Faust 1 – Die Gretchenfrage (Marthens Garten – Verse 3414–3543)

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Goethes »Faust – Der Tragödie erster Teil« kann als eine Auseinandersetzung mit dem Ungenügen des überlieferten und anerkannten Wissens gelesen werden, eine Auseinandersetzung, die in der sogenannten »Gretchenfrage« auf den Punkt gebracht wird:

»Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?« (V 3415)

Religion steht hier für all das, was Gretchen in ihrem Leben als Maßstab des Handelns ansieht, als Orientierung in ethischen Fragen und im ganz alltäglichen Leben.

Es geht in der Gretchenfrage also um das Selbstverständnis Fausts als Menschen. Es ist keine »Gewissensfrage« im traditionellen Sinn, sondern die Frage nach der Norm, nach der ein Mensch sein Leben ausrichtet.

Für Gretchen ist die Antwort auf diese Frage klar: Der kirchlich geprägte Glaube an Gott bildet die Norm, nach der ein Mensch zu leben habe.

Faust hingegen zeigt sich dieser institutionalisierten Religiosität gegenüber skeptisch:

»Ich habe keinen Namen / Dafür!« (V 3455f)

Fausts Skepsis richtet sich gegen ein allzu klares Wissen dessen, was er selbst als etwas erfahren hat, das sein Wissen übersteigt. Er will wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält, will sich nicht mit den vorgefertigten Antworten der Wissenschaft und der Religion begnügen. Wenn es um Religion und Gott geht, dann ist alles Wissen »Umnebelnd Himmelsglut« (V 3458).

Doch Faust will wissen. Deshalb hat er sich mit Mephistopheles eingelassen, auch wenn er zunehmend erkennt, dass dieser ihn auf Bahnen führt, die völlig außerhalb der gesellschaftlichen Norm führen. Margarete erkennt dies intuitiv. (V 3471–3493)

Die sprichwörtlich gewordene »Gretchenfrage« ist also eine Frage nach den Kriterien, an denen Faust sein Leben ausrichtet, nach den ethischen Normen, denen er folgt und letztlich eine Frage, nach der Akzeptanz gesellschaftlicher Regeln durch Faust.

Faust hält diese Regeln für unangemessen. Und doch sind es genau diese Regeln, die Gretchen zuletzt den Tod bringen werden und Faust schuldig werden lassen. Faust wird von Mephistopheles auf Bahnen geführt, die außerhalb aller gesellschaftlicher Normen liegen. Doch damit werden gleichzeitig diese Normen in Frage gestellt.

Möglicherweise spiegelt sich in diesem Konflikt wider, was die Zeit ausmachte, in der Goethe am Faust arbeitete: Der Sturm und Drang gab dem subjektiven Gefühl Bedeutung (»Gefühl ist alles« – V 3456), die französische Revolution und die Aufklärung stellten die normative Bedeutung der Religion in Frage, die Restauration versuchte, »neue Werte« zu schaffen und dem ins Wanken geratene gesellschaftlichem System wieder Halt zu geben.

Faust spiegelt vor diesem Hintergrund auch die Zerissenheit der Intellektuellen der Zeit wider. Die Gretchenfrage wäre vor dem Hintergrund eines solchen Verständnisses dann auch eine Frage an die Zeit, in der Goethe lebte.

Sprichwörtlich aber wurde die Frage, weil sie sich an jede Generation neu wendet. Die Gretchenfrage fordert dazu heraus, sich selbst Rechenschaft abzugeben, nach welchen Kritierien das eigene Leben gestaltet wird: Auf welcher Basis steht die Moral, welche Maßstäbe gelten für das eigene Handeln und wie gehen wir mit der Erfahrung um, dass es Fragen gibt, die die Fähigkeiten empirischer Wissenschaften übersteigen?

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