Schlagwort-Archiv: Motiv

Wie motiviert man Unmotivierte? – Ein Versuch

Walter Böhme fragt: „Wie motiviert man Unmotivierte?“ und lädt zu einer Blogparade ein, in der dieser Frage nachgegangen werden soll.

Die Frage ist nicht neu. Eine Lösung nach Rezeptbuch ist mir noch nicht begegnet. – Wohl aber gibt es Rezeptgeber, die grundsätzlich besser als z. B. Lehrer und Lehrerinnen wissen, wie „gekocht“ werden müsste, damit alle sowohl „Kochen“ als auch „Essen“ wollen.

Wer die Metapher des „Kochens“ und „Essens“ für zu weit her geholt hält: Die häufig verwendete Metapher des „Bulimie-Lernens“ ist eine Nahrungsmetapher! – Dieser Metapher geht es allerdings vor allem um das genussfreie In-Sich-Hineinstopfen, dem der Akt des Auskotzens folgt. – Wer so lernt, leidet früher oder später an Anorexia Ediscere.

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Gedichtinterpretation: Joseph Mohr – Stille Nacht, heilige Nacht

Creative Commons Lizenzvertrag

Gedichtinterpretation: Joseph Mohr – Stille Nacht, heilige Nacht von Torsten Larbig steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Es ist das bekannteste Weihnachtslied der Welt, in über 300 Sprachen übersetzt, gesungen mit der Melodie Franz Xaver Grubers.

Beginnt man, Suchmaschinen nach Interpretationen zu diesem berühmten Text zu befragen, tauchen viele musikalische Interpretationen auf. Aber was ist mit dem Text?

Vorne weg: Ich werde hier keine Detailinterpretation der einzelnen Strophen schreiben, werde mich nicht dazu auslassen, dass das Originalgedicht (!) sechs Strophen hatte, die heute gesungene Version aber nur drei hat etc. Hier versuche ich eine grundsätzliche Einordnung des Textes, mit dem Ziel, den Text zumindest ein wenig aus der Kitschecke heraus zu holen. Damit will ich nicht behaupten, dass der Text sich bei näherer Betrachtung plötzlich in großartige Literatur verwandeln würde, das passiert selbst bei sehr genauer Analyse des Textes nicht. Im Zusammenhang seiner Entstehungszeit kann aber verständlich werden, warum der Text in seinen Grundzügen so ist, wie er ist.

1816 entstanden, wurde „Stille Nacht, heilige Nacht“ 1818 erstmals aufgeführt.

Sprechen wir heute davon, dass Weihnachten ein romantisches Fest sei, so liegen wir mit dieser Äußerung goldrichtig.

Weihnachten, wie wir es heute kennen, fand in Grundzügen seine Prägung Weiterlesen

iPhone-Photographie – Ein erster Versuch

Wenn im Wort Bildung schon das „Bild“ vorhanden ist, dann ist es kein Widerspruch, dass ich auf dieser Website immer wieder auch Fotografien einbaue. Definiere ich „Bildung“ als die Fähigkeit zur reflexiven und gestaltenden Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, gehören Bilder hier erst recht mit hinein. Bei all der Theorie, die hier auch ihren Platz findet… Und die Bilder sollen gar nicht als eine metaphorische Illustration dienen, was Bildung bedeuten kann…

Bilder sind gestaltet. Bilder arbeiten mit den Möglichkeiten der Kamera. Und überraschenderweise beginne ich auch etwas freundlicher von Bildbearbeitungen zu denken, wobei ich mich immer im Rahmen der Möglichkeiten der eingesetzten Kameras bewegen will und andere Software als eine Art digitaler „Dunkelkammer“ einsetze, um Belichtung, im Falle digitaler Bilder auch den Weißabgleich und die Schärfe, Kontrast etc. anzupassen.

Und Filter, wie sie ja auch bei analogen Kameras als Aufsatz für das Objektiv dienen, nutze ich vor allem bei der Kamera, die ich nun wirklich immer dabei habe. Zugegeben, ich werde jetzt nicht behaupten, dass das iPhone, dessen fotografischen Möglichkeiten ich gerade am Entdecken bin, eine technisch optimale Kamera bietet. Aber da es die Kamera ist, die ich immer dabei habe, ist es ein oft eingesetztes Instrument für meine Auseinandersetzung, meine Beschäftigung mit der mich umgebenden Wirklichkeit. Neben der Kamera nutze ich folgende iPhone Apps: Camera-Genius, The-Best-Camera, Camera-Bag, Photogene und seit neuestem auf ColorSplash, auch wenn diese App hier noch nicht mit Bildern vertreten ist.

Der Einsatz der Filter verändert den Blick auf die Wirklichkeit, macht aus Abbildern Bilder – so empfinde ich das zumindest. Und weil ich jetzt schon länger keine Bilder mehr im Blog hatte, gibt es heute gleich eine ganze Galerie, in der ich mich auch nicht mehr scheue, im Lomo- und Holga-Stil zu arbeiten. Aber ganz habe ich meine Meinung natürlich nicht geändert: Da das iPhone, ähnlich wie Holga und Lomo, über  eine Kamera mit durchaus einem erkennbaren Eigenleben bezüglich der (gar nicht so schlechten) Abbildungseigenschaften, der Schärfe etc. verfügt habe ich hier auch keine Scheu Filter einzusetzen – aber gezielt und ganz im Sinne der Beschäftigung mit der in Bildern gestalteten Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Nach wie vor verändere ich nicht die Motive. Diese werden, von Beschneidungen abgesehen, alleine mit der Kamera gestaltet. Und auch wenn ich auch mit neuen Ausdrucksmöglichkeiten im Kontext der Fotografie zu experimentieren begonnen habe: Es gilt nach wie vor, dass das Motiv und dessen zentrale Gestaltung mit der Kamera und deren Möglichkeiten und Grenzen erfolgt.

Aber: Da die Kamera des iPhone, die übrigens überraschend gute Videos aufnehmen kann, Teil des Gesamtkonzepts „iPhone“ ist, zu dem auch Apps gehören, werde ich mir nicht einmal sonderlich untreu, wenn ich dieses Konzept als Mittel zur Gestaltung von Bildern verwende. Was natürlich nicht bedeutet, dass meine wirklich gute LX3 jetzt verstauben würde – ganz im Gegenteil: Der neue Blick auf Motive, die andere Form der Auseinandersetzung mit Motiven, bereichert meine Auseinandersetzung mit der gestaltenden Abbildung von Wirklichkeit – und da ich diese kleine Kamera im Telefon nun einmal immer dabei habe, ist sie in dieser Hinsicht meine „beste“ Kamera.

Und wenn ich dieses Mal auch auf ein Wasserzeichen verzichtet habe: Nach wie vor unterliegen die Bilder dem Coypright © by Torsten Larbig.

Die blaue Stunde – Acht Sekunden

Schon hat sich die Nacht fast ganz über die Stadt gelegt und lässt die letzten Reste der »blauen Stunde« im Lichtkegel über Frankfurt verschwinden. Das Auge vermag an diesem Dienstagabend im März kaum noch die Farben zu unterscheiden und dem schon begonnenen Frühling trotzend dringt kalter Wind zwischen die Häuser – und langsam aber bestimmt in alle Glieder des Fotografen, der fast reglos am Brückengeländer steht und das kleine Stativ argwöhnisch im Auge behält. „Dass es bloß nicht seinen Halt verliert“, denkt er. Zwar ist die Kamera mit einer Handgelenkschlaufe gesichert, aber bei acht Sekunden Belichtungszeit würde ein größeres Zittern des Stativs oder der Brücke die Fotographie zu einer Schmiererei werden lassen. Die Zeit ist knapp. In zehn Minuten wird auch der letzte Rest des blauen Lichtes, das das Ende der Dämmerung prägt, nahezu verschwunden sein. Dann müsste er wieder auf den nächsten Tag warten, an dem der Himmel einmal nicht schwer mit Regenwolken bestückt wäre. Die Wettervorhersage prognostiziert für diesen Fall eine lange Wartezeit auf die nächste Möglichkeit für dieses Bild. Er will aber nicht schon wieder auf besseres Wetter und besseres Licht warten.

Leise, für ihn aber deutlich vernehmbar, gibt der Verschluss des Objektives den Weg für die letzten Reste des Tageslichtes zum Bildsensor frei. Auf dem Bildschirm der Kamera laufen die Sekunden rückwärts: 8…7…6…5…4…3…2…1…0 – und ein weiteres leises Geräusch gibt Zeugnis davon, dass die Lichtzufuhr wieder gestoppt ist. Auf dem Bildschirm sieht er erstaunt die Farbigkeit und Helligkeit, die sein Auge nicht wahrnehmen kann, obwohl sie „objektiv“ vorhanden sind. Auf den ersten Blick wirkt die Aufnahme gelungen. Selbst die unruhig von Autos überrollte Straße passt in das gewählte Motiv, das knapp über der waagrechten Mittellinie von einem dünnen Leuchtband durchzogen wird, das von den Scheinwerfern stammt, die in diesen acht Sekunden das Sichtfeld des Objektivs gekreuzt hatten.

Langsam dreht er das eiserne, mittlerweile fast ebenso kalt wie der schneidende Wind gewordene Stativ von der Kamera, dreht dessen drei Beine wieder übereinander und lässt es erneut in seiner Hosentasche verschwinden. Erst als er fast zuhause angekommen ist, kommt es noch einmal zum Einsatz. Die Lichtreste des Tages sind bereits nahezu vollständig der Kuppel von Licht gewichen, die Nacht für Nacht über der Großstadt hängt. Ob die Häuser der Straße vor ihm, eines in einem nicht gerade dezentem Orange-Pink–Ton gestrichen, bei diesem Licht und durch das Objektiv betrachtet mehr leuchten würden.

Dieses Mal findet er keinen Abstellplatz für das kleine Stativ, drückt es deshalb fest gegen eine Hauswand, um die Kamera bewegungslos zu halten, während mit Lichtgeschwindigkeit die wenigen noch vorhandenen, dem Augen unsichtbaren Lichtstrahlen acht Sekunden lang den Bildsensor füttern, bis dieser satt genug für diese Farben ist, die sich kurz darauf auf dem Bildschirm der Kamera zeigen.

Bildklischees – (am Beispiel „Bremen“)

Der hier veröffentlichte Artikel ist in den gerade zu Ende gegangenen Osterferien in Bremen entstanden.

Klischees bezeichnen im Zusammenhang mit Bildern solche Bilder, die es x-fach in gleicher oder zum Verwechseln ähnlicher Ausführung gibt und die eine überkommen Vorstellung repräsentieren. Überkommen ist eine solche Vorstellung, weil diese Bilder einerseits schnell erkannt und zugeordnet werden können, andererseits aber über das „Wesen“ dessen, für das sie stehen nichts aussagen. In London sind es die Tower-Bridge und das Parlament, in Paris der Eifelturm und seit einigen Jahren die Pyramide vor dem Louvre, in New York Freiheitsstatue und Skyline, in Frankfurt am Main Römer und Skyline. In Bremen sind es die Stadtmusikanten (auf deren Abbildung ich hier erst einmal verzichte!), das Rathaus und der Roland.

Bremen: Böttcherstraße (Detail)

Selbst in Zeiten digitaler Reproduzierbarkeit von Bildern werden diese Bilder von Touristen nahezu zwangsläufig angefertigt, als wolle man sich auf diesem Wege endlich das zu eigen machen, was man eh schon kennt und sagen: Schaut her, jetzt war auch ich da und auch ich erzähle euch nichts Neues. Solche Bilder sind die Reproduktion der Reproduktion der Reproduktion – und eigentlich kaum noch Fotografien zu nennen, da sie keinen eigenen Blick des Fotografierenden repräsentieren, sondern wie bei Wiederkäuern einfach hochgewürgt und in die Kamera gebannt werden, während sich vielleicht um die Ecke ein Motiv befinden könnte, das wirklich den eigenen Blick auf eine Stadt zeigt.

Bremen: Rathaus

Bremen: Rathaus (Detail)

Doch das Problem liegt nicht nur bei den Fotografierenden, sondern auch bei den Motiven. Es scheint am Abgebildeten nichts mehr zu sehen zu geben, das überraschen könnte. Von diesen Bildern wurden so oft Fotos „geschossen“, dass sie irgendwann dann eben „erschossen“ waren und heute zwar als Kulturdenkmale großen Wert besitzen, der Bremer Roland und das Rathaus werden z. B. sogar als Weltkulturerbe bei der UNESCO geführt, als Motive für Fotografien aber in der Regel leblos geworden sind.

Bremer Roland

Bremer Roland (Detail)

Neben den hundertausendfach anaolog und digital abgelichteten touristischen Motiven, spielt das Klischee aber auch dort eine Rolle, wo (Hobby)-Fotografen technisch gute Bilder von allzu vertrauten Motiven machen, ohne zu einer eigenen Bildsprache zu finden. – Um nicht missverstanden zu werden: An dieser Stelle beschreibe ich dieses Phänomen nur, ohne es zu werten, denn ich weiß selbst, dass das Finden einer eigenen Bildsprache ein langer Prozess ist, der gerade für Hobby-Fotografen eine echte Herausforderung ist, also auch für mich.

Dass es heute so viele Menschen gibt, die sich beim Dialog mit der Wirklichkeit im Rahmen der Fotografie richtig viel Mühe geben, finde ich toll. Und ich finde es auch schön, dass es so viele (technisch) gelungene Bilder zum Anschauen im Netz gibt. Der Unterschied zu Fotografierenden mit künstlerischem oder journalistischem Anspruch ist dann in vielen Fällen auch gar nicht mehr die technische Seite der Bilder, sondern die Frage der individuellen Bildsprache, die ein Fotografierender entwickelt (oder auch nicht).

In diesem Zusammenhang stimmt der mittlerweile auch schon ein Klischee darstellende Ausspruch, dass der Fotograf und nicht die Kamera die Bilder mache. Natürlich können die treffendsten Motive durch ein schlechtes Objektiv zu miserablen Fotos werden, aber manchmal entsteht bei mir, vor allem im Rahmen digitaler Fotografie, der Eindruck, dass die benutzten Kameras wie ein Fetisch genannt werden, der alleine durch seinen Besitz fast schon so etwas wie die Garantie für gute Bilder in sich trägt.

Nein, ein Fotografierender braucht nicht immer die „neuste“ Kamera, um gute Bilder machen zu können, sondern eine Kamera, die es ihm ermöglicht, sich ganz auf das Motiv (und nicht etwa auf die Eigenarten der Software) konzentrieren zu können. Die Kamera ist ein Werkzeug und nicht der Gegenstand der Fotografie. Im Zentrum der Fotografie steht das Motiv und dessen Gestaltung; diese Gestaltung muss letztlich die technische Seite der Entstehung eines Fotos vergessen lassen, um mich als Betrachter in seien Bann ziehen zu können.

Es ist letztlich die Art des Sehens, die einen Fotografierenden ausmacht. Fotografierende sehen genau hin, gestalten sehend ihre Motive und die die Motive zeigenden Bilder. Fotografie lebt von dem eigenen Blick, der sich im Laufe der Zeit entwickelt und wesentlich zur Bildsprache eines Fotografierenden beiträgt. Dabei muss sich der Fotografierende Klischees stellen, um nicht in ihre Falle zu gehen; er muss sie erkennen, um um die Gestaltung eines Bild-Klischees herum zu kommen, so er nicht gezielt ein solches produzieren will.

Die in diesem Beitrag gezeigten Bilder, die ich selbst angefertigt habe, sind für mich eine Art der Auseinandersetzung mit genau diesem Problem. Es sind (gezielt gemachte) Klischeebilder, für mich aber auch Bilder, die so vertraut sind (vom Bild, das ein Detail der Böttcherstraße zeigt vielleicht einmal abgesehen), dass sie für mich in einer enormen Spannung dazu stehen, wie ich eine Stadt wie Bremen wahrnehme. Das Rathaus und der Roland sind nicht das Bremen, das ich hier und heute wahrnehme, sondern Verweise auf längst vergangene Zeiten, die hier ihre Spuren hinterlassen haben.

Um Klischee-Bilder zu umgehen, muss ich mich als Fotografierender der Frage stellen, wie ich etwas (einen Ort, eine Situation, einen Menschen) wahrnehme, um von dieser Frage zu der Frage zu gelangen, wie ich das Wahrgenommene für mich möglichst authentisch in einer Fotografie zu fassen bekomme.

Ereignisse und deren Bilder – eine Symbiose?

Die hier besprochenen Fotografien finden sich auf http://www.boston.com/bigpicture/2009/04/protests_at_the_g20_summit.html – Bilder 11 und 12. Es könnte sinnvoll sein, diese Bilder in einem weiteren Tab oder einem zweiten Fenster geöffnet zu haben, da ich die Bilder hier aus Copyright-Gründen nicht veröffentliche. Beide Fotos wurden von Andrew Winning für Reuters gemacht.

Wird etwas fotografiert, weil es geschieht – oder geschieht etwas, weil es fotografiert wird?

Ich war gerade auf der Fotoseite des Boston Globe. Dort gibt es eine Fotoserie zu den Protesten im Rahmen des G20-Gipfels in London am 1. und 2. April 2009. (Protests at the G20 summit – The Big Picture – Boston.com)

Zwei der dort gezeigten Bilder, die Andrew Winning für Reuters gemacht hat (Bild 11 und 12), haben mich irritiert: Mein erster Gedanke war, dass es sich um gestellte Bilder handeln müsse, da es doch unwahrscheinlich ist, dass so viele Fotografen zur gleichen Zeit an Orten sind, an denen eine sehr kurze, scheinbar sehr spontane Handlung geschieht, wie vor allem auf Bild 11 dieser Serie. Was ist dort zu sehen:

Ein Demonstrant wirft einen Computerbildschirm in eine Fensterscheibe, die allerdings schon zuvor zerstört worden war. Das Foto zeigt den Moment, in dem der Bildschirm die Hand des Demonstranten verlassen hat Weiterlesen