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Bücher für Jugendliche 1 – Joss Stirling, Finding Sky. Die Macht der Seelen 1 – Roman.

Die Geschichte ist nicht sonderlich überraschend. Jede bedrohliche Situation für Sky Bright und Zed Benedict fühlt sich nur halb so bedrohlich an, wenn man weiß, dass Joss Stirlings Roman »Finding Sky: Die Macht der Seelen 1« noch zwei Folgebände hat, sodass der Geschichte um Sky Bright und die Familie Benedict eine ganze Trilogie gewidmet wird. Da ist ein Happy End vorprogrammiert, Teil des literarischen Programms.

Aber ganz so einfach macht es sich Joss Sterling nicht. Sie lässt genügend Fragen offen, die dem Leser Platz einräumen, eigene Phantasie spielen zu lassen. Mag das Happy End auch irgendwie in dieser Art von (Jugend)Romanen angelegt sein: Ein Happy Beginning gibt es in »Finding Sky« nicht. – Wie auch, wenn jemand – wie die sechzehnjährige Sky – keine Ahnung von ihrer Herkunft hat, mit ihren Künstleradopotiveltern Simon und Sally Bright von England für ein Jahr in die USA zieht und dort zwar von vielen gemocht, aber gleichzeitig vor eine zentrale Herausforderung ihres Lebens gestellt wird?

Sky ist anders als die anderen. Das hat zunächst einmal nichts damit zu tun, dass sie keine Ahnung hat, wer ihre Eltern sind. Aber sie wird damit konfrontiert, dass sie andere Fähigkeiten hat, als andere Menschen. Sie trifft auf Menschen, die ähnliche Fähigkeiten haben und – auch wenn Skys Eltern reichlich ahnungslos bleiben – bei Sky einen Prozess der Selbstfindung auslösen.

Ein typischer Adoleszenzroman, der das typische Thema der Selbstfindung in eine weitere Form packt, deren Zutaten allerdings vertraut sind: Eine Protagonistin fühlt sich sich selbst gegenüber fremd, man setzte ein paar Schmetterlinge in ihren Bauch, schaffe Hindernisse, die der jungen Liebe im Wege stehen, und dazu noch ein wenig Action, damit man behaupten kann, das Buch sei nicht nur für Mädchen geeignet, sondern auch für Jungs interessant, und schon hat man den richtigen Mix für schmerzfreie Literatur, für einen Unterhaltungsroman mit integriertem pädagogischen Mehrwert (Selbtsfindungsproblematik).

Diese literarische Mischung landete unter den Nominierungen der Jugendjury zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2013. Zwar hat er den Preis schließlich nicht bekomme, dieses Privileg wurde erwartungsgemäß John Greens »Das Schicksal ist ein mieser Verräter« zuteil, aber es muss Gründe geben, dass diese Geschichte von der Jugendjury für nominierenswert erachtet wurde.

So wenig der Roman an wirklichen Überraschungen zu bieten hat, so sehr kann ich nachvollziehen, warum diese Geschichte dort landete. Joss Stirling erzählt die Geschichte gut. Die Geschichte ist trotz ihrer Standardzutaten und phantastischen Anteile – zumindest in der ersten Hälfte des Romans – glaubwürdig. Man glaubt, dass es eine solche Welt gegeben kann, weil es unsere Welt ist.

Joss Stirling erzählt zunächst nichts anderes als die Geschichte eines Mädchens, das an einen neuen Ort auf einem anderen Kontinent kommt und sich dort zurecht finden muss. Die Hinweise, dass da etwas ist, das mit der Realität, wie wir sie kennen, nichts zu tun hat, werden unauffälllig eingestreut. Schritt für Schritt tritt das besondere an dieser Welt bzw. an bestimmten Menschen in ihr in den Vordergrund.

Klar, Stirling lässt gut und böse einmal mehr sehr eindeutig sein. Sie erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Sky, was an der einen oder anderen Stelle durchaus verwirrend ist, vor allem dort, wo sie das Gedächtnis verliert, der Leser sich aber sehr genau erinnert, was da passiert ist. Handwerklich ist die Geschichte aber auch an dieser zentralen Stelle so erzählt, dass der Leser sie sofort nachvollziehen und wahrscheinlich sogar glauben kann.

Aber die Jungendjury des Jugendbuchpreises mag noch so betonen, dass »der perfekte Mix aus Romantik und Action […] auch für Jungen interessant [ist]«, ich halte die Zahl der 13-14jährigen Jungen, die eine Selbstfindungsgeschichte durch die Augen einer 16jährigen lesen möchten, für eher gering.

Insgesamt ist der Roman gut lesebar. Er kommt mit eingängier Sprache leichtfüßig daher und verliert trotz der phantastischen Geschichte seine Glaubwürdigkeit nicht. Darüber hinaus aber bietet er auch nur wenig Reibungsfläche, es sei denn, Jugendliche im Selbstfindungsprozess identifizieren sich mit Sky. Diese Chance bietet der Roman durchaus, was ihm dann einen pädagogischen Touch gibt, der aber erträglich ist, weil er ohne pädagogischen Zeigefinger auskommt.

  • Lesealter: ab 13
  • E-Book Kindle: Stirling, Joss, Finding Sky Die Macht der Seelen 1: Roman. Aus dem Englischen von Michaela Kolodziejcok (German Edition), [Kindle Edition], 14,99€
  • E-Book EPub: Stirling, Joss, Finding Sky Die Macht der Seelen 1: Roman. Aus dem Englischen von Michaela Kolodziejcok (German Edition), EPub, 14,99€
  • Papierbuch: Stirling, Joss, Finding Sky Die Macht der Seelen 1: Roman. Aus dem Englischen von Michaela Kolodziejcok, München 2012, 16,95€

Die Leiden des jungen Werther 2 – Am 4. Mai 1771

Werthers erster Brief ist von Goethe nicht zufällig im Mai verortet. Es ist der Wonnemonat, der Monat der Liebe, der Monat, in dem das Wetter und die Natur ihre schönen Seiten zeigen. Und es ist auch kein Zufall, dass der Briefroman im Dezember endet. Die Handlung erstreckt sich über eineinhalb Jahre bis zum 24. Dezember 1772.

Werther ist glücklich. Er ist aufgebrochen, lässt die letzten Wochen noch einmal an sich vorbeiziehen und beginnt den Brief mit großer Erleichterung: „Wie froh bin ich, dass ich weg bin.“1

Doch anders als im Mai zu vermuten, ist Werther vor der Liebe geflohen! Er bedauert Leonore, die Schwester der Frau, in die er verliebt war: Sie hatte Gefühle für ihn entwickelt, die Werther zwar nicht beantworten konnte, mit denen er aber, so wirft er sich nun selbst vor, möglicherweise zu uneindeutig umgegangen ist, sodass sie sich Hoffnung auf Erfüllung ihrer Träume gemacht haben mag.

Doch wirklich nachhaltig ist diese Erinnerung nicht. Leonore wird im späteren Werk nicht mehr vorkommen. Er hat den alten Ort verlassen, ist aber Weiterlesen

  1. Ich zitiere nach der Hamburger Ausgabe: Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther. In: Trunz, Erich; von Wiese, Benno, Goethes Werke Band VI: Romane und Novellen I, München 1998 (zuerst 1981), S. 7–124, hier S. 7. []

Herrn Larbigs Bibliothek 15 – Jonathan Franzen: Freiheit. Roman.

Wenn ein Familienroman während einer bestimmten Zeit spielt und die Familie einigermaßen geschickt gestaltet wird, dann wird aus dem Familienroman ein Zeitroman.

Jonathan Franzen kann das gut: Mehr als 700 Seiten umfasst sein Roman „Freiheit“, der 2010 erschien und nach „Die Korrekturen“ intensiv erwartet wurde. Mehr als 700 Seiten, auf denen er den Überblick über sein Personal behält, immer wieder souverän Handlungsfäden aufgreift, weiterführt und wieder mit anderen Handlungsfäden verbindet, die dann wieder … Ein gut gearbeiteter Familienroman, der gut 30 Jahre USA-Geschichte – mit zugegebener Maßen recht konventionellen Mitteln und künstlerisch wenig originell – reflektiert, den Schwerpunkt aber auf die Zeit George W. Bushs und die „Freiheiten“ legt, die im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, vor allem im Schatten des 11. Septembers 2001, in den USA möglich waren.

Dieser Roman ist eine echte Fleißarbeit. Und es nötigt mir schon einiges an Bewunderung ab, dass es einem Autor gelingt, in einer solchen Konsequenz eine solche Handlung weiter zu schreiben und nicht irgendwo, angesichts des Fülle der Personen, die auftreten, und der Konventionalität der eingesetzten erzählerischen MIttel, einfach das Handtuch zu werfen, weil er sich mit dem Roman selbst langweilt.

Entsprechend habe ich bei mir als Leser beobachtet, dass ich mit zunehmendem Fortschreiten des Romans immer häufiger sehr schnell und über ganze Absätze hinweg gelesen habe. Ja, zum Schluss entwickelte ich gar den Ehrgeiz, dass ich diesen Roman zu Ende lesen will.

Es ging mir nicht, wie ich das bei anderen Romanen bereits erlebt habe, so, dass es mich dazu gedrängt hätte, diese Geschichte bis zum Schluss zu lesen.

Zum Schluss waren es vor allem das Wollen und der Respekt vor der intellektuellen und disziplinierten Leistung des Autors, was mich an dem Buch dran gehalten hat. Das mag daran gelegen haben, dass hier wirklich nur die Geschichte einer amerikanischen Mittelstandsfamilie erzählt wird. Das ist keine glückliche Familie. Das ist keine schöne Geschichte. Aber es ist eine Mittelstandsgeschichte – und somit eine mittelmäßig spannende Geschichte, die dann auch noch ein fast schon kitschiges „Happy End“ bekommt.

Ich kann durchaus den Kunstcharakter langweiliger Figuren in langweiligen Handlungssituationen nachvollziehen, so diese Figuren in einer Romanhandlung auftreten und angemessen in diese integriert sind. – Vor diesem Hintergrund sei es noch einmal betont: Der Roman ist gut geschrieben.– Dennoch empfand ich ihn zum Ende hin zunehmend als eine Herausforderung für mich als Leser.

Ich weiß durchaus, dass es für solche Familienromane ein leicht zu begeisterndes Publikum gibt, nicht zuletzt in den Feuilletonredaktionen der deutschen Presse. Ich bin aber auch zu dem Schluss gekommen, dass ich diese Art von Romanen nur in kleinen Dosen zu mir nehmen will. Nach drei Wochen, die ich mit diesem Buch verbracht habe, bin ich nun mit dem Lesen fertig. Und ich kann es nicht leugnen, dass ich mich sehr auf die in meinem Regalfach mit den zu lesenden Büchern liegenden Exemplare freue. Darunter ist auf absehbare Zeit kein weiterer großer Familienroman.

Jonathan Franzen: Freiheit Roman; aus dem Engl. von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld; Rowohlt Verlag, Reinbek 2010; 730 S., 24,95 € (Taschenbuchausgabe 2012: 9,99 €)  


Nachtrag: Mitbloggerin @mons7 (Monika E. König) hat, wie ich nach Veröffentlichung dieses Beitrages via Twitter erfahren habe, ähnliche Erfahrungen in einem Beitrag benannt, wie ich sie mit dem Roman gemacht habe. Deshalb und weil Monika intensiver auf den Inhalt eingeht, als ich das hier tue, sei ihr Beitrag hier explizit angeführt und verlinkt.

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Schülerarbeiten zu Theodor Fontanes „Irrungen, Wirrungen“

Theodor Fontanes „Irrungen, Wirrungen“ wird zur Zeit im Rahmen der Vorbereitung auf das hessische Landesabitur in der Q2 (Qualifikationsphase = 11. Schuljahr im 12jährigen-Gymnasium) gelesen.

Nachdem wir im Unterricht die Arbeit am Roman beendet hatten, gab ich den Schülerinnen und Schülern den Auftrag, sich kreativ mit dem Werk auseinanderzusetzen. Einzige Bedingung war: Die Arbeit mit dem Werk sollte den Schülerinnen und Schülern Spaß machen. Außerdem gab ich eine relativ knappe Zeitvorgabe von einer Doppelstunde im Unterricht, auf die folgend eine Woche Zeit (inklusive des verlängerten Wochenendes nach Fronleichnam) blieb, um die Arbeiten fertigzustellen.

Teilweise darf ich die Ergebnisse dieses produktiven Umgangs mit Fontanes Werk hier veröffentlichen. Die Rechte der Ergebnisse liegen bei den jeweiligen Schülern und Schülerinnen. – Die Namensnennung der Schülerinnen und Schüler erfolgt nach deren Vorgaben und mit deren Einverständnis.

Vielleicht sind diese Ergebnisse eine Anregung, Schülerinnen und Schüler Freiräume für den kreativen Umgang mit im Deutschunterricht gelesenen literarischen Werken zu geben. Vielleicht sind diese Ergebnisse auch für Schüler und Schülerinnen interessant, die nach Möglichkeiten der Annäherung an einen Roman wie Fontanes „Irrungen, Wirrungen“ suchen.

Nun aber zu den mir zur Veröffentlichung von Schülern freundlicherweise zur Verfügung gestellten Arbeiten:

  • Johannes Seyfried hat ein Kreuzworträtsel erstellt, das nach der Lektüre des Romans leicht genutzt werden kann, um die eigene Textkenntnis zu überprüfen und diese sogar noch zu vertiefen.
    Die Fragen als PDF:
    1. Alliteration im ersten Kapitel
    2. Straße, in der Botho wohnt
    3. Herkunft von Lene
    4. Beschreibung von Lene durch Dörr
    6. Was steigt auf? (1. Kapitel)
    7. Affäre von Käthe
    8. Was ist das Gasthaus?
    9. Name des Bootes, welches Botho möchte
    10. Boot, welches Lene möchte
    11. “Ort, wo Einsamkeit und Schönheit wunderbar seien”
    12. 1819-1898
    13. Zeitliche Epoche
    14. “…Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräggegenüber…”
    15. Wasserdampf
    16. Ausgussrohr
    17. Dörr’sches Schloss
    18. Blume im elften Kapitel
    21. Kamerad von Botho
    22. Blumen des Beerdigungskranzes für Frau Nimptsch
    23. Beruf von Gideon
    25. Ziel der Flitterwochen
    26. Straße in der Botho und Käthe wohnen
    27. Zweiter Wohnort von Lene und Frau Nimptsch
    30. Vorname von Bothos Mutter
  • Das Kreuzworträtselgitter als PDF
    Die Lösungen als PDF
  • Cornelius Nensel und Johannes Krenzer haben sich Bothos Gedanken auf dessen Ausritt im 14. Kapitel vorgenommen und daraus ein Video gemacht. Ich empfehle, die Qualität auf HD einzustellen, insofern es die Geschwindigkeit des Internetzugangs erlaubt.

  • Zoë Lange hat sich dem Roman in der Form eines Gedichts angenähert. Der Titel greift eine zentrale Szene im zentralen Teil des Romans auf, während das Gedicht selbst den Inhalt des gesamten Romans reflektiert.

Forelle noch Hoffnung

Ein Engel ist die Lene nicht,
vielleicht eine Prinzessin.
Generell so gar nicht zimperlich;
von Realitätsnähe besessen.

„Wie gut sie schreibt!“,
sagt Botho sich.
Den Stift in der Hand,
ein Kringel, ein Strich.

Sie gibt ihm ihr Leben,
er schenkt ihr seins.
Eine hoffnungslose Forelle, unfähig
den klaffenden Spalt zu überschweben.

Sie stehen sich nahe,
sie haben sich gern.
Ihr Umgang geheim.
Schattengewächse verdecken den Kern.

Wäsche ist nicht das Einzige,
worin Lene gut ist im Plätten.
Der Baron ist von ihr hingerissen;
kann sie nicht mehr vergessen

von Zoë Lange

Kommentare dürfen gerne direkt hier beim Artikel hinterlassen werden.

Eine weitere Schülerarbeit, die zu Goethes „Faust I“ entstanden ist, gibt es hier.

Wie kommen Bücher zu mir / zu dir / zu Ihnen als Leser?

Ich stelle mir vor, über das ganze Land verteilt sitzen Literaturkritiker in ihren Kämmerlein und lesen Neuerscheinungen.

Ich stelle mir deren Arbeitsplatz als ein ganz besonders gemütliches Sitzmöbel vor.

Dort sitzen sie dann, neben sich auf einem Tisch oder auf dem Boden gestapelt die neuesten Rezensionsexemplare gerade erst gedruckter Bücher – der Geruch nach frischer Druckerschwärze ist noch stark ausgeprägt.

Sie lesen und lesen und lesen; zwischendurch aber stehen sie kurz auf, setzen sich an ihren Schreibtisch und verfassen ihre Rezensionen.

Wie kommen Bücher zu mir / zu dir / zu Ihnen als Leser (mp3)

Es ist die Zahl an Literaturbeiträgen, die ich in meinem Podcast-Abonnement des Büchermarktes auf dem Deutschlandfunk gefunden habe, die mich zu solchen Vorstellungen gebracht hat. – Ich habe angefangen, diese meistens aus Rezensionen bestehenden Beiträge zu hören – manchmal sind auch Lesungen dazwischen, in denen dann Autorenstimmen zu hören sind.

Die Bandbreite der vorgestellten Bücher reicht von medizinkritischen oder philosophischen Essays über anspruchsvolle Romane bis hin zu als lesenswert empfohlenen historischen Romanen, Liebesgeschichten und Reportagen.

Während ich diese Podcastfolgen hörte, kam mir die Frage in den Kopf, nach welchen Kriterien ich eigentlich auswähle, welche Bücher ich lesen will und welche Bücher ich mir kaufe, denn alle im Blick zu behalten ist nun einmal nicht möglich.

Diese Frage stelle ich auch den Leserinnen und Lesern meines Weblogs: Nach welchen Kriterien wählst du / wählen Sie eigentlich die Bücher aus, die du / Sie lesen und / oder anschaffen willst / wollen?

Ich könnte die Frage auch umgekehrt stellen: Welche Wege müssen Bücher eigentlich gehen, damit sie bei dir / Ihnen ankommen können?

Die Frage stelle ich, weil mir aufgefallen ist, dass es mir selbst gar nicht so leicht fällt, diese Frage zu beantworten. Ein paar Ideen sind mir gekommen, die ich hier nicht vorenthalten will.

Zunächst einmal gibt es Autoren und Autorinnen, die mir vertraut sind, deren Werk ich möglicherweise ansatzweise kenne und schätze. Wenn es sich um lebende Autoren handelt, so beobachte ich natürlich, was es da an Neuerscheinungen gibt. Wenn das Werk bereits abgeschlossen ist, dann lese ich durchaus auch einmal Texte über diese Texte (Sekundärliteratur), um mich zu orientieren.

Neben Autoren und Autorinnen, die mich interessieren, stehen die Klassiker der deutschen und der Weltliteratur. Diese nehme ich, meistens ein wenig von meiner Stimmung geleitet, immer wieder in die Hand: Ich schmökere in den Gedichten von Goethe, gönnen mir eine Stunde mit einer der wunderbaren Geschichten aus Boccaccios „Decameron“, wandere ein wenig durch die Geschichte der deutschen Lyrik et cetera.

Ein dritter Weg, auf dem neue Bücher zu mir finden, besteht darin, dass ich mich auf den Weg in eine Buchhandlung begebe und dort einen Blick in die Neuerscheinungen werfen. Fällt mir dann ein Werk auf, so beobachte ich, ob sich das Interesse eine Weile halten kann – manchmal lege ich es auch wieder zurück und denke bei mir, dass ich es beim nächsten Besuch in der Buchhandlung noch einmal anschauen werde – und überlege dann, ob ich denn in absehbarer Zeit Zeit zum Lesen habe, Zeit zur Beschäftigung mit einem bislang unbekannten literarischen Werk finden werde, einem Sach- oder Fachbuch oder zum Beispiel auch einmal einer Reisebeschreibung.

Die meisten mir bis dahin unbekannten Bücher kommen tatsächlich über Literatursendungen im Radio in den Horizont meiner Aufmerksamkeit. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass es im Radio so viele unterschiedliche Stimmen von Kritikern und Kritikerinnen gibt. Das ist anders als im Fernsehen, in dem es erstens weit weniger Literatursendungen gibt und zweitens entsprechend nur wenige Literatur kritisierende Gesichter. (Manchmal will es mir so scheinen, als habe das Fernsehen Angst, dass zu viele Literaturvorstellungen zu ihm als Unterhaltungsmedium eine Konkurrenz aufbauen könnten; wahrscheinlich ist das aber nur eine Verschwörungstheorie :-D)

Ich merke den Stimmen der Kritker und Kritikerinnen im Radio überraschend häufig überraschend schnell an, ob sie von einem literarischen Werk gepackt wurden oder ob es sie kalt gelassen hat. Außerdem mag ich es einfach, wenn in Kritikergesprächen die Rezensenten einfach so ins Erzählen kommen und eben keinen vollständig vorgeschriebenen Beitrag alleine im Studio vorproduzieren.

Ich hab vorhin ca. 45 Minuten lang Beiträge der Sendung „Büchermarkt“ des Deutschlandfunks gehört und habe jetzt schon wieder vier Bücher auf meiner inneren Liste stehen, die ich mir demnächst wohl einmal anschauen werde. – Von dem einem oder dem anderen werde ich dann wohl auch hier berichten.

Und jetzt bist du / sind Sie dran: Wie kommst du / kommen Sie zu Büchern, die gelesen werden? – Ich bin neugierig… :-)

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Herrn Larbigs Bibliothek 12 – James Wood: Die Kunst des Erzählens

Ich habe nun ja schon eine ganze Reihe an Büchern darüber gelesen, „wie Schriftsteller zu Werke gehen“ (Herlinde Kölbl), was einen guten Roman ausmacht, wodurch Gedichte geprägt sind.

Mir ist noch kein Buch über das Lesen und Schreiben von Literatur begegnet, nach dessen Lektüre mein Arbeitsplatz so hell von „Kronleuchtern“ bestrahlt wurde, die mir während der Lektüre aufgegangen sind.

Gleichzeitig weiß ich , dass dieses Buch noch mehrfach zu lesen sein wird, um seinen Tiefgang, seine Differenziertheit und all seine Anregungen wirklich für meinen Alltag fruchtbar zu machen.

Die Erstlektüre von James Woods „Die Kunst des Erzählens“ hat mich gefesselt. Weiterlesen

Deutsche Klassik als literarische Epoche(n)

Creative Commons Lizenzvertrag
Deutsche Klassik als literarische Epoche(n) von Torsten Larbig steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

In der Geschichte der deutschsprachigen Literatur ist die „Klassik“ ein spätes Phänomen. In Spanien gab es das klassische Zeitalter bereits zwischen ca. 1550 und 1680, in England gilt das Elisabethanische Zeitalter (1558–1603) als literarische Hochphase, in der Shakespeare das Theater zu einer Blüte führte, die selbst noch auf Goethe Einfluss hatte. In Italien begann die klassische Phase der Literatur sogar noch früher, nämlich mit Dante Alighieri (1265–1321) und dauert bis zu Torquato Tasso (1544–1594), dem wiederum Goethe Weiterlesen

Herrn Larbigs Bibliothek 10 – Tino Hanekamp: So was von da

Am Ende wissen wir es dann: Eine Party besteht aus lauter Musik, einem gewissen Hang zum destruktiven Auseinandernehmen der Partylocation, Partybesuchern, die so bedröhnt sind, dass sie eine MDMA-Bowle ohne MDMA dennoch für eine solche halten und dem Placeboeffekt völlig erliegen.

Eine Party als Weltuntergang, nach dem das Leben weiter geht, dann aber eben als Erwachsener. Bis dahin aber ist der Ich-Erzähler Oskar Wrobel dauerbeschäfitigt und weder die Nachricht, dass eine gute Freundin nicht mehr lange zu leben hat noch die Wiederkehr seiner geliebten Mathilde vermögen ihn von dieser Dauerbeschäftigung mit eingeschobenen Selbstbetrachtungen – Oscar Wrobel zitiert immer wieder aus Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ – abzuhalten.

Oskar hat Schulden, ein Ex-Zuhälter will mal eben so zehntausend Euro von ihm, Hamburgs für das Bürgermeisteramt kandidierende Justizsenatorin verbringt einen Teil dieser Nacht vom 31.12. zum 1.01. irgendeines der Nullerjahre des 21. Jahrhunderts im Aufzug, der zum Club führt, in dem die Party stattfindet, zum Club, der in einem alten Krankenhaus angesiedelt ist, bis dieses dann eben abgerissen wird. – So was machen Clubbetreiber gerne mit abrissreifen Häusern, man „feiert“ Partys. Das war in Frankfurts altem Polizeipräsidium so, das ist in Tino Hanekamps Roman nicht anders.

Und dann ist die Party vorbei.

Man wird „erwachsen“, arbeitet vielleicht sogar in den modernen Büros, die an Stelle des Abrisshauses getreten sind, ist weiter auf Drogen, weil man es nicht mehr anders kann und ist „So was von da“, also genau im Hier & Jetzt, ahnend, dass es ein Morgen gibt, aber noch nicht bereit, sich diesem Morgen zu stellen.

Zum Glück erzählt Oskar Wrobel diese Geschichte, denn Tino Hanekamp hat ja auch schon einen Club betrieben, der abgerissen wurde, hat auch heute noch mit der Hamburger Clubszene zu tun, hat aber bestimmt keinen realistischen Club vorstellen wollen. Das wäre zu öde und kaum zu glauben, denn bei allem Tempo, den der Roman bekommt, so musste er doch geschrieben werden – und das wird wohl kaum während einer schuldenbelasteten, zugedröhnt vorbeiziehenden Dauerparty passiert sein.

Hanekamp war laut Autorenporträt im Buch auch schon Journalist. Na, da haben wir es doch schon. Dieser Roman ist bestimmt ein literarische Porträt der „Generation“ der Nullerjahre: Party, Dröhnung, Destruktivität und das dauernde Gefühl, „so was von da“ leben zu müssen, weil die Zukunft nicht absehbar ist, die Bildungs- und Berufsbiografien gebrochen sind etc. Vielleicht also ist das die Story, die Oskar Wrobel als Ich-Erzähler in die Welt setzen will.

Also ist das Pop-Literatur?! –

– Mir ist die Einordnung solcher Romane in irgendwelche Schemata eigentlich zu lästig, weil solche Einordnungen immer so viel zu erklären versuchen, was sie gar nicht erklären können.

Eines hat mich beim Lesen dieses Romans allerdings mehr und mehr überrascht: Beim Lesen kam nichts überraschendes, der Roman ist weit über die Hälfte absehbar – und doch habe ich weiter gelesen, habe zu Ende gelesen, bin in den Sog der literarischen Party geraten. Aber das macht die Party heute vielleicht aus: Jeder Partygänger weiß, wie sie sein soll, jeder weiß, wie sich eine schlechte Party anfühlt, jede Party gleicht der anderen. Doch die gute Party entwickelt in diesem Altvertrauten einen Sog. Und das passiert auch bei diesem Roman. Als Leser weiß ich, wie so ein Roman funktioniert, ich weiß, wie so ein Roman sein soll, wie sich ein schlechter Roman liest. Und ein guter Roman entwickelt einen eigenen Sog. Ich bin mir sicher, Hanekamps „So was von da“ kann diese Sog nicht auf jeden Leser und jede Leserin ausüben, es kann aber auch nicht ausgeschlossen werden, dass ihm das gelingt.

Ein gut lesbarer Roman, in dem die Schrecken des Lebens auftauchen wie in mancher Nachmittagssendung im Privatfernsehen: Sie gehen im Augenblick des Auftauchens im Rausch des „Da“ wieder unter. Und doch ist da eine zarte Ernsthaftigkeit, die in alle dem Lärm zu berühren vermag.

Tino Hanekamp: So was von da. Roman. Köln (Kiepenheuer und Witsch) 2011, 304 Seiten, Euro (D) 14,99 | sFr 21,90 | Euro (A) 15,50 ISBN: 978-3-462-04288-7

Und seit neuestem werden Bücher per Videotrailer beworben. Also dann… Will ich nicht vorenthalten:

Über das (schulische) Interpretieren von Gedichten

In der Schule werden Gedichte gelesen. In der Schule werden Gedichte interpretiert. In der Schule wird zu selten ein Gefühl für die Schönheit der Sprache und der Bedeutung, wie sie in Gedichten anzutreffen ist, nachhaltig entwickelt. Ich zumindest kenne keinen Schüler und keine Schülerin, der oder die in der Schule erlernte Analysefähigkeiten gegenüber Gedichten anwenden würde, die ihm oder ihr im Alltag begegnen. Ja, im Alltag sind wir von Gedichten (unterschiedlicher Qualität freilich) umgeben, werden wir mit Gedichten überschüttet – wenn wir Musik hören. Oh ja: Die meisten Songtexte sind Gedichte.

Nach der Schule Weiterlesen

Schüleraktivität im Unterricht: Die Infrarotkamera-Metapher

Man stelle sich vor, unterrichtsbezogene geistige Aktivität erzeugte Wärme: Wie sähe dann wohl das Bild aus, das eine Infrarotkamera von einer Unterrichtsstunde in der Schule aufzeichnete? Je mehr Blau zu sehen ist, um so weniger Wärme (in der Metapher »geistige Aktivität«) ist vorhanden; je mehr Rot zu sehen ist, um so mehr Wärme (in der der Metapher: »geistige Aktivität«) wird erzeugt. Wo im Bild wären die meisten Blau- und wo die meisten Rotanteile zu sehen? Und was würde ein solches Bild aussagen?

Zunächst einmal könnte man sehr schnell erkennen, wessen »Kopf« am meisten »raucht«. Ist es der Lehrer, der sich in einer One-Wo-Man-Show abstrampelt, in den Vordergrund drängt, einen Vortrag hält, alle geistige Aktivität der Schülerinnen und Schüler durch schnelle Intervention unterbindet? Ist auf dem »Infrarotbild« ein großer, sonnenartig leuchtender, roter Bereich rund ums Lehrerpult zu sehen, der wie in einen blauen Himmel eingefügt wirkt, der höchstens manchmal von orangefarbenen Flecken durchbrochen wird? Ein solches Abbild einer Unterrichtsstunde würde zu dem nahezu sprichwörtlich gebrauchtem »Wenn alles schläft und einer spricht, das nennt der Mensch dann Unterricht« gut passen. – Ein solches Bild wäre, wenn es den Dauerzustand in einem Schuljahr widerspiegelt – denn natürlich kann es auch mal Stunden geben, in denen ein solches Bild entsteht, auch wenn es in anderen Stunden ganz anders aussieht – eher Zeugnis eines Unterrichts, dessen Gestaltung in Bezug auf die Aktivitätsverteilung Veränderungen verlangt.

Und selbst in Situationen, in denen die Schülerinnen und Schüler für den Lehrer »aktiv« wirken, muss diese Einschätzung noch nicht der Wirklichkeit entsprechen. Überspitzt, übertrieben und in dieser Form natürlich nie vorkommend, kann diese Gefahr der Fehleinschätzung am Beispiel des »Einwort-Antworten«1 feiernden Lehrers verdeutlicht werden. Das Beispiel ist völlig konstruiert, aber hoffentlich nachvollziehbar:

Lehrer: Welchen Eindruck haben Sie beim Lesen von Eichendorffs Gedicht »Mondnacht« gewonnen?
Schüler: …schönes Gedicht…
Lehrer: Ja, sehr gut. Toll, dass Sie das erkannt haben. Dieser Weg vom Gefühl hin zu Sprache. Diese erste Strophe, die gleich mit einer Assoziation anhebt und das Ideal der Romantik verkörpert, dass Erde und Himmel einander verbunden werden, dass Verstand und Gefühl miteinander ausgesöhnt werden, wobei sich die Romantiker dann ja doch eher dem Gefühl hingegeben haben…
anderer Schüler: Romantiker dachten ganz anders als Kant!
Lehrer: Genau. Kant forderte auf, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, »sapere aude« und das war ja auch ganz wichtig, weil das alte Denken Europa in eine Krise geführt hatte und ganz offensichtlich an vielen Punkten nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Denken Sie nur an Gallilei… Aber der reine Verstand wurde von vielen auch als kühl empfunden. Wissen sie warum?
Schüler: Ja, Ganzheitlichkeit…
Lehrer: Prima. Darum geht es Romantikern. Liebe zu spüren, der Sehnsucht nach Ferne nachzugehen, Wirklichkeiten zu suchen, die hinter den rationalen Wirklichkeiten liegen. Dafür gab es ein Symbol!?
Schülerin: Die blaue Blume!
Lehrer: Ja, die blaue Blume. Von Novalis im Roman »Heinrich von Ofterdingen« zum Symbol für eine ganze Epoche gemacht, jene die Sehnsucht ausdrückende blaue Blume…
…und so weiter und für alle Fächer kann man sich bestimmt ähnliche Szenarien konstruieren.

Hier glüht der Lehrer, er ist begeistert, denkt, formuliert, gibt Antworten – und wäre nach der Stunde mit der Stunde wahrscheinlich sehr zufrieden, denn die Schülerinnen und Schüler haben doch so viel gewusst, sich so engagiert und treffend in den Unterricht eingebracht… Die »Infrarotkamera« würde aber sehr schnell zeigen, dass das Aktivitätszentrum dieses Unterrichts beim Lehrer liegt. Bei solchen Szenarien ist anzunehmen, dass die Nachhaltigkeit des »Gelernten«, in Wirklichkeit vom Lehrer Vorgetragenen, mit äußerst geringen Halbwertszeiten anzusetzen ist, sodass ein solcher Unterricht kaum erkennbare Progression des Lernens mit sich bringt, letztlich also, am Ziel der Progression des Lernens orientiert, vermutlich eher schlechter Unterricht sein dürfte, in dem die Schülerinnen und Schüler vor allem lernen, dass der Lehrer ein gebildeter Mensch ist, der sich in seiner Materie auskennt…

Wie aber sähe ein Infrarotbild des Unterrichtes aus, wenn die Aktivitätsstränge des Unterrichts nicht beim Lehrer fokussiert sind, sondern in die Lerngruppe hinein gegeben werden? Wieder eine Konstruktion, auch folgendes Gespräch habe ich mir ausgedacht. Gleiches Thema, anderer Lehrer (oder der gleiche Lehrer nach dem Lesen dieses Artikels):

Lehrer: Welchen Eindruck haben Sie beim Lesen von Eichendorffs Gedicht »Mondnacht« gewonnen?
Schüler: …schönes Gedicht…
Lehrer: Was macht das Gedicht für Sie denn zum schönen Gedicht?
Schüler 1: Die Sprache ist schön.
Schülerin 1: Ja, sie fließt so dahin, wie… na…, ja, wie die Luft, die da durch die Felder geht…
Schüler 2: …wie diese Ähren, die sich im Wind sacht wiegen…
Schüler 1: Mir gefällt das mit dem Kuss in den ersten Zeilen…
Lehrer: Bei einem Gedicht sprechen wir besser von Versen. Ihnen gefällt also der Kuss in den Versen 1 und 2? Wer küsst sich da denn? Und warum?
Schüler 1: Ja, ist schon komisch, aber da küssen sich Himmel und Erde. So richtig verstehen tu ich das aber nicht.
Schülerin 2: Na, Himmel und Erde! Wir haben doch davon gesprochen, dass die Romantik nach dem suchte, was über die direkt erkennbare Wirklichkeit raus geht…
Schüler 3: Was meinst du mit »direkt erkennbarer Wirklichkeit«?
Schülerin 2: Na, da war doch was mit der Aufklärung, aber… Ach, Mist, das fällt mir gerade nicht ein…
Lehrer: Kann jemand weiter helfen?
Schüler 4: Die Aufklärung wollte, dass die Menschen ihren Verstand benutzen, Sachen genau anschauen. So… also… Ja, so wie das z. B. die Naturwissenschaften machen…
Schüler 5: Aber was Liebe ist können Naturwissenschaftler nicht wirklich erklären…
Schüler 6: Warum denn nicht? Die Gehirnforschung weiß doch, welche Regionen im Gehirn aktiv sind, wenn einer verknallt ist…
(Klasse lacht)
Schüler 5: Ja, schon, aber erklärt das schon »Liebe«, wenn man weiß was im Gehirn geschieht oder wenn Biologen sagen können, wie die Hormone da reagieren?
Schülerin 2: Ja, genau, das wollte ich sagen. Die Aufklärung ist wie die Gehirnforschung. Die Romantiker merkten aber, dass so kaltes »Verstehen« nicht viel von ihrer Wirklichkeit trifft.
Schülerin 3: Und in dem Gedicht wird dann ja auch von der Seele gesprochen. Moment. Ja, da, in Vers 9. Das ist doch auch so was, was die Aufklärung nicht erklären kann…
…und so weiter

Hier wäre das Bild gleichmäßig eher rötlich gefärbt, die geistige Aktivität ist dort, wo sie im Unterricht ihren Ort hat: Bei den Schülerinnen und Schülern. Der Lehrer aus dem ersten Beispiel fände diese Stunde vielleicht nicht ganz so gelungen, wie seine eigene, da hier weniger schnell und klar die seinem Zugang zum Gedicht wichtigen Begriffe gefallen sind, aber im Gegensatz zu dem ersten Beispiel, sind hier vor allem die Schülerinnen und Schüler aktiv. – Damit ist noch nichts über die Frage gesagt, wie die Ergebnisse einer solchen Unterrichtsstunde gesichert werden können. Das ist aber auch nicht der Gegenstand der Infrarotkamer-Metapher.

Aus der aktuellen Bildungsforschung wissen wir, dass, um im Bild zu bleiben, ein gleichmäßig rötlich gefärbtes Bild der metaphorisch gedachten Infrarotkamera in der Regel zu einer erkennbaren Progression des Lernens führt, ein Fortschritt im Wissen und auch im Bereich der Kompetenzen sichtbar wird. Ein solcher Unterricht stärkt zudem das Selbstwertgefühl der Schülerinnen und Schüler, die selbst etwas entdeckt, durchdacht, getan haben.

Die Metapher der Infrarotkamera ist übrigens auf unterschiedlichste Unterrichtsszenarien übertragbar, nicht nur auf Unterrichtsgespräche… Hier aber geht es zunächst einmal um die Vorstellung der Metapher, auf die mich eine Kollegin gebracht hat und die mir so einsichtig erschien, dass ich mir ein wenig mehr Gedanken über sie machen wollte, woraus dieser Artikel entstanden ist.

Wie sehen Sie / seht Ihr diese Metapher? – Kommentare erwünscht :-)

  1. Ein-Wort-Antworten müssen nicht unbedingt aus nur einem Wort bestehen. Gemeint sind Antworten, die aus unvollständigen Sätzen bestehen oder ähnlich knapp ausfallen []