Gedichtinterpretation: Joseph von Eichendorff, Die zwei Gesellen (1818)

Joseph von Eichendorff

Die zwei Gesellen (1818)

Es zogen zwei rüstge Gesellen
Zum erstenmal von Haus,
So jubelnd recht in die hellen,
Klingenden, singenden Wellen
Des vollen Frühlings hinaus.

Die strebten nach hohen Dingen,
Die wollten, trotz Lust und Schmerz,
Was Rechts in der Welt vollbringen,
Und wem sie vorübergingen,
Dem lachten Sinn und Herz. –

Der erste, der fand ein Liebchen,
Die Schwieger kauft’ Hof und Haus;
Der wiegte gar bald ein Bübchen,
Und sah aus heimlichem Stübchen
Behaglich ins Feld hinaus.

Dem zweiten sangen und logen
Die tausend Stimmen im Grund,
Verlockend’ Sirenen, und zogen
Ihn in der buhlenden Wogen
Farbig klingenden Schlund.

Und wie er auftaucht’ vom Schlunde,
Da war er müde und alt,
Sein Schifflein das lag im Grunde,
So still war’s rings in die Runde,
Und über die Wasser weht’s kalt.

Es singen und klingen die Wellen
Des Frühlings wohl über mir;
Und seh ich so kecke Gesellen,
Die Tränen im Auge mir schwellen –
Ach Gott, führ uns liebreich zu dir!

Los geht’s

Diese Interpretation hat nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Annäherung an Eichendorffs Gedicht »Die zwei Gesellen«. Hier lege ich nicht mehr und nicht weniger als eine Art »Protokoll« meines Lesens solcher Gedichte vor. Dahinter steht die Überzeugung, dass Gedichte diesseits von literaturwissenschaftlichen Herangehensweisen für Leser gedacht sind, die sich vom Gedicht einladen lassen, es genau zu lesen. Genaues Lesen aber bedeutet für mich, dass ich mit dem Gedicht ins Gespräch komme und es auf diesem Wege wirklich (für mich wirksam) lese.

Gedichte beginnen mit dem Titel (wenn es einen gibt)

So banal es ist, so oft wird es übergangen: Wenn Gedichte einen Titel haben, dann gehört dieser Titel zum Gedicht, dann beginnt das Gedicht mit dieser Überschrift und nicht etwa mit der ersten Strophe. Das gilt dann natürlich auch für Joseph von Eichendorffs »Die zwei Gesellen«.

Klar, ich könnte das Erscheinungsjahr 1818 in den Blick nehmen, mich fragen, in welchem Zusammenhang das Gedicht mit den Folgen des Wiener Kongress steht, falls es einen solchen gibt. Aber mehr als die zeithistorischen Hintergründe spricht das Bild zu mir, das die Überschrift anbietet: Es ist ein Bild das doppelt verstanden werden kann. Zum einen nennen wir Handwerker am Ende ihrer ersten Ausbildung »Gesellen«. Zum andern kann das Wort umgangssprachlich auch für Personen genommen werden, die einfach nur etwas zusammen tun.

Ich weiß, dass Eichendorff das Gedicht zunächst unter dem Titel »Frühlingsfahrt« veröffentlicht hatte. Später erhielt es dann den heute verbreiteten Titel. Und das, obwohl Robert Schuhmann es unter dem Titel »Frühlingsfahrt« vertont hat, sodass dieser Name eigentlich recht populär gesetzt war. Vielleicht hat sich »Die zwei Gesellen« aber durchgesetzt, weil es der passendere Titel ist?!

Zwei Gesellen: Das können also zwei Handwerker sein oder zwei gemeinsam Reisende ohne beruflichen Hintergrund. Aber warum zwei Gesellen, warum nicht drei oder fünfzehn? Auf diese Frage will ich von dem Gedicht eine Antwort. Steht dahinter so etwas wie »die zwei Seiten einer Medaille« oder werden die Möglichkeiten der Lebensgestaltung dualistisch gedacht? Bei dieser Konkretisierung mit der Zahl Zwei, das Gedicht könnte ja auch »Die Gesellen« heißen, kommt mir zudem alles in den Sinn, was »schwarz-weiß« gedacht wird, ohne dass ein Dazwischen oder ein Darüber hinaus in Betracht gezogen würde. – Nun, wir werden sehen.

1. Strophe: Frühlingsgefühle

Die erste Strophe löst die Frage nicht auf, ob es sich um Handwerksgesellen handelt oder um Gesellen im umgangssprachlichen Sinne.

Es wird erzählt, dass »zwei rüst’ge Gesellen« (V1) erstmals das (Eltern)Haus verlassen. Die Zeichen stehen auf Aufbruch. Körperlich ist man »rüstig«, heute würde man an dieser Stelle wohl »fit« sagen. Die Stimmung ist gut, sehr gut sogar, denn der Weg wird »jubelnd« (V3) angetreten, was auch an den äußeren Bedingungen liegen mag: Es ist Frühling. Es ist die Zeit, in der alles blüht und sprießt und wächst und aufbricht. Die Vögel singen, die Tage werden länger. Alles ist hell. Und siehe da, Eichendorff verwendet dann auch tatsächlich helle Vokale, wenn er von den »hellen, / Klingenden, singenden Wellen« (V4) spricht. Alles ist gut.

Das Leben scheint es gut mit den zwei Gesellen zu meinen. Wie anders klänge das Gedicht, müssten diese Gesellen im November aufbrechen oder im schwülen Hochsommer, mit seiner Hitze und den regelmäßigen Gewittern.

Oh nein, es ist kein Zufall, dass Eichendorff die Gesellen im Frühling aufbrechen lässt. Sie sind jung, sind voller Tatendrang und brechen in der heiteren Jahreszeit auf. Sie sind im Frühling ihres Lebens, mehr als je zuvor, als sie sich an die Regeln des Elternhauses zu halten hatten, ihre Ausbildung bekamen und ständig von anderen hörten, was sie tun und lassen sollten.

Ich sehe Schüler vor mir, die ihr Abitur gerade gemacht haben. Wie oft höre ich da, dass man nach dem Abitur und vor der Ausbildung oder dem Studium erst noch einmal reisen wolle. Das ist nicht nur Fernweh, sagt Eichendorff, dass ist ein existentieller Aufbruch, »zum erstenmal von Haus« (V2).

2. Strophe: Hoch hinaus

Entsprechend idealistisch sind diese Wanderer dann auch unterwegs. Sie wollen etwas! Sie haben großartige Vorstellungen von ihrem Leben und was sie mit / in ihm alles anstellen können. Sie »streben nach hohen Dingen« (V6) und wer ihnen auch begegnet wird von ihrer Begeisterung und Begeisterungsfähigkeit mitgerissen. Die zwei Gesellen strahlen positiv auf ihre Umwelt aus, denn »wem sie vorübergingen, / Dem lachten Sinn und Herz.« (V10) Dann aber, am Ende des zehnten Verses ein Gedankenstrich, wie ein Zäsur, ein (Zeit?)Sprung, ein Schnitt.

3. Strophe: Gemütlich

Und tatsächlich: Ab der dritten Strophe trennen sich die Wege der beiden. Der erste beendet die Reise und lässt sich häuslich nieder: Er heiratet, die Schwiegereltern sorgen dafür, dass das junge Paar ein eigenes Haus hat; ein Kind wird geboren. Es ist 1818 nicht unbedeutend, dass es ein »Bübchen« (V13) ist, denn damit ist der »Stammhalter« geboren. Es ist aus der Sicht der Zeit alles in Ordnung, es läuft alles perfekt. Die Wohnung ist heimelig eingerichtet. Oder lese ich das »Und sah aus heimlichem Stübchen / Behaglich ins Feld hinaus« als ambivalente, doppeldeutige Aussage?

»Heimlich« steht natürlich für so etwas wie »gemütlich«, was vom »behaglich« in V15 auch noch unterstützt wird. Aber der Blick vom Fenster über das Feld, das ist auch der Blick des Romantikers, der (heimliche?) Blick der Sehnsucht, vielleicht auch der Erinnerung an jene Tage, die in den Strophen eins und zwei besungen werden. Ob dieser erste Geselle glücklich ist? Äußerlich wirkt das so, doch in der Bilderwelt der Romantik steht dieser Blick aus dem Fenster auch für die Sehnsucht nach etwas anderem, nach Aufbruch und Bewegung. Vielleicht ist der erste Geselle ganz so glücklich dann doch nicht, obwohl alles gut läuft.

Wie dieser Geselle einst »Zum ersten Mal von Haus« (V2), also von Zuhause wegging, so ist er nun der Besitzer des Zuhauses, in dem ein Kind aufwächst, das einmal genau wie sein Vater aufbrechen wird. Hier wird schon der Kreislauf des immer Gleichen angedeutet. Ob es Eichendorff darum geht?

4. Strophe: Sirenengesänge

Bevor diese Frage beantwortet werden kann, muss geklärt werden, was eigentlich mit dem zweiten Gesellen passiert.

Die eingerückten Strophen 4 und 5 sind ihm gewidmet. Er bekommt doppelt soviel Platz wie der erste Geselle; ob da also jemand diese Energie des Aufbruchs bewahren konnte und wirklich »Was Rechts in der Welt« (V7) vollbracht hat? Man könnte es meinen, wenn Eichendorff die vierte Strophe mit »Dem zweiten sangen« beginnt. Hier wird das helle, klingende aus Strophe 1 wieder aufgegriffen – und sofort dekonstruiert, indem ein »und logen« hinzugefügt wird. Aber das merkt dieser zweite Geselle gar nicht, denn er lässt sich von den »Sirenen« (V18) verlocken, jenen mythischen Gestalten, die vorbeifahrende Schiffer mit ihrem Gesang anlockten, um sie dann zu töten. Dem zweiten Gesellen scheint dies alles farbig klingend, aber wenn die Verlockungen auch mehrere Sinne ansprechen – hier wird das Stilmittel der Synästhesie passend verwendet –, wenn die Verlockungen des anscheinend ungebundenen, freien Lebens auch wunderbar zu sein scheinen: Sie führen doch in den »farbig klingenden Schlund«, in den Untergang, in die Erkenntnis, dass das Leben so nicht weiter gehen kann.

5. Strophe: Wrack

Genau dies passiert dem zweiten Gesellen. Dafür braucht es dann eine zweite Strophe, denn irgendwann ist das Leben, das der zweite Geselle wohl in vollen Zügen genossen hat, vorbei. Es war ein anstrengender Weg, den er gewählt hat, denn am Ende ist er »müde und alt« (V22), sein »Schifflein«, womit wohl der Körper gemeint ist »lag am Grunde« (V23).

Interessant ist hier, dass das anfängliche Motiv des Wanderns in den Strophen 4 und 5 durch das Motiv der Seefahrt ersetzt wird. Da geht eine Reise viel weiter, als ursprünglich beim Aufbruch zu Fuß gedacht war. Und deshalb wechselt die Bildebene des Gedichts von der Wanderschaft zur Bildebene der Schiffsreise.

Während also der erste Geselle »aus heimlichem Stübchen / Behaglich ins Feld hinaus« sieht (V14f) und seine Sehnsucht nicht wirklich als erfüllt betrachtet, kommt auch der zweite Geselle, der das Leben voll auskostet, nirgends wirklich an. Am Ende ist es »still« (V24) »Und über die Wasser weht’s kalt« (V25).

Strophe 6: Keine Hoffnung oder Gott

Und jetzt? In der letzten Strophe des Gedichts wechselt die Zeit vom Präteritum ins Präsens. Es werden die Motive der ersten Strophe wieder aufgenommen. Zwei Rahmenstrophen, die sich aber an einem Punkt deutlich unterscheiden: In Strophe 6 tritt zum ersten Mal das lyrische Ich auf.

Dieses lyrische Ich sieht im Frühling wiederum Gesellen aufbrechen, die dieses Mal aber nicht »rüstig«, sondern »keck« (V28), also irgendwie unbekümmert und vielleicht auch ein wenig frech sind.

Während die körperliche Verfassung in der ersten Strophe im Zentrum steht, steht für das lyrische Ich in der sechsten Strophe eher die Geisteshaltung im Mittelpunkt.

Dem lyrischen Ich treibt diese die Tränen in die Augen (V29).

Offensichtlich handelt es sich bei diesem lyrischen Ich um jemanden, der das Leben genau beobachtet und im Rückblick, von daher das Präteritum in den Strophen 1-5, zu dem Schluss kommt, dass es diese zwei im Gedicht gezeigten Wege gibt, für die sich Menschen immer wieder entscheiden, so sie sich denn überhaupt entscheiden können.

Und sollte es auch mehr Möglichkeiten geben: Gibt es einen Weg, der wirklich dahin führt, dass die Menschen einen Ort erreichen, an dem sie zu echter Ruhe kommen, an dem sie weder den Blick über das Feld werfen, im romantischen Sinne also eine unerfüllte Sehnsucht in sich tragen, noch dem Drang des unermüdlichen Unterwegsseins nachgeben müssen, bis am Ende nur noch Stille und Kälte (Einsamkeit?) herrschen?

An dieser Stelle, am Ende von Vers 29, taucht zum zweiten Mal in diesem Gedicht ein Gedankenstrich auf. Dieser Gedankenstrich setzt einen Strich unter das Leben in dieser Welt und leitet zu der Antwort des lyrischen Ichs über, die mit der Interjektion »Ach« (V30) beginnt.

Dieser Ausruf »ach« ist sowohl ein Ausdruck der Verwunderung als auch des (seelischen) Schmerzes. Es ist die Verwunderung des lyrischen Ichs, dass das Leben anscheinend zu keinem Ziel führt, sodass das Leben insgesamt als unbefriedigend, je nach Lebensgestaltung und Schicksal auch auch als schmerzhaft empfunden wird.

Diese Verwunderung, dieser Schmerz öffnet dem lyrischen Ich den Weg in die Religion, zu Gott. »Ach Gott, führ uns liebreich zu dir!« (V30) steht entsprechend als letzter Vers dieses Gedichtes.

Noch einmal wird ein Perspektivenwechsel vorgenommen: Während die zwei Gesellen im Gedicht zunächst hochgradig aktiv sind, um »Was Rechts in der Welt [zu] vollbringen« (V8), bleibt für das lyrische Ich als Antwort nur die Passivität, das Hoffen, dass eine dritte Instanz, die nicht von dieser Welt ist, dass Gott ihn zu sich führe, wobei Gott hier für eine Vollkommenheit und Erfülltheit stehen dürfte, die das lyrische Ich in der Welt nicht erkennen und nicht finden kann.

Das war’s. Oder: Was jetzt noch möglich ist

Nun könnte man weitermachen, als ob die Interpretation nicht schon lang genug wäre, indem man den zeithistorischen Kontext aufgreift, die letztlich im Wiener Kongress vorläufig ad acta gelegte Französische Revolution und Napoleon als Folge von dieser in den Blick nimmt und fragt, ob es in diesem Gedicht auch um den Aufbruch der Revolutionäre geht, die entweder im Schlund des nicht enden wollenden Aufbruchs versunken oder am Ende friedlich als passive Bürger zuhause alt geworden sind.

Man könnte den letzten Vers aufgreifen und ihn in den Kontext des 19. Jahrhunderts stellen, in dem mit Feuerbach, Marx und Nietzsche später deutliche Kritik an der Religion laut wurde. Hat das lyrische Ich zu früh seine Schlüsse gezogen? Kann es sein, dass die Erfüllung sowohl beim ersten als auch beim zweiten Gesellen so weit es möglich ist erreicht wurde? Hier könnte man Sartres Existentialismus mit ins Gespräch bringen, der dem Menschen als ins Nichts geworfenes Wesen die Entscheidung über die Gestaltung und damit über das Gelingen und Scheitern seines Lebens selbst aufbürdet und Gott ad acta legt.

Kurz: Neben dem genauen Lesen, das ich hier im engen »Gespräch« mit dem Gedicht praktiziert habe, kann man nun alles, was zu diesem Gedicht passt – und daraufhin ist es jeweils zu überprüfen: Ob es wirklich passt – nehmen und mit dem Gedicht ins Gespräch bringen.

Gedichte sind Gesprächsangebote, sie fordern die Aktivität des Lesers. Und so gewinnen Gedichte für mich eine Tiefe und eine Relevanz, die ich in Romanen in dieser Form kaum je einmal finde. Romane kann man »konsumieren«, Gedichte hingegen muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, um auch nur einen Teil der Nuancen »schmecken« zu können, die – zumindest in guten Gedichten – sich im Leser entfalten wollen.

Vom Interpretieren literarischer Texte

Beim Interpretieren literarischer Texte steht die Vermittlung des individuellen Leseeindrucks im Zentrum.

Das, was ich beim Lesen entdecke, soll anderen transparent werden.

Es geht nicht zuerst darum, was der Autor sagen wollte; das ist eine nachgelagerten Frage, die literaturwissenschaftlich interessant sein mag, aber beim literarischen Lesen den Fokus verschiebt.

Wenn ich lese, dann geht es um niemanden anderen als um mich als Leser.

Für nichts, was ich als Leser mit einem Text erlebe, muss ich mich irgendwo rechtfertigen. Sogar die Erfahrung, einem Text die Rezeption zu verweigern, muss ich als Leser nicht rechtfertigen. Ich darf natürlich auch nicht lesen. – Es ist allerdings ein Unterschied, ob ein Leser nicht liest oder jemand so grundsätzlich nicht liest, dass er oder sie nicht als Leser oder Leserin bezeichnet werden kann.

Zurück aber zu dem, was es mit der Interpretation eines Textes auf sich hat.

Natürlich bin ich diesem Thema auch in meiner Rolle als Lehrer begegnet: Immer dann, wenn ich Schülerinnen und Schülern nahezulegen versuche, die je eigenen Leseeindrücke als Zugang zu einem Text zu nutzen.

Es ist fast in jeder Klasse das gleiche Phänomen: Frage ich, was beim Lesen der erste Zugang zum Text sei, bekomme ich in unterschiedlicher Reihenfolge doch immer die gleichen Antworten.

  • Man müsse zunächst den Text verstehen.

Damit ist oft nicht gemeint, dass der Text in schwieriger Sprache verfasst ist, gemeint ist wirklich nur das rein inhaltliche Verstehen. Das ist zwar wichtig, aber einen Eindruck von einem Text kann ich schon haben, wenn ich den Text noch nicht »verstanden« habe.

  • Man müsse den Text vor einem Epochenhintergrund sehen und ihn vor diesem zu verstehen versuchen.

Dagegen habe ich, das gilt übrigens für jede hier genannte Antwort, gar nichts einzuwenden. Aber sorry, wenn ich lese, dann passiert etwas zwischen dem Text und mir. Hier. Heute. In der Gegenwart. Die Epoche, aus der ein literarischer Text stammt, ist mir als Leser beim Lesen bis auf Weiteres egal. – Ich halte es entsprechend für keinen Zufall, dass eines meiner Lieblingswerke, Goethes Faust, sich ebenso jeder klaren Epochenzuweisung entzieht, wie das auch bei Shakespeare, Dante, Kleist, Kafka und anderen Giganten der Literatur der Fall ist.

Die ganz große Literatur ist kein Epochenphänomen, sondern entfaltet sich in ihrem Reichtum erst in den Erfahrungen, die Leser unterschiedlichster Epochen mit diesen Werken machen. Entsprechend emanzipieren sich solche Werke auch von ihren Autoren, sodass die Frage, was die Autoren mit Ihnen wollten, wirklich nur noch literaturhistorischer Natur ist. – Mich als Leser interessiert sie nicht. (Als Literaturwissenschaftler hingegen finde ich die Frage durchaus interessant, aber hier geht es um den Leser, der Literatur als Gegenstand persönlicher Begegnung mit dem Werk betrachtet.)

  • Man müsse den Text analysieren, um einen Zugang zu bekommen.

Vor allem, wenn ich mit Schülern und Schülerinnen Gedichte lese, bekomme ich diese Antwort. Vielleicht fällt die Beschäftigung mit Gedichten vielen Schülerinnen und vor allem Schülern deshalb so schwer, weil man die Gedichte gleich verstehen will, statt sie erst einmal auf sich wirken zu lassen und darauf zu achten, was zwischen dem Gedicht und mir als Leser so passiert, zunächst völlig unabhängig von irgendeinem »Veratehen« des Gedichts. Erst, wenn ich mich auf die Suche nach den Gründen mache, was das, was ich mit einem Gedicht (nicht) erlebe, verursachen könnte, kann eine formale Analyse sinnvoll sein. Aber erst dann und wirklich in Bezug auf den Inhalt.

Formale Analysen mögen zeigen, dass jemand Stilmittel zu erkennen gelernt hat, aber zum Veratehen eines Texte tragen sie nur etwas bei, wenn sie auf den Inhalt bezogen werden und möglicherweise Schichten des Verstehens freilegen, die der erste Leseeindruck nicht wahrgenommen hat, die den Leseeindruck vertiefen oder völlig verändern. – So ernst ich den ersten Leseeindruck auch nehme, so bedeutet das nicht, dass dieser sich bei der Beschäftigung mit einem literarischen Text nicht noch verändern kann. Es ist sogar möglich, dass ein erster Leseeindruck bei genauerem Hinsehen an einem literarischen Text nicht belegt werden kann, entsprechend falsch war und korrigiert werden muss.

Es ist eine Herausforderung, Schülern, Schülerinnen und auch anderen Lesenden, die sich interpretierend mit Texten befassen, nahezubringen, dass sie nicht gleich mit den oben skizzierten Antworten an einen Text herangehen, sondern zunächst wirklich darauf zu achten, was zwischen ihnen als individuell Lesenden und einem literarischen Text passiert. Einen Text schriftlich zu interpretieren ist dann nichts anderes, als den eigenen Leseeindruck für andere zugänglich, verständlich, nachvollziehbar zu machen, indem ich ihn verschriftliche.

Dabei überprüfe ich meinen Leseeindruck auch, den ich zu diesem Zwecke in eine Interpretationshypothese gefasst habe, um am Ende mein Leseverständnis nachvollziehbar dargelegt zu haben, um es für mich selbst und gegebenenfalls andere vertieft oder vielleicht auch verworfen zu haben, um zu einem anderen Verstehen des Textes zu gelangen.

Aber auch hier gilt: Wenn nicht literaturwissenschftliche Perspektiven andere Zugangsweisen fordern, fahre ich in der interpretierenden (schriftlichen) Auseinandersetzung mit einem Text immer gut, wenn ich meinen individuellen Leseeindruck solange wie möglich ernst nehme und diesen transparent zu machen versuche. In den meisten Fällen führt dieser Zugang zum Text weiter, als nach Intentionen von Autoren oder epochetypischen Anliegen von Literatur zu fragen. Und für Leser solcher Interpretationen führt dieser Zugang oft auch zu interessanteren Texten.

Die Bedeutung von Literatur liegt unter anderem in den unterschiedlichen Formen ihrer Wahrnehmung durch einzelne Lesende in Epochen und über Epochen hinweg. Vor diesem Hintergrund ist dann meine schriftliche Auseinandersetzung mit einem literarischen Text, die von meinem Leseeindruck ausgeht, für die Bedeutung eines Textes relevant. So übersteigt die schriftliche Fassung meines Leseeindrucks dann mich als Individuum und geht in den Fluss des Verstehens eines Textes über Raum und Zeit hinweg mit ein. Und das ist ja auch keine schlechte Perspektive.

So ein schlechter Roman. Zu Dave Eggers „Der Circle“ („The Circle“)

Ich bin durch. Endlich. Es war anstrengend. Ich habe mich geärgert. Ich war entsetzt über diese sprachliche Glätte, auf der die Figuren nicht nur ohne Tiefgang bleiben, sondern ausrutschen und zu schemenhaften Klischees statt zu ernstzunehmenden Charakteren werden.

Das scheint nicht allen so zu gehen: Die FAZ schreibt unter anderem, Dave Eggers habe mit „Der Circle“ „den Roman unserer Zeit geschrieben“. Und Andreas Platthaus nennt es – ebenfalls in der FAZ – „das wichtigste Buch des kommenden Bücherherbstes“. Iris Radisch empfiehlt das Buch seltsamerweise auf ZeitOnline, trotz anfänglicher Relativierungen in Bezug auf dessen Qualtität.

Und dann das.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen, weil es da schon seit letztem Herbst vorliegt. In Deutschland erscheint es am 14. August. Da war doch eigentlich genug Zeit für die Kritiker, sich mit dem Werk zu befassen. Da war doch eigentlich genug Zeit, um sich als Kritiker so kundig zu machen, dass man hätte merken können, dass Dave Eggers Horror-Roman digitaler Zukunftsphantasien zwar wunderbar mit Ängsten und Klischees zu spielen, aber mehr nicht zu leisten vermag.

Worum geht es: Mae Holland bekommt eine Stelle bei „Der Circle“ und wird zu einer zentralen Figur beim Vorantreiben einer Ideologie der Transparenz und Offenheit, die sich jeglicher Privatsphäre verweigert. Obwohl sie selbst will, dass ein Video (Sex), das ein anderer Mitarbeiter bei „The Circle“ aufgezeichnet hat, gelöscht werde (was es nicht wird), obwohl sie selbst entsetzt ist, als ihr dauernd auf Sendung stehendes Aufnahmegerät ihre eigenen Eltern in einer „etwas“ verfänglichen Situation ertappt, wird Mae als völlig im System gefangene Figur dargestellt, in einem System, das Dave Eggers ein paar Jahre zu spät vorführt, um angesichts der aktuellen Entwicklung rund um die NSA noch ernst genommen werden zu können.

Und dennoch: Dieser Roman wird sich auch durch nunmehr immerhin doch in Kritikerkreisen auftauchende Anmerkungen über die mangelnde Qualität des Romans nicht aufhalten lassen. Er wird sich super verkaufen, Menschen werden das dicke Werklein verschlingen, denn sie finden ihre eigenen  Ängste in diesem Roman wunderbar bedient. An keiner Stelle werden die Ängste und deren Rationalität hinterfragt, an keiner Stelle verweigert der Roman die Identifikation der klischeehaften Ängste vieler Leser mit der Wirklichkeit des Romans.

Da werden die gläsernen Bürobauten mit Wellness-Bereichen, Bio-Mittagstisch und anscheinend flachen Hierarchien dargestellt. Es wird dieser Umgangston reproduziert, der alles toll findet, der betont, wie wichtig eine Person für einen sei, der aber eigentlich höchst autoritär ist und alles an sich abperlen lässt, was nicht in das Glitzerweltbild der schönen neuen Internetwelt passt.

Nein, Dave Eggers „Der Circle“ ist eine Zumutung. Und seine Rezeption in der deutschen Literaturkritik ist für mich weitgehend überhaupt nicht nachvollziehbar. Das Problem liegt darin, dass man sich an vielen Stellen in der Literaturkritik nur noch an Themen orientiert und dabei anscheinend vergisst, dass ein guter Plot nur ein Teil der Voraussetzungen für ein gutes Buch ist. Dazu kommen dann noch all die Aspekte, die einen Roman zu einem Kunstwerk machen und ihn von Sachtexten und journalistischen Texten unterscheiden. Und dazu gehört mehr, als völlig undialektisch einige Tendenzen in der jungen Internetindustrie ins Megalomanische zu projizieren und so zu tun, als ob dieser Industrie ein Automatismus innewohne, der als Begründung für die erzählte Geschichte ausreiche.

Nein, als Dave Eggers den Roman schrieb, wusste er noch nichts von Edward Snwoden und den Ungeheuerlichkeiten, die Staaten in Sachen digitaler Überwachung tun. Man hätte zwar spätestens seit Echelon ahnen können, was Sache ist, aber ok. Obwohl: Ein Autor, der sich mit diesem Themengebiet befasst und dann auch noch an den Punkt kommt, dass die Demokratie sich voll und ganz in die Hände eines über die Identitäten aller Einwohner eines Landes verfügen wollenden Privatunternehmens begibt, muss intellektuell die zweite Seite der Überwachung irgendwie mit anklingen lassen, die vom Staat ausgeht. Aber Politik wird von Eggers als Marionette dargestellt, verbunden mit Verschwörungstheorien: Sagt ein Politiker etwas gegen einen einflussreichen Internet-Konzern, kommt kurz danach irgend etwas aufs Tapet, dass diesen Politiker ausschaltet, zum Rücktritt zwingt. So einfach ist das – in Eggers Welt, die sich mit der vieler seiner Leser und Leserinnen decken dürfte.

Einer der vielen Tiefpunkte dieses Romans ist die melodramatische Verfolgung eines Menschen, der sich der digitalisierten Allgegenwärtigkeit eines jeden Menschen verweigert. Was die Perversion des Systems zeigen soll, wird zu einer slapstickartigen Darstellung der Macht sozialer Netzwerke, die (natürlich) Menschen, die sich diesen Netzwerken verweigern, so auf die Pelle rücken, dass da auch mal einer stirbt. Das geht dann zwar allen nahe und man bedauert das sehr, aber klüger, nein klüger werden die Figuren in dem Roman nicht. Das wäre nicht schlimm, wenn wenigstens der Leser klüger aus diesen Seiten voller Nichts wieder auftauchen könnte. Aber das verhindert Eggers erfolgreich… – um mal eine positive Formulierung zu verwenden.

Nein, Eggers macht es sich mit seiner These zu einfach. Es gibt keinen Automatismus, der gegenwärtige Entwicklungen direkt in größenwahnsinnige gesellschaftliche Perversionen sozialer Netz treibt. Das heißt nicht, dass es diese Gefahr nicht gäbe, aber so leicht, wie es sich Eggers macht, geht es nicht. Das ist Schwarz-Weiß, obwohl die Welt, in der die Geschichte spielt. in Farbe und HD daher kommt.

Das Schlimmste aber, um beim Thema des Romans zu bleiben: Eggers macht nichts sichtbar, was man nicht schon ohne seinen Roman wüsste.

Er blendet, indem er einem sich freundlich gebenden Unternehmen – manche sagen, es sei an Google angelehnt, womit das simple Feindbild des Romans dann auch schon genannt ist –  größenwahnsinnige Allmachtsphantasien zuschreibt und dabei die ebenso größenwahnsinnigen Allmachtsphantasien von Staaten und vor allem derer Geheimdienste vollkommen ausblendet. Dass das so nicht sein muss, zeigt Tom Hillenbrand in seinem Roman „Drohnenland“, der auch vor dem Bekanntwerden der Snowden-Dokumente geschrieben wurde und der die Gefahr totaler Überwachung durch den Staat und diesem helfenden Privatunternehmen sieht und in einem starken Kriminalroman darstellt, in dem nicht nur der Plot stimmt, sondern in dem auch dessen Umsetzung überzeugen kann.

Und dennoch habe ich „The Circle“ bis zum bitteren Ende gelesen. Denn wenn in vielen Presseorganen ein solches Buch so gepusht wird, wie es geschehen ist, dann muss da doch irgendwas sein…?! – Es ist da nichts. Es stellt sich sogar die Frage nach den Mechanismen der Literaturkritik, denen es offensichtlich nur teilweise gelingt, gegen Marketing-Versprechen ein literarisch orientiertes Lesen zu stellen, das nach literarischen Qualitäten fragt. Die taz beschreibt schön, wie platt und öde die Bilder im Roman sind. Sehen das andere Kritiker nicht? Oder wollen sie es nicht sehen, aus welchen Gründen auch immer?

Wer wirklich etwas über unsere Zeit und die sich aus der Gegenwart heraus ergebenden Gefahrenpotentiale digitaler Überwachung wissen will, statt sich von schlechter Literatur blenden zu lassen, der lese Glenn Greenwalds Dokumentation „Die globale Überwachung“, in der die Geschichte seiner Begegnung mit Edward Snowden erzählt und einige wichtige Dokumente der NSA vorgestellt und erläutert werden, oder Tom Hillenbrands „Drohnenland“. Eine weitere Empfehlung ist Juli Zehs Roman „Corpus Delicti“, der bereits 2009 grundlegende Fragen der Erfassung von Daten unter dem Deckmantel der Prävention literarisch überzeugend aufgreift. Und auch Orwells „1984“ oder Huxleys „Schöne neue Welt“ bieten inhaltlich und literarisch einen viel breiteren Horizont, der zum Nachdenken über Entwicklungen in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts einlädt.

Grundlage dieser Rezension ist Eggers, Dave, The Circle (Vintage). Kindle Edition. Die deutsche Ausgabe erscheint am 14.8.2014: Dave Eggers: „Der Circle“. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014, 560 Seiten, €22,99  (als EBook im epub- oder Kindle-Format kostet der Roman in Deutschland €19,99).

 

Herrn Larbigs Bibliothek 19 – Tom Hillenbrand: Drohnenland. Kriminalroman.

Die Niederlande sind als Folge des Klimawandels verschwunden. Nur ein paar schwimmende Häuser sind noch auf dem Wasser anzutreffen und ein Unternehmer hat die Phantasie, dass man die Niederlande in eben solchen schwimmenden Häusern wieder besiedeln könnte.

England steht kurz vor seinem Austritt aus der EU und die umstrittene Abstimmung über eine neue EU-Verfassung soll in ein paar Wochen stattfinden.

Die Solarkriege sind bereits Vergangenheit. In ihnen ging es um den Einfluss in Regionen der Welt, in denen die Sonne die beste Solarstromausbeute ermöglicht.

Drohnen überwachen die gesamte EU, zeichnen alle Daten auf, derer sie habhaft werden können, sodass es möglich ist, die Wirklichkeit in Computerprogrammen zu spiegeln und sich ungesehen an quasi jeden Ort zu begeben, dessen Daten eine Spiegelung (Mirroring) zulassen. Was solche Daten alles ermöglichen! So gibt es Computer, die die Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der ein Individuum ein Verbrechen begehen wird.

Tom Hillenbrands Roman „Drohnenland“ führt uns in eine Zukunft, in der die Überwachung technisch nahezu perfekt in die Architektur der Gesellschaft implementiert ist. Dennoch wird ein EU-Parlamentarier ermordet, ohne dass die Fahnder überzeugende Spuren finden können. Aart van der Westerhuizen und seine digitale Forensikerin Ava Bittmann gelangen dennoch verblüffend schnell an das Fahndungsziel, finden einen Verdächtigen, auf den alle Indizien (zu gut) passen …

Der Roman aber ist zu diesem Zeitpunkt nicht einmal halb gelesen. – Die Lösung, die hier erreicht wird, schließt diesen einen Fall zwar zunächst ab, aber es gibt da noch einen zweiten Fall, in dem Unmengen kompromittierendes Videomaterial aufgetaucht ist, dessen Ursprung lange ungeklärt bleibt.

Und nun treibt Hillenbrands Erzähler, der meist sehr dicht an Aart van der Westerhuizen dran bleibt, die Ermittler und die Leser gnadenlos in das Verwirrspiel um die Frage, wer eigentlich die Zuverlässigkeit von Daten garantiert.

Das ist an sich kein neues Thema. Manipulationen an offiziellen Dokumenten gibt es schon um das Jahr 800 bei der „Konstantinischen Schenkung“; die Manipulation von Bildern und Akten ist nicht nur im Umfeld des Krieges (schon lange) üblich.

Die Vertrauenswürdigkeit und Aussagekraft von Daten sind, so eine These des Romans von Tom Hillenbrand, alles andere als den Daten inhärent.

Aber worauf ist dann Verlass? Es bedarf sicher nur eines geringen Aufwandes, um so manchem Eintrag im Internet gegenüber eine gehörige Portion Skepsis zu entwickeln. Doch je offizieller Dokumente werden, um so schwieriger ist es, mit Manipulationen umzugehen bzw. diese zu entdecken oder auch den bloßen Behauptungen zu entgehen, dass da irgendwo etwas nicht mit rechten Dingen zugehe. Manipulation von Daten kann ja auch bedeuten, dass korrekten Daten unterstellt wird, sie seien gefälscht.

Hillenbrand lädt den Leser in „Drohnenland“ zu solchen Überlegungen ein. Aber so etwas machen auch Journalisten, Blogger oder Verschwörungstheoretiker… Zur Reflexion einzuladen ist kein Alleinstellungsmerkmal eines (guten) Romans. Im Gegenteil: Romane mit pädagogisch ausgestrecktem Zeigefinger sind in der Regel keine guten, sondern vor allem belehrende Romane.

„Drohnenland“ belehrt nicht, zumindest nicht so platt demonstrativ, wie das pädagogische Zeigefingerliteratur tut.

Andererseits ist Drohnenland ein ziemlich konventioneller Kriminalroman. Das literarisch interessante an diesem Roman ist also nicht die Form, die wirklich ohne jegliche Experimente auskommt. Spannend ist, dass hier eine Zukunftsvision entwickelt wird, die aus den Gegebenheiten der Gegenwart heraus in sich stimmig und nachvollziehbar ist. Dass die im Roman beschriebene Wirklichkeit, die bis in viele Details hinein vom Autor wirklich gut durchdacht und konstruiert ist, so wahrscheinlich wirkt, das ist die literarisch interessante Leistung Hillenbrands.

Der Roman ist, so behauptet es der Klappentext – und bezogen auf das Erscheinungsdatum und die langen Prozesse von der Fertigstellung eines Romans bis zu dessen Veröffentlichung erscheint das völlig glaubwürdig –, vor den Enthüllungen Edward Snowdens entstanden.

Nimmt man nun Glenn Greenwalds „Die globale Überwachung“ und liest diese Zusammenfassung der von Snowden zugänglich gemachten Dokumente parallel zu „Drohnenland“, dann wird sehr schnell deutlich, dass das, was Hillenbrand in eine Zukunft des fortgeschrittenen Klimawandels projiziert, schon Teil der Gegenwart ist.

Und so legt Tom Hillenbrand in „Drohnenland“ einen Zukunftsroman vor, der sich nicht nur aus der Gegenwart ableiten lässt, sondern der auch die Entwicklungen in unserer Gegenwart kritisch hinterfragt. Eine Antwort, soviel sei hier vorweg genommen, hat auch Hillenbrand bis zum Ende des Romans nicht zu bieten. Das aber ist eines der Qualitätsmerkmale des Romans, der nicht besserwisserisch Antworten vorgaukelt, sondern tatsächlich vor allem eine spannende Geschichte erzählt.

Tom Hillenbrand, Drohnenland. Kriminalroman, Köln, 2014 (423 Seiten, €9,99). Der Roman ist auch als EPub- und Kindle-Buch verfügbar und kostet als E-Book  (in D) €9,99.

Kleine Diskussion zur Lage der Buchbranche: Sibylle Berg vs. Buchmarkt-Beckmann

Es gibt Kritiken, die, werden sie geäußert, absehbare Reaktionen hervorrufen.

Sibylle Berg beginnt am 12.7. mit einer Kritik an den Verlagen und dem deutschen Buchmarkt. Ihre Kernthese: „Die Zukunft, vor der wir gewarnt wurden, ist da, die Buchbranche woanders.“

Das kann der Buchmarkt so nicht auf sich sitzen lassen. Also kommentiert Beckmann 14.7. so brillant zum Fußball passend, dass Sibylle Berg mit ihren Thesen im Abseits sei. Sie habe die Entwicklungen nicht alle im Blick.Beckmann meint mit Entwicklungen den Tolino und Libreka. – Nun, der Tolino ist von ein paar wenigen Großbuchhandlungen und der Telekom entwickelt worden und hat Potential, wenn er sich aus der „nur in Deutschland verfügar“-Ecke heraus bewegt; aber wer kennt schon Libreka?

Es ist, wie es immer ist: Der dt. Buchmarkt jammert weiter, wirft seinen Kritikern vor, sie lägen mit ihrer Kritik falsch. Und dann soll alles so weiter gehen. Manchmal hat man den Eindruck, die Verlage und Buchhändler hoffen auf ein Rettungspaket, wie es die Banken ereilte, wenn die Krise erst einmal voll durchschlägt.

Sibylle Berg hat am 19.7. auf Beckmann geantwortet. Sie appelliert nochmals, dass die Verlage nicht den Fehler fortsetzen sollten, eher auf Masse der Neuerscheinungen, die dann kurz in den Buchhandlungen liegen, zu setzen, sondern sich darauf konzentrieren müssten, was sie wirklich können, nämlich Bücher in der Zusammenarbeit von Autoren und Lektoren mit einem hohen Qualitätsmaßstab zu produzieren.

Und da kann ich nicht anders als zustimmen. Die Qualität des Content (der Inhalte; der Literatur) ist auf Dauer wahrscheinlich ein nicht zu unterschätzendes Kriterium vor allem für Verlage, die sich gegen die Übernahme von Verlagskonzernen zur Wehr setzen, aber auch schon übernommenen Verlagen dürfte es nicht schaden, ihren Ruf und ihre Kernkompetenz selbstbewusst zu verteidigen, statt in ängstliches Erstarren vor Amazon zu geraten.