Kategorie: »Schul«-Lektüren

Die Langeweile des Bungeesprungs – Simon Strauss: Sieben Nächte

Endzwanziger scheinen nunmehr seit mindestens 20 Jahren in der Dauerkrise einer Sinnsuche zu sein. 1995 führte die damit verbundene Suchbewegung in Christian Krachts »Faserland« immerhin noch zu Fisch-Gosch mit Champagner und Scampis auf Sylt, zu bunten Pillen, schwulen Burschenschaftern und schwarzen Models in Hamburg, Frankfurt und Heidelberg1, während heutige Sinnkrisen explizit mit den Todsünden in Verbindung gebracht werden. Zumindest bei Simon Strauss, dessen Protagonist beim nächtlichen Versuch, Todsünden zu begehen, scheitert. Als ob die Säkularisierung,

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Gedichtinterpretation: Johann Wolfgang Goethe – Natur und Kunst (1800)

 Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehenUnd haben sich, eh’ man es denkt, gefunden;Der Widerwille ist auch mir verschwunden,Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!Und wenn wir erst in abgemeßnen StundenMit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,Mag frei Natur im Herzen wieder glühen.So ist’s mit aller Bildung auch beschaffen:Vergebens werden ungebundne GeisterNach der Vollendung reiner Höhe streben.Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;In der Beschränkung zeigt sich erst

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Ein ganz normaler Arbeitstag – fast

Um 7:40 in der Schule.  7:45 bis 9:10 Deutsch Leistungskurs: Wiederholungen, um Vernetzungen zwischen den Werken und Themen herzustellen, die wir schon gelesen haben. Dann, angeregt von Fontanes Roman »Effi Briest«, den abstrakten Begriff der »Treue« in den Blick genommen. Der stammt übrigens vom Mittelhochdeutschen »triūwe« ab, was eine Substantivierung von »trūwen« ist, was »fest sein«, »sicher sein«, »vertrauen«, »hoffen«, »glauben«, »wagen« heißt. Im Englischen taucht das Wort in der Vokabel »true« auf, im Deutschen

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Kleist mit Schülern lesen – aber wann?

Die Vorgeschichte Am Donnerstag vor dem Beginn des neuen Schuljahres spazierte ich mittags durch Frankfurt-Sachsenhausen, weil ich in einem französischen Bistrot den Mittagstisch genießen wollte. Als ich gerade den Schweizer Platz umrundete, sah ich im Kaffee auf der anderen Seite einen Kollegen, den ich sehr schätze und der auch Deutsch unterrichtet. Ich plante spontan um, sorgte dafür, dass er mich sah – und die nächste knappe Stunde war von leckerem Kaffee, hausgemachtem Quiche und einem

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Jahresmottos als Instrument zur Weiterentwicklung eigenen Unterrichts

Jedes Schuljahr versuche ich, für meinen Unterricht andere Metaphern oder Vorstellungen zu finden, an denen ich mich bei der Planung orientiere. Angefangen hatte das damit, dass meine pensionierte Schulleiterin für jedes Jahr ein Motto ausgab. Das lautet dann einmal »Teil der Lösung sein« oder »gut gepflegt« etc. Ich hatte bald gemerkt, dass solche Leitsätze tatsächlich leiten konnten, wenn sie nur kurz genug sind. Und weil ich immer alles, was ich für mich toll finde, auch

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Gedichtinterpretation: Joseph von Eichendorff, Die zwei Gesellen (1818)

Joseph von Eichendorff Die zwei Gesellen (1818) Es zogen zwei rüstge Gesellen Zum erstenmal von Haus, So jubelnd recht in die hellen, Klingenden, singenden Wellen Des vollen Frühlings hinaus. Die strebten nach hohen Dingen, Die wollten, trotz Lust und Schmerz, Was Rechts in der Welt vollbringen, Und wem sie vorübergingen, Dem lachten Sinn und Herz. – Der erste, der fand ein Liebchen, Die Schwieger kauft’ Hof und Haus; Der wiegte gar bald ein Bübchen, Und

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Vom Interpretieren literarischer Texte

Beim Interpretieren literarischer Texte steht die Vermittlung des individuellen Leseeindrucks im Zentrum. Das, was ich beim Lesen entdecke, soll anderen transparent werden. Es geht nicht zuerst darum, was der Autor sagen wollte; das ist eine nachgelagerten Frage, die literaturwissenschaftlich interessant sein mag, aber beim literarischen Lesen den Fokus verschiebt. Wenn ich lese, dann geht es um niemanden anderen als um mich als Leser. Für nichts, was ich als Leser mit einem Text erlebe, muss ich

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Faust 1 – Hexenküche (Vers 2337–2604)

Klassische interpretationen zu dem in vielen Schulen in der Oberstufe gelesenen „Faust. Der Tragödie erster Teil“ gibt es viele. Hier eine „Interpretation“, in der die Assoziationen des Lesers konsequent zum Verstehen ( = Interpretieren) heran gezogen werden. Das hier ist also nur eine und zudem höchst subjektive Interpretation der Hexenküchen-Szene. Dabei steht der Rezipient im Vordergrund. Diese Form des Lesens von Literatur ist in meinen Augen eine der für den Leser gewinnbringenden Heraungehensweisen an Literatur:

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Die Leiden des jungen Werther 2 – Am 4. Mai 1771

Werthers erster Brief ist von Goethe nicht zufällig im Mai verortet. Es ist der Wonnemonat, der Monat der Liebe, der Monat, in dem das Wetter und die Natur ihre schönen Seiten zeigen. Und es ist auch kein Zufall, dass der Briefroman im Dezember endet. Die Handlung erstreckt sich über eineinhalb Jahre bis zum 24. Dezember 1772. Werther ist glücklich. Er ist aufgebrochen, lässt die letzten Wochen noch einmal an sich vorbeiziehen und beginnt den Brief

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Die Leiden des jungen Werther 1 – Der Herausgeber als Herausgeberfiktion

Wichtige Fachbegriffe sind kursiv hervorgehoben. Bevor der Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ zu beginnen scheint, meldet sich eine Stimme zu Wort, die sagt, dass in diesem Buch alles gesammelt vorliege, was dieser Herausgeber der Schriften „von der Geschichte des armen Werther nur habe auffinden können“1. Dieser Abschnitt wird gerne einmal überlesen, als eine Anmerkung Goethes verstanden, die dem Werk vorausgeschickt ist. Später dann folgt im zweiten Buch eine längere Äußerung des Herausgebers, die etwas

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