Schlagwort-Archiv: Motivation

Wie motiviert man Unmotivierte? – Ein Versuch

Walter Böhme fragt: „Wie motiviert man Unmotivierte?“ und lädt zu einer Blogparade ein, in der dieser Frage nachgegangen werden soll.

Die Frage ist nicht neu. Eine Lösung nach Rezeptbuch ist mir noch nicht begegnet. – Wohl aber gibt es Rezeptgeber, die grundsätzlich besser als z. B. Lehrer und Lehrerinnen wissen, wie „gekocht“ werden müsste, damit alle sowohl „Kochen“ als auch „Essen“ wollen.

Wer die Metapher des „Kochens“ und „Essens“ für zu weit her geholt hält: Die häufig verwendete Metapher des „Bulimie-Lernens“ ist eine Nahrungsmetapher! – Dieser Metapher geht es allerdings vor allem um das genussfreie In-Sich-Hineinstopfen, dem der Akt des Auskotzens folgt. – Wer so lernt, leidet früher oder später an Anorexia Ediscere.

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Die Sprache der „Digitalen Gesellschaft“ (Eine Kritik #digiges @digiges)

Kann ein Verein, dem es um Freiheitsrechte in der Netzgesellschaft geht, einen Präsidenten haben? – Wenn heise.de den Selbstanspruch Markus Beckedahls richtig wiedergibt, dann scheint es Leute zu geben, die der Meinung sind, dass das kein Problem ist. Dort heißt es:

„Markus Beckedahl, Gründer von netzpolitik.org und Präsident von “Digitale Gesellschaft””

Der Verein ist noch in Gründung und hat schon einen Präsidenten? Das hat mich irritiert, wie manch andere sprachliche Wendung, auf die ich im Umfeld dieses Vereins in Gründung gestoßen bin und die ich hier (sprach)kritisch in den Blick nehmen will. Weiterlesen

Vom Abschreiben und den Folgen

Über die Gedanken, Schlussfolgerungen, Forschungsergebnisse anderer nicht nur informiert zu sein, sondern diese aktiv in den eigenen Prozess des Denkens und Arbeitens einzubauen, halte ich für eine notwendige Selbstverständlichkeit. Wer sich in einem Fach, einem Beruf, einer Kunst etc. souverän bewegen will, muss zu einer angemessen Mischung aus Rezeption und Produktion gelangen. Idealerweise regen die Gedanken anderer Personen einen selbst zu Gedanken an, die wiederum zum Denken anregen.

Kunst und Wissenschaft leben in weiten Teilen vom Dialog der an ihnen aktiv Beteiligten. Zeugnis dieses Dialoges sind Zitate, die sozusagen die Verbindungsstellen, die Nahtstellen, die Scharniere sind, die den Prozess eigenen Denkens in einen Prozess des Denkens stellen, der eben weit über die eigene Person hinausgeht und ohne den der eigene Beitrag zu diesem Denkprozess nicht möglich wäre.

In der Wissenschaft wird dabei den Beiträgen zum Denkprozess, die das eigene Denken anregen, als Belegstellen dienen etc. mit beonderem Respekt begegnet. Die Häufigkeit, mit der eine Arbeit zitiert wird, sagt etwas über die Relevanz einer solchen Arbeit aus.1 Voraussetzung für diese Form des Respektes gegenüber anderen Arbeiten ist aber, dass man deren Verwendung angemessen belegt.

Wer die Leistungen Dritter übernimmt und diese nicht kennzeichnet, sie also als eigene Leistungen ausgibt und dafür entsprechende Gratifikationen erwartet, hat den Charakter des akademischen Dialogs nicht begriffen, schließt sich aus diesem Dialog selbst aus, da das nicht belegte Zitat schlicht und ergreifend eine Verweigerung dieses Dialoges ist, abgesehen vom mangelnden Respekt gegenüber der Leistungen Dritter.

Natürlich: Dass vielleicht mal an einer Stelle im Prozess des Erstellens einer Arbeit ein Beleg untergeht, mag möglich sein. Gravierend aber ist es, wenn eine Arbeit den Eindruck erweckt, in ihr wimmele es nur so von nicht belegten Übernahmen von Dritten.

Als Lehrer begegnen mir solche Arbeiten im Rahmen von Referaten, Hausarbeiten etc. immer wieder, wobei Schüler und Schülerinnen in der Regel so wenige Quellen einsetzen, dass deren Identifikation mit wenig Aufwand möglich ist. Selbst bei Hausaufgaben, die vorgelesen werden, konnte ich durch entsprechende Vorrecherchen schon mehr oder weniger wörtliche Abschriften nachweisen. – Und gerade den Bereich der Hausaufgaben halte ich in der Schule für den Bereich, in dem Abschriften am häufigsten vorkommen. Es handelt sich dabei um Plagiate, egal, ob es sich um die schnell in der Pause vom Mitschüler ohne eigene Rechenleistung abgeschriebene Mathehausaufgabe oder die aus Wikipedia kopierte Information handelt, die dann als „Kurzreferat“, idealerweise kurz vor Notenschluss, die Note um mind. eine ganze Notenstufe verbessern soll.

Meist, wenn man ertappt wird, handelt es sich um ein Versehen oder es wird angegeben, dass man gar nicht gewusst habe, dass man auch bei Texten aus Wikipedia die Quelle angeben müsse. Die Kreativität der Ausreden ist in diesen Fällen sehr beschränkt, das Ziel des Handelns immer das gleiche: Mit möglichst geringem Aufwand ein Ziel erreichen, hoffend, dass keiner merkt, dass der eigene Anteil an einer Leistung möglicherweise viel geringer ist, als es auf den ersten Blick scheinen mag.

Und wenn man dann doch erwischt wird, dann nehmen die einen die „Niederlage“ sportlich und stehen zu ihrem Handeln, ohne groß darüber zu verhandeln, während andere dann auf die Kraft Mitleid heischender Geschichten oder die Relativierung des eigenen Handelns bauen.

Ab einem gar nicht so großen Umfang nicht belegter Übernahmen aus Arbeiten Dritter fällt es mir als Lehrer mittlerweile schwer, von Versehen auszugehen, da diese Versehen viel zu häufig vorkommen.

Mag es auch passieren, dass manche Schülerinnen und Schüler abschreiben, weil sie sich der Fülle der Herausforderungen von Schule nicht gewachsen sehen und hier im Abschreiben ihre Not zu lindern versuchen, so stellt sich in diesem Fall durchaus die Frage an Lehrende, wie man durch eigenes Handeln diese Motivation des Abschreibens minimieren könnte, ohne durch diese Fragestellung nun selbst eine Relativierung des Abschreibens vorzunehmen.

Wer sich des Plagiats bedient, will als etwas oder jemand erscheinen, das oder der er oder sie ohne dieses Hilfsmittel vielleicht nicht sein kann, nicht ist. Die Reichweite solchen Handelns geht über den Ort dieses Handelns immer dann hinaus, wenn die Qualifikation, die mithilfe des Plagiats erreicht wird, für die darauf folgenden beruflichen Tätigkeiten relevant ist.

Wenn zum Beispiel ein führendes Mitglied einer gesetzgebenden Institution ein Jurist ist, der in einer Doktorarbeit nachgewiesen hat, dass es im Bereich der Rechtswissenschaften zu eigenständigen wissenschaftlichen Leistungen fähig ist, kann man davon ausgehen, dass diese Qualifikation im Bereich der Legislative durchaus ein Kritierium bei der Personalauswahl ist.

Wenn dann aber eine entsprechende Person nachgewiesen bekommt, dass viele Stellen der qualifizierenden Promotion nicht als solche gekennzeichnete Zitate sind, sodass dieses Person den Doktortitel wieder verliert, dann kann man durchaus die Frage stellen, ob sich damit nicht auch die Einschätzung der Qualifikation einer solchen Person für bestimmte Ämter verändern kann.

Zugegeben: Die konkrete Leistung einer Person in einer beruflichen Funktion interessiert mich mehr als ein Titel. Wenn aber jemand promoviert ist, dann erwarte ich, dass damit eine besondere Qualifikation im Prozess der wissenschaftlich basierten praktischen Fähigkeiten vorliegt.

Und wenn jemand selbst zugibt, aufgrund handwerklicher Mängel in einer Promotion seinen Doktortitel nicht mehr länger tragen zu können, werden damit Fragen aufgeworfen, die weit über die Probleme beim Erstellen einer den handwerklichen Ansprüchen genügenden wissenschftlichen Arbeit hinaus gehen. Ob sich ähnliche handwerkliche Unfähigkeiten, solche Tendenzen zum Verlust des Überblicks in der Fülle der alltäglich zu treffenden Entscheidungen womöglich negativ auf die aktuelle Tätigkeit auswirken können? – Und selbst das Minimum der Folgen intensiven Abschreibens ohne Belege ist schon gravierend und lässt sich in der Frage zusammenfassen, an welchen Stellen das Vertrauen in die Seriösität des Gegenübers denn noch unangebracht ist, an welchen Stellen die blendende Erscheinung Bilder hat entstehen lassen, die die möglicherweise tristere Realität überstrahlen?!

Nachtrag:

  1. Für Twitternutzer: Das ist dem ReTweet vergleichbar. Autoren, die häufig retweetet werden, sind relevanter als andere. []

Kompetenzorientiert unterrichten: Ein Vorschlag.

Das folgende Szenario ist zwar nicht unrealistisch, in der hier vorgelegten Form aber frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Erlebnissen im Unterricht sind nicht gewollt, werden nicht angestrebt, dürften aber nicht vermeidbar sein.

Oberstufe, Deutsch Grundkurs. Die Schülerinnen und Schüler bekommen nach der (vom Lehrer unterstellen, nicht in allen Fällen tatsächlich erfolgten) Lektüre eines Dramas den Auftrag, die Figuren des Dramas in ihren Beziehungen zueinander in einer grafischen Form darzustellen. Der Lehrer erwartet, dass die Schülerinnen auf der Basis des Personenverzeichnisses des Dramas, ihrer beim Lesen erworbenen Textkenntnis und der gezielten, wiederholten Lektüre einzelner Szenen, zu einem vertieften Verständnis des Dramas kommen. Die Aufgabe wird Mittwochs erteilt und soll bis zur nächsten Stunde am Dienstag der Folgewoche bearbeitet sein.

Am Dienstag macht der Lehrer die ihn überraschende Entdeckung, dass zwar 80% des Kurses die Aufgabe gemacht haben, von diesen aber 50% zwei Nebenfiguren nicht berücksichtigt haben und durchweg den gleichen Fehler in der Grafik gemacht haben.

Alternative: Am Dienstag macht der Lehrer die ihn überraschende Entdeckung, dass zwar 80% des Kurses die Aufgabe gemacht haben, die Grafiken aber alle super korrekt sind und sich extrem ähneln, als ob sie voneinander abgeschrieben worden wären.

Welcher Fall auch eintreten mag, der hier gedachte Lehrer ist äußerst überrascht und fragt sich, was da passiert ist.

Hier nun ein paar Beispiele, wie es abgelaufen sein könnte: Weiterlesen

Was ist Bildung? Ein Vorschlag

Im Nachdenken über Jean-Pol Martins Vorschlag zum Bildungsbegriff ist dieser Audiobeitrag entstanden.

Jean-Pol Martin sagt:

„Bildung ist das gemeinsame Erstellen von Konzepten, die erlauben, mit einströmenden Daten gelassen umzugehen, wobei es gilt, diese Konzepte flüssig und beweglich zu halten. Die neuerstellten Konzepte ermöglichen die Planung und Durchführung von weiteren Handlungen. Sie schaffen die Sicherheit, die notwendig ist, um unbekannte Felder zu betreten, in denen neues Wissen generiert wird.“

Meine Position in einem kurzen Resume – für die Feinheiten, die immer noch grob genug sind, empfehle ich, den Audiobeitrag  anzuhören. Soviel Zeit muss (sollte) sein ;-)

Resume: Bildung wird hier mit der Frage des Selbstbildes und des Weltbildes bzw. der Bildung (dem Entstehen) dieser Bilder in Verbindung gebracht. Es geht um eine Orientierung in Zeit und Raum, die der eigenen Positionierung in der eigenen Gegenwart und am eigenen Ort dient. In diesem Zusammenhang ist eine Orientierung nicht nur in der Gegenwart und in globalen Zusammenhängen notwendig, sondern auch eine Orientierung über die eigene Zeit und den eigenen Raum hinaus. Wissen ist notwendig, aber (wieder einmal) Hilfsmittel und nicht primäres Ziel eines Bildungsprozesses.

Ein paar Links zur Orientierung:

  (MP3)

Ich bin gespannt, was andere zu dem Thema zu sagen haben. Die Kommentare dürfen für diese Diskussion gerne genutzt werden. Und noch einmal der Hinweis auf Jean-Pol Martins Beitrag, zu dem es auch schon eine lebendige Diskussion gibt…

Zwischen Kompetenzen und Literacy oder: Ohne Inhalt keine Kompetenz

„Der reine Kompetenzmensch ist in meinen Augen der abhängige Mensch von Morgen“, fasst Maik Riecken die Grenzen und Gefahren eines vor allem auf Kompetenzen ausgerichteten Bildungsbegriffs zusammen. Und weiter schreibt Riecken:

„Kompetenzen fangen für mich immer mit dem Inhalt an – nie mit der Methode, nie mit dem Medium. Wir können nicht alles wissen. Das heißt aber nicht, dass wir kein Wissen mehr vermitteln sollten oder dass wir keines mehr brauchen.“ (Quelle)

Kompetenzen! – So lautet das neue Zauberwort, seit PISA 1 öffentlichkeitswirksam darstellte, dass es mehr und mehr Jugendliche (u. a. [sic!] in Deutschland) gibt, Weiterlesen

Was möglich ist: Schülerkooperation – ein Beispiel

Der Tag zum „Lernen durch Lehren“, der am 9. Mai 2009 an der PH in Ludiwigsburg stattfand, trägt weitere Früchte: Die Videodokumentation auf ldl.mixxt.de wurde nochmals ergänzt.

Dabei fiel mir ganz besonders ein Vortrag ins Auge, der in einem Workshop gehalten wurde, den ich selbst nicht besuchen konnte. Vortrag? Ist das nicht kontrapoduktiv? Geht diese Methode denn überhaupt noch (auch wenn Ex-Schüler im Rückblick über ihren Unterricht berichten)? Für mich ist das, was Johannes Guttenberger und Manuel Grupe hier machen, weniger ein Vortrag als ein Erfahrungbericht aus [Ex-]Schüler-Sicht.

Worum es geht: Im Französisch-LK unter Leitung von Jean-Pol Martin am Wilibaldgymnasium in Eichstätt, der 2008 das Abitur absolvierte, haben die Schülerinnen und Schüler für den Unterricht selbstständig (und dann mit Unterstützung der Lehrkraft) eine Wikiversity-Seite eingerichtet. Johannes Guttenberger betont ausdrücklich: Die Initiative ging nicht vom Lehrer aus, sondern von den Schülern! Und der Lehrer hat sich dann tatkräftig beteiligt. (Obwohl  ich mir gut vorstellen kann, das Jean-Pols Lehrerpersönlichkeit nicht ganz unschuldig an der Motivation der Schüler ist.)

Aber warum nicht einfach das Video des Workshops anschauen, diese halbe Stunde lohnt sich in meinen Augen auf jeden Fall!

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Vortrag Johannes Guttenberger: LdL virtuell: Gibt es Grenzen? from Lutz Berger on Vimeo.

Johannes Guttenberger, Manuel Grupe und Joachim Grzega haben darüber hinaus ein Papier erstellt, in dem es um die Frage der „Partizipation im Unterricht“ geht – eine gute Ergänzung zum Vortrag und zum Workshop.

„Il faut  travailler!” [Es muss gearbeitet werden! oder Es ist notwendig zu arbeiten!] (Jean-Pol Martin) – Johannes Guttenberger, Manuel Grupe und der von ihnen besuchte Leistungskurs Französisch sind für mich ein gutes Beispiel, was dies konkret für Unterricht bzw. das eigenständige, selbst verantwortete und von Lehrenden begleitete Lernen von Jugendlichen bedeuten kann.