Der Kampf um die Definitionsmacht oder: Von korrekter Schreibung zu angemessenem Ausdruck

Das Chaos begann 1996, vor nunmehr dreizehn Jahren, ohne dass die damals ausgelöste Verwirrung ein Ende hätte. Aus dem „ß“ wurde in vielen Fällen ein Doppel-s, die Aneinanderreihung von drei Konsonanten wurde festgelegt (Schifffahrt; Fülllinie…), die Getrennt- und Zusammenschreibung wurde ebenso neu geregelt, wie Teile der Zeichensetzung.

Es bedurfte zweier weiterer Reformen, bis sich zumindest ein wenig Ruhe in Sachen Rechtschreibreform einstellte. In meinen Augen eine völlig unberechtigte Ruhe, da die Diskussion um die Rechtschreibreform eine Seite des schriftlichen Ausdrucks in den Blick zurück geholt hat, die vorher weitgehend unberücksichtigt blieb, eine Seite, die sogar das Bundesverfassungsgericht und den Deutschen Bundestag beschäftigt hat. Der Bundestag beschloss 1998 Continue reading

Faust 1 – Die Gretchenfrage (Marthens Garten – Verse 3414–3543)

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Faust 1 – Die Gretchenfrage (Marthens Garten – Verse 3414–3543) von Torsten Larbig steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Goethes »Faust – Der Tragödie erster Teil« kann als eine Auseinandersetzung mit dem Ungenügen des überlieferten und anerkannten Wissens gelesen werden, eine Auseinandersetzung, die in der sogenannten »Gretchenfrage« auf den Punkt gebracht wird:

»Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?« (V 3415)

Religion steht hier für all das, was Gretchen in ihrem Leben als Maßstab des Handelns ansieht, als Orientierung in ethischen Fragen und im ganz alltäglichen Leben.

Es geht in der Gretchenfrage also um das Selbstverständnis Fausts als Menschen. Es ist keine »Gewissensfrage« im traditionellen Sinn, sondern die Frage nach der Norm, nach der ein Mensch sein Leben ausrichtet. Continue reading

Das einzelne Wort will nicht einsam sein – oder: Einführung in die Grammatik

Einzelne Wörter sind wichtig. Jedes Wort kann etwas von der Wirklichkeit zeigen. Je mehr Wörter ein Mensch also kennt, um so mehr und genauer kann er etwas von der Wirklichkeit »abbilden«. Aber auch Gedanken und Gefühle benötigen Wörter, wenn wir sie über Sprache beschreiben und ausdrücken wollen.

Doch können wir noch so viele Wörter kennen: Um mit Wörtern etwas ausdrücken zu können, brauchen die (meisten) Wörter andere Wörter. Aber auch wenn sich mehrere Wörter zusammen tun, ergibt das nicht automatisch auch Sinn. Wörter brauchen eine Ordnung, um etwas von der Wirklichkeit ausdrücken zu können. Diese Ordnung nennt man »Grammatik«.

Die Grammatik ist in ihren Grundlagen eigentlich ganz einfach: Man braucht neben Wörter Regeln, die es den Wörtern ermöglichen, etwas über die Wirklichkeit zu sagen. Erst diese Regeln stellen die Ordnung her, die man »Grammatik« nennt. Continue reading