Kategorie: Bildung

Das Nichtverstehen ist Verstehen: Annäherung an Samuel Becketts »Molloy«

Ich beginne Samuel Becketts Roman »Molloy« zu verstehen. Oder auch nicht, denn ich bin mir nicht sicher, ob das, was ich mir zu verstehen einbilde, tatsächlich Teil des Romans ist oder ob das alleine in meinem Kopf stattfindet. Und doch hatte ich im Lauf der Lektüre, vielleicht so ab Seite 82, aber das weiß ich auch nicht mehr genau, vielleicht auch schon auf den Seiten davor, obwohl ich deren Inhalt kaum erinnere und schon gar nicht zusammenfassen könnte, diese innere Erkenntnis, dass die sinnlose Paradoxie der Sätze des höchst unzuverlässigen Erzählers letztlich absurd ist. Aber was heißt das schon. Und

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Digitalisierung ohne Tiefe: Was die Laptop-Generation lehrt

(© Torsten Larbig) Sasha Rogelberg veröffentlichte am 21. Februar 2026 im angesehenen Wirtschaftsmagazin Fortune einen Beitrag über eine ernüchternde Bilanz der digitalen Schuloffensive in den USA; Milliardeninvestitionen in Laptops und Tablets — ohne erkennbaren Lerngewinn: »The U.S. spent $30 billion to ditch textbooks for laptops and tablets: The result is the first generation less cognitively capable than their parents« (Abruf: 22.02.2026). Im Kern geht es um die Frage, was man mit Daten macht, die darauf hinweisen, dass bestimmte kognitive Leistungen erstmals seit Langem nicht mehr steigen, sondern teilweise zurückgehen. Die FAZ hat ebenfalls darüber berichtet und nachgedacht1 (Paywall möglich; Abruf:

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Jenseits der 4K: Was Bildung wirklich bedeutet

Wenn Kompetenz zur Ideologie wird Wem dient Bildung: Dem Arbeitsmarkt oder dem Individuum auf dem Weg zu einer ganzheitlich gedachten Persönlichkeit? Diese Frage stellt sich angesichts der allenthalben in Bildungsdebatten auftauchenden Future Skills, die oft in den 4K zusammengefasst werden: Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation, Kollaboration. Diese gelten dann als Schlüsselkompetenzen für das 21. Jahrhundert, als unverzichtbare Fähigkeiten für eine digitalisierte, vernetzte Arbeitswelt. Aber statt von Kompetenzen, die in der Bildungsdebatte der Nullerjahre des 21. Jahrhunderts eine große Rolle spielten und sich bis heute in den Bildungsstandards der KMK finden, spricht man in Abgrenzung oder Ergänzung zu diesen nun also von

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Vom Deutsch-Abitur zum Handwerksmeister: Eine gelungene Bildungsbiographie

Vor vielen Jahren machte er bei mir das Abitur im Fach Deutsch. Als ich ihn heute – seitdem zum ersten Mal – in der Stadt traf, erzählte er mir von dieser Prüfung, an die er sich erinnert, die er spannend fand. Er erkannte mich und sprach mich an – wir aßen zufällig am gleichen Imbiss. Dabei erfuhr ich, dass er ein Handwerk gelernt, seinen Meister gemacht und Anfang des Jahres einen Betrieb übernommen hat. Ich habe es schon oft gesagt: Ich feiere alle, die nach der Schule wirklich ihren eigenen Weg suchen und dabei zum Handwerk finden.  Auch er wollte

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Die glatte Oberfläche des Ungefähren: Warum Plausibilität in der Oberstufe nicht reicht

Wenn ich mir anschaue, was KI zu leisten in der Lage ist, beeindruckt mich (in den unterschiedlichen Modellen mit deutlichen Abstufungen, die hier aber nicht näher analysiert werden sollen) die rhetorische Eleganz, mit der diese generativen, rein auf Statistik beruhenden Sprachmodelle Leerstellen füllen. Wir sprechen bei der KI bei einer solchen Füllung von Leerstellen von »Halluzinationen«. Dabei erfindet eine KI Fakten, die statistisch wahrscheinlich, aber inhaltlich falsch sind. – Das ist im schulischen Kontext nicht neu. Als Deutsch- und Religionslehrer, als Philologe und Theologe, begegnet mir diese Form der Spekulation vor allem im schulischen Kontext regelmäßig. Und dennoch ist das,

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Das Zusammenspiel von Wissen und Kompetenz: Warum Bildung beides braucht

In der gegenwärtigen bildungspolitischen Debatte erleben wir eine polarisierende Entwicklung: Auf der einen Seite steht die Überzeugung, im Zeitalter digitaler Verfügbarkeit sei Wissen zweitrangig geworden – Kompetenzorientierung, Lernbegleitung und die Fähigkeit zum »Just-in-Time«-Informationszugang würden genügen. Auf der anderen Seite eine nostalgische Rückbesinnung auf reine Faktenvermittlung. Beide Extreme verfehlen eine fundamentale Wahrheit: Wissen und Kompetenz sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Als Lehrer für Deutsch und (katholische) Religion sehe ich mich in der Verantwortung, diese falsche Dichotomie aufzulösen. Mein Zugang basiert auf der nüchternen Analyse unserer kognitiven Architektur, auf fachdidaktischer Forschung und auf dem tiefen Respekt vor den unterschiedlichen

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Lernender bleiben – Eine Selbstvergewisserung

Vor 32 Jahren schrieb ich meine ersten E-Mails und begann digitale Kommunikation in sogenannten »Internet-Relay-Chats« (IRC). Vor 26 Jahren lernte ich Grundlagen der HTML (Hypertext-Markup-Language), woraufhin ich mit viel Mühe meine erste Website programmierte. Vor 18 Jahren begann ich dann mit Content-Management-Systemen (CMS) zu experimentieren. Zwischenzeitlich versuchte ich mit verschiedenen Systemen Internetinhalte zu verwalten und zu publizieren. Aber dann entschied ich mich im Laufe des Jahres 2008 für WordPress und begann mit meinem Blog. Das gibt es bis heute. Und die Links zu den einzelnen Beiträgen haben sich seitdem nicht verändert. Das heißt: Wer 2008 einen Beitrag von mir in

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Die B-Seite meiner Bibliothek – Warum ungelesene Bücher zur richtigen Zeit wiederkehren

In meiner Bibliothek stehen auch Bücher, die ich nicht gelesen habe. Manche, die in zweiter Reihe stehen, habe ich womöglich sogar vergessen. Das ist aber kein richtiges Vergessen, sondern ein relatives Vergessen. Relativ deshalb, weil ich mich an diese Bücher erinnere, wenn sich ein Grund ergibt, der die Beziehung zu diesem Buch, also die Relation, auffrischt, erneut herstellt. Auch die ungelesenen Bücher haben nämlich einen Grund, dass sie hier stehen: Sie sind mir in Zusammenhängen begegnet, aufgrund derer ich sie angeschafft habe. Warum ich sie dann nicht gleich gelesen habe, weiß ich in den meisten Fällen nicht mehr. Aber sie

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Theater als Herausforderung: Mit Benjamin Brittens »Peter Grimes« an der Oper Frankfurt in die neue Saison. Oder: Warum Oper heute relevant ist: über Außenseiter, Gerüchte und Gemeinschaft

Wenn der Herbst vor der Tür steht – und jetzt riecht es schon deutlich nach ihm, die Nächte werden länger und frischer, die Kastanien fallen – beginnt die neue Saison der darstellenden Künste: des Schauspiels, der Oper, des Balletts. Meine Saisoneröffnung fand dieses Jahr in der Oper Frankfurt mit Benjamin Brittens »Peter Grimes« statt. Damit habe ich es mir selbst schwer gemacht, denn die Oper ist für mich nach wie vor die fremdeste Form der darstellenden Künste. Ich habe die Oper erst spät entdeckt, obwohl das erste Konzert mit unserem Schulchor, an das ich mich erinnern kann, eine in Teilen

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Zwischen Impuls und Illusion – KI als Kreativitätsbooster für Leher:innen?

Künstliche Intelligenz, von der so viel gesprochen wird, macht mich neugierig – und skeptisch. Ich beobachte: Während die einen KI bereits für Unterrichtsentwürfe, Musterlösungen für Klassenarbeiten oder Arbeitsblattideen einsetzen, fragen andere: »Wo bleibt da die Professionalität?« Oder: »Wird unsere pädagogische Arbeit jetzt automatisiert?« Auch eine wichtige Frage: »Kann ich Schüler:innen KI verbieten, sie aber selbst nutzen?« Die Vorstellung, dass KI als Kreativitätsbooster dienen kann, klingt verlockend. Doch sie verlangt danach, genauer hinzusehen. Denn zwischen Inspiration und Irritation ist es oft nur ein schmaler Grat. KI liefert Impulse – aber auch Beliebigkeiten In der Praxis zeigt sich: KIs können durchaus auf

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Zehn Perspektiven auf mein Selbstverständnis als Lehrer – Eine Annäherung (Auszüge aus meinem Notizbuch).

Vorbemerkung: In meinem Notizbuch denke ich in schriftlicher Form über all das nach, über das ich nachdenken mag. Es kann dabei um Tagespolitik, um Besuche von Ausstellungen, Theater- und Opernaufführungen, um gelesene Bücher und eigentlich alles gehen, was mit einem Tagebuch nichts zu tun hat. Mein Notizbuch könnte ich vielleicht als ein »Denktagebuch« (Hannah Arendt) bezeichnen. – In diesem denke ich unter anderem regelmäßig über meine Rolle als Lehrer (an einem Gymnasium) nach. Lange habe ich mich gefragt, ob ich die folgenden Notizen in meinem Blog festhalten soll. Es handelt sich um Notizen, nicht um ausgearbeitete Elaborate. Diese Notizen spiegeln Gedanken

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Über meinen Abschied von Twitter

Am 3. April 2024, abends um 21:07 Uhr, habe ich nach fünfzehn Jahren, fünf Monaten und zwölf Tagen (draußen regnete es) meinen Twitter-Account (heute heißt Twitter »X«) deaktiviert. Am 3. Mai 2024 wird er dann endgültig gelöscht sein. Bis dahin könnte ich den Account reaktivieren. Trotz der nicht erwarteten Emotionalität, die sich kurz nach dem Deaktivieren einige Momente zeigte, habe ich das nicht vor.  Im Jahr 2008 eröffnete Twitter für jene, die sich auf diese seit 2006 existierende soziale Kommunikationsphantasie einließen, deren Sinn, deren Zweck, deren Möglichkeiten und deren Abgründe damals noch weitgehend unklar waren, einen Raum des öffentlichen Denkens

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Das Gedicht / das Stilmittel der Woche, das Fremdwort des Tages. Über Routinen im Deutschunterricht.

Nachdem ich dem „Fremdwort des Tages“ im Deutschunterricht einer Kollegin begegnet war, wollte ich das direkt übernehmen. Immer am Anfang einer Deutschstunde nicht nur ein neues Wort kennenlernen, sondern auch etwas über dessen Geschichte, dessen Herkunft (Etymologie) zu vermitteln, schien mir ein guter Ansatz, um bewusste Sprachreflexion zu einem festen Bestandteil des Unterrichts zu machen. Spätestens in der Sekundarstufe II (Klassen 11–13 G9 / Klassen 10–12 G8) fiel mir auf, dass Schüler:innen Mittel zur stilistischen Gestaltung von Texten zu zwei Zeitpunkten des Unterrichts auswendig zu lernen versuchten: zum einen im Kontext der Analyse politischer Reden, zum anderen im Umfeld der

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Mir fehlen Sofas in der Schule. Oder: Wie ich gerne Lernprozesse an Schulen hätte.

Mir fehlen Sessel, ein Sofa (Couch) in der Schule. Da sind keine Sitzsäcke oder Teppiche, auf denen man auf dem Bauch liegen kann, um ein Buch zu lesen. Der Schulhof ist geteert oder mit Betonverbundsteinen versiegelt. In der Bibliothek stehe ein paar bequeme Sessel. Aber wo kann ich mich hinfläzen, um zu träumen, wo kann ich mich auf eine Wiese setzen, um den Schmetterlingsflug nicht zu versäumen? Wo kann ich mit Schüler:innen bei einem Kaffee gemütlich über Literatur ins Gespräch kommen? Wo schreiben wir mit Laptops oder Tablets oder gar per Hand, ohne dabei auf diesen Schulstühlen zu sitzen und

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ChatGPT und die Bildung. (»Gastbeitrag« von ChatGPT und dessen Reflexion, inkl. Verweise auf LdL und TZI.)

Ich habe ChatGPT gebeten, einen Gastbeitrag für meinen Blog zu schreiben, in dem es darum geht, dass die Bedeutung von ChatGPT für die Bildung überschätzt wird. Ich finde das Ergebnis interessant, auch wenn es albern wäre, hier von der Selbstreflexion eines statistisch operierenden maschinellen Werkzeugs zu sprechen. Ich habe mir erlaubt, den Beitrag zu kommentieren. Meine Kommentare sind im Text in kursiver Schrift zu finden. Alles Nicht-Kursive ist 1:1 ChatGPTs Antwort. Als ChatGPT, ein Sprachmodell, das von OpenAI entwickelt wurde, bin ich ein mächtiges Werkzeug für viele Anwendungen, einschließlich der Bildung. Allerdings bin ich der Meinung [dass ein Sprachmodell meint,

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Zweiter Schultag. Oder: Wie viele Arten Stille…?

Die Stille einer Klasse, die einen Lehrer bekommt, den kein Kind aus der Klasse kennt. – Es gibt viele Formen der Stille. In der Schule. Die Stille bei einer Klassenarbeit ist anders als die Stille, wenn eine Klasse einem Lehrer oder einer Lehrerin zum ersten Mal begegnet. Die Stille eines neuen Oberstufenkurses, in der ersten Stunde, wenn die Schüler:innen einander nur teilweise und andere vom Sehen kennen, ist wieder anders. Die Stille einer Schule in den Ferien, nach Unterrichtsschluss, während Elternabenden. Während des schriftlichen Abiturs. Wir nennen das alles Stille. Was beschreiben wir damit? Das gilt auch für die Geräusche,

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Kurze und vorläufige Bestandsaufnahme – Pandemiefolgen im Schulalltag

Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen, Corona sei an meinen Schüler*innen – Gymnasium in einem bürgerlichen und eher wohlhabenden Umfeld – einigermaßen erträglich vorbeigegangen. Und dort, wo schulische Probleme sichtbar werden, ob diese ursächlich mit der Pandemie zusammenhängen oder ob nicht, soll hier nicht diskutiert werden, gibt es Förderunterricht, sodass man meinen könnte, dass alles gut sei.

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Kurzer Versuch über den Essay

Der Essay als „Versuch“, wie die wörtliche Übersetzung des französischen „essaier“ lauten kann, stellt vor allem vor die Herausforderung, das eigene Nachdenken und jenes, mit dem man sich z. B. durch Lektüre befasst hat, zu bündeln und in eine Textform zu bringen. Der Essayist schaut sich quasi selbst beim Erwägen und Verknüpfen[^1] zu; er oder sie webt einen Text, schafft eine Textur aus Buchstaben, in die das Werden der Erkenntnis eingewoben ist. Dabei kann der Ausgangspunkt durchaus einer sein, der mit dem unmittelbaren Gegenstand des Denkens auf den ersten Blick nichts zu tun hat. So kann ich fragen, wie wir

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