Die B-Seite meiner Bibliothek – Warum ungelesene Bücher zur richtigen Zeit wiederkehren

In meiner Bibliothek stehen auch Bücher, die ich nicht gelesen habe. Manche, die in zweiter Reihe stehen, habe ich womöglich sogar vergessen. Das ist aber kein richtiges Vergessen, sondern ein relatives Vergessen. Relativ deshalb, weil ich mich an diese Bücher erinnere, wenn sich ein Grund ergibt, der die Beziehung zu diesem Buch, also die Relation, auffrischt, erneut herstellt. Auch die ungelesenen Bücher haben nämlich einen Grund, dass sie hier stehen: Sie sind mir in Zusammenhängen begegnet, aufgrund derer ich sie angeschafft habe. Warum ich sie dann nicht gleich gelesen habe, weiß ich in den meisten Fällen nicht mehr. Aber sie sind in meinem Gedächtnis vorhanden, nur eben nicht aktiv, bis es dann zu einer Situation kommt, in der die Relation wieder hergestellt wird. Wie muss man sich das vorstellen?

Ich erkläre es einmal an Ross Thomas’ Thriller »Fette Ernte«. Diesen Thriller habe ich im Frühsommer 2014 angeschafft, kurz nachdem er in neuer Übersetzung von Jochen Stremmel im Berliner Alexander-Verlag auf Deutsch wieder verfügbar war. Meine erste Relation zu diesem Thriller war die Krimi-Bestenliste im Juni 2014, die in »Die Zeit« verfügbar war, aber hinter der Paywall liegt, weshalb ich sie hier nicht verlinke. Ich fand die Beschreibung dort spannend, habe dann in der Buchhandlung das erste Kapitel gelesen, fand den Stil interessant und habe das Buch mitgenommen. Dann habe ich es erst einmal in mein Regal gestellt. Irgendwann ist es in die zweite (hintere) Reihe gerückt und war damit meinen Augen und der ständigen Erinnerung, das Buch doch endlich zu lesen, entrückt. Aber es hat alle Durchgänge des Aussortierens von Büchern überstanden, die ich entweder bereits gelesen habe und von denen ich deshalb weiß, dass ich sie nicht erneut lesen werde, oder bei denen ich zu der Erkenntnis gekommen bin, dass ich zwar mal meinte, sie mir anschaffen zu müssen, nunmehr aber weiß, dass ich sie nicht lesen werde. 

Etwa elf Jahre später – so lange dauert es nicht immer, aber was weiß ich denn, wann eine Konstellation zustande kommt, die die einmal vorhandene Beziehung zu einem Buch auffrischt und in meinem Gehirn die Relation zu diesem erneuert – lese ich nun Jörg Fausers »Der Klub, in dem wir alle spielen. Über den Zustand der Literatur«, einen Band, der Jörg Fausers Rezensionen und Aufsätze zur Literatur versammelt. Unter der Überschrift »Die hohe Kunst des Komplotts« finde ich dort einen erstmals am 17.12.1983 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen Aufsatz über Ross Thomas. Ich denke zunächst, dass es eine Schande ist, dass ich diesen Autor nicht kenne, recherchiere ein wenig und stoße dabei auf das Cover von »Fette Ernte«. Ich erkenne es sofort. Weiß sofort, dass sich dieses Buch in meiner Bibliothek befindet. Und der Text von Jörg Fauser, vor zweiundvierzig Jahren in der FAZ erschienen, hat mir eine solche Lust auf das Lesen eines Romanes von Ross Thomas gemacht, dass ich mich direkt auf die Suche mache. Es dauert nur etwa fünf Minuten, denn ich erinnerte mich noch, in welchem Bereich meiner Bücherregale mir das Cover zuletzt begegnet war, bis ich den Band in der zweiten Reihe, verborgen hinter den Büchern, die in der ersten Reihe stehen, finde. Sozusagen eine B-Seite, wenn man an alte Single-Schallplatten aus Vinyl denkt, die man erst wieder finden muss, weil auf dem Cover immer nur die A-Seite als Titel steht. 

Ich nehme den Band aus dem Regal. Ich schaue mir den im Softcover (also als Taschenbuch) vorliegenden Band an und stelle fest, dass er tatsächlich noch keine Lesespuren hat. Manchmal kommt es nämlich vor, dass ich vergessen habe, ein Buch gelesen zu haben, wenn ich eine solche erneute Relation zu ihm herstelle, das erkenne ich aber an den Spuren, die mein Lesen an und in Büchern nahezu zwangsläufig hinterlassen. – Dieser Ross-Thomas-Band war noch ungelesen.

Der Aufsatz von Jörg Fauser hatte mir aber eine solche Lust gemacht, genau in diesem Moment etwas von Ross Thomas zu lesen, dass ich direkt mit der Lektüre begann und dann Seite um Seite vorangekommen bin, bis ich eine erste Leseunterbrechung einlegte. Neben dem Lesen ging mir immer wieder der Gedanke durch den Kopf, dass das der Grund ist, warum ich ungelesene Bücher besitze und besitzen mag.

Es gibt immer einen Grund, warum ich mir diese Bücher angeschafft habe. Manchmal irre ich mich; dann werden die Bücher aussortiert, wenn ich zu diesem Schluss komme. Bei den anderen aber ist es so, dass sie mir eben nicht nur einmal in der Situation begegnen, in der ich zu dem Schluss kam, dass ich mir dieses oder jenes Buch hier und jetzt anschaffen werde. Diese Bücher begegnen mir mit quasi schlafwandlerischer Sicherheit ein zweites Mal, nämlich, zu dem Zeitpunkt, an dem sie von mir nun endlich gelesen werden wollen. Manche Werke tun das mit großer Hartnäckigkeit, weil so viele Menschen diese gelesen und für sich für wichtig befunden haben, dass sie immer wieder in unterschiedlichsten Zusammenhängen auftauchen und daran erinnern, dass ich sie doch bitte lesen solle (Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit). Andere Werke lassen sich Zeit, bis ich auf Umwegen an deren Existenz in meiner Bibliothek erinnert werde.

An Ross Thomas hat mich Jörg Fauser erinnert, dem mich intensiver zu widmen ich mich kürzlich entschieden hatte. Diese Erinnerung war aber so stark, dass ich nun also »Fette Ernte« von Ross Thomas lese. Und weil ich während der Lektüre die Antwort gefunden habe, warum es in meiner Bibliothek Bücher gibt, die ich nicht gelesen habe, habe ich die Lektüre nach acht Kapiteln kurz mal unterbrochen, um mir diese Notiz anzufertigen. Wer weiß: Vielleicht erinnert diese Notiz den einen oder die andere daran, dass da ja was von Jörg Fauser im Regal steht und darauf wartet, gelesen zu werden; es könnte aber auch eine Erinnerung an den (an einen) Thriller von Ross Thomas sein. Beide Autoren lohnen. Bei Fauser weiß ich das; bei Ross Thomas – nach fast hundert Seiten – bin ich mir dessen auch sicher.