, die mir zeigte, worauf bei einer Bildanalyse alles geachtet werden kann und mich zusätzlich mit interessanten, aber für die Analyse nicht unbedingt notwendigen, Informationen versorgte. Auf dieser Basis sollte dann aber auch die Begegnung mit anderen Bildern möglich sein, an denen ich die durch die exemplarische Bildanalyse geschulte Aufmerksamkeit erproben könnte, auch wenn ich keine ausführliche Bildanalyse finden kann.
  2. Bei Adam Elsheimers „Sintflut“ fand ich mich dann (zum Glück) auch gleich in der Situation vor, dass ich keine ausführliche Bildanalyse im Netz ausfindig machen konnte, aber Basisinformationen, die als Grundlage für ein genaues Betrachten des Bildes ausreichen sollten, hatte ich doch an van Eycks Bild zuvor gelernt, worauf alles bei einer Bildanalyse geachtet werden kann. Hier konnte ich nun erproben, ob dieses Wissen reicht, um eine Kompetenzsteigerung im Umgang mit einem mir bis dahin unbekannten Bild festzustellen. Wenn ich den in meinem Kopf stattgefunden habenden Dialog mit dem Bild überdenke, gewinne ich den Eindruck, dass ich mehr von Elsheimers „Sintflut“ gesehen habe, als ich es ohne diesen ersten Schritt der exemplarisch durchgeführten Bildanalyse hätte sehen können.
  3. Bei Daniel Richters „Horde” erging es mir ähnlich, wie bei Elsheimers Sintflut. Ich fand Artikel zum Maler, ein paar Hintergründe zur grundsätzlichen Ausrichtung der Bilder und konnte dazu auch noch auf Vorwissen in Sachen „Moderne Malerei / Kunst“ zurückgreifen, weil ich mich mit diesem Bereich der Kunstgeschichte schon in anderen Zusammenhängen beschäftigt habe.

Der Zugang zum Internet, die Recherche nach Informationen zu Bildern, die ich während meines Besuches spontan auswählte, weil sie mich angesprochen haben, hat nicht dazu geführt, dass ich vorgekautes, enzyklopädisches Wissen zu den Bildern bekommen habe. Mir scheint das eine der Ängste zu sein, wenn man sich fragt, ob man mobile Computer mit Internetzugang in Bildungszusammenhängen einsetzen soll oder nicht. Die Angst ist nicht unbegründet, aber ich entdeckte, dass es eben nicht zu jedem Bild (und das gilt auch für Gedichte, Dramen und Romane im Deutschunterricht) ausführliche Einzelanalysen gibt, aber Informationen, die meinen eigenen Prozess der Beschäftigung mit Bildern, die mich angesprochen haben, fördern können.

Auch wenn ich es toll finde, wie das MoMa in New York mittlerweile Smartphones und das iPad nutzt, um Besucherinnen und Besuchern, aber auch Interessierten, die nicht die Möglichkeit haben, das Museum mal eben so zu besuchen, Unterstützung beim lernenden Zugang zur Kunst zu geben, so kann ich auch der von mir gemachten, nicht durch Museumskuratoren geprägten, Erfahrung etwas abgewinnen, externe Informationen zu Bildern und Künstlern im Internet während der direkten Begegnung mit Originalen zu nutzen.

Interessant fand ich dabei, dass ich wirklich meinen Sehinteressen gefolgt bin. Wenn mich ein Bild neugierig machte, ansprach, blieb ich stehen, betrachtete es, suchte nach zusätzlichen Informationen online, die meine Betrachtung vertieften. Diese Informationen waren didaktisch nicht aufbereitet, sondern „einfach so“ verfügbar, was dieses Form des Lernens natürlich nur dann sinnvoll sein lässt, wenn z. B. Schülerinnen und Schülern, mit denen ich mir einen solchen Museumsbesuch vorstellen könnte, mit solchen Texten sinnerfassend angemessen umgehen können. Oberstufenschüler und Oberstufenschülerinnen, vielleicht noch mit Kunst-LK, aber das wäre nicht unbedingt nötig, könnten dies sicherlich leisten.

Bleibt die Technikbarriere, denn nicht jeder Schüler hat ein Smartphone oder gar einen Tablet-PC, das oder der einen mobilen Internetzugang hat; noch weniger können Schulen solche Endgeräte in der Regel zur Verfügung stellen. Aber dieses Problem ist für meinen Test erst einmal zweitrangig.

Ich wollte wissen, ob ein Lernen im Museum mit digitalen Endgeräten, die den Zugriff auf Ressourcen im Internet erlauben, möglich ist und einen Lernfortschritt bringen kann. Die Antwort nach diesem Besuch im Städel lautet eindeutig „Ja“. Ich werde, zumindest im Geltungsbereich meines mobilen Datenvertrages, zukünftig wohl kaum noch ohne iPad im Museum anzutreffen sein, weil ich den Zugriff auf Informationen während des Museumsbesuchs als fruchtbar erlebt habe, die Bildschirmgröße dem Smartphone deutlich überlegen ist und ich gegebenenfalls meine eigenen Gedanken zu den Bilder direkt vor Ort lesbar und sogar im Stehen notieren kann.

Über das (schulische) Interpretieren von Gedichten

In der Schule werden Gedichte gelesen. In der Schule werden Gedichte interpretiert. In der Schule wird zu selten ein Gefühl für die Schönheit der Sprache und der Bedeutung, wie sie in Gedichten anzutreffen ist, nachhaltig entwickelt. Ich zumindest kenne keinen Schüler und keine Schülerin, der oder die in der Schule erlernte Analysefähigkeiten gegenüber Gedichten anwenden würde, die ihm oder ihr im Alltag begegnen. Ja, im Alltag sind wir von Gedichten (unterschiedlicher Qualität freilich) umgeben, werden wir mit Gedichten überschüttet – wenn wir Musik hören. Oh ja: Die meisten Songtexte sind Gedichte.

Nach der Schule Continue reading