Das Nichtverstehen ist Verstehen: Annäherung an Samuel Becketts »Molloy«

© Torsten Larbig

Ich beginne Samuel Becketts Roman »Molloy« zu verstehen. Oder auch nicht, denn ich bin mir nicht sicher, ob das, was ich mir zu verstehen einbilde, tatsächlich Teil des Romans ist oder ob das alleine in meinem Kopf stattfindet. Und doch hatte ich im Lauf der Lektüre, vielleicht so ab Seite 82, aber das weiß ich auch nicht mehr genau, vielleicht auch schon auf den Seiten davor, obwohl ich deren Inhalt kaum erinnere und schon gar nicht zusammenfassen könnte, diese innere Erkenntnis, dass die sinnlose Paradoxie der Sätze des höchst unzuverlässigen Erzählers letztlich absurd ist. Aber was heißt das schon. Und genau das, oder etwas ähnliches, stelle ich mir vor, wenn ich an diese Erkenntnis denke, die ich so ja nicht erst kennenlernen durfte. Offensichtlich ist Molloy in einer migrantischen Situation. Er ist obdachlos, findet immer wieder sogar so etwas mit Mitstreiter(innen), ok, vielleicht nicht immer wieder, aber er begegnet Lousse, das aber nur, weil er ihren Hund überfahren hatte, während sie auf dem Weg zum Tierarzt war, um diesen Hund einschläfern zu lassen, sodass sie Molloy nicht böse war, ihn dann aber bei sich aufnehmen wollte – als wäre Totfahren und Aufgenommenwerden eine ganz gewöhnliche Abfolge von Ereignissen – vereinnahmen wollte und Molloy wollte sich nicht vereinnahmen lassen, denn er hatte ja noch weiter seine Reise vor sich. Er hatte auch bei Lousse kein Zuhause. Er ist immer unterwegs, ohne ein Zuhause zu haben. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht, tritt hier die säkularisierte Form der Einsamkeit ans Licht, jene Absurdität allen Seins, das von uns verlangt, einen Sinn in das Sein hineinzulegen, obwohl wir diesen möglicherweise doch wieder nur erfinden. Aber muss es in unserer schnelllebigen Zeit nicht doch auch noch Wunder geben können? Oder gibt es sie und wir sehen sie nicht? Oder gibt es sie nicht, während wir uns wünschen, dass es sie gäbe? Molloy ist so eine Geschichte, die alles im Vagen lässt; ist es eine Geschichte, die das Vage aller Geschichten beim Lesen erfahrbar macht? Der Ich-Erzähler des 127 Seiten langen einen Absatzes des ersten Teils, in dem Molloy seine Mutter sucht, widerspricht sich beim Erzählen ständig selbst. So ist alles wahr, unwahr und in der Schwebe zugleich. Und das ist als Ganzes betrachtet dann vielleicht doch eine Wahrheit, die zwischen wahr, unwahr und der Schwebe sichtbar wird. Warum sich mir das so erschließt, kann ich aber gar nicht sagen. Was für eine Wahrheit, welche Wahrheiten sind denn im Absurden enthalten, spricht das Absurde von nicht als Wahrheit Fixierbarem. Dass ich wo sitze und schreibe – während draußen ein Hubschrauber zur Uniklinik fliegt, oder kommen die durch das geschlossene und ganz gut isolierte Fenster hörbaren Geräusche aus einer ganz anderen Quelle mit einem ganz anderen Grund und ich vermute nur, dass es sich um einen Hubschrauber handelt und vermute dann noch zusätzlich, dass dieser zur Uniklinik will – ist nichts, was jemand wahrnehmen würde, außer ich schriebe darüber in meinem Blog, wo dann aber noch immer offen bliebe, was ich gerade gehört habe und ob ich das gerade gehört habe oder gehört haben könnte oder ob ich hier etwas nenne, was gerade nicht stattgefunden hat, aber schon so oft passiert ist, dass ich es hier einfach einbauen kann. Darum meine ich nun zu verstehen, dass ich zu verstehen beginne, worum es in »Molloy«, zumindest im ersten Teil, geht. Deshalb lege ich den Roman nicht weg, was vom Inhalt alleine her die mir naheliegendste Option wäre. Das wäre logisch. Aber da die Welt so wenig logisch ist, wie die Welt von Molloy, lege ich den Roman nicht weg. Das ist so ähnlich wie bei Kafka. Aber das gehört hier gerade nicht her. »Molloy« öffnet absurder oder paradoxer oder in welcher Weise auch immer, den Horizont, zumindest meinen Horizont. Der Roman bereichert mich nicht mit dem, was er erzählt, nicht mit seinem Narrativ, denn ein solches ist ja gerade nicht vorhanden, sondern mit dem Aufzeigen der Lebenssituation, in der ein anderer Erzähler als ein unzuverlässiger gar nicht mehr denkbar oder vorstellbar ist. Beckett erzählt keine Geschichte, obwohl ganz viele Ereignisse erwähnt werden. Stattdessen bringt er die existenzielle Situation des Menschseins zur Sprache, die er als absurd betrachtet, sogar noch während der Mensch nach Sinn sucht.