Apples Bildungsinitiative oder: Vom Aufstellen weiterer Weidezäune.

Stellt Apple neue Produkte vor, entsteht schnell der Eindruck, dass es sich jedes Mal um eine große Innovation handele. – Schnell wird dann die Frage gestellt, welche Art von Technik oder welchen Teil der Gesellschaft Apple dieses Mal „revolutioniere“.

Diese Reaktionen erfolgen mehr oder weniger reflexartig. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich oft, dass Apple bereits vorhandenen Konzepte populärer und marktfähig macht, komplizierte Bedienungen vereinfacht und dafür sorgt, dass jeder, der sich auf dieses „großartige“, „fantastische“, „innovative“ und „so noch nie da gewesene“ Produkt einlässt, fest in Apples Wertschöpfungskette eingebunden wird.

Keine Frage, ich selbst mag Design und Funktionalität der Produkte aus Cupertino sehr, gehe mit ihnen gleichzeitig aber auf der Basis eines sehr ambivalenten Gefühles um.

Apple verbindet Design und Funktionalität seiner Produkte mit einem geschickten und bislang äußerst erfolgreichen Marketing. Beim iPad hat das mit dem geschlossenen System des App-Stores hervorragend funktioniert: Apple stellt entsprechende Werkzeuge kostenlos zur Verfügung, die es Entwicklern ermöglichen, auf einfache Art und Weise Programme zu schreiben. Als „Gegenleistung“ lassen sich die Entwickler darauf ein, ihre Produkte erstens ausschließlich über Apples App-Store zu vertreiben und zweitens einem intransparenten Freigabeprozess zu unterwerfen.

Das gleiche Modell überträgt Apple nun auf Schulbücher.

Sowohl die Software, die zum Lesen dieser Schulbücher notwendig ist, als auch die zum Erstellen dieser Schulbücher zu verwendende Software werden kostenlos zur Verfügung gestellt. Wenn die so entstandenen Schulbücher kommerziell vertrieben werden, darf dies, so sagt es die Lizenzvereinbarung des Programms iBooksAuthor, ausschließlich über Apples eigenen Store erfolgen; wie üblich nimmt Apple 30 % des im Store erhobenen Preises für sich.

Wiederum behält sich Apple zudem das Recht vor, Veröffentlichungen nach eigenem Gutdünken zuzulassen oder abzulehnen.

An dieser Stelle schätzt Apple zumindest den deutschen Schulbuchmarkt falsch ein. – Offizielle Schulbücher bedürfen der Freigabe durch die entsprechenden Prüfungsbehörden der Länder: Ich stelle mir vor, ein solches freigegebenes Schulbuch enthält Themenbereiche, die mit Apples Meinung, was in einem Schulbuch zu veröffentlichen sei und was nicht, nicht übereinstimmen; ich stelle mir vor, Apple verweigerte einem von einem Bundesland freigegeben Schulbuch die Aufnahme in den iBooks-Store…

Gemäß der aktuellen Lizenzvereinbarung zur Nutzung von iBooksAuthor könnte so etwas passieren.

Darüber hinaus lassen sich Lehrer und Lehrerinnen in Deutschland nicht gerne vorschreiben, welche digitalen Endgeräte sie zu verwenden haben. Im Gegenteil: Es ist damit zu rechnen, dass zahlreiche Lehrer und Lehrerinnen sich gegen die Verwendung von iPads aussprechen werden, da sie sich mit technischen Monokulturen schwer tun. – Der Vorwurf, Apple gehe es vor allem darum, durch frühzeitige Gewöhnung langfristige Kundenbindung zu erreichen, ist schon laut geworden und mit Sicherheit auch nicht völlig von der Hand zu weisen.

Dass Lehrerinnen und Lehrer Entscheidungsfreiheit in Sachen eingesetzter Bildungsmedien haben, insofern sie als solche zugelassen sind oder keiner Zulassung bedürfen, da es sich nicht um explizit als Schulbücher gekennzeichnete Bildungsmedien handelt, steht außer Frage.

Dass mit einer einmal getroffenen Entscheidung eine langfristige Bindung zum Beispiel an ein bestimmtes Schulbuch verbunden ist, steht ebenso außer Frage. In der Regel bleibt aber die relative Vielfalt der Verlage, die Schulbücher zuliefern, erhalten. Diese Vielfalt nehmen die Schülerinnen und Schüler durchaus auch war – ob unreflektiert und bewusst oder, was wahrscheinlicher ist, einfach so nebenbei.

Wenn nun aber Lehrer und Lehrerinnen über den Einsatz von Computertechnologie entscheiden müssen, so sind Bildungsmedien anschließend an ein Gerät gekoppelt.

Selbst wenn die Inhalte aus unterschiedlichen Verlagen kommen, sie sind immer mit einem Gerät verbunden. Darüber hinaus ist es schwieriger, unterschiedliche Plattformen unterschiedlicher Anbieter zu verwenden.

Zudem haben die deutschen Schulbuchverlage bereits angekündigt, im Februar eine eigene Branchenlösung vorzulegen, eine App vorzustellen, die selbstverständlich auch ein geschlossenes System sein dürfte, um so auf dem Markt einer zunehmenden Digitalisierung von Schule und Bildung Fuß zu fassen.

Ob eine vorgestellte Softwarelösung für den Bildungssektor rezipiert wird, ihren Weg zur Zielgruppe findet, hängt immer von der Bereitschaft der Multiplikatoren ab, eine solche Softwarelösung im Bildungskontext zu akzeptieren oder auch nicht.

So sehr ich von den vorgestellten Produkten aus dem Hause Apple in Bezug auf den Bildungssektor beeindruckt bin, so skeptisch bin ich angesichts ihrer – schon im Vorfeld erwartbaren – geschlossenen Architektur.

Die bildungspolitischen Voraussetzungen mögen in anderen Ländern anders sein, sollen doch bereits jetzt ganze Schulbezirke in den USA auf digitale Endgeräte setzen, die in der Regel von einem Hersteller stammen. Es gibt Schulbezirke die haben sich auf Apples iPad festgelegt. Auf diesem Markt könnte Apples Angebot funktionieren. Um auf dem deutschen Markt funktionieren zu können, müsste Apple seine Vertriebsstrategie an die Gegebenheiten in Deutschland anpassen.

Dennoch werde ich mich mit den neu vorgestellten Produkten beschäftigen. Letztgültige Entscheidungen, wie ich mit ihnen umgehen werde, habe ich noch nicht gefällt. Das hindert mich nicht daran, meine Skepsis kundzutun, zu formulieren, wie ich mir solche digitalen Bildungslösungen eigentlich vorstelle. Ohne Visionen davon, wie Schule sein kann und sein soll, gibt es keine Ziele, die erreicht werden können.

Bildungsprozesse haben in meinen Augen etwas mit Freiheit zu tun. Ich habe überhaupt kein Problem, die Produkte einer Firma zu mögen und zu benutzen, solange diese Produkte erlauben, etwas zu produzieren, dessen Rezeption nicht auf die gleichen Produkte der gleichen Firma beschränkt ist. Idealerweise kann ich Inhalte erstellen, die in freien Formaten verfügbar gemacht werden können, also unabhängig von der genutzten Plattform sind.

Lernprozesse verlaufen individuell unterschiedlich, die Zugangsweisen unterschiedlicher Menschen zu ähnlichen Themen sind äußerst vielfältig. Um Bildungsmedien an diese unterschiedlichen Bedürfnisse anpassen zu können, müssen sie dem Lehrer bzw. der Lehrerin größtmögliche Freiheiten geben. Diese Freiheiten haben schon Schulbücher nicht gegeben – geschlossene Softwarelösungen werden sie auch nicht fördern.

Apples Vorstellungen, wie das Schulbuch der Zukunft aussehen könnte, sind zudem äußerst konservativ, wenn ich mir das von Apple zur Verfügung gestellte Ansichtsexemplar eines solchen Schulbuches anschaue. Dieses Musterbuch ist sehr stark instruktiv ausgerichtet, hat in meinen Augen sehr leichte Feedbackfragen integriert und kommt in der Regel immer erst am Ende eines Kapitels dazu, die Eigenaktivität der Lernenden in den Vordergrund zu stellen. Entsprechend hieß es bei der Keynote in New York auch, dass das Schulbuch als Schulbuch unpraktisch sei, seine Inhalte aber qualitativ wertvoll sein würden. Bereits an dieser Stelle war zu ahnen, dass Apple selbstverständlich weder methodisch noch didaktisch irgendwelche Innovationen vorlegen würde.

Selbstverständlich können in mit iBooks-Author erstellten Schulbüchern methodisch und didaktisch neue Wege gegangen werden, aber möglicherweise besteht der Grundfehler darin, dass Apple nach wie vor auf die Buchmetapher vertraut, dabei aber aus dem Blick verliert, dass ein multimediales „Buch“ eben kein Buch mehr ist. Einzig die Buchmetapher ist geblieben. – Entsprechend linearer ist das von Apple vorgelegte Beispielbuch aufgebaut, die nichtlinearen Grundstrukturen des Denkens und Lernens werden hier entsprechend nicht abgebildet, obwohl genau dies in digitalisierten Kontexten problemlos möglich ist.

Apple beantwortet nicht die Frage, die die Gegenwart an im Unterricht eingesetzte Materialien stellt. Apple beantwortet vielmehr vor allem die Frage, wie Verlage ihre Geschäftsmodelle in die digitale Wirklichkeit hinüberretten können. Sich auf die von Apple gegebene Antwort zu verlassen, könnte für die Schulbuchverlage mittelfristig verheerende Folgen haben, so die Annahme stimmt, dass es das Buch selbst ist, das im Kontext der Nutzung digitaler Endgeräte aus dem Lernalltag verschwinden dürfte. Der Lernprozess selbst verändert sich grundlegend – so zumindest meine bisherigen Beobachtungen an mir selbst und an digitale Geräte bereits nutzenden Schülerinnen und Schülern.

Apple hat aber trotz allem erreicht, dass die Diskussion um im Unterricht genutzte Computer einen neuen Anstoß bekommen hat. Dies habe ich bereits einen Tag nach der Präsentation Apples in New York unter Lehrerinnen und Lehrern beobachtet. Deshalb hoffe ich, dass von der Initiative dieses Computerherstellers ein Anstoß ausgeht, der weitere Initiativen, Ideen und Projekte motivieren, intensivieren bzw. lostreten wird.

Letztlich wird es darum gehen, ob es gelingt, von geschlossenen Lösungen hin zu offenen Lösungen kommen, die vermutlich eher browsergestützt zu denken sind.

Doch das Gefühl bleibt ambivalent: Der von Apple konstruierte „goldenen Käfig“, das „Disneyland“ vieler, vieler bunter Apps, hat einen echten Wohlfühlwert, ist schön gestaltet und in vielerlei Hinsicht hochgradig effizient. Andererseits, wenn man den Blick doch einmal von all den Attraktionen abwendet, hat man ständig diesen Zaun im Nacken, der diese Welt massiv nach außen hin abgrenzt. Und dieser Zaun sieht aus, wie alle Zäune letztlich aussehen: unfreundlich, abweisend, grau, kalt. Es ist ein Weidezaun, der die Konsumenten auf der Weide halten soll. Es könnte aber sein, dass es wieder modern wird, sich gerne in der freien „Natur“ bewegen zu wollen. Ich hoffe, diese in meinen Augen wünschenswerte „Mode“ lässt nicht mehr lange auf sich warten.

Phantomdebatte? – Kommentar zu einer „Wortregelung“ in Sachen „Schultrojaner“

Ich kann es nicht mehr hören: Es handele sich bei der Diskussion um den „Schultrojaner“ um eine Phantomdebatte. So lassen es die Verantwortlichen bei KMK und vds-Bildungsmedien, dem Lobbyverband der Schulbuchverlage, verlauten.

Es gäbe diese Software doch noch gar nicht und solange es sie nicht gäbe, müsse man auch nicht über sie diskutieren, ja, könne man nicht einmal über sie reden.

Fakt ist, dass die Entwicklung einer solchen Software im Vertrag zwischen den Schulbuchverlagen und der Kultusministerkonferenz vereinbart wurde. Diese Vereinbarung ist kein Phantom, sondern Teil eines geltenden Vertrages.

Die Diskussion dreht sich um diese Vereinbarung. Zu behaupten, man diskutiere über etwas, das es gar nicht gäbe, ist ein Fehlschluss, ein rhetorischer Kniff, um die Diskutanten zu diskreditieren, denn es spräche ja nun wirklich nicht für einen angemessenen Gebrauch der Vernunft, diskutierte man über etwas, das rein fiktiv ist.

Die Diskussion dreht sich um Grundsätzliches. Diesen Grundsatzfragen versucht aus dem Weg zu gehen, wer sich der Diskussion mit dem Argument verweigert, es handele sich beim Diskussionsgegenstand doch nur um ein Phantom.

Was aber geschieht, wenn man die Geister nicht mehr los wird, die man rief, steht in „Der Zauberlehrling“ geschrieben, jenem Gedicht Goethes, das zeigt, was passiert, wenn man mithilfe einer sprachlichen Formel (analog zum Vertrag zwischen Schulbuchverlagen und KMK) einen Geist freilässt, den man gar nicht will.

Es geht um grundsätzlichere Frage, als um die Frage, ob es die Software schon gibt oder nicht.

Im Zentrum steht die Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme, bei der es sich immerhin um ein Grundrecht handelt.

Es geht um die Frage, ob ein Zusammenschluss privater Unternehmen und Verwertungsgesellschaften eine Software programmieren (lassen) darf, die dann von staatlichen Schulträgern zum verdachtsunabhängigen, stichprobenartigen Scannen der Rechner genutzt werden soll, die von Lehrern und Lehrerinnen im Rahmen des öffentlich zugänglichen Netzes in Schulen genutzt werden.

Es geht um die Einstellung und das (Grund)Rechtsverständnis, das im vorhandenen Vertrag – nein, der ist kein Phantom, der ist geschlossen, unterschrieben, gültig, vorhanden, nachlesbar und somit alles andere also als ein Phantom – zum Ausdruck kommt.

Dem Grundrecht auf Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme stehen im Vertrag die Interessen der Schulbuchverlage gegenüber, wobei Grundrechte höher stehen als diese Interessen, die im begründeten Verdachtsfall sowieso eingefordert werden können.

Ich kann es nicht mehr hören, wenn die Vertragspartner behaupten, es handele sich bei der Diskussion um den Schultrojaner um eine Phantomdebatte.

Wer das behauptet, der will ablenken oder muss sich die Frage stellen lassen, ob Grundrechte – und um diese dreht sich die Debatte eigentlich! – ein Phantom sind oder ein Gut, das nicht mal so eben nebenbei durch Einzelinteressen in Frage gestellt werden darf.

Von den Gegebenheiten zum Traum 1: Der das © achtende Lehrer. (K)ein Beitrag zum #Schultrojaner

Begleiten wir heute einen das Copyright achtenden Lehrer ein wenig durch seinen Alltag.

Aber Vorsicht!

Sie werden dabei ungeahnten Problemen begegnen, die Sie, wenn Sie über großes Einfühlungsvermögen verfügen, gemeinsam mit dem Lehrer in das Reich des Wahnsinns treiben können.

Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt! Continue reading

Apps für Lehrer: Omnifocus (ToDo, Things)

Inhalt:
1. Das Problem: Nichts vergessen und doch einen freien Kopf behalten
2. Die technische Umsetzung – iCal, Omnifocus (und warum nicht Apigios „ToDo“ oder „Things“)
3. Ein Beispiel der praktischen Anwendung – Unterrichtsplanung

Das Problem: Nichts vergessen und doch einen freien Kopf behalten

Unterricht, Verwaltung, in den eigenen Fächern auf dem Laufenden bleiben und dann auch noch all diese, sich aus „kleinen Anfragen“ in den Klassenzimmern, den Schulfluren und im Lehrerzimmer ergebenden Arbeiten: Die Zahl der Aufgaben, die ein Lehrer im Laufe eines Tages, einer Woche, eines Schul-(Halb)-Jahres erledigen muss, ist umfangreich.

Das Problem dabei sind in der Regel weder die Aufgaben noch die Masse der Aufgaben, sondern die Frage, wie diese Aufgaben so angegangen werden, dass sie 1. nicht vergessen werden und 2. effektiv erledigt werden können. Wie kann ich mit den Aufgaben umgehen, ohne dass sie belastend werden, weil ich ständig an sie denke, um sie nicht zu vergessen, oder weil ich ständig im Hintergrund überlege, ob ich vielleicht doch etwas vergessen haben könnte… Continue reading

Bildungsplattformen & Schulbuchverlage am Bsp. lo-net und Antolin

Abstract: Dieser Artikel arbeitet induktiv, das heißt, er geht von einem beobachteten, speziellen Phänomen aus und gelangt von diesem zu allgemeineren Überlegungen, in deren Kontext das Phänomen eingeordnet wird.

Ausgangspunkt ist der Wechsel des Betreibers von lo-net, die allgemeineren Überlegungen stellen dann grundsätzliche Fragen zur Rolle von Schulbüchern und Bildungsmedien in (schulischen) Bildungszusammenhängen.

Daraus ergeben sich Überlegungen über die Zukunft von Bildungsmedien, die im Unterricht eingesetzt werden. Continue reading

iPad-Praxis-Test: An einer Tagung teilnehmen…

Nach ein paar Wochen des Vertrautwerdens mit dem iPad habe ich mich nun gewagt, papierfrei zu einer Tagung zu fahren. Eineinhalb Tage um meine Anforderungen an ein Arbeitsgerät in der Praxis zu erkunden. Continue reading

Aperture 3 – Erste Erfahrungen

Dies ist kein Test, kein Review der gerade erschienen Fotoverwaltungs- und RAW-Entwicklungssoftware von Apple. Solche Tests gibt es schon genug, wird es in den nächsten Wochen sogar noch wesentlich mehr geben, und wer sich für die neuen Funktionen in Aperture 3 interessiert, kann z. B. hier nachschauen. Darüber hinaus beschränke ich mich hier auf Aperture 3. Adobes Lightroom kenne ich nicht, sodass hier natürlich kein Vergleich dieser Konkurrenzprodukte möglich ist.

An dieser Stelle fasse ich meine ersten eigenen Erfahrungen als Fotoamateur mit diesem Programm zusammen – nicht mehr, aber auch nicht weniger, interessiert doch wahrscheinlich die meisten, wie mit einer solcher Software gearbeitet werden kann.

Dennoch zunächst: Was ist Aperture und was ist Aperture nicht?

Aperture ist eine Software zur Verwaltung und grundlegenden Bearbeitung von Fotos, die zudem auch in der Lage ist, Videos und Audioaufnahmen in ihrer Mediathek zu verwalten und von dort aus über externe Programme zu bearbeiten. Der Schwerpunkt ist jedoch die Verwaltung und Bearbeitung von Bildern. Hier erinnert Aperture an vielen Punkten an Apples iPhoto, abgesehen davon, dass Aperture sich eher an ambitionierte Amateure und Profis wendet, zeigt die Software doch erst dort ihr ganzes Potentiale, wo es um die Entwicklung von RAW-Formaten geht. Hier hat Apple gegenüber Aperture 2 nachgebessert: Endlich werden auch so wunderbare Kameras wie Panasonics LX 3 und Leicas D-Lux 4 unterstützt. Doch auch für JPEG-Fotografen hat Aperture 3 einiges zu bieten, insbesondere, wenn es um die Verwaltung von großen Datenmengen und die Arbeit mit unterschiedlichen Mediatheken geht. Um es schon hier zu sagen: Anders als iPhoto unterstützt Aperture den Wechsel zwischen verschiedenen Mediatheken, ohne dass ein Neustart der Software nötig wäre.

Aperture 3 ist aber keine Software, die mit Photoshop oder GIMP vergleichbar wäre. Vergleichbar ist Aperture jedoch mit Adobes Lightroom, dessen Name deutlicher werden lässt, um was für eine Software es sich hier handelt: Aperture 3 ist eine digitale Dunkelkammer, eine Bildentwicklungslösung und ein Bildarchiv in einem. Bilder können so wie sie sind bearbeitet werden, aber es stehen keine Werkzeuge zur Verfügung, die massive Bildmanipulationen möglich machten, wie das in Photoshop oder GIMP der Fall ist.

Meine ersten Erfahrungen:

  1. Installation: Ich habe ein Update von Aperture 2 auf 3 gemacht. Hierzu benötigt man die Upgrade-Version von Aperture 3 für 99 € (gegenüber der Vollversion für 199 €). DVD einlegen, Installationsicon klicken, nach der Installation den Lizenzcode eingeben und Aperture 3 läuft. (Achtung: Die Systemvoraussetzungen von Aperture 3 sind relativ hoch, also erst schauen, ob der eigene Mac diesen entspricht. Wer Aperture 3 zunächst als Testversion ausprobieren will, sollte, falls vorhanden, Aperture 2 zunächst aus dem Ordner „Programme” entfernen, da Aperture 3 – auch als Testversion, diese überschreibt!)
  2. Import vorhandener iPhoto-Mediatheken: Der Import vorhandener iPhoto-Mediatheken war bei mir notwendig, weil ich bislang iPhoto und Aperture 2 nebeneinander verwendet habe. Da nun aber mit Aperture 3 z. B. der Export zu flickr und Facebook möglich wurde, da nun auch Gesichtserkennung und die Verwaltung von GPS-Daten in Bildern möglich ist, habe ich mich für eine Zusammenführung aller Bilder in Aperture entschieden. Der Import verlief bei mir problemlos und benötigte natürlich die Zeit, die große Datenmengen immer verlangt. Ich habe über 20000 Bilder aus 10 iPhoto-Mediatheken nun in einer Aperture-Mediathek zusammengefügt, was der Software scheinbar keine Probleme bereitet. Dennoch ist das eine Mediathek, die als Archiv dient und der ich keine weiteren Bilder hinzufügen werde. Da der Wechsel zwischen Mediatheken in iPhoto immer einen Neustart der Software verlangt (Ich gehe davon aus, dass eine neue Version von iPhoto unterschiedlichen Mediatheken unterstützen wird. Alles andere wäre enttäuschend.) hatte ich die Verwaltung einiger Mediatheken vernachlässigt, sodass ich nun, an einem Ort vereint, diese eine, große Aperture-Library zur Aufarbeitung und vor allem auch zum Löschen vorhandener Bilder nutzen werde. Das Verschieben eines Bildes aus einer Mediathek in eine andere bedarf aber nach wie vor, zumindest habe ich noch keine andere Möglichkeit entdeckt, den Umweg über einen vorhergehenden Export der gewünschten Bilder und anschließenden Import in die andere Mediathek.
  3. Arbeit mit großen Datenmengen / Mediatheken und Datensicherung mit TimeMachine (Vgl. auch 2.): Die Arbeit mit großen Mediatheken, bei mir z. B. mit über 20000 Bildern, die eine Größe von 80 Gigabyte hat, verläuft für mich überraschend zügig, wenn auch nicht so schnell, wie mit einer Mediathek, die weniger Objekte zu verwalten hat. Die bei mir vorgenommenen Veränderungen im Datenbestand hatten natürlich auch Auswirkungen auf die automatische Backuperstellung via TimeMachine: Da kamen insgesamt über 200 GB zusammen, sodass ich das Backup, anders als sonst üblich, über Nacht laufen ließ. Da dies aber ein einmaliger Vorgang ist, wirkt sich das auf Arbeit mit Aperture 3 nicht aus.
  4. Die automatischen, voreingestellten Schnellanpassungen für Bilder: Zugegeben, die automatische Bildverbesserung in Aperture erzeugt teilweise überraschende (äußerst bunte) Ergebnisse. Sie scheint am zuverlässigsten bei Bildern zu funktionieren, die bereits eine möglichst gute Qualität zeigen. Die anderen voreingestellten Schnellanpassungen laufen hingegen sehr zuverlässig. Zudem ist es möglich, eigene Anpassungsroutinen abzuspeichern und dem Menu für Schnellanpassungen hinzuzufügen. Hier zeigt sich, dass Aperture eine Profisoftware ist, die dem Benutzer wesentlich mehr Freiraum bei der Bildentwicklung erlaubt, als dies in iPhoto der Fall ist.
  5. Anpassungen: War es in Aperture 2 bislang nur möglich, Anpassungen auf ein ganzes Bild anzuwenden, ist es nun möglich, Anpassungen über Pinselwerkzeuge auch nur an Teilen eines Bildes vorzunehmen. Für mich ist das eine der wichtigsten und überzeugensten Weiterentwicklungen der Software. Wenn gewünscht, arbeiten die Pinselwerkzeuge kantensensitiv und mit Hilfe von Overlays lässt sich sehr genau kontrollieren, welche Bereiche eines Bildes von den Anpassungen erfasst wurden und welche nicht. Dort, wo die Kantenanpassung bei nicht klar erkennbaren Kanten nicht ganz zuverlässig funktioniert, sind über Radierfunktionen schnell Korrekturen möglich. Das funktioniert sowohl beim Nachschärfen, bei Farbanpassungen, beim Aufhellen oder Abdunkeln einzelner Bildpartien etc. Auch ein Polarisationsfilter ist jetzt bei den Anpassungen dabei. Deutliche Verbesserungen meine ich auch bei der Erstellung von Schwarzweißbildern wahrgenommen zu haben.
  6. Gesichtserkennung: Aperture 3 unterstützt nun auch Gesichtserkennung. Erschreckend, wie zuverlässig das funktioniert – erschreckend, weil ich hier einen Eindruck bekomme, wie Gesichtserkennungsfunktionen in anderen Zusammenhängen (z. B. Videoüberwachung) funktionieren können. Positiv ausgedrückt: Zur Verwaltung von Aufnahmen, die von Personen gemacht wurden, ist diese Funktion sehr hilfreich und ja, sie funktioniert.
  7. GPS-Daten-Unterstützung: Die in den vergangenen Jahren immer weiter verbreitete Aufzeichnung von GPS-Daten mit Fotografien und die so mögliche Zuordnung zu den Orten, an denen Bilder gemacht wurden, wird nun auch von Aperture 3 unterstützt. Auch das nachträgliche Hinzufügen von Ortsdaten zu Bildern ist möglich, sodass Bilder auch nach den Orten ihrer Entstehung gesucht und verwaltet werden können. Das ist mit einer Landkarte grafisch ansprechend umgesetzt. Mein erster Eindruck: Bei konsequenter Einarbeitung von Orten in die Metadaten der Bilder, so die Kamera kein GPS unterstützt, ist das für die Verwaltung größerer Bildmengen wahrscheinlich ein sehr interessantes Instrument.
  8. Ausstehende Erfahrungen: Das Erstellen von Diashows und Fotobüchern habe ich mir bislang nur in der mit Aperture 3 ausgelieferten Beispielmediathek angeschaut. Die dort erkennbaren Möglichkeiten sind vielverprechend. Vor allem die Möglichkeit, erstellte Fotobücher nicht nur bei einem vordefiniertem Anbieter beziehen zu können, macht Aperture an diesem Punkt interessant. Fotobücher können auch einfach als PDF gespeichert und zur Verfügung gestellt oder zu einer Druckerei eigener Wahl weitergeleitet werden. Wie sich die Verwaltung von Videos und Audioaufnahmen in Aperture bewähren wird, muss ich noch ausprobieren. Der Eindruck angesichts der integrierten Videos und Audios in der mitgelieferten Beispielmediathek ist zunächst einmal ein guter.
  9. Anbindung an das Web 2.0: Neben dem kostenpflichtigem, hauseigenem Dienst „mobile me” unterstützt Apples Aperture 3 nun auch die direkte Synchronisation mit Facebook und Flickr. Das funktioniert weitgehend gut. Die Privatsphäreneinstellungen für Facebook werden nicht vollständig unterstützt, da z. B. die Sichtbarkeit nur für den registrierten Benutzer nicht direkt gewählt werden kann. Das muss man nachträglich in Facebook machen. Hier muss Apple nachbessern. Darüber hinaus fehlt die Möglichkeit der direkten Übertragung von Bildern in Blogging-Software, wie z. B. WordPress. Anders ausgedrückt: Eine selbst konfigurierbare Anbindung an eine eigene Website konnte ich bislang nicht entdecken. Aber die Erstellung von Webseiten wird in Aperture überzeugend unterstützt. Wie diese Funktion beispielsweise für dieses Blog genutzt werden kann, muss ich noch erkunden (und für Tipps in den Kommentaren bin ich immer dankbar).
  10. Von mir wahrgenommene Schwächen in Aperture 3: Nachdem ich bereits in iPhoto Alben zur Synchronisation mit Facebook angelegt hatte, suchte ich bislang vergeblich nach einer Möglichkeit, diese in Aperture 3 zu importieren, um mit ihnen weiter arbeiten zu können. Darüber hinaus ist die Anbindung an eigene Websites noch entwicklungsfähig. Außerdem sorgt die automatische Verbesserung von Bildern in den Fällen, in denen ich sie bislang ausprobiert habe, oft für überraschende Ergebnisse, die mir nicht gefallen. Da aber Aperture 3 im Bereich der individuellen Anpassung von Bildern sehr mächtig zu sein scheint und hier sehr viel zulässt, fällt diese Schwäche nicht sehr ins Gewicht. Damit verbunden ist aber auch, dass Aperture 3 von seinen Nutzern zumindest erweitertes Grundlagenwissen über die Prozesse der Entwicklung digitaler Bilder verlangt. Es handelt sich hier also nicht um ein auf einfachste Handhabung reduziertes Konumenten-Produkt. (Und entsprechend sorgt sein Erscheinen auch für weit weniger Wirbel, wie das bei anderen Apple-Produkten der Fall ist oder wie das bei „neuen“ Datensammelfunktionen auf Google von mir beobachtet wird.) Das ist aber keine wirkliche Schwäche des Programms, sondern zeigt seine Klientel: Fotografen, die mehr als nur eine Bildverwaltung mit minimalen Optionen zur Bildgestaltung haben wollen. – Eine Schwäche hat Apple mit dem Erscheinen von Aperture 3 ausgebessert, doch muss sie hier genannt werden: Es gab für Aperture bislang weit seltener Updates als für andere Softwareprodukte von Apple. Bleibt zu hoffen, dass Apple bei Apperture 3 die Benutzer nicht wieder so lange auf Integration von Neuentwicklungen warten lässt, wie das bei Aperture 2 der Fall war. Gleiches gilt für das Bereitstellen von im Programm bearbeitbaren RAW-Formaten. Die beliebte Panasonic LX 3 wurde beispielsweise erst jetzt aufgenommen, obwohl sie bereits seit Juli 2008 auf dem Markt ist.

Fazit: Der erste Eindruck, den ich beim Arbeiten mit Aperture 3 gewonnen habe, ist hervorragend. Für meine Zwecke, Bildverwaltung und Bildentwicklung, habe ich hier eine Software gefunden, die diesen Zwecken sehr gut entspricht. Wollte ich darüber hinaus mit Photoshop oder GIMP zu komplexeren Bildmanipulationen übergehen, wäre ihre Anbindung als externe Bearbeitungprogramme möglich. Zudem ist Aperture durch Plug-Ins erweiterbar, wobei bislang nur wenige Plug-Ins im 64 Bit-Format vorliegen, mit dem Aperture von Hause aus arbeitet. Sie sind nach meinen Erfahrungen dennoch nutzbar, wenn Aperture im 32-Bit-Modus gestartet wird.

Neben der Verwaltung von Fotografien bietet Aperture die Möglichkeit, andere Medienformen (Video, Audio) zu verwalten und mit externen Programmen zu bearbeiten, sodass hier die Möglickeit einer zentralen Mediendatenbank besteht.

Sehr gut gefällt mir die integrierte Option des Arbeitens mit mehreren Mediatheken, da so ein differenziertes Arbeiten möglich wird.

Auch wenn Apple die Aperture-Nutzer lange auf dieses Update hat warten lassen: Aperture 3 ist ein rundes Programm geworden, das seine Aufgaben gut zu erfüllen scheint und auf zu viele Gimmicks verzichtet. Aperture 3 ist ein Programm für alle, die ambitionierter mit Fotografien arbeiten wollen, kein Spielzeug. Die Ergebnisse sind, sowohl bei der Bearbeitung von JPEGs als auch von RAW-Formaten, meinem ersten Eindruck nach sehr überzeugend, auch wenn Aperture 3 erst bei RAW-Fotografie zeigt, wie mächtig es als Foto-Entwicklungswerkzeug, als digitale Dunkelkammer wirklich ist.