Über Tabletklassen

Am Anfang des Denkprozesses zu diesem Beitrag, stand, wie schon häufiger, ein Tweet:

Hier nun etwas ausführlicher, was damit gemeint ist:

1 »Tabletklassen« als die Behauptung von Modernität

»Laptop-« oder »Tabletklassen« werden gerne und oft angeführt, wenn nach zeitgemäßem Unterricht gefragt wird, der auf (nicht) absehbare Herausforderungen des 21. Jahrhunderts Antworten gibt. – Es werden Klassen nach der in ihnen verwendeten Technologie benannt, nicht nach Schwerpunkten des Lernens, wie man sie in Schulprofilen finden kann. Und das wird im Prinzip kaum hinterfragt.1

Zwar sprach nie jemand jemals von »Stift-und-Papier-Klassen«, es wurde nie zwischen »Schulheft-« und »Collegeblock-Klassen« unterschieden, obwohl es doch ein Unterschied gibt zwischen der starren Seitenfolge im Schulheft und der dynamischeren Einsetzbarkeit von Collegeblöcken, aber werden »Laptop-« oder »Tabletklassen« an Schulen eingeführt2, welche Bezeichnung nutzen wir denn dann für die Klassen, die keine »Tabletklassen« sind? Oder basteln wir jetzt noch »Smartwatch-Klassen«, um mithilfe eines Bezugs zu einer Technologie den Eindruck zu erwecken, dass man »modern« sei?

Zugegeben, hätte mir vor zwei oder drei Jahren jemand die Möglichkeit eröffnet, eine »Tabletklasse« zu unterrichten, ich hätte das Angebot freudig angenommen. Diese Möglichkeit hatte ich nicht – und heute würde ich sie kritisch hinterfragen.

2 Das Konstrukt und die Kritik

Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich meine mit »Tabletklasse« nicht, dass man einen Wagen mit einem Klassensatz Tablets hat, welche man gezielt mit in den Unterricht nimmt und dort didaktisch reflektiert im Kontext von Lernszenarien einsetzt, in denen deren didaktischer Mehrwert tatsächlich begründet ist.

Spreche ich von »Tabletklassen«, so meine ich jene Konstrukte, die im Rahmen der Neuzusammensetzung von Klassen (z. B. in Jahrgangsstufe 7) ein oder zwei Klassen anbieten, die als »Tabletklassen« firmieren, weil in ihnen jede Schülerin und jeder Schüler ein eigenes Tablet verfügbar hat, mit dem im Unterricht (schwerpunktmäßig) gearbeitet wird.

Ich würde heute an keiner nicht mehr ohne kritische Rückfragen zu stellen an einer Schule arbeiten wollen, an der ein Teil der Schülerinnen und Schüler mit dem Tablet unterrichtet wird, dies als großartig dargestellt wird, aber die Frage offen bleibt, warum man eigentlich, wenn es doch so großartig ist, verantworten kann, dass (in der Regel) der Großteil der Schülerschaft an den jeweiligen Schulen von dieser Option nicht profitiert, weil er nicht in der Tablet-Klasse gelandet ist.

Das gilt auch für Schulen, deren Schulleiter so wunderbar entspannt, pragmatisch und didaktisch reflektiert an das Thema heran gehen wie Markus Bölling, dem ich inhaltlich an sehr vielen Punkten beipflichte. Aber: Auch hier sind es acht »iPad-Klassen« an der Schule. (ca. Sekunde 50ff.) Wie viele Schülerinnen und Schüler profitieren also nicht von den Möglichkeiten?

3 Technologie als Reduktion statt als Erweiterung des Lernangebots

»Tabletklassen« vermitteln den Eindruck, dass eine Technologie, die zum Lernen genutzt werden kann, im Zentrum steht. Es entsteht der Eindruck, dass die Chance der Digitalisierung, nämlich ein didaktisch interessantes Medium mehr zu haben, welches im Reigen dessen, was dem Lernen dient, eingesetzt werden kann, vertan wird. – Konkret würde mich interessieren: Werden die Schulbücher in »Tabletklassen« als digitale Schulbücher derart genutzt, dass die Druckwerke nun als PDF verfügbar sind? (Was wäre da der Mehrwert?) Wird neues Lernmaterial genutzt? Woher kommt dieses Lernmaterial, welchen didaktischen Grundsätzen folgt es? Welche Mehrwerte kann man wie darlegen? Werden zusätzlich analoge Materialien genutzt? In welchem Ausmaß? Wie ist die Koppelung von analogen und digitalen Materialien? Warum gibt es so wenig Beiträge aus Tabletklassen im konkreten didaktischen Diskurs? Wo reflektieren die Praktiker (Lehrer!) didaktisch, was sie in den Tabletklassen tun? (Gerne Links in die Kommentare unten.)

»Tabletklassen« als einzelne Klassen an einer Schule sind eine Engführung, sie reduzieren die Komplexität dessen, was Lernen ausmacht, weil sie exklusiv sind. Exklusivität aber ist immer eine Reduktion von Partizipationsmöglichkeiten.3

Eine solche Reduktion spiegelt nur die Krise wider, in der wir uns – nicht nur im Bildungskontext – befinden. Wir suchen einfache Antworten, statt von Heinz von Försters »ethischem Imperativ«4 ausgehend nach Lösungen zu suchen. Förster formuliert: »Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird.« Diese größeren Wahlmöglichkeiten sollen für einen selbst und für andere erreicht werden.5

Die Digitalisierung bringt solche Wahlmöglichkeiten mit sich, sie erweitert die didaktischen Möglichkeiten enorm. Als Lehrer habe ich mehr Möglichkeiten, die ich Lernenden anbieten kann, damit sie lernen können. Als Lehrer ist es Teil meiner Professionalität, um diese Möglichkeiten (und auch deren Grenzen) zu wissen und sie gezielt einsetzen zu können.

So, wie Autowerkstätten in der Lage sein müssen, mit rein mechanisch arbeitenden Automodellen genauso professionell umzugehen wie mit mit digitaler Technologie ausgestatten Wagen, bei denen man für die Fehlerdiagnostik die entsprechende Software bedienen können muss, so müssen Schulen in der Lage sein, für jeden Lerntyp möglichst optimale Angebote anbieten zu können. – Und so sehr solche Beispiele auch hinken mögen, so sehr sollte deutlich werden, was gemeint ist.

Wenn es Erweiterungen der Möglichkeiten des Lernens gibt, dann muss ich mich als Lehrer selbstverständlich damit vertraut machen und diese Erweiterungen überall, wo sie hilfreich sind, nutzen können.

»Tabletklassen« erwecken nicht den Eindruck, dass eine solche Erweiterung der Wahlmöglicheiten für möglichst alle erreicht wird oder werden soll. Ebenso bleibt die Frage, ob denn die Möglichkeiten des Lernens mit Tablet und Co den Schülerinnen und Schülern der Nicht-Tablet-Klassen (gezielt und systematisch) vorenthalten werden sollen? Aus welchen Gründen?

Nach wie vor stehen wir in den Schulen vor der Digitalisierung und sind ratlos, sehen oft nur Gefahren oder nur Chancen, verdrücken uns in anscheinend einfache Lösungen. Statt mit der höheren Komplexität dessen umzugehen, was uns die Digitalisierung an Lernoptionen bietet, schließen wir diese zu oft aus.

4 Das einfache Vereinfachen – Dialektik der analogen und digitalen Radikalismen

Es ist die Zeit der Vereinfacher, der Radikalismen angesichts von Komplexität. Im Bildungskontext sind es einerseits die radikalen Skeptiker, die eher mit Verboten und Restriktionen arbeiten, und andererseits die radikalen Digitalisierungseuphoriker, die zwar auf den ersten Blick für digital affine Menschen moderner wirken, die aber im Grunde genau so vereinfachende Antworten suchen und geben, wie die Skeptiker.

Schwer haben es in diesem Kontext jene, die reflexiv mit den Möglichkeiten und Grenzen der Digitalsierung umgehen. Von den Skeptikern werden sie oft in die Ecke der Euphoriker gestellt und umgekehrt. Es kommt mir manches Mal so vor, als greife hier Heinz von Försters Theorem Nr. 1: »Je tiefer das Problem, das ignoriert wird, desto größer die Chancen für Ruhm und Erfolg«6 , denn im öffentlichen, von einer breiten Masse wahrgenommenen Diskurs treten allzu oft die Vertreter der einfachen Lösungen, der Radikalismen auf, weil sie so schön die Herausforderungen über ihre einfachen Antworten ignorieren und so einen lebendigen Streit (nicht Diskurs!) erwarten lassen.

Als Didaktiker geht es mir als Lehrer zunächst darum, dass ich alle zur Verfügung stehenden Mittel und Methoden anschaue und untersuche, was welchem Lernen dient und was nicht. Alles aber, was dem Lernen dient, will ich, wenn die Verfügbarkeit nicht gerade allzu illusionär ist, nutzen können.

5 Nein zu »Tabletklassen« als Leuchttürme, die gar nicht leuchten

Nein, ich will keine »Tabletklasse«. Ich will einen Unterricht, in dem ich zur Verfügung stehende Lern- und Lehrmedien didaktisch reflektiert einsetzen kann, und zwar in jeder Klasse.

Manches kann mit Stift und Papier besser gelernt werden als mit dem Tablet oder dem Laptop; manche Unterrichtssequenz bekommt einen didaktischen Mehrwert, wenn z. B. ein Video genutzt werden kann7, der Umgang mit Büchern und die Möglichkeiten der digital basierten Wissensgenerierung zum Zwecke der Entwicklung einer Kompetenz schließen einander nicht aus.

Vermutlich ist, ich kann es nicht beschwören, weil ich noch keine Möglichkeit der längeren Hospitation hatte, der faktische Unterricht in den »Tabletklassen« bei weitem nicht so heroisch, wie man bei manchem Bericht den Eindruck bekommt. In Wirklichkeit ist die Einrichtung von »Tabletklassen« der eher einfache Weg, auf dem die didaktische Komplexität angsichts der Digitalisierung eben nicht erweitert, sondern verschoben und an anderer (analoger) Stelle reduziert wird.

Ich will keine »Tabletklasse«, sondern die Möglichkeit, bei meiner Arbeit ein möglichst breites Spektrum didaktischer Möglichkeiten nutzen zu können.

Dort, wo digitales Lernen einen Mehrwert hat, möchte ich diesen generieren können, ohne mir groß Gedanken um verfügbare Technik machen zu müssen.

Dort, wo analoges Lernen einen Mehrwert hat, möchte ich diesen nutzen, ohne mich rechtfertigen zu müssen, warum jetzt gerade kein Tablet eingesetzt wird.

Dort, wo ein Schüler ein Buch aus Papier braucht, um seinem Lesestil entsprechend arbeiten zu können, soll er/sie diese Möglichkeit genauso haben, wie Schüler auf das EBook zurückgreifen können sollen, die digital lesend besser zurecht kommen.

Ich will an den Punkt kommen, an dem die Differenzierungsmöglichkeiten nicht an der Bezeichnung »Tabletklasse« oder »Analogklasse« enden.

Ich will keine »Tabletklasse«, sondern den Mut, so zu handeln, »dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird«, die für das erfolgreiche Lernen eines jeden Schülers und einer jeden Schülerin zur Verfügung stehen. Und das in jeder Klasse. Dazu müssen dann natürlich auch die (finanziellen, technischen, rechtlichen…) Anstrengungen (von Schulen, Schulträgern, Kultusministerien…) unternommen werden, die eine solche größere Wahlmöglichkeit erst für alle ermöglichen. Das ist keine kleine Herausforderung, aber sicher ein lohnender Weg für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft.

  1. Mir ist natürlich bewusst, dass bei allem, was ich hier kritisiere als Antwort angeführt werden kann, dass man ja mal wo anfangen müsse, dass man Pilotprojekte brauche, dass Leuchtturmprojekte wichtig seien, damit man wissenschaftliche Begleitforschung betreiben könne etc. Das mag so sein. Deshalb fand ich Tabletklassen vor 2 Jahren auch noch gut. Aber die Zeitläufte gehen ja weiter – und so erlaube ich mir hier dann also im Rahmen dialektischen Denkens diesen kritischen Beitrag. []
  2. Im Folgenden spreche ich nur noch von »Tabletklassen«, meine damit aber »Laptopklassen« natürlich weiter mit, aber auch »Smartphoneklassen«, falls es solche jemals geben sollte, etc. []
  3. Wie weit eine solche Exklusivität gehen kann, kann man in einem Artikel über die oben verlinkte Freiherr-vom-Stein-Schule vom 11.12.2014 nachlesen, in dem darauf hingewiesen wird, dass die »iPad-Klassen« in ihren Räumen in Eigenregie ihr Logo angebracht haben, um ihre »Corporate Identity« zu pflegen. Da geht es dann nicht mehr ums Lernen, sondern um soziale Rollen, um Abgrenzung. Da ist man dann sehr weit von der Frage nach dem Mehrwert und den Grenzen entfernt. []
  4. vgl. Heinz von Foerster (1973), Über das Konstruieren von Möglichkeiten. S. 49. []
  5. Vgl. hierzu Brand Eins. Wirtschaftsmagazin, Ausgabe 05.2015 (Mai 2015), S. 40–48, besonders 48. []
  6. http://www.heise.de/tp/artikel/13/13359/1.html []
  7. z. B. Versuchsaufbauten in den Naturwissenschaften etc. []

Handyverbot verbessert Leistungen? – Anmerkungen zu einer Studie der London School of Economics

Forscher der »London School of Economics« kommen in einer Studie zu dem Schluss, dass ein Verbot von Mobiltelefonen (also: Smartphones) an Schulen zu besseren Leistungen bei einem Teil der Schülerinnen und Schüler führe.

Während man bei leistungsstarken Schülern und Schülerinnen keinen Effekt von Handyverboten feststellen konnte, sei dieser bei leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern enorm gewesen. Im Schnitt verbesserten sich die Leistungen um 6,41%, was in etwa dem Lerneffekt einer zusätzlichen Schulwoche entspreche.

Begründet wird das Ergebnis damit, dass das Ergebnis die Vermutung nahelege, dass sich leistungsschwache Schülerinnen und Schüler leichter durch die Verfügbarkeit der Mobiltelefone ablenken ließen, während leistungsstarke Schüler und Schülerinnen sich unabhängig von der Verfügbarkeit von Smartphones im Unterricht konzentrieren können. (»The results suggest that low-achieving students are more likely to be distracted by the presence of mobile phones, while high achievers can focus in the classroom regardless of whether phones are present.« (S. 17) [Hervorhebung TL])

Am Ende wird festgestellt,  dass die Ergebnisse der Studie nahelegen, dass ein Verbot von Mobiltelefonen an Schulen ein kostengünstiger Weg sei, um Bildungsungleichheiten zu reduzieren (»banning mobile phones could be a low-cost way for schools to reduce educational inequality.« (S. 17f)).

Soweit die Ergebnisse der Studie. Soweit das, worüber in unterschiedlichen Presseberichten geschrieben wurde. Hier nun ein paar Überlegungen, die man mit dieser Studie sicher auch verbinden kann:

Die Studie betont, dass Handyverbote ein kostengünstiger Weg sein können, um Bildungsungleichheiten zu reduzieren. Vor allem leistungsschwache Lernende könnten daraus einen Vorteil ziehen, bei leistungsstarken konnte kein negativer Effekt festgestellt werden, wenn Smartphones nicht verboten sind.

Wie aber sehe der vielleicht nicht ganz so kostengünstige Weg aus?

Der Vorschlag der Forscher der London School of Economics läuft auf eine Zementierung der unterschiedlichen Fähigkeiten des Umgangs mit den digitalen Endgeräten hinaus. – Ein Handyverbot trägt kein Jota dazu bei, dass die leistungsschwächeren Schüler einen Umgang mit Smartphones lernen, der dazu beiträgt, dass ihr Lernen durch diese nicht beeinträchtigt wird, was ja durchaus ein erstrebenswertes Ziel sein könnte.

Die Studie untersucht ausschließlich die Leistung im Kontext von formalen Prüfungen, sie untersucht nicht, welchen Einfluss medienpädagogische Interventionen oder deren Fehlen auf diese Leistungen (und auf das soziale Lernen in der Schule) haben.

Die Studie erweckt den Eindruck, als könnten leistungsstarke Lerner etwas, was den leistungsschwächeren Lernern fehlt: Konzentration auf das Lernen trotz der Ablenkungspotentiale von Smartphones.

Diese Kompetenz ist erlernt! Wie sie erlernt werden kann, ist die eigentliche Frage, die sich für mich an die Studie anschließt. Und damit verbunden auch die Frage, wie Smartphones bzw. andere digitale Endgeräte, sinnvoll für das Lernen genutzt werden können. Wo haben diese Geräte einen Mehrwert für das Lernen – auch und gerade von Menschen, denen Bildungschancen nicht automatisch als Teil der biographischen Erwartungshaltung des Umfelds mit auf den Weg gegeben wurden?

Kurz: Die Studie bietet ein kurzfristiges Handlungsrezept angesichts eines Phänomens; sie ist aber weder in der Lage, die Gründe für das Phänomen angemessen zu erfassen, noch bietet sie Antworten auf die Frage, wie alle Schülerinnen und Schüler die Kompetenz erwerben können, die die Studie bei leistungsstarken Schülern und Schülerinnen beobachtet, die sich von Smartphones nicht von ihrem Lernprozess ablenken lassen.

Was also bringt so eine Studie?

Zunächst liefert die Studie bei unreflektierter Nutzung der Ergebnisse Argumente für ein Handyverbot an Schulen.

Die Situation vor Ort ist ja tatsächlich so, dass Smartphones als von außen in die Schule mitgebrachte Gegenstände angesehen werden, mit denen man in der Schule – zumindest außerhalb des Unterrichts, in dem sie vielleicht zumindest als Wörterbuchersatz genutzt werden können – nichts anzufangen weiß.

Da kommt einfach so eine neue Technologie mit den Kindern in die Schule und stört. Sie stört die vertrauten Abläufe, sie führt zu neuen veränderten Formen des Fehlverhaltens, sie scheint unkontrollierbar. Da scheint es das Einfachste zu sein, ein Verbot auszusprechen. Und schon sind die Probleme aus der Welt verlagert.

Sollen doch die Eltern dafür sorgen, dass die Kinder einen angemessenen Umgang mit diesen Geräten lernen und wenn sie für das Lernen geeignet sein sollten, dann bitte zuhause, aber nicht in der Schule. Ein Gedankengang, der sicher jetzt stark übertrieben und weit von der Realität entfernt formuliert ist:  »Das können wir Lehrer nicht auch noch leisten. (Obwohl wir ja selbst in vielen Fällen diese Geräte in der Schule nutzen, uns von ihnen ablenken lassen. Das Problem ist: Wir können das nicht besser als die Schüler, aber den Schülern können wir das, was uns stört und was wir teilweise selbst genau so tun, verbieten. Schüler zum produktiven Mediengebrauch erziehen? Dazu muss ich diesen produktiven Mediengebrauch ja selbst erst lernen. Das ist anstrengend. Hilfe. Überforderung. Verbot.)«

Keine Frage, die Ergebnisse der Londoner Studie sind evident. Aber sind es die Schlussfolgerungen auch? Was kostet es eine Gesellschaft, wenn sie sich weigert, Medienerziehung zu betreiben und stattdessen mit Verboten vielleicht auch den Druck zur Integration sinnvoller Medienerziehung  mindert – und diese somit noch länger hinauszögert?

Ziel von Medienerziehung muss sein, dass man selbstbestimmt in der Lage ist, ein Smartphone zu nutzen und selbstbestimmt die Nutzung zu vermeiden, da sie störend, unangemessen oder einfach nur nervend ist.

Ein Handyverbot schließt zwar nicht aus, dass Medienerziehung stattfindet. Aber wenn sie stattfindet, dann sollte sie so ablaufen, dass ab einem bestimmten Alter dieser selbstbestimmte und auch einigermaßen reflektierte Umgang mit Smartphones möglich ist.

Medienerziehung kann nur als differenzierte und differenzierende Medienerziehung gelingen.

So halte ich es durchaus für sinnvoll, die Nutzung von Smartphones in der Schule für bestimmte Altersstufen zu untersagen, insofern in diesen Altersstufen parallel Medienerziehung stattfindet, die darauf hinaus läuft, dass die alltäglich gewordenen Smartphones sinnvoll und verantwortet eingesetzt werden können.

Wenn z. B. in den Klassen 5 bis 7 entsprechende Maßnahmen greifen, die auch im Bereich der Peer-Education (Medienbuddys, Medienscouts, Digitale Helden…) angesiedelt sein sollten, kann man überlegen, ab Klasse 8 die von den Schülern zu verantwortende Nutzung zu erlauben. Dann muss man aber z. B. auch bereit sein, beim nicht verantwortungsvollen oder gar illegalen Gebrauch Sanktionen zu erlassen oder, insbesondere bei Mobbing oder der Verletzung des Rechts am eigenen Bild etc…, durchaus auch die Mittel des Rechtsstaates zu nutzen, um Grenzen deutlich zu machen.

Das Internet geht nach unserem heutigen Wissen nicht mehr weg.

Mit Smartphones ist die Digitalisierung des Alltags nicht am Ende.

Wearable sind auf dem Vormarsch.

Und so, wie heute keiner mehr Verkehrserziehung an den Schulen vermissen will, ist es höchste Zeit, Medienerziehung strukturiert und umfassend zu etablieren. Das Ziel der Verkehrserziehung ist nicht das Verbot der Nutzung von z. B. Fahrrädern, sondern deren sichere Nutzung. Entsprechend müssen Ziele der Medienerziehung die sichere Nutzung von (digitalen) Medien sein.

Zu dieser sicheren Nutzung gehört der sinnvolle Gebrauch für eigene Zwecke und ebenso für Zwecke des Lernens; zur sicheren Nutzung gehört aber auch, dass man Umgangsformen lernt, wie und wo z. B. Smartphones (nicht) genutzt werden sollten / dürfen.

Das ist der teurere Weg, aber in Bezug auf Kompetenzenerwerb und Nachhaltigkeit womöglich der günstigere auf längere Sicht.

Damit sind andere Themen, wie der Zusammenhang von Elterneinkommen und Partizipation an (digitalen) Bildungschancen, Voraussetzungen für Laptop-/Tablet-basiertem Unterricht etc. natürlich nicht geklärt. Damit sind viele didaktische und methodische Fragen nicht geklärt. Das sind dann weitere Baustellen eines differenzierten und differenzierenden Diskurses.

Die entspannte und sinnvolle, alltägliche und für das Lernen hilfreiche Nutzung digitaler Technologien fällt weder einfach so vom Himmel noch ist die Digitalisierung ein Heilsversprechen: Wir haben es mit Herausforderungen zu tun, die, wenn es stimmt, dass der Wandel so bedeutend ist, wie einst die Erfindung des Buchdrucks, enormer Anstrengungen bedürfen.

Verbote sind, werden sie so undifferenziert als schnelle und kostengünstige Lösungen in den Blick genommen, wie die Studie der London School of Economics das tut, eine eher unreflektierte Reaktion.

Es bedarf der Phantasie, des Muts, der Bereitschaft, auch einmal Fehler zu machen – und vor allem eines hohen Maßes an Reflexion dessen, was wir in Bildungskontexten tun, um diesen Wandel nicht passiv zu erleiden, sondern produktiv zu gestalten.

 

(P.S.: Und dann soll dieser Beitrag als grundlegender Beitrag gerne auch der Blogparade »Mit digitalen Medien besser lernen« zur Verfügung gestellt werden.)

 

»Bring your own device« ist in Schulen solange selbstverständlich, wie das »own device« der Bleistift ist…

Vorbemerkung: In diesem Text wird von Schulen ausgegangen, wie sie in Deutschland weit verbreitet sind. Dabei wird hier nicht berücksichtigt, dass es durchaus Schulen gibt, die als Brennpunktschulen bezeichnet werden, an denen die Ausgangslagen und Probleme ganz andere sind, als in diesem Text beschrieben. Das hier beschriebene Szenario ist auf solche Schulen möglicherweise nicht unmittelbar anwendbar. Da ich selbst keine Erfahrung mit der Arbeit an sozialen Brennpunktschulen habe, möge man mir die Grenzen, an die eine Reflexion, wie die hier vorgenommene stößt, verzeihen. 

Es gibt keine Diskussionen mehr, ob man in der Schule auf Schiefertafeln oder in Hefte schreibt. Und dass das Erlernen so mancher Fertigkeiten nicht ohne Eigenbeteiligung der Eltern geht, ist an sich in vielen Bereichen unumstritten: Schultaschen, Hefte, Stifte, Zeichenblöcke, Sportkleidung, Turnschuhe werden nicht von den Schulen gestellt. Die Lernmittelfreiheit hat überall, wo es sie gibt, ihre Grenzen. An vielen Schulen gilt das auch für Literatur, die im Sprachenunterricht gelesen wird.

Das Lernen und Lehren ist immer abhängig von Materialien und Werkzeugen, die im Lern- und Lehrprozess eingesetzt werden, völlig unabhängig davon, ob es sich um instruktiven Unterricht oder um Phasen mehr oder weniger selbständigen Arbeitens handelt.

Will man das Schreiben lehren, braucht man Schreibwerkzeug; Lesen lernen geht nicht ohne Texte; jede Sportart und jedes Instrument fordert ab einem bestimmten Leistungsniveau Werkzeuge, die über jene von Anfängern hinaus gehen, die eine andere Qualität haben und entsprechend auch teurer sein können.

Viele Schulen können Schülerinnen und Schüler mit Leihinstrumenten unterstützen, für bestimmte Sportarten werden die Sportgeräte zur Verfügung gestellt. Doch gerade im musischen Sektor verfügen viele Kinder über eigene Instrumente – und wenn es nicht gerade ein Achter-Ruderboot ist, haben viele Schüler auch ihre Sportgeräte bzw. für die Ausübung des Sports notwendige Kleidungsstücke in ihrem Privatbesitz.

Solche Vorgehensweisen und Selbstverständlichkeiten der Unterstützung an Schulen haben sich vielerorts eingespielt; dass es Unterschiede bei den elterlichen Möglichkeiten der Unterstützung eines Kindes gibt, wird (häufig) berücksichtigt. Jeder Schüler weiß, dass die Sportschuhe seines Mitschülers teurer oder billiger als die eigenen sind; Musiker wissen durchaus um die Qualität und den Preis der Instrumente ihrer Mitmusiker und dass ein Kolbenfüller unabhängig von den Kosten etwas anderes ausstrahlt als ein Einwegwerbekugelschreiber ist auch klar.

Es ist also weit verbreitet, dass nicht alle Werkzeuge, die in der Schule benötigt werden, von den Schulen gestellt werden; es ist auch üblich, dass Schüler keine Einheitsprodukte in der Schule verwenden müssen, um soziale Unterschiede zu verdecken. Ebenso verbreitet sind in einigen Bereichen Unterstützungsmaßnahmen, um die Teilhabe von Kindern weniger finanzstarker Eltern zu zu ermöglichen.

Wenn es aber um das Erlernen von Fertigkeiten geht, die für das digital unterstützte Lernen und Arbeiten notwendig sind, sieht das alles ganz schnell ganz anders aus. – Wenn ich überlege, in meinem Unterricht mit unter den Schülern weit verbreiteten Smartphones zu arbeiten, höre ich immer wieder, dass man das nicht machen könne, weil es diejenigen Schüler diskriminiere, die kein Smartphone oder Tablet besitzen. – Muss ich noch viel schreiben, um die (oft ausgeblendeten) Analogien1 zu Musikinstrumenten und Sportgeräten bzw. -kleidungsstücken erkennbar zu machen?

Wenn ich Kindern den sinnvollen, für ihr Lernen hilfreichen Umgang mit digitalen Werkzeugen beibringen soll, unter anderem, weil der Umgang mit digitalen Werkzeugen im Arbeitsleben längst selbstverständlich ist, dann muss ich diese Werkzeuge mit den Kindern nutzen können. Das heißt, ich will auf schülereigene Geräte ebenso setzen können, wie ich Leihgeräte für Schüler brauche, bei denen eigene Geräte jenseits des finanziell Machbaren sind.

Was aber, wenn Eltern nicht wollen, dass ihr Kind digital unterwegs ist oder ein Schüler sich bewusst gegen ein Smartphone entscheidet?

Zum ersten kann ich nur sagen, dass es möglicherweise auch Eltern gibt, die Bücher für überflüssig halten, was die Schule nicht davon abhält, den Umgang mit ihnen zu lehren und den Umgang mit Büchern auch einzufordern. Und zu letzterem: Es kommt nicht auf Gerätekategorien an! Das bei Lösungen mit schülereigenen Geräten fast immer von Smartphones ausgegangen wird, liegt alleine daran, dass diese am verbreitetsten verfügbar sind. Tablets und v. a. Laptops sind natürlich an vielen Stellen komfortabler, aber eben in der Schule heute noch nicht selbstverständlich in den Schultaschen als Werkzeuge des Lernens vorhanden.

Es kommt nicht auf die Gerätekategorie und schon gar nicht auf das Betriebssystem an, weil es natürlich auch nicht auf bestimmte Apps ankommen kann. Ob Texte nun mit Word, LibreOffice, Pages oder unter Nutzung von LaTeX etc. erstellt werden, ist egal. Es muss nur die Möglichkeit geben, Formate zu nutzen, die austauschbar sind, wenn es nötig ist.

Der Staat muss für die Infrastruktur sorgen, so wie er heute für die Strom- und Wasserversorgung zu sorgen hat, was ja durchaus auch seinen Preis hat. Vor allem heißt das, dass WLan in jede Schule gehört und dieses – mit personalisierten Zugangsdaten? – von den Schülern genutzt werden kann. Darüber hinaus muss es Lösungen geben, die sicherstellen, dass jeder Schüler und jede Schülerin diese Infrastruktur dann auch (zum Lernen) nutzen kann, indem z. B. Leihgeräte zur Verfügung gestellt werden könne.

Die Lizenzen für Lehrmaterialien sind in Ländern, in denen es heute Schulbücher kostenfrei gibt, von den Ländern zu finanzieren und in den Ländern, in denen Eltern Schulbücher schon heute kaufen müssen, von den Eltern. In diesem Bereich würde sich wenig ändern, mal abgesehen von den Möglichkeiten, die sich eventuell durch OER noch ergeben werden.

Dass wir in Deutschland nicht so weit sind, mag an lange eingeübten Mentalitätsfragen liegen. Denn wenn man einmal zurückschaut: Auch der Übergang von der Schiefertafel zum Schulheft lief in Deutschland alles andere als zügig, wie in diesem Bericht recht anschaulich gezeigt wird.

Und an den Hochschulen setzt sich das Problem dann übrigens fort: Es gibt Professoren, die das Mitschreiben in Vorlesungen über Tablet, Laptop etc. zu untersagen versuchen. – Wenn solche dann Lehramtsstudierende begleiten, ist ungefähr absehbar, wie lange die selbstverständliche Integration digitaler Werkzeuge in den Lehr-Lern-Prozess noch auf sich warten lassen wird..

  1. Analogien sind Ähnlichkeiten, keine Gleichheiten []

Wenn es dem Lernen dient!

Meine Ansage im Klassenraum in diesem Schuljahr ab Klasse 9 (Schülerreaktionen aus mehreren Lerngruppen zusammengefasst):

„Ihr dürft im Unterricht bei mir alles nutzen, was eurem Lernen dient.“

Schüler schauen irritiert.

„Ihr könnt den Duden auf dem Tisch stehen haben. Alle Bände eines Lexikons mitbringen. Germanistische Handbücher nutzen…“

Schülerblicke reden deutlich – Isss ja guuud, Herr Larbig

„…wenn ihr wollt und Internetzugang habt, euer Smartphone nutzen.“

Schülerblicke: Aaaahhhhh

„Und wenn ihr im Lexikon nach Wörtern sucht, die nichts mit dem Unterricht zu tun haben, konfisziere ich es. Gleiches gilt für Handys, wenn ihr Messenger-Nachrichten im Unterricht beantwortet.“

Schüler: Und müssen wir dann jedes Mal fragen, wenn wir das Handy rausholen.

Ich: „Legt es auf den Tisch, wie ihr das Mäppchen, das Heft, die Bücher auf den Tisch legt, aber mit dem Bildschirm nach unten. Und wenn ihr es braucht, dann nehmt ihr es.“

Schüler: „Ok.“

Ein „Rant“ für digitale Bildung …

Ich schaute mir gerade das gaaaanz am Ende diese Beitrags eingebettete Videos mal wieder an. – Nach wie vor bin ich nicht mit jedem Detail einverstanden, das Tanja Haeusler und Johnny Haeusler in diesem Beitrag zur re:publica 2013 benennen. Die Grundrichtung aber finde ich durchaus bedenkenswert. Und das die zunehmende Kasernierung  pädagogisch wertvolle Rundumversorgung von Kindern in Krippen, Kindergärten, Ganztagsschulen, Horten etc. möglicherweise nicht die optimale Form ist, um Kinder und Beruf miteinander in Einklang zu bringen, sprechen die Haeuslers ziemlich deutlich an.

Oh ja, und dann haben wir auch noch, die Haeuslers formulieren das auch in dem Video, das am Ende dieses Beitrags verfügbar ist, die Aufgabe Kinder und Jugendliche darauf vorzubereiten, dass sie sich in einer digitalisierten Welt zurechtfinden, von der wir vieles heute noch gar nicht wissen. Wir wissen nicht, wie stark die Digitalisierung letztlich den Alltag wirklich durchdringen wird. Dass die Digitalisierung den Alltag aber mehr und mehr durchdringt, ist so offensichtlich, dass man es eigentlich nicht mehr leugnen kann. Die Erkenntnis, dass das Internet nebenbei ein ideales System zum Datensammeln und zur Überwachung unter anderem für staatliche Geheimdienste ist, dürfte die digitale Durchdringung des Alltags nicht verhindern.

Oh ja, wir haben Kinder und Jugendliche darauf vorzubereiten, dass sie sich in einer digitalisierten Welt zurechtfinden. Wir machen das in PC-Räumen. Ansonsten wird in den Schulen immer noch mit Büchern gearbeitet. Das ist nicht schlimm. Das ist nicht gut. Das ist eben so. Und ich bin wirklich froh, dass mehr und mehr Lehrende sich selbst auf den Weg begeben, sich digital kompetent zu machen und z. B. Tablets im Unterricht für sich zu nutzen. So ist das zumindest an der Schule, an der ich unterrichte. Einst war ich der erste mit Tablet im Unterricht; heute gibt es nicht nur Kollegen und Kolleginnen, die diese Geräte für sich einsetzen, sondern auch erste Reflexionen über den Einsatz des Tablets als Schulheft in der Hand eines Schülers. Immerhin; Schule ist bei solchen Entwicklungsprozessen von ihrer Aufgabe und ihrer Struktur her nun einmal nicht gerade als avantgardistisch zu betrachten.

Wir haben Kinder und Jugendliche darauf vorzubereiten, dass sie sich in einer digitalisierten Welt zurechtfinden. Und diese digitale Welt ist längst Teil der Schule, weil Schüler und Lehrer diese Welt zunehmend bevölkern. Aber immer noch gibt es Schulen, in denen der wesentliche Umgang mit Smartphones darin besteht, dass diese von Lehrern eingezogen werden, weil es Handyverbote unterschiedlichster Ausprägung gibt, die in Vereinbarungen mit den Eltern festgehalten wurden.

Wir bringen den Schülern und Schülerinnen nach wie vor nicht bei, dass Smartphones und Tablets fantastische Geräte zur lernenden Welterschließung sind, die neben alle anderen Formen der Welterschließung treten, die wir schon so kennen. Wie soll  das auch gehen, wenn z. B. jeder Lehrer, dem ich gegenüber das Wort Etherpad in den Mund nehme, erst einmal eine Erklärung braucht, was das ist? Wie soll das gehen, wenn Lehrer zwar wissen, dass Google seinem „Don’t be evil“ wohl doch nicht ganz treu geblieben ist, die aber nicht wissen, dass die Werkzeuge, die Google anbietet, tatsächlich auch zum Arbeiten geeignet sind? Wie sollen wir Schüler und Schülerinnen so  vorbereiten, dass sie sich in einer digitalisierten Welt zurechtfinden, wenn in einigen Bundesländern die Nutzung sozialer Netzwerke für „dienstliche Belange“ (Kommunikation mit Schülern, Eltern etc.) ausdrücklich verboten wird, während selbst Lehrer und Lehrerinnen über Facebook hinaus andere soziale Netzwerke kaum für sinnvolle Belange nutzen?

Wir haben – gilt nicht für alle Bundesländer – Lehrmittelfreiheit, aber die Möglichkeit, dass Schülerinnen und Schüler in der Schule außerhalb der PC-Räume mit eigenen Geräten das Lehrmittel Internet nutzen können, gehört in vielen Fällen nach wie vor nicht dazu. Lehrmittelfreiheit bedeutet nach wie vor nicht, dass WLan-Zugänge verfügbar sind und Schulträger wissen, wie deren Aufbau und Unterhaltung finanziert werden kann.

Während in den USA dutzende von Twitterchats von hunderten von Lehrkräften Woche für Woche bevölkert werden, verzeichnet der erste deutschsprachige Twitterchat für Lehrende im Schnitt ca. 40 Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Das ist aus der Perspektive eines Lehrers in Deutschland gesprochen übrigens eine beeindruckende Zahl, trotz der ca. 800000 Lehrer und Lehrerinnen an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland.

800000 Lehrerinnen und Lehrer an allgemeinbildenden Schulen, von denen sich ca. 40 seit September 2013 Woche für Woche zu einem Chat treffen, der ihrer eigenen Fortbildung und Vernetzung dient, und von denen vielleicht ein paar hundert sich ernsthaft Gedanken darum machen, welcher Mehrwert im Lernen mit digitalen Geräten und Netzen zu finden ist und wie dieser in eine digitale Didaktik überführt werden kann. Oder sind es doch mehr und wir wissen nichts davon? Oder sind es viel weniger und ich bin ein unverbesserlicher Optimist?

Wir haben Kinder und Jugendliche darauf vorzubereiten, dass sie sich in einer digitalisierten Welt zurechtfinden – und tun es allzuoft nach wie vor nicht. Das beunruhigt aber nicht wirklich nachhaltig, gehen wir doch davon aus, dass Jugendliche sich ihre eigenen Wege suchen, in dieser Welt mit ihrem Internet zurechtzukommen. Das stimmt auch für einige. Aber die meisten Jugendlichen haben keine Ahnung, wie sie sich (reflektiert) in der digitalen Welt zurechtfinden: Schüler können Facebook nutzen, WhatsApp bedienen, Quiz-Duell spielen, Instagram-Accounts füllen, vielleicht auch noch die Basisfunktionen von OpenOffice, LibreOffice, Word oder Pages bedienen und mittels Powerpoint oder hin und wieder auch Prezi Präsentationen erstellen. Das ist eine ganze Menge – und im Zentrum der meisten Aktivitäten von Jugendlichen im Netz steht der Austausch mit anderen Jugendlichen, mit Freunden etc.

Weil Jugendliche sich viel im Netz bewegen, gehen wir davon aus, dass sie dort schon ihren Weg finden werden, auch wenn in der Schule dieses Netz nach wie vor oft nur dann eine Rolle spielt, wenn ein Lehrer oder eine Lehrerin einen Film nun eben nicht mehr von einer Videokassette abspielt, sondern von einer digitalen Version. YouTube bedienen können doch einige Lehrende, denn immerhin gibt es da Filme. Aber die Zahl der Lehrenden, die den inneren Drang haben, digitale Realitäten für sich so zu erschließen, dass sie diese mit Schülerinnen und Schülern reflexiv erschließen und reflektiert nutzen können, ist gering. Sie ist auch so gering, weil es nach wie vor ein hohes Maß selbständigen Lernens der Lehrer benötigt, sich in diese Welt einzufinden, Zeit, die sie oft nicht haben, wenn sie neben ihrem extrem zeitaufwändigen Beruf eine Beziehung pflegen und Kinder großziehen wollen.

Und selbst in Kontexten, in denen was möglich ist, um Jugendliche digital zu bilden, passiert zu wenig. Hier fasse ich mich an die eigene Nase. In vielen meiner Lerngruppen habe ich mittlerweile eine annähernd oder tatsächliche 100%-Abdeckung mit Smartphones, mit denen Schülerinnen und Schüler, wer immer das auch finanzieren mag, das Netz nutzen können, auch wenn es im Sinne von Lehrmittelfreiheit kein frei zugängliches WLan gibt. Und selbst wenn ich immer mal wieder Projekte starte, die diese Optionen nutzen, interessiert mich doch eigentlich der selbstverständliche Gebrauch der vorhandenen Lernoptionen im Unterricht und in der Schule (also auch in Pausen, in Freistunden). Was passiert, wenn ich nicht mehr in speziellen Situationen sage, dass Schüler und Schülerinnen jetzt ihre Smartphones nutzen dürfen, sondern mit ihnen vereinbare, dass die Geräte von den Lernern im Unterricht frei genutzt werden dürfen, solange der Bezug zum Unterricht vorhanden ist?

Dabei darf ich natürlich nicht vergessen, immer wieder auch auf die Nutzung echter Bücher zu drängen und zu bestehen, insbesondere von Wörterbüchern, weil Schülerinnen und Schüler in Prüfungssituationen nur diese nutzen dürfen und ich, ließe ich Smartphones z. B. in Klausuren zu, zwar Aufgaben finden würde, die angemessen wären, sicher aber zu hören bekäme, dass die Vergleichbarkeit der Leistungen meiner Schüler mit anderen nicht mehr gegeben sei, wenn diese Smartphones nutzen dürften.

Wenn jetzt Leute sagen, dass es wirklich ein Problem sei, wenn in Prüfungen z. B. Internet verfügbar sei, dann mag das für die Mentalität hierzulande zutreffen, in Dänemark denkt man da etwas anders.

Oh ja, sicher, im Laufe der Zeit wird sich das alles ändern! Sicher, bestimmt. Vielleicht. Möglicherweise.

Es ändert sich auch faktisch vieles an den Schulen, ich erlebe das hautnah, sehe wie Diskussionen in Gremien zu Fragen des digitalen Lehrens und Lernens im Vergleich zu Diskussionen zu diesen Themen vor zwei bis drei Jahren entspannter werden, wie immer mehr Schulen sich der Realität stellen, dass Handyverbote irgendwie seltsam sind. Ich erlebe, wie sich langsam mehr Lehrende – aller Lehrergenerationen und eben nicht nur junge Nachwuchskräfte – mit Laptop und Tablets ausstatten, die sie dann auch im Unterricht nutzen – auf eigene Kosten.

Wir haben Kinder und Jugendliche darauf vorzubereiten, dass sie sich in einer digitalisierten Welt zurechtfinden. Dazu müssen wir uns als Erwachsene und insbesondere als Lehrende in dieser Welt bewegen und zurechtfinden; dazu müssen wir uns von den Jugendlichen auch mal was erklären lassen, was für sie im Netz wichtig ist,  obwohl wir es (vielleicht) nicht verstehen oder nachvollziehen können. Dazu müssen wir die Chancen der Digitalisierung reflektieren und ebenso reflektiert mit den Risiken umgehen.

Reflektierter Umgang mit der Digitalisierung aber ist etwas anderes als das Verbot der Instrumente, die diese Digitalisierung repräsentieren (Smartphone, Tablet, Laptop, WLan…); reflektierter Umgang mit der Digitalisierung ist etwas anderes als eine Fixierung auf faktisch vorhandene Risiken, die so stark wird, dass die Chancen nicht mehr gesehen werden. Oh nein, es muss sich nicht jeder im Internet bewegen wollen; aber es sollte sich jeder gegebenenfalls verantwortet und reflektiert im Internet bewegen können. Die Kinder und Jugendlichen suchen sich da ihren Weg. Bislang tun sie dies, ohne dass ihnen dabei selbstverständlich von den Erwachsenen in ihrem Umfeld, von den Institutionen, in denen sie ihre Sozialisation erfahren, Unterstützung über Sorgen um das Kindeswohl und den Jugendschutz hinaus – und somit über Verbote, Einschränkungen, Mahnungen hinaus – zuteil wird.

Das finde ich schade.

Luft holen

So. Das ist jetzt ein Rant für die Bildung im digitalen Zeitalter geworden, obwohl ich ursprünglich doch „nur“ ein Video hier einbetten wollte. Aber so ist das nun einmal. Jetzt aber Bühne frei für Tanja Haeusler und Johnny Haeusler und ihren Beitrag zur republica 2013 The Kids are allright. Vielleicht merkt der eine oder die andere ja, inwiefern dieser Beitrag meinen hier entstandenen Artikel beeinflusst hat.