Über Tabletklassen

Am Anfang des Denkprozesses zu diesem Beitrag, stand, wie schon häufiger, ein Tweet:

Hier nun etwas ausführlicher, was damit gemeint ist:

1 »Tabletklassen« als die Behauptung von Modernität

»Laptop-« oder »Tabletklassen« werden gerne und oft angeführt, wenn nach zeitgemäßem Unterricht gefragt wird, der auf (nicht) absehbare Herausforderungen des 21. Jahrhunderts Antworten gibt. – Es werden Klassen nach der in ihnen verwendeten Technologie benannt, nicht nach Schwerpunkten des Lernens, wie man sie in Schulprofilen finden kann. Und das wird im Prinzip kaum hinterfragt.1

Zwar sprach nie jemand jemals von »Stift-und-Papier-Klassen«, es wurde nie zwischen »Schulheft-« und »Collegeblock-Klassen« unterschieden, obwohl es doch ein Unterschied gibt zwischen der starren Seitenfolge im Schulheft und der dynamischeren Einsetzbarkeit von Collegeblöcken, aber werden »Laptop-« oder »Tabletklassen« an Schulen eingeführt2, welche Bezeichnung nutzen wir denn dann für die Klassen, die keine »Tabletklassen« sind? Oder basteln wir jetzt noch »Smartwatch-Klassen«, um mithilfe eines Bezugs zu einer Technologie den Eindruck zu erwecken, dass man »modern« sei?

Zugegeben, hätte mir vor zwei oder drei Jahren jemand die Möglichkeit eröffnet, eine »Tabletklasse« zu unterrichten, ich hätte das Angebot freudig angenommen. Diese Möglichkeit hatte ich nicht – und heute würde ich sie kritisch hinterfragen.

2 Das Konstrukt und die Kritik

Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich meine mit »Tabletklasse« nicht, dass man einen Wagen mit einem Klassensatz Tablets hat, welche man gezielt mit in den Unterricht nimmt und dort didaktisch reflektiert im Kontext von Lernszenarien einsetzt, in denen deren didaktischer Mehrwert tatsächlich begründet ist.

Spreche ich von »Tabletklassen«, so meine ich jene Konstrukte, die im Rahmen der Neuzusammensetzung von Klassen (z. B. in Jahrgangsstufe 7) ein oder zwei Klassen anbieten, die als »Tabletklassen« firmieren, weil in ihnen jede Schülerin und jeder Schüler ein eigenes Tablet verfügbar hat, mit dem im Unterricht (schwerpunktmäßig) gearbeitet wird.

Ich würde heute an keiner nicht mehr ohne kritische Rückfragen zu stellen an einer Schule arbeiten wollen, an der ein Teil der Schülerinnen und Schüler mit dem Tablet unterrichtet wird, dies als großartig dargestellt wird, aber die Frage offen bleibt, warum man eigentlich, wenn es doch so großartig ist, verantworten kann, dass (in der Regel) der Großteil der Schülerschaft an den jeweiligen Schulen von dieser Option nicht profitiert, weil er nicht in der Tablet-Klasse gelandet ist.

Das gilt auch für Schulen, deren Schulleiter so wunderbar entspannt, pragmatisch und didaktisch reflektiert an das Thema heran gehen wie Markus Bölling, dem ich inhaltlich an sehr vielen Punkten beipflichte. Aber: Auch hier sind es acht »iPad-Klassen« an der Schule. (ca. Sekunde 50ff.) Wie viele Schülerinnen und Schüler profitieren also nicht von den Möglichkeiten?

3 Technologie als Reduktion statt als Erweiterung des Lernangebots

»Tabletklassen« vermitteln den Eindruck, dass eine Technologie, die zum Lernen genutzt werden kann, im Zentrum steht. Es entsteht der Eindruck, dass die Chance der Digitalisierung, nämlich ein didaktisch interessantes Medium mehr zu haben, welches im Reigen dessen, was dem Lernen dient, eingesetzt werden kann, vertan wird. – Konkret würde mich interessieren: Werden die Schulbücher in »Tabletklassen« als digitale Schulbücher derart genutzt, dass die Druckwerke nun als PDF verfügbar sind? (Was wäre da der Mehrwert?) Wird neues Lernmaterial genutzt? Woher kommt dieses Lernmaterial, welchen didaktischen Grundsätzen folgt es? Welche Mehrwerte kann man wie darlegen? Werden zusätzlich analoge Materialien genutzt? In welchem Ausmaß? Wie ist die Koppelung von analogen und digitalen Materialien? Warum gibt es so wenig Beiträge aus Tabletklassen im konkreten didaktischen Diskurs? Wo reflektieren die Praktiker (Lehrer!) didaktisch, was sie in den Tabletklassen tun? (Gerne Links in die Kommentare unten.)

»Tabletklassen« als einzelne Klassen an einer Schule sind eine Engführung, sie reduzieren die Komplexität dessen, was Lernen ausmacht, weil sie exklusiv sind. Exklusivität aber ist immer eine Reduktion von Partizipationsmöglichkeiten.3

Eine solche Reduktion spiegelt nur die Krise wider, in der wir uns – nicht nur im Bildungskontext – befinden. Wir suchen einfache Antworten, statt von Heinz von Försters »ethischem Imperativ«4 ausgehend nach Lösungen zu suchen. Förster formuliert: »Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird.« Diese größeren Wahlmöglichkeiten sollen für einen selbst und für andere erreicht werden.5

Die Digitalisierung bringt solche Wahlmöglichkeiten mit sich, sie erweitert die didaktischen Möglichkeiten enorm. Als Lehrer habe ich mehr Möglichkeiten, die ich Lernenden anbieten kann, damit sie lernen können. Als Lehrer ist es Teil meiner Professionalität, um diese Möglichkeiten (und auch deren Grenzen) zu wissen und sie gezielt einsetzen zu können.

So, wie Autowerkstätten in der Lage sein müssen, mit rein mechanisch arbeitenden Automodellen genauso professionell umzugehen wie mit mit digitaler Technologie ausgestatten Wagen, bei denen man für die Fehlerdiagnostik die entsprechende Software bedienen können muss, so müssen Schulen in der Lage sein, für jeden Lerntyp möglichst optimale Angebote anbieten zu können. – Und so sehr solche Beispiele auch hinken mögen, so sehr sollte deutlich werden, was gemeint ist.

Wenn es Erweiterungen der Möglichkeiten des Lernens gibt, dann muss ich mich als Lehrer selbstverständlich damit vertraut machen und diese Erweiterungen überall, wo sie hilfreich sind, nutzen können.

»Tabletklassen« erwecken nicht den Eindruck, dass eine solche Erweiterung der Wahlmöglicheiten für möglichst alle erreicht wird oder werden soll. Ebenso bleibt die Frage, ob denn die Möglichkeiten des Lernens mit Tablet und Co den Schülerinnen und Schülern der Nicht-Tablet-Klassen (gezielt und systematisch) vorenthalten werden sollen? Aus welchen Gründen?

Nach wie vor stehen wir in den Schulen vor der Digitalisierung und sind ratlos, sehen oft nur Gefahren oder nur Chancen, verdrücken uns in anscheinend einfache Lösungen. Statt mit der höheren Komplexität dessen umzugehen, was uns die Digitalisierung an Lernoptionen bietet, schließen wir diese zu oft aus.

4 Das einfache Vereinfachen – Dialektik der analogen und digitalen Radikalismen

Es ist die Zeit der Vereinfacher, der Radikalismen angesichts von Komplexität. Im Bildungskontext sind es einerseits die radikalen Skeptiker, die eher mit Verboten und Restriktionen arbeiten, und andererseits die radikalen Digitalisierungseuphoriker, die zwar auf den ersten Blick für digital affine Menschen moderner wirken, die aber im Grunde genau so vereinfachende Antworten suchen und geben, wie die Skeptiker.

Schwer haben es in diesem Kontext jene, die reflexiv mit den Möglichkeiten und Grenzen der Digitalsierung umgehen. Von den Skeptikern werden sie oft in die Ecke der Euphoriker gestellt und umgekehrt. Es kommt mir manches Mal so vor, als greife hier Heinz von Försters Theorem Nr. 1: »Je tiefer das Problem, das ignoriert wird, desto größer die Chancen für Ruhm und Erfolg«6 , denn im öffentlichen, von einer breiten Masse wahrgenommenen Diskurs treten allzu oft die Vertreter der einfachen Lösungen, der Radikalismen auf, weil sie so schön die Herausforderungen über ihre einfachen Antworten ignorieren und so einen lebendigen Streit (nicht Diskurs!) erwarten lassen.

Als Didaktiker geht es mir als Lehrer zunächst darum, dass ich alle zur Verfügung stehenden Mittel und Methoden anschaue und untersuche, was welchem Lernen dient und was nicht. Alles aber, was dem Lernen dient, will ich, wenn die Verfügbarkeit nicht gerade allzu illusionär ist, nutzen können.

5 Nein zu »Tabletklassen« als Leuchttürme, die gar nicht leuchten

Nein, ich will keine »Tabletklasse«. Ich will einen Unterricht, in dem ich zur Verfügung stehende Lern- und Lehrmedien didaktisch reflektiert einsetzen kann, und zwar in jeder Klasse.

Manches kann mit Stift und Papier besser gelernt werden als mit dem Tablet oder dem Laptop; manche Unterrichtssequenz bekommt einen didaktischen Mehrwert, wenn z. B. ein Video genutzt werden kann7, der Umgang mit Büchern und die Möglichkeiten der digital basierten Wissensgenerierung zum Zwecke der Entwicklung einer Kompetenz schließen einander nicht aus.

Vermutlich ist, ich kann es nicht beschwören, weil ich noch keine Möglichkeit der längeren Hospitation hatte, der faktische Unterricht in den »Tabletklassen« bei weitem nicht so heroisch, wie man bei manchem Bericht den Eindruck bekommt. In Wirklichkeit ist die Einrichtung von »Tabletklassen« der eher einfache Weg, auf dem die didaktische Komplexität angsichts der Digitalisierung eben nicht erweitert, sondern verschoben und an anderer (analoger) Stelle reduziert wird.

Ich will keine »Tabletklasse«, sondern die Möglichkeit, bei meiner Arbeit ein möglichst breites Spektrum didaktischer Möglichkeiten nutzen zu können.

Dort, wo digitales Lernen einen Mehrwert hat, möchte ich diesen generieren können, ohne mir groß Gedanken um verfügbare Technik machen zu müssen.

Dort, wo analoges Lernen einen Mehrwert hat, möchte ich diesen nutzen, ohne mich rechtfertigen zu müssen, warum jetzt gerade kein Tablet eingesetzt wird.

Dort, wo ein Schüler ein Buch aus Papier braucht, um seinem Lesestil entsprechend arbeiten zu können, soll er/sie diese Möglichkeit genauso haben, wie Schüler auf das EBook zurückgreifen können sollen, die digital lesend besser zurecht kommen.

Ich will an den Punkt kommen, an dem die Differenzierungsmöglichkeiten nicht an der Bezeichnung »Tabletklasse« oder »Analogklasse« enden.

Ich will keine »Tabletklasse«, sondern den Mut, so zu handeln, »dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird«, die für das erfolgreiche Lernen eines jeden Schülers und einer jeden Schülerin zur Verfügung stehen. Und das in jeder Klasse. Dazu müssen dann natürlich auch die (finanziellen, technischen, rechtlichen…) Anstrengungen (von Schulen, Schulträgern, Kultusministerien…) unternommen werden, die eine solche größere Wahlmöglichkeit erst für alle ermöglichen. Das ist keine kleine Herausforderung, aber sicher ein lohnender Weg für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft.

  1. Mir ist natürlich bewusst, dass bei allem, was ich hier kritisiere als Antwort angeführt werden kann, dass man ja mal wo anfangen müsse, dass man Pilotprojekte brauche, dass Leuchtturmprojekte wichtig seien, damit man wissenschaftliche Begleitforschung betreiben könne etc. Das mag so sein. Deshalb fand ich Tabletklassen vor 2 Jahren auch noch gut. Aber die Zeitläufte gehen ja weiter – und so erlaube ich mir hier dann also im Rahmen dialektischen Denkens diesen kritischen Beitrag. []
  2. Im Folgenden spreche ich nur noch von »Tabletklassen«, meine damit aber »Laptopklassen« natürlich weiter mit, aber auch »Smartphoneklassen«, falls es solche jemals geben sollte, etc. []
  3. Wie weit eine solche Exklusivität gehen kann, kann man in einem Artikel über die oben verlinkte Freiherr-vom-Stein-Schule vom 11.12.2014 nachlesen, in dem darauf hingewiesen wird, dass die »iPad-Klassen« in ihren Räumen in Eigenregie ihr Logo angebracht haben, um ihre »Corporate Identity« zu pflegen. Da geht es dann nicht mehr ums Lernen, sondern um soziale Rollen, um Abgrenzung. Da ist man dann sehr weit von der Frage nach dem Mehrwert und den Grenzen entfernt. []
  4. vgl. Heinz von Foerster (1973), Über das Konstruieren von Möglichkeiten. S. 49. []
  5. Vgl. hierzu Brand Eins. Wirtschaftsmagazin, Ausgabe 05.2015 (Mai 2015), S. 40–48, besonders 48. []
  6. http://www.heise.de/tp/artikel/13/13359/1.html []
  7. z. B. Versuchsaufbauten in den Naturwissenschaften etc. []

Gefunden: Jeremy Rifkin über die Wirtschaft der Zukunft. ==> Und da soll noch Platz für Schulbücher sein?

Ich bin auf ein Interview mit dem Zukunftsforscher Jeremy Rifkin gestoßen. in diesem wird die These vertreten, dass wir den größten wirtschaftlichen und damit auch gesellschaftlich relevanten Umbruch seit Beginn des [an der Industrie orientierten] Kapitalismus erleben. – Ich erinnerte mich direkt an eine Tagung, in deren Zentrum die Frage stand, wer bestimmt, was an Schulen gelernt wird und welche Rolle Schulbücher in diesem Kontext spielen. Diese beiden Aspekte (Rifkin und meine noch immer nicht abgeschlossene Reflexion der Erkenntnisse dieser Tagung) versuchte ich für mich ein wenig zu reflektieren und lasse die Lesenden dieses Blogs jetzt daran teilhaben. Freue mich, wenn diese Teilhabe zur Teilgabe wird, z. B. mittels der Kommentarmöglichkeit am Ende des Beitrags.

Schulbücher? Schulbuchverlage? Das Schulbuch (auch weiterhin) als Leitmedium mit Medien drum herum. – Schwer vorstellbar.

Doch gerade das hörte ich vor kurzem auf einer Tagung, die sich um die Frage des Schulbuchs und dessen Zukunft drehte. Im Zentrum stehe das Schulbuch und um dieses herum siedelten sich unterschiedlichste Medien an, die auch digitaler Natur seien. Und natürlich werde das alles aus Bildungsmedienbetrieben kommen. OER (Open Educational Resources) und cloudbasierte Projekte wurden in diesem Rahmen nicht wirklich als zukunftsfähige Alternativen betrachtet, die das bislang übliche Niveau erreichen und konstant halten könnten, das bisherige Bildungsmedienanbieter professionell seit Jahrzehnten sicherstellten.

Als ich im Rahmen einer Podiumsdiskussion bei dieser Tagung die Position einnahm, dass Professionalität in Bezug auf Lernmedien in Zukunft nicht mehr auf der heute bekannten Professionalität der Erstellung von Schulbüchern basieren, sondern anderer Art sein werde, spürte ich die deutlich wahrnehmbare Skepsis derer, die sich auf das KnowHow des Schulbuchmachens (im Medienverbund) verlassen und sich kaum vorstellen können, vielleicht teilweise aber irgendwie ahnen, dass dieses Wissen, diese Professionalität vor einem völligen Umbruch hin zu einer anderen Professionalität in Sachen Bildungsmedienerstellung steht.

Wie diese Professionalität en detail aussehen wird, wissen wir noch nicht. Sie wird aber etwas mit Vernetzung, Mobilität etc. zu tun haben. Jeremy Rifkin prognostiziert da manches, was auch für Bildung und Schule relevant sein wird. Ob dabei OER eine Rolle spielen werden, ist natürlich offen, denn auch die Inhalte werden sich wohl  in Richtungen weiter entwickeln, bei denen die Frage der Lizenzen möglicherweise nicht mehr so im Vordergrund stehen wird, wie das heute noch der Fall ist. Wie wird sich das, was Jeremy Rifkin als das  Null-Grenzkosten-Phänomen bezeichnet, im Bildungssektor auswirken? Wie werden sich Schulen als Gebäude und Schule als Institution vor diesem Hintergrund verändern?

Wer Antworten von mir erwartet, muss sich da noch gedulden, denn momentan versuche ich vor allem zunächst einmal die richtigen Fragen zu finden. Aber man kann ja auch eigene Fragen teilen und sich darüber austauschen. Vielleicht hat der eine oder die andere dazu ja Lust. Die Kommentarfunktion freut sich auf konstruktive Nutzung. http://www.zeit.de/2014/50/jeremy-rifkin-kapitalismus-revolution/komplettansicht

Kleine Indizien des großen Strukturwandels

Am Mittwoch, dem 3. September 2014, ging durch die Medien, dass der Taxi-Konkurrent Uber vor dem Frankfurter Landgericht per einstweiliger Verfügung verboten bekommen hat, weiter private Fahrer an Fahrgäste zu vermitteln. Diese einstweilige Verfügung wurde von dem Zusammenschluss – gibt es triftige Gründe, nicht von einem Kartell zu sprechen? – der deutschen Taxizentralen „Taxi Deutschland“ erwirkt.

Wenn man diese Auseinandersetzung im Rahmen des digitalen Strukturwandels betrachtet, ist dieser Versuch der Interessenvertretung der Taxi-Zentralen nur einer mehr, der zeigt, dass längst nicht jeder verstanden hat, dass wir es mit einem grundlegenden digitalen Strukturwandel zu tun haben, dessen Auswirkungen sicherlich so gravierend sein werden, wie der Wandel des Ruhrgebietes in den vergangenen Jahrzehnten, aber nicht nur eine Region, sondern die gesamte Gesellschaft betreffen werden.

Besitzstandswahrer haben im Kontext dieses Strukturwandels keine Ideen. Sie sehen nur, dass da etwas Neues am Entstehen ist und reagieren reflexartig mit Versuchen, die als Indizien der Veränderung zu verstehenden Entwicklungen zu verbieten – und fallen absehbar auf die Nase.

Es ist in so vielen Branchen momentan genau das der Fall: Wir erleben einen Strukturwandel angesichts der zunehmenden Präsenz des Digitalen und des Internets und mit diesem verbunden das Aufbegehren der jeweiligen Gruppen bisheriger Nutznießer bestimmter Konstellationen.

Die Musikbranche ist von diesem schmerzhaften Prozess des Strukturwandels mit als erste getroffen worden und eine neue Studie zeigt, dass Musikstreaming an die Stelle bisheriger Musikkonsumenten-Gewohnheiten treten wird, sodass sowohl das Geschäft mit CDs und auch mit Musik-Downloads keine große Zukunft mehr haben dürfte.

Die Buchbranche wehrt sich mit Händen und Füßen gegen den Strukturwandel, glaubt anscheinend, wenn sie EBooks (nicht von jedem Buch allerdings) anböte, könne sie im Strukturwandel ihre Pfründe bewahren. Da wird das Erwachen ziemlich unvermittelt sein, wenn man plötzlich merkt, dass Autoren sich anderen Vermarktungswegen zuwenden, insbesondere jene, die ihre Geschichten crossmedial erzählen. Und nun also das Taxi-Gewerbe. Gunter Dueck weist schon seit längerer Zeit darauf hin, dass das autonom fahrende (fahrerlose!) Taxi kommen wird. Das werden die Taxibetriebe wahrscheinlich nicht verbieten wollen, aber der Beruf des Taxifahrers wird exotischer werden nahezu verschwinden. Im Augenblick wehrt sich die Taxibranche gegen Versuche, das Monopol deutscher Taxiunternehmen und derer -zetralen aufzubrechen. Wenn sie bis zur letzten Instanz Recht bekommen sollte, sollte sich die Branche dennoch nicht zu früh freuen. Der digitale Wandel wird sie noch wesentlich härter treffen, als Uber das je könnte. – Zumindest in Kalifornien sind die Autobahnen für Autos, die mit Autopilot fahren, gerade freigegeben worden.

So ein schlechter Roman. Zu Dave Eggers „Der Circle“ („The Circle“)

Ich bin durch. Endlich. Es war anstrengend. Ich habe mich geärgert. Ich war entsetzt über diese sprachliche Glätte, auf der die Figuren nicht nur ohne Tiefgang bleiben, sondern ausrutschen und zu schemenhaften Klischees statt zu ernstzunehmenden Charakteren werden.

Das scheint nicht allen so zu gehen: Die FAZ schreibt unter anderem, Dave Eggers habe mit „Der Circle“ „den Roman unserer Zeit geschrieben“. Und Andreas Platthaus nennt es – ebenfalls in der FAZ – „das wichtigste Buch des kommenden Bücherherbstes“. Iris Radisch empfiehlt das Buch seltsamerweise auf ZeitOnline, trotz anfänglicher Relativierungen in Bezug auf dessen Qualtität.

Und dann das.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen, weil es da schon seit letztem Herbst vorliegt. In Deutschland erscheint es am 14. August. Da war doch eigentlich genug Zeit für die Kritiker, sich mit dem Werk zu befassen. Da war doch eigentlich genug Zeit, um sich als Kritiker so kundig zu machen, dass man hätte merken können, dass Dave Eggers Horror-Roman digitaler Zukunftsphantasien zwar wunderbar mit Ängsten und Klischees zu spielen, aber mehr nicht zu leisten vermag.

Worum geht es: Mae Holland bekommt eine Stelle bei „Der Circle“ und wird zu einer zentralen Figur beim Vorantreiben einer Ideologie der Transparenz und Offenheit, die sich jeglicher Privatsphäre verweigert. Obwohl sie selbst will, dass ein Video (Sex), das ein anderer Mitarbeiter bei „The Circle“ aufgezeichnet hat, gelöscht werde (was es nicht wird), obwohl sie selbst entsetzt ist, als ihr dauernd auf Sendung stehendes Aufnahmegerät ihre eigenen Eltern in einer „etwas“ verfänglichen Situation ertappt, wird Mae als völlig im System gefangene Figur dargestellt, in einem System, das Dave Eggers ein paar Jahre zu spät vorführt, um angesichts der aktuellen Entwicklung rund um die NSA noch ernst genommen werden zu können.

Und dennoch: Dieser Roman wird sich auch durch nunmehr immerhin doch in Kritikerkreisen auftauchende Anmerkungen über die mangelnde Qualität des Romans nicht aufhalten lassen. Er wird sich super verkaufen, Menschen werden das dicke Werklein verschlingen, denn sie finden ihre eigenen  Ängste in diesem Roman wunderbar bedient. An keiner Stelle werden die Ängste und deren Rationalität hinterfragt, an keiner Stelle verweigert der Roman die Identifikation der klischeehaften Ängste vieler Leser mit der Wirklichkeit des Romans.

Da werden die gläsernen Bürobauten mit Wellness-Bereichen, Bio-Mittagstisch und anscheinend flachen Hierarchien dargestellt. Es wird dieser Umgangston reproduziert, der alles toll findet, der betont, wie wichtig eine Person für einen sei, der aber eigentlich höchst autoritär ist und alles an sich abperlen lässt, was nicht in das Glitzerweltbild der schönen neuen Internetwelt passt.

Nein, Dave Eggers „Der Circle“ ist eine Zumutung. Und seine Rezeption in der deutschen Literaturkritik ist für mich weitgehend überhaupt nicht nachvollziehbar. Das Problem liegt darin, dass man sich an vielen Stellen in der Literaturkritik nur noch an Themen orientiert und dabei anscheinend vergisst, dass ein guter Plot nur ein Teil der Voraussetzungen für ein gutes Buch ist. Dazu kommen dann noch all die Aspekte, die einen Roman zu einem Kunstwerk machen und ihn von Sachtexten und journalistischen Texten unterscheiden. Und dazu gehört mehr, als völlig undialektisch einige Tendenzen in der jungen Internetindustrie ins Megalomanische zu projizieren und so zu tun, als ob dieser Industrie ein Automatismus innewohne, der als Begründung für die erzählte Geschichte ausreiche.

Nein, als Dave Eggers den Roman schrieb, wusste er noch nichts von Edward Snwoden und den Ungeheuerlichkeiten, die Staaten in Sachen digitaler Überwachung tun. Man hätte zwar spätestens seit Echelon ahnen können, was Sache ist, aber ok. Obwohl: Ein Autor, der sich mit diesem Themengebiet befasst und dann auch noch an den Punkt kommt, dass die Demokratie sich voll und ganz in die Hände eines über die Identitäten aller Einwohner eines Landes verfügen wollenden Privatunternehmens begibt, muss intellektuell die zweite Seite der Überwachung irgendwie mit anklingen lassen, die vom Staat ausgeht. Aber Politik wird von Eggers als Marionette dargestellt, verbunden mit Verschwörungstheorien: Sagt ein Politiker etwas gegen einen einflussreichen Internet-Konzern, kommt kurz danach irgend etwas aufs Tapet, dass diesen Politiker ausschaltet, zum Rücktritt zwingt. So einfach ist das – in Eggers Welt, die sich mit der vieler seiner Leser und Leserinnen decken dürfte.

Einer der vielen Tiefpunkte dieses Romans ist die melodramatische Verfolgung eines Menschen, der sich der digitalisierten Allgegenwärtigkeit eines jeden Menschen verweigert. Was die Perversion des Systems zeigen soll, wird zu einer slapstickartigen Darstellung der Macht sozialer Netzwerke, die (natürlich) Menschen, die sich diesen Netzwerken verweigern, so auf die Pelle rücken, dass da auch mal einer stirbt. Das geht dann zwar allen nahe und man bedauert das sehr, aber klüger, nein klüger werden die Figuren in dem Roman nicht. Das wäre nicht schlimm, wenn wenigstens der Leser klüger aus diesen Seiten voller Nichts wieder auftauchen könnte. Aber das verhindert Eggers erfolgreich… – um mal eine positive Formulierung zu verwenden.

Nein, Eggers macht es sich mit seiner These zu einfach. Es gibt keinen Automatismus, der gegenwärtige Entwicklungen direkt in größenwahnsinnige gesellschaftliche Perversionen sozialer Netz treibt. Das heißt nicht, dass es diese Gefahr nicht gäbe, aber so leicht, wie es sich Eggers macht, geht es nicht. Das ist Schwarz-Weiß, obwohl die Welt, in der die Geschichte spielt. in Farbe und HD daher kommt.

Das Schlimmste aber, um beim Thema des Romans zu bleiben: Eggers macht nichts sichtbar, was man nicht schon ohne seinen Roman wüsste.

Er blendet, indem er einem sich freundlich gebenden Unternehmen – manche sagen, es sei an Google angelehnt, womit das simple Feindbild des Romans dann auch schon genannt ist –  größenwahnsinnige Allmachtsphantasien zuschreibt und dabei die ebenso größenwahnsinnigen Allmachtsphantasien von Staaten und vor allem derer Geheimdienste vollkommen ausblendet. Dass das so nicht sein muss, zeigt Tom Hillenbrand in seinem Roman „Drohnenland“, der auch vor dem Bekanntwerden der Snowden-Dokumente geschrieben wurde und der die Gefahr totaler Überwachung durch den Staat und diesem helfenden Privatunternehmen sieht und in einem starken Kriminalroman darstellt, in dem nicht nur der Plot stimmt, sondern in dem auch dessen Umsetzung überzeugen kann.

Und dennoch habe ich „The Circle“ bis zum bitteren Ende gelesen. Denn wenn in vielen Presseorganen ein solches Buch so gepusht wird, wie es geschehen ist, dann muss da doch irgendwas sein…?! – Es ist da nichts. Es stellt sich sogar die Frage nach den Mechanismen der Literaturkritik, denen es offensichtlich nur teilweise gelingt, gegen Marketing-Versprechen ein literarisch orientiertes Lesen zu stellen, das nach literarischen Qualitäten fragt. Die taz beschreibt schön, wie platt und öde die Bilder im Roman sind. Sehen das andere Kritiker nicht? Oder wollen sie es nicht sehen, aus welchen Gründen auch immer?

Wer wirklich etwas über unsere Zeit und die sich aus der Gegenwart heraus ergebenden Gefahrenpotentiale digitaler Überwachung wissen will, statt sich von schlechter Literatur blenden zu lassen, der lese Glenn Greenwalds Dokumentation „Die globale Überwachung“, in der die Geschichte seiner Begegnung mit Edward Snowden erzählt und einige wichtige Dokumente der NSA vorgestellt und erläutert werden, oder Tom Hillenbrands „Drohnenland“. Eine weitere Empfehlung ist Juli Zehs Roman „Corpus Delicti“, der bereits 2009 grundlegende Fragen der Erfassung von Daten unter dem Deckmantel der Prävention literarisch überzeugend aufgreift. Und auch Orwells „1984“ oder Huxleys „Schöne neue Welt“ bieten inhaltlich und literarisch einen viel breiteren Horizont, der zum Nachdenken über Entwicklungen in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts einlädt.

Grundlage dieser Rezension ist Eggers, Dave, The Circle (Vintage). Kindle Edition. Die deutsche Ausgabe erscheint am 14.8.2014: Dave Eggers: „Der Circle“. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014, 560 Seiten, €22,99  (als EBook im epub- oder Kindle-Format kostet der Roman in Deutschland €19,99).

 

Gefunden: Die Zukunft des Schulbuchs (via onlineeducation.net)

Wie das mit dem Schulbuch in der Zukunft aussehen wird? – Viele machen sich darüber Gedanken. Eine Zusammenstellung des Ist-Zustandes verbunden mit dem Blick in eine mögliche Zukunft habe ich auf der amerikanischen Website Onlineeducation.net gefunden.

Ja, es handelt sich um Zahlen aus Amerika, die den deutschen Markt nicht widerspiegeln, die aber durchaus, so meine Einschätzung, eine mögliche Richtung aufgreifen, in die sich auch Deutschland, wesentlich langsamer als andere Länder, wenn ich mich nicht irre, entwickeln könnte.

Via: OnlineEducation.net