Vom Untergang der Welt oder: Ilija Trojanows Roman »EisTau«

Der Ich-Erzähler in Ilija Trojanows 2011 erschienenem Roman EisTau ist der Gletscherforscher Zeno Hintermeier. Der Verlust der Liebe seines Lebens, die ein Alpengletscher war, der den Folgen des menschengemachten Klimawandels zum Opfer gefallen ist, nimmt ihm den Sinn seines Lebens.

Er verlässt mit Anfang 60 die Universität und wird Lektor auf einem Kreuzfahrtschiff, mit dem die Fahrgäste die Antarktis erkunden können. Für die circa 300 Passagiere der erzählten Reise muss Zeno aber auch die Rolle des Exkursionsleiters übernehmen, nachdem dieser krankheitsbedingt nicht an Bord ist. Zeno und die ganze Führungselite des Schiffes stammen aus Westeuropa; die in der Regel reichen Passagiere stammen aus achtundvierzig Nationen, wie Trojanow es in einem Interview selbst erzählte; die Techniker stammen aus aufstrebenden Ländern wie Indien oder Brasilien; die Mannschaft besteht aus Menschen von den Philippinen. Auf dem Schiff findet sich also irgendwie die ganze Welt, wenn es vielleicht auch ein wenig übertrieben ist, wenn Trojanow in dem schon genannten Interview behauptet, dass das ja quasi die ganze Menschheit sei.

Man ist auf einer Reise durch die Antarktis und Zeno wirkt wie ein leidenschaftlicher, sich aber auch immer stärker radikalisierender einsamer Mann. In gewisser Weise belebt den um seinen Gletscher trauernden Zeno diese Welt der Antarktis, aber es ist letztlich eine destruktive Form von Wiederbelebung, deren Folgen am Ende in einer Unbestimmtheit verklingen, die mir auch nach längerem Nachdenken nicht nachvollziehbar ist. – Es ist, als verklinge der Roman in den Nebeln der Antarktis, ohne dass der Ich-Erzähler noch länger überzeugen könnte.

Wie in den von mir zuvor gelesenen Romanen, die Folgen der Erderwärmung thematisieren, gibt es auch hier den abschlossenen Ort (hortus conclusus), dieses Mal in Form des Kreuzfahrtschiffes. – Später spielt dann noch eine Insel eine Rolle, welche aber in der vernetzten Welt weit weniger abgeschlossen ist, als man meinen könnte.

Aber was ist nun das Thema des Romans? Ein wenig bleibt das offen. Trojanow scheint sich vor allem für den Charakter von Zeno Hintermeier zu interessieren. Von diesem erfährt man als Leser dann auch tatsächlich das eine oder andere aus den vergangenen Jahren, ohne dass es in diesen Selbstgesprächen biographisch sonderlich in die Tiefe ginge. Und abgesehen von einem Wutausbruch gegenüber einem chilenischen Soldaten, der rauchend mitten durch eine Pinguinkolonie läuft, ist von Zenos Leidenschaft nur noch in der Erinnerung an den Anblick des verschwundenen Gletschers zu erkennen, der ihn in eine Art Schockstarre versetzt hatte.

Der Text des Romans tröpfelt vor sich hin wie ein langsam vor sich hin schmelzender Eisberg – und ist dann auf Seite 169 zu Ende – keine Seite zu spät, denn ohne das jeweils absehbare Ende hätte ich irgendwann wohl kaum noch weitergelesen. Es war ein seltsames Leseerlebnis. Immer dann, wenn ich ein paar Seiten gelesen hatte, fielen mir die Augen zu. Vermutlich war ich so kurz nach dem Beginn der Sommerferien einfach noch zu müde für so einen Text, der ja durchaus seine poetischen Stärken hat. Dass es dem Text aber nicht gelungen ist, mich wachzurütteln, was Trojanows Ich-Erzähler angesichts der unübersehbaren Folgen der aufziehenden Klimakatastrophe ja eigentlich will, fasst den Roman für mich dann schließlich sehr treffend zusammen.

(Ilija Trojanow, EisTau. Roman. Frankfurt am Main (Fischer) 2019, 172 Seiten, € 11,00. [zuerst 2011 bei Hanser in München].)