Herrn Larbigs Bibliothek 9 – Jussi Adler-Olsen: Erlösung

Es geht nicht mehr darum, wer der Täter ist. Das wird in „Erlösung“ von Jussi Adler-Olsen sehr schnell erzählt.

Auch was die Opfer und die Beweggründe des Täters angeht, kann man schon nach der Hälfte des Krimis einiges sagen und wissen.

Das liegt daran, dass zwei Handlungsstränge parallel erzählt werden: Einerseits werden die Ermittlungen Carl Mörks, Assads und Rose bzw. deren „Schwester“ (?) Yrsa dargestellt, andererseits wird tiefer und tiefer in die Psyche und die Handlungsweisen Einblick gewährt, die den Täter bewegen.

Die Geschichte die Adler-Olsen erzählt, ist aber nicht nur interessant, weil da Ermittler und Täter parallel unterwegs sind. Vorrangig wird diese Geschichte erzählt, weil in ihr für den Täter alles, was in den vergangenen Jahren bei ähnlichen Taten so perfekt zu funktionieren schien, aus den Fugen gerät.

Es kommt zu sehr vielen ungeplanten Situation, rasanten Verfolgungsjagden, Menschen, die nicht so handeln wie es der kontrollsüchtige Täter erwartet… Kurz: Es gerät alles aus den Fugen und auch im Polizeipräsidium scheint es mehrere Fälle gleichzeitig zu geben, an denen die Ermittler dran sind, die ihnen aber durchaus noch Zeit für persönliche Sympathien und Aversionen lassen.

Irgendwann aber müssen sich die Wege von Carl Mörk, Assad und dem sich so selbstsicher fühlenden Täter kreuzen. Dies geschieht, nachdem wieder mal etwas nicht so geklappt hat, wie sich der Mörder sich das vorgestellt hatte und er fliehen muss. Kompositorisch ist dies Adler-Olsen richtig gut gelungen. Das meine ich vom ganzen Roman sagen zu können: Er ist gut komponiert und das Tempo nimmt zum Ende hin mehr und mehr zu.

Es bleibt zwar sehr viel Dunkelheit über der Vergangenheit des Täters, der sich so viele Identitäten zugelegt hat, dass er selbst nicht mehr zu wissen scheint, wer er eigentlich ist, aber die Figur ist ausreichend ausgearbeitet, sodass ihr Handeln in erschreckender Weise für diese Figur als nachvollziehbar gelesen werden kann.

Der dritte Mörk-Roman aus Adler-Olsens Thrillerwerkstatt. Wenn mich nicht alles täuscht, sind diese Romane von Band zu Band besser komponiert worden.

Adler-Olsen hat angekündigt, dass er zehn Bände um die „Sonderkomission Q – Abteilung für ungelöste Fälle“ schreiben wolle. Die Figuren um Carl Mörk herum, Assad, dessen Vorgeschichte nach wie vor im Dunkeln bleibt, und Rose, bei der noch zu klären ist, ob sie wirklich die in „Erlösung“ sich andeutende Persönlichkeitsspaltung hat, bieten zumindest genug Potential als Figuren, um sich in der Beschäftigung mit weiteren Fällen interessant weiter entwickeln zu können.

Jussi Adler-Olsen, Erlösung (aus dem Dänischen von Hannes Thiess, München (dtv) 2011, 592 Seiten (14,90 €)

Abi-Bet-Tücher und Psychologie – Abitur 2009

Als auch dieses Jahr zum schriftlichen Abitur wieder all die beschrifteten, bemalten oder bedruckten Betttücher, Plakate und Fahnen vor der Schule hingen, erinnerte mich dies an die Tradition der Gebetsfahnen im tibetischen Buddhismus.

Eine letzte Botschaft vor dem Schulgebäude, soll den Prüflingen Glück und Zuversicht mit auf den Weg geben. Hier denken andere an einen. Psychologisch ist dieses Wissen wichtig (zumindest dann, wenn die positive Unterstützung auch dann gewiss ist, wenn eine Prüfung nicht wie gewünscht ausgehen sollte, auch wenn man sich so gut wie einem möglich vorbereitet hat).

Mich erinnern diese Tücher darüber hinaus an die Tradition der Fürbitte im Christentum, in der ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen einen anderen Menschen oder eine Gruppe von Menschen in sein oder ihr Gebet mit aufnimmt bzw. aufnehmen.

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In diese Tüchern, Plakaten und Fahnen drückt sich ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen aus: Continue reading

Zu Michael Winterhoffs »Warum unsere Kinder Tyrannen werden«

Schreibt ein Autor1:

»Mein Ansatz […] ist die einzige Möglichkeit…«,

so ist es naheliegend, dass sich dieser Autor alleine auf seinen Erfahrungshorizont beschränkt, keine Bezüge zur fachwissenschaftlichen Debatte herstellt oder gar Studien von Fachkollegen als Unterstützung seiner Thesen heranzieht.2

Alleinvertretungsansprüche, Ansätze, die sich für exklusiv und zuverlässig halten, haben jedoch immer den Mangel, dass sie verdächtig und anmaßend erscheinen können, so überzeugend eine auf Anekdoten aus der eigenen Arbeit aufgebaute Darstellung rhetorisch auch scheint.

Michael Winterhoff hat mit seinem auf der Sachbuch-Bestsellerliste des Spiegels erscheinendem »Warum unsere Kinder Tyrannen werden« genau ein solches Buch geschrieben.

Winterhoffs Grundthese ist die eines Kinder- und Jugendpsychiaters: Kindern werde nicht mehr die Möglichkeit einer angemessenen Entwicklung ihrer Psyche gegeben, sie würden zu früh als »Partner« der Eltern betrachtet und Eltern gingen eine viel zu enge Symbiose mit ihren Kindern ein. Dies sei eine Folge der antiautoritären Erziehung der vergangenen Jahrzehnte und darüber hinaus der rasanten gesellschaftlichen Veränderungen in den vergangenen Jahren.

Ich will Winterhoffs Thesen nicht im Detail betrachten, da sie eben nichts anderes als spekulative Vermutungen sind, die die eigenen Erfahrungen im Beruf eines Psychiaters zur allgemeinen Geltung erheben. – Und das ist wirklich schlimm, da Winterhoff als Psychiater nun eben die nicht auffällig werdenden Kinder nicht zu Gesicht bekommt und, wenn er die eigenen, im Prinzip ausschließlich auf Defiziterfahrungen beruhenden Einsichten verallgemeinert ohne auf die Begrenztheit seines Erfahrungshorizontes zu reflektieren, zu einer Pathologisierung einer ganzen Gesellschaft neigt.

Winterhoff reflektiert die Möglichkeiten und Grenzen, der von ihm bei seiner Arbeit gewonnenen Erkenntnisse bezüglich ihrer Verallgemeinerbarkeit nicht. Das Problem des Verhältnisses von Genese und Geltung seiner Positionen spielt in Winterhoffs Buch keine Rolle. Statt dessen wird ein nahezu apokalyptisches Szenario aufgebaut, wenn Winterhoff davon spricht, dass die »psychische Unreife unserer Kiner und Jugendlichen« »zukunftsbedrohend« sei.

Im Prinzip greift Winterhoff in seinem Buch vor allem medial ständig verbreitete Klischees über das Verhalten von Kindern und deren Folgen auf, verbindet sie mit Erfahrungen aus seiner eigenen Arbeit und entwickelt aus Klischees und eigenen Erfahrungen einen Alleinvertretungsanspruch, wenn es um eine angemessene Annäherung an diese Problem geht.

Damit ist nicht gesagt, dass Winterhoffs Position per se als falsch zu betrachten wären: Jeder, der im Erziehungsbereich arbeitet, kann durchaus beobachten, dass Kinder und Jugendliche selbst die Erziehungsvorstellungen von Pädagogen und Pädagoginnen eher berfremdet betrachten, klare Regeln fordern und überfordert sind, wenn Erwachsene den jeweiligen entwicklungspsychologischen Stand der Kinder und Jungendlichen missachten. – Das ist in der Lern- und Entwicklungspsychologie meiner Wahrnehmung nach eher Standardwissen als eine besonders hervorzuhebende neue Entdeckung.

Ist Winterhoffs Buch also überflüssig? Seinen eigenen Anspruch formuliert Winterhoff im abschließenden Kapitel des Buches:

Es bleibe die Hoffung, so Winterhoff, »dass die Schaffung eines Bewusstseins für die gegenwärtigen Abwärtstendenzen dazu führt, dass eine Umkehr stattfindet und Erwachsene zurückfinden zu ihrer angemessenen Rolle…« (190)

Neu mag sein, dass Winterhoff den Eltern, Erziehern und der Gesellschaft ganz allgemein die »Verantwortung« für von ihm als solche interpretierte Fehlentwicklung von Jugendlichen zuschreibt – das mit diesen Zuschreibungen verbundene Bild der gegenwärtigen Jugendgeneration ist aber so neu nicht:

Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe. (Keilschrifttext aus Ur um 2000 v. Chr.) Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer. (Sokrates, Philosoph, 470-399 v.Chr.) Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen. (Aristoteles, Philosoph, 384-322 v. Chr.)
Michael Winterhoff, Warum unsere Kinder Tyrannen werden – Oder: Die Abschaffung der Kindheit, Gütersloh 2008.
  1. Michael Winterhoff, Warum unsere Kinder Tyrannen werden – Oder: Die Abschaffung der Kindheit, Gütersloh 2008, 13. []
  2. Anders ausgedrückt: Es gibt keine Zitate, Fußnoten, Quellenangaben… []