Digitalisierung ohne Tiefe: Was die Laptop-Generation lehrt
(© Torsten Larbig)
Sasha Rogelberg veröffentlichte am 21. Februar 2026 im angesehenen Wirtschaftsmagazin Fortune einen Beitrag über eine ernüchternde Bilanz der digitalen Schuloffensive in den USA; Milliardeninvestitionen in Laptops und Tablets — ohne erkennbaren Lerngewinn: »The U.S. spent $30 billion to ditch textbooks for laptops and tablets: The result is the first generation less cognitively capable than their parents« (Abruf: 22.02.2026).
Im Kern geht es um die Frage, was man mit Daten macht, die darauf hinweisen, dass bestimmte kognitive Leistungen erstmals seit Langem nicht mehr steigen, sondern teilweise zurückgehen. Die FAZ hat ebenfalls darüber berichtet und nachgedacht1 (Paywall möglich; Abruf: 22.02.2026).
Seit 2002 gibt es in den USA, angefangen im Bundesstaat Maine, Laptops an den Schulen, in den Klassen, als Eins-zu-eins-Ausstattung. Im Jahr 2024 gaben die USA mehr als 30 Milliarden Dollar für die Ausstattung von Schulen mit Laptops und Tablets aus. Gleichzeitig mehren sich die Anzeichen, dass in standardisierten Tests die Leistungen der Schüler:innen nicht nur nicht besser werden, sondern schlechter.
Das mit den Laptops und dieser Entwicklung ist zunächst mal eine Korrelation. Die kausalen Zusammenhänge sind sicher komplexer, haben meines Erachtens aber durchaus mit dem Leben in der Zeit der Digitalität zu tun.2
In meinem eigenen Unterricht fällt mir auf, dass sehr leistungsstarke Schüler:innen selten ausschließlich digital arbeiten. Diejenigen, die alles mit dem Tablet er- und bearbeiten, die alles scannen und dann ständig zwischen Tabs wechseln müssen (statt einfach mehrere Arbeitsblätter nebeneinanderzulegen), kommen seltener zu hervorragenden Leistungen. Und so große Bildschirme, wie es bräuchte, um einen Arbeitsplatz mit nebeneinander direkt verfügbaren Papieren oder Büchern abbilden zu können, gibt es bei mobilen Endgeräten nun mal nicht.
Neben meinen Beobachtungen bei den Schüler:innen sind da noch meine Beobachtungen an mir selbst. 2002 hätte ich Laptopklassen voll unterstützt. Zwischendurch phantasierte ich auch mal von einem papierfreien Leben. Heute lese ich wieder weitgehend auf Papier (außer Zeitung, bestimmte Zeitschriften, Beiträge wie den hier verlinkten …) und schreibe nach wie vor viel mit der Hand.
Was das für Bildungsprozesse in der Schule, der Universität und lebenslang bedeutet, beschäftigt mich. Vermutlich geht es mal wieder um das richtige Maß und vor allem auch um Fokussierung, also z. B. die gekonnte Nutzung der Geräteoptionen, die Ablenkungen wie Pop-ups mit Nachrichten etc. verhindern.
Die Frage lautete viel zu lange: »Wie bekommen wir Geräte in die Klassenzimmer?« — statt zu fragen, wie Lernen tatsächlich funktioniert. Die Antwort: mit Fokus, mit Tiefe, manchmal mit Stift und Papier — und ja, auch digital, aber eben nicht ausschließlich.
Und davon abgesehen: Was mit den Laptops bei deren Einführung über viele Jahre hinweg passiert ist, muss uns eine Warnung sein für den Umgang mit KI. Immer mehr Stimmen höre ich, die betonen, dass KI in die Schule gehöre. Das wird dann oft relativiert mit dem Hinweis, dass es ja vor allem darum gehe, den Umgang zu lernen und zu lehren, der die Lernenden zu besseren Lernenden macht. Doch mit genau diesem Versprechen holten wir WLAN und digitale Endgeräte in die Schulen — und haben es nicht eingelöst.
KI kann Lernprozesse unterstützen3 — aber sie senkt zugleich die Schwelle, schwierige Denkprozesse zu umgehen. Doch gerade die Auseinandersetzung mit Widerständen — etwa beim Lesen komplexer Texte — macht Lernen erst möglich. Wie viel Geld geben wir für schulische Bildung aus — und: Geben wir es für das Richtige aus?
Weiterlesen
Mit Fragen, die in diesem Beitrag auftauchen, habe ich mich über die Jahre mehrfach befasst. — Hier ein paar Lesetipps:
- Thesen zur Zukunft des Lernens ( #opco11 )(2011)
- Über Tabletklassen (2015)
- Die Bildungsrevolution findet nicht statt (2015)
- Strukturen allgemeiner Bildung und das Auswendiglernen von Gedichten (2011)
- Die FAZ kontextualisiert den Anti-Flynn-Effekt (Rückgang gemessener kognitiver Leistungen in einigen Ländern seit den 1990er-Jahren) und diskutiert, wie Reizdichte und ständige Unterbrechbarkeit die Aufmerksamkeit binden und in Konkurrenz zu vertiefter Konzentration bringen. ↩
- Solche Rückgänge haben mehrere Ursachen (u. a. Pandemieeffekte, Absentismus, Lehrkräftemangel, Sozioökonomie) und lassen sich nicht monokausal den Geräten zuschreiben. ↩
- KI kann als Gerüst (Scaffolding), für formatives Feedback und zur Differenzierung helfen — aber nur mit klarer Aufgabenarchitektur, Transparenz über Eigenleistung und prüfbaren Lernzielen. ↩
Ein Gedanke zu „Digitalisierung ohne Tiefe: Was die Laptop-Generation lehrt“