Die Leiden des jungen Werther 2 – Am 4. Mai 1771

Werthers erster Brief ist von Goethe nicht zufällig im Mai verortet. Es ist der Wonnemonat, der Monat der Liebe, der Monat, in dem das Wetter und die Natur ihre schönen Seiten zeigen. Und es ist auch kein Zufall, dass der Briefroman im Dezember endet. Die Handlung erstreckt sich über eineinhalb Jahre bis zum 24. Dezember 1772.

Werther ist glücklich. Er ist aufgebrochen, lässt die letzten Wochen noch einmal an sich vorbeiziehen und beginnt den Brief mit großer Erleichterung: „Wie froh bin ich, dass ich weg bin.“1

Doch anders als im Mai zu vermuten, ist Werther vor der Liebe geflohen! Er bedauert Leonore, die Schwester der Frau, in die er verliebt war: Sie hatte Gefühle für ihn entwickelt, die Werther zwar nicht beantworten konnte, mit denen er aber, so wirft er sich nun selbst vor, möglicherweise zu uneindeutig umgegangen ist, sodass sie sich Hoffnung auf Erfüllung ihrer Träume gemacht haben mag.

Doch wirklich nachhaltig ist diese Erinnerung nicht. Leonore wird im späteren Werk nicht mehr vorkommen. Er hat den alten Ort verlassen, ist aber am neuen Ort noch nicht angekommen. Er kennt noch niemanden und erinnert sich an die Menschen, die vorher in seinem Leben waren.2

Und dann fasst Werther einen Vorsatz. Wir wissen, was mit guten Vorsätzen passiert, seien es nun welche, die für ein neues Jahr gefasst werden oder solche, die mit dem Neubeginn an einem neuen Ort verbunden sind. Goethe lässt es sich nicht nehmen, Werther genau in diese Falle tappen zu lassen, wenn er ihn schreiben lässt:

„Ich will, lieber Freund, ich verspreche dir’s, ich will mich bessern, will nicht mehr ein bißchen Übel, das uns das Schicksal vorlegt, wiederkäuen, wie ich’s immer getan habe; ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein.“

Wer Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ ganz liest, wird nicht umhin kommen, an dieser Stelle möglicherweise einen ironischen Autor zu vermuten, der seine Figur in die Falle guter Vorsätze laufen lässt. Aber noch sind wir nicht soweit. Noch ist Frühling und Werther fühlt sich wohl, wo er ist. Er merkt nicht, dass er wegläuft, er weiß noch nicht, dass ein neuer Ort nicht bedeutet, dass alte Probleme verschwunden sein werden, sondern dass diese in der Regel mitreisen und sich schneller wieder zu erkennen geben, als es der Flüchtling ursprünglich vermutete.

Werther lobt die Einsamkeit, die seinem „Herzen köstlicher Balsam in dieser paradieschen Gegend“ sei3, in einer „Jahreszeit der Jugend“. Und er fühlt eine tiefe Verbundenheit mit der ihn umgebenden Natur: „[…] man möchte zum Maikäfer werden, um in dem Meer von Wohlgerüchen herumschweben und alle seine Nahrung darin finden zu können.“4

Entsprechend unangenehme empfindet Werther die Stadt. Es gibt dort aber einen englischen Garten, den Werther lobt.

„Der Garten ist einfach, und man fühlt gleich bei dem Eintritte, daß nicht ein wissenschaftlicher Gärtner, sondern ein fühlendes Herz den Plan gezeichnet, das seiner selbst hier genießen wollte. Schon manche Träne hab‘ ich dem Abgeschiedenen in dem verfallenen Kabinettchen geweint, das sein Lieblingsplätzchen war und auch meines ist. Bald werde ich Herr vom Garten sein; der Gärtner ist mir zugetan, und er wird sich nicht übel dabei finden.“

Solche Gärten waren 1771 noch neu. Erst seit ca. 1760 gab es englische Parks, die sich von Barockgärten eben dadurch unterscheiden, dass sie nicht erkennbar „wissenschaftlich“ voller Symmetrie angelegt wurden, sondern „natürlicher“ sein wollten.

Doch Werther wird sich selbst dort nicht lange genießen können. – Noch meint er, er werde Herr in dem Garten sein. Doch auch hier spielt Goethe mit einer Vorausdeutung: Werther wird nicht Herr des Geschehens bleiben, er wird im Garten der Leidenschaften erfahren, wie sehr ein Mensch diesen ausgeliefert sein kann, so er ein fühlendes Herz und den jugendlichen Elan eines Werthers hat.

Es lohnt sich, während der Lektüre des Romans immer wieder zu diesem ersten Brief vom 4. Mai 1771 zurück zu kehren und ihn wieder zu lesen. Goethe ist es gelungen, den ganzen Roman in diesem kurzen Brief anzulegen. Der ganze Roman ist bis zum bitteren Ende in diesen wenigen Zeilen vorhanden und entfaltet sich nun Schritt für Schritt. Er beginnt mit einer Flucht, mit der Anmerkung „Wie froh bin ich, dass ich weg bin!5 – Werthers nächste Flucht wird am Ende des Romans stehen. Es wird seine letzte sein.

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  1. Ich zitiere nach der Hamburger Ausgabe: Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther. In: Trunz, Erich; von Wiese, Benno, Goethes Werke Band VI: Romane und Novellen I, München 1998 (zuerst 1981), S. 7–124, hier S. 7. []
  2. Vgl. hierzu Trunz, Erich; von Wiese, Benno, Goethes Werke Band VI: Romane und Novellen I, München 1998 (zuerst 1981), S. 566. []
  3. S. 8 []
  4. S. 8 []
  5. S. 7 []