Vom Untergang der Welt oder: Jessie Greengrass’ Roman »Und dann verschwand die Zeit«

Im Januar 1362, den Überlieferungen nach vom 15. bis zum 17. Januar, kam es an der Nordseeküste, unter anderem vor Schleswig, Friesland und Dänemark, zu einer verheerenden Sturmflut. Dabei könnten 25.000 Menschen ums Leben gekommen sein. Im Plattdeutschen spricht man bis heute von der »Grote Mandränke«, was übersetzt sinngemäß »Großes Ertrinken« heißt. Siedlungsgebiete, die man erst im 12. Jahrhundert urbar gemacht hatte, darunter das sagenhafte Rungholt, wurden dauerhaft überschwemmt; die heutige Küstenlinie formte sich.

Heute weiß man wohl, dass die Entwässerung des Moores und der Torfabbau – also die rücksichtslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen – dazu führten, dass sich das Bodenniveau senkte, sodass das Wasser der Sturmflut nach dem Deichbruch nicht mehr ablaufen konnte.

Eine solche Geschichte mag die 1982 geborene englische Autorin Jessie Greengrass vor Augen gehabt haben, als sie Und dann verschwand die Zeit schrieb. Doch sie erzählt nicht vom Ende einer Küstenregion, sondern vom Ende der menschlichen Zivilisation, wie wir sie heute kennen.

Auf Englisch heißt der Roman »High House«. Es handelt sich um ein Haus auf einem Hügel, vom Dorf aus nicht zu sehen, das Francesca, eine Umweltforscherin, die weltweit vor den Folgen der Klimakatastrophe warnt, für ihren Sohn Pauly und dessen Halbschwester Caro in weiser Voraussicht und ohne deren Wissen so hergerichtet hatte, dass dort ein Überleben angesichts von Wetterextremen und dem ansteigenden Meeresspiegel wahrscheinlich sein könnte. Als Francesca Caro dann auffordert, mit Pauly zusammen aus London wegzugehen und im »High House«, das Caro nur aus ihren frühen Kindertagen kannte, Zuflucht zu suchen, treffen die beiden dort auf Grandy und dessen Enkelin Sally. Francesca hatte beide mit der Betreuung des Hauses beauftragt.

Der Roman wird aus den Perspektiven Sallys, Caros und – mit zunehmendem Lebensalter – auch Paulys erzählt. Doch wenn ich das Buch nun an irgendeiner Stelle aufschlage, an der nicht eindeutig erkennbar ist, welche Figur gerade erzählt, dann wird schnell deutlich, dass die Autorin den Figuren zwar unterschiedliche Perspektiven und auch Charaktere gegeben hat, aber – ich traue da der deutschen Übersetzung von Andrea O’Brien – keine eigenen Stimmen.

So erschreckend das Geschehen ist, das erzählt wird, so sehr zeigt die Sprache der Figuren, dass diese auf ihrer »Arche Noah« eigentlich bis zum Schluss nicht in der Lage sind, die existenzielle Dimension der Ereignisse zu erfassen. Und dennoch: Dieses Nichterfassen würde mich mehr überzeugen, wenn der Roman sich nicht nur – wie heute weit verbreitet – an einem Plot ausrichten würde, sondern der Sprache gegenüber etwas misstrauischer wäre und zumindest jede Figur mit einer zu ihr gehörenden eigenen Sprache ausstatten würde. Die klar angedeuteten, auch genau benannten Krisen der Figuren sind in dem jeweiligen Referat der abwechselnd zu Wort kommenden Figuren zu bestimmten Ereignissen höchstens in Andeutungen nachvollziehbar.

Oder ist das alles ein Spiegel unserer Zeit? Wir wissen, was an klimabedingten Katastrophen auf uns zukommt, und dennoch sprechen irgendwie alle ähnlich, in distanzierender und zu Euphemismen neigender Sprache darüber. So ist die existenzielle Unberührtheit der Sprache in der existenziellen Bedrohungslage vielleicht doch ein Qualitätsmerkmal dieses Romans?

Ob die Menschen, als der Sturm am 15. Januar 1362 aufkam, direkt von ihren alltäglichen Handlungen abließen, als vielleicht manche die Gefahr erkannten, vor ihr warnten, sich und andere durch Flucht retten konnten, ist meines Wissens nicht überliefert – dass es heute warnende Stimmen gibt, das hingegen weiß ich. Jessie Greengrass ist eine davon.

(Jessie Greengrass: »Und dann verschwand die Zeit«. Roman. Aus dem Englischen von Andrea O’Brien. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2023. 286 Seiten, € 22,00)