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	<title>herrlarbig.de &#187; Nelson Mandela</title>
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		<title>Alle Tage (Ingeborg Bachmann)</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Sep 2008 23:23:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ingeborg Bachmanns Gedicht »Alle Tage« hat das Zeug zum Klassiker. Sprachlich und formal einfach gebaut, inhaltlich daf&#252;r um so gehaltvoller, lesbar und immer wieder neu verstehbar in den unterschiedlichsten Zeiten. Machen wir das &#220;bliche also kurz: 1953 erschien das Gedicht in &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2008/09/30/alle-tage-ingeborg-bachmann/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.ingeborg-bachmann-forum.de/" target="_blank">Ingeborg Bachmann</a>s Gedicht »<a href="http://www.lyrikline.org/index.php?id=162&amp;L=0&amp;author=ib00&amp;show=Poems&amp;poemId=265&amp;cHash=e052e3311b" target="_blank">Alle Tage</a>« hat das Zeug zum Klassiker. Sprachlich und formal einfach gebaut, inhaltlich daf&#252;r um so gehaltvoller, lesbar und immer wieder neu verstehbar in den unterschiedlichsten Zeiten. Machen wir das &#220;bliche also kurz:</p>

<blockquote>1953 erschien das Gedicht in Bachmanns Gedichtband »Gestundete« Zeit, der sie als Autorin bekannt machte. Der zweite Weltkrieg war gerade vorbei, der Kalte Krieg in vollem Gange. Es lag also nahe, &#252;ber die Allt&#228;glichkeit des Krieges auch in der Poesie nachzudenken.</blockquote>

<p>Wenn nun also jemand kommt und sagt, <a href="http://logos.kulando.de/post/2007/08/11/bachmann_alle_tage_-_interpretation" target="_blank">man </a><em><a href="http://logos.kulando.de/post/2007/08/11/bachmann_alle_tage_-_interpretation" target="_blank">m&#252;sse</a></em><a href="http://logos.kulando.de/post/2007/08/11/bachmann_alle_tage_-_interpretation" target="_blank"> ein solches Gedicht vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund verstehen</a>, hat er zwar Recht, doch gleichzeitig erkl&#228;rt er das Gedicht, wahrscheinlich ohne es zu wollen, f&#252;r tot: Ja, ich kann ein Gedicht vor dem zeithistorischen Hintergrund <em>verstehen</em> (oder vor dem Hintergrund der Biographie einer Autorin), aber wenn ich ein Gedicht verstehe – f&#252;r mich ist es dann kein Gedicht mehr.</p>

<p>Klar: Ich habe Formanalysen gelernt, kann mit einigen rhetorischen Begriffen was anfangen und bin auch nach wie vor davon &#252;berzeugt, dass ein historischer oder ein auf die Biographie von Autoren und Autorinnen hin ausgerichteter Zugang zu einem Gedicht sehr hilfreich sind, wenn ich mit einem Gedicht ins Gespr&#228;ch kommen will, aber best&#252;nde der Reiz von Gedichten nur daraus, w&#228;ren sie nicht mehr als nette kulturhistorische Dokumente. Diese Zugangsweisen helfen, ein Gedicht im Kontext seiner Entstehung zu verstehen. Aber ein Gedicht beginnt f&#252;r mich erst da zu leben, wo ich selbst mit ihm in ein Gespr&#228;ch eintrete und es nicht f&#252;r das literaturhistorische Seminar oder den Unterricht analysiere. Dort, wo ein Gedicht meine Gedanken zum rotieren bringt, mich ein Sog erfasst, der mir immer neue Gedanken und Ideen bringt und mich auch mit meinen Gef&#252;hlen in ein Gedicht hinein zieht – dort lebt f&#252;r mich ein Gedicht.<span id="more-367"></span></p>

<p>Ingeborg Bachmanns »Alle Tage« ist f&#252;r mich ein solches Gedicht. Es begegnet mir gerade jetzt, weil ich mich neu mit <a href="http://www.tereziamora.de/" target="_blank">Terézia Mora</a>s Roman <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/18624.html" target="_blank">gleichen Titels</a> befasse und mich an die Namensgleichheit der Titel erinnerte. Ob es eine Verbindung gibt, ist mir noch nicht klar. Dass aber Bachmanns Gedicht f&#252;r mich eine erschreckende Aktualit&#228;t hat, das habe ich diese Tage neu entdecken d&#252;rfen.</p>

<p>Das Formale: Drei reimlose Strophen, einmal acht und zweimal sechs Verse – zwanzig Verse insgesamt. »Alle Tage« ist ein kurzes Gedicht. Auffallend sind die &#220;berg&#228;nge der Verse, die in vielen F&#228;llen als <a href="http://abgedichtet.org/?p=31" target="_blank">Enjambement</a> gestaltet sind. – Lese ich nun das Gedicht<sup><a href="http://herrlarbig.de/2008/09/30/alle-tage-ingeborg-bachmann/#footnote_0_367" id="identifier_0_367" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Aus urheberrechtlichen Gr&amp;#252;nde kann der Text des Gedichtes hier nicht ver&amp;#246;ffentlicht werden.">1</a></sup>, so werde ich die Frage aufnehmen m&#252;ssen, was dieses Ph&#228;nomen f&#252;r mein Verst&#228;ndnis des Textes bedeutet.</p>

<p>Es geht von Anfang an um den Krieg; um keinen bestimmten Krieg, sondern um den Krieg an sich, der mit einem bestimmten Artikel eingef&#252;hrt wird: »Der Krieg wird nicht mehr erkl&#228;rt, / sondern fortgesetzt. Das Unerh&#246;rte / ist allt&#228;glich geworden.« (V 1–3a) – Und da ist es schon, das erste Enjambement: Dass »Der Krieg« fortgesetzt wird, ohne erkl&#228;rt zu werden, ist unerh&#246;rt. Doch au&#223;erdem ist er »allt&#228;glich« geworden.</p>

<p>Ich sehe hier das Enjambement als die formale Umsetzung des Ausbruchs des Krieges aus den bislang gewohnte Grenzen: Er ist in den Alltag eingekehrt. Und auch an anderen Stellen kennzeichnet dieses Stilmittel die &#220;berschreitung von Grenzen des Gewohnten, des Unerh&#246;rten, dessen, was eigentlich sein darf<sup><a href="http://herrlarbig.de/2008/09/30/alle-tage-ingeborg-bachmann/#footnote_1_367" id="identifier_1_367" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Vgl. z. B. V 3/4; 4/5">2</a></sup>, das durch das »Unerh&#246;rte« dessen, was nicht »normal« sein darf &#252;berlagert wird.</p>

<p>Komme ich selbst, einigerma&#223;en unabh&#228;ngig von den Zeitumst&#228;nden der Entstehung des Gedichtes, mit dem Gedicht ins Gespr&#228;ch, so habe ich mehrere Assoziationen, was dieses »Unerh&#246;rte« in der Gegenwart sein k&#246;nnte:</p>

<ul>
    <li>Ich denke an Umgangsformen, die in immer mehr Bereichen von Konkurrenzgedanken gepr&#228;gt sind. Doch bei diesem Gedanken str&#228;ubt sich etwas in mir: Ist es nicht eine Verharmlosung dessen, was Krieg bedeutet, wenn ich dieses Begriff f&#252;r Umgangsformen verwende, die trotz allem, zumindest in meinem bisherigen Erfahrungskontext, relativ friedlich ablaufen?</li>
    <li>Ich denke daran, wie das Ende des Kalten Krieges 1989 fast unmittelbar in neue Kriege f&#252;hrte (Jugoslawien, Kuwait-Krieg…) und das »Unerh&#246;rte« Schritt f&#252;r Schritt auf f&#252;r die deutsche Au&#223;enpolitik zu etwas M&#246;glichem wurde, wenn auch aus der Perspektive der humanit&#228;ren Hilfe in Krisenregionen.</li>
    <li>Ich denke an den 11. September und daran, dass das bis dahin »Unerh&#246;rte« in den letzten Jahren mehr und mehr »allt&#228;glich geworden« ist: Bundeswehrsoldaten im dauerhaften Auslandseinsatz; die zunehmende Selbstverst&#228;ndlichkeit von Video&#252;berwachung; die Vorratsdatenspeicherung und alle weiteren Ma&#223;nahmen, die Sorgen begr&#252;nden, dass sich ein &#220;berwachungsstaat am Horizont abzeichnen k&#246;nnte. – Es scheint »allt&#228;glich geworden«, dass Freiheit nicht mehr als etwas verstanden wird, dass einem erlaubt, nichts zu verbergen zu haben und doch gegen &#220;berwachung und Vorratsdatenspeicherung zu sein.</li>
    <li>Ich denke an die Schlacht um die pers&#246;nlichen Daten m&#246;glichst vieler Menschen, in der noch viel mehr Daten gespeichert werden, als es Staaten heute durchsetzen wollen – Daten, die viele Menschen einfach Preis geben, ohne sich der m&#246;glichen Folgen bewusst zu sein.</li>
    <li>Und gerade in diesen Tagen denke ich daran, wie unerh&#246;rt es eigentlich ist, dass private Banken so wirtschaften k&#246;nnen und d&#252;rfen, dass pl&#246;tzlich Milliarden an Steuergeldern eingesetzt werden, um sie vor dem Konkurs zu retten.</li>
</ul>

<p>»Das Unerh&#246;rte / ist allt&#228;glich geworden.« – So allt&#228;glich, dass es oft gar nicht mehr als »Unerh&#246;rtes« wahrgenommen wird.</p>

<p>Bis an diese Stelle lese ich Bachmanns »Alle Tage« als ein politisch deutbares Gedicht. Doch in den folgenden Versen wird es pers&#246;nlicher, da es indirekt die Frage aufwirft, wo Lesende selbst in diesen allt&#228;glichen Ungeh&#246;rigkeiten angesiedelt sind.</p>

<p>Statt sich, wie bislang &#252;blich, ins Get&#252;mmel zu st&#252;rzen, sind Helden, folge ich dem Gedankengang in Bachmanns Gedicht, heute eher jene, die sich diesem Get&#252;mmel entziehen und sich kritisch mit den »Ungeh&#246;rigkeiten« der je eigenen Gegenwart zu befassen. (V 9–14)</p>

<p>Nun aber taucht das erste R&#228;tsel f&#252;r mich auf: »Der Schwache / ist in die Feuerzonen ger&#252;ckt.« (V 4f) Denke ich hier an Arme etc., die z. B. besonders h&#228;ufig beim Milit&#228;r landen? Oder denke ich an die zivilen Opfer, die die aktuellen Kriege fordern? Oder sind es Schwache bez&#252;glich der Reflexionsf&#228;higkeit auf die eigene Gegenwart? Das Gedicht zieht mich hier in einen Raum der Unbestimmtheit. Ich kann mich nicht entscheiden, wer eigentlich mit den »Schwachen« gemeint ist – zu viele Assoziationen werden da in mir wach.</p>

<p>Ebenso r&#228;tselhaft blieb mir lange die Formulierung, dass die Uniform der Gegenwart die Geduld sei (V 6). Ist damit vielleicht gemeint, dass der Langmut und die Geduld, die gegen&#252;ber den »Ungeh&#246;rigkeiten« aufgebracht wird, schon so allt&#228;glich geworden sind, dass sie mit der Metapher der »Uniform« gefasst werden k&#246;nnen? Oder ist diese Aussage eher positiv gemeint, indem sie den »Kampfanzug« derer meint, die sich gegen diese »Ungeh&#246;rigkeiten« z. B. auf juristischem Wege zur Wehr setzen? – Ich neige zu dem zweiten Verst&#228;ndnis, denn die von Ingeborg Bachmann in den folgenden Versen (V 7f) genannte Auszeichung der »Helden« der Gegenwart ist nichts anderes als »armselige Stern / der Hoffnung &#252;ber dem Herzen«. – Die Hoffnung nicht aufgeben, dass der »Krieg«, das »Ungeh&#246;rige« ein Ende finden wird?</p>

<p>Die Hoffenden, die Widerst&#228;ndigen gegen die »Ungeh&#246;rigkeiten« werden ihre »Auszeichnung« erst erhalten, wenn das »Ungeh&#246;rige« nicht mehr geschieht. Ich denke da an <a href="http://www.dadalos.org/deutsch/Vorbilder/Vorbilder/gandhi/gandhi.htm" target="_blank">Gandhi</a>, <a href="http://www.dadalos.org/deutsch/Vorbilder/Vorbilder/mlk/ml_king.htm" target="_blank">Martin Luther King</a> oder auch <a href="http://www.kindernetz.de/infonetz/gewusst/apartheid/-/id=16024/nid=16024/did=34216/153e1hm/index.html" target="_blank">Nelson Mandela</a>. Sie k&#228;mpften gegen die allt&#228;glich gewordenen »Ungeh&#246;rigkeiten«, wurden verfolgt, inhaftiert, die ersten beiden sogar ermordet – und doch von ihrer Hoffnung nicht verlassen. Als ihre Feinde »unsichtbar« geworden waren, wurde ihnen der »armselige Stern / der Hoffnung &#252;ber dem Herzen« zur Auszeichung.</p>

<p>In der dritten Strophe nun schreibt Ingeborg Bachmann, was diese Hoffenden ausmacht: Sie fliehen vor den Fahnen, zeigen sich dem Freund gegen&#252;ber tapfer, verraten unw&#252;rdige Geheimnisse (sind also Aufkl&#228;rer, wie z. B. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Investigativer_Journalismus" target="_blank">investigativ</a> arbeitende Journalisten und Journalistinnen…) und missachten die Befehle, die im Rahmen des »Unerh&#246;rten« gegeben werden (V 15–20). Es sind die Mutigen, die den »armseligen Stern / der Hoffnung &#252;ber dem Herzen« tragen.</p>

<p>Interessanterweise verschwinden die Enjambements in der zweiten und dritten Strophe des Gedichts fast vollst&#228;ndig oder es handelt sich nur noch um sehr schwache Enjambements. Die<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Form_(Philosophie)" target="_blank"> Form spiegelt hier den Inhalt</a> wider: Es geht hier um diejenigen, die die Grenze nicht &#252;berschreiten, welche an die Stelle des Friedens den allt&#228;glich gewordenen »Krieg« mit all seine »Ungeh&#246;rigkeiten« setzt. Klare Aufz&#228;hlungen machen hier einen gro&#223;en Teil der Verse aus (V 10–14; 16–19), ohne die verschlungenen Pfade, die das Enjambement in einem Gedicht f&#252;r die Bedeutung der Verse er&#246;ffnet.</p>

<p>Mir ist bewusst, dass eine solche Herangehensweise an »Alle Tage« selbst wieder eine an den Bedingungen der Gegenwart des Lesers orientierte ist – und somit veralten wird. Doch genau das ist das f&#252;r mich Spannende an einem Gedicht wie Bachmanns »Alle Tage«: Jede Zeit kann und muss es neu f&#252;r sich erschlie&#223;en; jeder Leser und jede Leserin muss es neu f&#252;r sich schlie&#223;en. Dies hier ist nur eine m&#246;gliche Variante – und ich w&#252;rde mich sehr freuen, regte diese Beitrag den einen oder die andere Leser oder Leserin an, selbst eine Interpretation des Gedichtes zu verfassen und als Kommentar hier zu hinterlassen.</p>

<blockquote>Ingeborg Bachmann, Alle Tage, in: Ingeborg Bachmann, S&#228;mtliche Gedichte, M&#252;nchen 1998 (zuerst 1978), 56.</blockquote>

<p><strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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