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Vom Interpretieren literarischer Texte

Beim Interpretieren literarischer Texte steht die Vermittlung des individuellen Leseeindrucks im Zentrum.

Das, was ich beim Lesen entdecke, soll anderen transparent werden.

Es geht nicht zuerst darum, was der Autor sagen wollte; das ist eine nachgelagerten Frage, die literaturwissenschaftlich interessant sein mag, aber beim literarischen Lesen den Fokus verschiebt.

Wenn ich lese, dann geht es um niemanden anderen als um mich als Leser.

Für nichts, was ich als Leser mit einem Text erlebe, muss ich mich irgendwo rechtfertigen. Sogar die Erfahrung, einem Text die Rezeption zu verweigern, muss ich als Leser nicht rechtfertigen. Ich darf natürlich auch nicht lesen. – Es ist allerdings ein Unterschied, ob ein Leser nicht liest oder jemand so grundsätzlich nicht liest, dass er oder sie nicht als Leser oder Leserin bezeichnet werden kann.

Zurück aber zu dem, was es mit der Interpretation eines Textes auf sich hat.

Natürlich bin ich diesem Thema auch in meiner Rolle als Lehrer begegnet: Immer dann, wenn ich Schülerinnen und Schülern nahezulegen versuche, die je eigenen Leseeindrücke als Zugang zu einem Text zu nutzen.

Es ist fast in jeder Klasse das gleiche Phänomen: Frage ich, was beim Lesen der erste Zugang zum Text sei, bekomme ich in unterschiedlicher Reihenfolge doch immer die gleichen Antworten.

  • Man müsse zunächst den Text verstehen.

Damit ist oft nicht gemeint, dass der Text in schwieriger Sprache verfasst ist, gemeint ist wirklich nur das rein inhaltliche Verstehen. Das ist zwar wichtig, aber einen Eindruck von einem Text kann ich schon haben, wenn ich den Text noch nicht »verstanden« habe.

  • Man müsse den Text vor einem Epochenhintergrund sehen und ihn vor diesem zu verstehen versuchen.

Dagegen habe ich, das gilt übrigens für jede hier genannte Antwort, gar nichts einzuwenden. Aber sorry, wenn ich lese, dann passiert etwas zwischen dem Text und mir. Hier. Heute. In der Gegenwart. Die Epoche, aus der ein literarischer Text stammt, ist mir als Leser beim Lesen bis auf Weiteres egal. – Ich halte es entsprechend für keinen Zufall, dass eines meiner Lieblingswerke, Goethes Faust, sich ebenso jeder klaren Epochenzuweisung entzieht, wie das auch bei Shakespeare, Dante, Kleist, Kafka und anderen Giganten der Literatur der Fall ist.

Die ganz große Literatur ist kein Epochenphänomen, sondern entfaltet sich in ihrem Reichtum erst in den Erfahrungen, die Leser unterschiedlichster Epochen mit diesen Werken machen. Entsprechend emanzipieren sich solche Werke auch von ihren Autoren, sodass die Frage, was die Autoren mit Ihnen wollten, wirklich nur noch literaturhistorischer Natur ist. – Mich als Leser interessiert sie nicht. (Als Literaturwissenschaftler hingegen finde ich die Frage durchaus interessant, aber hier geht es um den Leser, der Literatur als Gegenstand persönlicher Begegnung mit dem Werk betrachtet.)

  • Man müsse den Text analysieren, um einen Zugang zu bekommen.

Vor allem, wenn ich mit Schülern und Schülerinnen Gedichte lese, bekomme ich diese Antwort. Vielleicht fällt die Beschäftigung mit Gedichten vielen Schülerinnen und vor allem Schülern deshalb so schwer, weil man die Gedichte gleich verstehen will, statt sie erst einmal auf sich wirken zu lassen und darauf zu achten, was zwischen dem Gedicht und mir als Leser so passiert, zunächst völlig unabhängig von irgendeinem »Veratehen« des Gedichts. Erst, wenn ich mich auf die Suche nach den Gründen mache, was das, was ich mit einem Gedicht (nicht) erlebe, verursachen könnte, kann eine formale Analyse sinnvoll sein. Aber erst dann und wirklich in Bezug auf den Inhalt.

Formale Analysen mögen zeigen, dass jemand Stilmittel zu erkennen gelernt hat, aber zum Veratehen eines Texte tragen sie nur etwas bei, wenn sie auf den Inhalt bezogen werden und möglicherweise Schichten des Verstehens freilegen, die der erste Leseeindruck nicht wahrgenommen hat, die den Leseeindruck vertiefen oder völlig verändern. – So ernst ich den ersten Leseeindruck auch nehme, so bedeutet das nicht, dass dieser sich bei der Beschäftigung mit einem literarischen Text nicht noch verändern kann. Es ist sogar möglich, dass ein erster Leseeindruck bei genauerem Hinsehen an einem literarischen Text nicht belegt werden kann, entsprechend falsch war und korrigiert werden muss.

Es ist eine Herausforderung, Schülern, Schülerinnen und auch anderen Lesenden, die sich interpretierend mit Texten befassen, nahezubringen, dass sie nicht gleich mit den oben skizzierten Antworten an einen Text herangehen, sondern zunächst wirklich darauf zu achten, was zwischen ihnen als individuell Lesenden und einem literarischen Text passiert. Einen Text schriftlich zu interpretieren ist dann nichts anderes, als den eigenen Leseeindruck für andere zugänglich, verständlich, nachvollziehbar zu machen, indem ich ihn verschriftliche.

Dabei überprüfe ich meinen Leseeindruck auch, den ich zu diesem Zwecke in eine Interpretationshypothese gefasst habe, um am Ende mein Leseverständnis nachvollziehbar dargelegt zu haben, um es für mich selbst und gegebenenfalls andere vertieft oder vielleicht auch verworfen zu haben, um zu einem anderen Verstehen des Textes zu gelangen.

Aber auch hier gilt: Wenn nicht literaturwissenschftliche Perspektiven andere Zugangsweisen fordern, fahre ich in der interpretierenden (schriftlichen) Auseinandersetzung mit einem Text immer gut, wenn ich meinen individuellen Leseeindruck solange wie möglich ernst nehme und diesen transparent zu machen versuche. In den meisten Fällen führt dieser Zugang zum Text weiter, als nach Intentionen von Autoren oder epochetypischen Anliegen von Literatur zu fragen. Und für Leser solcher Interpretationen führt dieser Zugang oft auch zu interessanteren Texten.

Die Bedeutung von Literatur liegt unter anderem in den unterschiedlichen Formen ihrer Wahrnehmung durch einzelne Lesende in Epochen und über Epochen hinweg. Vor diesem Hintergrund ist dann meine schriftliche Auseinandersetzung mit einem literarischen Text, die von meinem Leseeindruck ausgeht, für die Bedeutung eines Textes relevant. So übersteigt die schriftliche Fassung meines Leseeindrucks dann mich als Individuum und geht in den Fluss des Verstehens eines Textes über Raum und Zeit hinweg mit ein. Und das ist ja auch keine schlechte Perspektive.

Im Übergang: Das Buch in Vergangenheit und Zukunft

In diesem Beitrag gehe ich der Frage nach, warum ich vielleicht doch nicht in zwei Welten lebt, wenn ich Bücher in gedruckter und digitaler Form schätze und nutze. Weiterlesen

Über Bücher aus Papier und EBooks aus digitalen Zeichen – Vermarktung und Infrastruktur

Bücher aus Papier sind in sich geschlossene, analoge Einheiten. Der Datenträger Papier wird einmal bedruckt und dann kann, genügend Licht vorausgesetzt, der Text unbegrenzt häufig gelesen werden, es können Anstreichungen hinzugefügt, Anmerkungen notiert werden. Den Datenträger kann man als Ganzheit weitergeben, also auch verleihen oder verschenken. Die Lesespuren bleiben dabei erhalten. Die Haltbarkeit des Datenträgers – und somit der mit ihm fest verbundenen Information – beläuft sich auf einige Jahrzehnte bei schlechter Papierqualität bis hin zu mehreren Jahrhunderten bei guter Papierqualität, das Papier nicht zerstörender Tinte und trockener sowie lichtgeschützter Lagerung.

EBooks bestehen aus digitalen Zeichen in elektrischer Form, die als reine Datenpakete zunächst einmal nicht gelesen werden können. Anders als Bücher aus Papier werden EBooks ohne einen Datenträger ausgeliefert, an den das jeweilige „Exemplar“ gebunden wäre. Als Datenträger und Übersetzer in lesbare Schrift bedarf es entsprechender Programme, die entweder als Einzelprogramme vorliegen, die dann als App zum Beispiel auf einem Tablet oder dem Smartphone das Lesen erlauben, oder als eine Koppelung von Hard- und Software in Form eines speziell zum Lesen dieser Bücher gedachten EBook-Lesegerätes (EBook-Readers).

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Unterricht geht durch den Magen oder: Mein Beitrag zur Blogparade „Reflektierende Praktiker (Lehrende und Co)“

Mein Beitrag zu der von mir selbst ausgerufenen Blogparade „Reflektierende Praktiker (Lehrende und Co)“!

Unterricht geht mir durch den Magen. Ob eine Stunde gut gelungen oder ein Stundenkonzept grandios gescheitert ist, merke ich tatsächlich sehr schnell als „Gefühl in der Magengegend“.

Von einer strukturierten oder gar in Routinen verpackten Reflexionspraxis ist zu diesem Zeitpunkt aber noch nichts auf weiter Flur zu sehen.

Bei diesen eindeutigen Fällen, die durch Gasteromantie ;-) angemessen in den Vordergrund drängen, scheint es auf den ersten Blick auch nicht unbedingt nötig, in Reflexionsprozessen zu versinken.

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Lehrer mit Tablet-Computern oder: Was spielen Sie denn da?

Nachdem ich begonnen hatte, im Unterricht einen Tablet-Computer zu benutzen, hörte ich immer wieder von jüngeren Schülern die Frage, was ich denn während der Stunde da so alles spiele.

Die Frage kam bei mir so an, dass ich keinen Grund hatte anzunehmen, sie sei von den Schülern nicht genau so gemeint, wie sie gestellt wurde: sachlich, aber auch irritiert, denn mit einem Computer in der Stunde zu spielen, ist ihnen streng untersagt, es sei denn, es handelt sich um ein Spiel mit Unterrichtsbezug.

Den jüngeren Schülern war der Tablet-Computer tatsächlich nur als ein Gerät bekannt, mit dem man spielen kann. Ob sie dies nun aus eigener Anschauung geschlossen hatten oder ob sie sich diese Vorstellung aus all dem konstruiert hatten, was sie vor allem über das iPad gehört hatten, kann ich nicht recht einschätzen. – Doch abgesehen von dem Mangel an empirischen Daten für die Gründe diese Sicht und somit auch für die mir gestellte Frage, haben sich für mich einige Überlegungen aus dieser Frage heraus kristallisiert.

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Herrn Larbigs Bibliothek 15 – Jonathan Franzen: Freiheit. Roman.

Wenn ein Familienroman während einer bestimmten Zeit spielt und die Familie einigermaßen geschickt gestaltet wird, dann wird aus dem Familienroman ein Zeitroman.

Jonathan Franzen kann das gut: Mehr als 700 Seiten umfasst sein Roman „Freiheit“, der 2010 erschien und nach „Die Korrekturen“ intensiv erwartet wurde. Mehr als 700 Seiten, auf denen er den Überblick über sein Personal behält, immer wieder souverän Handlungsfäden aufgreift, weiterführt und wieder mit anderen Handlungsfäden verbindet, die dann wieder … Ein gut gearbeiteter Familienroman, der gut 30 Jahre USA-Geschichte – mit zugegebener Maßen recht konventionellen Mitteln und künstlerisch wenig originell – reflektiert, den Schwerpunkt aber auf die Zeit George W. Bushs und die „Freiheiten“ legt, die im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, vor allem im Schatten des 11. Septembers 2001, in den USA möglich waren.

Dieser Roman ist eine echte Fleißarbeit. Und es nötigt mir schon einiges an Bewunderung ab, dass es einem Autor gelingt, in einer solchen Konsequenz eine solche Handlung weiter zu schreiben und nicht irgendwo, angesichts des Fülle der Personen, die auftreten, und der Konventionalität der eingesetzten erzählerischen MIttel, einfach das Handtuch zu werfen, weil er sich mit dem Roman selbst langweilt.

Entsprechend habe ich bei mir als Leser beobachtet, dass ich mit zunehmendem Fortschreiten des Romans immer häufiger sehr schnell und über ganze Absätze hinweg gelesen habe. Ja, zum Schluss entwickelte ich gar den Ehrgeiz, dass ich diesen Roman zu Ende lesen will.

Es ging mir nicht, wie ich das bei anderen Romanen bereits erlebt habe, so, dass es mich dazu gedrängt hätte, diese Geschichte bis zum Schluss zu lesen.

Zum Schluss waren es vor allem das Wollen und der Respekt vor der intellektuellen und disziplinierten Leistung des Autors, was mich an dem Buch dran gehalten hat. Das mag daran gelegen haben, dass hier wirklich nur die Geschichte einer amerikanischen Mittelstandsfamilie erzählt wird. Das ist keine glückliche Familie. Das ist keine schöne Geschichte. Aber es ist eine Mittelstandsgeschichte – und somit eine mittelmäßig spannende Geschichte, die dann auch noch ein fast schon kitschiges „Happy End“ bekommt.

Ich kann durchaus den Kunstcharakter langweiliger Figuren in langweiligen Handlungssituationen nachvollziehen, so diese Figuren in einer Romanhandlung auftreten und angemessen in diese integriert sind. – Vor diesem Hintergrund sei es noch einmal betont: Der Roman ist gut geschrieben.– Dennoch empfand ich ihn zum Ende hin zunehmend als eine Herausforderung für mich als Leser.

Ich weiß durchaus, dass es für solche Familienromane ein leicht zu begeisterndes Publikum gibt, nicht zuletzt in den Feuilletonredaktionen der deutschen Presse. Ich bin aber auch zu dem Schluss gekommen, dass ich diese Art von Romanen nur in kleinen Dosen zu mir nehmen will. Nach drei Wochen, die ich mit diesem Buch verbracht habe, bin ich nun mit dem Lesen fertig. Und ich kann es nicht leugnen, dass ich mich sehr auf die in meinem Regalfach mit den zu lesenden Büchern liegenden Exemplare freue. Darunter ist auf absehbare Zeit kein weiterer großer Familienroman.

Jonathan Franzen: Freiheit Roman; aus dem Engl. von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld; Rowohlt Verlag, Reinbek 2010; 730 S., 24,95 € (Taschenbuchausgabe 2012: 9,99 €)  


Nachtrag: Mitbloggerin @mons7 (Monika E. König) hat, wie ich nach Veröffentlichung dieses Beitrages via Twitter erfahren habe, ähnliche Erfahrungen in einem Beitrag benannt, wie ich sie mit dem Roman gemacht habe. Deshalb und weil Monika intensiver auf den Inhalt eingeht, als ich das hier tue, sei ihr Beitrag hier explizit angeführt und verlinkt.

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Herrn Larbigs Bibliothek 14 – Jean-Claude Carrière, Umberto Eco: Die große Zukunft des Buches

Wer sich wagt, fast zwei Jahre nach seinem Erscheinen noch etwas zu einem Buch zu sagen, ist unzeitgemäß: Am liebsten sollen Kritiken bereits erschienen sein, Wochen bevor ein neuer Band in die Buchhandlungen kommt.

Warum eigentlich, können Bücher doch über Jahrhunderte Bestand haben und zeigt sich zudem auch erst im Laufe der Zeit, welche Bücher „überleben“ und welche „vergessen“ werden.

Carrière und Eco sinnieren unter anderem über diese Frage. Was, wenn man ein Buch erst drei Jahre nach seinem Erscheinen lese, fragen sie sich. Dann könne man zumindest dem Drang danach, Bücher sofort zu lesen, nur weil sie gerade erschienen sind und man mitreden können müsse, etwas entgegen setzen: Den Prozess des Reifens, der von den beiden analog zur Reifung von Wein angeführt wird.

Es mag überraschen, aber am vergnüglichsten lesen sich für mich in dem Gesprächsband über Bücher, in dem zwei Bibliophile, zwei Liebhaber des (alten) Buches zu Wort kommen, all jene Passagen, in denen es um „vergessene“ Bücher geht. Wissen wir eigentlich, ob die bemerkenswertesten Bücher einer Zeit überliefert wurden?

Carrière und Eco bezweifeln das. Sie weisen darauf hin, dass von den in Aristoteles’ Poetik erwähnten Dramen kein einziges überliefert sei und ein Sophokles z. B. von Aristoteles kein einziges Mal genannt wird.

Die Geschichte des Buches ist tatsächlich eine Geschichte der verlorenen Bücher. Und doch schreiben die Gesprächspartner in diesem Band dem Buch aus der Vergangenheit eine große Zukunft über unsere Gegenwart hinaus zu.

Dabei gehen die Gesprächspartner nicht blauäugig mit der Wirklichkeit digitaler Entwicklungen um, bleiben bei dieser aber nicht hängen, sondern sprechen miteinander vor allem über den Gegenstand Buch, den sie als ebenbürtig mit dem Rad betrachten: Erst einmal erfunden, können keine Verbesserung mehr erreicht werden.

Ein Buch über Bücher für Leute, die Bücher mögen oder ein wenig nostalgische Erinnerungen an das Buch pflegen wollen.

JEAN-CLAUDE CARRIÈRE, UMBERTO ECO

Die große Zukunft des Buches

übersetzt von Barbara Kleiner Erscheinungsdatum: 16.08.2010 Fester Einband, 288 Seiten Preis: 19.90 € (D) / 27.90 sFR (CH) / 20.50 € (A) ISBN 978-3-446-23577-9 Hanser Verlag

Schülerarbeiten zu Theodor Fontanes „Irrungen, Wirrungen“

Theodor Fontanes „Irrungen, Wirrungen“ wird zur Zeit im Rahmen der Vorbereitung auf das hessische Landesabitur in der Q2 (Qualifikationsphase = 11. Schuljahr im 12jährigen-Gymnasium) gelesen.

Nachdem wir im Unterricht die Arbeit am Roman beendet hatten, gab ich den Schülerinnen und Schülern den Auftrag, sich kreativ mit dem Werk auseinanderzusetzen. Einzige Bedingung war: Die Arbeit mit dem Werk sollte den Schülerinnen und Schülern Spaß machen. Außerdem gab ich eine relativ knappe Zeitvorgabe von einer Doppelstunde im Unterricht, auf die folgend eine Woche Zeit (inklusive des verlängerten Wochenendes nach Fronleichnam) blieb, um die Arbeiten fertigzustellen.

Teilweise darf ich die Ergebnisse dieses produktiven Umgangs mit Fontanes Werk hier veröffentlichen. Die Rechte der Ergebnisse liegen bei den jeweiligen Schülern und Schülerinnen. – Die Namensnennung der Schülerinnen und Schüler erfolgt nach deren Vorgaben und mit deren Einverständnis.

Vielleicht sind diese Ergebnisse eine Anregung, Schülerinnen und Schüler Freiräume für den kreativen Umgang mit im Deutschunterricht gelesenen literarischen Werken zu geben. Vielleicht sind diese Ergebnisse auch für Schüler und Schülerinnen interessant, die nach Möglichkeiten der Annäherung an einen Roman wie Fontanes „Irrungen, Wirrungen“ suchen.

Nun aber zu den mir zur Veröffentlichung von Schülern freundlicherweise zur Verfügung gestellten Arbeiten:

  • Johannes Seyfried hat ein Kreuzworträtsel erstellt, das nach der Lektüre des Romans leicht genutzt werden kann, um die eigene Textkenntnis zu überprüfen und diese sogar noch zu vertiefen.
    Die Fragen als PDF:
    1. Alliteration im ersten Kapitel
    2. Straße, in der Botho wohnt
    3. Herkunft von Lene
    4. Beschreibung von Lene durch Dörr
    6. Was steigt auf? (1. Kapitel)
    7. Affäre von Käthe
    8. Was ist das Gasthaus?
    9. Name des Bootes, welches Botho möchte
    10. Boot, welches Lene möchte
    11. “Ort, wo Einsamkeit und Schönheit wunderbar seien”
    12. 1819-1898
    13. Zeitliche Epoche
    14. “…Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräggegenüber…”
    15. Wasserdampf
    16. Ausgussrohr
    17. Dörr’sches Schloss
    18. Blume im elften Kapitel
    21. Kamerad von Botho
    22. Blumen des Beerdigungskranzes für Frau Nimptsch
    23. Beruf von Gideon
    25. Ziel der Flitterwochen
    26. Straße in der Botho und Käthe wohnen
    27. Zweiter Wohnort von Lene und Frau Nimptsch
    30. Vorname von Bothos Mutter
  • Das Kreuzworträtselgitter als PDF
    Die Lösungen als PDF
  • Cornelius Nensel und Johannes Krenzer haben sich Bothos Gedanken auf dessen Ausritt im 14. Kapitel vorgenommen und daraus ein Video gemacht. Ich empfehle, die Qualität auf HD einzustellen, insofern es die Geschwindigkeit des Internetzugangs erlaubt.

  • Zoë Lange hat sich dem Roman in der Form eines Gedichts angenähert. Der Titel greift eine zentrale Szene im zentralen Teil des Romans auf, während das Gedicht selbst den Inhalt des gesamten Romans reflektiert.

Forelle noch Hoffnung

Ein Engel ist die Lene nicht,
vielleicht eine Prinzessin.
Generell so gar nicht zimperlich;
von Realitätsnähe besessen.

„Wie gut sie schreibt!“,
sagt Botho sich.
Den Stift in der Hand,
ein Kringel, ein Strich.

Sie gibt ihm ihr Leben,
er schenkt ihr seins.
Eine hoffnungslose Forelle, unfähig
den klaffenden Spalt zu überschweben.

Sie stehen sich nahe,
sie haben sich gern.
Ihr Umgang geheim.
Schattengewächse verdecken den Kern.

Wäsche ist nicht das Einzige,
worin Lene gut ist im Plätten.
Der Baron ist von ihr hingerissen;
kann sie nicht mehr vergessen

von Zoë Lange

Kommentare dürfen gerne direkt hier beim Artikel hinterlassen werden.

Eine weitere Schülerarbeit, die zu Goethes „Faust I“ entstanden ist, gibt es hier.

Über den Bildungsauftrag der Schule und digitale Medien

Schule hat den Auftrag, junge Menschen im Rahmen ihrer Sozialisation zu bilden und zu erziehen.

Das habe nicht ich mir ausgedacht.

Das steht im für mich verbindliche Schulgesetz des Landes Hessen. –  Das erste dort genannte Ziel von Bildung ist es, die Grundrechte für sich und andere wirksam werden zu lassen.

Es geht dort um Beziehungen zu anderen Menschen, die von Achtung und Toleranz, Gerechtigkeit und Solidarität geprägt sein sollen.

Es geht um die Beförderung der Gleichberechtigung, um das Verständnis anderer Kulturen und deren Leistungen, um die Fähigkeit, das eigene Handeln auf seine Konsequenzen befragen zu können.

Erst nachdem diese Ziele deutlich formuliert worden sind – meiner Kenntnis nach unterscheiden sich die Gesetze der unterschiedlichen Länder in ihren Zielen nicht sonderlich voneinander –, wird der Auftrag der Schule konkretisiert: Wissen, Kompetenzen und auch Werthaltungen sollen vermittelt werden.

Das Sachwissen spielt eine große Rolle, wenn es um das Erreichen dieser Ziele geht; doch dieses Sachwissen muss immer mit dem Handeln in Beziehungen verbunden werden, ja, das Ergebnis des Handelns in Beziehungen sein: Achtung und Toleranz sind keine theoretischen Konstrukte, Gerechtigkeit und Solidarität sind Teil einer Grundhaltung von Menschen, die sich in konkreten Handlungsweisen zeigen.

Schlagwörter, mag mancher sagen, lauter leere Phrasen, deren ermüdende Kraft nicht unterschätzt werden darf; Achtung, Toleranz, Solidarität, Gerechtigkeit – nichts davon läuft irgendwo auf der Straße herum, das sind alles abstrakte Begriffe. – Ob und wie es gelingt diese Worthülsen mit Inhalt zu füllen, mit konkreten Handlungskompetenzen zu verbinden, ist für mich zu einem der zentralen Kriterien für die Frage nach der Qualität von Unterricht geworden.

Ob digitale Medien dabei helfen können, den Bildungs- und Erziehungsauftrag von Schulen zu erreichen? Können sie dazu beitragen, die Qualität von Unterricht zu stützen, zu fördern und wenn nötig auch zu verbessern?

Nach wie vor wird auf diese Fragen mehr mit Vorurteilen reagiert als mit sachlich reflektierten Argumenten. Die Ablehnung digitaler Skepsis gegenüber digitalen Technologien als Instrumente des Unterrichts ist oft ebenso irrational wie deren glühende Befürwortung.

Dabei wird weitgehend ausgeblendet, dass die Frage eingesetzter Technologien im Kontext des Bildungsauftrags von Schulen zu betrachten ist. – Als Lehrer bevorzuge ich selbstverständlich nach bestem Wissen und Gewissen und im Rahmen struktureller Gegebenheiten auf Dauer jene Instrumente, die das Erreichen der Ziele von Bildung und Erziehung am nachhaltigsten unterstützen.

Deshalb war es für mich naheliegend, zuerst für mich selbst herausfinden zu wollen, wie das von digitalen Strukturen gestützte Internet für mich selbst als Bildungsmedium funktioniert: Ich habe angefangen im Internet zu schreiben, Artikel zu Bildungsthemen zu lesen und zu kommentieren, die andere geschrieben haben, mich mithilfe des Instruments „Twitter“ zu vernetzen.

Das hat zu meinem großen Erstaunen eine große Dynamik entwickelt.

Hatte ich zu Beginn meiner Zeit im Internet noch mit einseitig Informationen verteilenden Websites zu tun, so befinde ich mich heute in einem kontinuierlichen Kommunikationsprozess. Der kontinuierliche Dialog – unter anderem mit sehr vielen Menschen, die professionell mit Bildungsfragen zu tun haben –, ist für mich selbst zum Lernprozess geworden. Dabei geht es zentral um Fragen der gegenseitigen Achtung, Toleranz, praktische Solidarität wird geübt und viele nutzen digitale Medien auch, um Gerechtigkeit einzufordern und zu deren Umsetzung beizutragen.

Dass elektronische Bücher die Schultaschen von Schülerinnen und Schülern erleichtern können, dass digitale Medien leichter aktuell gehalten werden können als analoge, dass Computer und Internet eine enorme Anziehungskraft für Schülerinnen und Schüler haben, sind marginale Nebeneffekte, angesichts der hochkarätig kommunikativ ausgelegten Strukturen, die digitale Medien bereithalten – auch für Schule und Unterricht.

Bereits heute halten Schüler und Schülerinnen, die sich im Rahmen internationaler Schüleraustauschprogramme kennen gelernt haben, intensiven Kontakt mittels sozialer Netzwerk. Dabei erfahren Sie ganz konkret, welchen Wert sprachliche und auch fremdsprachliche Kompetenzen haben, um überhaupt kommunizieren zu können. Auch wenn es früher die Möglichkeit für Brieffreundschaften gab, so hat diese alltägliche und sehr kontinuierliche Konfrontation mit der Notwendigkeit, über entsprechende sprachliche Kompetenzen verfügen zu müssen, wenn mit anderen Menschen Kommunikation gelingen soll, in meiner Wahrnehmung eine ganz andere Qualität.

Das von Bertolt Brecht in seiner Radiotheorie noch als anzustrebendes Ziel formulierte Ideal, dass das Radio von einem Instrument der einseitigen Verteilung von Inhalten zu einem Kommunikationsmedium werden möge, ist Wirklichkeit geworden. Das Internet hat das Potenzial, jedem und jeder Möglichkeiten der Teilnahme am Diskurs der Gesellschaft (weit über Schule hinaus!) zu ermöglichen. – Entsprechend haben digitale Medien ein enormes Potenzial, die Qualität von Unterricht zu unterstützen, weiterzuentwickeln und zu verbessern.

Dazu sind selbstverständlich Wissen und Kompetenzen nötig: zunächst bei Lehrerinnen und Lehrer, die diese dann den Schülerinnen und Schülern vermitteln. Zu diesen Kompetenzen gehört aber auch, dass Lehrerinnen und Lehrer akzeptieren, dass im Kontext digitaler Medien zumindest hin und wieder Schüler und Schülerinnen bereits kompetenter sind als sie selbst.

Auch beim Einsatz digitaler Medien kommt es, mittlerweile ist es fast schon eine Binsenweisheit, zentral auf den Lehrer oder die Lehrerin an. Bildungsprozesse sind nach wie vor personalisierte Prozesse, die von Persönlichkeit und Feedback-Kultur leben

Zugegeben, ich habe keine großen Projekte am laufen, in denen es um digitale Medien in der Schule gehen würde. Und dennoch befindet sich ein zentrales Instrument zur Verbesserung des Unterrichts in den Hosentaschen überraschend vieler meiner Schüler. Es ist nicht nur das Wissen der Welt einen Klick weit entfernt, es ist auch die Möglichkeit zur Kommunikation ständig vorhanden. Sicher: Die ständige Verfügbarkeit von Kommunikationsmöglichkeiten verlangt selbst wieder Lernprozesse, die dazu beitragen, die Möglichkeiten digitaler Vernetzung reflektiert zu nutzen – und auch den aktiven Verzicht auf diese Optionen zu erlernen.

Ging ich früher in den PC-Raum der Schule, musste ich damit rechnen, dass in dem Augenblick, in dem die Schüler Platz genommen und die Rechner eingeschaltet worden waren, auch schon die ersten Ausflüge auf nicht zum Unterricht gehörende, für die Schüler aber sehr spannend Websites losgingen. Immer wieder war es nötig, Schülerinnen und Schülern der Sonderwelt des PC-Raums zu ermahnen, den Besuch auf unterrichtsfremden Seiten doch bitte zu unterlassen.

Neben dieser Erfahrung, dass der Einsatz von PC-Räumen der Qualität von Unterricht mehr schadet als nutzt, war es für mich die Irritation darüber, dass die Gestaltung der PC-Räume an den meisten Schulen den didaktischen Grundsatz angemessener Phasenwechsel nahezu unmöglich machte, die mich fragen ließ, wo eigentlich der große Unterschied zu meinem eigenen sehr positiven Lernerfahrungen im Internet liegt.

Anders als in der Schule nutze ich digitalen Medien immer dann, wenn es mir in einem Arbeitsprozess notwendig erscheint. Manchmal muss ich nur ein Wort recherchieren, manchmal fehlt mir ein bestimmtes Sachwissen, auf das ich via Internet sehr schnell zugreifen kann

Ich begann vor ca. eineinhalb Jahren, mein eigenes digitales Endgerät (Tablet) als ein selbstverständlich im Unterricht verfügbares Instrument zu betrachten. Das führte dazu, dass nun auch Schüler und Schülerinnen die ihren verfügbaren digitalen Endgeräte zu Zwecken des Unterrichts nutzen. Die Notwendigkeit zur Ermahnung, doch bitte nur unterrichtsrelevante Websites zu besuchen, ist seitdem deutlich zurück gegangen. Digitale Medien werden vielmehr ganz selbstverständlich zum Teil des Arbeitsprozesses im Klassenraum. Dies führt immer wieder zu Metagesprächen, zur Reflexion über die Nutzung dieser Instrumente, sei es nun in Bezug auf die Seriosität aufgefundener Materialien oder auch in Bezug auf Fragen der Privatsphäre und des Datenschutzes.

Andere Lehrer und Lehrerinnen, andere Schulen gehen andere Wege. Es gibt mehr und mehr Schulen, die das System produktiv nutzen, das auch so große Projekte wie die Wikipedia ermöglicht. In diesen Fällen zum Einsatz kommende Software ermöglicht es allen Schülerinnen und Schülern, aber auch den Lehrenden, gemeinsam an Dokumenten zu arbeiten. Interaktivität wird hier also produktiv für schulische Zwecke genutzt.

Dass solche schulspezifischen Plattformen allerdings akzeptiert werden, ist meist mit großen Mühen verbunden. Sie werden oftmals wiederum als Sonderwelten im Internet wahrgenommen, so dass sie nicht mit der Anziehungskraft, die digitale Strukturen auf Schülerinnen und Schüler ausüben können, mithalten können.

Ist aber erst einmal die Versuchung überwunden, beim Einsatz digitaler Medien im schulischen Unterricht wiederum nicht zu differenzieren, sondern alle Schüler und Schülerinnen das gleiche machen zu lassen, können diese Instrumente außerordentlich fruchtbar werden.

Wenn Schüler Facharbeiten erstellen, so stelle ich ihnen mittlerweile frei, ob diese analog oder digital produziert werden. Ich bestehe zwar in der Regel darauf, dass neben digitalen ein Mindestzahl an analogen Quellen genutzt wird, doch pendelt sich das Verhältnis der eingesetzten Medien und Produktionsformen interessanterweise fast immer sehr gleichmäßig ein: etwa ein Drittel erstellt die Arbeiten rein digital, etwa ein Drittel nutzt sowohl digitale als auch analoge Darstellungsmöglichkeiten, ein letztes Drittel zieht nach wie vor analogen Medien vor. – Unmöglich, eine solche Heterogenität der Arbeitsformen und damit verbunden auch der Lernstile in einem PC-Raum oder einen Raum ohne PC methodisch und didaktisch fruchtbar werden zu lassen.

Natürlich, es gibt mittlerweile viele Beispiele, wie digitale Quellen und Darstellungsformen für den Unterricht genutzt werden können. Dabei werden diese Quellen häufig jedoch zu einem Ersatz für den Frontalunterricht, weil Ihnen ein oft rein instruktiver Charakter zugeschrieben wird.

In vielen Fällen bedeutet der Einsatz von Computern im Unterricht, dass Schülerinnen und Schüler Inhalte von Websites aufnehmen. Die kommunikativen Grundstrukturen des Web 2.0 werden dabei sehr häufig völlig ausgeblendet, auch weil sie vielen Lehrern und Lehrerinnen nach wie vor sehr fremd sind.

Die Notwendigkeit des Erwerbs von Medienkompetenz beschränkt sich nicht auf Schüler; sehr viele Lehrer und Lehrerinnen müssen sich die Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien als Kommunikationsmedien noch aneignen. Darüber hinaus entfalten digitale Medien dann ihren Charme, wenn sie genutzt werden.

Anfang April 2012 hatte ich abends eine kurze, aber intensive Diskussion mit zwei Schülern, die auf Twitter präsent sind, in der es um nichts geringeres ging als um die Philosophie Immanuel Kants. Diese Diskussion fand öffentlich statt und war öffentlich fruchtbar, erwuchs doch aus ihr die Idee, dass ein Kollege aus Köln und ich in Frankfurt am Main gemeinsam überlegen, ob und wie wir unsere Schüler und Schülerinnen miteinander in einen Kommunikationsprozess bringen können, der fachbezogen die Möglichkeiten des Netzes nutzt, um gemeinsam und dialogisch an konkreten Themen zu arbeiten und dabei gleichzeitig auch Grundformen demokratischen Miteinanders einzuüben. Das Projekt selbst noch nicht umgesetzt, zeigt aber, was mit Öffnung von Schule und Unterricht gemeint sein kann.

Nach wie vor gilt: die Qualität des Unterrichts hängt sehr stark von der Person des Lehrers ab. In Zeiten digitaler Medien und des Internets bedeutet dies auch, dass die Qualität von Unterricht, der sich digitaler Medien bedient, auch davon abhängt, welche Kompetenz der unterrichtenden Lehrer selbst hat, um mit diesen digitalen Medien souverän umgehen zu können. Die Chancen moderner Medien zur Bereicherung des Unterrichts, zur Verbesserung des Unterrichts, hängen von der Medienkompetenz der Lehrerinnen und Lehrer ab.

Da diese Kompetenz häufig noch einen großen Fortbildungsbedarf hat, bedeutet dies natürlich auch, dass Kultusminister Kultusministerinnen dringend darüber nachdenken müssen, wo sie Lehrer und Lehrerinnen einerseits zu den notwendigen Fortbildung verpflichten können, aber auch, wie sie zur Ermöglichung solcher Fortbildungen Entlastungen anbieten.

Digitale Medien können Schüler und Schülerinnen sehr schnell in kommunikative Prozesse hineinführen, die sowohl dem Erwerb von Fachwissen dienen, die aber gleichzeitig all jene Kompetenzen und Werthaltungen fördern können, die mit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag von Schule verbunden sind. Und dieser Bildungs- und Erziehungsauftrag steht im Zentrum. Die Debatte um Instrumente, die diesem Ziel dienen, ist diesem Auftrag untergeordnet und immer auch darauf hin zu befragen, ob dieser Auftrag im Blick behalten oder von Technikdebatten überlagert wird.

 

Warum ich so wenige EBooks kaufe, obwohl ich Bücher sehr mag und EBooks gern kaufen würde

Ich mag Bücher.

Kaum ein anderes Medium hat mich in meinem Leben so angeregt, wie dies Bücher getan haben. Deshalb ist es kein Zufall, dass ich im Laufe der Jahre viele Bücher angeschafft habe. Irgendwas zwischen 40 und 50 Regalmetern an Büchern steht in meiner Wohnung.

Mit diesen Büchern kann ich sehr viel machen. Ich kann diese Bücher lesen, ich kann Anstreichungen und Anmerkungen in ihnen hinterlassen, ich kann sie verleihen und sogar verschenken; ich darf diese Bücher selbstverständlich nicht als digitale Kopie ins Internet stellen. Das ist ganz klar, das ist Gesetz. Kurz: Privat darf ich eine ganze Menge mit Büchern machen und wenn ich über die Grenzen des Gesetzes hinausgehe, dann hat das rechtliche Konsequenzen.

Nun gibt es seit einigen Jahren EBooks. Doch nach wie vor – obwohl ich viele Bücher kaufe und deren digitale Form angesichts des für deren analoge Form notwendigen Platzes eine echte Erleichterung für mich darstellen könnte – schaffe ich kaum digital vorliegende Bücher an. Nach wie vor beschränke ich mich weitgehend auf digital vorliegende Werke die gemeinfrei sind, deren Copyright also abgelaufen ist, die in den allgemein verfügbaren Schatz an Kulturgütern übergegangen sind.

Sehr gerne würde ich auch aktuelle Bücher viel häufiger als E-Book kaufen. Hier stoße ich aber auf ein Problem, das mich vom Kauf abhält und das mir zum ersten Mal begegnet ist, als unterschiedliche Tageszeitungen als Applikationen für digitale Endgeräte erschienen sind. – Diese Programme habe ich mir heruntergeladen, installiert, das kostenlose Probeexemplar angeschaut – und dann wieder gelöscht.

Die ersten Programme, die Tageszeitungen herausgegeben hatten, um Leser und Leserinnen auf digitalen Endgeräten zu erreichen, verboten dem Lesenden so ziemlich alles, was er bislang mit einer Zeitung tun konnte, außer natürlich das Lesen der Zeitung selbst.

So war es (und ist es in vielen Fällen nach wie vor) beispielsweise unmöglich, einzelne Artikel für den Privatgebrauch zu archivieren. Aus einer Zeitung auf Papier kann ich – ohne irgend ein Recht zu verletzen – Artikel ausschneiden und in einem Ordner sammeln. Ja, Lehrerinnen und Lehrern ist es sogar erlaubt, einzelne Artikel für Unterrichtszwecke zu nutzen, was in den Applikationen der Tageszeitungen zunächst nicht vorgesehen war und in vielen meiner Wahrnehmung nach nach wie vor immer noch nicht ist.

Es gibt mittlerweile aber auch andere Umgangsformen mit Leserinnen und Lesern von Zeitungen. Es gibt mittlerweile Anbieter, die erlauben zum Beispiel, den Versand eines Artikels per E-Mail. Außerdem erlauben diese Anbieter das Text aus den Artikeln kopiert werden kann. Eine deutsche Wochenzeitung erlaubt es sogar die jeweilige Ausgabe in ein PDF-Format zu verwandeln, das dann archiviert werden kann. Und in diesen Fällen kann ich mir einen Artikel sogar ausdrucken! – Beschämend für die Zeitungsverlage, wenn diese Möglichkeit als nur in ein paar digitalen Ausgaben vorhanden überhaupt genannt werden muss.

Es sind genau diese Zeitungen – zum Glück handelt es sich um welche, die zu meiner persönlichen Zeitungsleserlandschaft gehören –, die ich heute mit dem iPad kaufe und mehr oder weniger regelmäßig lese. Insgesamt fällt mir auf, dass ich sogar häufiger als früher ein Exemplar dieser Zeitungen kaufen, denn hatte ich früher den Eindruck, ich würde an einem langen Arbeitstag sowieso nicht zum Lesen kommen, dann kaufte ich mir keine Zeitung. Heute ist es so, dass ich mir dann, wenn der Tag doch weniger anstrengend zu werden scheint, als sich das gedacht hatte, die Zeitung über mein digitales Endgerät doch noch anschaffen.

Die Zeitungen, die mir als Leser offensichtlich misstrauisch begegnen, die meinen, jeder Leser sei ein potentieller Copyrightverletzer, selbst dann, wenn er sich nur wünscht, einen Artikel vielleicht zumindest mal ausgedruckt archivieren zu können, machen mit mir entsprechend keinen Umsatz mehr.

Ähnliches gilt für EBooks. Die meisten heute auf dem Markt befindlichen elektronischen Bücher sind mit einer Technik des digitalen Rechtemanagements ausgestattet. Das bedeutet, dass in einigen Fällen die Möglichkeit des Lesens dieser Bücher auf einzelne Geräte einzelner Anbieter beschränkt ist.

EBooks, die mit dem digitalen Rechtemanagement der Firma Adobe ausgestattet sind, können zwar auf unterschiedlichen Geräten gelesen werden, nehmen mir als Leser aber dennoch viele der Möglichkeiten im Umgang mit einem Buch, die ich bislang gewohnt bin. – Nein, es ist natürlich nicht möglich, sich gegebenenfalls selbst eine analoge Privat-Kopie des Buches auszudrucken. Wo kämen wir denn da hin… ;-)

Das Problem mit dem Verleihen der Bücher scheint sich mittlerweile als lösbar zu erweisen. Auch der Export von Notizen, die von mir selbst beim Lesen angefertigt wurden, scheint nicht mehr das große Problem zu sein.

Das digitale Rechtemanagement aber verhindert, dass ich überhaupt ein Buch kaufen kann. Ich erwerbe für in der Regel nahezu ähnliche Preise, wie sie für das analoge Buch verlangt werden, nur noch eine Lese-Lizenz.

Sollte irgendwann das verwendete digitale Rechtemanagement nicht mehr unterstützt werden oder sollte ein Anbieter dieser EBooks zu dem Schluss kommen, dass ein Buch gelöscht werden müsse, dann ist es nicht mehr weit zum Totalverlust der einmal erworbenen Lese-Lizenz.

Ich merke, dass ich kaum EBooks kaufe, weil völlig ungeklärt ist, wie es mit dem Recht des nicht unangemessen eingeschränkten privaten Umgangs mit diesen EBooks aussieht.

Ich denke hier nicht an Formen des Umgangs mit diesen EBooks, die außerhalb des schon heute für Bücher geltenden rechtlichen Rahmens liegen, auch wenn dieser sich auf analoge Druckerzeugnisse beziehende rechtliche Rahmen an die Realitäten digitaler Bereitstellung solcher Werke dringend angepasst werden müsste.

Aktuell gibt es eine intensive, netzpolitisch orientierte Auseinandersetzung im Zusammenhang mit der Frage, wie mit Leistungen kreativer Menschen im digitalen Kontext so umgegangen werden kann, dass die damit verbundenen rechtlichen Rahmenbedingungen auf einem weitgehenden gesellschaftlichen Konsens beruhen. – Es spricht momentan viel dafür, dass bis zu einem solchen Konsens eine Art „Kulturkampf“ im Kontext der Übergangsgesellschaft vom Analogen zum Digitalen längst in vollem Gange ist.

Ja, ich würde EBooks kaufen, wenn sichergestellt wäre, dass sie in einem Format vorliegen, welches mir deren dauerhafte, im privaten Bereich nicht technisch bevormundete Nutzung sichert.

Wie sichergestellt werden kann, dass ich, als zahlender, Künstler gerne unterstützender Mensch, diese Möglichkeit bekomme und gleichzeitig überprüfbar (falls man es nicht mit Vertrauen probieren will) bleibt, ob über den Rahmen des privaten Gebrauchs hinaus der Text verbreitet wird, wäre genau die Form von Innovation, die ich von entsprechenden Rechteverwertern erwarte.

Doch stattdessen entsteht bei mir mehr und mehr der Eindruck, dass die Verlage so weit weg von der digitalen Realität sind, dass eine solche Innovation außerhalb ihres Know-hows liegt.

Der Umgang der Zeitungsverlage mit mir als Leser hat mir gezeigt, unter welchen Umständen ich gerne bereit bin, für die digitalen Ausgaben der Zeitungen dieser Verlage zu bezahlen.

Buchverlage hingegen – genau genommen die gesamte deutsche Buchbranche – lassen bislang nicht erkennen, dass sie einmal bereit sein könnten, den Leserinnen und Lesern von EBooks die gleichen Möglichkeiten des privaten Umgangs mit den einmal gekauften Werken zu ermöglichen, wie diese es aus der analogen Welt des Buches kennen und seit Jahrhunderten gewohnt sind.