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	<title>herrlarbig.de &#187; Präventionsstaat</title>
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	<description>Bildungs-Neuron &#124; Lehrerblog &#124; Etc.</description>
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		<title>50000+ Zeichner der Petition f&#252;r das Verbot von Vorratsdatenspeicherung #vds</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Sep 2011 13:54:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Der Deutsche Bundestag m&#246;ge beschlie&#223;en, dass die verdachtlose Vorratsdatenspeicherung nicht zul&#228;ssig ist. Dar&#252;ber hinaus m&#246;ge er die Bundesregierung auffordern, sich f&#252;r eine Aufhebung der entsprechenden EU-Richtlinie und f&#252;r ein europaweites Verbot der Vorratsdatenspeicherung einzusetzen.“ So lautet der Inhalt, den &#252;ber &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2011/09/14/50000-zeichner-der-petition-fur-das-verbot-von-vorratsdatenspeicherung-vds/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><object width="560" height="345" classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.youtube-nocookie.com/v/qKySz7eFi3E?version=3&amp;hl=de_DE&amp;rel=0" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed width="560" height="345" type="application/x-shockwave-flash" src="http://www.youtube-nocookie.com/v/qKySz7eFi3E?version=3&amp;hl=de_DE&amp;rel=0" allowFullScreen="true" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" /></object></p>

<p>„Der Deutsche Bundestag m&#246;ge beschlie&#223;en, dass die verdachtlose Vorratsdatenspeicherung nicht zul&#228;ssig ist. Dar&#252;ber hinaus m&#246;ge er die Bundesregierung auffordern, sich f&#252;r eine Aufhebung der entsprechenden EU-Richtlinie und f&#252;r ein europaweites Verbot der Vorratsdatenspeicherung einzusetzen.“</p>

<p>So lautet der Inhalt, den &#252;ber 50000 B&#252;rgerinnen und B&#252;rger nunmehr mit ihrer digitalen Zeichnung <a href="https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=17143" target="_blank">einer Petition</a> unterst&#252;tzen und bis 6.10.2011 auch noch weiter unterst&#252;tzen k&#246;nnen.</p>

<p>In den vergangenen Tagen war immer wieder zu lesen, dass diese Zahl von 50000 bis heute erreicht sein m&#252;sse, denn dann <em>m&#252;sse</em> sich der Petitionsausschuss mit der Petition befassen. Hinter dieser Aussage steht etwas richtiges und etwas falsches:<span id="more-6326"></span></p>

<p>Der <a href="http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/a02/Docs/Quorum.pdf" target="_blank">Petitionsausschuss erl&#228;utert hier</a>, was es mit der Zahl 50000 bis drei Wochen nach Ver&#246;ffentlichung der Petition auf sich hat. Dort hei&#223;t es zum Quorum:</p>

<blockquote><address>Die „Zahl von 50.000 Unterst&#252;tzern, hat der Petitionsausschuss im Jahre 2005 zus&#228;tzlich zu dem damals begonnenen Modellversuch &#246;ffentliche (besser: ver&#246;ffentlichte) Petitionen in seine Verfahrensregeln eingef&#252;gt und sich verpflichtet Petitionen, die bei Einreichung bzw. innerhalb von drei Wochen ab Einreichung von mehr als 50.000 Menschen unterst&#252;tzt werden, in einer &#246;ffentlichen Sitzung mit dem Petenten zu er&#246;rtern, es sei denn, dass der Ausschuss mit einer 2/3-Mehrheit etwas anderes beschlie&#223;t.“</address></blockquote>

<address><em>In der Regel</em> kann man wohl davon ausgehen, dass der Petitionsausschuss seiner Selbstverpflichtung folgt, denn 50000+ B&#252;rger und B&#252;rgerinnen ihr Engagement „um die Ohren zu schlagen“ und nicht &#246;ffentlich zum Thema der Petition zu tagen, w&#252;rde nur den Eindruck verst&#228;rken, dass „die Politiker“ sowieso keine Ahnung von der Stimmung im Volk haben – und sich f&#252;r diese auch nicht interessieren.</address>

<address><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Petition" target="_blank">Eine Petition ist ein Ersuchen, eine Art Bittschrift</a>. Die Besch&#228;ftigung mit dem Thema einer Petition im Petitionsausschuss kann h&#246;chstens zu Empfehlungen f&#252;hren, bei Vorschl&#228;gen zu Gesetzen, wie in dem Fall dieser Petition, liegt die Entscheidungsmacht beim Parlament.</address>

<address>Konkret wird in der Petition ein<a href="https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=17143" target="_blank"> Verbot der verdachtlosen Vorratsdatenspeicherung</a> verlangt. Die Bundesregierung zieht sich argumentativ darauf zur&#252;ck, dass sie eine EU-Verordnung umzusetzen habe. Deshalb wird in der Petition auch eine klare Positionierung gegen&#252;ber dieser Richtlinie gefordert.</address>

<address>&#220;ber 50000 B&#252;rgerinnen und B&#252;rger haben diese Petition innerhalb von drei Wochen unterzeichnet. Der Petitionsausschuss wird sich mit diesem Ersuchen aller Voraussicht nach in &#246;ffentlicher Sitzung befassen. – Die Politik wird gleichzeitig weiter in Richtung dessen arbeiten, was<a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,786178,00.html" target="_blank"> Sascha Lobo die „vorauseilende Volks&#252;berwachung“ nennt</a>.</address>

<address>Die Pl&#228;ne zur Vorratsdatenspeicherung sind weitreichend, denn es handelt sich dabei um </address>

<blockquote><address>„eine automatisierte Kommunikations&#252;berwachung aller B&#252;rger, zu jeder Zeit, ohne Anlass, ohne jede richterliche Verf&#252;gung. In der Tat gab es eine solche st&#228;ndige Gro&#223;&#252;berwachung in der Bundesrepublik noch nie.“ (<a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,786178,00.html" target="_blank">Der Spiegel</a>)</address></blockquote>

<address>Eine solche Kommunikations&#252;berwachung ist nichts, was eine lebendige, freiheitliche Demokratie auszeichnet. Eine solche „automatisierte Kommunikations&#252;berwachung aller B&#252;rger“ ist das Zeichen einer &#228;ngstlichen Demokratie, die dabei ist, ihre Freiheit aus lauter Angst aufzugeben und auf Pr&#228;vention zu setzen. </address>

<address>Wir sind auf dem <a href="http://www.amazon.de/Vom-Rechtsstaat-zum-Pr&#228;ventionsstaat-suhrkamp/dp/3518125435" target="_blank">Weg vom Rechtsstaat in den Pr&#228;ventionstaat</a>, auf dem Weg. Der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pr&#228;ventionsstaat" target="_blank">Pr&#228;ventionsstaat</a> aber w&#228;re das Ergebnis einer Politik, die sich Freiheit nicht traut, die der Freiheit der B&#252;rgerinnen und B&#252;rger misstraut. Und entsprechend misstrauen die B&#252;rger und B&#252;rgerinnen der Politik, was die Zahlen der Nicht- oder Protestw&#228;hler an den R&#228;ndern erh&#246;ht. </address>

<address>Wir m&#252;ssen „mehr Demokratie wagen“ (<a href="http://www.bwbs.de/UserFiles/File/PDF/Regierungserklaerung691028.pdf" target="_blank">Willy Brandt</a>). Wir m&#252;ssen uns emp&#246;ren (<a title="Stéphane Hessel" href="http://www.faz.net/artikel/C30351/stephane-hessels-pamphlet-empoert-euch-30323966.html" target="_blank">Stéphane Hessel</a>).</address>

<address>Wenn ich in meinem Freundeskreis zu h&#246;ren bekomme, dass die Zeichnung einer solchen Petition eh nichts bringe, da die Politik durch das <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,681255,00.html" target="_blank">Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur ersten Fassung des Vorratsdatenspeicherungs-Gesetzes</a> ja gen&#252;gend Spielraum zur Wiedereinf&#252;hrung der Vorratsdatenspeicherung bekommen habe und diesen garantiert auch nutzen werde. </address>

<address>Das Misstrauen gegen&#252;ber der Politik ist an vielen Stellen gro&#223;. Doch nach wie vor ist der Souver&#228;n der Bundesrepublik Deutschland nicht die Gruppe der Politiker sondern das ganze Volk. Entsprechend ist Einfluss m&#246;glich, auch wenn es manchmal schwer scheint. </address>

<address>Ich bin beeindruckt, dass &#252;ber 50000 Menschen in drei Wochen zeigten, dass das Thema Vorratsdatenspeicherung nach wie vor Thema in der Bev&#246;lkerung ist. Dass eine gro&#223;e Zahl von B&#252;rgerinnen und B&#252;rgern sich gegen etwas ausspricht, was mit einem politischen Schlagwort auch schon „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Stasi_2.0" target="_blank">Stasi 2.0</a>“ genannt wurde<em>, </em>l&#228;sst hoffen, dass sich fr&#252;her oder sp&#228;ter die Einsicht durchsetzt, dass ein &#220;berma&#223; an <a title="Wenn Pr&#228;vention Freiheit zerst&#246;rt: Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“" href="http://herrlarbig.de/2009/05/22/wenn-praevention-freiheit-zerstoert-juli-zehs-corpus-delicti-ein-prozess/" target="_blank">Pr&#228;vention letztlich Freiheit zerst&#246;rt</a> und somit eine der Grundlagen einer <em>freiheitlich</em>-demokratischen Grundordnung in Frage stellen w&#252;rde.</address>

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		<title>Wenn Pr&#228;vention Freiheit zerst&#246;rt: Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“</title>
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		<pubDate>Fri, 22 May 2009 00:12:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Herr Larbig</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezensenten scheinen sich, glaube ich den Zusammenfassungen auf perlentaucher.de (und ich sehe keinen Grund, warum ich das nicht tun sollte), bei Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“1 nicht einig zu sein. Ich finde das gut, denn „Corpus Delicti“ ist einer &#8230; <a href="http://herrlarbig.de/2009/05/22/wenn-praevention-freiheit-zerstoert-juli-zehs-corpus-delicti-ein-prozess/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezensenten scheinen sich, glaube ich den <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/31534.html" target="_blank">Zusammenfassungen auf perlentaucher.de</a> (und ich sehe keinen Grund, warum ich das nicht tun sollte), bei <a href="http://julizeh.de/" target="_blank">Juli Zeh</a>s „Corpus Delicti. Ein Prozess“<sup><a href="http://herrlarbig.de/2009/05/22/wenn-praevention-freiheit-zerstoert-juli-zehs-corpus-delicti-ein-prozess/#footnote_0_1699" id="identifier_0_1699" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Juli Zeh, Corpus Delicti. Ein Prozess, Frankfurt am Main (Sch&amp;#246;ffling) 2009. 264 Seiten &ndash; 19,90 &euro;">1</a></sup> nicht einig zu sein. Ich finde das gut, denn „Corpus Delicti“ ist einer der politischsten Texte, die ich in den letzten Jahren gelesen habe und zwingt den Leser geradezu zu Assotiationen mit gegenw&#228;rtigen Entwicklungen. Der Roman verlangt eine eigene Positionierung, was m&#246;glicherweise auch die unterschiedlichen Besprechungen des Buches erkl&#228;rt.  Zun&#228;chst als Theaterst&#252;ck erschienen, liegt „Corpus Delicti” nun als Roman vor, dem das szenenhafte eines Theaterst&#252;cks aber nach wie vor geblieben ist.</p>

<blockquote>„Es geht […] um die Tatsache, dass die Datenspur eines Menschen Millionen von Einzelinformationen enth&#228;lt, aus denen sich jedes beliebiges Mosaik zusammensetzen l&#228;sst.” (S. 226)</blockquote>

<p>Mia Holl lebt im fiktiven Deutschland des Jahres 2057, das zu einem in Fragen der Gesundheit konsequenten Pr&#228;ventivstaat geworden ist.</p>

<p>Im Oberarm implantierte Chips<span id="more-1699"></span> liefern st&#228;ndig Daten an Scanner, in Wohnungen wird alles an Daten erhoben, was nur m&#246;glich, bis hin zum Gehalt an Magens&#228;ure im Abwasser, woraus man R&#252;ckschl&#252;sse ziehen kann, ob sich ein B&#252;rger &#252;bergeben hat. Es wird aber beispielsweise auch erhoben, ob man die verpflichtende Kilometerzahl auf dem Heimfahrrad zur&#252;ckgelegt hat.</p>

<p>Krankheit ist ausgerottet, jedes m&#246;glicherweise krankmachende Verhalten ist ein Straftatbestand.</p>

<p>Das Staatssystem nennt sich „Methode“ und h&#228;lt sich f&#252;r absolut rational.</p>

<p>Wer sich dem doch nur das Beste wollenden Staat und der Vorsorge entzieht, ist selber schuld. Wer ein „Recht auf Krankheit“ fordert, wird vom Staat als Terroist verfolgt und Mia Holl steht vor Gericht, weil sie nicht glauben will, dass ihr Bruder Moritz, trotz eines scheinbar eindeutigen DNA-Beweises, eine Frau vergewaltigt und umgebracht haben soll.</p>

<p>Moritz hat sich in der Haft umgebracht und Mia, einst vollkommen systemh&#246;rig, kommt ins Zweifeln, wird zum Star einer aufkeimenden Gegenbewegung – und muss am Ende erfahren: Ein System, dass die Datenspur eines Menschen m&#246;glichst umfassend erhebt, kann daraus alles ihm liebe konstruieren. – Wenn zun&#228;chst auch Assoziationen zu <a href="http://herrlarbig.de/2008/08/22/2008-big-brother-is-still-watching-you/" target="_blank">George Orwells Roman „1984“</a> aufkeimen, tauchen am Ende in meiner Erinnerung Bilder aus Heinrich B&#246;lls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf.</p>

<p>Aber Assoziationen zu anderen Autoren und deren Werke reichen nicht, um dem Anspruch des Buches gerecht zu werden. „Corpus Delicti“ ist vielmehr ein Buch, in dem die Tendenzen der Gegenwart mit gro&#223;er intellektueller Sch&#228;rfe aufgegriffen und weiter gedacht werden. Im Buch f&#252;hrt die F&#252;rsorglichkeit des Staates zur radikalen Entm&#252;ndigung der B&#252;rger – und entpuppt sich somit als ein antiaufkl&#228;rerisches Projekt, setzte die Aufkl&#228;rung doch „auf den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“. Diesem Anspruch tritt der Staat in „Corpus Delicti“, verk&#246;rpert durch Heinrich Kramer, einem fanatischen Gentlemen, der mit dem Buch „Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation“ das ideologische Grundwerk dieser Gesundheitsdikatur geschrieben hat, mit dem Anspruch entgegen, dass doch wohl keiner etwas dagegen haben k&#246;nne, wenn man Gesundheit ins Zentrum des Staatswesen stelle und sich somit von allen Ideologien entferne, die das 20. Jahrhundert gepr&#228;gt h&#228;tten:</p>

<blockquote>„Gesundheit ist das Ziel des nat&#252;rlichen Lebenswillens und deshalb nat&#252;rliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik.“ (S. 7)</blockquote>

<p>Und an anderer Stelle formuliert Kramer das antiaufkl&#228;rerische der „Methode“ selbst:</p>

<blockquote>„Ich verabscheue das R&#252;ckst&#228;ndige der Freigeisterei, dieses altmodische &#220;berbleibsel b&#252;rgerlicher Aufkl&#228;rung.“ (182)</blockquote>

<p>Wer wollt einer solchen Aussage auf dem ersten Blick widersprechen? – Und doch f&#252;hrt dieses Ziel zu einer Diktatur – und er&#246;ffnet von Anfang an Assoziationr&#228;ume. Das ist &#252;berhaupt eine der gro&#223;en St&#228;rken dieses Buches: Es erlaubt den Lesenden, die Gegenwart kritisch in den Blick zu nehmen, ohne dass sie von der Autorin bevormundet w&#252;rden – dazu sind die Darstellungen der Notwendigkeiten und Risiken eigenen Denkens viel zu differenziert ausgefallen.</p>

<p>Ersetzen wir „Gesundheit“ durch „Sicherheit“, so sind die Leser mitten in der Gegenwart, mit Vorratsdatenspeicherung, Er&#246;ffnung rechtlicher M&#246;glichkeiten der Internetzensur mithilfe eines moralisch hochstehenden Wertes, Einf&#252;hrung biometrischer Daten in Ausweisdokumenten etc. – Und somit &#252;berrascht es nicht, dass Juli Zeh als erste Autorin &#252;berhaupt eine Klage beim Bundesverfassungsgericht gegen eben diese Integration biometrischer Daten in Ausweisdokumenten eingereicht hat. – Das sei aber nur am Rande erw&#228;hnt.</p>

<p>Mia Holl kommt im Laufe ihres Kampfes f&#252;r die Rehabilitation ihres Bruders zu dem Schluss, dass sie ihrer Gesellschaft das Vertrauen entzieht. Und hier wird der Roman hoch aktuell. In einem von Mia Molls in Heinrich Kammers Feder diktierten Text hei&#223;t es unter anderem:</p>

<blockquote>„Ich entziehe einem Recht das Vertrauen, das seine Erfolge einer vollst&#228;ndigen Kontrolle des B&#252;rgers verdankt. Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat. […] Ich entziehe einer Politik das Vertrauen, die ihre Popularit&#228;t allein auf das Versprechen eines risikiofreien Lebens st&#252;tzt.“ (S. 186f.)</blockquote>

<p>Sicherheit als Argument f&#252;r die Reduktion b&#252;rgerlicher Freiheitsrechte, f&#252;r die Aush&#246;hlung des Brief- und Telekommunikationsgeheimnisses; abscheuliche Verbrechen einer Minderheit und die sich daraus ergebenden Schutznotwendigkeiten minderj&#228;hriger Opfer als Einstieg in rechtliche M&#246;glichkeit zur Sperrung bestimmter Websites und somit zumindest die Schaffung erster rechtlicher Grundlagen zu einer &#252;ber das moralisch hochstehende Anliegen hinaus gehenden Zensur im Internet – inklusive einer Diskreditierung der sachlich gegen diese Entwicklungen argumentierenden Fachleute als potentielle Unterst&#252;tzer jener abscheulichen Verbrechen, die man doch nur verhindern wolle… – Mir kommen Mia Molls Aussagen ebenso aktuell vor, wie die Aussage, dass doch nur derjenige gegen &#220;berwachung sein m&#252;sse, der etwas zu verbergen habe, da sie doch die allgemeine Sicherheit steigere.</p>

<p>Nein, ein absolutistischer Pr&#228;ventivstaat ist keine wilde Phantasie einer Schriftstellerin. Selbst im Forum der Seiten des Deutschen Bundestages wird auf das <a href="http://www.bundestag.de/blickpunkt/101_themen/0703/0703044.htm" target="_blank">Risiko der Freiheitseinschr&#228;nkung der B&#252;rger durch den Staat mit pr&#228;ventivem Ziel</a> hingewiesen, zu denen &#252;brigens auch Onlinedurchsuchungen von Rechnern geh&#246;ren. Die Unschuldsvermutung bis zum Vorliegen konkreter Belege, dass diese nicht mehr gelten kann, wird immer mehr ausgeh&#246;lt und die Freiheit dem scheinbar so rationalen Sicherheitsargument unterworfen. – Juli Zehs „Corpus Delicti“ greift indirekt tats&#228;chlich die zentralen Risiken der Unterminierung der freiheitlich demokratischen Grundordnung auf und steht somit, f&#252;r junge deutschsprachige Schriftstelle &#252;brigens v&#246;llig untypisch, in der Tradition politisch und gesellschaftlich aufkl&#228;rerisch wirken wollender Literatur eines Erich Frieds oder Heinrich B&#246;lls, dessen „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ nicht ohne Grund immer wieder als Vergleich zu Zehs Roman (Theaterst&#252;ck) heran gezogen wird.</p>

<p>Das besondere an Zehs Roman – und das verbindet sie mit Heinrich B&#246;ll – ist, dass der literarische Anspruch nicht von der politischen Interpretationsm&#246;glichkeit des Textes &#252;berlagert wird.</p>

<p>Einerseits wird hier ein Schl&#252;sselthema unserer Zeit aufgegriffen, m&#252;ssen wir uns doch zunemend der Frage stellen, wie weit wir im Kontext von Pr&#228;vention die schleichende Entm&#252;ndigung durch die Vorsorgeanspr&#252;che des Staates zu akzeptieren bereit sind. Andererseits wird dieses Thema in einer knappen, zahlreiche Leerstellen f&#252;r eigene Assoziationen der Lesenden lassenden Erz&#228;hlweise darsgestellt, ohne dass die Erz&#228;hlfigur des Romanes auf eigene Erz&#228;hlerkommentare verzichten w&#252;rde.</p>

<blockquote>„Gehen wir der Einfachheit halber davon aus, dass sie [Mia Holl] an Moritz denkt. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir richtig liegen, ist sehr hoch.“ (S. 79)</blockquote>

<p>Die Sprache wirkt teilweise, bei aller tiefgehenden Durchdringung der im Roman aufgegriffenen Themen, k&#252;hl und distanziert. Die Szenen (Kapitel) sind zahlreich (50 Kapitel) und knapp (auf 264 Seiten), wobei die Figuren teilweise den Eindruck erwecken, sie seien von der Autorin nicht dreidimensional genug dargestellt worden und blieben deshalb seltsam distanziert.</p>

<p>Diese Kritik muss sich der Roman gefallen lassen, wenn man von einem an einen Krimi erinnernden Roman eine Spannung erwartet, die den Leser mitrei&#223;t, eine Heldin erhofft, die als Identifikationsfigur gestaltet ist. Doch diesen Anspruch will der Roman gar nicht erf&#252;llen.</p>

<p>Juli Zehs „Corpus Delicti. Ein Prozess“ steht in meinen Augen eher in der Tradition des Anspruchs Brechts an ein Theater mit aufkl&#228;rerischem Anspruch (und „Corpus Deliciti war zun&#228;chst ein Theaterst&#252;ck, sodass diese Assoziation legitim ist), als in der Tradition von Thrillern und Kriminalromane, die zum Mitfiebern einladen, so sehr von der Autorin, vor allem gegen Ende des Romans, einiges an Spannungsaufbau erreicht wird.</p>

<p>Doch nicht nur an Bertolt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Episches_Theater" target="_blank">Brechts episches Theater</a>, auch durch die Umsetzung eines Theaterst&#252;cks als Roman, wie bei Brechts „Dreigroschenoper“ und dem „Dreigroschenroman“, erinnert „Corpus Deliciti. Die Grundhandlung ist vielmehr eher die einer <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Griechische_Trag%C3%B6die" target="_blank">griechischen Trag&#246;die</a>: Mia Moll muss im Rahmen ihrer Gesellschaft schuldig werden, egal, wie sie handeln wird:</p>

<blockquote>„‚Ich blicke auf eine Kreuzung zwischen zwei Wegen’, sagt Mia. ‚Der eine Weg hei&#223;t Ungl&#252;ck, der andere Verderben. Entweder ich verfluche ein System, zu dessen METHODE es keine vern&#252;nftige Alternative gibt. Oder ich verrate die Liebe zu meinem Bruder, an dessen Unschuld ich ebenso fest glaube wie an meine Existenz.’” (S. 39)</blockquote>

<p>Wohin das f&#252;hren wird, ob es Mia gelingt, am Ende doch als strahlende Siegerin darzustehen? Keine Frage, dieser Roman ist auch dann ein literarischer Genuss, wenn man das Ende kennt. Da ich ihm aber sehr viele Leser und Leserinnen w&#252;nsche, verzichte ich darauf, das Ende zu verraten. Nur so viel: Das Ende ist irritierend, wirft Fragen auf und fordert die reflexiven F&#228;higkeiten der Lesenden noch einmal massiv heraus. Juli Zeh macht es auch formal schwer, den Roman einfach abzuschlie&#223;en, zur Seite zu legen und zum n&#228;chsten Buch zu greifen. Nach der letzten Seite bleiben Fragen offen, denen sich Lesende stellen m&#252;ssen, wollen sie diesen gelungenen Roman wirklich auf sich wirken lassen.<strong>&#196;hnliche Beitr&#228;ge:</strong></p>

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