Vom Untergang der Welt oder: Roman Ehrlichs Roman »Malé«

Auf Seite 116 wird ohne Hinweis auf Josef von Eichendorff zitiert: »Es war, als hätt der Himmel die Erde, still.« Okay, das Zitat ist nicht korrekt wiedergegeben, aber in Roman Ehrlichs Roman »Malé« sicher kein Zufall. Später dann: »Es ging die blaue Blume auf. […] Und blühte Einsamkeit.« (S. 116)

Zudem dürfte der Name »Der blaue Heinrich« für den zentralen sozialen Treffpunkt in Ehrlichs Roman kaum zufällig gewählt sein. Er verweist zunächst auf den kulturgeschichtlich aufgeladenen »Blauen Heinrich«, einen Spucknapf der Tuberkulosekranken, evoziert zugleich aber – im Kontext der zahlreichen romantischen Anspielungen des Romans – unweigerlich Gottfried Kellers Bildungsroman »Der grüne Heinrich«. So heißt es im Kommentar der Ausgabe des Deutschen Klassiker Verlags zu dem Roman: »In äußerster Schärfe offenbart das Werk den Grundwiderspruch der bürgerlichen Gesellschaft, der darin besteht, dass sie Menschen unter das Postulat der Selbstverwirklichung stellt, ihnen gleichzeitig jedoch die Mittel und Wege dazu verwehrt.« (vgl. den Wikipedia-Artikel Der grüne Heinrich, der sich auf den Kommentar zur Ausgabe des Deutschen Klassiker Verlags bezieht)

Malé, die einst dicht besiedelte Hauptstadt der Malediven, ist in Ehrlichs Roman ein – vorsichtig formuliert – ambivalenter Ort.

Wir befinden uns irgendwann in der nahen Zukunft. Die Malediven wurden angesichts der Folgen der Klimakatastrophe von ihrer ursprünglichen Bevölkerung bereits verlassen. In den Straßen steht das Wasser knöchelhoch. Auf der Insel versammeln sich Aussteiger, die dort hoffen, eine alternative Form des Lebens zu finden – und sich in diesem Sinne womöglich den Romantikern des 19. Jahrhunderts nahe fühlen.

Als Insel ist das ein von der Außenwelt weitgehend abgetrennter Ort (hortus conclusus), der aber nicht dem lieblichen Ort (hortus amoenus) gleicht, für den manche der aktuellen Bewohner:innen ihn halten mögen. Sie halten Malé für einen Ort der Solidarität, doch zugleich ist es ein Ort des (verborgenen) Schreckens (hortus horribilis). Man findet den hortus amoenus z. B. im »Paradiesgärtlein« des Oberrheinischen Meisters (ca. 1410–1420).

Man findet ihn auch in Heinrich von Kleists Erzählung »Das Erdbeben in Chili« (1807), in der der Ort der Zuflucht und der Ort des Schreckens sehr dicht beieinanderliegen.

Dieses Malé in Ehrlichs Roman ist also ein Ort, der im Roman mit mal mehr, mal weniger offensichtlichen Bezügen zu anderen literarischen Werken eine Intertextualität erzeugt, die vielen Leser:innen vielleicht verborgen bleiben mag, aber davon unabhängig funktioniert.

Aber worum geht es denn nun in diesem Roman, und was ist die Handlung? Das mit der Handlung ist nicht so einfach. Ja, es geht um einen verschwundenen Lyriker, es geht um eine – vermutlich ums Leben gekommene – Schauspielerin. Aber daraus ergibt sich kein Plot. »Malé« hat keine linear erzählbare Handlung. Es gibt Handlungsstränge, aber keine in sich schlüssige oder gar abgeschlossene Geschichte, die erzählt wird. Ehrlich erzeugt Handlungsstränge, aber keine Geschichte, die stringent erzählt wird.

In diesem Roman geht es vor allem um die mit dem Untergang erzeugte Atmosphäre: Das Meer ist ständig zu hören; das Wasser steht bereits knöcheltief auf der Straße. Entsprechend ist das kein »Pageturner«; man muss sich schon die Zeit nehmen, um diesen Roman zu lesen. Tut man dies, ist es ein sehr beziehungsreicher Roman. Sogar ein Fährmann taucht auf, der u. a. die auf der Insel Verstorbenen an den Ort bringt, an dem sie verbrannt werden – eine Charon-Figur, eine Referenz an jenen unbestechlichen Fährmann der griechischen Mythologie, der die Seelen der Verstorbenen über den Styx bzw. Acheron in die Unterwelt, den Hades, befördert. Literarisch also kein neues Motiv – Thomas Mann lässt in »Der Tod in Venedig« eine ähnliche Figur auftreten.

Ist das also ein Werk, vor dessen Souveränität, mit der sich der Autor durch die europäische Literatur- und Motivgeschichte bewegt, Leser:innen staunend stehen sollen? Ich reagiere auf solche Texte, die eher den Bildungshorizont eines Autors oder einer Autorin und weniger den der Leser:innen meinen, normalerweise sehr sensibel und hatte bei Ehrlich eben nie den Eindruck, dass es sich um pure Selbstdarstellung handeln würde. Inhalt und Form finden in diesem Roman zueinander. Ist die Welt der Malediven, so wie wir sie heute kennen, nicht eine Welt romantisierender Sehnsucht? Zugleich aber wissen wir, dass diese Welt als Folge der Klimakatastrophe untergehen wird. Und genau diese Dialektik aus Ferienparadies- und Untergangsversprechen greift Roman Ehrlich auf.

»Das Versprechen, denkt er, die sie gekauft und gebucht haben, sei ja nicht zuletzt, dass sie ihre Zeit unter Palmen, an den paradiesischen Stränden, schnorchelnd in den türkisblauen Lagunen würden verbringen können, ohne dabei auf die paradiesische Unberührtheit dieser Vorstellungen einzuwirken, sich also nicht als Agenten des Wandels und Umbaus, der Verschmutzung und Ausbeutung, die sie tatsächlich waren, auch fühlen zu müssen.« (S. 246)

Jede Reise im Kontext des Massentourismus trägt zur Zerstörung dieses Paradieses bei. Und Malé in Roman Ehrlichs Roman ist ein zutiefst zerstörter Ort, voller Menschen, die Erlösung suchen und nur Untergang finden. Im Kontext meiner Sommerlektüren zur Klimakatastrophe und deren Auftauchen in der zeitgenössischen Literatur finde ich hier bei Roman Ehrlich einen intellektuell anspruchsvollen – da beziehungsreichen – Ansatz.

Es war nicht leicht, den Roman zu lesen, mich hat er aber zu keinem Zeitpunkt vom Lesen abgebracht. Die Klimakatastrophe changiert hier zwischen vermarkteten Phantasien, der Unmöglichkeit eines Entwicklungsromans und der schonungslosen Darstellung von Folgen der Klimakatastrophe am Beispiel einer Insel – einem literarischen Motiv, das in diesem Genre erwartbar häufiger auftreten dürfte.

(Roman Ehrlich: »Malé«. Roman. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2020. 288 Seiten, € 22,00.)